Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • Hab ich schon mal probiert mit Ausschnitten aus den ersten Geschichten, aber so weit sind die freien KIs wohl noch nicht. Die betonen noch sehr falsch und hölzern :thumbsdown

  • Und einlesen als Hörbuch mit professionellen Sprechern liegt bei der Textlänge im knapp 5stelligen Bereich :scared

  • Mnjaa, aber dafür sind die Inhalte zu speziell. Bleibt erstmal ein reines Spaßprojekt. Für mich und für die, die mitlesen.

  • So, bin aktuell KzH, also kann es jetzt weiter gehen. Der folgende Abschnitt ist schon bekannt aus dem GuMo, aber er ist der nächste in der Reihe:


    Kapitel 12: Gewagt und verloren


    Der Asphalt glänzte feucht im Nieselregen, die Straße war rutschig. Elenn saß hinter dem Steuer von Hook, aus den Boxen dröhnte mal wieder Babymetal – „Karate“, laut und ungestüm, die Scheibenwischer versuchten hektisch quietschend, dem Takt zu folgen.


    Sie sprach zwar kein Wort Japanisch, doch nach endlosen Wiederholungen konnte sie den Refrain mitgrölen – bruchstückhaft, aber voller Energie: „Seiya! Seiya! Se-se-seiya!“ rief sie lachend, trommelte aufs Lenkrad, als ob sie den Regen herausforderte. Hook brummte schwer über den Asphalt. Für einen Moment waren es nur sie, der Wagen und der Song – ein kleiner Rausch aus Regen, Maschine und Musik.

    Dann – eine Kurve, ein Mü zuviel auf dem Gas, die Hinterreifen verloren für eine Sekunde den Bodenkontakt, das Heck wurde unruhig. „Whoa, easy Boy“, beruhigte sie sich und das Auto und lenkte den Chevy gefühlvoll wieder in die Spur.



    Nur das Blinken verriet den Unfall. Elenn kam mit ihrem Abschleppwagen angerollt, kniff ein Auge zu. Instinktiv schaltete sie ihre Warnleuchte ein und hielt an der Stelle. Ein schwarzer BMW lag schräg im Graben, zwischen zwei Bäumen verkeilt, die Front zur Straße – drinnen schlug ein junges Mädchen gegen die Windschutzscheibe, sie war im Wagen gefangen – Seda!

    Elenn griff das Warndreieck, sicherte kurz die Stelle ab, dann bewegte sie sich über den glitschigen, leicht abschüssigen Randstreifen, die drei Meter bis zum Wagen im Blick. Durch die Seitenscheibe sah Seda sie an. Panik lag in ihren Augen, verzweifelt rüttelte sie an der Tür. „Ich komm hier nicht raus!“ rief sie. „Hilf mir – bitte!“

    Elenn zog am Türgriff – keine Chance. „Kannst du ein Fenster aufmachen?“ rief sie in den Wagen. Seda drückte hektisch alle möglichen Schalter, drehte am Zündschlüssel – nichts. Sie schüttelte heftig den Kopf.

    „Bleib ruhig!“, wies Elenn sie an, „ich zieh dich raus“. Sie machte eine beruhigende Handbewegung, dann stieg sie wieder rauf zur Straße.

    „Na los, Hook, jetzt zeigen wir mal, was du kannst.“ Sie rangierte den Pickup in die richtige Position, entsperrte die Winde, zog das Stahlseil bis zum havarierten Auto und suchte eine Möglichkeit, den Haken zu befestigen.

    „Wo ist die Schleppöse?“, rief sie in den Wagen.

    Seda sah sie an, zuckte mit den Schultern.

    „Na, wahrscheinlich im Kofferraum, beim Bordwerkzeug. Kannst du den Kofferraum… Ach scheiße, wenn die Fenster nicht aufgehen, geht auch der Kofferraum nicht. Scheiß Elektronikbaukästen. Na dann eben improvisieren.“

    Sie kniete sich vor dem Wagen ins nasse Gras und suchte nach einer geeigneten Stelle an der Vorderachse. „Na, du hast dich aber saublöd hier hingelegt“, schimpfte sie mit der verunfallten Limousine. Sie zog das Seil noch ein Stück weiter, schlang es um eine stabile Strebe und stand wieder auf.

    „Ich habs um den Achsträger gewickelt, weiß nicht, ob das hält“, rief sie in den Wagen. „Entweder die ganze Aufhängung reißt ab, oder... Na, mal schauen. Versuch macht kluch.“

    Dann kletterte sie wieder rauf, drückte den Hebel, bis das Seil straff gespannt war.

    „So, jetzt kommt’s drauf an!“ Die Seilwinde jaulte, Metall ächzte, der Unfallwagen wurde Stück für Stück angehoben. Kritisch beobachtete Elenn das alte Stahlseil, die kontinuierliche Bewegung des BMW – und die panische Seda im Wagen. Dann war das Auto aus der Falle zwischen den Bäumen befreit. Elenn stemmte sich gegen die verklemmte Tür. Ein Ruck, dann war sie auf – und die Luft schien für einen Moment stillzustehen.

    „Komm raus, Kleines, alles gut.“ Seda stolperte ins Freie, die Knie zitterten. Sie klammerte sich an Elenns Arm. „Ich… ich dachte, ich komm hier nie raus.“

    Elenn grinste schief, wischte sich die Hände an der Hose. „Ach, Quatsch. Dafür sind Hook und ich doch da. Atme durch, du stehst wieder auf der Straße.“

    „Danke… wirklich. Ich hatte solche Angst.“

    „Schon gut. Du bist draußen, das zählt.“

    Elenn zog ihre Jacke aus und legte sie Seda über. Zusammen gingen sie zum Chevy, quietschend öffnete sich die rechte Tür. „Setz dich.“

    Seda atmete schnell, noch immer war ihr die Panik ins Gesicht geschrieben, als sie von dort einen Blick auf den beschädigten Wagen warf. „Baba bringt mich um.“ presste sie hervor.

    „Sein Auto, oder?“ hakte Elenn kurz nach. Seda nickte.



    Der Nieselregen legte sich wie ein dünner Schleier über die Straße, das Warnlicht von Hook spiegelte sich im feuchten Asphalt. Der BMW stand schräg am Rand, rundum verbeult, drei der vier Warnblinker blinkten unbeirrt. Seda saß zitternd im Abschleppwagen, Elenns Jacke eng um die Schultern gezogen, die Hände krampfhaft im Stoff vergraben.

    „Baba bringt mich um…“ hauchte sie immer wieder, mehr Schuld als Schock in der Stimme. Sie war siebzehn, durfte noch gar nicht allein fahren – und nun war es ausgerechnet das Auto ihres Vaters, das da kaputt im Regen stand. Jede Sekunde, in der das Warnlicht blinkte, schien die drohende Wahrheit lauter zu machen: bald würde jemand anhalten, bald würde die Polizei kommen.

    Elenn spürte die Panik, die Last, die unausweichliche Konsequenz. Sie blieb neben ihr stehen, die Stirn gerunzelt, die Hände noch voller Schmier und Rost vom Stahlseil. Sie wollte etwas sagen, wollte eine Lösung finden, doch die Worte blieben aus. Zum ersten Mal wirkte sie nicht wie diejenige, die alles im Griff hat. „Du bist draußen, du bist unverletzt“, brachte sie schließlich hervor, leise, fast trotzig. „Das zählt. Den Wagen kann man reparieren – vermutlich.“

    Das Warnlicht blinkte weiter, der Regen tropfte unaufhörlich, und beide wussten: Die eigentliche Krise hatte gerade erst begonnen.



    Noch während die Mädchen sprachen, schnitten die Blaulichter durch den grauen Niesel, ihr Flackern zerriss die feuchte Luft. Der Streifenwagen hielt, zwei Polizisten stiegen aus, die Gesichter streng, die Uniformen feucht vom Regen.

    „Was ist hier los? Was machen Sie hier?“ fragte der eine, die Stimme scharf. Elenn grinste breit, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn: „Na, was sieht’s denn aus? Ich rette Leute. Und ihr kommt jetzt zum Aufräumen?“

    „Sie haben keine Genehmigung, hier tätig zu werden. Außerdem haben Sie den Unfallort verändert. Das gibt eine Anzeige.“

    Elenn lachte spöttisch, das Wasser tropfte von ihrem Haar: „Anzeige? Super. Schreibt euch die Finger wund. Ohne mich säße die Kleine da drin immer noch fest.“

    Der zweite Beamte trat vor, die Stimme schneidend: „Das ist kein Spaß. Sie haben Vorschriften verletzt.“

    Da hob Elenn die Stimme, scharf wie ein Peitschenhieb: „Vorschriften? Ihr redet hier von Formularen, aber habt euch mal erkundigt, ob jemand verletzt ist? Kein Wort, ob ein Krankenwagen gebraucht wird! Die Einzige, die gefragt hat, ob sie lebt, war ich.“

    Sie deutete auf Seda. Die war ausgestiegen in Erwartung der Konsequenzen für ihr leichtsinniges Handeln. Leichenblass stand sie neben Elenn, die Jacke um die Schultern, das tiefschwarze Haar offen und feucht. „Die Kleine war eingeklemmt, panisch. Ich hab‘ sie rausgeholt. Ihr habt nicht mal gefragt, ob sie atmen kann.“

    Die Polizisten wechselten einen Blick, der jüngere blätterte im Notizblock, das Papier wellte sich. Er hob kurz den Blick zu Seda, sah dann wieder auf den Block. „Wir verstehen, aber das Vorgehen war nicht korrekt.“

    Elenn schnitt ihm das Wort ab: „Nicht korrekt? Ihr wollt korrekt? Dann schreibt euch ’nen Roman. Ich hab‘ lieber ’n Menschen rausgeholt, statt ’n Formular ausgefüllt.“

    Seda klammerte sich fester an Elenns Arm, ihre Stimme bebte: „Sie dürfen ihr nichts tun. Sie hat mich gerettet.“

    Die Polizisten notierten weiter, während Elenn demonstrativ die Hände hinter den Kopf legte, als stünde sie auf einer Bühne im Regen. „Na los, ihr Blinkebärchen. Und wenn ihr fertig seid mit Schreiben, könnt ihr ja anfangen mit Helfen und mir zeigen, wie man mit ’nem Formular ’ne Tür aufbiegt. Viel Spaß dabei.“

    Der Jüngere blinzelte irritiert: „Blinke… was?“

    „Blinkebärchen“, wiederholte Elenn, fast beiläufig, als sei es das Normalste der Welt. „Ihr kommt hier angeblinkt mit Licht und Zettel, ich mit Haken und Seil. Jeder hat so sein Ding.“ Der Ältere räusperte sich, die Stirn noch tiefer gefurcht: „Das ist kein angemessener Ton.“ Elenn zuckte die Schultern, halb ernst, halb spöttisch: „Mag sein. Aber angemessen wär’s auch nicht gewesen, sie im Wagen sitzen zu lassen.“

    Seda klammerte sich fester an ihren Arm, flüsterte: „Bitte… hör auf.“

  • Der nächste Morgen im Klassenraum. Laurie ließ den Blick durch die Reihen schweifen – Sedas Stuhl war leer geblieben. Ein flüchtiges Unbehagen stieg in ihr auf. Bei der Anwesenheitskontrolle fiel der Name. Stille. „Weiß jemand, wo Frau Demirki ist?“ fragte der Lehrer, den Blick noch auf seine Liste gesenkt.


    „Wenn sie Seda meinen, die hatte gestern einen Autounfall“, antwortete Laurie. “Aber sie heißt Demirci.“


    Der Lehrer hob den Kopf. „De... mirki, hab‘ ich doch gesagt. Hoffentlich ist ihr nichts passiert?“


    Laurie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich bin zufällig an der Unfallstelle vorbeigekommen und hab sie aus dem Auto geholt. Sie war ein bisschen wackelig, aber verletzt wohl nicht…“


    Da warf sich Eric Rollmann – seines Zeichens promovierter Klassenclown – nach vorn, halb über seinen Tisch gelehnt, das Grinsen breit wie immer: „Und, hast du sie gleich ‚abgeschleppt‘?“, rief er und lachte selbst am lautesten über seine Bemerkung.


    „Rolle, mach den Frisenhalter zu!“, konterte Laurie scharf.


    „Herr Rollmann, richten Sie sich wieder hin. Wir sind hier nicht im Kabarett!“, ergänzte der Lehrer und wandte sich wieder Laurie zu. „Sehen Sie sie denn? Können Sie mal feststellen, wie es ihr geht?“


    „Ich kann nach der Schule mal bei ihr vorbeifahren.“



    Gegen halb zwei ging Laurie zum Parkplatz. Hook stand dort geduldig zwischen seinen modernen Artgenossen, als hätte er die ganze Zeit auf sie gewartet.

    Schon von Weitem erkannte sie Seda – zusammengesunken auf der hinteren Stoßstange sitzend, vor sich ein Rucksack und eine vollgestopfte Sporttasche. Ihr Kopf drehte sich langsam, die Augen gerötet, Spuren von Tränen noch frisch. Vor ihr lagen zerknüllte Taschentücher wie kleine weiße Zeugen ihrer Verzweiflung.

    Laurie zwang ein Lächeln. „Hee, da bist du ja. Wir haben dich schon vermisst.“

    Seda blinzelte, die Stimme blieb aus.

    Laurie trat näher, spürte die Schwere in der Luft. „Gab’s Stress zuhause?“ fragte sie leise – obwohl sie die Antwort längst ahnte. Sie schaute auf die Taschen. „Du bist jetzt aber nicht rausgeflogen, oder? Fuck… Erzähl mal, was ist passiert? Haben die Bullen dich mitgenommen? Und was haben deine Eltern gesagt?


    Seda schluckte. Zögernd berichtete sie dann, welche Folgen ihr unüberlegtes Verhalten nach sich gezogen hatte.

    „Bei der Polizei war gar nicht so schlimm. Sie meinten, wenn ich Reue zeige und so, könnte ich möglicherweise sogar meinen Führerschein behalten. Nachschulung, Verlängerung der Probezeit und so. Sozialstunden wahrscheinlich…“

    „Na ja, ist Scheiße, aber zu verkraften. Oder? Und Baba? Wie ich sehe, lebst du noch…“ Laurie grinste schief, als sie sah, dass ihr kleiner Versuch, Seda etwa aufzumuntern, gescheitert zu sein schien.


    Seda schüttelte nur den Kopf. Baba hat nicht geschrien. Nicht geschimpft. Nur geweint. Und das war schlimmer – tausendmal schlimmer.“ Weißt du was das für ein Gefühl ist… wenn du deine Eltern so enttäuscht hast, dass sie weinen? Wegen dir.

    Und dann hat er meine Tasche genommen, sie mir vor die Füße geworfen, und hat nur ein einziges Wort gesagt: „Geh!“

    Laurie hörte zu, und jedes Wort von Seda legte sich schwer auf ihre Brust. Erst klang es fast nüchtern – Polizei, Führerschein, Sozialstunden. Doch als Seda von Baba sprach, der nur weinte und „Geh“ sagte, zog es Laurie selbst den Boden weg.

    Sie merkte, wie ihr eigener Versuch, mit einem Grinsen die Schwere zu brechen, ins Leere lief. In diesem Moment blieb nur Nähe. Sie nahm Sedas Hand, legte den Arm fest um sie und dachte: „Wenn ihr Baba sie verstößt, muss ich sie halten.“

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    Kapitel 13: Väter (1)


    „Machst du mal auf? Ich kann grad nicht…“ rief Laura aus dem Bad.


    Lisa sah aus dem Küchenfenster und zog ihre Strickjacke über. Unten auf dem Hof stand ein silberner Mercedes älteren Baujahrs. Der Motor lief, der Fahrer saß reglos am Steuer, die Hände auf dem Lenkrad, den Blick unbewegt. Die Beifahrertür stand ein Stück offen.


    Am Abend hatte Seda ihrer Mutter eine kurze Nachricht geschickt – nur ein Satz, damit sie beruhigt war: „Bin bei Laurie, alles gut.“ Mehr nicht.


    Lisa runzelte die Stirn. Natürlich, dachte sie, das konnte kein Zufall sein. Wer da jetzt auftauchte, kam nicht wegen ihr oder Laura, sondern wegen Seda. Sie spürte, wie sich ein leiser Druck in ihrer Brust ausbreitete – die Ahnung, dass die Ereignisse von gestern nun ihre Fortsetzung fanden. Sie ging zur Wohnungstür und öffnete.


    „Guten Tag Frau…“ Der Mann vor ihr sah kurz zur Wand neben der Tür – kein Namensschild. „Mein Name ist Demirci. Ich möchte zu meiner Tochter.“

    Seine Stimme war ruhig, korrekt, mit einem kaum hörbaren türkischen Einschlag. Mehmet Demirci war kein großer Mann, doch er stand dort mit einer Haltung, die Größe ersetzte. Die beige Jacke hing schwer über seinen Schultern, die dunkelbraune Hose wirkte streng, fast uniformhaft. Unter dem schmalen Oberlippenbart lag ein Mund, der sich kaum bewegte, wenn er sprach. Das Haar war dünn, aber sorgfältig zurückgestrichen, als wollte er jede Unordnung vermeiden.


    Sein Blick traf Lisa direkt – dunkel, fest, eine Mischung aus Güte und Unnachgiebigkeit. Es war der Blick eines Mannes, der nicht schreien musste, um Autorität auszustrahlen. Ein Vater, der gekommen war, um etwas zurückzufordern, das ihm gehörte.


    Drinnen rauschte die Toilettenspülung, kurz darauf trat Laura aus dem Badezimmer. Sie stellte sich hinter Lisa, legte die Hände auf deren Schultern. Mehmet zögerte einen Wimpernschlag lang, als wäre er nicht sicher, ob er hier richtig ist, straffte dann die Schultern und hielt den Blick.


    „Sie sind Sedas Vater?“, fragte Laura ruhig, fast freundlich.


    „Wo ist sie? Sie soll nach Hause kommen.“


    „Sie ist nicht hier“, antwortete Laura.


    Mehmet zog die Brauen zusammen, der Blick wurde schärfer. Er sah an Laura vorbei in die Wohnung, als könnte er Seda dort irgendwo entdecken – und als würde er nicht akzeptieren, dass ihm die Tür verschlossen zu bleiben schien.

    „Sie versteckt sich? Ich weiß, dass sie hier ist.“


    „Bitte, Herr Demirci. Kommen sie rein und überzeugen sie sich selbst“, forderte Laura ihn auf und machte eine einladende Armbewegung.


    „Wo ist sie?“


    In dem Moment klickte es drüben und die Tür zu Lauries Wohnung öffnete sich – nur einen Spalt. Eine zögerliche, weinerliche Stimme ertönte. „Baba, ich bin hier…“


    Er drehte sich um, streckte die rechte Hand aus. „Seda. Komm.“


    Seda schüttelte den Kopf, Tränen liefen ihr über die Wangen. „Nein, Baba. Du hast gesagt: Geh. Und ich bin gegangen.“

    Mehmet sprach ruhig, aber schneidend. „Du bist meine Tochter. Dein Platz ist zu Hause. Wir reden dort – nicht hier, nicht vor Fremden.“

    „Laurie ist nicht fremd. Sie ist meine Freundin.“


    „Freundin?“ Das Wort kam knapp, fast wie eine Prüfung. „Das ist nicht das, was du brauchst.“


    Seda trat zurück. Laurie schob sich an ihr vorbei und stellte sich vor die Tür. Ihre Worte kamen klar, ohne Zögern: „Ja. Freundin. Und darum bleibt sie hier.“


    Mehmet wurde härter, die Sätze knapp und drängend. „Seda ist siebzehn. Sie kann nicht tun, was sie will. Sie bleibt nicht hier, das ist kein Ort für sie! Sie kommt nach Hause. Sie hat Fehler gemacht – und dafür muss sie Verantwortung übernehmen.“


    Laurie hob den Kopf, trat einen Schritt vor, ihr Ton scharf und herausfordernd. „Verantwortung? Sie haben zu ihr gesagt: Geh! Und sie ist gegangen. Genau das hat sie getan. Und jetzt wollen Sie so tun, als hätte sie Sie verraten?“


    Er hielt den Blick, die Stirn angespannt. „Sie hat mich missverstanden. Ich wollte nicht, dass sie verschwindet.“


    Laurie ließ nicht locker, die Arme verschränkt, der Ton fast anklagend. „Nein, Herr Demirci. Sie haben es gesagt. Und Seda hat gehorcht. Sie hat getan, was Sie wollten. Jetzt steht sie hier und weint – und Sie nennen das einen Fehler?

    Laura stand im Rücken von Mehmet, spürte, wie die Spannung zwischen den beiden sich gefährlich verdichtete. Sie hob beide Hände, bittend, fast flehend, ein stummes Signal an Laurie: Stopp. Nicht weiter. „Laurie… bitte“, flüsterte sie, kaum hörbar, aber mit Nachdruck. Ihre Finger bewegten sich unruhig, als wollte sie die Worte festhalten, bevor sie ausgesprochen wurden.


    Laurie warf einen kurzen Blick über Mehmets Schulter, sah Lauras verzweifelte Geste – und schwieg für einen Moment, die Lippen gepresst.

    Seda hatte nicht gewusst, wohin – gestern, auf dem Parkplatz an der Schule. „Du kommst zu mir!“, hatte Laurie gesagt. Obwohl Seda nur knapp zwei Jahre jünger war als sie, fühlte Laurie sich auf eine Art für sie verantwortlich. Auch, wenn sie das nicht erklären konnte, irgendeine Verbindung bestand da zwischen ihnen. Seda war mehr als eine Klassenkameradin, mehr als eine Gleichgesinnte in der Werkstatt, mehr als „Desert Heart“.

    Für Laurie war sie ein Spiegel – ein Mädchen, das zwischen Erwartungen und Freiheit zerrieben wurde, so wie sie selbst es oft empfand. Vielleicht war es genau dieser Schmerz, den Laurie in Seda erkannte: die Angst, nicht zu genügen, und zugleich der Trotz, sich nicht brechen zu lassen.


    Laurie wusste, dass sie Seda keine Familie ersetzen konnte. Aber sie konnte ihr etwas geben – einen Ort ohne Urteil. Darum stellte sie sich vor die Tür, darum widersprach sie Mehmet, auch wenn es rechtlich vielleicht nicht ganz korrekt war. Für Laurie war es ein Kampf um Würde und Vertrauen.


    Es war auch kein romantisches Verhältnis, das da entstand, sondern Verantwortung aus Nähe und Erfahrung. Laurie fühlte sich älter, stärker, und Seda klammerte sich an sie, weil sie spürte: hier bleibt jemand, wenn andere gehen. Aus Pausenhofgesprächen und Werkstattstunden war ein Band geworden – nicht durch Blut, sondern durch Entscheidung. Laurie hatte gewählt, Seda zu halten. Und Seda hatte gewählt, Laurie zu vertrauen.



    Mehmet nutzte die Pause, seine Stimme wieder ruhiger, aber brüchig. „Ich bin ihr Vater. Ich hole sie zurück.“ Er machte einen Schritt auf Seda zu, die Hand ausgestreckt, als wolle er sie am Arm fassen.


    Seda wich zurück, presste sich an Laurie. „Nein, Baba!“, rief sie, die Stimme brüchig, aber fest. Laurie stellte sich vor sie, die Arme leicht ausgebreitet. „Sie bleibt hier.“ Für einen Augenblick wirkte es, als wolle Mehmet den Abstand überwinden, doch dann hielt er inne. Seine Hand sank, die Schultern schwer, der Atem müde.


    Er sah Seda an, die Tränen liefen über ihr Gesicht. Worte lagen ihm auf den Lippen, aber er sprach sie nicht aus.


    Laura trat einen halben Schritt näher, ihre Stimme leise, eindringlich. „Herr Demirci… bitte. Erzwingen Sie es nicht. Sie sehen doch, wie sehr sie leidet.“


    Mehmet nickte kaum merklich, der Blick dunkel, müde. Dann wandte er sich ab und ging ohne ein weiteres Wort. Der Teppich schluckte jedes Geräusch, seine Schritte wirkten gedämpft, schwer, fast lautlos. Nur die Bewegung seines Körpers verriet die Last, die er trug.

    Drüben standen Laurie und Seda vor der Wohnungstür und sahen ihm nach. „Er kommt wieder“, sagte Laura leise. „Soll er“, murmelte Laurie. „Seda bleibt erst einmal hier.“

    Lisa nickte knapp, ohne ein Wort.

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  • Und noch ein Kapitel:


    Kapitel 14: Väter (2)


    „Tom, kommst du mal? Da ist jemand für dich!“, rief Paula in die Werkstatt. Tom legte genervt das Werkzeug beiseite, wischte die Hände ab und kam die drei Stufen herauf. Paula deutete mit den Augen auf den unbekannten Besucher, ging dann schweigend auf den Hof und ließ die zwei allein.

    Im Kassenraum stand ein junger Mann und streckte ihm die Hand entgegen.


    „Guten Tag. Sind Sie… bist Du Tom?“

    Tom nickte. Zögernd nahm er die Hand, musterte sein Gegenüber kritisch. Von Fremden ließ er sich ungern duzen, aber er schluckte es. „Kann ich was helfen?“

    Der andere räusperte sich, blickte kurz im Raum umher, als suche er etwas. Oder jemanden. „Die junge Frau von neulich, die Blonde… ist nicht da?“

    „Laurie? Nein. Wieso? Gibt’s ein Problem mit ihr?“

    „Nein, nein, nur so. Ich… ich hätte was mit Dir zu besprechen. Können wir uns einen Augenblick wo hinsetzen?“

    Tom deutete auf die drei Barhocker vor dem Tresen, und nahm Platz auf dem linken. „Kaffee?“

    „Mh, nein, danke.“

    „Also, worum geht’s?“


    Etwas umständlich ließ sich der junge Mann auf dem rechten Barhocker nieder, der mittlere blieb frei. „Ich… weiß nicht, wie ich anfangen soll. Kennen Sie… kennst Du…“ – er stockte, suchte nach Worten – „kannst Du Dich an Friederike erinnern? Friederike Kellermann?“


    Tom runzelte die Stirn. „Nein. Wer soll das sein?“

    „Ist schon lange her, so etwas 25 Jahre…“


    „Kenn’ ich nicht.“


    „Doch.“


    „Nein, ich kenne keine Friederike und hab nie eine gekannt. Was wird das hier? ’Rate mal mit Rosenthal’ oder was? Sag einfach, was du willst!“


    „Mh, vielleicht kanntest Du sie eher als Rike? Rike Kellermann?


    „Rike?“

    Ganz langsam begann es bei Tom zu dämmern. „Kellermann? Rike Kellermann… möglich. Und? Was ist mit ihr?“


    „Also Du kennst sie?“

    „Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Junge. Wer bist du eigentlich? Sag, was du sagen willst, und dann verschwinde. Ich hab‘ keine Zeit für solche Spielchen!“

    Der junge Mann atmete einmal tief, stand auf, hielt Tom erneut seine Hand hin und stellte sich betont förmlich vor. „Ich bin Nico, Nico Kellermann.“

    „Nico? Kellermann? Rikes... Sohn?“

    Nico nickte.


    Tom stockte der Atem. Der Name traf ihn wie ein Schlag; und während Nico unbeirrt stehen blieb, raste sein Kopf zurück in eine Zeit, in ein Kapitel seines Lebens, das er längst begraben glaubte.

    Fünfundzwanzig Jahre… ja, das konnte stimmen. Friederike Kellermann – für ihn immer nur „Rike“ – war keine große Liebe gewesen. Sie war jung, sechzehn, er Anfang zwanzig, und was sie damals verband, war vor allem das Körperliche: heimliche Treffen, schnelle Nähe, ein Rausch ohne Zukunft.

    Dann die Nachricht. Rike war schwanger. Für Tom war es, als stürze die Welt ein. Vater? Er? Unvorstellbar. In seiner Panik hatte er alles abgestritten, hatte Rikes Behauptung, dass er der Einzige sein könne, kalt zurückgewiesen. Verantwortung war für ihn damals ein Fremdwort. Stattdessen hatte er sie verstoßen, die Beziehung abgebrochen, und Rike war verschwunden. Ohne Halt bei ihren Eltern und ohne ihn hatte sie die Stadt verlassen, Und Tom hatte den Kontakt vollständig gekappt.


    Das Kind – sein Kind – hatte er nie gesehen.


    Und nun sollte es plötzlich vor ihm stehen?


    Niemand hatte je davon erfahren. Niemand – bis auf eine einzige Ausnahme: sein Kumpel Toto.

    Tom schlug mit der Hand auf den Tresen. „Unsinn! Ich war nicht da. Ich hab nichts damit zu tun! “


    Nico blieb ruhig. „Genau. Du warst nicht da. Du hast dich abgewandt. Aber ich wollte es wissen. Ich habe eine Detektei beauftragt.“

    Tom blinzelte, ungläubig. „Eine Detektei? Was soll die denn gefunden haben? Rike ist weggezogen, hat mich nie erwähnt. Nirgendwo.“

    „Das ist richtig. Sie hat Deinen Namen nie genannt. Bis heute nicht. Aber es gab kleine Hinweise, Andeutungen. Und die Detektei – die haben das verfolgt,“ entgegnete Nico. „Sie haben Spuren gefunden – alte Bilder, Einträge, Nachbarn, Hinweise. Alles führte zu Dir, nur zu Dir. Es gibt keinen anderen.“


    Tom schüttelte den Kopf, verzweifelt. „Fotos, Gerede… das beweist gar nichts. Ich war nur ein Freund.“


    „Ein Freund?“ Nicos Stimme klang jetzt scharf. „Ein Freund, der sich verpisst hat, als sie schwanger wurde. Ein Freund, der sie fallen gelassen hat. Als wäre sie nur Ballast, den man einfach abwirft.“


    Tom rang nach Worten, doch jeder Einwand zerfiel, bevor er ihn aussprechen konnte. Er starrte Nico an, die Hände verkrampften. „Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll“, murmelte er schließlich.

    Zum ersten Mal wich die Härte aus seiner Stimme. Der Zweifel kroch in sein Bewusstsein – die Möglichkeit, dass dieser Nico tatsächlich sein Sohn war.

    Nico griff in seine Jacke, zog einen Umschlag hervor und legte ihn langsam auf den Tresen. „Die Detektei hat das gefunden. Alte Fotos, damals, kurz bevor sie wegzog. Du und Rike. Zusammen.“


    Zögernd öffnete Tom den Umschlag. Mehrere verknickte Aufnahmen fielen heraus – aufgenommen auf einem Dorffest, in einer Kneipe, am See. Rike, lachend, eng an seiner Seite. Sein Arm um ihre Schulter, ihre Hand in seiner. Keine Pose, kein Zufall. Nähe, die nicht zu leugnen war.

    Tom schluckte schwer. „Das… das macht mich noch lange nicht zum Vater,“ stieß er hervor, doch seine Stimme klang brüchig.


    „Doch,“ entgegnete Nico. „Es beweist, dass ihr zusammen wart. Dass du der Einzige warst. Es gibt keinen anderen Namen, keine andere Spur. Nur dich.“


    Tom ließ die Fotos sinken, starrte auf den Tresen. Seine Finger zitterten. „Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll,“ wiederholte er.


    Nico sah ihn fest an. „Du musst es auch nicht wissen. Du musst es nur endlich anerkennen. Aber eines solltest du verstehen: Rike will nichts von dir. Sie hat es mir nie gesagt, sie hat dich nie genannt. Und sie will es auch jetzt nicht.“


    Tom hob den Kopf. „Sie… sie weiß, dass du hier bist?“


    „Ja,“ antwortete Nico knapp. „Und sie hat mir klar gemacht, dass sie keinen Kontakt zu Dir will. Sie hat ihr Leben ohne Dich geführt. Sie will, dass es so bleibt.“


    Tom wich zurück, sein Blick flackerte zwischen Trotz und Schmerz. „Also… also soll ich einfach wieder vergessen, dass du existierst?“

    Nico schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin hier. Ich wollte die Wahrheit. Aber von ihr wirst Du nichts mehr erwarten können. Sie hat Dich aus ihrem Leben gestrichen. Schon damals. Und für immer.“


    Tom schwieg. Zum ersten Mal war da keine Abwehr, kein Widerspruch – nur die Leere eines Mannes, dem klar wurde, dass die Vergangenheit ihn eingeholt hatte, und dass das Mädchen, das er einst verstoßen hatte, ihn nie wieder sehen wollte.“


    Tom hob langsam den Kopf. „Und jetzt? Was willst du von mir?“


    „Gar nichts,“ antwortete Nico knapp. „Ich wollte die Wahrheit. Mehr nicht.“


    Tom sah ihn lange an. „Also… du bist nicht hier, um etwas einzufordern?“

    „Nein. Ich habe mein Leben. Rike hat ihres. Ich wollte nur wissen, wer Du bist.“


    Tom nickte langsam, ohne Widerworte. Seine Abwehr war nicht verschwunden, aber sie wirkte brüchig. Es blieb diese Mischung aus Trotz und Unsicherheit – ob dieser junge Mann wirklich nichts von ihm wollte, außer die Wahrheit. Und ob da mehr war, als ein Vater und sein Sohn.

  • Drei Tage später klopfte es an Lauras Bürotür. Sie saß still in ihrem Sessel und drehte ihn gedankenverloren hin und her. Tom trat ein und sie sah auf. „Oh, moin. Ich hab dich gar nicht kommen gehört.“


    „Hi. Sorry, wenn ich dich erschreckt hab.“


    „Kein Problem. Warte. Bleib mal stehen... Hörst du die Stille?“ Sie lächelte flüchtig.


    „Was?“


    „Ach nichts, ich wollte einfach mal ein paar Augenblicke die Ruhe genießen. Setz dich.“


    „Bist du allein?


    Laura nickte. „Lisa ist beim Arzt.“


    „Geht es ihr wieder schlechter?“


    „Nein, nein, Routineuntersuchung. Und du? Wie gehts dir?“


    Tom verzog den Mund. „Was macht Laurie?“


    „Die ist drüben in der Werkstatt, glaub ich…“


    „Projekt Rebel Yello?“, grinste er. „Streamt sie wieder?“


    „Nein, sie schraubt mit Seda. Seit sie zu zweit arbeiten, kommen sie richtig schnell voran. Ich glaube, in ein paar Wochen ist das Auto fertig. Sagt sie jedenfalls. Du sollst schon mal deine Kontakte zum TÜV aktivieren, damit sie eine Chance hat, die Kiste durchzukriegen.“


    „Passt schon. Hast du mal einen Moment für mich?“


    „Klar. Willst du nen Kaffee? Ich glaube aber, der ist nicht mehr ganz heiß. Nimm dir‘ ne Tasse.“


    Tom nickte und bediente sich aus der gelben Kanne, die auf dem Tisch stand. Dann setzte er sich in den Besuchersessel Laura gegenüber und atmete ein paarmal tief. Er nahm die Tasse, drehte sie zwischen den Händen, ohne zu trinken. „Es gibt da… etwas. Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“ Seine Finger klopften gegen die Tasse.


    Laura sah ihn aufmerksam an. „Fang einfach irgendwo an.“


    Tom schüttelte den Kopf, starrte auf die Kanne. „Es ist nicht leicht. Es geht um… früher. Viel früher – vor unserer Zeit. Um Dinge, die ich verdrängt habe. Dinge, die ich nie wieder sehen wollte – von denen niemand weiß.“

    Laura blieb still, wartete.

    „Vor drei Tagen,“ fuhr Tom stockend fort, „stand plötzlich jemand vor mir. Ein junger Mann. Er kam in die Werkstatt, stellte sich vor… und sagte, er sei mein Sohn.“

    Laura blinzelte, aber sie ließ ihn weiterreden.

    „Er heißt Nico. Nico Kellermann. Er kam mit einem Umschlag, mit Fotos. Eine Detektei hat alles zusammengetragen. Alte Fotos, Nachbarn, die sich erinnern. Und… ja, es stimmt wohl. Ich habe damals alles abgestritten, aber er ist da. Er stand vor mir.“

    Tom atmete schwer, schluckte mehrmals. „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe ihn damals verstoßen, bevor er überhaupt geboren war. Und jetzt… jetzt steht er plötzlich da.“


    Laura sah ihn lange an. Dann legte sie die Hände ineinander, sprach leise: „Das stimmt nicht ganz.“


    Tom hob den Kopf. „Was?“


    „Dass es niemand wusste. Dass du noch ein Kind hast.“ Sie hielt seinen Blick. „Toto wusste es. Und – ich wusste es.“


    Tom starrte sie an, als hätte ihn ein Schlag getroffen. „Was? DU?“


    „Ich wusste von ihm,“ wiederholte sie ruhig. „Schon damals. Toto hat es mir erzählt. Es war einer der Gründe, warum ich gegangen bin. Weil ich nicht mit einem Mann zusammenleben konnte, der sein Kind verleugnet.“


    Tom wich zurück, die Tasse in der Hand, unfähig zu trinken. „Er hat es dir erzählt? Wann?“


    „Damals,“ sagte Laura. „Ich war schwanger mit Laurie und wollte wissen, wer du wirklich bist. Dein Verhalten, deine Geheimnistuerei, das alles hat mich irritiert. Und eines Tages habe ich ihn einfach gefragt. Wirf ihm das bitte nicht vor. Ich habe ihn gedrängt, es mir zu sagen. Er wollte nicht.“


    Tom schloss die Augen, atmete schwer. „Du hast es gewusst… all die Jahre… und es mir nie gesagt?“


    Laura nickte langsam. „Ja. Ich habe geschwiegen, weil es nicht mein Geheimnis war. Aber für mich war damit etwas klar geworden: das war der Punkt, an dem ich mich von dir lösen musste. Damit es mir nicht ebenso geht wie… wie hieß sie?“

    „Rike.“

    „Mhm. Damit es mir nicht ebenso ging wie Rike.“


    Tom ließ die Tasse sinken, die Finger weiß vor Anspannung. „Du hattest ja recht. Es wäre nicht gut gewesen. Und Laurie? Weiß sie… es auch? Weiß sie von dem anderen Kind?“


    Laura schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Und, ehrlich gesagt, ich hatte es inzwischen auch vergessen. Na ja, nicht vergessen – verdrängt trifft es wohl eher. Ausgeblendet. Weil es für mich heute keine Rolle mehr gespielt hat.“ Sie machte eine Pause und sah Tom direkt an. „Nicht für mich, aber für Laurie schon. Du willst es ihr sagen?“


    „Ich muss. Wir dürfen nicht den gleichen Fehler wieder machen.“


    „Du meinst, als wir – als ich ihr zu spät gesagt habe, dass du ihr Vater bist?“


    „Eben. Sie hat einen Bruder – Halbbruder. Und das dürfen wir ihr nicht weiter verschweigen.“


    „Du hast recht. Sie hat ein Recht darauf, das zu erfahren. Willst du es ihr gleich sagen?“


    „Darum bin ich hier. Hilfst du mir? Bitte?“


    Laura sah ihn lange an, dann nickte sie. „Gut. Wir sagen es ihr. Aber diesmal zusammen. Kein Schweigen mehr, kein Aufschieben.“


    Tom presste die Lippen aufeinander, seine Hände noch immer um die Tasse gekrampft. „Ich habe Angst, dass sie mir das nicht verzeiht. Nicht nochmal.“


    „Vielleicht nicht sofort,“ antwortete Laura nüchtern. „Aber besser eine offene Wunde als eine, die wir wieder verdecken.“


    Tom nickte langsam. „Dann machen wir es. Heute noch.“

    Laura lehnte sich zurück, schloss kurz die Augen. Dann stand sie auf: „Jetzt. Komm.“

  • Es geht weiter.


    Nach dem Cliffhanger des letzten Kapitels kommt jetzt der Knall – Laurie erfährt von ihrem Bruder.


    Kapitel 15: Brüche


    Quietschend öffnete sich das Tor der kleinen Werkstatt. Laurie hing kopfüber im Fußraum des Pacers, fluchend tastete sie nach dem Werkzeug. Tom beugte sich in den Wagen und reichte ihr eine Zange.


    „Wo ist Seda?“, fragte Laura und sah sich suchend um.


    „Oben in der Wohnung. Sie hat Kopfschmerzen…“, antwortete Laurie leicht genervt und zog an einem Kabelstrang. „Ach du Scheiße, was für ein Gewirr… Und alles steinhart, da sogar gebrochen. Ich glaub’, das muss alles neu.“


    „Laurie, kommst du mal da raus, bitte? Wir wollen dir was sagen.“


    „Moment, ich muss erst mal die Kabel hier markieren, sonst kriegt Seda das hinterher überhaupt nicht mehr zusammen. Hätte nicht gedacht, dass die alte Kiste so viele Strippen hier versteckt… Gibst du mir mal das Klebeband und den Schreiber?“


    Lauriie, komm mal bitte. Es ist wichtig…“


    „Njäch. Muss das jetzt sein? Was ist denn? Ist was mit Lisa?“





    Nico?! Sie legte langsam den Stift weg und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Sie wollte etwas sagen. Aber sie schwieg. Sie sah sich fahrig in der Werkstatt um, schaute auf den Wagen, die Wand – nur, um Laura und Tom nicht ansehen zu müssen. Dann atmete sie tief aus, trat gegen den Werkzeugkasten und ging wortlos hinaus. Sie stieg in Hook, schlug die Tür zu und fuhr los. Einfach los, ohne Ziel, nur weg. Sie brauchte jetzt erst einmal etwas Zeit. Und Abstand. Abstand und Zeit.


    Laurie fuhr ohne Ziel, den Blick starr nach vorn gerichtet, manchmal klar, manchmal verschwommen. Keine Musik, nur der Motor dröhnte, doch sie hörte kaum hin. In ihrem Kopf war es lauter als jeder Motor. Worte, die eben noch im Raum standen, schoben sich ineinander – Nico, Tom, Laura, Bruder – ein Wirrwarr, das sie nicht sortieren konnte. Sie hielt das Lenkrad fest, als könnte sie damit die Gedanken bändigen. Die Straße zog sich endlos, Felder glitten vorbei, aber sie nahm kaum wahr, welche Strecke, welche Straßen sie fuhr. Es ging nicht um die Richtung, nicht um das Wohin. Es ging darum, Abstand zu gewinnen, Luft zu bekommen, bevor das alles sie erdrückte. Jeder Kilometer war nur ein Versuch, die Unruhe in Bewegung aufzulösen.


    Dann, ein kleiner Parkplatz – Laurie riss das Lenkrad nach rechts, das Heck schleuderte herum, dann war der Motor aus. Hook stand still. Laurie saß bewegungslos auf ihrem Platz.

    Sie hatten es schon wieder getan. Ihr etwas vorenthalten. Etwas, das wichtig war. Ein Teil ihres Lebens. Einen Bruder.



    Tss. Nico. Dieser kleine Nico. Dieser unauffällige Typ, der da neulich vor ihr gestanden hatte? Unsicher. Zögerlich. Fragend. Und doch – irgendetwas hatte sie in ihm gesehen. Er war nicht einfach der störende Fremde gewesen. Aber ihr Bruder? Weird!


    Ihr Handy klingelte in der Hosentasche. Drei, vier, fünfmal. Laurie zog es hervor, sah auf das Display: „Mom“. Sie drückte den Anruf weg und legte das Telefon auf die Sitzbank. Beim zweiten Mal ließ sie es einfach klingeln.

    Sie starrte in die Frontscheibe des alten Chevy, sah, wie sich ihr Gesicht darin spiegelte. Sie sah Wut. Enttäuschung. Und irgendwo, langsam, wurde noch etwas anderes sichtbar, etwas wie – Neugier? Laurie hatte plötzlich einen Bruder. Ein winziges Zucken um die Lippen. Wer war er? Wie war er? Was wollte er?

    Dann nochmal das Handy. Ein anderer Ton. Eine Sprachnachricht von Seda, knapp, fast besorgt: „Wo bist du?



    Eine ganze Weile später: Laura und Tom saßen im Wohnzimmer und sprachen über Nico, doch das Gespräch war längst nur noch ein Versuch, die Stille zu übertönen. Keiner hörte dem anderen wirklich zu. Immer wieder wanderten ihre Blicke zur Tür, zum Flur, zum Fenster. Laurie war weg – und niemand wusste, wie sie zurückkommen würde. Oder in welchem Zustand.


    Lisa stand am Fenster, die Arme verschränkt, die Stirn leicht gegen die Scheibe gelehnt. Für einen Augenblick hielt sie die Luft an, als hätte sie ein Geräusch gehört, schluckte – doch draußen war nichts. Nur der Hof. Nur Stille. „Was macht sie jetzt?“, murmelte sie kaum hörbar.


    Tom antwortete nicht. Er trommelte mit zwei Fingern auf die Sofalehne, unruhig, fahrig.


    Laura rieb sich ein wenig fröstelnd die Hände. „Wo ist sie überhaupt?“, flüsterte sie. „Wenn sie wenigstens ans Telefon gehen würde...“


    Dann spannte sich Lisas Körper plötzlich an. „Da kommt sie“, sagte sie leise, ohne sich umzudrehen.


    Tom und Laura erstarrten – nach einem Mikroaugenblick des Aufatmens – gleich wieder, standen dann gleichzeitig auf, Laura ging zur Wohnungstür, öffnete sie – und genau in diesem Moment kam Laurie auch schon die Treppe hinauf. Schnell. Zu schnell. Sie stürmte an Laura vorbei, ohne sie anzusehen, ohne ein Wort.


    Betreten blickten die drei sich an, als Laurie der Reihe nach auf sie deutete. „Du. Du. Und du. Mitkommen. Jetzt!“



    Ohne ein weiteres Wort ging sie rüber in ihre Wohnung. Laura, Lisa und Tom folgten ihr.


    „Hinsetzen, auf die Anklagecouch!“, befahl Laurie und stellte sich den dreien gegenüber in den Raum. Sie räusperte sich zweimal, dann begann sie in ruhigem, aber scharfem Ton zu sprechen. „So, ihr habt jetzt jeder genau eine Chance, hier lebend rauszukommen. Lisa – du zuerst.“


    Laurie sah sie an. „Ich gehe mal davon aus, dass du nichts von Nico wusstest. Denn wenn du es gewusst hättest, hättest du es mir gesagt. Stimmt’s?“

    Lisa schluckte, ihre Hände verkrampften. „Ja… ich wusste es nicht. Wirklich nicht.“


    Laurie nickte knapp, aber ihre Stimme blieb scharf. „Gut. Ich will dir glauben. Aber versteh eins: Für mich zählt nicht nur, was ihr wisst, sondern auch, was ihr mir verschweigt. Und diesmal war es wieder so. Schon wieder.“

    Sie wandte sich kurz ab, dann sah sie Lisa wieder an, etwas weicher: „Du bist raus aus der Schuldfrage. Aber du bleibst hier. Du hörst zu, wenn die beiden sich erklären müssen.“

    Lisa nickte betreten. Da öffnete sich die Zimmertür. Seda trat ein, noch etwas blass, eine Hand an der Stirn. „Was ist denn hier los?“, fragte sie vorsichtig.

    Laurie drehte sich kurz zu ihr, schüttelte den Kopf. „Nicht dein Thema, Seda. Geh wieder rüber, ruh dich aus. Ich erklär’s dir später.“

    Seda sah irritiert von einem zum anderen, spürte die Spannung, sagte aber nichts mehr. Sie ging und zog die Tür leise ins Schloss.


    Laurie verschränkte die Arme und fixierte jetzt ihre Mutter. „Aber du. Du hast es gewusst. Mein Leben lang. Und du hast geschwiegen. Warum?“


    Laura atmete tief durch, ihre Hände lagen ineinander, fast wie zum Schutz. „Ja… ich wusste es. Damals. Aber für mich hat es seitdem keine Rolle mehr gespielt. Es war etwas aus Toms Vergangenheit – nicht aus meinem Leben, nicht aus deinem.“


    Laurie runzelte die Stirn, ihre Stimme scharf: „Keine Rolle? Ein Bruder – und du sagst, er spielt keine Rolle? Wie kann man einem Bruder keine Bedeutung geben?“


    Laura hob den Kopf, ihre Stimme ruhig, fast nüchtern: „Für mich war er nicht ‚dein Bruder‘. Er war ein Kind, das nicht zu unserem Leben gehörte. Ich habe ihn nie gesehen.“

    Laurie trat einen Schritt näher, presste die Lippen zusammen. „Nicht gesehen heißt nicht, dass er nicht existiert. Er stand vor mir. Lebendig. Fragend. Und du sagst, er spielt keine Rolle?“


    Laura wich ihrem Blick kurz aus, fast resigniert. „Für mich war er kein Teil unserer Welt. Ich habe mich auf dich konzentriert, auf unser Leben. Nico war… nicht da.“


    Laurie ließ die Schultern sinken, ihre Stimme blieb scharf, aber weniger laut: „Vielleicht für dich. Aber für mich spielt er jetzt eine Rolle. Und ich will wissen, wie du mit diesem Ausblenden leben konntest.“


    Laura atmete schwer, dann nickte sie langsam. „Indem ich so getan habe, als gäbe es ihn nicht. Es war einfach. Für mich. Aber ich weiß – für dich ist es anders. Ich habe dir die Wahrheit verheimlicht. Und das tut mir leid.“


    Laurie wandte sich Tom zu, ihre Stimme unbarmherzig: „Und jetzt du. Du hast es gewusst. Immer. Und du hast geschwiegen. Warum?“


    Tom senkte den Blick, seine Stimme schwer. „Weil ich mit diesem Kapitel abgeschlossen hatte. Rike. Ihr Kind – mein Kind. Ich wollte nie wieder etwas davon hören. Für mich war es vorbei.“


    Laurie schnaufte kurz, trat einen Schritt näher. „Vorbei für dich. Aber nicht für mich. Du hast entschieden, dass es nicht existiert – und mir damit den Bruder weggenommen.“


    Tom nickte langsam, fast zerknickt. „Ja. Ich habe es verdrängt. Ich wollte es nicht in meinem Leben haben. Aber ich weiß, dass ich dir damit etwas genommen habe. Ich habe es weggeschoben, aus meinem Leben gestrichen – und damit auch aus deinem. Ich habe gehofft, dass es nie wieder auftaucht.“


    Laurie starrte ihn lange an, stemmte die Hände in die Hüften, ihre Stimme blieb hart. „Ja, du hast mir einen Teil meiner Geschichte genommen. Das ist schwer zu verzeihen.“


    Tom hob langsam den Kopf, seine Augen glänzten. „Ich weiß. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Aber ich konnte nicht anders. Ich wollte es nicht mehr sehen, nicht mehr hören.“


    Laurie ließ die Arme sinken, atmete tief durch. „Aber es ist aufgetaucht – er ist aufgetaucht. Er stand vor mir. Er wollte wissen, wer du bist, der ihn verleugnet hat, sein Leben lang.

    Und jetzt will ich wissen, wer er ist. Mehr als deine Schuld interessiert mich das. Hast du seine Nummer? Wo ist er jetzt?“


    „Du willst Kontakt zu ihm?“


    „Ja. Nein. Doch.“ Sie fuhr sich durchs Haar. „Ich weiß noch nicht, ich muss darüber nachdenken. Hat er irgendwas dagelassen? Eine Nummer? Eine Karte?“ Tom gab Laurie Nicos Karte, dann war das Tribunal beendet.

    „Raus hier, alle drei. Ich muss jetzt nachdenken...“



    „Was war das denn?“, fragte Seda vorsichtig, als sie mit einem Glas Wasser zögerlich ins Zimmer kam.


    „Ich hab dir ja gesagt, diese Familie ist kompliziert.“ Laurie las die Visitenkarte in ihrer Hand. Sie drehte sie um, zeigte sie Seda, zuckte mit den Schultern und kommentierte fast beiläufig: „Mein Bruder.“


    Seda riss die Augen auf. „Dein… Bruder?“ Aber hast du nicht neulich noch gesagt, du hast keine Geschwister?“

    „So kann man sich täuschen… Oder getäuscht werden. Egal, ich muss da erstmal ’ne Nacht drüber schlafen, glaub ich.“


    „Ah ja…“

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  • Kapitel 16: Die Begegnung

    „Du schiebst den Stuhl jetzt zum dritten Mal durch die halbe Wohnung. Bist du so nervös?“ Seda stand rauchend am offenen Fenster und beobachtete ihre Freundin.


    „Ich? Nervös? Wieso sollte ich? Ich will hier nur mal neu dekorieren.“


    „Wieso? Hmm, lass mich überlegen… Stichwort: Bruder?“


    „Pff. Mir doch egal. Hab ich halt ’nen Bruder – und?“


    „Rufst du ihn an?“


    „Pöh. Soll er sich doch melden, wenn er was von mir will.“


    „Weiß er denn überhaupt, dass er eine Schwester hat? Hat dein Vater es ihm gesagt?“


    Laurie runzelte die Stirn. „Nein – ich glaube nicht.“


    „Wie soll er dich dann anrufen, wenn er nicht mal weiß, dass du seine Schwester bist und nicht einfach irgendeine Zicke aus der Werkstatt?“


    Halbschwester.


    „Halbschwester.“


    „Und wenn er ein Idiot ist? Wenn er gar nichts mit mir zu tun haben will? Von Tom will er ja auch nichts. Er wollte nur wissen, wer sein Erzeuger ist. Fertig.“

    Laurie verschränkte die Finger hinter dem Kopf, doch ihre Stimme klang weniger sicher.


    Seda zog an ihrer Zigarette, blies den Rauch langsam aus. „Aber von dir weiß er noch gar nichts. Du wirfst deinen Eltern vor, dass sie dir den Bruder verschwiegen haben. Dann sei du wenigstens ehrlich – sag ihm, dass er eine Schwester hat. Alles andere könnt ihr danach klären.“


    Laurie schwieg, setzte sich und starrte auf das Handy neben ihr. Dann griff sie nach der Visitenkarte, die Tom hingelegt hatte. Nico Kellermann, Marburg. Eine Handynummer. Darunter eine Mailadresse.

    Ihr Blick blieb am ersten Wort hängen. kellerkind.

    Ein kurzes, trockenes Auflachen entwich ihr. „Na super. Kellerkind. Treffer. Kommt aus der Versenkung und bringt alles durcheinander.“


    Sie warf die Karte zurück, etwas zu schwungvoll – die Karte rutschte vom Tisch. „Ach was, ich komm auch ohne Bruder klar. Ich brauch den gar nicht.“


    Seda zog die Brauen zusammen und hob die Karte vom Boden auf. „Darum geht’s nicht. Wenn du’s deinen Eltern vorwirfst, darfst du nicht genauso schweigen.“


    Laurie stand auf, ging ein paar Schritte durchs Zimmer, atmete tief. „Ja, schon richtig. Ich kann nicht die Fresse aufreißen, dass sie mir was verheimlicht haben, und dann selber dichtmachen. Das wär derselbe Fick. Wenn ich da sauber rauskommen will, muss ich’s ihm sagen. Sonst bin ich genauso feige wie Mom und Tom.“


    Seda nickte langsam. „Und willst du nicht auch wissen, wer er ist?“


    „Ich weiß, wer er ist.“


    „Aber du hast ihn nur einmal kurz gesehen?!“


    „Ja. Nur wusste ich da halt noch nicht, wer das ist. Ich dachte – irgendein Schnufti, der was von Tom will. Geschäftlich oder was weiß ich.“


    „Und?“


    „Was und?“


    Seda verdrehte die Augen und hob die Hand, Handfläche nach oben, diese typische Na los-Geste. „Wie sieht er aus? Wie ist er so? Du weißt genau, was ich meine.“


    „Weiß ich nicht. Normal groß, normal schlank, normal blond. Nichts Besonderes. Hab nicht hingeschaut.“


    „Klingt ja nicht besonders spannend. Aber willst du nicht wenigstens wissen, was er macht?“


    Laurie nahm wieder Nicos Karte auf, las nochmal die Mailadresse vor, irgendeine Domain mit campusart – oder so ähnlich. „Künstler, hm?“


    „Hat Marburg nicht ’ne Uni? Vielleicht studiert er?“ Seda zog ihr Handy aus der Tasche.


    Laurie rollte mit den Augen. „Das hätte mir grad noch gefehlt.“


    Sie ging in die Küche, kam mit Cola und zwei Gläsern zurück.


    Seda legte das Handy wieder weg, die Stirn leicht gerunzelt. „Komisch. Kein Kellermann, kein Künstler, kein Student. Zumindest nicht hier.“


    Laurie grinste schief. „Siehste. Unsichtbar. Ein Phantom ohne Spur.“


    Seda beugte sich vor, die Augen glänzten. „Gerade das macht’s spannend. Wer ist er wirklich? Wie sieht er aus, wenn man hinschaut?“


    Laurie drehte die Karte zwischen den Fingern, seufzte. „Spannend für dich vielleicht.“


    Seda schwieg, aber ihr Blick blieb fest. „Komm, jetzt tu nicht so megacool…“


    Laurie stöhnte leise, griff nach ihrem Handy. „Na gut. Damit du nicht platzt vor Neugier. Ich ruf ihn an.“


    Seda lächelte knapp, fast triumphierend. „Endlich.“



    Laurie starrte auf die Nummer, als müsste sie sich erst überwinden. „Aber wenn er komisch ist, leg ich sofort wieder auf.“ Sie atmete einmal tief durch, wählte – es klingelte.


    „Nico Kellermann?“


    „Nikolausi!“, rief sie ins Telefon, etwas zu laut. Man konnte sich vorstellen, wie Nico den Hörer ein Stück weghielt.


    „Hä?“


    „Was?“


    „Ach, Sie sind’s. Woher haben Sie denn meine Nummer?“


    „Dunkle Quellen.“ Das Augenrollen am anderen Ende war fast hörbar. „Bist du noch in der Stadt?“


    „Ich hab nichts geklaut“, spielte Nico auf ihre erste Begegnung an.


    „Ich weiß. Eher was dazubekommen. Aber du schuldest mir trotzdem was.“


    „Hä?“


    „Was?“


    „Was soll ich Ihnen schuldig sein?“


    „Na, zum Beispiel so um die neunzehn Geburtstagsgeschenke…“


    „…hm?“


    „Na, unter Geschwistern schenkt man sich doch was, oder nicht?“


    „Geschwister? Ich verstehe kein Wort.“


    „Geschwister, Nico. Ich erklär’s dir besser persönlich – sonst wird das hier am Telefon zu schräg.“


    Pause.


    „Äh… persönlich?“


    „Ja. Ich will dich sehen. Komm her. Heute. Keine Ausreden.“


    „Aber… ich wüsste nicht…“


    „Doch. Du weißt es. Wir treffen uns. Ich sag dir, wo. Bring nur dich mit – mehr brauch ich nicht.“


    „Okay… wenn Sie meinen.“


    „Nicht ‚Sie‘. El… mh, Laurie. Deine… Halbschwester. Wir reden.“


    Sie nannte ihm die Adresse der Fabrik und erklärte kurz den Weg. Dann drückte sie das Gespräch weg, ohne Gruß.


    Laurie sah zu Seda, zuckte mit den Schultern. „Mein Halbbruder.“


    Seda runzelte die Stirn, das Glas noch in der Hand. „Okay…“


    „Aber du bleibst dabei! Alleine trau ich mich nicht.“


    Seda grinste. „Das will ich nicht verpassen.“

  • Der alte Stuhl stand wieder auf seinem angestammten Platz, auf dem Tisch eine große Box mit Donuts. Seda regelte die Musik leiser, Laurie protestierte sofort. „Hee, doch nicht bei dem Solo…“


    „Bei dem Krach hört man ja nicht mal die Klingel. Ich dachte, ihr wolltet reden?“


    „Du wolltest das…“


    „Ich will gucken. Reden müsst ihr.“


    Laurie machte ein kurzes Hmmpf, ging zum Fenster. Nichts zu sehen. „Vielleicht kommt er gar nicht. Vielleicht hab ich ihn verschreckt. Was, wenn er gar keine Schwester haben will? Oder schlimmer – er hat schon eine…?“


    Seda zuckte mit den Schultern, stellte sich neben Laurie ans Fenster, nahm eine Zigarette, klopfte damit nur ein paarmal auf die Schachtel – ohne sie anzuzünden. Die Musik lief jetzt leiser, das Schlagzeuggewitter wie ein nervöser Puls im Hintergrund. „Da kommt ein Auto.“


    Laurie blieb stehen, die Hände am Fensterrahmen, als wollte sie sich festhalten. Augenblicke verstrichen. Sie wagte kaum zu blinzeln.


    Ein roter Kleinwagen bog auf den Hof, rollte aus und blieb neben dem Escalade stehen. Laurie verzog den Mund. „Carsharing. Typisch Student.“ Ihre Stimme klang abfällig, doch die Finger trommelten nervös gegen die Scheibe.


    Nico öffnete die Tür und stieg aus, sah sich um – zögerlich, fast unsicher. Laurie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie presste die Lippen zusammen, als könnte sie damit die Unruhe bannen. Nico sah an der Gebäudefront entlang, Laurie zuckte und trat instinktiv einen halben Schritt zurück vom offenen Fenster.


    Seda steckte die Zigarette wieder in die Schachtel, machte ein kleines, leises Geräusch – ein kurzes Seufzen –, das im kreischenden Gitarrensolo beinahe verschwand. Sie warf Laurie einen Seitenblick zu, sagte nichts.


    Laurie zog Seda vom Fenster weg, ging zur Tür. Ihre Schritte waren schneller, als sie wollte. Sie hielt kurz inne, atmete tief, legte die Hand auf die Klinke, öffnete einen Spalt, legte die Wange an die kalte Tür – sie sah nicht hinaus, noch nicht. Sie wartete. Der Flur blieb still. Lange Sekunden nur ihr Atmen und Babymetal.



    Dann klingelte es drüben. Lisa öffnete, ein Lächeln zog über ihr Gesicht. „Du musst Nico sein?“ Er sah sie an, unsicher, irritiert. „Äh…“


    „Ich bin Lisa“, sagte sie freundlich und streckte ihm die Hand entgegen. Zögernd nahm Nico sie und stotterte: „Mhm, ja. Bin ich.“


    „Na dann sag ich schon mal: Willkommen in der Familie. Aber du willst sicher zu Laurie?“ Lisa wies rüber zur anderen Wohnung, wo die inzwischen lässig im Türrahmen lehnte. „Drüben.“


    Laurie stand mit den Füßen locker überkreuz, das Gewicht auf einer Hüfte, das Shirt leicht über die Schulter gerutscht. Die Haltung wirkte wie ein bewusst inszeniertes „Mir doch egal“, doch ihre Augen verrieten die Spannung. Sie machte eine kurze Geste mit zwei Fingern – kein freundliches Winken, eher ein knappes Heranlocken. „Der Lieferanteneingang ist hier“, rief sie ihm zu.


    Nico zögerte, drehte sich beim Herübergehen noch zweimal zu Lisa um. Sie winkte ihm freundlich nach. „Wir sehen uns sicher noch.“ Dann trat er vorsichtig ein, Lauries Tür fiel ins Schloss.


    Wortlos streckte er die Hand aus. Laurie schlug ihm zur Begrüßung auf die Schulter. Mit einer Geste über die Schulter fragte Nico unsicher: „Wer war das?“


    Laurie grinste. „Bevor du dir falsche Hoffnungen machst – sie ist verheiratet. Mit meiner Mom. Komm rein.“


    „Aha. So“, stammelte Nico. „Ich wusste nicht, wo… die Tür unten stand offen. Auf dem einen Klingelschild stand nur ‚Ellen‘.“


    Seda grinste und zog Luft durch die Zähne. „Ellen.“ Nicht „Elenn“. Böser Fehler, dachte sie, sagte aber nichts, als Laurie mit Nico ins Zimmer trat.


    Knapp stellte Laurie die zwei einander vor: „Nico, das ist Seda. Seda, das ist Nikolausi. Mein halber Bruder.“


    „Nico, bitte“, korrigierte er.


    „Elenn, bitte“, konterte Laurie. „Nicht Ellen!“


    „Was ist Elenn?“


    „Du wolltest doch meinen Namen wissen?“


    „Ich dachte, du heißt Laura. Oder Laurie? Wie denn nun?“


    „Nope, Laura ist meine Mom. In meinem Perso steht Laurie-Nadine…“


    „Also Laurie?“


    „Wenn’s denn sein muss“, verdrehte sie die Augen. „Nimm dir ’nen Donut. Cola? Und sag jetzt nicht ‚light‘!“


    „Nein, schon okay.“


    Seda lächelte und blieb am offenen Fenster stehen, während sie sich die nächste Zigarette anzündete. Stumm hielt sie Nico die Schachtel hin, der lehnte dankend ab.



    „So, da bist du also, Bruder. Schon schräg, oder?“, versuchte Laurie nun, ein Gespräch in Gang zu bringen.


    Nico nickte. „Hätte ich gewusst, dass Tom noch eine Tochter hat…“


    „Hat Matula davon nichts gesagt?“


    „Wer?“


    Wieder Augenrollen. „Der P.I. Ähm, Privatdetektiv. ‚Ein Fall für zwei‘ Kennst du nicht?“


    Ach so, ja doch. Nein.“


    „Was ‚Nein’?“


    „‘Nein’ wie: Nein, das war nicht Teil des Auftrags. Sie sollten nur Tom finden. Von Familienangehörigen war nie die Rede. Und du arbeitest also bei ihm in der Werkstatt?“


    „Bei Matula?“


    „Quatsch. Bei Tom.“


    „Jepp. Ausbildung zur Kraftfahrzeugmechatronikerin mit Zusatzqualifikation Old- und Youngtimertechnik.“


    „Oh wow, das passt in kein Formular…“


    „Und du? Eher so die Carsharing-Fraktion, oder? Studierst du?“


    „Ja genau. Architektur und Kunstgeschichte.“


    „Okay, cool. Soll ich… willst du später die Fabrik sehen? Wäre vielleicht interessant für dich.“


    „Ja gerne. Ich hab schon gelesen – draußen, im Torbogen: 1895. Gründerzeit-Industriearchitektur. Klar, funktional, aber mit einem gewissen Stolz gebaut. Was war das mal? Eine Maschinenfabrik?“


    „Textil. Sollen wir dann am besten gleich los? Seda, kommst du mit?“ Sie griff in die Box, nahm zwei Donuts heraus, reichte einen Nico und grinste. „Für unterwegs. Los, kommt!“

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  • Währenddessen saß Tom auf einem Stapel Reifen und betrachtete ‚Helga‘, den alten Taunus. Neben ihm – sein Kumpel Toto.


    „Ich hab’s dir damals gesagt, irgendwann wird es dir auf die Füße fallen“, bemerkte der und nahm einen Schluck Bier.


    „Klugscheißer!“


    „Ja was? Hatte ich recht oder hatte ich recht?“


    „Jaa, jaa, du hattest recht und ich bin der Idiot – wie immer.“


    „Das sagt doch keiner.“


    „Doch. Laurie. Du hättest sie sehen und hören sollen. So kalt, so sauer hab ich sie noch nie erlebt. Ich hab echt gedacht, das war’s. Schluss! Vorbei! Sie will nie wieder was mit mir zu tun haben.“


    „Sie ist impulsiv, das solltest du doch inzwischen wissen. Von wem sie das nur hat?“, grinste Toto vorsichtig, Tom reagierte aber kaum. „Aber so schnell sie explodiert, so schnell kocht sie auch wieder runter…“


    „Nein, dieses Mal war es anders. Das hatte was Endgültiges. Als wenn was zwischen uns kaputtgegangen ist.“


    „Was hat sie denn gesagt?“


    „Sie wollte wissen, warum. Warum ich nichts gesagt habe. Warum ich ihr verschwiegen habe, dass sie einen Bruder hat.“


    „Und? Hast du es ihr gesagt? Dass du damals zu feige warst, dazu zu stehen? Und das bis heute durchgezogen hast.“


    „Ich hab’s versucht, zu erklären. Was ich damals für ein Arschloch war, Rike einfach abzuschieben und damit das Kind…“


    „Mhm, Arschloch trifft es ziemlich gut. Und wie hat Laurie reagiert?“


    „Wie ich sage. Eiskalt. Enttäuscht. So hart habe ich sie noch nie gesehen. So klar in ihrer Verachtung, dass mir richtig schlecht geworden ist, Toto. Nicht laut, nicht wütend – das wär mir lieber gewesen. Sie war so enttäuscht, dass ich’s kaum ausgehalten hab…“


    „Und, wie geht es jetzt weiter? Will sie denn Kontakt aufnehmen zu ihrem… zu Nico?“


    „Keine Ahnung. Ich sollte ihr seine Karte geben. Ich weiß nicht, was sie damit vorhat. Ach scheiße, hätte ich Laura doch nichts davon gesagt.“


    Toto runzelte die Stirn. „Alter! Das ist deine Lösung? Wieder alles verschweigen? Unter den Teppich kehren? Endlich ist alles raus, und du würdest am liebsten wieder so tun, als wenn nichts passiert wäre? Mann, steh endlich zu deinen Fehlern. Und mach das Beste draus.“


    „Und das wäre? Warum hast du es Laura eigentlich damals verraten?“


    „Warum? Damit sie wusste, mit wem sie es zu tun hat. Mit einem Kerl, der nicht offen zu seinen Fehlern steht. Und das war gut so. Und genauso ist es jetzt gut, dass Laurie endlich Bescheid weiß. Jetzt kann sie damit umgehen. Und du wirst sehen, sie wird lernen, damit umzugehen. Mann, sie liebt dich, und daran wird auch ein Nico nichts ändern können.“


    Tom starrte wieder auf den Taunus. Diesen Wagen, der sie alle ein Stück weit verband. Und der Wagen starrte zurück. Tom stand auf, strich vorsichtig über die staubige Motorhaube. „Vielleicht wäre damals einiges anders gekommen, wenn ich mit offenen Karten gespielt hätte, Laura gegenüber. Aber ich war einfach zu egoistisch. Zu unreif. Nicht bereit für eine Frau wie sie. Obwohl sie gerade erst achtzehn war damals…“


    Toto nickte stumm, nahm noch einen Schluck Bier. Sie war damals schon eine Klasse für sich. Das habe ich gleich gesehen, als du zum ersten Mal mit ihr bei mir an der Scheune aufgetaucht bist wegen dem Auto. Da hab‘ ich gedacht: ‚Mann, die ist was Besonderes…‘ Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Sie ist einfach nicht unsere Liga.“


    „Nur, dass ich das damals einfach nicht gesehen habe. Heute weiß ich es besser. Ich weiß, dass ich sie nie wirklich gehabt habe. Und deshalb weiß ich heute auch, dass ich sie nie wieder verlieren kann.“

  • Kapitel 17: Nebeneingang zur Familie



    "Hm, ich muss aufhören, mit den Führungen in den Büros anzufangen, die geben irgendwie nicht viel her“, bemerkte Laurie, als sie die schwere Verbindungstür zur Halle öffnete.


    „Wie viele Führungen hast du denn schon gemacht?“, wollte Nico wissen.


    „Mit dieser? Eine.“


    Seda entwich ein kurzes, unterdrücktes Prusten. „Mich hast du auch schon rumgeführt…“


    „Ach ja, also dann zwei. Los ihr Schnuftis, ab in die Halle!“


    „Was ist ein Schnufti?“. fragte Nico Seda hinter vorgehaltener Hand. Die zog nur die Schultern hoch. „Hab ich auch noch nicht rausgefunden.“


    „He, aufpassen, ich frage das gleich im Anschluss alles ab!“, lachte Laurie und beobachtete Nico, wie er sich jetzt staunend in der Halle umsah.


    „Wow!“, bemerkte er kurz und sichtlich beeindruckt. Er zog spontan sein Handy aus der Tasche und begann, Fotos zu machen. Von der gesamten Halle, den architektonischen Details, den großen Fenstern, den Stützpfeilern. „Steht sicher unter Denkmalschutz, oder nicht?“, fragte er neugierig.


    Laurie nickte. "Scheiß Papierkrieg, frag Mom. Wegen jeder Kleinigkeit tausend Formulare. Aber sie ist es wert.“


    „Und wie wird das Gelände heute genutzt? Ich meine, ihr wohnt ja nicht nur hier, oder?“


    „Märkte und Messen, im Wesentlichen.“


    „Ah, interessant. Kunst? Antiquitäten?


    „Trödel. Und dreimal im Jahr macht dein Erzeuger hier einen Oldtimermarkt.“


    „Cool.“


    „Autos sind nicht so dein Ding, oder?“


    Nico schüttelte den Kopf.


    „Aber du bist schon Toms Sohn?“ fragte sie, mehr ironisch. Dass jemand kein Interesse für Autos haben konnte, das kam in Lauries Welt einfach nicht vor.


    „Ja“, antwortete Nico kurz und fotografierte weiter. Dann sah er sich weiter in der Halle um und entdeckte die große Bühne am anderen Ende. „Und was ist das?“


    „Die wird heute fast nicht mehr benutzt. Bis vor ein paar Jahren haben Mom und Liz hier Konzerte veranstaltet. Schon mal was von „Muzique Erotique“ gehört?


    Nico zog die Schultern hoch und sah Seda an, die hob abwehrend die Hände.


    "Such mal im Netz, das waren echt spektakuläre Events. Warte mal…" Laurie zog ihr Handy aus der Tasche und wischte ein paarmal über das Display, dann hatte sie das gesuchte Video gefunden. Es zeigte eines der letzten Konzerte, seinerzeit von einem Besucher in recht guter Qualität ins Netz gestellt und damit der Nachwelt erhalten geblieben.


    Laurie hielt das Display vor sich und startete den Player. Nico zog die Brauen hoch und schluckte ein paarmal trocken, als ihm die Bedeutung des Bestandteil „Erotique“ im Namen der Konzertreihe klar wurde. „Oha, das ist spektakulär“, urteilte er und sah Seda an. Die grinste breit, als Laurie das Handy wieder wegsteckte.


    „Und die Märkte?“


    „‘Dust & Desire‘? Die sind so ähnlich. Quasi die Fortführung der Konzerte, nur ohne Musik.“


    „Also sowas wie, ähm, Erotikmessen?“


    „Nein, schon richtige Märkte, Trödel, Antiquitäten, Kunst. Aber eben mit dem kleinen Extra. Komm doch mal vorbei. Gibt immer ne Menge zu entdecken. Für dich bestimmt auch.“


    „Mach ich vielleicht wirklich…“



    Sie verließen die große Halle und gingen zum Nebengebäude, denn eine Führung über das Gelände war schließlich nicht vollständig ohne einen Blick in die Werkstatt. Vor dem Tor stand Hook und Nico runzelte die Stirn. „Und das?“


    „Also, auf den ersten Blick würde ich sagen: Ein Auto“, antwortete Laurie. Seda stand neben ihr, erkannte sofort das Risiko und versuchte, Nico vor sämtlichen Fettnäpfchen zu bewahren, in die er jetzt gleich treten konnte. Denn es waren große, tiefe Näpfchen. „Das ist Hook“, stellte sie daher den Chevy vor, bevor er etwas sagen konnte, „Mein Retter. Er hat mich neulich aus dem Graben gezogen, als ich nach einem Unfall eingeklemmt war.“

    Somit war Hook mit einem Satz zum Helden erklärt und Nico verstand es hoffentlich, dass jegliche Kritik an diesem skurrilen, rostigen Abschleppwagen damit tabu war.


    Und Nico hatte verstanden. Er tätschelte vorsichtig den Kotflügel und grinste „Gut gemacht, Hook“. Laurie schloss das Werkstatttor auf.


    Drinnen: Der Pacer. Laurie schaltete das Licht ein und Nico staunte ein weiteres Mal. „Wayne’s World, Wayne’s World, Partytime, excellent!“, zitierte er einen der ikonischen Momente aus jenem Film, der den AMC Pacer bekannt gemacht hatte und Laurie stieg darauf ein. „Party on, Wayne!“, und pflichtgemäß zitierte Nico weiter: „Party on, Garth!

    „Geil, ein Pacer“, strahlte Nico und Laurie strahlte auch.



    Am offenen Fenster standen Lisa und Laura, Hand in Hand, das Lachen aus der Werkstatt war bis zu ihnen zu hören. „Weißt du“, bemerkte Lisa leise, „wenn ich es nicht schon wüsste, würd ich sagen, die zwei könnten Geschwister sein. Als Nico vorhin vor der Tür stand – irgendwie war da was, eine Gemeinsamkeit…“


    „Sie sind beide blond“, bemerkte Laura ein wenig zynisch, aber mit einem Lächeln.


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  • So, bin wieder da, es geht weiter mit:


    Kapitel 18: Du bist nicht unsichtbar

    Seda saß im Auto und tippte eine Nachricht nach der anderen. Laurie hockte auf der hinteren Stoßstange, trotz Regenjacke waren ihre Haare leicht feucht geworden. Sie aß Kirschen aus einer braunen Papiertüte und spuckte die Kerne Stück für Stück auf die Motorhaube des hinter ihr geparkten BMW.


    Schon auf zwanzig Meter nahm sie die Duftwolke wahr. „Eh, Kartoffel, warum fährst du nischt weg?“, rief Can ihr zu, Emre grinste.


    „Warum? Vielleicht find ich es ja gemütlich hier hinten im Regen“, antwortete sie mit stoischer Gelassenheit. „Außerdem hat irgendeine Sultanine seine Schwanzverlängerung hier so dämlich hingestellt.“


    „Oh, hab isch disch zugeparkt? Hab isch gar nischt gemerkt.“


    „Das glaub ich dir sogar, du merkst ja eh nichts. Du würdest deine Prollschleuder nicht mal ordentlich eingeparkt kriegen, wenn der Parkplatz komplett leer wär.“


    „Das ist ja auch ein Parkplatz für PKW hier, nischt für rostiche LKWs“, mischte sich Emre jetzt ein. „Du darfst hier gar nischt parken mit deinen Rosteimer.“


    „Wo ich parke, geht dich doch einen Scheißendreck an. Wenn ich heute nicht so gute Laune hätte, hätte der Rosteimer euren Plastikpanzer längst plattgemacht. Siehst du das hier?“ Sie zeigte auf das Abschleppgestell auf Hooks Ladefläche. „Damit zieh ich nächstes Mal dein Dönertaxi bis nach Istanbul…“


    Can grinste immer noch breit und drückte die Fernbedienung, während Seda durch die Heckscheibe still die Szene beobachtete. Erst beim dritten Mal gab der BMW die Türen frei, Can und Emre stiegen ein und nach dem ersten Fehlversuch im Vorwärtsgang parkte der 318 aus, um mit aufheulendem Motor und durchdrehenden Rädern das Parkareal zu verlassen.


    Laurie spuckte ihnen den letzten Kirschkern hinterher. „Mhm. Immer schön Vollgas mit der kalten Maschine“, bemerkte sie kopfschüttelnd, während sie zu Seda in den Chevy stieg und den Zündschlüssel ins Schloss steckte.


    „Wie machst du das eigentlich immer?“, fragte Seda mit einem Anflug von Bewunderung im Blick.


    „Mach ich was?“


    „Wie du solche Typen immer so lässig abbügelst. Ich könnte das nicht.“


    „Die zwei? Das sind doch bloß Karikaturen.“


    „Mag sein, aber ich könnte nicht so mit denen reden.“


    „Du bist eben mehr die stille Kraft. Von innen raus.“


    „Manchmal wäre ich gerne etwas mehr so wie du.“


    Laurie verzog leicht den Mund und schob die Kapuze vom Kopf. „Soll ich dir was sagen? Ich zu sein ist auch nicht immer das reine Muschilecken.“


    „Siehst du? Schon wieder. Ich hätte mich nicht mal getraut, das auszusprechen…“


    „Na ja, aber manchmal würd ich mir wünschen, ich könnte auch einfach mal ’nen Gang zurückschalten. Einfach mal die Klappe halten. Nicht erst reden, dann denken.“


    „Aber du wirkst immer so selbstsicher, so souverän…“


    „Auch nicht immer. Einiges ist auch nur Show.“


    „Glaub ich nicht. Du bist einfach so. Und ich… ich weiß nicht. Ich bin so normal. So unauffällig. Guck mal, Nico zum Beispiel. Der hat mich überhaupt nicht wahrgenommen.“


    Laurie zog amüsiert die Brauen hoch. „Hätte er denn sollen?“


    „Ach, das mein ich nicht. Aber er hat in der ganzen Zeit höchstens drei Sätze mit mir gesprochen. Als wär ich einfach Luft.“


    „War ja auch irgendwie ’ne Ausnahmesituation für ihn. Stell dir mal vor, du findest nach fast 25 Jahren deinen Erzeuger und erfährst dann so ganz nebenbei, dass du auch noch ’ne Schwester hast.“


    „Halbschwester.“


    „Wie auch immer. Aber ich glaube, er hatte einfach andere Sachen im Kopf als mit dir zu flirten.“


    „Das sollte er ja auch gar nicht. Aber er hätte mich ja wenigstens mal ansprechen können. Von sich aus.“


    „Vielleicht ist er auch einfach schüchtern und hat sich nicht getraut, dich vollzuquatschen?“


    „Quatsch. Ich bin einfach zu unauffällig, das ist es. Zu normal. Zu… keine Ahnung.“ Sie zuckte mit den Schultern.


    Laurie drehte sich auf der Sitzbank zu ihr und lächelte. „Du bist nicht unauffällig.“


    „Doch. Wie hast du mal gesagt? Normal ist wie Küssen mit geschlossenem Mund. Und so bin ich.“


    Laurie schüttelte den Kopf, rückte ein Stück näher und neigte sich zu ihr. Im gedämpften Licht des Regens berührten ihre Lippen Sedas – länger, als dass es ein bloßer Impuls gewesen wäre. Sanft, warm und überraschend ruhig, fast so, als hätte Laurie selbst erst im Kontakt gemerkt, was sie da tat.


    Seda war für den Moment völlig überrumpelt, wollte erst den Kopf zurückziehen, sich abwenden, aber sie ließ es doch geschehen. Dann ließ Laurie von ihr ab und flüsterte: „Du bist nicht unsichtbar. Du bist du, und das ist gut so.“


    Seda zitterte ein wenig, fingerte nervös in der Tasche nach ihren Zigaretten und steckte hastig eine an. „Wow, damit hab ich jetzt nicht gerechnet!“, stieß sie hervor.


    Laurie schwieg sie lächelnd an, dann setzte sie sich wieder hinter das Lenkrad, griff sie zum Zündschlüssel und startete den Motor. „Komm, ich hab Hunger. Ich hab jetzt voll Bock auf Döner mit alles.“


    „Weil du gerade ’ne Türkin geküsst hast?“, lachte Seda. „Aber können wir vorher noch beim Gemüseladen vorbeifahren? Ich möchte zu Mam.“


    „Klar. Passt. Die Kirschen sind auch alle…“



    Stunden später saßen Lisa und Laurie zusammen am Küchentisch. Laura war unten im Büro, Seda hatte sich schlafen gelegt.

    „Boah, sie ist total fertig“, stöhnte Laurie, während Lisa ihr eine Tasse Tee hinstellte, ihren Stuhl mit der Lehne nach vorn drehte und sich ihr gegenüber hinsetzte. Sie pustete in ihre Tasse, verschränkte die Arme auf der Lehne und sah ein wenig ratlos aus.

    „Was ist denn eigentlich passiert?“


    „Seda war bei ihrer Mam im Laden. Sie wollte sie nur mal sehen – sagen, dass es ihr gut geht hier bei uns.“


    „Und dann?“


    „Dann ist es wohl eskaliert. Aylin hat sie angefleht, zurückzukommen, aber Seda ist wohl hart geblieben.“


    „Ach, Aylin heißt ihre Mutter?“


    „Mhm. Und dann hat sie Seda von ihrem Vater erzählt. Wie er immer wütender wird. Härter. Unversöhnlicher. Auch zu ihr. Weil Seda nicht zurückkommt. Und wie ich das sehe, gibt er auch uns – mir – die Schuld daran. Er behauptet, ich würde sie zurückhalten, zu ihrer Familie zurückzugehen.“


    „Aber das stimmt doch gar nicht. Er hat sie weggeschickt und du hast sie aufgenommen. Er soll doch froh sein, dass sie nicht sonstwo gelandet ist, nachdem er sie rausgeschmissen hat…“


    „Hab ich auch gesagt. Aber er bleibt da stur. Und dann hat sie ihr gesagt, dass Mehmet Sedas Polo verkauft hat, um die Kosten für seine Autoreparatur zu decken.“


    „Weil sie es kaputtgefahren hat?“


    „Eben. Die Versicherung zahlt wohl gar nichts, weil sie nicht hätte alleine fahren dürfen – mit 17. Dabei war das nicht mal richtig Sedas Kiste. Sie hat ihn sich mit ihrer Mutter geteilt, und die hat jetzt auch kein Auto mehr. Mehmet meint, Aylin wäre auch schuld, dass sein Auto kaputt ist, weil sie nicht verhindert hat, dass Seda alleine fährt.“


    „Hat sie das denn schon öfter gemacht?“


    Laurie zog die Schultern hoch. „Möglich…“


    „Und jetzt? Verfahrene Situation.“


    „Das kannst du laut sagen.“


    Lisa sah Laurie einen Moment lang schweigend an, als würde sie abwägen, wie viel sie sagen konnte, ohne sie zu verletzen. „Laurie… du machst das bis hierher gut. Wirklich. Du hilfst ihr, du bist für sie da. Du darfst dich da nur nicht zu sehr reinsteigern.“


    „Ich steigere mich nicht rein“, fauchte Laurie leise. „Ich will nur, dass sie nicht wieder untergeht.“


    „Ich weiß.“ Lisa legte die Hände um ihre Tasse. „Aber du kämpfst gerade nicht nur für sie. Du kämpfst auch gegen ihn. Und das kann gefährlich sein.“


    Laurie verzog den Mund. „Ja, weil er ein Arsch ist.“


    „Mag sein“, sagte Lisa ruhig. „Aber er ist ihr Vater. Und er hat Rechte, solange sie noch nicht volljährig ist. Wenn du zu sehr auf Konfrontation gehst, könnte das Seda am Ende schaden.“


    Laurie schwieg angespannt.


    „Du musst aufpassen, dass du – dich nicht zu stark einmischst“, fuhr Lisa sanft fort. „Nicht aus Trotz. Nicht, weil du ihm etwas beweisen willst. Seda braucht Hilfe, ja. Aber sie braucht keine Ersatz-Eltern, die sich in einen Krieg stürzen.“


    Laurie starrte auf die Tischplatte. „Ich will sie nicht verlieren.“


    „Tust du nicht.“ Lisa schob ihre Tasse beiseite und beugte sich etwas vor. „Aber du musst ihr Raum lassen. Und dir auch. Du kannst sie unterstützen, ohne ihr Leben zu übernehmen.“


    Laurie atmete scharf aus. „Ich hasse es, dass er sie einfach zurückholen könnte.“


    „Ich auch“, sagte Lisa. „Aber genau deshalb müssen wir klug bleiben. Nicht laut. Nicht trotzig. Klug.“


    Laurie nickte langsam, widerwillig. „Okay.“


    „Gut.“ Lisa lächelte schwach. „Hilf ihr. Aber bleib vorsichtig. Sei nicht ihr Vaterersatz. Nicht ihr Schutzschild gegen alles. Nur… Laurie.“

    Lisa sah Laurie einen Moment lang prüfend an. „Weißt du, was ich meine? Ich seh’ dich da gerade in zwei Versionen.“


    Laurie blinzelte. „Aha?“


    „Die eine“, sagte Lisa ruhig, „ist die vernünftige, engagierte Laurie. Die, die Seda wirklich gut tut. Die, die zuhört, die stärkt, die ihr zeigt, dass sie nicht allein ist.“


    Laurie verzog den Mund, ahnend, was kommt.


    „Und dann“, fuhr Lisa fort, „gibt’s die andere. Die sture, trotzige, performante Elenn, die sofort in den Ring springt, wenn jemand unfair ist. Die, die Mehmet am liebsten anbrüllen würde, nur damit er merkt, dass er dich nicht einschüchtern kann.“


    Laurie schnaubte leise. „Ja, na und?“


    „Nichts ‚na und‘ “, sagte Lisa sanft. „Beide Seiten gehören zu dir. Aber Seda braucht gerade die erste. Nicht die zweite. Nicht die, die aus Trotz kämpft. Sondern die, die sie hält.“


    Laurie sah weg, der Körper angespannt. „Ich will sie nur schützen.“


    „Ich weiß.“ Lisa legte eine Hand auf die Stuhllehne. „Aber wenn du aus Trotz handelst, spielst du sein Spiel. Und das darf nicht passieren. Nicht mit ihr.“


    Laurie atmete durch, langsam. „Okay. Ich versuch’s. Wirklich.“


    „Ich weiß“, sagte Lisa. „Und genau deshalb sag ich’s dir so klar. Weil ich weiß, dass du damit umgehen kannst.“

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  • Kapitel 19: Eine kleine Idee



    Laura wollte gerade in ihr Auto steigen, als wieder der kleine rote Wagen auf den Hof gerollt kam. Mit einem Lächeln und einer kleinen Umarmung empfing sie Nico. „Hallo Nico. Schön, dass wir uns endlich mal persönlich treffen. Wie geht’s dir? Ich dachte, du wärst schon wieder abgereist.


    Nico schüttelte kurz den Kopf. „Nein, ich habe das Hotelzimmer noch ein paar Tage reserviert. Ich wusste ja nicht genau, wie sich das entwickelt hier mit meinem… Vater – und so. Außerdem sind diese Woche noch Semesterferien.“


    „Ach ja richtig, Du studierst – in Marburg, nicht wahr?“


    „Genau. Architektur und Kunstgeschichte.“


    Dann sah sie ihn kurz fragend an. „Sind wir eigentlich irgendwie verwandt? Hab ich mich neulich schon gefragt…“


    Nico grübelte kurz nach. „Ich glaube nicht. Ich bin der Halbbruder Ihrer Tochter. Direkt haben wir also nichts miteinander zu tun…“


    Deiner Tochter…“, korrigierte Laura. Auch in dieser verzwickten Konstellation war das Du für sie eine Selbstverständlichkeit.


    „Äh, klar. Sorry, muss ich mich erst dran gewöhnen…“


    „Kein Thema. Willst du zu Laurie? Die ist bei der Arbeit.“


    „Nein nein, ich wollte zu Ihnen. Äh, zu Dir. Hast Du nen Moment? Es geht um die Fabrik.“


    „Ah so. Ich wollte eigentlich gerade… Aber egal, das kann warten. Komm rein. Sollen wir ins Büro?“


    „Ja gern.“



    Drinnen nahmen sie Platz, Laura bot ihm Kekse an. “Hier, superlecker. Hat meine Frau gebacken“, grinste sie „Kaffee ist leider alle, ich wollte eben neuen holen. Möchtest du was anderes trinken?“


    Etwas nervös drehte Nico den Stuhl hin und her. „Ein Wasser vielleicht.“


    Laura deutete auf das Sideboard, auf dem einige Flaschen und Gläser standen. „Bedien dich.

    Und? Hast du dich an deine neue Schwester schon ein bisschen gewöhnt?“, grinste sie.


    Nico nickte. „Bin dabei… Ich glaube, wenn man sie einmal verstanden hat, ist es gar nicht so schwer.“


    Laura nickte anerkennend. „Respekt. Für diese Erkenntnis haben andere Jahre gebraucht“, lachte sie und schüttete sich selbst auch ein Wasser ein. „Was kann ich dir denn sonst noch Gutes tun?“


    Nico setzte sich wieder, nahm einen einzelnen Keks aus der Dose und rutschte kurz auf dem Sessel herum, dann begann er etwas zögerlich, den Grund für sein Kommen zu erklären: „Ja, wie gesagt es geht um die Fabrik hier. Laurie hat erzählt, es gibt hier öfter mal Events, Märkte, Autotreffen und so…“


    „Stimmt.“


    „Na ja, und da hatte ich so eine Idee. Ich weiß nicht, ob die gut ist, aber ich wollte wenigstens mal gefragt haben. Vielleicht passt es auch nicht, oder es ist zu viel Aufwand…“


    „Hm. Und wenn du mir jetzt noch verrätst, was für eine Idee das ist, kann ich dir vielleicht auch sagen, ob die gut ist.“


    „Na gut. Ich dachte, wo Du doch die große Halle hast, und das Außengelände – mh, vielleicht könnte man hier auch mal so was wie ein Food-Festival starten. Also so mit Street-Food, Food-Trucks. Vielleicht Live-Musik dazu? In der Halle steht doch die große Bühne…“


    Laura schwieg zunächst und rieb sich das Kinn.


    „Nicht gut? War nur so ein Gedanke.“


    „Gut? Das ist brillant! Warum bin ich da nicht schon selbst drauf gekommen?“, lachte Laura und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Und du willst sowas hier veranstalten?“


    Nico hob sofort abwehrend beide Hände. „Oh nein, für mich ist das ein paar Nummern zu groß. Finanziell und überhaupt. Aber Du hast doch die Erfahrung – und die Infrastruktur. Vielleicht als eine Variation der anderen Märkte. Oder so. Ich kenne mich da ja nicht so aus – rechtlich, organisatorisch, was da so alles dranhängt…“


    „Es passt perfekt.“ Laura stand auf, ging ein paar Schritte durch den Raum, sah aus dem Fenster auf den Hof. „Street-Food, Trucks, Musik… das ist jung, das ist offen, das ist niedrigschwellig. Und es zieht neue Leute an, die sonst nicht zu unseren Märkten kommen.“


    „Aber… ich hab absolut gar keine Ahnung, wie man sowas organisiert.“


    „Musst du auch nicht.“ Laura winkte ab. „Das ist mein Job. Und Lisas. Und Lauries, wenn sie will. Du hast die Idee geliefert – und das ist der schwerste Teil.“


    Nico sah verlegen auf den Keks in seiner Hand. „Ich wollte nur nicht… mich aufdrängen. Oder so wirken, als würde ich mich in eure Familie reindrängen wollen. Mich einmischen.“


    Laura blieb stehen, legte ihm eine Hand auf die Schulter – ruhig, warm, selbstverständlich. „Nico. Du mischst dich nicht ein. Du bringst dich ein. Das ist ein Unterschied. Außerdem bist du jetzt ein Teil dieser Familie – ob du willst oder nicht.“


    Er sah auf, überrascht über die Klarheit in ihrer Stimme. „Und ganz ehrlich“, fuhr sie fort, „ich finde es schön, dass du das willst. Dass du nicht nur Lauries Halbbruder bist, sondern jetzt auch jemand, der hier etwas beitragen möchte.“


    Nico schluckte. „Meinst Du wirklich…?“


    „Ja.“ Laura grinste. „Und ich sag dir was: Laurie wird ausflippen, wenn sie hört, dass die Idee von dir kommt.“


    „Im positiven Sinne?“


    „Im… Laurie-Sinne.“ Laura lachte. „Das ist das Beste, was du kriegen kannst.“


    „Oha. Da hab‘ ich ein bisschen Angst vor.“


    „Brauchst du nicht. Wenn sie dich einmal akzeptiert hat, hast du eigentlich nicht die schlechtesten Karten bei ihr. Und soweit ich das beurteilen kann, seid ihr da auf einem ganz guten Weg.“


    „Hm.“


    „Weißt du was? Ich ruf gleich mal Lisa dazu. Dann können wir zusammen schon mal anfangen, zu planen, ein paar Ideen entwickeln. So ein Event braucht ja Minimum vier, sechs Wochen Vorlauf, denke ich. Und der Herbst steht vor der Tür. Aber wenigstens eins müssten wir noch schaffen dieses Jahr.“


    „Wie, jetzt direkt?“


    „Klar. Oder hast du noch was anderes vor heute?“


    „Mh. Nö.“ Jetzt erst aß er den Keks – und nahm gleich den nächsten.


    Laura grinste. Sie nahm ihr Handy, drückte die Wahlwiederholung und lächelte Nico an, als Lisa sich meldete. „Huhu, kommst du mal runter ins Büro? Nico ist da. Und bring die große Dose Kekse mit…“

  • Laurie hantierte an einer 1972er Chevrolet Chevelle. „Mach schon mal die Druckleitung los, damit das alte Öl ablaufen kann“, hatte Paula gesagt. „Die Servopumpe heult, die muss neu. Und frisches Öl muss eh rein.“


    Sie löst die Verschraubung. Ein kurzes Zischen, dann traf ein dünner, klarer roter Strahl den Rahmen. Sie hielt die Hand drunter – das Öl lief fast wie Wasser über ihre Finger – sie roch daran. Scheppernd fiel der Schraubenschlüssel zu Boden. „Was ist das denn für ‚ne Wichse hier? Das ist doch kein Servoöl?! Hektisch bückte sie sich nach dem Schlüssel, zog einen Putzlappen vom Werkstattwagen und schraubte schnell die gelöste Leitung wieder an.


    Tom kam dazu, sah es sofort – und sagte nichts. Er räusperte sich nur, schob die Hände in die Taschen und tat so, als würde er etwas am Werkzeugwagen suchen.


    Laurie merkte es. Natürlich merkte sie es.

    „Sag mal…“, begann sie, ohne aufzusehen, „hast du das gerade gesehen?“


    Tom zögerte. „Äh… ja. Ein bisschen.“


    „Und?“


    „Ach…Getriebeleitung statt Servo. Ist doch nicht so schlimm. Kann jedem passieren.“ Er nahm die Lampe vom Wagen und leuchtete in den Motorraum des Chevy. „Guck, die Getriebeleitung geht nach vorne zum Kühler, die Servoleitung geht hier lang, zum Lenkgetriebe.


    „Hab ich also die falsche Leitung erwischt?“


    „Mhm.“


    Laurie richtete sich auf, langsam, mit diesem Blick, der gleichzeitig verletzt und genervt war. „Tom. Wenn ich einen Fehler mache, dann sag mir das.“


    Er hob abwehrend die Hände. „Ich wollte dich nicht… na ja… nicht wieder stressen.“


    „Stressen?“ Laurie lachte trocken. „Weißt du, was mich stresst? Wenn du mich wie ein rohes Ei behandelst.“


    Tom sah weg. „Ich will nur keinen Ärger mehr mit dir.“


    „Dann benimm dich nicht wie jemand, der Angst vor mir hat.“ Sie wischte sich die Hände am Lappen ab, scharf, fast wütend. „Ich arbeite hier. Ich bin nicht fünf. Wenn ich Mist baue, sag’s mir. Wenn ich was falsch mache, korrigier mich. Aber dieses…“ Sie machte eine hilflose Geste. „Dieses Weggucken… das ist scheisse, das ist respektlos.“


    Tom schluckte. „Ich wollte… es nicht wieder falsch machen.“


    Laurie hielt inne. Der Satz traf sie – aber sie ließ es sich nicht anmerken. „Dann verhalte dich wie ein Chef. Nicht wie jemand, der sich vor mir versteckt.“


    Tom nickte langsam. „Okay. Ich versuch’s.“


    „Gut.“ Laurie drehte sich wieder zur Chevelle um. „Und jetzt zeig mir bitte die richtige Leitung, bevor ich hier noch mehr Scheiß baue.“


    Tom leuchtete ihr – diesmal ohne Zögern.


    „Und wenn du hier fertig bist, machst du bitte am Taunus weiter? Ist mit Paula abgesprochen. Der muss ja auch fertig werden…“


    „Ist gebongt, Chef.“

  • Es klopfte an den Türrahmen. Lisa trat ein, die Keksdose im Arm – und genau in diesem Moment brach draußen eine Wolkenlücke auf, ließ einen warmen Sonnenstrahl ins Büro fallen. Laura drehte sich kurz zum Fenster um und lächelte.

    „Hier, das sind die letzten“, sagte Lisa und stellte die Dose auf den Tisch. Dann wandte sie sich Nico zu und reichte ihm die Hand. „Wir kennen uns ja schon.“


    Nico stand auf, einen Hauch zu spät, als hätte er erst einen Moment gebraucht, um sich zu sammeln. „Ja… stimmt“, sagte er leise und schüttelte ihre Hand. Sein Blick glitt kurz über ihr Gesicht, über die klaren Linien, das typische, leicht mangahafte Styling – dann wich er schnell wieder aus.


    Lisa setzte sich neben ihn auf den zweiten Stuhl, ganz selbstverständlich. „Und, was habt ihr hier so zu bequackeln?“


    „Nico hat ’ne Idee“, sagte Laura.


    „Toll“, meinte Lisa, und ihre Stimme hatte diesen warmen, offenen Klang, der Nico noch ein bisschen aufrechter sitzen ließ, als er wollte. Laura sah das, kommentierte es aber nicht. Sie kannte diesen Effekt, den ihre Lisa oft auf Menschen hatte.


    Lisa sah ihn an, diesmal mit echter Neugier. Nico hielt ihrem Blick stand – aber nur eine Sekunde, bevor er wegschwenkte.


    „Mh, ja… Ich dachte… vielleicht könnte man hier ein Food-Festival machen“, sagte er ruhig. „Mit Trucks, Street-Food, Musik… so was.“


    Lisa hob die Augenbrauen, positiv überrascht. „Das ist... wirklich gut.“


    „Hab ich doch gesagt“, meinte Laura.


    „Und du willst das mit uns planen?“, fragte Lisa.


    „Wenn ihr… das wollt“, sagte Nico. Diesmal ohne Stottern — aber mit einem Ton, der verriet, dass er sich Mühe gab, souverän zu wirken.


    Lisa lächelte. „Natürlich wollen wir das. Willkommen im Team.“


    Nico nickte – und dieses Mal war sein Lächeln echt, warm, ein bisschen verlegen.


    Laura nahm einen Block aus der Schublade, klickte ein paarmal mit dem Kuli und war bereit, zu brainstormen. „Also, lasst uns anfangen. Was brauchen wir zuerst?“


    „Einen Namen. Ideen?“ fragte Lisa – mit diesem Lächeln, das irgendwo zwischen zuckersüß, herausfordernd und einer Spur Frechheit lag.


    Nico spürte, wie ihm für einen Moment die Spannung aus den Beinen wich. Gut, dass er saß. So blieb ihm nur ein kleines, ratloses Schulterzucken.


    „Na, egal. Können wir auch später noch machen. Vielleicht frag ich mal Laurie, die ist bei sowas ja ziemlich kreativ.“


    „Ja, klar“, verdrehte Laura die Augen. „Die kommt dann mit sowas wie ‚Fabrik-Fresstival‘ Aber lass uns erstmal die organisatorischen Details klären. Wie viele Trucks und Stände kriegen wir denn hier auf das Gelände, ohne, dass sich die Leute gegenseitig im Weg stehen? Nur draußen oder auch in der Halle? Dürfen wir in der Halle überhaupt Food-Trucks platzieren? Ich meine, bei Toms Treffen gab es ja auch Probleme mit den Grillständen, wegen Gas und Fett und Hitze und Brandschutz und Pipapo in der Halle.“


    „Stimmt. Wir können ja wieder aufteilen. Drinnen nur ohne Kochen und Grillen – Kaffee, Eis und so, und die, die warme Speisen machen, stehen draußen…“


    „Und die Musik?“, warf Nico ein.


    Lisa blinzelte. „Welche Musik?“


    „Ich dachte, man könnte auch etwas Live-Musik dazu nehmen. Drinnen steht doch noch die große Bühne.“


    „Ach so.“ Ein kurzer Blick zu Laura, ein kleines Nicken. „Richtig. Die haben wir ja auch noch.“


    Laura lachte und grinste Nico breit an. „Das wird spannend...“

  • Es geht weiter - die Freitagsration.


    Drei, vier kurze Kapitel, die unter anderem die Figur Seda weiter entwickeln.


    Kapitel 20: Gent's dir gut?


    „Ein Fresstival? Klar, warum nicht. Ist er da ganz allein darauf gekommen?“ Laurie richtete die Träger ihrer Latzhose und sah Seda an. „Können wir uns mal so richtig vollstopfen.“


    Seda nickte stumm.


    „Und was gibt‘s da so alles?“ Laurie verzog den Mund. „Nur veganes Studentenfutter? Oder auch richtiges Essen?“


    Laura schüttelte amüsiert den Kopf. „Ihr werdet schon satt werden. Wir sind noch dabei, die Stände zusammenzustellen. Viele Trucks sind schon ausgebucht bis Jahresende. Ist ja auch etwas spontan, die Aktion. Aber wir haben gedacht – wenn, dann jetzt. Oktober, November könnte zu spät sein für outdoor.“


    „Stimmt.“


    „Mein Cousin hat so ‘nen Food Truck. Soll ich ihn mal fragen, ob er noch Termine frei hat?“


    „Klasse, Seda. Ja, frag ihn gerne mal. Ich gebe dir die Daten. Was verkauft er denn da so?“


    „Er macht Gözleme“ – Leere Blicke von Laura und Laurie.


    Seda seufzte. „Okay, stellt euch vor: Crêpes, aber nicht süß, sondern mit richtigem Essen drin. Und nicht so dünn. Und nicht so französisch. Und… ach, ich zeig’s euch einfach.“ Sie holte ihr Handy raus, scrollte. „Hier. Das da. Teig, Füllung, zack auf die Platte, fertig. Das ist bei uns ein Klassiker, aber hier kennt’s kaum jemand.“


    Laurie grinste. „Sieht lecker aus.“


    „Ist es auch“, sagte Seda. „Und er macht die besten.“


    „Na super. Dann ruf ihn an, Termin ist am Samstag, den 30.“


    „Samstags? Ach scheiße. Und der Stream?“, beschwerte sich Laurie.


    „Na ja, aber Samstagnachmittag ist die beste Zeit für sowas. Viele Leute haben sonntags schon was anderes vor…“


    „Ja, und andere am Samstag…“


    „Hm, wir können ja schlecht das ganze Event nach deinen Streamingzeiten ausrichten. Aber wenn du um acht anfängst, hast du vorher ja noch genügend Zeit zum Futtern. Start ist so gegen zwei, halb drei. Außerdem hat Lisa den ersten schon fest zugesagt, da können wir nix mehr schieben.“


    „Na gut. Komm Seda, wir haben zu arbeiten.“


    „Okay. Ich ruf Ferit dann später an.“


    „Was ist Ferit?“


    „Na mein Cousin…“


    „Ach so. Hast du den kleinen Drehmo eingesteckt? Den brauchen wir gleich.“


    Seda hielt einen Drehmomentschlüssel hoch. Laurie lief schon die Treppe herunter, Seda blieb noch einen Augenblick bei Laura und Lisa an der Tür stehen.

    Einen kurzen Moment nur sah sie Laura an, verzog den Mund, nur einen Millimeter, aber das reichte, um Laura etwas erkennen zu lassen. „Ist noch was?“, fragte sie und Seda seufzte kurz.


    „Nein, alles okay.“


    Etwas misstrauisch sah sie Seda an. „Sicher?“


    Ein vorsichtiges Nicken, dann folgte sie Laurie in die Werkstatt.


    Lisa ging zurück ins Wohnzimmer, klappte den Laptop auf und öffnete eine kleine Limoflasche. „Komm, wir gucken zu,“, lächelte sie und startete den Rebel-Yello-Stream – live aus Lauries Werkstatt.







    „Laurie, kommst du mal?“


    „Was liegt an, Boss?“


    „Kannst du heute ein, zwei Stunden länger bleiben? Toto wollte gleich noch vorbeikommen, wegen dem Taunus. Aber er schafft es nicht vor halb fünf. Und es wäre gut, wenn du dabei bist, dann muss ich mir das nicht alles merken…“


    Laurie grinste schief. „Hm. Klar. Ist nur blöd wegen Seda. Wer holt sie dann von der Arbeit ab und bringt sie nach Hause?“


    Tom rieb sich das Kinn und sah kurz auf die Uhr. „Wohnt sie eigentlich jetzt fest bei dir?“


    „Ich ruf Mom an.“ Laurie zog das Handy aus dem Overall und wählte Lauras Nummer.


    „Am Apparat?“ meldete die sich.


    Laurie grinste. „Hier auch. Sag mal, könntest du vielleicht Seda von der Arbeit abholen? Ich komme hier noch nicht weg, mein Chef zwingt mich, Überstunden zu machen.“


    „Sag ihm, Azubis dürfen keine Überstunden machen“, bemerkte Laura ironisch. „Nein klar, mach ich. Ich wollte eh gleich nochmal los, da kann ich sie unterwegs einsammeln. Um vier, oder?“


    „Genau. Danköö! Ich schreib ihr kurz, dass du kommst.“



    Um kurz vor vier parkte der Escalade vor dem Autohaus ein. Laura stieg aus, Seda kam angelaufen und winkte. „Hi. Danke fürs Abholen.“


    „Kein Thema. Laurie muss heute länger machen…“


    „Ich weiß. Hat sie mir schon getextet.“


    „Na dann, steig ein.“


    „Prima. Ich wollte immer schon mal mit deinem Auto mitfahren.“


    Laura grinste und hielt ihr die Tür auf.


    Seda sah sich neugierig im Cadillac um, strich über die Ledersitze, staunte über die zahllosen Schalter. „Das ist so ein cooler Wagen. Wieviel PS hat der?“


    Laura zögerte kurz. „Öhm… weiß ich gar nicht so genau. Irgendwas um die 400, glaub ich. Oder etwas drüber.“


    „Krass. Vollausstattung?“


    „Alles, was geht. Hast du heute noch was vor? Sonst zähl ich dir auf, was der alles hat. Kann aber ‘ne Stunde dauern. Und dann hab ich sicher noch die Hälfte vergessen.“ Sie grinste frech.


    „Schon was anderes als Hook.“ Seda machte eine kurze Pause. „Aber Laurie liebt ihn.“


    Laura nickte. „Hook braucht keine beheizten Massagesitze. Der hat Charakter.“


    „Wie seine Besitzerin…“


    Laura warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Ihr kommt gut klar miteinander, oder?“


    Seda nickte sofort – ein bisschen zu schnell. „Ja, prima.“


    „Aber…?“


    Der Escalade rollte vom Parkplatz, schwer und leise, und Laura bog auf die Hauptstraße ein. Ein paar Sekunden lang hörte man nur den Motor und das gedämpfte Klacken des Blinkers.


    Seda sah aus dem Fenster, die Hände ordentlich im Schoß. „Nichts. Alles gut.“


    Laura ließ ihr einen Moment. „Kann ich dich dann mal was fragen?“


    „Sicher.“


    „Nur… fühlst du dich bei dem ganzen Streaming‑Kram wirklich wohl?“


    Seda blinzelte, überrascht, aber nicht abwehrend. „Ja. Also… meistens schon.“


    „Meistens“, wiederholte Laura sanft. „Wir haben zugeguckt, vorgestern. Manchmal hatte ich den Eindruck, es wäre es ein bisschen… viel für dich.“


    Seda zog die Schultern leicht hoch. „Ich bin einfach nicht so – mh – so laut wie Elenn. Ich brauch manchmal länger, bis ich mit etwas warm werde.“


    „Das ist doch völlig okay“, sagte Laura ruhig. „Nicht jeder springt sofort in die Kamera.“


    Seda nickte, aber ihr Blick blieb draußen an den vorbeiziehenden Häusern hängen. „Ich mag’s ja. Dabei – bei ihr – zu sein, mein ich, bei so einem coolen Projekt. Aber wenn dann plötzlich so viele Leute zugucken und schreiben… ich weiß manchmal nicht, wohin mit mir. Manche schreiben auch echt schräge Sachen.“


    Das Auto warnte mit einem Gong, als sie in eine Tempo‑30‑Zone kamen. „Ja ja! Halt die Klappe, ich hab’s gesehen“ meckerte Laura ihren Cadillac an und tippte kurz auf die Bremse. „Dieses ganze Warngebimmel nervt manchmal“, rollte sie mit den Augen. „Aber dass dich das irritiert, das kann ich gut verstehen.“


    Seda atmete leise aus. „Und dann immer dieses Shirt-Ausziehen am Ende… ich weiß, das gehört bei ihr dazu. Aber…“


    Laura warf ihr einen kurzen, warmen Seitenblick zu. „Ist dir das zu extrem?“


    Seda zögerte. „Nicht… für mich. Also, ich kenn das ja inzwischen. Das Tattoo – dein Bild auf ihrem Arm…“ Seda musste kurz lachen. „Ich stell‘ mir grad‘ vor, ich hätte mir ein Nacktbild meiner Mutter stechen lassen. Mein Vater würde mich steinigen…“


    Laura lachte laut auf. „Stimmt, das wäre mehr als schräg.“


    „Aber zu euch, zu Laurie passt sowas. Die Fotos. Die Geschichten von den Konzerten, dass sie sich vor der Kamera so zeigt. Ich weiß, dass das bei euch normal ist. Und ich find’s auch nicht schlimm.“


    „Aber?“, fragte Laura leise.


    Seda presste die Lippen kurz zusammen. „Meine Eltern… würden das nicht verstehen. Die würden denken, ich… keine Ahnung. Dass ich in irgendwas reingerate, was nicht zu uns passt.“


    Laura nickte langsam, ohne Urteil. „Du hast eine andere Prägung. Andere Grenzen. Das ist nichts Schlechtes.“


    „Ich will Laurie nicht bremsen“, murmelte Seda. „Sie hat da so viel Spaß dran. Und ich steh dann daneben und denk nur: Hoffentlich sieht das keiner, den meine Eltern kennen.“


    Laura lächelte sanft. „Du bremst sie nicht. Und du musst dich nicht verstellen, nur, weil sie freier ist. Laurie ist so aufgewachsen. Mit mir als Mutter. Mit Aktfotos im Wohnzimmer. Mit Nacktheit als… Alltag.“


    Seda nickte. „Ich weiß. Und ich find’s ja auch irgendwie schön, wie ihr damit umgeht. Nur… ich bin das nicht gewohnt.“


    „Das darfst du ihr auch sagen“, sagte Laura ruhig. „Auf deine Art, in deinem Tempo. Ohne Drama.“


    Seda sah wieder aus dem Fenster, aber ihre Schultern wirkten etwas entspannter. „Vielleicht mache ich das. Irgendwann. Bald.“


    „Irgendwann reicht völlig“, sagte Laura, bog in die nächste Straße ein und trat kurz das Gas ein Stück weiter durch, als es die Beschilderung erlaubte. „Sorry, manchmal geht es ein bisschen mit mir durch“, grinste sie.


    „Wow, geht der ab...“


    Ein paar Sekunden Stille. Dann, leiser:

    „Ich wollte nur sicher sein, dass es dir gut geht.“


    Seda nickte — diesmal langsam, ehrlich. „Danke.“


    „Hast du schon mit deinem Cousin gesprochen?“


    „Wegen dem Festival? Ich hab ihn noch nicht erreicht, aber ich hab ihm ‘ne Nachricht geschickt. Wenn er sich heute nicht zurückmeldet, probier ich’s nochmal.“


    „Okay. Am besten gib ihm Lisas Nummer, dann kann die alles Weitere direkt mit ihm besprechen. Hast du ihre Handynummer?“


    „Ich frag Laurie…“

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  • Kapitel 21: Veränderungen

    „Bisschen mehr links… ja, jetzt gerade… okay. Stooop. Okay, gut. Elenn – Bremse festziehen, Gang rein, Spanngurte dran, dann könnt ihr los.“


    Der Taunus war verladen, Hook hatte die Ehre, den Trailer ziehen zu dürfen, und Laurie freute sich schon darauf, Helga, jetzt wieder im frischen Lackkleid, komplettieren zu dürfen. Noch sechs Wochen bis zu Lauras Vierzigstem – das sollte zu schaffen sein.


    „Ist sie nicht schön geworden?“, strahlte Toto. „Fast wie früher.“


    „Ich kenn sie ja nur von alten Fotos, aber aus irgendeinem Grund steht ihr die Farbe“, gab Laurie zu. RAL 4003 – erikaviolett – passte zu diesem Auto wie… wie das Auto zu Laura.


    Helga, Lauras erstes Auto – das war damals Liebe auf den ersten Blick. Und dass Helga jetzt wieder da war, wieder aussah wie damals und bald auch wieder laufen sollte wie zu ihren besten Zeiten, das war zu einem großen Teil Lauries Verdienst.


    Sie hatte in den letzten Wochen viel Arbeit in den Taunus gesteckt, um ihn so originalgetreu wie möglich wiederherzustellen. Und dass der Wagen wieder so aussehen konnte, das hatte sie vor allem Toto zu verdanken. Er hatte zwar nach seinem Unfall die Autoschrauberei aufgegeben und alle Restbestände an Ersatzteilen verkauft, aber für Helga hatte er seine alten Kontakte nochmal reaktiviert. Fehlende Teile waren so in Nullkommanichts zusammengetragen und ebenso schnell verbaut.


    Und obwohl es über zwanzig Jahre her war, dass er den Taunus zum ersten Mal aufgebaut hatte, erinnerte er sich an jedes Detail. Jede Eigenheit, jede kleine Besonderheit des Wagens hatte er noch im Kopf. Ohne dieses Wissen wäre aus dem heruntergekommenen 1972er Ford Taunus nie wieder Helga geworden.


    Das Auto hatte in den letzten Jahren stark gelitten und wohl auch lange unbewegt und ungeliebt im Freien gestanden, und so war eine neue Lackierung unabdingbar gewesen. Tom hatte den Auftrag an Andi, seinen Stammlackierer, vergeben, und der hatte wie immer makellose Arbeit geleistet.


    Das heißt – fast makellos. Denn eine Bedingung hatte der Auftrag gehabt, und die war Andi gar nicht recht gewesen. Die dezente Delle im rechten Seitenteil – die Spur eines verunglückten Rangierversuchs der jungen Laura – sollte unbedingt erhalten bleiben. Sie war ein Erkennungszeichen von Helga und gehörte zur Geschichte des Autos wie… wie Laura.



    „Warte!“, rief Laurie, zog ihr Handy aus der Tasche und machte ein Foto. „Das schick ich Liz.“

    Sekunden später: „Oh fuck!“


    „Was ist?“, fragte Toto.


    „Ich hätte das Bild beinahe Mom geschickt…“


    „Neiiin!“


    „Ist ja nix passiert. Liz und Mom stehen hier genau untereinander in meiner Kontaktliste. Alles im Griff. Verschickt an: Liz.“


    Nur Sekunden später vibrierte das Handy. Laurie grinste. „Wie kann man in so kurzer Zeit so viele Herzchen verschicken?“


    Toto lachte, stieg dann in seine grüne S-Klasse und winkte Laurie nochmal zu. „Hau rein. Und wenn Fragen sind… jederzeit.“



    Past Times‘ – Hintereingang. Tom hatte das Rolltor hochgefahren, und Hook setzte langsam zurück. Der alte Chevrolet C10 brummte tief, dieses typische, leicht unruhige Reihensechser‑Grollen, das man mehr fühlt als hört. Die Karosserie vibrierte, die Blattfedern knarzten bei jeder Bewegung, während er den Trailer Zentimeter für Zentimeter in die Halle schob.


    Laurie sprang heraus, löste die Spanngurte und zog die Rampen heraus. Ihre Hände waren schneller als nötig, fast fahrig.


    Tom sah auf die Delle und grinste. „Dein Transportgut ist beschädigt“, frotzelte er – und bekam dafür einen kräftigen Schlag auf den Oberarm.


    „Was kann ich dafür, wenn Mom nicht fahren kann…?“


    „Konnte“, korrigierte er trocken.


    „Schon gut. Los, runter mit dem Teil. Ich muss nach Hause. Heute ist die letzte Etappe vom Kabelbaum am Pacer dran, das kann dauern.“


    Tom stieg ein, ließ den Motor an und langsam rollte Helga vom Transporter. Er rangierte sie auf ihren Stellplatz neben dem GTO. Der frische Lack glänzte unter der Werkstattbeleuchtung. Laurie schluckte. Ein falscher Blick, ein falscher Moment – und alles wäre vorbei. „Fahr nicht noch mehr Beulen rein. Das glaubt dir keine Versicherung.“


    Sie griff nach den bereitliegenden Wolldecken. Tom half ihr, und gemeinsam deckten sie den Ford ab. Laurie zog die Decken millimetergenau zurecht, als hinge das gesamte Projekt davon ab. Keine Kante durfte hervorblitzen. Keine Spur von Erikaviolett.


    Sie waren gerade fertig, als von vorn eine Stimme kam. „Huhuu, jemand zu Hause?“


    Laurie erstarrte. Tom sah sie an. Beide gleichzeitig, viel zu laut: „Hier hinten!“


    Lauries Herz schlug plötzlich im Hals. Laura kam die drei Stufen herunter, entspannt, lächelnd, völlig ahnungslos. „Hi ihr zwei. Was macht ihr Schönes?“


    Laurie zwang sich zu einem lockeren Ton. „Och nix. Und du?“


    „Ich wollte nur mal kurz nach der Bitch gucken.“ Laura deutete auf den GTO. „Solange das Wetter noch so schön ist, könnte ich sie eigentlich mal wieder fahren. Der Winter kommt schneller, als man denkt.“ Ihr Blick wanderte weiter. „Oh… sie hat Gesellschaft gekriegt? Was steht denn da neben ihr?“


    Tom drehte sich um, als hätte er vergessen, dass da überhaupt etwas steht. Laurie dagegen spürte, wie ihr Puls hochschoss. Sie zupfte hektisch an einer Decke, ein Stück Stoßstange war nicht ganz verdeckt.


    „Kundenauto“, sagte sie schnell. „Nix Besonderes…“


    „Mhm.“ Laura trat einen Schritt näher. „Was steckt denn da drunter? Darf ich mal gucken?“


    Laurie hob sofort die Hand. „Neee, lieber nicht. Der Kunde ist empfindlich.“


    „Ich will ihn ja nicht auspacken“, sagte Laura und beugte sich leicht vor. „Nur mal kurz drunterlinsen. Was ist es denn? Sieht aber klein aus. Jedenfalls kein GTO.“


    Laurie spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken schoss. Tom schaltete sich ein, Stimme ruhig, aber mit einem Unterton von ‚Bitte, bitte, geh weiter’: „Du würdest ja auch nicht wollen, dass jemand an deinem Auto rumfingert, wenn du nicht dabei bist.“


    Laura richtete sich wieder auf, aber ihr Blick blieb auf der Decke hängen. „Ich seh‘ schon, das ist ne seriöse Werkstatt hier… aber irgendwas daran kommt mir… “


    „Wolltest du nicht den GTO fahren?“ fiel Laurie ihr schnell ins Wort. „Komm, wir machen den Überzieher ab. Der will bestimmt mal wieder raus.“

    Sie griff nach der Abdeckung des Pontiac, zog daran. Tom half sofort, froh über die Ablenkung. Und Laura ließ sich tatsächlich ablenken – aber ihr Blick glitt beim Vorbeigehen noch einmal über die Wolldecken.


    Laurie hielt den Atem an, bis Laura endgültig im GTO saß und der V8 erschallte.

  • Eine knappe Stunde darauf kniete sie vor dem gelben Pacer, schraubte das rechte Vorderrad ab und legte es neben sich.


    Seda stand an der Werkbank und hantierte mit Seitenschneider und Lötkolben. „Wenn das jetzt funktioniert, werden wir heute noch fertig“, stellte sie fest und hielt einen bunten Kabelstrang hoch.


    „Mhm. Dann können wir Samstag im Stream schön demonstrieren, dass die Elektrik wieder komplett ist. Dank Desert Heart, der Stromhexe mit dem glühenden Kolben.“


    Seda drehte sich zu ihr um, lächelte schief und drohte mit dem heißen Werkzeug.


    Laurie zog die Schultern hoch. „Ja was? Ist doch so. Ohne dich wäre ich noch lange nicht so weit. Stromgefummel ist nicht so meins.“


    „Dafür machst du die bessere Figur vor der Kamera…“


    Die Tür öffnete sich, Licht fiel in die kleine Halle und ein leichter, kühler Luftzug wehte herein. Lisa trat ein, die Jacke offen, ein Notizbuch unter dem Arm.

    „Ihr zwei seid ja wieder fleißig“, lächelte sie.


    Seda legte die Kabel ab, schaltete den Lötkolben aus und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. „Wir versuchen’s.“


    Laurie zog ihren Kopf aus dem Radkasten hervor, die Haare zerzaust. „Na du?“


    Lisa blieb stehen, sah kurz zwischen beiden hin und her, als würde sie abwägen, wie sie ihr Anliegen am besten formuliert. „Kann ich euch mal was fragen?“


    Neugierig sah Laurie sie an. „Klar, du doch immer. Was liegt an?“


    „Ich brauch Unterstützung“, sagte sie schließlich. „Beim Festival.“


    Laurie hob eine Augenbraue. „Ich dachte, du hast alles im Griff.“


    „Hab ich auch“, sagte Lisa ruhig. „Aber die Food‑Trucks sind… eine andere Liga.“ Sie hielt ihr Notizbuch hoch. „Die Hälfte hat Sonderwünsche, drei brauchen Gasabnahmen, einer will wissen, ob er über Nacht stehen bleiben darf. Ich kann das machen, aber nicht allein.“


    Laurie setzte sich auf den Werkstattboden, die Beine ausgestreckt. „Okay. Und was soll ich tun?“


    Lisa schüttelte den Kopf. „Du eigentlich nichts. Du hast mit den Autos genug zu tun, dazu deinen Stream, da bleibt keine Zeit mehr...“


    Laurie nickte langsam, ein bisschen stolz, ein bisschen erleichtert.


    Lisa wandte sich an Seda. „Ich weiß nicht, ob du Bescheid weißt? Dass ich nicht ganz gesund bin, meine ich. Hat Laurie…?“


    „Sie hat mal was angedeutet. Aber nichts Konkretes. Ich hoffe, das war okay?“, antwortete Seda etwas zögerlich, als wäre ihr dieses Wissen über Lisa unangenehm.


    „Nein, ist schon in Ordnung. Aber deswegen bin ich nicht mehr so belastbar wie früher und brauche manchmal – na ja – ein wenig Hilfe, wenn es zu viel wird mit der Arbeit. Und so ein Food-Festival fordert. Das ist doch ne Menge zusätzliche Arbeit zu den normalen Märkten. Und ich glaube… du wärst perfekt dafür.“


    Seda blinzelte überrascht. „Ich?“


    „Ja.“ Lisa trat einen Schritt näher. „Laurie, ich will offen sein. Wir haben euch im Stream gesehen, Laura und ich. Und mir – uns – ist aufgefallen, dass Seda, wie soll ich sagen, sie wirkt, als würde sie sich nicht so ganz wohl fühlen dabei.“ Sie sah Seda an. „Oder liege ich da falsch?“


    Laurie zog die Brauen hoch und sah ebenfalls zu Seda.


    Die knabberte etwas verlegen an der Unterlippe, ihr Blick sprang zwischen Lisa und Laurie hin und her.


    „Echt? Ist das so?“, fragte Laurie und Seda schüttelte spontan den Kopf, gab dann aber doch leise zu: „Ein bisschen…“


    „Warum sagst du nichts?“


    „Es macht schon Spaß. Aber manchmal ist es mir einfach etwas zu viel, der Chat etwas zu schräg. Und dein…“


    „… der Shirt Drop?“


    Seda nickte betreten.


    „Okay, ich verstehe.“


    „Ja, wenn der Chat wieder so ins – ähm – ins Anzügliche driftet. Das bin ich nicht.“


    Lisa nickte verstehend, schwieg aber.


    Seda sah auf den Boden, dann zu Laurie. „Bist du jetzt beleidigt?“


    Laurie lächelte und schüttelte den Kopf. Dann stand sie auf, ging zu Seda und umarmte sie. „Ich hab gedacht, du hast da auch Spaß dran. Wenn dir das zu viel ist, sag mir das einfach. Dann lassen wir das mit dem Stream. Ich will dich doch nicht zu etwas zwingen, was dich belastet.“


    „Beim Schrauben bin ich gern dabei, wir müssen die Kiste ja schließlich fertigkriegen. Und die Kamera für den Vlog mach ich auch weiter, keine Frage. Nur den Livestream… könntest du… den vielleicht… wieder alleine machen? Ich würde an den Tagen dann lieber Lisa helfen.“


    Lisa hob beschwichtigend die Hände. „Es geht nicht darum, dir jemanden wegzunehmen. Es geht mir in erster Linie darum, dass wir das Festival stemmen — und ich möchte jemanden an meiner Seite, der den Überblick behält. Und ich glaube, das könntest du sein, Seda.“


    Seda sah kurz zu Laurie, als wolle sie nochmals prüfen, ob das okay war.


    Laurie nickte sofort. „Mach das. Ehrlich. Du bist da viel besser drin als ich. Und ich hab echt genug mit dem Stream, dem Taunus und dem Pacer.“


    Seda atmete aus, ein kleines, warmes Lächeln. „Okay. Wenn du mich wirklich willst, Lisa… bin ich dabei.“


    Lisa lächelte zurück, erleichtert. „Gut. Ich weiß, du hast auch viel zu tun bei der Arbeit. Aber Samstags hättest du Zeit?“


    Seda nickte mit einem Lächeln.


    Laurie klopfte Seda mit schmutzigen Fingern auf die Schulter. „Siehste? Jetzt bist du offiziell wichtig.“


    „War ich vorher nicht wichtig?“


    „Doch“, sagte Laurie. „Aber jetzt steht’s im Protokoll.“


    Seda runzelte die Stirn. „Welches Protokoll?“


    „Das in meinem Kopf.“


    Lisa lachte leise, drehte sich zur Tür und ging wieder hinaus.


    Seda und Laurie sahen sich an.


    „Na toll“, sagte Seda. „Jetzt muss ich telefonieren.“


    „Willkommen im Orga-Team“, meinte Laurie und tauchte wieder in den Radkasten ab.

  • Kapitel 22: Factory & Flavours

    „Seda, willst du Nico anrufen oder soll ich?“, rief Lisa aus dem Nebenbüro.


    Seda stutzte. „Äh, Nico? Weswegen?“


    „Na wegen dem Namen. Wir müssen bis Montag die Plakate freigeben, sonst wird das zu spät. Und ich will sichergehen, dass er mit ‚Factory & Flavours’ okay ist.“


    „Hatte er das nicht schon gesagt?“ Seda kam in Lisas Büro und schaute auf den Monitor.


    „Guck mal, ich hab den Untertitel nochmal angepasst“, zeigte Lisa und Seda nickte. „‘Foodtruck-Festival an der alten Textilfabrik’ – gut. Gefällt mir. Aber bei Samstag fehlt ein S“


    „Hä? Oh, stimmt. Danke.“ Lisa korrigierte den Plakatentwurf ein letztes Mal und Seda knipste das Motiv mit ihrem Handy. „Ich schick’s ihm eben, dann sieht er auch gleich das endgültige Design.“


    „Ja okay. Hast du seine Nummer?“


    „Ich hab drüben irgendwo seine Karte liegen…“


    Es war knapp zehn Minuten später – sie ging gerade mit Lisa den Zeitplan für die Musikacts durch – als Sedas Handy klingelte. „Demir… ach, hi“, meldete sie sich, und für einen Moment huschte eine Mischung aus Freude und Panik über ihr Gesicht. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen, warf Lisa einen kurzen, hilfesuchenden Blick zu und stotterte: „Ja… nein… genau, das find ich auch am besten. Nein, mit ‚Und‑Zeichen‘ sieht’s cooler aus…“


    Lisa nickte lächelnd und zeigte den Daumen nach oben. Seda hielt kurz das Mikrofon zu und flüsterte: „Nico. Er ist okay mit dem Motiv.“ Dann wieder ins Handy: „Bitte? Ach so. Ferit. Ja, der kommt…“ „Gözleme. So Teigtaschen wie Crêpes, nur… genau. Mit verschiedenen Füllungen.“ „Ich? Am liebsten Käse.“ „Ja, superlecker.“ „… Ich glaube, Weizenmehl ist das.“ „Ja okay, mach das. Tschüssiii“, verabschiedete sie sich und ihre Stimme klang heller, als sie geplant hatte. Sie legte das Handy weg. Mit leicht gerötetem Kopf sah sie Lisa an. „Wegen Allergie. Er will noch einen Kollegen mitbringen und der hat Gluten. Also ne Allergie. Unverträglichkeit. Ach, was weiß ich… Ich frag Ferit.“ Dann stand sie auf und verschwand schnellen Schrittes aus dem Büro. Vorsichtig grinsend sah Lisa ihr hinterher.



    Am selben Abend – Seda saß oben auf der Couch und beobachtete Laurie im Stream –, als das Handy plötzlich wieder klingelte. Vor Schreck ließ sie es zuerst fallen, fasste es beim Aufheben etwas ungeschickt und drückte so den Anruf weg. Sie sah in die Anrufliste – es war wieder die Nummer von heute Mittag – Nico. „Oh Gott, was will der denn schon wieder?“, dachte sie. Dann „Shit. Wenn ich ihn jetzt nicht zurückrufe, denkt er, ich hab ihn absichtlich weggedrückt. Oh nein…“


    Hektisch drückte sie die grüne Anruf-Taste. „Hi, hier ähm – hier ist Seda. Demirci. Äh, ja, also, ich bin’s.“ Nicht nur ihre Finger, auch ihre Stimme zitterte. „Sorry, ich hab dich aus Versehen weggedrückt.“


    Nico lachte am anderen Ende der Leitung. „Das macht nichts, ich hatte mich sowieso verwählt. Blöde Wahlwiederholung…“


    „Ach so. Na dann…“


    „Aber, wenn du schon mal dran bist. Wie geht’s dir? Kommt ihr gut voran mit der Planung?“



    Oh nein – er redete mit ihr. Was jetzt? „Mhm. Alles gut. Ach, ich hab Ferit gefragt, er hat eine glutenfreie Variante – mit, äh, mit Maismehl. Glaub ich.“


    „Oder Reismehl?“


    „Ja, kann auch sein, ich weiß nicht mehr genau. Jedenfalls ohne Gluten – für deinen Freund.“


    „Ist nur ein Studienkollege. Aber danke, dass du gefragt hast. Ich bin schon gespannt, wie die schmecken. Mit Käse, hast du gesagt?“


    „Mhm.“


    „Gut. Ich liebe Käse. Und sonst so?“


    „Spinat.“


    „Was?“


    „Er macht auch welche mit Spinat.“


    „Ach so. Ich meine bei dir. Was machst du gerade?“


    Seda spürte, wie ihr Gesicht in Flammen aufging. Spinat. Sie hätte sich am liebsten selbst den Mund zugehalten. Mit der freien Hand schlug sie sich heftig gegen die Stirn, als könne sie das Wort zurück in ihren Kopf prügeln. Sie rutschte tiefer in die Couch, als wolle sie darin verschwinden.

    „Ich gucke Lauries Stream“, brachte sie schließlich heraus — bemüht ruhig, obwohl ihr Herz raste.


    „Ach ja, der Pacer. Sollte ich auch mal reingucken?“


    „Mach. Ist immer lustig.“


    „Wie hieß das noch gleich?“


    Rebel Yello. Ohne ‚w‘ hinten.“


    „Bist du nicht mehr dabei? Ich dachte, ihr macht das zusammen?“


    Oh Gott. Er hat sich das gemerkt. Er interessiert sich für das, was ich mache...“


    „Nee“, antwortete sie, aber es war mehr ein Kieksen als eine souveräne Antwort. „Ich hab mich da etwas rausgezogen. Du weißt schon – tagsüber der Job, Lisa braucht Unterstützung bei der Festival-Planung, da war nicht mehr genug Zeit für den Stream.“


    Schweigen an anderen Ende.


    „Bist du noch da?“


    „Ja, sorry. Ich hab’s gefunden, glaub ich. Sollen wir ein bisschen zusammen gucken?“


    „Okay…“


  • Kapitel 23: Vorbereitungen

    „Noch n Brötchen?“


    „Unbedingt!“ Lisa griff schon nach dem nächsten. „Die sind so lecker. Wo hast die die geholt?“


    „Bei dem neuen Bäcker in der City. Direkt neben dem Gemüseladen, wo Sedas Mam arbeitet.“


    „Warst du bei ihr?“


    „Nee, aber Seda hat gesagt, der Bäcker wär richtig gut. Da wollte ich den mal ausprobieren.“


    „Ach so. Hat sie recht, da können wir jetzt immer hin…“


    „Hat sie denn jetzt eigentlich noch Kontakt zu ihrer Mutter? Hast du sie mal gefragt?“


    Lisa schüttelte den Kopf, den Mund halb voll. „M’nee…“ Sie schluckte. „Wir hatten so viel zu tun.“


    Laura nickte und sah auf den Kalender. „Noch elf Tage. Seid ihr denn jetzt durch mit allem?“


    „Paar Kleinigkeiten noch. Die Hotelbuchungen für die Bands sind noch nicht fix. Ansonsten steht alles. Auch dank Seda. Das war ’ne richtig gute Idee, sie ins Boot zu holen. Hat mir echt geholfen.“


    Laura lächelte kurz. „Und ihr hat das auch richtig gutgetan. Mal gefordert zu werden, nicht so als… ähm… als ‚Zubehör von Laurie‘ zu laufen. Ich hatte vorher immer das Gefühl, sie fühlte sich eher geduldet hier. Mehr Last als Gast.“


    Lisa hob den Kopf. „A propos Gast — was ist eigentlich mit Nico?“


    „Was soll mit ihm sein? Er kommt am Freitag. Spät nachmittags, nach der Uni.“



    „Hierher? Oder hat er auch ein Hotel gebucht?“


    „Da sagst du was. Weiß ich gar nicht. Eigentlich könnte er ja auch bei Laurie übernachten… oder?“


    Lisa zuckte mit den Schultern.


    „Ich geh mal rüber und frag sie. Vielleicht haben sie das schon geklärt. Bevor wir uns hier groß Gedanken machen…“

    Laura stand auf, strich sich ein paar Krümel von der Hose und ging nach nebenan.



    Einen Moment später öffnete Seda — erst nur einen Spalt, dann ganz. Sie wirkte wach, gesammelt, fast… gelöst.

    „Morgen“, sagte sie, und ihr Lächeln war ungewohnt sicher.


    „Moin, Seda.“ Laura musterte sie kurz, irritiert von dieser neuen Ruhe. „Sag mal, ist Laurie da? Wir haben uns grad gefragt, wo Nico eigentlich bleiben soll nächstes Wochenende, wenn er zum Festival kommt. Weißt du, ob sie da schon was mit ihm besprochen hat? Ob er hier wohnt oder im Hotel?“


    „Nee, weiß ich nicht. Laurie ist im Bad.“ Seda überlegte eine Sekunde. „Soll ich ihn eben anrufen?“


    Laura blinzelte. Anrufen? Seda? Nico? So selbstverständlich, als wäre das längst Routine?


    „Äh… ja, okay. Kannst du gerne machen.“ Sie hörte sich selbst sprechen, während sie Seda ansah, als hätte die über Nacht ein Software‑Update bekommen. „Also… ihr organisiert das, ja? Brauchen wir uns nicht drum zu kümmern.“


    „Ja klar“, sagte Seda, und es klang nicht gespielt. „Alles im Griff.“ Sie griff schon nach ihrem Handy. „Soll ich ihn von dir grüßen?“


    Laura brauchte einen Moment. „Äh. Ja, gerne…“

    Und während Seda sich umdrehte, dachte Laura: Seit wann hat Seda Dinge im Griff? Seit wann klingt sie so? Was ist hier passiert?


    „Sie klärt das mit Nico“, sagte sie, als sie zurück in die Küche kam.


    „Laurie?“


    „Nein. Seda.“


    Lisa grinste wie jemand, der schon länger wusste, was da vor sich ging.


    „Zumindest sah sie wie Seda aus. Hab ich was verpasst?“


    „Nö“, meinte Lisa und nahm einen Schluck Tee. „Seda ist Seda. Aber sie hat in letzter Zeit öfter mit ihm telefoniert. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie sucht richtig nach Gründen, ihn anzurufen.“


    „Ach, sieh an…“ Laura zog die Brauen zusammen. „Weißt du mehr? Entwickelt sich da was?“


    Lisa hob wieder die Schultern – und nahm noch ein Brötchen. „Nee, weiß ich nicht. Vielleicht hat sie einfach jemanden gefunden, der mit ihr auf einer Wellenlänge ist. Ich mein, klar, sie und Laurie sind Freundinnen, aber — seien wir ehrlich — deine Tochter ist schon ziemlich… präsent. Vorsichtig ausgedrückt.“


    Laura verzog den Mund. „Klar, Laurie ist halt Laurie. Und Elenn noch dazu.“ Sie seufzte leise. „Und eine Seda gegenüber zwei Lauries… da ist nicht alles im Gleichgewicht.“


    Sie lächelte dann, ein warmes, fast erleichtertes Lächeln. „Umso schöner, wenn sie mit ihrem Bruder jemanden gefunden hat, der wirklich auf einer Ebene mit ihr ist.“



    Währenddessen sprach Seda mit Nico.

    „…Du, weiß ich nicht. Meinst du nicht?“


    „So gut kennen wir uns ja noch nicht“, erklärte Nico. „Ich will ihr nicht einfach uneingeladen auf die Bude rücken.“


    „Ja, okay. Dann… soll ich sie fragen? Oder willst du?“


    „Wärst du denn okay damit? Ich meine, so riesig ist die Wohnung ja nicht. Ist da überhaupt Platz für zwei Übernachtungsgäste?“


    „Passt schon.“


    „Wir können’s so machen: Ich reserviere online zwei Hotelzimmer für Kevin und für mich. Und wenn Laurie Platz hat, sag ich einfach wieder ab – eins, oder beide.“


    Seda dachte kurz nach. Ihre Stimme blieb erstaunlich ruhig. „Oder anders. Ich frag sie gleich mal so ganz nebenbei, ob sie dich hier haben will. Und wenn sie nicht sofort ja sagt, behaupte ich einfach, du hast eh schon ein Hotel gebucht. Und falls es doch okay ist für sie, dann soll sie dir selbst Bescheid geben.“


    „Okay, so machen wir’s.“


    „Ich muss Schluss machen, da kommt sie.“


    „Okay. Nur eins noch…“


    „Hm?“


    „Er macht wirklich auch Spinat?“


    Seda lachte leise. „Blödmann…“



    Sie legte das Handy weg, als Laurie ins Zimmer kam – nur in ein Handtuch gewickelt. „Boah, du duftest bis hierhin nach Pfirsich“, verzog Seda das Gesicht und wedelte mit beiden Händen in Lauries Richtung.


    Laurie grinste. „Rest in Peach-Showergel.“


    Seda zog die Stirn kraus. „Das heißt jetzt aber nicht wirklich so, oder?“


    Laurie nickte und schnupperte nochmal an sich. „Aber der Spritgestank ist jetzt endlich weg, glaub ich. Oder?“ Sie kam näher und ließ sich auf die Couch neben Seda fallen, das Handtuch löste sich ein kleines bisschen. „Ups…“, lachte sie und steckte es wieder fest.


    Seda hielt unmerklich die Luft an, fing sich sofort wieder und tat so, als hätte sie das verrutschte Handtuch gar nicht bemerkt. „Ja. Ist weg. Du riechst heute deutlich besser, nicht mehr nach Zapfsäule.“


    „Ja, brauch ich auch nicht nochmal. Dieses schöne Gefühl, wenn du unter der Karre stehst, der Spritschlauch reißt ab und das Super Plus läuft schön den Arm runter bis in die Unter… naja. Brennt aber noch n bisschen, Benzin von heute ist echt aggressiv.“


    „Ein Glück sind Tattoos benzinfest.“


    „Ach, aber die Klamotten müssen nochmal in die Maschine. Und dann müssen wir auch los. Willst du noch was essen oder sollen wir unterwegs was mitnehmen? Wir können bei dem neuen Bäcker vorbei.“


    „Nee, danke. Hab schon.“


    „Na gut, dann zieh ich mich an.“





    Hook brauchte wieder einige Momente, bis er alle Zylinder sortiert und zur Arbeitsaufnahme überredet hatte. Laurie verzog das Gesicht. „Ich glaube, da müssen wir mal wieder ran. Der alte Kerl wird bockig.“


    Seda nickte. „Hat der noch Unterbrecherkontakte?“


    „Nope. Die Baujahre haben schon kontaktlose Zündung. Wahrscheinlich klemmt die Kackfeder vom Choke wieder.“


    „Wird doch Zeit, dass der Pacer mal fertig wird. Was hast du eigentlich damit vor? Wenn er mal fährt, meine ich?“


    „Na, fahren, was sonst?“


    „Dann hast du zwei Autos.“


    „Na klar, Autos kann man nie genug haben. Guck dir Mom an, die hat den Escalade und den GTO. Und bald noch den Taunus dazu.“

    „Kommst du da eigentlich auch voran?“


    Laurie richtete sich ein Stück auf, fast stolz. „Ist eigentlich fertig. Paar Kleinigkeiten noch, dann kann er zur HU.“


    „Und dann kommt ne große Schleife drum. Ich bin schon gespannt, was Laura sagt. Hat sie eigentlich einen besonderen Geburtstag, oder macht ihr immer so große Geschenke?“


    „Nee, is’ der vierzigste. Autos gibt’s bei uns immer nur an runden Geburtstagen“, lachte Laurie.



    „Oder zum Achtzehnten…“ Ein tiefes Seufzen entwich Seda, und Laurie warf ihr einen mitleidigen Blick zu. „Du hast auch bald, oder?“


    Seda nickte kurz. „Vielleicht sollte ich doch…“


    Laurie lenkte den Chevy langsam an den Straßenrand, ließ ihn ausrollen und stellte den Motor ab. Dann sah sie Seda direkt an, ruhig, wach. „Was? Zurück?“


    Seda nickte vorsichtig.


    Laurie antwortete nicht. Das kam überraschend.


    „Es ist meine Familie…“


    Laurie blieb still. Sie wusste, das war kein Moment für Sprüche, keine Stelle für schnelle Lösungen. Was sie jetzt sagte, konnte etwas verschieben — für Seda, für sie, für ihre Freundschaft. Also schwieg sie weiter und hielt Sedas Blick.


    Seda wandte den Kopf ab, sah zum Seitenfenster hinaus. „Manchmal vermisse ich sie eben.“

    Dann drehte sie sich wieder zu Laurie. „Das soll nicht heißen, ich bin nicht gerne bei euch – bei dir. Bin ich. Absolut. Du, Laura, Lisa, die Fabrik, der Pacer, Nico…“


    „Nico. So so“, grinste Laurie. „Gibt es da was, was ich wissen sollte?“


    „Was? Nein. Das meine ich nicht. Aber dieses Ganze… Ihr seid für mich auch inzwischen sowas wie eine Familie geworden. Aber ihr seid eben nicht meine richtige Familie, verstehst du?“


    Laurie nickte, lächelte weich und strich Seda mit einem Finger über die Wange. „Wir sind für dich da. Und wir halten dich. Aber wir halten dich nicht fest, okay?“


    Seda öffnete ihre Tasche, zog eine Zigarettenschachtel heraus, steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zündete sie aber nicht an. Sie atmete einmal tief aus, schob die Zigarette zurück und richtete ihr Kopftuch. „Fahr weiter…“


    „Musik?“


    „Musik. Laut!“

  • Hui, tausend Klix schon. Ich hoffe mal, das sind nicht nur Bots und wenigstens ne Handvoll Leute liest interessiert mit coyo:w00t


    Anmerkungen und Korrekturen sind immer willkommen und, wie gesagt, wer Interesse an dern Vorgängergeschichten hat, kann gerne ne Nachricht schreiben.


    Morgen gehts weiter, dann startet das Factory & Flavours :biggrin

  • Die nächste Ration. Jettz kommt das Food-Festival,ein dramaturgischer Knotenpunkt der Story.


    Kapitel 24 Factory. Flavours und...

    Der kleine rote Wagen rollte langsam auf den Hof. Ein kurzes Hupen, dann stieg Nico aus, sah sich um. Lisa kam angelaufen, unter dem Arm ihr Notizblock, in den Augen leichte Panik. „Hi Nico, schön, dass du da bist. Ich bin gleich bei dir. Ähm, stellst du den Wagen bitte draußen ab? Hier vor der Tür wird gleich der Getränkestand aufgebaut…“


    „Tag. Ja okay, Ähm, vorn an der Straße?“


    Lisa war schon weitergelaufen, rief nur noch über die Schulter: „Hm? Ja ja, vorne an der Straße. Und achte auf die Schilder. Nicht, dass er gleich wieder abgeschleppt wird. Ich bin gleich wieder bei dir. Ach, und wenn du Seda irgendwo siehst, sie soll mal schnell… Ach was, mach ich schon selbst. Bis später.“ Rief’s und schon war hinter der Hausecke verschwunden.


    Nico kratzte sich kurz am Kopf, stieg ein und parkte den Wagen um. Dann ging wieder auf das Gelände und schaute sich erneut um, staunte, wie sich der Platz vor der Fabrik langsam in ein kleines Festivalgelände verwandelte.

    So ein Trubel. Zum ersten Mal sah er jetzt ‚in echt‘, was er mit seiner Idee vom Foodtruck-Festival ausgelöst hatte.


    Dann kamen Laurie und Seda über den Hof. Aber während Seda lächelnd vor ihm stehen blieb und ihm die Hand reichte, lief Laurie gleich weiter. „Bruder…“ grüßte sie nur kurz und schwenkte eine große Rolle rot-weißes Flatterband. „Sorry, bin gleich da. Das Ordnungsamt macht Stress wegen der Parkerei morgen. Ich muss mal kurz… Bin gleich wieder bei euch. Hast du Liz irgendwo gesehen? Die hat den Plan.“


    Nico zeigte Richtung Straße. „Die ist eben…“ Aber Laurie war schon außer Hörweite. „Meine Güte, was für ein Gewusel“, bemerkte er stirnrunzelnd. Seda stand etwas verloren vor ihm, sah sich um. Ein kleines, trompetendes Pffft entwich ihr. „Und das ist erst der Anfang,“


    Dann kam Laura – wie immer lächelnd, freundlich, aber auch bestimmt und fokussiert. „Moin Nico, schön, dass du schon da bist. Bist du allein gekommen? Ich dachte, du wolltest einen Freund mitbringen?“


    „Wollte ich, aber Kevin ist…“


    „Weißt du, wo Seda hin ist?“, fiel sie ihm gleich wieder ins Wort.


    Seda hob irritiert die Hand. „Hier bin ich doch…“


    Verdutzt sah Laura sie an. „Seda? Ach sorry, hab mich versprochen. Laurie meinte ich. Tut mir leid.“ Sie legte entschuldigend ihre Hand auf Sedas Schulter. „Aber wo du grad hier bist, ich glaube, Lisa sucht dich…"

    „Die hab ich grad schon getroffen, sie macht es selbst. Was immer sie auch machen sollte“, schaltete Nico sich ein.


    Laura guckte erstaunt, während sie sich auf dem Gelände umsah, um die aktuelle Lage zu scannen. „Ach so. Na, umso besser. Seda, dann kannst du Laurie helfen mit den Absperrungen. Sie müsste irgendwo auf der Straße sein. Und du Nico, kommst am besten gleich mit. Ich brauch dich in der Halle. Bist du allein gekommen?“

    „Ähm, ja.“



    Eine halbe Stunde später rollten die ersten drei Trailer an. Laurie kam mit dem Plan angelaufen und ließ die Fahrer exakt auf die vorgesehenen Stellplätze rangieren, während Seda telefonierend über den Platz lief, schon wieder auf der Suche nach Lisa.



    In der Halle stand Laura zusammen mit Nico auf der Bühne und zeigte ihm, wer wann wo warum zu sein hatte. „Hier links ist der Bereich für die Tische, erkennst du an den gelben Markierungen. Die bringt der Getränkefritze gleich mit – hoffentlich. Die sollen die dann so aufbauen wie eingezeichnet. Nicht zu nah an die Bühne. Eben in den Markierungen…“



    „Mhm, ist klar. Und was heißt grün?“



    „Grün ist Freifläche. Da darf nichts hingestellt werden. Wird später am Abend dann sicher zur Tanzfläche oder so, werden wir sehen. Ist aber erstmal Pufferzone, damit die Boxen nicht direkt neben den Esstischen stehen, okay?“



    „Okay.“



    „Und weiter vorne, vom Tor bis zur gelben Zone werden dann morgen die Indoor-Wagen aufgestellt. Also Kaffee, Eis, Die Cocktail-Bar – ähm, was haben wir noch…? Ach ja, die Sweet Shapes. „Die sind geil, die machen so Dessertzeugs. Ich geb‘ dir einen Tipp – probier‘ den Zimtkuss. Könnte ich für sterben, die sind soo…“ Sie leckte sich einen imaginären Sahnerest von der Fingerkuppe, „…gefährlich gut. Bestimmt tausend Kalorien pro Stück, aber drauf geschissen.“



    „Okay, mach ich“, grinste er. „Was noch?“



    Laurie fing Seda ab. „Hast du Liz gesehen?“

    Seda schüttelte den Kopf.

    „Achtest du bitte ein bisschen mit darauf, dass sie sich nicht übernimmt? Du weißt, sie…“

    Seda nickte. „Ich weiß.“



    Am Abend saßen Laurie, Seda und Nico am Tisch in ihrer Wohnung. „Ich hab gedacht, heute nur ne Kleinigkeit. Der große Fresstag ist morgen. Aber Spaghetti gehen immer. Oder?“



    „Klar“, bestätigte Seda.



    „Es gibt auch Spinat‑Spaghetti“, bemerkte Nico mit einem auffällig unauffälligen Gesichtsausdruck. Seda versuchte prompt, ihm unter dem Tisch einen Tritt zu verpassen, traf aber ins Leere – sie saßen zu weit auseinander.


    Laurie hob eine Augenbraue, dieser typische „Willst du mich verarschen?“-Blick, den sie für Studenten‑Besserwisserei reserviert hat. „Hä? Was faselst du da? Oder hab ich was verpasst?“



    „Nix. Nur Spinat. Mit ganz viel Muskat. Das ist kein Verrat. Stand auf dem Plakat.“


    Laurie starrte ihn an. „Bist du besoffen?“ Dann an Seda: „Weißt du, was das bedeuten soll?“


    Seda sah konzentriert auf ihren Teller, krampfhaft bemüht, ernst zu bleiben. „Nö. Keine Ahnung, was er meint.“



    Bald schon gingen sie schlafen, morgen würde ein harter Tag werden. Seda machte es sich auf ihrem angestammten Platz auf der Couch gemütlich, Nico bezog die Klappmatratze an der gegenüberliegenden Wand. Laurie verteilte noch großzügig ein paar Kissen, was selbstverständlich nicht ohne Kommentare ablief.


    „Hier, Seda. Wurfmaterial. Falls er schnarcht. Aber zielen und treffen. Wer hier was kaputtwirft, fliegt. Klar?“

    „Jawoll, klar“, grinste Seda.


    „Und ich? Ich bin wehrlos!“, beschwerte sich Nico.


    „Nur bis zum ersten Wurf… Nacht, ihr Schnuftis.“

  • Laura schlug die Augen auf, der Radiowecker zeigte 6 Uhr 17. Sie tastete mit dem rechten Arm nach Lisa – das Bett neben ihr war leer. Ein leichter Seufzer, in Zeitlupe verließ erst ein Bein das Bett, dann das zweite, gefühlte zehn Minuten später kam sie in die Küche geschlurft. Lisa saß am Tisch bei einer Tasse Tee, starrte auf ihr Handy und wischte unruhig die Seiten hin und her.


    „Moin. Bist du schon lange wach?“ Ein wenig abwesend nickte Lisa. „Mhm, schon fast ’ne Stunde. Ich konnte nicht mehr schlafen.“


    Laura streckte sich ausgiebig, nahm ihre Tasse aus dem Schrank und schaltete die Kaffeemaschine ein. Dann ging sie zum Fenster, sah nach draußen. „Schön draußen. Wird ein guter Tag heute“, bemerkte sie, während die Maschine ein erstes Brummen und Gluckern von sich gab.


    Erst jetzt sah Lisa sie an, lächelte. Laura trug den kurzen schwarzen Seidenkimono, den sie ihr zu Weihnachten geschenkt hatte – und nur den seidenen Kimono. Sie stand am Fenster, die Morgensonne zeichnete ihre sanften Kurven nach, und Lisas Gedanken schweiften für einen Moment ab.


    „Sollen wir das Festival absagen?“


    Laura zog die Brauen hoch. „Hm?“


    „Ich könnte mir den Tag auch anders vorstellen…“


    Laura lächelte mit ihrem typischen sanften Laura-Lächeln, öffnete langsam den Gürtel und ließ den schimmernden Stoff über die Schultern bis zu den Ellbogen gleiten. Sie drehte sich ein Stück, gerade so, dass Lisa wusste: Das war Absicht.


    „Was machst du da?“, fragte Lisa leise.


    „Ich gucke aus dem Fenster…“ Laura zuckte mit den Schultern, als wäre das die normalste Sache der Welt.


    „Die sehen dich doch…“


    „Sollen sie“, grinste sie und räkelte sich noch einmal, ein bisschen zu genüsslich, ein bisschen zu bewusst.


    Lisa stand auf, stellte sich hinter sie und zog ihr den Mantel wieder über die Schultern. Dann sah auch sie hinaus auf den Hof. „Da ist doch gar keiner“, stellte sie nüchtern fest.


    „Schade“, murmelte Laura, drehte sich um und ging zurück ins Schlafzimmer.


    „Scheiße!“, hörte sie auf halbem Weg Lisa rufen, drehte um.


    „Was ist?“


    Lisa zeigte Laura ihr Handy, eine News-Seite war geöffnet. „Unfall auf der Autobahn – Vollsperrung.“


    „Oh shit…“


    „Ich muss die Foodtruck-Leute anrufen. Nicht, dass die noch im Stau stecken bleiben…“


    „Mach das. Ich zieh mich an. Bin gleich wieder da.“


    „…Schade“, lächelte Lisa leise.



    Währenddessen drüben bei Laurie: Die Wohnzimmertür wurde aufgestoßen, Laurie kam herein, in den Händen eine Packung Schokokekse und eine Flasche Cola. „Aufsteehn!“, rief sie.


    Seda zuckte kurz zusammen und murmelte irgendetwas Unverständliches in ihr Kissen.


    Nico war schon wach und stand in Nullkommanichts neben seiner Matratze. Er bückte sich und sammelte drei Wurfkissen ein, die wohl über Nacht in seine Richtung geflogen waren. Laurie blieb stehen, sah ihn an, als hätte er gerade gegen die Naturgesetze verstoßen, und zog den Vorhang auf.

    „Was bist du denn für ein Studi? Ich dachte, ihr schlaft alle bis Mittag…“


    „Ich hab als Kind mal ’nen Wecker verschluckt.“


    „Alter…“


    „Spaß“, lachte er und schnappte sich sein Waschzeug. „Du brauchst sicher noch ’nen Moment?“, grinste er Seda an.


    Die ließ sich wieder auf ihr Kissen fallen. „Ne Woche – oder zwei“, murmelte sie, die Haare wild im Gesicht verteilt.


    Laurie warf ihr die Kekse auf den Bauch. „Hier, Energiekekse.“


    Seda nahm die Packung, richtete sich langsam auf. „Na, wenigstens was mit Zucker…“


    „Spinatkekse sind aus.“


    Seda sah Laurie sparsam an. „Hä?“


    „Den Spinat-Gag musst du mir bei Gelegenheit mal erklären…“


    Seda winkte ab, richtete ihre Haare so, dass zumindest etwas vom Gesicht zu sehen war, stand auf und begann, ihr Bettzeug zusammenzulegen.

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  • Eine Viertelstunde später stürmte das Trio auf den Hof vor der Fabrik. Lisa prüfte gerade die Markierungen für die Trucks, während Laura den Escalade hinter das Gebäude fuhr.


    „Moggeen!“, rief Laurie. Lisa winkte sie heran, während Seda gleich wieder umdrehte. „Ich hab was vergessen“, entschuldigte sie sich und lief zurück in die Wohnung. „Bin gleich wieder da…“ Nico sah ihr nach, zuckte zweimal mit den Schultern und lief dann direkt Laura in die Arme.


    „Moin, da seid ihr ja. Schöne Luft heute, was?“, begrüßte sie ihn und atmete einmal tief ein. „Geht gleich los, die ersten Trucks müssten bald eintrudeln. Hier, nimm meinen Plan und weis’ sie ein. Die Platznummern stehen hier, siehst du? Und hinten ist die Liste mit den Namen und Kennzeichen – ganz einfach.“ Nico nickte.


    Laurie, ebenfalls mit Klemmbrett und einem Maßband bewaffnet, rannte Richtung Zufahrt, blieb dann abrupt stehen und rief nach Lisa. Die folgte ihr, stoppte schon drei Schritte vorher, stemmte die Hände in die Hüften und schimpfte: „Was soll das denn?“


    „Was soll was denn?“, fragte Laura und ging zu ihnen. „Oh.“ Ein LKW stand dort – halb auf der Straße, halb in der Zufahrt zum Gelände. Offenbar hatte jemand gestern spät abends noch nach einem Stellplatz gesucht, ohne darauf zu achten, ob die ausgewählte Position jemanden behindern könnte. Schließlich war das hier in erster Linie ein Gewerbegebiet – wen sollte er da am Wochenende schon groß stören?

    Hoffentlich war der Fahrer noch beim Auto und der 40-Tonner nicht einfach so abgestellt worden.


    „Das geht nicht, der kann da so nicht stehen bleiben!“, fauchte Lisa und lief los. „Der blockiert ja die halbe Einfahrt…“


    Am LKW klopfte sie an die Tür. Erst vorsichtig, dann fester – keine Reaktion. „Scheint keiner da zu sein...“


    „Wahrscheinlich pennt der“, stellte Laurie fest, schob sich die Ärmel hoch und holte aus. „Hallooo! Polizeiii! Aufmacheeen!“ Sie donnerte so heftig gegen die Tür der Zugmaschine, dass das ganze Fahrerhaus wackelte.


    „Laurie…“, grinste Lisa verhalten, „du weckst ja die halbe Stadt auf…“


    „Ja, aber nicht ihn!“ Laurie klopfte erneut, diesmal mit der flachen Hand, laut genug, dass selbst Tauben auf den Dächern aufflatterten.


    Jetzt tat sich etwas: Hinter der kleinen Gardine bewegte sich ein Schatten, hektisch, unsicher. Ein dumpfes Poltern, als wäre jemand im Halbschlaf gegen etwas gestoßen.


    Das Seitenfenster öffnete sich einen winzigen Spalt – gerade so weit, dass ein Auge herauslugte. Vorsichtig. Misstrauisch. Wie jemand, der nicht sicher ist, ob draußen wirklich Polizei steht oder jemand, der nur so tut.


    Dann zog der Mann die Gardine zur Seite und öffnete das Fenster ein Stück weiter. Verschlafen, aber angespannt, die Schultern hochgezogen, der Atem flach. In der Hand ein Baseballschläger, nicht erhoben, sondern quer vor der Brust – bereit, falls das hier ein Überfall war.


    Ne oluyor? Polis mi? Polis nerede?“ rief er, rau, alarmiert, eindeutig verängstigt.


    Laurie hob sofort beide Hände. „Whoa! Alles gut! Keine Polizei! Nur wir! Also… ich!“


    Lisa seufzte. „Super, Laurie. Genau so beruhigt man Leute.“


    Der Mann blickte nervös um sich. „Polis?


    Laurie schüttelte den Kopf. „No, no police. Do you speak English? Can you come out, please?“


    Der Mann verneinte. „No, not English. Türkiye.“


    Lisa sah am LKW entlang, las die Beschriftung. „Lisbon – Roma – Atina – Istanbul“, murmelte sie. „Der kann bestimmt nur Türkisch…“


    „Wo ist Seda?“ Laurie lief los, um ihre Freundin zu suchen, während Lisa weiter versuchte, den Mann zu beruhigen. „One moment please. Keep cool…“


    Seda und Nico kamen angerannt. Lisa zeigte auf den LKW. „Hier, der Mann spricht nur Türkisch. Kannst du ihm mal erklären, dass er hier im Weg steht?“


    „Mhm, okay.“ Seda räusperte sich und hob grüßend die Hand. „Merhaba. Türkçe konuşuyor musunuz? Burada bir giriş yolunu kapatıyorsunuz. Lütfen biraz ileri gider misiniz?“ (Hallo. Sprechen Sie Türkisch? Sie blockieren hier eine Zufahrt. Können Sie bitte ein Stück vorrücken?)


    Misstrauisch öffnete er das Fenster noch weiter und antwortete dem jungen Mädchen mit Kopftuch, das ihn freundlich anlächelte: „Günaydın. Kusura bakmayın. Şimdi süremem, mola yapmak zorundayım. Sonra gidebilirim.“ (Guten Morgen. Das tut mir leid. Ich darf jetzt nicht fahren, muss Pause machen. Später kann ich wegfahren.)


    Seda übersetzte: „Er darf jetzt nicht fahren…“


    Lisa verzog das Gesicht. „Ach so, wegen Lenkzeiten. Hm. Kann er nicht ein Stück weiter? Nur die Straße runter, bis zum Wendehammer, da ist ein Parkplatz. Sag ihm, hier findet eine Veranstaltung statt und er steht im Weg…“


    „Mhm.“ Seda wandte sich wieder zum Fahrer. „Biraz daha ilerleyebilir misiniz? Şuraya kadar… Sie stockte. „Was heißt denn ‚Wendehammer‘?“


    Lisa grinste. „Der Parkplatz, am Ende der Straße.“


    „Sokağın sonunda bir otopark var. Oraya park edebilirsiniz. Bu öğleden sonraki festivale gelmenizi memnuniyetle karşılıyoruz. Sizi içtenlikle davet ediyoruz. Bol miktarda yiyecek olacak.


    „Das war aber ein langer Satz“, staunte Lisa.


    Seda fasste zusammen: „Ich hab ihn zum Festival eingeladen.“


    „Gute Idee“, meinte Nico. „Sag ihm, es gibt Spinat…“


    Seda verdrehte die Augen, winkte dem Fahrer und zeigte die Richtung. „Da lang. Şuradan… oraya kadar, Wendehammer.“


    „Wendehammer, okay“, bestätigte der Fahrer und machte sich daran, seinen Sattelzug wegzufahren.


    „Dankeschön“, rief Lisa ihm hinterher und winkte freundlich.



    „Hä?! Nicooo!“, rief Laura und drehte sich einmal im Kreis auf der Suche nach dem Mann mit dem Belegungsplan. „Der ist drinnen, in der Halle“, informierte Laurie. „Was’n los?“


    „Hier“, zeigte Laura. „Der gelbe Van. Der steht doch falschrum…“


    Laurie stülpte die Unterlippe vor, machte ein paar völlig sinnlose Vermess‑Gesten und schüttelte dann den Kopf.


    „Na klar“, ergänzte Laura, „alle in einer Reihe hatten wir geplant, und alle mit dem Verkauf nach hier, nach vorne. Sonst laufen die Leute ja Slalom um die Vans.“


    „Genau. Und deswegen stehen die ‚British Bull-Dogs’ andersrum. Das ist nämlich ein englischer Van, der hat die Verkaufsklappe auf der anderen Seite. Gucksdu Lenkrad…“


    Laura schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Na denn… ihr macht das schon richtig. Ich geh rein.“



    In der Halle saß Lisa auf einer der Bierbänke, vor sich ein Becher Wasser. Laura setzte sich neben sie, noch mit dem Rest der morgendlichen Weichheit in der Stimme, aber die To‑do‑Liste schon im Nacken.


    „Alles okay mit dir?“ „Ja ja, hatte nur meine Tabletten noch nicht genommen.“

    Laura sah sie an — kein Vorwurf, kein Befehl, nur dieser leise, weiche Blick, der sagte: Ich kenn dich. Und ich seh, wenn du’s übertreibst. „Hm“, murmelte sie, ein kleines, müdes Lächeln. „Dann erklärt das, warum du hier sitzt wie ’ne Dekofigur.“ Sie stieß sanft mit der Schulter gegen ihre. „Kriegst du geregelt, ne?“


    Lisa nickte. „Klar. Bin gleich wieder bei euch“


    Am Hallentor zog Laura kurz ihre Tochter zur Seite und flüsterte: „Hab bitte mit ein Auge auf Lisa. Ich hab ein bisschen Angst, dass sie sich übernimmt heute…“


    Lauries Blick glitt zu Lisa, ein kurzes, wortloses Nicken – dann war sie schon wieder unterwegs. Diesmal zu einem himmelblauen Ford Transit, der eben auf das Gelände gefahren kam. Seda stand daneben und winkte dem Fahrer, während Nico mit seinem Plan wedelte und ihn zentimetergenau auf seinen Stellplatz dirigierte.


    „Hier, in die Markierung“, rief er. „Noch ein Stück… noch… Stooop. Okay, so kannst du stehen bleiben.“

    Der Motor dieselte weiter vor sich hin, die Tür öffnete sich, der Fahrer stieg aus.


    „Ferooo!“, rief Seda und umarmte ihn. „Sedo, da bist du ja. Geht es dir gut?“


    „Mir? Ja, alles prima. Aber dein Auto klingt ja schrecklich. Hast du schon wieder den Öldeckel vergessen?“


    Laurie schnüffelte am Auspuff, verzog das Gesicht. „Ich glaube, da fehlt einiges mehr als ’n Schluck Öl.“


    Ferit warf ihr einen kurzen Blick zu – nicht feindselig, aber abwägend –, sagte jedoch nichts dazu.


    Seda stellte sich zwischen sie und Ferit. „Fero, das ist meine Freundin Laurie. Laurie, das ist mein Cousin Ferit. Und das“ – sie zeigte auf Nico, ein feines, sehr dezentes Lächeln huschte über ihr Gesicht – „das ist Nico. Ihr Bruder.“


    „Halbbruder“, korrigierte Laurie knapp, und Seda bestätigte:


    „Halbbruder.“


    Nico streckte Ferit offen die Hand entgegen. „Hallo. Willkommen auf dem Factory & Flavours-Festival!


    Ferit nickte, nahm die Hand – einen Hauch zu zögerlich, einen Hauch zu fest –, sein Blick glitt kurz zu Laurie, prüfend, vorsichtig.


    Laurie erwiderte ihn nur mit einem knappen Nicken, kühl, distanziert, schon halb abgewandt. „Ich muss weiter“, sagte sie und war im nächsten Moment schon unterwegs.

    „Immer on the run“, entschuldigte Seda sie und sah ihr nach, ohne die Spannung zwischen den beiden überhaupt wahrgenommen zu haben. „Ich bin dann so ab fünf, halb sechs bei dir zum Helfen, okay Fero?“


    Ferit nickte wieder stumm und wandte sich dann an Nico. „Stromanschluss?“ fragte er knapp. Nico sah auf seinen Plan. „Okay, Nummer sieben kriegt… einmal Strom rot. Wo hast du deinen Stecker?“

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