Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • Hallo Fans und solche, die es noch werden wollen :biggrin :saint :whistling


    Es ist wieder Freitag und die nächste Portion Text steht an. Für das Kapitel ist mir noch kein passender Titel eingefallen, darum erstmal nur als:


    Kapitel 32:

    Laura schlug die Augen auf. Sie streckte sich, sah zum Wecker – ihr Atem stockte – 8:04. SHIT! Augenblicklich saß sie aufrecht im Bett, stupste Lisa etwas unsanft an. „Steh auf. Wir haben verpennt.“


    Lisa murmelte etwas Unverständliches, drehte sich um und klappte das Kissen über die Ohren, während Laura schon neben dem Bett stand. Hektisch warf sie ihren Kimono über, lief zum Fenster, sah auf den Hof – aber vom Schlafzimmer aus waren Tor und Halleneinfahrt nicht zu sehen.

    Sie rannte ins Bad, und keine fünf Minuten später stürzte sie aus der Wohnung, die Treppe hinunter auf den Hof. Ein Stück vor der Einfahrt blieb sie überrascht stehen.


    Das Hallentor war geöffnet, es roch nach Dieselabgasen. Die Schlange der Transporter bewegte sich langsam, aber kontinuierlich hinein. Laura ging weiter. Dann sah sie Nico am Tor stehen, winkend, ruhig, einen nach dem anderen Transporter einweisend. Drinnen stand Laurie mit einigen Händlern, den Hallenplan in der einen, den Kuli in der anderen Hand.


    Als sie Laura bemerkte, grinste sie. „Oh, die Marktleitung a. D. Auch schon da? Bisschen viel Vino erwischt, was?“


    Laura sah zu Laurie, dann zu Nico, der ihr jetzt zuwinkte und gegen die nagelnden Diesel anschrie: „Morgeen!“ Laurie wandte sich gleich wieder den wartenden Händlern zu, die sehnsüchtig auf die Zuteilung der letzten Restplätze hofften.


    „Ich brauch vier Meter!“ – „Ich auch!“ – „Ich fünf!“ – „Ich nur zwei! Machst du auch geteilte Plätze? Wir brauchen nicht so viel…!“ riefen sie durcheinander. Laurie hob beide Hände, bat um Ruhe. „Einer nach dem anderen“, wies sie sie an und zeigte auf ein älteres Paar ganz vorn. „Also, ihr wollt zwei Meter? Hab ich – 3d, ein Eckplatz. Passt das?“ Der Mann nickte, die Frau stürmte sofort los, um den Platz zu sichern.


    Laura trat einen Schritt näher und beobachtete, wie souverän und routiniert Laurie die Leute abfertigte. Laurie warf ihr ein kurzes Lächeln über die Schulter zu. „Alles im Griff. Leg dich wieder hin…“

    Laura sah sich noch einmal um, legte ihre Hand auf Lauries Schulter. „Danke dir… euch. Ich geh nochmal kurz rauf, bin in zehn Minuten wieder da, okay?“


    Laurie nickte knapp, schon wieder halb im Gespräch mit dem nächsten Händler.


    „Da bist du ja schon wieder“, wunderte sich Lisa, als Laura in die Küche kam. „Ist keiner da?“

    Laura nahm ihre Tasse aus dem Schrank, setzte sich, atmete kurz aus und antwortete: „Doch, läuft alles. Laurie und Nico schmeißen den Laden. Ich geh gleich wieder runter.“ Lisa grinste und Laura runzelte die Stirn. „Wusstest du das?“


    Lisa grinste noch breiter, goß ihr heißes Wasser ein. „Was glaubst du, wer den Wecker ausgeschaltet hat…?“


    Lauras Unterkiefer klappte herunter. „Ihr habt das abgesprochen, ihr. Das ist…“


    „Jaaa?“, machte Lisa — dieser Ton zwischen gespielter Unschuld, liebevoller Frechheit und einem Hauch Ironie, der immer verriet, dass sie längst alles geplant hatte.


    Laura schüttelte den Kopf, ein Lächeln im Gesicht. „Ihr hättet’s mir ja auch einfach sagen können. Es war trotzdem… wirklich lieb.“

    „Na klar war’s lieb“, sagte Lisa und zog eine Augenbraue hoch. „Wenn wir’s dir vorher sagen, machst du wieder alles selbst — und wo bleibt denn da der Spaß?“


    Laura lachte leise, griff nach dem Teebeutel. „Ihr zwei seid unmöglich.“


    „Mhm“, meinte Lisa, „aber wenigstens zuverlässig unmöglich.“

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  • Eine halbe Stunde später kam Laura wieder in die Halle. Zwei Aushilfen überwachten das Tor, drinnen war reges Treiben. Die meisten Händler bauten ihre Stände auf, einige standen am Kassentisch mit Laurie und Nico zusammen und redeten über Helga.


    „Gutes Auto. In Griechenland gibt heute noch viele davon“, erklärte Stratos, während er seinen Kaffee schlürfte. „Aber nix diese Farbe. Das ist einmalig. Ist Laura‑Farbe, eh?“

    „Erikaviolett“, erklärte Laurie. Nico korrigierte: „Lauraviolett.“


    Auch Justav, der heute einen eher müden und abgespannten Eindruck machte, gab einen Kommentar ab. „Ha’ ick früher lange jefahrn, so’n Vehikel. Aber als Kombi. War total zuverlässich, wa? Bestimmt zehn – nee, bald fuffzn Jahre bin ick damit über de Märkte jejondelt. Immer schön von een Tüff zum nächsten. Also… manchmal.“ Er grinste verschmitzt und zog das Unterlid kurz runter. „Verstehste? Ick hatte da so meine Leute. Wenn ick denen jesacht hab: ‚Hier, ick brauch wieder meine zwee Jahre‘, dann is der in sein Kabuff, kam mit’n Zettel wieder raus, drückt mir die Plakette inne Hand und sagt: ‚Hier, selbstklebend. Und nu mach, dass de vom Hof jaloppierst mit dein Haufen Rost. Du verjraulst mir ja die janze seriöse Kundschaft…‘“


    „Das waren noch Zeiten“, kommentierte Laurie leicht nostalgisch und drehte sich um.


    Laura stand hinter ihr und grüßte ihre Lieblingshändler mit einem wachen, herzhaften: „Moin zusammen!“

    Ein paar Köpfe drehten sich sofort zu ihr. Zwei Händler winkten, andere kamen neugierig näher. Innerhalb weniger Sekunden bildete sich ein lockerer Halbkreis, der sich dann langsam schloss. Laura blieb stehen, leicht irritiert, sah von Gesicht zu Gesicht.


    Stratos trat einen Schritt vor, stellte seinen Kaffeebecher ab und hob beide Arme, als würde er einen kleinen Chor dirigieren. Mit einem feierlichen Unterton rief er: „Éna… dýo…!“ (Eins… zwei…!)

    Auf sein Kommando stimmten sicher zwanzig Leute ein schiefes, aber warmes Geburtstagsständchen an. Manche sangen laut, manche leise, manche nur halb den Text. Einer klatschte zu früh, zwei andere zu spät. Es war chaotisch, aber herzlich.


    Laura faltete die Hände vor der Brust, ihr Gesicht hellte sich auf, noch immer leicht verschlafen, aber strahlend. Sie lachte leise, schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Ihr seid so lieb. Dankeschön… wirklich.“


    Ein paar Händler klopften ihr auf die Schulter, einer drückte ihr kurz die Hand, jemand rief: „Alles Gute, Laura!“

    Laura atmete einmal tief durch, dachte kurz nach und zog Laurie und Nico ein Stück zur Seite, weg vom Kreis. „Wisst ihr was? Ich geb’ der ganzen Meute jetzt was aus. Nix Großes, ein paar Brötchen und Kuchen oder so.“


    Laurie machte große Augen. „Und wo willst du das jetzt so spontan herkriegen?“ Sie sah erst Laura, dann Nico an.


    Nico zuckte mit den Schultern. „Frag mich was leichteres. Ich kenn mich hier nicht aus...“


    Laura war einen Moment still, nur einen. Dann griff sie in ihre Tasche, zog das Handy heraus und scrollte durch ihre Kontakte. „Ich weiß schon, wen ich anrufe.“

    Sie drückte auf „Anrufen“, hob das Handy ans Ohr und ging ein paar Schritte zur Seite, während hinter ihr die Händler weiter redeten, lachten und sich über Helga austauschten.


    Das Gespräch wurde angenommen. Am anderen Ende meldete sich Katrin Brodersen, Betreiberin einer lokalen Bäckereikette mit fünf Filialen. Laura grüßte vorsichtig – immerhin war es Sonntag früh, kurz nach halb neun. „Moin, Laura hier. Hab ich dich geweckt?“


    Katrin lachte. „Geweckt? Du, ich bin seit halb vier auf den Beinen.“


    Laura schlug sich kurz vor die Stirn. „Ach klar, logisch. Hör mal… ich hab ’nen kleinen Anschlag auf dich vor. Würdest du mir einen ganz großen Gefallen tun? Ich brauch mal fix ’ne größere Menge Backwaren.“


    „Klar, kein Thema, du. Was brauchst du? Soll ich dir ’ne Familientüte zusammenstellen? Einmal quer durch die Auslagen. Zwölf Brötchen, nur neun neunundneunzig…“


    Laura lachte. „Nee, ein bisschen mehr müssten es schon sein.“


    „Aha. Wieviel seid ihr denn?“


    Laura blickte sich kurz um, überschlug die Zahl der Leute. „So fünfzig, sechzig?“


    Kurzes Schweigen in der Leitung. Dann Katrins Stimme, hörbar konzentriert: „Uff. Und das ganz ohne Vorbestellung? Wie stellst du dir das vor? Du, hier läuft grad das Sonntagmorgen‑Geschäft. Wir kommen mit dem Nachbacken so schon kaum hinterher. Was brauchst du denn genau?“

    „Mh… na ja… so hundert belegte Brötchen? Und zwei, drei Kuchen vielleicht? Kriegst du das hin?“

    „Und wann brauchst du das?“


    Laura wurde kleinlaut. „Jetzt gleich?“


    Katrin lachte laut. Dann hörte man Schritte, sie hielt das Telefon ein Stück weg und sprach mit jemandem im Hintergrund. Laura verstand nur Bruchstücke: „…spontane Großbestellung… alles, was da ist… die können warten… für ’ne gute Kundin… kriegen wir hin, oder?“

    Dann war Katrin wieder am Apparat. „Okay. Du, wir haben gerade ’ne Ladung im Ofen, die sollte eigentlich raus in eine Filiale. Die halte ich dir fest. Aber belegen müsst ihr selbst, dafür hab ich heute nicht genug Personal. Ich kann dir aber die Standardbeläge mitgeben – Schinken, Salami, Käse. Alles genug da, da mach ich dir fix zwei, drei Platten fertig, okay? Und Kuchen… für fünfzig Leute… Du, das wird eng, aber ich seh, was ich zusammenbekomme. Nur – liefern wird schwierig. Unser Fahrer ist nonstop unterwegs.“


    Laura winkte ab, obwohl Katrin das nicht sehen konnte. „Kein Problem. Ich schick dir Laurie vorbei, die kann das Zeug abholen.“


    Laurie riss die Augen auf, zeigte auf sich, dann nickte sie energisch, zeigte beide Daumen hoch.


    „Gut“, bestätigte Katrin. „Du, sag ihr, sie soll zum Hintereingang kommen, damit vorne die Kunden keinen Stress machen, wenn sie uns hier den Laden leer räumt. Ich bin an der Hauptfiliale – klar, oder?“


    „Ja, ja, ist klar. Sie hat mitgehört. Und Katrin… du hast was gut bei mir, okay?“


    „Für dich doch immer gerne, Laura. Du, du weißt doch: Backstube Brodersen – Wir backen das!


    Laura übergab Laurie den Schlüssel vom Escalade, die schnappte sich Nico, warf ein kurzes „Los, komm!“ hin und lief los. „Okay, du fährst, ich bete“, lachte er und rannte hinterher.

  • Nur eine knappe halbe Stunde später rauschte der Cadillac – heute im Sondereinsatz als Versorgungsdampfer – vor das große Rolltor. Laurie setzte zurück, fuhr ein Stück in die Halle hinein, Nico stieg aus, öffnete mit einer eleganten Fußbewegung unter dem Stoßfänger die Heckklappe und fing an, die duftende Beute auszuladen.


    In der Zwischenzeit hatten Laura und Lisa mehrere Tische aufgebaut, ausreichend Teller und Besteck organisiert und ein improvisiertes Buffet zusammengestellt. Laura stellte gerade die letzten Körbe hin, als sie die beiden zurückkommen sah.

    Sie klatschte in die Hände und rief in die Halle: „Für alle gibt’s Brötchen und Kuchen! Bedient euch! Haut rein, so lange noch was da ist!“


    Ein paar Händler drehten sich sofort um, andere kamen hungrig näher. Erste Stimmen wurden laut, jemand pfiff anerkennend, und innerhalb kürzester Zeit bildete sich eine kleine Schlange vor dem Buffet.


    Zufrieden und bester Laune wanderte Laura anschließend durch die Reihen, nahm hier und da noch ein paar Glückwünsche entgegen. Auch Helga wurde immer wieder gewürdigt; die üblichen Geschichten, dass ‚Onkel Hubert auch so ein Auto hatte, nur von Opel, in hellgrün…‘ hörte sie mehrfach und grinste jedes Mal.


    Dann bog sie auf Justavs Stand ein und ließ sich auf einen alten, wackligen Stuhl sinken.


    „Pass uff, dit is’n antikes Stück“, warnte er scherzhaft und erhob sich mühsam von seinem Klapphocker. Laura stand sofort wieder auf, sah den Stuhl an und zog die Brauen zusammen.


    „Nee, ernsthaft“, sagte Justav und nahm den Stuhl an sich. Er drehte ihn um und zeigte ihr ein verblasstes, kaum noch lesbares Papieretikett an der Unterseite. „Kiekste hier: Thonet, Austria.


    Laura blinzelte. „Echt jetzt?“


    „Ha’ ick ooch nich jewusst“, gab er zu. „Ick schlepp den seit Jahren mit mir rum, nich mal für’n Zwanni wollt’n eener haben, und uff eenmal – Zack – sitz ick hier mit’n Schatz. Weißte, woher ick dit weeß?“


    Laura schüttelte den Kopf.


    Justav zog sie am Ärmel und zeigte quer durch die Halle. „Da. Der Junge da, neben deine Tochter. Der mit die blaue Jacke.“


    Laura folgte seinem Blick. „Nico?“


    „Wenn der so heeßt“, brummte Justav. „Die beeden warn eben hier. Und wie ick so mit der Kleenen schäker und Faxen mach, schnappt er sich den Stuhl, guckt drunter und erzählt mir, dit wär’n frühen Thonet. Hat mir gleich ’ne halbe Vorlesung jehalten. K.u.k.-Doppeladler, dit wär noch von vorn ersten Weltkriech, Wiener Jeflecht, handjemacht. Ach, wat der mir nich allet erzählt hat...“ Er schnaubte leise. „Ick sach dir: Der Junge hat Ahnung. Und…“ — er beugte sich ein Stück zu Laura — „…der passt ooch jut zu ihr.“


    Laura hob eine Augenbraue. „Wie meinst du das?“


    „Na, die zwee. Die standen da jrad wie’n Paar, wa?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ick sach ja nur.“


    Laura öffnete den Mund, doch Justav grinste schon zufrieden, als hätte er gerade etwas sehr Schlaues festgestellt. „Na siehste“, sagte er und klopfte auf den Stuhl. „Wieder wat jelern heute. Nu koster nich mehr’n Zwanni, nu kannst’n für – mh… dreihundertfuffzich mitnehmen. Na jut, zwofuffzich, weil du’s bist.“


    Laura lachte. „Nee, danke Justav. Stühle hab ich genug. Aber ich sag dir noch was anderes.“


    Justav zog die Brauen hoch, die Brille rutschte von der Stirn auf die Nase. Er schob sie wieder hoch und sah Laura an, als würde er gleich ein Staatsgeheimnis erfahren.


    „Nico ist nicht Lauries Freund“, erklärte sie. „Das ist ihr Bruder.“


    Justav riss die Augen auf. „Na kiek ma eener an“, staunte er. „Ha’ ick ja jar nich jewusst, dit du zwee Kinder hast.“


    „Hab ich auch nicht. Die zwei haben nur denselben Vater. Er ist ihr Halbbruder.“


    „Na Donnerwetter!“ Er schnalzte mit der Zunge, dann kam ein kurzer, trockener Husten. Einer von der Sorte, die man sofort wegwinkt, als wäre es nichts. „Jibt Tage, da erfährt man mehr als wie einen lieb is“, murmelte er.


    Laura sah ihn an. „Alles okay?“


    „Jaja.“ Er wedelte ab. „Nur’n bissje Staub. Ick steh ja ooch mitten drin.“ Er räusperte sich, dann wurde sein Blick für einen Moment weich, fast ungeschützt. „Die Kleene…“, begann er, und brach ab. Er tat so, als würde er etwas auf dem Tisch zurechtrücken, das gar nicht schief stand.


    Laura wartete.


    „Is’n jutes Mädel“, sagte er schließlich. „Hat wat Warmet. So’n…“ Er suchte nach einem Wort, fand keins. „Na ja. Manche Menschen… die wachsen einen an’t Herz, ohne dit man’s merkt.“


    Er hustete wieder, diesmal leiser, und zog die Schultern hoch, als wolle er sich selbst schützen.

    „Sag ihr nich, dass ick dit jesacht hab“, brummte er. „Die hält ma sonst für’n sentimentalen Opa.“


    „Versprochen“, lächelte Laura. „Nimm dir noch Kuchen, ist noch genug da“, bot sie ihm an, als sie ein halb gegessenes Brötchen auf dem Tisch liegen sah.


    Justav schüttelte den Kopf. „Nee, lass mal. Die trockene Schrippe reicht ma.“ Er setzte sich auf seinen kleinen Hocker, biss ab, als wäre das völlig normal.

    Wieder ein kurzer, trockener Husten. Er winkte wieder ab. „Staub“, murmelte er. „Bin heut nich so auf Zack.“


    Laura sah ihn prüfend an, doch er wich ihrem Blick aus. „Man wird nich jünger“, brummte er, fast beiläufig, aber mit einem müden Unterton, der hängen blieb.

    Dann stand er wieder auf, klopfte ein paar Krümel von der ausgebeulten Cordhose. „Ick mach mal weiter“, sagte er leise. „Vielleicht kooft doch noch einer den Stuhl, wa? Vierfuffzich jetze“, grinste er müde.

    Er legte das Brötchen wieder zur Seite, und in der Bewegung lag ein leiser Anflug von Resignation.

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  • Gegen Mittag hatte sich der Betrieb nach dem üblichen Ansturm zur Eröffnung wieder etwas gelegt. Laura stand gerade bei dem Paar auf Platz 3a und diskutierte leicht genervt über die fällige Standgebühr, als Laurie von vorne rief: „Mooom! Kommst du mal?“


    Laura sah hin. Bei Laurie und Nico standen Stratos und drei andere Händler aus der vertrauten Stammbesetzung. Neugierig verabschiedete sie sich mit einem kurzen „Ich komm gleich wieder“ von dem Paar und ging zu ihnen.


    Natürlich übernahm Stratos sofort das Wort. „Okay, liebe Laura – Omorfiá mou. Ich bin nix so gut viele Worte zu machen…“


    Laurie prustete kurz, fing sich aber gleich wieder. Stratos warf ihr einen gespielt strengen Blick zu und setzte seine improvisierte Rede fort.


    „Du bist immer so gut zu uns. Machst immer gute Märkte, gute Preise. Bist immer nett und freundlich zu böse alte Stratos…“

    Er grinste frech. Laurie verdrehte die Augen.


    „Komm zum Punkt, alter Mann“, neckte sie ihn und deutete auf die drei Händler hinter ihm, die sichtbar darauf warteten, dass er endlich fertig wurde.


    „Ja ja, gut, gut.“ Stratos hob beide Hände, als müsse er sich sammeln. Er rang tatsächlich um Worte — kaum zu glauben, aber er gab sich richtig Mühe, besonders seriös und feierlich zu klingen.

    „Ela… was ich — was wir — sagen wollen.“ Er räusperte sich. „Wir haben alle ein bisschen zusammengelegt. Und wir wollen dir machen ein kleines Geschenk. Nur für dich. Weil du immer so gut zu uns bist…“

    Er trat einen halben Schritt zur Seite, eine kleine präsentierende Armbewegung, damit die drei Händler hinter ihm sichtbar wurden. Laura erkannte die Rückseite eines Bilderrahmens und zog die Brauen hoch.


    Nico stand etwas versetzt hinter den Männern. Es war sein erster Markt hier bei Laura und Laurie, und vielleicht war es genau das, was ihn jetzt so packte. Er kannte das Geschenk bereits, denn er hatte es am Morgen beim Aufbau entdeckt – ein Sammlerstück, teuer gerahmt, sauber, fast zu perfekt. Aber jetzt, mit den Unterschriften und der Art, wie die Händler es präsentierten, wirkte es wie ein richtiger Moment. Er sah nicht auf das Plakat, sondern auf Laura — gespannt, fast nervös, wie sie gleich reagieren würde.


    Dann drehte einer der Händler den Rahmen langsam um.


    Laurie legte Laura die Hände auf die Schultern – leise, fast umarmend. Vor ihnen stand das große, gerahmte Objekt.


    „Ein Filmplakat“, stellte Laura überrascht fest. Ihre Stimme war weich, fast ein bisschen atemlos.


    „Nico hat das vorhin gefunden und meinte… die sieht aus wie du“, erklärte Laurie.


    Laura trat näher, betrachtete das Plakat in Ruhe und las den Titel.



    LAURA – Portrait of a Restless Heart


    Ein kleines, ungläubiges Lachen entwich ihr. „Und sie heißt auch noch wie ich“, grinste sie — warm, überrascht, echt.

    Sie ließ den Blick über das Motiv gleiten. Die Farben, die Haltung der Frau, der dokumentarische Stil — all das erinnerte sie an die Jahre in New York. Nicht an Einsamkeit. Sondern an das Gegenteil: an volle Tage, an ein kleines Kind auf dem Arm, an Dick, der sie zum Lachen brachte, an Spaziergänge durch Brooklyn, wenn Laurie im Buggy schlief und die Stadt vibrierte wie ein eigenes Herz.


    Es war diese Stimmung, die sie wiedererkannte. Nicht die Frau auf dem Plakat. Sondern das Gefühl von damals: ein gutes Leben, ein lautes Leben, ein Leben, das sie getragen hatte.


    Das Plakat im klassischen US‑Format von 27 × 40 Zoll steckte in einem edlen Rahmen hinter Glas. Und die vielen Unterschriften, die kleinen Grüße, die schiefen Herzen und krakeligen Initialen machten es zu etwas, das nicht gekauft war — sondern geschenkt, aus echter Zuneigung.


    Laura atmete tief ein. Einmal. Langsam. Und diesmal war es kein schwerer Atemzug, sondern einer, der Wärme freisetzte.


    Nico beobachtete sie — und jetzt war es sein Moment, kurz zu schlucken. Nicht wegen des Plakats. Sondern wegen der Wirkung, die es auf sie hatte.


    Laura strich noch einmal über das Glas, als könne sie die Unterschriften fühlen, und lächelte — ruhig, warm, vollkommen echt. „Das kommt ins Büro“, sagte sie leise. „Heute noch.“

  • Öhm. Erst einmal müsste dazu der Text fertig werden, das kann noch dauern. Und da kämen wir auch schon zum Thema. Jetzt folgt die Sonntagsration – der Beginn von Kapitel 33, das noch "in the making" ist. Ich poste heute mal den Anfang und sehe, dass ich bis Freitag das Kapitel fertig bekomme...


    Ich kämpfe noch mit mehreren Recherchekanälen um die Fehler am Pacer, die es zu beheben gilt...


    Kapitel 33: Plan B

    „Boah, ich bin jetzt schon total aufgeregt!“


    „Wieso das?“


    „Na, wegen nächster Woche.“


    „Wegen deinem Geburtstag?“


    „Klar! Achtzehn. Das ist schon was Besonderes. Oder nicht? Ich stell mir das total magisch vor. Ein Tag und – zack – auf einmal biste erwachsen…“


    Laurie grinste. Seda konnte manchmal echt süß sein. Dieses Leuchten in ihren Augen, diese kindliche Vorfreude – als würde sie gleich eine Schultüte bekommen und nicht einfach nur ein Jahr älter werden.

    Dabei trennten sie nicht mal zwei Jahre. Und trotzdem lagen in manchen Dingen Welten zwischen ihnen. Nicht, dass Laurie sich besonders erwachsen fühlte – vernünftig, abgeklärt, irgendwie „weiter“. Ganz sicher nicht. Aber wie Seda da stand, strahlend, hibbelig, voller Erwartungen an diesen einen Tag… das war einfach rührend.


    „Und endlich allein fahren“, ergänzte Laurie noch. Seda verzog skeptisch den Mund, als hätte jemand ihr Lieblingsessen versalzen.


    „Mnjah“, machte sie nur.


    Laurie hob eine Augenbraue. „Nicht?“


    Seda schob die Hände in die Jackentaschen, wippte kurz auf den Fersen. „Doch, schon. Aber ich muss jetzt echt aufpassen. Wenn ich mir noch einen kleinen Fehler erlaube, ist der Schein endgültig weg.“


    Laurie lehnte sich gegen den Kotflügel, verschränkte die Arme. „Sei doch froh, dass du ihn überhaupt behalten durftest. Nach der Nummer mit dem

    Abflug…“


    „Bin ich ja.“ Seda nickte heftig. „Die bei dem Aufbauseminar haben auch gesagt, ich hätte riesiges Glück gehabt. Bei so einem Verstoß wär die Fahrerlaubnis normalerweise sofort futsch gewesen. Dann hätte ich den ganzen Quatsch nochmal von vorne machen können. Mit Fahrschule, Prüfung und so weiter.“ Sie seufzte. „So hab ich halt nur die verlängerte Probezeit.“


    „Noch drei Jahre ab nächsten Freitag“, erinnerte Laurie sie grinsend.


    „Ja, super.“ Seda schnaubte leise. „Aber ich hab ja eh kein Auto. Was soll ich da mit ’nem Führerschein? Und dass Baba mich einmal mit seinem Benz fahren lässt… das kann ich wohl für die nächsten zwanzig Jahre vergessen.“


    Laurie folgte Sedas Blick, der kurz durch den Raum wanderte, und schielte dann demonstrativ zum Pacer. Seda sah es – und riss sofort die Augen auf.

    „Den? Nee! Im Leben nicht.“


    „Warum denn nicht?“ Laurie stieß sich vom Kotflügel ab. „So viel Leistung hat er nun auch wieder nicht. Bisschen Übung, dann klappt das schon.“


    Seda ging um das Auto herum, öffnete die Fahrertür und räumte ein paar Schraubenschlüssel vom Sitz. Für einen Moment setzte sie sich hinein, legte die Hände ans Lenkrad, machte ein albernes „Brumm brumm“ – und stieg genauso schnell wieder aus, als hätte sie sich ertappt.

    „Erstmal muss er ja fertig werden“, murmelte sie.


    „Na dann weiter.“ Laurie klopfte gegen die offene Haube. „Schmeiß nochmal an, die Mühle. Wär doch gelacht, wenn wir diese Scheiß‑Aussetzer nicht auch noch in den Griff kriegen würden.“


    „Erst das Tor auf!“


    „Klar.“ Laurie hob die Hände. „Meinst du, sowas passiert mir zweimal?“



    Nach weiteren zehn Minuten Testlauf drehte Laurie kopfschüttelnd den Zündschlüssel auf Null, der V8 verstummte. „Fuck. Ich weiß echt nicht mehr, was wir noch machen könnten. Ey, wir haben doch schon alles durch: Zündung komplett neu, Vergaser getauscht, Unterdruckschläuche neu, Spritfilter, Pumpe gecheckt, Kompression passt auch.“


    „Alle Kabelverbindungen neu, Massepunkte sauber…“ ergänzte Seda und runzelte die Stirn.


    „…und die Aussetzer sind immer noch da. Weißt du was, ich hab keinen Bock mehr auf diesen Try‑and‑Error‑Scheiß. Das Ding kommt jetzt auf ’nen Prüfstand.“


    „Gut. Und wo?“


    Laurie griff zum Handy, wählte Toms Nummer. „Tag Boss, ich brauch mal ’ne Stunde aufm Prüfstand. Oder zwei…“


    Tom lachte trocken. „Und wie ich dich kenne, am liebsten gestern.“


    „Vorgestern. Der Gelbe zickt immer noch und wir kommen nicht weiter.“


    An Toms Schweigen erkannte sie, wie er am anderen Ende der Leitung den Kopf schüttelte. „Ich hab ’nen Slot gebucht bei Redline Dynamics, für den Granada und den Firebird. Da kann ich dich mit auf die Liste setzen. Wäre aber erst in drei Wochen…“


    „Oh Shit, bei der Tuningbude? Na gut, wenn’s nicht anders geht.“ Laurie rieb sich die Stirn. „Ich hör jetzt schon das hohle Geblubber von den Typen: ‚Iiih, ’n Pacer. Der hat ja nicht mal Underglow. Dass der überhaupt auf die Straße darf ohne Unterbodenbeleuchtung. Und erst recht auf unseren heiligen Dyno…‘“

    Sie beendete das Gespräch und Seda fragte “Geht klar? Wo denn?“


    „Redline Dynamics. Leider.“


    „Cool!“


    „Cool? Ja, Fast’n’Furious-cool. Nicht cool-cool. Aber egal, wenn’s weiterhilft, den Bock sauber ans Laufen zu kriegen. Wo krieg ich denn jetzt ne Basecap her? Oder darf man da auch ohne aufschlagen?“


    Seda kaute kurz auf ihrer Lippe, dann hob sie langsam den Blick. „Ähm… Laurie? Weißt du, wo noch ein Prüfstand steht?“


    Laurie blinzelte. „Nein. Doch – meinst du den in der Schule? Der läuft doch kaum…“


    Seda nickte vorsichtig. „Eben. Aber am Freitag läuft er. Da ist doch Tag der offenen Tür.“


    Laurie starrte sie an, dann schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Holy shit… stimmt. Der Open‑House‑Day. Da haben die den immer an.“


    Seda grinste schief. „Ist halt nicht so cool wie Redline Dynamics.“


    „Cool am Arsch. Auf die Clowns kann ich gern verzichten. Wichtig ist, wir kriegen den Eimer ans Rennen.“ Laurie klickte ein paarmal mit der Zunge, ein kurzes, nachdenkliches Geräusch, dann wurde ihr Blick wieder fokussiert. „Aber wie kommen wir da drauf? Der ganze Event ist doch sicher längst durchgeplant…“


    „Frag Herrn Rotter“, meinte Seda leise. „Mehr als Nein sagen kann er ja nicht. Und wenn doch, hast du immer noch Toms Termin bei den Redlinern…“

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  • Dienstag. Die Doppelstunde Fahrzeugdiagnose neigte sich dem Ende zu. Hartmut Rotter klappte seinen Ordner zu, Laurie hob die Hand.

    „Herr Rotter, kann ich Sie noch was fragen? Wegen Freitag. Wegen dem Open‑House‑Tag.“


    „Ach ja, danke, dass Sie mich erinnern. Da hatte ich auch noch was. Kleinen Moment, Laurie, bin gleich bei Ihnen.“ Er sah nochmal in die Klasse. „Aalso – bevor wir Schluss machen: Für den Tag der offenen Tür am Freitag suchen wir noch ein, zwei reale Diagnosefälle. Falls jemand etwas beisteuern möchte — gern melden.“


    Ein paar murmeln, zwei, drei Hände gingen nach oben. Dann warf sich Eric Rollmann in seiner bekannt dezenten Art halb über den Tisch.


    „Mein Bruder hat ’nen AMG C43, der hat ’nen neuen Chip drin, hat jetzt über 400 PS. Den könnte man mal messen. Macht auch böse Alarm. Offener Klappenauspuff, ich hab mit dem Handy über 100 Atü gemessen. Oder... Prozent. Die App hat voll angezeigt, den Balken bis ganz oben. Keine Ahnung, aber richtig laut.“


    Rotter grinste mitleidig. „Über 100 Atü. Na, der hat ja ordentlich Druck, was?“


    Ein paar lachten. Eric grinste stolz, ohne zu verstehen, warum. Rotter schüttelte leicht den Kopf.

    Laurie räusperte sich. „Herr Rotter? Ich hätte da auch was. Privat. Einen V8 mit sporadischen Aussetzern. Ein echter Fall, nicht so n Potenzposerding...“


    Rotter hob sofort den Blick. „Ein V8? Das sieht man hier eher selten. Erzählen Sie mal.“


    Laurie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Sie spürte die Blicke der Klasse, zögerte. Dann atmete sie leise durch.

    „Ist mein Projektauto. Ein… ein 1977er AMC Pacer.“


    Links von ihr hörte man ein leises, reflexhaftes „Oh—“ von Marek. Er hatte den Kopf schneller gehoben als alle anderen.

    „Der Rebel...“ Er brach ab, räusperte sich hart. „Äh… der ist selten. Also… so ’n Ding sieht man ja kaum.“


    Laurie blinzelte irritiert. „Woher—“ Sie kam nicht weiter, weil Rotter schon wieder das Wort nahm.


    „Ein Pacer also“, sagte Rotter, völlig unbeeindruckt von Mareks Kommentar. „Und die Aussetzer sind sporadisch?“


    Laurie nickte automatisch, aber ihr Blick glitt noch einmal zu Marek. Der starrte auf sein Heft, als wäre es plötzlich hochinteressant. Seine Ohren waren leicht rot.


    Rotter blätterte in seinem Ordner, als würde er eine Checkliste im Kopf durchgehen. „Vergaser oder Einspritzer?“


    „Vergaser“, antwortete Laurie sofort. „Ich hab den 750er Double Pumper runtergenommen und einen 500er draufgesetzt. Neu abgedichtet, Grundeinstellung passt.“

    Rechts von ihr hörte man ein kaum hörbares „Ja…“ Wieder Marek. Er erstarrte, als hätte er sich selbst ertappt, und schob schnell ein „…also, klingt sinnvoll“ hinterher.

    Laurie runzelte minimal die Stirn, sagte aber nichts.


    Rotter nickte anerkennend. „750er auf einem kleinen V8 ist eh grenzwertig. Gut, dass Sie den gewechselt haben. Und mit dem 500er läuft er…?“


    „Besser“, bestätigte Laurie. „Aber die Aussetzer bleiben. Warm wie kalt.“


    „Zündanlage?“


    „Komplett neu. Umgebaut auf kontaktlos, alle Teile neu.“


    „Unterdrucksystem?“


    „Abgedrückt. Alles dicht.“


    „Kraftstoffversorgung?“


    „Filter neu, Pumpe liefert. Leitung frei.“


    Rotter schloss den Ordner wieder. „Gut. Das ist ein Fall, der sich lohnt.“


    Laurie hob leicht die Augenbrauen. „Für den Prüfstand?“


    „Für den Tag der offenen Tür“, korrigierte Rotter. „Als Teil des Programms. Nicht davor, nicht danach. Mittendrin.


    Ein paar Köpfe drehten sich. Laurie spürte, wie ihr Magen kurz kippte.


    „Äh… als… Vorführung?“


    „Ja.“ Rotter lächelte knapp. „Ein echter Diagnosefall zieht immer. Und so ein Exot wie ein Pacer schon erst recht. Das ist didaktisch Gold.“


    Laurie schluckte. Sie spürte Mareks Blick, bevor sie ihn sah. Er sah schnell weg.


    „Wenn Sie möchten“, fügte Rotter hinzu. „Ich zwinge niemanden.“


    Laurie atmete einmal tief durch. „Ich… ja. Ich mach’s.“


    Rotter nickte zufrieden. „Gut. Dann planen wir Sie für elf Uhr ein.“


    Seda, zwei Plätze weiter, zog die Augenbrauen hoch. Laurie erwiderte den Blick mit einem winzigen, überforderten Grinsen.


    Rotter war kaum aus der Tür, da schnaubte Eric hörbar. Er packte sein Heft ein, als würde er es bestrafen, und warf Laurie einen Blick zu, der nichts Gutes wollte.

    „Ja super“, fauchte er leise, „klar kriegt die den Prüfstand. Mein Benz ist wohl nicht fein genug.“


    Laurie hörte es, kommentierte es aber nicht, zog nur ihren Rucksack hoch. Sie kannte diesen Ton — beleidigt, neidisch, dünnhäutig.


    Marek stand zwei Reihen weiter auf. Er wirkte, als wolle er sich unsichtbar machen, den Blick gesenkt, die Schultern schmal. Er sagte nichts, zu bewusst nichts — als hätte er Angst, noch einmal zu viel zu verraten.


    Seda sah kurz zwischen den beiden hin und her. Sie registrierte, was Laurie nicht sah: Erics Stachel. Und Mareks Rückzug.


    Eric stopfte seine Jacke unter den Arm und eilte raus, ohne sich umzudrehen. Marek folgte langsamer, fast vorsichtig.


    Laurie blieb einen Moment stehen, ohne zu merken, dass die Stimmung im Raum sich verschoben hatte.

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  • Verehrte Leserschaft – es geht weiter. Zum Glück war ich in den letzten Tagen ausreichend kreativ für etwas neuen Text. Es folgt der letzte Abschnitt von Kapitel 33.


    Der Tag fühlte sich an wie ein improvisiertes Technik‑Festival: Überall vibrierte etwas. Musik aus der Aula, die durch die offenen Türen nach draußen schwappte. Der Grillstand, an dem der Förderverein mit glühenden Wangen Würstchen wendete. Kinder, die kreischend zwischen den Ständen hindurchschossen, als wären sie selbst kleine ferngesteuerte Fahrzeuge.


    Und mittendrin: Hook, der mit leeren Trailer dastand wie ein Gast aus einer anderen Zeit. Besucher blieben davor stehen, machten Fotos, stellten Fragen. Manche klopften sogar respektvoll gegen die rostige Stoßstange, als würde der Wagen antworten. Laurie und Seda hatten sich nicht getraut, den unfertigen Pacer schon auf eigener Achse herzufahren, also musste der alte Pickup wieder ran.


    Während Laurie und Rotter den Pacer in die Halle schoben, saß Seda noch entspannt im Chevy, den Arm lässig aus dem Fenster gelehnt. Sie erklärte den neugierigen Besuchern geduldig, warum dieser seltsame Abschleppwagen überhaupt hier war, warum er aussah, als hätte er schon drei Leben hinter sich, und weshalb er trotzdem zuverlässig wie ein alter Hund blieb.


    Selbst Emre und Can, die sonst jede Gelegenheit nutzten, um über den „Rosteimer“ zu lästern, standen heute daneben und nickten anerkennend. „Der hat Charakter“, meinte Emre. „Der hat Löscher“, korrigierte Can — aber ohne den üblichen Spott, eher wie jemand, der heimlich zugeben muss, dass er beeindruckt ist.



    Es war kurz vor elf und ein weinroter BMW rollte gerade vom Prüfstand – begleitet von verhaltenen Reaktionen. „Hm, das war jetzt nicht so spektakulär“, meinte ein Vater. Seine Frau nickte. „Aber die Farbe ist schön.“


    Zwei Jugendliche in Bomberjacke und Basecap schlenderten derweil durch die Werkstatt, musterten die Werkbänke mit einem Blick, der weniger technische Neugier als Wiederverkaufsfantasie verriet. Einer stieß den anderen an, deutete auf einen Werkzeugwagen. Beide grinsten. Auch der Pacer bekam von ihnen einen langen, abschätzenden Blick – nicht bewundernd, eher kalkulierend.


    Dann stieg Laurie ein. Der Motor war jetzt ausreichend warmgelaufen und sie ließ den V8 einmal kurz hochdrehen, rollte langsam auf den Prüfstand. Sofort bildete sich ein Halbkreis aus Besuchern. Der Pacer, halb fertig, halb Hoffnungsträger, wurde zum Magneten. „Der fährt wirklich bald?“, fragte ein Junge mit großen Augen. „Wenn er will“, murmelte Rotter, und Laurie lachte.

    „Boah, was’n Ufo!“ „Der ist ja riesig!“ „Mama, der ist gelb!“ „Der ist hässlich.“ „Der ist Kult!“

    Laurie überhörte weitere Kommentare, war schon voll im Fokus. Seda grinste breit.


    Marek stand etwas abseits, die Hände in den Taschen, aber sein Blick klebte am Pacer. Er versuchte neutral zu wirken, doch seine Augen verrieten etwas anderes: Wiedererkennen. Begeisterung. Und ein Hauch Nervosität, als Laurie kurz zu ihm rübersah.


    Rotter bahnte sich den Weg. „Macht mal Platz, Leute. Das ist ein Prüfstand, kein Streichelzoo.“ Er kontrollierte die korrekte Ausrichtung auf den Laufrollen, spannte den Wagen fest. „Vorne noch ein Stück… ja, so.“ Die Ratschen klickten. Dann schob er den Abgasschlauch auf das Endrohr. „Nicht schön, aber dicht genug.“


    Marek reichte ihm das Kabel für den Drehzahlsensor – zu schnell, fast so, als hätte er darauf gewartet. Rotter nahm es kommentarlos, klippte es ans Zündkabel. Marek trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme, aber sein Blick blieb am Motorraum hängen. Er wusste genau, was er da sah. Vielleicht zu genau.


    „Gut“, murmelte Rotter. Ein paar Eingaben am Terminal. „Jetzt sehen wir mal, was er wirklich macht.“


    Laurie setzte sich wieder ans Steuer. Rotter hob die Hand. „Langsam hochziehen.“

    Der Pacer röhrte – und verschluckte sich.



    Paff.


    Ein paar Besucher zuckten zusammen. „Ey, der stirbt!“, rief ein Jugendlicher.

    Rotter verzog das Gesicht. „Hm… klingt nach… Sprit? Oder… Zündung? Ich… weiß es noch nicht.“

    Die Menge kommentierte wild durcheinander. „Kat dicht!“ „Der hat doch gar keinen!“ „Dann Sonde!“ „Hat er auch nicht!“


    Eric Rollmann tauchte plötzlich neben der Gruppe auf, Arme vor der Brust verschrankt, Kinn vor. „Mein Bruder sein AMG macht sowas nicht“, sagte er laut genug, dass es alle hörten. „Der zieht sauber durch.“ Seda verdrehte die Augen. Laurie tat so, als hätte sie ihn nicht gehört.


    Rotter hörte nochmal hin, unsicher. „Das passt alles nicht richtig.“


    Marek hob vorsichtig eine kleine Handpumpe hoch. „Unterdruck vielleicht? Soll ich mal… testen?“ Seine Stimme war leise, aber klar.


    Rotter nickte. „Laurie, kein Gas. Und alle mal etwas leiser.“


    Laurie nahm den Fuß weg. Der Motor fiel in ein unruhiges Brabbeln.


    Marek setzte die Handpumpe an die Unterdruckleitung der Zündverstellung und zog ein paar Hübe, um zu prüfen, ob die Dose im Verteiler Unterdruck hält und die Grundplatte sauber verstellt. Es tat sich nichts. Kein Weg, kein Halten — nur ein kurzes, undichtes pfft aus der Membran.


    Ein paar Schüler pfiffen. Rotter überlegte. „Okay… das erklärt was. Aber nicht alles.“


    Laurie stöhnte leise. „Super. Halber Fehler.“


    Marek sah kurz zu ihr, dann schnell wieder weg. Seine Ohren wurden rot.


    Rotter schüttelte den Kopf. „Der stolpert anders. Da ist noch was.“


    Ein Vater rief: „Vielleicht ist der Tank leer!“ Gelächter.


    Rotter ging zum Heck, blieb stehen, legte den Kopf leicht schräg. „Laurie… machen Sie mal den Tankdeckel auf.“


    „Warum?“


    „Ich will’s hören.“


    Sie drehte den Deckel.



    ZIIIIISCH.


    Die Halle verstummte.


    „Oha!“ „Alter!“ „Mama, das Auto hat gepupst!“

    Gelächter, Handys hoch.


    Die zwei Jugendlichen in Bomberjacken sahen sich an, dann zum Pacer. Einer flüsterte: „Der hat Druck…“ Der andere grinste schief. Eric Rollmann beobachtete die Szene mit verschränkten Armen, als würde er innerlich Punkte vergeben.


    Rotter blinzelte, überrascht, aber zufrieden. „Okay. Das war der zweite.“


    Laurie starrte den Deckel an. „Zwei Fehler. Natürlich.“


    Ein Schüler rief: „Ey, sogar ein Rotter liegt mal falsch!“ Rotter verzog den Mund. „Einmal im Jahrzehnt.“


    Seda stieß Laurie an. „Plan B, oder?“


    Laurie atmete durch, sah in die Menge, musste lachen. „Plan B funktioniert immer.“


    Ein paar klatschten. Ein Kind rief: „Nochmal!“


    Rotter hob die Hand. „Nein. Der Pacer geht jetzt in die Wartestellung. Wir haben noch drei Fahrzeuge, die heute drauf müssen.“


    Laurie nickte, stieg aus. Der V8 tickte warm vor sich hin.


    Marek stand plötzlich neben ihr, etwas zu nah, dann wieder zu weit weg. „Äh… wenn du willst… ich kann morgen helfen. Also… nur wenn…“ Er brach ab, wurde rot.


    Laurie sah ihn an, überrascht. „Mal sehen.“


    Eric schnaubte leise. Die Jugendlichen grinsten. Jeder auf seine Art merkte sich den Pacer.


    Rotter deutete auf die hintere Ecke der Halle. „Stellen wir ihn da hin. Morgen früh machen wir den zweiten Lauf. In Ruhe.“


    Der Pacer rollte langsam vom Prüfstand, vorbei an den neugierigen Besuchern, und verschwand in der Ecke der Halle, wo er für den Rest des Tages stehen blieb. Und drei verschiedene Blicke folgten dem Auto – einer bewundernd, zwei berechnend, einer neidisch.


    Laurie stieg draußen in den wartenden Hook, telefonierte mit Tom, fragte ihn nach den benötigten Teilen. Seda mischte sich unter die Zuschauer für den nächsten Prüfstandslauf. Ein giftgrüner Nissan rollte in die Halle.

  • So, ich hab den Sonntag soweit absolviert. Jetzt noch den Lesezirkel versorgen. Glücklicherweise war ich wieder produktiv in den letzten Tagen, so gibt es jetzt das komplette, mal wieder noch namenlose


    Kapitel 34

    Laurie war heute früh auf den Beinen. Der Tagesplan voll gepackt, vor dem Stream heute abend gab es einiges zu erledigen. Sie wollte erst zu Tom, die Teile abholen, dann direkt zur Schule – heute wollte sie mit dem Pacer endlich vorankommen.


    Auch Hartmut Rotter hatte sich den Tag freigehalten, um sie bei der Reparatur und dem anschließenden Prüfstandlauf zu unterstützen. Für ihn war das Projekt eine seltene Gelegenheit, sein Handwerk nicht nur zu erklären, sondern praktisch anzuwenden: Eine Schülerin, die technisch sauber arbeitete, ein ungewöhnliches Auto, dazu die Möglichkeit, Unterrichtsstoff einmal ohne Zeitdruck praktisch zu vertiefen. Er mochte diese Art von Arbeit, und er mochte, wie konzentriert Laurie an solche Aufgaben heranging. Das genügte ihm als Motivation.


    Seda wollte später dazu stoßen und weitere Aufnahmen für den Vlog machen, denn solange der Pacer gewissermaßen ‚außer Haus‘ in Behandlung war, hatten sie keine Livebilder aus Lauries Werkstatt.


    Marek hatte gestern ebenfalls angeboten, mit anzupacken. Er war ein guter Mechaniker und mochte alte Autos. Nur blieb bei Laurie ein kurzer Moment hängen, in dem sie sich fragte, warum er sich dafür Zeit nahm. Es war Samstag, niemand erwartete von ihm, in der Schule aufzutauchen. Vielleicht wollte er dazulernen. Vielleicht einfach helfen, ein Teil des Projekts werden. Sie dachte nicht weiter darüber nach. Am Ende zählte, dass jede zusätzliche Hand half – und dass die Chancen stiegen, dass Elenn am Abend einen sauber laufenden Rebel Yello präsentieren konnte.


    Als sie aus dem Haus trat, sah sie Lisa. Sie kniete im Hof, den Rücken zu Laurie, die Hände flach auf dem Boden abgestützt. Erst als Laurie näher kam, sah sie den kleinen Vogel, der zwischen Lisas Knien saß — benommen, die Flügel leicht abgespreizt.


    „Morgen“, sagte Laurie vorsichtig, „was machst du denn da?“


    Lisa hob den Kopf. „Der ist eben voll gegen das Bürofenster gedonnert. Ich wollte nur gucken, ob er wieder wach wird.“


    Laurie stellte ihre Tasche ab, ging in die Hocke. „Lebt er?“


    „Ja. Ist nur… verwirrt.“ Lisa streckte einen Finger aus, berührte den Boden neben dem Vogel, nicht ihn. „Ich dachte, ich bleib kurz hier, bis er sich fängt.“


    Der Vogel blinzelte, schüttelte den Kopf, als müsste er noch die Richtung suchen. Dann sprang er ein Stück zur Seite, flatterte unsicher hoch und verschwand über den Dächern.

    Lisa atmete leise aus. „Guten Flug, du kleiner Bruchpilot“, lächelte sie.


    Laurie nickte. „Dann kann der Tag ja losgehen.“


    „Wird schon werden“, murmelte Lisa, stand auf und klopfte sich die Knie ab.

    Laurie dachte sich nichts dabei. Noch nicht. „Ich bin dann bei Tom und danach in der Schule, okay?“


    „Viel Erfolg!“

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  • Über Toms Nasenwurzel bildete sich eine tiefe Falte, sein Kiefer spannte sich kurz an – Toms Standardreaktion, wenn Uniformen in seine Nähe kamen. Ein Streifenwagen stoppte vor der Tür, zwei Beamte stiegen aus, und während der jüngere direkt auf den Eingang zusteuerte, blieb sein Kollege noch einen Augenblick auf dem Hof stehen und betrachtete die dort abgestellten Klassiker. Dann kam auch er in den Vorraum und grüßte Tom fast wie einen alten Bekannten.


    „Morgen!“


    „Morgen die Herren. Hab ich was verbrochen? Oder braucht ihr nen neuen Dienstwagen?“


    „Wir bräuchten da mal eine Expertise von Ihnen. Sie sind doch der Experte für US-Cars und kennen die Szene hier…?“, erklärte der Jüngere.


    „Das will ich meinen.“


    Dann zog sein Kollege etwas umständlich ein Handy aus der Tasche, wischte ein paarmal über das Display. „Wir haben heute früh ein verlassenes Unfallfahrzeug aufgefunden. Einen Amerikaner. Ohne Kennzeichen, ohne Zulassung“, erklärte er. „Und da wollten wir fragen, ob sie den Wagen vielleicht kennen und uns sagen können, wem er gehört.“


    „Klar, wenn ich kann. Zeigt mal her.“


    Der Polizist drehte das Handy um und reichte es ihm. Tom sah auf das Foto – und fuhr sichtbar zusammen. Seine Hand zuckte, als hätte ihn jemand gestoßen. Einen Moment lang hielt er das Handy zu fest, die Knöchel weiß.


    „…Scheiße, der Pacer“, murmelte er. Kein Tonfall, nur ein Reflex.


    Der Ältere sah ihn scharf an. „Sie kennen den Wagen?“


    Tom atmete einmal flach ein, hörbar. „Ja.“

    Er hob den Blick, und in seinen Augen lag etwas, das die Beamten sofort ernst werden ließ.

    „Der… der gehört meiner Tochter. Wo ist das passiert? Was ist mit ihr? Wo ist sie? Ist sie verletzt?“


    „Es war niemand mehr vor Ort.“


    Tom zuckte sichtbar zusammen, als hätte ihn etwas direkt in die Magengrube getroffen. Ein kurzer, scharfer Atemzug, dann suchte seine Hand instinktiv Halt am Tresen.


    „Verdammt“, brachte er hervor. Nur dieses eine Wort, rau und viel zu leise. Dann mehr zu sich selbst: „Was ist da passiert? Ich ruf sie an.“


    „Tun Sie das.“


    Tom ließ sein Handy Lauries Nummer wählen. Es klingelte, aber niemand nahm ab. „Eigentlich wollte sie auch herkommen“, erklärte er, während weiter das Freizeichen zu hören war. „Wir waren…“ Er brach ab, als die Mailbox ansprang.


    Er sprach drauf, die Stimme zu schnell, zu flach: „Ich bin’s. Wo bist du? Was ist passiert? Melde dich bitte, wenn du das hörst, ja?“

    Er beendete den Anruf. „Sie geht nicht ran. Da stimmt was nicht…“, sagte er an die Beamten gewandt.


    „Dann fahren wir hin. Wo wohnt sie?“


    Tom schüttelte den Kopf, als müsste er mehrere Gedanken gleichzeitig sortieren. „Ich weiß auch gar nicht, wie das Auto da hingekommen ist. Der sollte eigentlich in der Berufsschule stehen. Zur Reparatur. Also… zum Testen. Auf dem Prüfstand. Gestern. Soweit ich weiß, hat sie ihn über Nacht stehen lassen und wollte heute wieder hin – weitermachen.“


    „Das werden wir überprüfen.“


    „Einen Moment noch, ich will noch ihre Mutter anrufen. Vielleicht weiß die, wo Laurie ist.“ Tom hatte sein Handy schon wieder in der Hand, stellte auf Lautsprecher und wählte Lauras Nummer.


    Sie meldete sich schnell. „Mohoin. Na, du. Auch fleißig am Wochenende?“


    „Wo ist Laurie?“, fragte Tom sofort, hart, ohne jede Einleitung.


    „Wieso?“, wunderte sich Laura. „Ist die noch nicht bei dir? Sie ist vor zehn Minuten hier losgefahren…“


    „Sie ist also okay?“


    „Hä? Ja, klar. Das heißt, ich hab sie nicht gesehen, hab nur den Wagen abfahren gehört. Aber wieso sollte sie nicht okay sein? Ist was passiert?“


    Tom atmete einmal flach ein. „Die Polizei ist hier. Der Pacer… ist Schrott.“


    Jetzt erschrak auch Laura. „Schrott? Wieso Schrott? Ich denke, der steht in der Schule…“


    „Jetzt nicht mehr.“ In diesem Moment hörten sie ein Motorengeräusch und Tom und die Beamten gingen nach draußen.

  • Kurz darauf bog Hook auf das Gelände von Past Times ein, die Fenster offen, die Musik laut.


    „Da ist sie“, sagte Tom noch ins Telefon, hörbar erleichtert, aber immer noch angespannt. „Ich ruf dich später wieder an.“


    Hook rollte aus, die Tür quietschte, Laurie stieg aus, die Haare leicht zerzaust vom Fahrtwind. Eine Hand noch am Türgriff schwenkte sie die Tür ein paarmal hin und her. Ihr Blick war entspannt, völlig unvorbereitet.

    „Morgen“, rief sie in den Hof, beiläufig. Dann zu Tom: „Hast du mal ’n bisschen Fett? Die Tür quietscht.“


    Tom antwortete nicht. Er stand zu starr, zu angespannt. Die beiden Beamten drehten sich gleichzeitig zu ihr um.


    Laurie blieb stehen. „…Okay? Was ist das hier? Ist was passiert?“


    Tom brauchte einen Moment, bevor er überhaupt sprechen konnte. „Laurie. Komm mal her.“


    Sie sah erst ihn an, dann die Polizisten. „Tom? Was ist los?“


    Der ältere Beamte nickte knapp. „Guten Morgen. Wir hätten ein paar Fragen.“


    Laurie runzelte die Stirn. „Fragen? An mich? Wieso das?“


    Tom hob eine Hand, als wollte er sie vorbereiten. „Laurie… dein Auto.“


    Sie blinzelte irritiert. „Was ist mit meinem Auto? Das steht doch hier vor euch…“


    Tom atmete flach ein. „Nicht der. Der Pacer. Er wurde heute früh gefunden. Be…schädigt.“


    Laurie starrte ihn an, völlig überrumpelt. „Wie — gefunden? Wo gefunden? Der steht doch in der Schule.“


    Der jüngere Beamte schüttelte den Kopf. „Da stand er nicht.“


    Laurie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ein kurzer Moment stiller Überforderung. „Was heißt denn beschädigt?“


    Sein Kollege zog wieder das Handy hervor, zeigte ihr das Foto des verunfallten AMC. Auf dem Bild lag der gelbe Pacer tief in einem Graben, die komplette Front zerfetzt. Der linke Kotflügel war so stark eingedrückt, dass das Rad halb im Blech verschwand. Die Stoßstange hing schräg nach unten, der Grill war zerbrochen, voller Erde und Gras. Die vordere Haubenkante nach unten gestaucht, fast eingerollt, als wäre der Wagen frontal irgendwo eingeschlagen. Die Frontscheibe war von einem breiten Netz aus Rissen überzogen, ein Scheinwerfer fehlte komplett, der andere war nur noch ein gesplitterter Rest.

    Der Wagen stand schief, verdreht, verlassen, beide Türen standen offen — ein mehr als trauriges Bild, das nach Totalschaden aussah.


    Laurie riss ihm das Telefon aus der Hand, starrte auf das Bild. Der Blick wurde leer. Sie hob den Kopf, suchte Tom. Der kam sofort zu ihr, legte seinen Arm um ihre Schultern — nicht fest, eher ein Reflex, der verriet, wie sehr er selbst wackelte.


    Dann – eiskalt: „Wer. War. Das?“


    Der jüngere Beamte nahm ihr das Telefon vorsichtig wieder ab, gab es dem Kollegen zurück, zog seinen Notizblock. „Also... Sie waren es nicht?“


    Laurie sah ihn an. Ein Blick, schmal und hart, der ihm sofort die Luft abschnitt. Nervös klopfte er mit dem Stift auf seinen Block.


    Der ältere Beamte trat einen halben Schritt vor, sachlich, ruhig, professionell: „Wir müssen alle Möglichkeiten prüfen. Auch die naheliegenden.“


    Lauries Kopf drehte sich zu ihm, langsam. Die Stimme blieb leise, aber scharf wie ein Schnitt:

    „Die naheliegende Möglichkeit ist also, dass ich meinen eigenen Wagen nachts in einen Graben setze und dann hier auftauche, als wäre nichts? Das ist euer Ernst.“


    Der ältere Beamte hielt ihrem Blick stand. „Wir stellen nur Fragen.“


    Laurie atmete einmal ein, flach. Dann kam der Satz, kalt wie das zerknitterte Blech des Rebel Yello:

    „Dann stellt bessere.“


    Der jüngere Beamte senkte den Blick. Der ältere blieb ruhig — aber man sah, dass er jetzt sehr genau wählte, was er als Nächstes sagt.


    Tom versuchte, die Situation zu entspannen, obwohl auch er geschockt war, und übernahm für Laurie. „Wo ist der Wagen denn gefunden worden?“


    „Auf der Bundesstraße, nahe der Einmündung zum Segelflugplatz, die Rechtskurve am Waldeingang… Kennen Sie vielleicht jemanden, der dort in der Nähe wohnt?


    Laurie sah kurz auf. „Nein. Ihr?“


    „Sie sagen, das Fahrzeug hat sich zuletzt in der Berufsschule befunden. Haben Sie es da abgestellt?“


    Tom antwortete für sie. „Gestern war dort Tag der offenen Tür und der Pacer war Teil der Vorführungen. Heute wollte sie die Prüfung zusammen mit einem der Lehrer fortführen und ihn dann wieder zurück in ihre Werkstatt bringen.“


    „Sie haben auch eine Werkstatt?“


    „Was hat das denn mit dem Unfall zu tun? Irgendein Arsch hat meinen Wagen geklaut und zu Schrott gefahren. Und ihr steht hier rum und fragt und fragt. Wie wär’s denn mal mit Suchen? Nur so als Vorschlag“, giftete sie und Tom drückte seinen Arm um ihre Schultern etwas fester. „Sie sind doch dabei.“


    „So? Merk ich nichts von.“


    Der ältere Beamte ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Wir suchen. Und wir beginnen dort, wo das Fahrzeug zuletzt sicher stand.“


    Laurie presste die Lippen zusammen, der Blick kurz weg, dann wieder zu ihm. „In der Schule.“


    „Genau.“ Er nickte knapp. „Wenn der Wagen dort abgestellt wurde und Sie keinen Schlüssel zur Schulwerkstatt haben…?“


    „Nein.“


    „ ...Dann müssen wir davon ausgehen, dass jemand anderes Zugang hatte.“


    Der jüngere Beamte ergänzte leise, fast entschuldigend: „Der Wagen ist bereits bei uns auf dem Hof. Für die Spurensicherung.“


    Laurie zuckte kaum merklich zusammen. Nicht wütend — eher verletzt. „Und jetzt?“


    Der ältere Beamte blieb sachlich. „Jetzt fahren wir zur Schule. Dort wurde das Fahrzeug offenbar entwendet. Wir müssen mit Lehrkräften sprechen, uns die Werkstatt ansehen, mögliche Einbruchspuren prüfen.“


    Laurie sah kurz zu Tom, dann wieder zu den Beamten. „Tss – entwendet. Ich komme mit.“


    Der ältere Beamte nickte. „Sie fahren bitte hinter uns her. Wir fahren voraus.“


    Tom drückte ihren Arm leicht, ein stilles „Ich bin da“. Laurie reagierte nicht sichtbar, aber sie blieb stehen, atmete einmal tief ein.


    „Gut“, sagte sie leise. „Dann los.“


    Der jüngere Beamte wirkte erleichtert, dass sie nicht weiter eskalierte. Der ältere drehte sich um und ging zum Streifenwagen.


    Tom sah Laurie an. „Wir fahren hinterher.“


    Sie nickte nur wortlos und ging mit schnellen, festen Schritten zu Hook.

  • „Fahr doch…“ Nicht laut. Nur dieses gepresste Wort, das irgendwo zwischen Zähnen und Lenkrad hängen blieb.

    Vor ihnen der blau‑silberne Passat. Fünfzig. Konstant. Wie festgeklebt.

    Laurie saß zu weit vorn, die Schultern hochgezogen, die Finger zu fest um das Lenkrad geschlossen. Hook brummte unter ihr, ein dumpfer, unruhiger Ton, der sich mit ihrem Puls überlagerte.


    Tom warf ihr einen kurzen Blick zu. „Sie haben gesagt, wir sollen hinter ihnen bleiben.“


    Sie reagierte nicht. Ihr Blick klebte an der Rückseite des Streifenwagens, der sich durch die Stadt schob, als hätte er alle Zeit der Welt.


    Die Strecke war kurz. Vier, fünf Kilometer. Normalerweise ein Durchrollen.

    Heute fühlte es sich an wie ein endloser Korridor, der sich mit jedem Meter weiter dehnte.

    An jeder Ampel standen sie zu lange. Jeder Kreisverkehr schien plötzlich voller. Jeder Fußgänger brauchte heute eine Sekunde mehr, um die Straße zu überqueren.


    Laurie atmete einmal scharf aus, ein Geräusch, das mehr mit Nerven zu tun hatte als mit Luft.


    Am Einkaufszentrum wurde die Straße zweispurig. Der Passat blieb links. Fünfzig. Immer noch.

    Laurie setzte keinen Blinker. Nur ein kurzer Blick in den Spiegel. Rechts rüber. Gas.

    Hook zog am Streifenwagen vorbei, nicht aggressiv, aber mit einer Klarheit, die keinen Zweifel ließ: Sie konnte nicht noch länger hinter diesem Tempo feststecken.


    Tom fuhr herum. „Laurie…“


    Keine Antwort. Nur der feste Blick nach vorn, die Kiefermuskeln hart, die Schultern unbeweglich.


    Ein paar hundert Meter später bog sie ab, direkt auf das Schulgelände. Verboten, klar. Aber das spielte jetzt keine Rolle.


    Hook rollte über den Hof, vorbei an den Parkbuchten für das Lehrpersonal, direkt bis vor die große Werkstatthalle. Laurie bremste, stieg aus. Die Tür fiel ins Schloss.


    Hartmut Rotter, Seda und Marek standen draußen. Sie hatten das Motorengeräusch gehört — und Lauries Gesicht sagte ihnen genug.

    Rotter richtete sich unwillkürlich auf, als müsse er Haltung annehmen. Seda senkte das Handy, ohne nachzudenken. Marek machte einen Schritt vor, stoppte dann wieder.


    Laurie blieb einen Moment stehen, atmete einmal durch, zu schnell. Dann ging sie auf die Halle zu, ohne Begrüßung, ohne Erklärung.


    Hinter ihnen bog der Streifenwagen endlich auf den Hof ein. Nicht hastig. Eher so, als hätten die Beamten unterwegs akzeptiert, dass Laurie ihren eigenen Rhythmus fuhr — und sie nur noch folgen konnten.


    „Ich… ich wollte dich gerade anrufen“, stotterte Seda. „Die Halle… das Auto, der Pacer… er ist...“


    „Ich weiß“, unterbrach Laurie. Sie blieb einige Meter vor dem Hallentor stehen und sah hinein – in die große, offene, leere Halle. Der Platz, an dem der Pacer hätte stehen müssen, wirkte wie ein ausgeschnittener Bereich, zu sauber, zu leer.


    Hinter ihr kamen Tom und die Polizisten näher.

    „Stop“, rief der Jüngere. „Nicht weiter, bitte.“


    Laurie fuhr herum, abrupt. „Was?“


    Rotter trat einen halben Schritt vor, die Stirn in Falten. „Haben Sie den Wagen hier gestern noch weggeholt?“


    Laurie drehte sich weiter, jetzt zu ihm. Der Blick verwirrt, genervt, verletzt — alles gleichzeitig. Tom kam zu ihr, legte die Hände auf ihre Schultern, nicht fest, nur stabilisierend.


    „Nein“, sagte Laurie. „Natürlich nicht…“


    „Dann ist er geklaut“, stellte Marek fest. Keine Dramatik. Nur diese Mischung aus Betroffenheit und nüchterner Erkenntnis, die auf dem Schulhof hängen blieb wie kalte Luft.


    Während der jüngere Beamte jetzt in die Halle ging, um den möglichen Tatort zu sichern, wandte sich sein Kollege an die drei Wartenden. „Guten Morgen. Sie sind…?“


    „Rotter. Hartmut Rotter ist mein Name“, antwortete er. „Ich bin der verantwortliche Lehrer. Und das sind zwei meiner Schüler: Seda Demirci und Marek Kuberski.“


    Seda murmelte ein leises „Morgen“, Marek nickte nur schüchtern.


    „Haben Sie das Hallentor geöffnet?“


    „Nein, das war schon so, als wir angekommen sind. Vor fünf Minuten — höchstens.“


    „Und haben Sie etwas bemerkt? Etwas, das anders war als sonst?“


    Seda sah kurz zum Tor, suchte nach Worten.


    Der Beamte ergänzte: „Abgesehen vom geöffneten Tor.“


    „Das Auto“, sagte Marek vorsichtig. „Es war weg. Ein schwefelgelber 77er AMC Pacer. Ein amerikanisches—“


    Der Beamte unterbrach ihn knapp. „Das Fahrzeug ist uns bekannt. Er wurde heute früh aufgefunden.“


    „Aufgefunden? Was heißt das?“, fragte Rotter. „Sie haben ihn?“


    Der Polizist nickte nur, sah kurz zu Laurie. „Ja. Das Fahrzeug ist bei uns — zur Sicherung der Spuren.“


    „Also geklaut? Aber er ist wieder da?“, hakte Seda nach, ein Hauch Erleichterung in der Stimme. Dann sah sie Laurie an — und erkannte, dass da noch etwas war. Etwas, das ihre Hoffnung sofort wieder erstickte.


    Laurie nickte nur kurz. Atmete tief ein. „Ja, er ist wieder da. Also… das, was noch von ihm übrig ist.“


    Rotter verzog das Gesicht, zog Luft durch die Backenzähne. Seda legte die Stirn in Falten, verstand noch nicht ganz, was ihre Freundin meinte. Marek drehte sich weg.


    „Übrig?“, tastete Seda sich vorsichtig an die Wahrheit heran. „Was heißt das?“


    Laurie sagte nichts. Sie streckte langsam den linken Arm vor, ballte die Hand zur Faust — und drehte dann, in Zeitlupe, den Daumen nach unten.


    Marek stieß ein „Nein!“ aus, so abrupt, dass Seda und Tom kurz zusammenzuckten. Dann schossen ihm Tränen in die Augen.

    „Nein, bitte nicht!“, rief er, die Stimme überschlug sich fast. „Diese Schweine…!“


    Der ältere Beamte wurde sofort aufmerksam. „Wen meinen Sie? Wissen Sie, wer den Wagen entwendet hat?“


    Laurie schnaubte leise, ein kurzer, scharfer Laut. „Entwendet sagt er...“

    Nicht laut. Nur dieses eine Wort, schmal, hart, voller Bitterkeit.


    Marek sah auf, schüttelte den Kopf. „Nein. Ich meine die, die das gemacht haben. Ich weiß nicht, wer das war.“


    Dann wendete sich der Beamte wieder an Rotter, setzte die Befragung fort. „Wann haben Sie den Wagen zuletzt gesehen?


    „Gestern Abend“, antwortete Rotter. „Wir hatten einen Tag der offenen Tür. Dazu gehörten auch Vorführungen hier in der Werkstatt. Gegen siebzehn Uhr haben wir Feierabend gemacht. Ich habe abgeschlossen, noch mit der Schulleitung gesprochen und bin dann so gegen achtzehn Uhr nach Hause. Da war das Tor jedenfalls noch fest verschlossen — und der Pacer stand drinnen.“


    „Und die Wagenschlüssel?“


    Rotter sah zu Laurie, zuckte kurz mit den Schultern.


    Laurie presste die Lippen zusammen. „Hab ich stecken lassen. Für den Fall, dass der Wagen noch mal umgeparkt werden musste. Ich konnte doch nicht ahnen, dass hier einer einbricht und mein Auto – “ Sie brach ab, schluckte, dann kam es hart und unkontrolliert: „Ach, FUCK!“


    Tom zog Laurie näher zu sich, der Arm fest genug, dass sie es spürte. „Sie hat den Schlüssel stecken lassen, weil hier gestern Dutzende Leute gearbeitet haben“, sagte er, die Stimme ruhig, aber mit dieser kalten Schärfe, die man bei ihm selten hörte. „Das ist eine Werkstatt, kein Tresorraum. Da muss ein Wagen beweglich bleiben.“


    Er sah den Beamten direkt an, die Falte über seiner Nasenwurzel tief. „Und bevor Sie jetzt anfangen, ihr da irgendwas anzuhängen — das hier ist nicht ihr Fehler.“


    Der Beamte hob leicht die Hände, beschwichtigend, ohne zurückzuweichen. „Es geht nicht darum, jemandem etwas vorzuwerfen“, sagte er ruhig. „Ich muss nur klären, wie der Wagen gesichert war. Das gehört zu meiner Arbeit.“

    Ein kurzer Blick zu Laurie, dann wieder zu Tom. „Dass hier niemand mit einem Diebstahl rechnen musste, ist mir klar.“


    Rotter hob sofort den Kopf, als Tom den Beamten zurechtwies. „Er hat recht“, sagte er, die Stimme knapp, sachlich. „Der Schlüssel steckt bei Vorführungen. Immer. Sonst blockiert man sich gegenseitig.“

    Er machte eine kurze, ungeduldige Handbewegung Richtung Halle. „Wir hatten gestern Betrieb ohne Ende. Leute rein, Leute raus, Fahrzeuge umsetzen, erklären, zeigen. Da nimmt man den Schlüssel nicht jedes Mal raus und wieder rein.“

    Ein kurzer Blick zu Laurie, dann zurück zum Beamten. „Das ist normaler Werkstattablauf. Kein Fehler.“


    Der Polizist blieb sachlich: „Ich stelle nur fest, das Auto stand ungesichert in der Halle, es hätte also theoretisch jeder einsteigen und losfahren können.“


    Rotter schüttelte den Kopf, leicht genervt. „Nein. Die Halle war abgeschlossen. Nachts kommt hier keiner rein. Da kann der Schlüssel im Auto bleiben.“


    Der jüngere Beamte kam aus der Halle, blieb kurz stehen und zog die Handschuhe mit einer kleinen, unnötig bedeutungsvollen Bewegung aus. „Also…“ Er ließ den Blick über die Gruppe wandern. „Das Tor ist unversehrt. Keine Hebelspuren, kein Schloss beschädigt.“

    Er trat einen Schritt näher, die Stimme etwas zu ernst für die Situation. „Drinnen sieht es nicht nach einem klassischen Einbruch aus. Nichts zerstört, nichts aufgerissen.“ Eine kleine Pause, als würde er eine Szene rekonstruieren. „Aber ein paar Dinge stehen… ungewöhnlich. Nicht chaotisch. Eher so, als hätte jemand sich umgesehen.“


    Der ältere Beamte warf ihm einen kurzen Seitenblick zu, sagte aber nichts.


    Der Jüngere fuhr fort, jetzt fast mit kriminalistischem Eifer: „Ich kann nicht sagen, ob etwas fehlt. Aber es wirkt nicht so, als wäre seit gestern alles unangetastet geblieben.“


    Dann wandte er sich an Rotter, wieder sachlicher: „Können Sie bitte prüfen, ob alles vollständig ist? Werkzeuge, Geräte, Maschinen.“


    Rotter nickte und ging in die Halle.


    Seda sah Laurie an. „Und jetzt?“

  • Tja, ist leider so. Aber Laurie wäre nicht Laurie, wenn sie den Kopf in den Sand stecken und die Story damit enden lassen würde.


    Ich bin selbst gespannt, wie es weiter geht coyo

  • So, ein neuer Freitag, ein neues Kapitel:


    Kapitel 35: No lies

    Gegen Abend. Die Werkstatt war halbdunkel, die Lampen warfen ein hartes Licht auf liegengebliebene Werkzeuge und offene Schubladen. Niemand hatte hier seit gestern etwas angerührt. Laurie und Seda saßen sich auf zwei einzelnen Rädern gegenüber, beide leicht nach vorn gekippt – man sah ihnen an, der Tag war lang und schwer gewesen.


    Laurie rieb sich mit dem Daumen über die Stirn, eine unruhige Bewegung. „Ich sag’s wie’s ist. Irgendein Arsch hat das Ding geklaut und zu Klump gefahren. Zack, fertig, aus, Game over.“


    Seda schüttelte sofort den Kopf. „Das kannst du nicht machen. Die Leute sind da voll drin. Du kannst denen das nicht einfach so vor den Latz knallen.“


    Laurie hob den Blick, scharf, aber nicht gegen Seda gerichtet. „Mich hat ja auch keiner gefragt.“


    „Ja, aber…“ Seda verschränkte die Hände zwischen den Knien, rieb mit dem Daumen über die Fingerknöchel. „Wir müssen’s trotzdem irgendwie auffangen. Wenn du denen das so sagst, dann…“ Sie suchte nach einem Wort. „…dann brennt’s.“


    Laurie schnaubte, aber nicht abwertend. „Ich hab keinen Bock auf ’nen Trauerstream.“


    „Dann gib ihnen was Technisches“, sagte Seda. „Etwas, das sie verstehen. Wir könnten sagen, der Motor hat ’nen Kolbenfresser. Auf dem Prüfstand festgegangen. Das glaubt jeder. Und es klingt nach einem normalen Ende. Nicht nach…“ Sie machte eine vage Handbewegung. „…nicht nach dem, was wirklich passiert ist.“


    Laurie blinzelte einmal, langsam. Dann schüttelte sie den Kopf, diesmal klarer, fester.

    „Ein Kolbenfresser ist reparierbar.“


    Seda sah sie an, irritiert. „Schon, aber—“


    „Nein.“ Laurie hob die Hand, nicht abwehrend, eher erklärend. „Kolbenfresser ist Scheiße, aber kein Grund, so ein Projekt zu beenden. Kein Grund, warum ein Auto plötzlich weg ist. Kein Grund, warum die Polizei morgens vor der Schule steht.“ Sie lehnte sich vor, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. „Das ist technisch unlogisch. Und es wär ein Fake. Nein – no lies. Ich lüge nicht.“


    Seda atmete aus, langsam. „Ich wollte nur… es einfacher machen.“


    „Für wen?“, fragte Laurie. Nicht aggressiv — eher ehrlich. „Für die? Oder für mich?“


    Seda senkte den Blick, dann wieder hoch. „Für alle.“


    Laurie sah sie lange an. Die Wut war da, aber nicht gegen Seda — eher gegen die Situation, gegen die Hilflosigkeit, gegen die Tatsache, dass es überhaupt eine Ausrede bräuchte.


    Seda zog die Brauen zusammen. „Und wenn wir… ich weiß nicht… mit etwas anderem weitermachen? Mit einem anderen Auto?“


    Laurie sah kurz auf. „Und mit welchem?“


    „Ich weiß nicht. Vielleicht mit einem von deiner Mom? Der Taunus?“


    Laurie schüttelte sofort den Kopf. „Der ist doch fertig. Da gibt’s nichts mehr zu zeigen.“


    „Oder Hook?“


    Laurie drehte nur den Kopf, sah kurz in Richtung des geschlossenen Tors. „Nein. Das wäre nicht dasselbe.“


    Seda blieb dran. „Oder irgendwas Kleineres. Ein Nebenprojekt. Ein Motor, ein Getriebe, irgendwas, das du schon angefangen hast. Hauptsache, du hast was in der Hand.“


    Laurie verzog den Mund, nicht spöttisch, eher müde. „Ich fang jetzt nicht irgendwas an, nur damit ich was habe. Das ist nicht der Punkt.“


    Seda nickte, aber man sah, dass sie weiterdachte. „Ich mein ja nur… bevor du gar nichts mehr machst. Die Leute würden bleiben. Auch ohne Pacer.“


    Laurie rieb sich über die Handfläche, eine kurze, angespannte Bewegung. „Es geht nicht um die Leute. Es geht darum, dass ich nicht so tue, als wär alles normal.“


    Seda hob leicht die Hände. „Ich versuch nur, Optionen zu finden. Damit du nicht komplett in diesem Loch hängst.“


    Laurie sah sie an, ruhig, aber fest. „Ich sag ihnen die Wahrheit. Nicht jedes Detail. Aber die Wahrheit. Der Pacer ist weg. Er ist fucked – im Arsch. Und ich bin beyond pissed. Fact.“


    Seda nickte langsam, diesmal ohne Einwand. „Okay.“


    Laurie atmete einmal durch, kurz, scharf. „Und ich mach jetzt nicht so, als wär das irgendein Übergang. Kein Ersatzprojekt. Kein Notfall‑Content. Das hier war mein Ding.“


    Seda senkte den Blick, akzeptierte es. „Dann sag’s so.“


    Laurie nickte knapp. „Genau.“


    Seda nickte, langsam, zustimmend. „Es wird hart. Aber das können sie ab.“


    „Ja.“ Laurie atmete tief durch, die Schultern hoben sich, sanken wieder. „Und ich bleibe. Ich schalte nicht nach zwei Minuten ab. Ich rede mit ihnen.“


    Seda lächelte klein, erleichtert. „Gut.“


    Laurie stand auf, streckte die Finger, als müsste sie die Spannung aus ihnen schütteln. „Ein Kolbenfresser…“, murmelte sie, halb zu sich selbst. „…das wäre fast schon schön gewesen.“


    Seda stand ebenfalls auf, richtete die Kamera, prüfte den Winkel. Laurie zog den Hoodie zurecht, nicht aus Eitelkeit, sondern aus Gewohnheit. Sie ging ein paar Schritte im Raum, blieb stehen, ging wieder zurück. Ihre Bewegungen waren kurz, kantig, als müsste sie Energie loswerden, die keinen Platz hatte.


    „Du musst nicht perfekt sitzen“, sagte Seda leise.


    „Ich sitz nie perfekt“, antwortete Laurie trocken, setzte sich aber trotzdem wieder hin.


    Seda überprüfte noch einmal das Licht, rückte eine Werkzeugkiste aus dem Bild, schob ein loses Kabel zur Seite. Laurie beobachtete sie kurz, dann starrte sie wieder auf den Boden. Ihre Hände lagen auf den Oberschenkeln, die Finger leicht gespreizt, aber ruhig.


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  • 19:58.


    „Bereit?“, fragte Seda.


    Laurie atmete einmal tief durch – nickte. „Ja. Kann losgehen... Showtime.“


    Seda verzog kurz den Mund.


    19:59. Der Countdown zählte die letzten Sekunden herunter… 5..4..3..2..1 – Stille. Dann das Kamerabild. Laurie saß da. Ruhig. Gerade. Die Hände außerhalb des Bildes. Kein Bandshirt, nur der dunkelgraue Hoodie, die Kapuze jetzt tief ins Gesicht gezogen.


    Im Hintergrund ein leises Geräusch – ein kurzes Stuhlrücken, eine Bewegung. Seda, hinter der Kamera. Nicht sichtbar, aber da.


    Laurie sah nicht in den Chat. Sie sah knapp an der Linse vorbei, fixierte einen Punkt im Nichts. Dann schob sie die Kapuze vom Kopf, holte einmal Luft, dann sprach sie.


    „This... was Rebel Yello. Ich bin Elenn. Ja, was soll ich groß rumreden, ich sag’s euch, wie’s ist. Gestern – der Pacer war auf dem Prüfstand, wie angekündigt. Wir hatten auch zwei, drei Fehler gefunden. Ich hab ihn stehen lassen, heute sollte die Aktion eigentlich weitergehen, dann hätten wir jetzt einen top laufenden 304 präsentieren können…“


    Der Chat war gespannt, erste Fragen tauchten auf, kurze Zeilen, die aus der Bewegung herausstachen: „Wie lief der Prüfstand? Hast du Werte?“ „Elenn, alles okay? Klingst anders heute…“ „blew up the dyno lol?“ „Hope you’re alright.“


    Laurie reagierte nicht sofort. Sie schüttelte nur den Kopf, einmal, knapp.

    „Dann kam die Nacht, und der Pacer…“ Sie stoppte, holte Luft.


    Der Chat zog an, erst irritiert, noch ohne zu wissen, wohin es geht: „Was ist mit dem Pacer?“ „Problem auf dem Prüfstand?“ „Elenn?“ „What happened?“ „Take your time if you need.“


    Laurie rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht, dann sah sie direkt in die Kamera.

    „Er war weg. Er ist weg.“


    Jetzt kippte der Chat, schneller, schärfer: „Wie – weg? Geklaut????“ „Sag bitte, das ist nicht ernst :-(((“ „What does it mean ‘weg’?” „Stolen? Seriously?“ „OMG“ „That’s awful… I’m sorry.“


    Sie drehte die Kamera kurz zur Seite, auf die leere Stelle, wo der gelbe AMC immer gestanden hatte. Dann wieder zurück.

    „Yes. Geklaut.“


    Der Chat kippte sichtbar, die Zeilen wurden schneller, Farben wechselten. Seda saß hinter der Kamera, kaum sichtbar, aber hörbar — ein leises Einatmen, ein Stuhlrücken.


    Laurie fuhr fort: „Heute früh… war dann die Polizei da. Sie hatten ihn gefunden. Wie, das werde ich euch nicht zeigen.“


    Der Chat reagierte sofort: „Wie schlimm?“ „Motor? Karosse?“ „Elenn, musst du nicht zeigen. Erzähl nur.“ „How bad is it?“ „Totaled?“ „You don’t have to prove anything.“


    Laurie sah kurz hin, dann wieder weg. Sie griff eine Zeile heraus.

    „Wie schlimm?“ Sie zeigte wieder die Daumen-nach-unten-Geste. „Mehr sag ich dazu nicht.“

    Dann eine zweite:

    „Motor, Karosse… spielt keine Rolle mehr. Das Ding ist tot.“


    Sie verschränkte die Hände hinter dem Kopf, lehnte sich zurück, schüttelte den Kopf. Die Stimme blieb schmal, aber stabil.

    „Der Pacer ist tot. Projekt Rebel Yello... ist tot.“


    Der Chat wurde ruhiger, nicht langsamer, aber schwerer: „Wir bleiben.“ „Brauchst du Teile? Sag, was du brauchst.“ „Scheiße… tut mir leid.“ „We’re here with u“ „Don’t quit streaming.“ „You’re not alone in this.“


    Laurie blinzelte einmal, hart. „Thank you. Danke euch für’s Dabeisein. Macht’s gut. See ya. Rebel Yello over and out.“

    Sie klickte den Stream aus. Der Bildschirm wurde schwarz, nur das leise Piepsen der Kamera blieb übrig. Seda stand langsam auf, streckte die Finger, als hätte sie die ganze Zeit die Luft angehalten.

  • Laurie blieb sitzen. Sie rührte sich nicht, die Hände hingen locker zwischen den Knien. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, aber nicht wirklich fokussiert. Nur Stille. Keine Bewegung. Keine Worte.


    Seda wartete erst, sagte nichts. Sie beobachtete, wie Laurie einmal kurz mit der Zunge über die Lippen fuhr, zur Flasche griff, einen Schluck Wasser trank. Laurie atmete flach, dann etwas tiefer, aber immer noch unruhig. Die Schultern sanken ein Stück, nicht viel.


    Seda schob einen Hocker mit dem Fuß zur Seite, leise, fast vorsichtig. Der Raum wirkte plötzlich größer, obwohl sich nichts verändert hatte. Die Werkstatt war still, nur irgendwo tropfte ein Rest Regenwasser aus der undichten Stelle in eine Plastikwanne.


    Laurie fuhr sich mit der Hand über den Nacken, langsam, als müsste sie erst wieder in ihrem Körper ankommen. Sie stand nicht auf. Sie sagte nichts. Sie saß einfach da, bis die Spannung ein Stück nachließ.


    Erst dann hob Seda leicht den Kopf.


    „Da war einer im Chat… der war irgendwie… anders.“


    Laurie sah auf, rieb sich über die Stirn. „Hab ich auch gesehen. Und?“


    Seda nickte, suchte kurz nach dem Namen. „Dirty… irgendwas.“


    „DirtyDaisy“, wusste Laurie. Ohne nachzudenken.


    Seda sah sie an. „Genau. Der. Oder die. Keine Ahnung.“ Sie zuckte mit einer Schulter. „War… nett. Also… wirklich nett.“


    Laurie atmete einmal durch, langsam. „Mhm. Ist mir auch aufgefallen. Die ist immer dabei. Hat auch schon mal das Shirt gewonnen...“


    Mehr sagten sie nicht dazu. Es blieb einfach im Raum stehen — wie etwas, das man registriert, aber nicht einordnet.



    Laurie begann, die Kamera abzubauen. Sie löste die Schraube am Stativ, klappte die Beine ein, legte das Gerät vorsichtig auf die Werkbank. Ihre Bewegungen waren ruhig, aber mechanisch. Seda zog den Laptop zu sich, fuhr ihn herunter, wartete, bis das Licht erlosch. Niemand sprach.


    Kurz darauf vibrierte Sedas Handy. Sie erschrak kurz, zog das Telefon aus der Gesäßtasche und sah auf das Display. „Nico“, flüsterte sie vorsichtig, obwohl die Kameras schon aus waren, und schaute zu Laurie.


    Die zuckte nur kurz mit den Schultern. „Dann geh doch ran.“


    Seda drückte den grünen Button, meldete sich. „Hallo?“


    „Hi, ich bin’s. Du, ich hab grad den Stream gesehen. Das ist jetzt aber nicht wahr, oder? Ein Prank. Ihr verarscht uns doch. Morgen steht der Wagen wieder da.“


    Seda nickte, statt zu antworten, darum fragte Nico nach. „Bist du noch da?“


    Seda blinzelte kurz, überlegte, was sie antworten sollte. „Das wär schön. Nein, es stimmt. Alles. Leider. Das Auto ist im Eimer. Totalschaden.“


    Jetzt schwieg Nico, Seda hörte nur, wie er schluckte, und etwas wie „Fuck“ murmelte. „Ist… ist Laurie bei dir? Kann ich sie mal sprechen?“


    Seda reichte das Telefon weiter. „Nico. Er will mit dir reden.“


    Zögerlich nahm Laurie den Apparat an, hielt ihn ans Ohr, meldete sich: „Katastrophenzentrale. Sie sprechen mit der First Lady of Fuckups.“


    Nico grunzte kurz, dann lachte er vorsichtig. „Na, wenigstens hast du deinen Humor nicht ganz verloren. Ich hab’s grad im Stream gesehen. Was zur Hölle ist passiert.“

  • Bin übers Wochende nicht viel zum Schreiben gekommen. Hier der neue Abschnitt, Das Kapitel ist noch nicht fertig:


    Kapitel 36: Keine Chance?


    Lauries Tür stand offen, Laura hörte sie drinnen sprechen. Sie klopfte kurz, trat ein und fand ihre Tochter im Wohnzimmer. Das Handy am Ohr hob Laurie kurz die Hand, beendete das Gespräch.

    „Hab nur eben der Schule Bescheid gesagt.“


    „Ach so. Okay. Sollen wir dann los?“


    Sie stiegen in den Escalade, Laura startete den Motor. Laurie zog den Gurt straff, atmete einmal tief durch. Ihre Finger trommelten unruhig auf dem Oberschenkel, ein schneller, nervöser Rhythmus, den sie selbst kaum bemerkte.


    „Soll ich eigentlich mit reinkommen?“, fragte Laura.


    Laurie schüttelte den Kopf. „Nope. Das mach ich alleine.“ Sie wirkte angespannt. „Ich will, dass die endlich anfangen zu suchen. Nicht rumdrucksen und mir nur wieder erzählen, wie schlecht die Aufklärungsquote ist.“ Ein kurzer, scharfer Atemzug. „Die haben alles, was sie brauchen. Jetzt sollen sie auch was draus machen.“ Dann, wieder knapper: „Zehn Minuten, dann bin ich wieder raus.“


    Laura nickte, sagte nichts. Sie fuhr los, warf kurz einen Blick zur leeren Werkstatt. Hook stand davor wie ein Wachhund. Nur, dass es drin nichts mehr zu bewachen gab. Laurie folgte ihrem Blick, sah sofort wieder weg.


    Ein paar Minuten vergingen in Stille. Der Motor brummte leise, die wuchtigen Reifen rauschten über den Asphalt. Laurie starrte aus dem Fenster, die Stirn leicht angespannt, als würde sie etwas durchdenken, das ihr keine Ruhe ließ.


    Dann drehte sie sich zu Laura. „Weißt du, wie ich mir gerade vorkomme?“


    „Hm?“


    „Weißt du noch? Damals, in Miami. Am Beach?“


    Ein wissendes Lächeln zog über Lauras Gesicht. „Deine Sandburg.“


    „Genau die. Drei Tage hab ich dran gebaut. Und dann kommt dieser Arsch mit seinem Quad und fährt sie zu Brei.“


    „Du hast getobt. Nicht geheult – getobt. Stundenlang. Und du hast Dick angebrüllt, er soll den Typ vor dem allerhöchsten Gericht verklagen. Wörtlich so, Dabei warst du gerade mal fünf.“


    Laurie verzog kurz den Mund zu einem schmalen Grinsen, kaum mehr als ein Zucken. „Ja, klingt nach mir.“

    Damals war es nur Sand. Jetzt ein ganzes Auto. Wieder hatte jemand etwas zerstört, das ihr gehörte – das sie erschaffen hatte.


    Dann war das Grinsen wieder weg. „Und jetzt fühl ich mich wieder wie damals. Nur… größer. Schwerer. Warum macht dieser Penner mein Auto kaputt? Was hab ich ihm getan? Meinst du, sie kriegen ihn? Oder sie?“


    „Sie?“


    „Kann doch sein. Dass es mehrere waren… da war so viel Volk unterwegs an dem Tag.“


    Laura nickte langsam. „Ach so. Ich dachte, du meinst eine ‚Sie‘. Hast du denn irgendeine Idee, wer es gewesen sein könnte?“


    Laurie dachte einen Moment nach. Ihre Finger hörten auf zu trommeln. „Mh. Nein. Eigentlich nicht.“


    „Eigentlich?“


    „Naja… man hat immer so ein, zwei Leute, die einem einfallen würden. Aber zutrauen würde ich’s keinem davon.“ Sie sah wieder aus dem Fenster, der Blick hart und schmal. „Und trotzdem… irgendwer war’s.“


    Laura warf ihr einen kurzen Blick zu. „Sie kriegen das raus.“


    Laurie zuckte mit einem Mundwinkel. Kein Lächeln, eher ein müder Reflex. „Ja. Irgendwie.“


    Laura hielt vor dem Polizeirevier. Laurie löste den Gurt, stieg aus, schlug die Tür zu.

    „Ich such schnell ’nen Parkplatz, dann komm ich nach“, sagte Laura durchs offene Fenster.


    Laurie winkte ab. „Brauchst du nicht. Wirklich. Bis du den Panzer irgendwo reingequetscht hast, bin ich längst fertig.“ Sie ging los, ohne sich noch einmal umzudrehen.


    Die automatische Tür des Reviers surrte auf. Kühle Luft, Neonlicht, der Geruch von Kaffee und Akten. Laurie atmete einmal durch, straffte die Schultern — und verschwand im Inneren.


    Laura fuhr weiter. Der Escalade wirkte in den engen Straßen der Innenstadt immer wie ein Fremdkörper, zu breit, zu schwer, zu viel. Sie kurvte einmal um den Block, dann noch einmal, suchte Lücken, die keine waren. Ein Lieferwagen stand halb auf dem Bordstein, ein Smart quer in einer Parkbucht, ein anderer SUV viel zu nah an der Einfahrt.

    Sie stöhnte leise. „Ganz toll.“


    Beim dritten Versuch fand sie eine Lücke — knapp, aber machbar. Sie rangierte den Escalade hinein, Zentimeter für Zentimeter, bis er endlich stand. Von hier aus konnte sie die Polizeistation sehen: die graue Front aus Beton und Stein, den Eingang mit der automatischen Tür, der Laurie vor wenigen Minuten geschluckt hatte.


    Laura legte die Hände ans Lenkrad, ließ sie dort. Sie blieb sitzen. Sie wartete. Mehr konnte sie gerade nicht tun. Dann, zehn Minuten später, ein Anruf – Tom.

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  • Währenddessen im Klassenraum der KFZ 24‑1. Hartmut Rotter hatte die Anwesenheitskontrolle beendet – zwei Plätze waren heute leer geblieben. Laurie fehlte, klar. Und auch Eric Rollmann war nicht da. Das überraschte niemanden. „Rolle“ fehlte regelmäßig: krank, verschlafen, oder er hatte sich mal wieder im Wochentag vertan und war direkt in den Betrieb gefahren, sehr zum Ärger seiner Ausbilder. Rotter sparte sich inzwischen jede Nachfrage und trug schlicht ein unentschuldigtes Fehlen ein.


    Laurie hingegen war entschuldigt. Sie hatte einen Grund, und Rotter kam jetzt darauf zu sprechen.

    Er legte sein Tablet beiseite, verschränkte die Arme und sah in die Runde. „Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Lauries Auto, der Pacer, wurde in der Nacht zum Samstag hier aus der Halle gestohlen. Die Polizei hat es dann in der Früh gefunden – verunfallt, ziemlich zerstört. Sie ist heute dort wegen der Aussage.“


    Ein paar Köpfe hoben sich. Andere drehten sich zu ihren Nachbarn. Ein leises „Echt jetzt?“ irgendwo aus der dritten Reihe. Einer pfiff leise durch die Zähne. Zwei Jungs hinten tauschten Blicke, als hätten sie gerade erst verstanden, dass das Ganze kein Gerücht war.


    Rotter wartete einen Moment, bis das Gemurmel abebbte. „Mehr weiß ich auch nicht“, sagte er knapp. „Nur, dass die Polizei sie heute braucht.“

    Damit war die formale Information erledigt. Aber im Raum war sofort klar: Das Thema war damit nicht vom Tisch.


    Die Klasse war unruhig. Nicht laut, aber wach. Manche tuschelten. Andere starrten auf den leeren Platz, als wäre nicht nur der Pacer, sondern auch Laurie verschwunden. Wieder andere wirkten plötzlich sehr interessiert, obwohl sie sonst kaum etwas mitbekamen.

    Es gab keine Bilder vom Schaden, keine Details, nur Bruchstücke. Und genau das machte es für die Klasse noch unklarer: Ein gestohlenes Auto. Ein Unfall. Polizei. Und das alles mitten aus ihrem eigenen Schulalltag heraus.


    „Wer macht denn sowas?“, murmelte einer aus der zweiten Reihe. „Der Wagen stand doch eigentlich sicher, hier in der Schule… da kommt doch keiner einfach rein.“ „Vielleicht doch. Türen sind hier öfter offen als zu.“


    Rotter schüttelte den Kopf, protestierte. „ Nein, die Halle hab ich persönlich abgeschlossen, die war zu. Und das Auto drin.“


    Ein paar lachten nervös, nicht aus Spaß, sondern weil die Situation ihnen unangenehm war. Andere wirkten ernst, fast still.


    Marek sagte nichts, aber sein Blick war hart. Seda starrte in den Raum, die Stirn leicht gerunzelt. Zwei Jungs vorne tuschelten hektisch, als hätten sie plötzlich Angst, selbst in Verdacht zu geraten, nur weil sie am Freitag in der Werkstatt gewesen waren.


    Dann die ersten negativen Stimmen – leise, aber hörbar:

    „Vielleicht hat sie’s selbst verbockt.“ „Oder jemand, den sie provoziert hat.“ „Die ist doch immer so… naja.“

    Doch diesmal blieben sie nicht unwidersprochen.


    „Halt mal den Ball flach“, kam es scharf von Seda. „Sie hängt an dem Auto. Das war ihr Baby. Und wer sie wirklich kennt, weiß, dass sie niemandem was getan hat.“ Eben, kam die Bestätigung. „Laurie macht viel Mist, aber sowas? Niemals.“


    Die Stimmung kippte eindeutig: Nicht gegen Laurie – sondern für sie.

    Betroffenheit breitete sich aus, eine Art kollektives Unbehagen. Nicht dramatisch, aber spürbar. Die Klasse war sonst schnell mit Sprüchen, aber heute fehlte der Zynismus.

    „Schon heftig“, sagte einer schließlich. „Du baust monatelang an dem Ding… und dann sowas.“

    Ein anderer nickte. „Ich wär ausgerastet.“


    Plötzlich wurde es mit einem Schlag still. Die Tür ging auf – Eric Rollmann kam ins Klassenzimmer, und sein Erscheinen ließ sogar Hartmut Rotter zweimal hinsehen.

    Rolle stand da mit einer Schürfwunde am Unterarm, Pflaster an der Stirn, bandagiertem Knie. Nichts Dramatisches – aber sichtbar.

    „Morgen“, sagte er breit grinsend.


    Rotter sah ihn an. „Herr Rollmann. Schön, dass Sie da sind. Was haben Sie denn angestellt? Aus dem Bett gefallen?“


    „Hab vorgestern ’nen Stunt gedreht. Beim Downhill Race. Voll der Profi‑Move.“ Er hob den Arm, als wäre die Schürfwunde ein Orden. „Bin über den Lenker geflippt. Aber alles unter Kontrolle.“


    Ein paar lachten leise.

    Seda nicht. Sie sah ihn nur an – ruhig, aufmerksam. Ihr Blick blieb kurz an der Stirn hängen, dann am Knie. Kein Kommentar. Nur dieses stille, prüfende Registrieren.


    Rotter wiederholte trocken: „So. Downhill Race.“


    Rolle nickte eifrig. „Ja, so Freestyle‑Mountain‑Downhill‑Riding. Kennen Sie ja.“

    Aus der dritten Reihe kam es halblaut, ohne jede Mühe, es zu verstecken: „War’s dein erstes Mal ohne Stützräder?“

    Ein paar grinsten. Rolle tat so, als hätte er es nicht gehört.


    „Nein“, antwortete Rotter, ohne die Bemerkung zu kommentieren.

    Rolle humpelte zum Platz, setzte sich, verzog kurz das Gesicht, als die Rippen gegen die Tischkante kamen. Er versuchte, es aussehen zu lassen, als wolle er es lässig wegspielen.


    Seda sah weg, aber langsam – als hätte sie genug gesehen. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen.

    Die Klasse wurde still. Zu still für eine Downhill‑Story.


    Nach Rolles Auftritt blieb die Klasse in einer Art Schwebezustand hängen. Keiner sprach laut aus, was alle dachten, aber die Gedanken liefen trotzdem.

    Manja, das dritte Mädchen der Klasse, meldete sich. „Herr Rotter, wissen Sie, ob die Polizei schon einen Verdacht hat? Ich meine, am Freitag waren doch so viele Leute hier. Da muss es doch Videos geben. Vielleicht kann man da was sehen. Jemand, der sich – ich weiß auch nicht – irgendwie verdächtig verhält. Oder so.“


    Rotter schüttelte kurz den Kopf. „Nein, weiß ich nicht. Ich bin aber auch noch vorgeladen, als Zeuge. Also, wenn ihr was beobachtet habt, oder auch Aufnahmen gemacht habt in der Halle, könnt ihr mir das gerne sagen.“


    Marek hob die Hand. „Vielleicht sollten wir eine Sammelstelle einrichten für Videos. Und die dann der Polizei zur Verfügung stellen. Möglich, dass jemand was gefilmt hat und gar nicht weiß, dass der Täter da zu sehen ist. Also, der mögliche Täter…“


    „Gar nicht so dumm“, stellte Rotter fest, dann wieder Manja: „Vielleicht eine Cloud, auf die alle ihre Videos hochladen sollen.“


    Rotter nickte. „Das könnte helfen.“ Er stand auf, schob den Stuhl zurück und griff nach seinem Tablet. „Okay. Ich kläre das mal kurz mit der Schulleitung ab. Wenn wir sowas einrichten, dann brauchen wir eine Lösung, die offiziell läuft — und zwar nicht nur für die Klasse. Am Freitag waren hunderte Leute hier.“ Dann verließ er den Raum.


    Die Tür war kaum zu, da wurde es wieder unruhiger, erste Schüler durchsuchten bereits ihre Handys nach Material vom Freitag. Seda zog ihren Laptop heran. „Wenn wir das machen, dann richtig. Wir brauchen einen Upload‑Link, den auch Besucher nutzen können.“


    Marek nickte. „Es haben sicher viele gefilmt. Eltern, Betriebe, Nachbarn. Wir brauchen alles, was es gibt.“


    Ein paar Schüler murmelten zustimmend. Rolle nicht.

    Er saß etwas tiefer im Stuhl, die Arme verschränkt, auch er starrte auf sein Handy – ein Video vom Freitag, vom Prüfstand – vom Pacer. Er sah es zweimal an, drückte dann aber auf Löschen. Bestätigte. Kein Kommentar, kein Spruch — nur ein kurzes, kaum hörbares Ausatmen, das eher nach Unbehagen klang als nach Langeweile. Sein Bein wippte unter dem Tisch, unruhig, als würde er gern aufstehen, aber keinen Anlass finden.


    Seda arbeitete weiter. „Ich kann einen Bereich anlegen, der nur Uploads erlaubt. Ohne Login.“

    Marek rückte näher. „Setz die Rechte so, dass niemand etwas löschen kann. Nur hochladen.“

    Seda nickte. „Mach ich.“


    Roberto lehnte sich rüber. „Und wie kriegen wir das an die Leute, die nicht in unseren Chats sind?“

    Marek blieb sachlich. „Rotter lässt das über die Schule rausgeben. Website, Aushang, vielleicht über die Betriebe. Wir schicken’s in unsere Gruppen. Dann haben wir schon mal viele.“


    Seda richtete den Ordner ein, setzte die Berechtigungen, kopierte den Link. Marek testete den Upload mit einem kurzen Clip. Der Balken lief durch. „Funktioniert.“


    Rolle bewegte sich kaum. Nur ein kurzer Blick zur Seite, dann wieder weg. Kein Protest — aber auch kein Funken Interesse. Eher der Ausdruck eines Menschen, der gehofft hatte, dass das Thema sich totläuft und jetzt merkt, dass es größer wurde, als ihm lieb war. Oder dass Laurie schon wieder im Mittelpunkt stand.


    Seda lehnte sich zurück. „Okay. Dann können wir sammeln, sobald wir das Go von der Schule haben. Von allen, die an dem Tag hier waren.“

    Die Klasse wurde stiller. Nicht aus Respekt — eher, weil klar wurde, dass das hier nicht nur ein Klassenprojekt war.


    Die Tür ging wieder auf. Rotter kam zurück, das Tablet unter dem Arm. „Gut“, sagte er knapp. „Die Schulleitung ist einverstanden. Wir machen das offiziell. Der Link geht heute noch über die Schulkanäle raus. Ihr gebt ihn in euren Gruppen weiter.“


    Er sah zu Seda und Marek. „Haben Sie schon was eingerichtet?“


    Seda nickte. „Ja. Upload‑Bereich steht.“


    „Sehr gut. Danke Seda.“ Rotter wirkte zufrieden, aber nicht überrascht. „Dann sammeln wir alles, was wir kriegen können.“


    Rolle starrte auf die Tischplatte, reglos, als hätte die Entscheidung ihn nicht einmal gestreift. Aber sein Bein wippte weiter, schneller als vorher.

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  • Gibt es. Gerade erst fertig geworden, sozusagen noch warm hier das nächste Kapitel.


    Kapitel 37: Dirty... wer?

    Nach dem Unterricht fuhren Seda und Marek zu Past Times. Sie wollten Laurie über die Video-Initiative informieren und hören, wie es am Morgen bei der Polizei gelaufen war. Ob es neue Informationen gab. Ob sie den Pacer gesehen hatte. Ob er wirklich unrettbar zerstört war.


    Der gelbe BMW bog auf den Vorplatz ein und parkte etwas abseits vom Eingang. Seda stieg aus, steuerte auf die Tür zu, Marek hinter ihr. Drinnen trafen sie auf Paula, die gerade am Tresen Kleinteile in eine Kiste sortierte.


    „Guten Tag“, grüßte Seda freundlich. „Tag“, warf Marek hinterher.


    Paula blickte kurz hoch. „Hallo.“


    Seda räusperte sich. „Ähm… wir wollten zu Frau— zu Laurie. Ist sie da?“


    Paula musterte die beiden. „Nein.“


    „Kommt sie später noch?“ Marek hielt die Stimme flach.


    „Nein. Dienstags hat sie Schule.“


    „Da kommen wir gerade her“, setzte Seda an. „Sie war nicht dort. Sie hatte doch heute den Termin bei der Polizei, oder?“


    Paula zog die Brauen zusammen. „Seid ihr…?“


    „Ich bin Seda. Demirci“, fiel Seda ihr ins Wort. „Eine Freundin von ihr. Und das ist Marek.“


    „Tag“, wiederholte er.


    Paula nickte knapp. „Ah. Ihr seid das. Dann wisst ihr ja Bescheid.“ Sie schob die Kiste beiseite. „Ja, sie war heute früh zur Befragung. Und hat sich den Rest des Tages freigenommen. Verständlich, oder?“


    Marek neigte den Kopf. „Kann man wohl sagen.“


    „So viel Arbeit. Mit einem Schlag zerstört. Ich bin auch immer noch total fertig“, seufzte Seda.


    Paula hob kurz den Kopf. „Du hast mit ihr daran gebaut, stimmt’s?“ Ihr Ton rutschte in etwas Weiches. „Dann trifft es dich ja fast genauso.“


    Seda wich dem Blick aus, nur einen Moment.


    „Wissen Sie, ob der Wagen wirklich ein Totalschaden ist?“ Marek hielt an einem Rest Hoffnung fest.


    Paula schüttelte den Kopf. „Nein, keine Ahnung. Soweit ich weiß, hat die Polizei ihn auch noch nicht freigegeben.“ Sie wischte sich mit einem Lappen etwas Öl von den Händen. „Vielleicht fragt ihr mal den Chef. Ich glaube, er hat vorhin mit Laurie gesprochen. Eventuell weiß er schon mehr. Geht ruhig durch, er ist hinten in der Halle.“


    Seda nickte knapp und setzte sich in Bewegung. „Danke.“ Sie ging zum Durchgang, stieg mit Marek die drei Stufen zur Werkstatt hinunter.



    In der hinteren Ecke lief ein V8. Dumpf. Unwillig. Tom hing mit dem Oberkörper im Motorraum, zog zweimal am Gaszug. Der Motor drehte hoch, verschluckte sich, fing sich wieder.


    Tom richtete sich auf, der Geselle stand auf der anderen Seite. Beide schauten in den offenen Motorraum.


    Tom zog noch einmal. Der Motor drehte hoch, verschluckte sich, fiel wieder in ein unruhiges Blubbern.


    „Hörst du’s?“, brummte er.


    Der Geselle nickte. „Übergang. Irgendwas kriegt er nicht sauber.“


    Tom schnaubte. „Der kriegt gar nichts sauber. Stand zu lange. Die Tri‑Power‑Zicke mag das nicht.“


    Er beugte sich tiefer über den mittleren Vergaser, gab noch einen kurzen Gasstoß. Wieder dieses Verschlucken.


    „Der kriegt beim Gasgeben keinen Sprit“, stellte Tom fest. „Die Beschleunigerpumpe macht nix. Klassischer Standzeit-Schaden.“


    Der Geselle kratzte sich am Nacken. „Also mittlere Einheit raus?“


    „Ja. Und die äußeren hängen auch. Das Gestänge läuft wie in Honig.“ Tom wischte sich die Hände am Lappen ab. „Tri-Power‑Kater. Kenn ich.“



    Erst jetzt bemerkte er Bewegung hinter sich.


    Seda und Marek standen ein paar Meter entfernt, still, als wollten sie nicht stören.


    Tom drehte sich halb um. „Oh, hi, ihr zwei. Seit wann steht ihr denn da?“


    Marek hob kurz die Hand. „Gerade erst. Wir wollten nicht dazwischenrufen.“


    Tom musterte ihn. „Na gut. Was gibt’s?“


    Marek deutete auf den Motor, vorsichtig. „Klang… äh… nach altem Sprit? Oder Zündung, vielleicht.“


    Tom zog eine Braue hoch. „Gut geraten. Leider daneben.“ Er tippte auf den mittleren Vergaser. „Der kriegt keinen Sprit. Die Beschleunigerpumpe macht nix.“


    Er gab einen kurzen Gasstoß. Wieder dieses Verschlucken, ein trockenes Husten.


    „Siehst du den Hub?“, brummte Tom. „Da kommt fast nichts. Null Anreicherung. Der Übergang fällt komplett zusammen.“


    Marek beugte sich leicht vor, folgte der Bewegung. „Okay… ja. Magerloch.“


    „Genau.“ Tom nickte knapp. „Und die äußeren beiden hängen auch. Gestänge läuft zäh. Standzeit frisst die Tri‑Power immer zuerst an der Pumpe und am Gestänge.“


    Er schob den Lappen in die Gesäßtasche. „Mittlere Einheit raus, neue Pumpe rein, Gestänge gängig machen. Dann läuft er wieder wie ein GTO und nicht wie ein Rasenmäher.“


    Der Geselle nickte kurz.

  • „Also. Was führt euch her? Ihr seid doch nicht nur mal zum Gucken hier.“


    Seda sah kurz Marek an, antwortete: „Nein, wir – ähm – wir wollten nicht stören. Wir wollten nur kurz zu Laurie. Mal sehen, wie es ihr geht nach dem Morgen – nach dem Verh… äh, nach der Befragung. Und wir wollten ihr was…“

    Dann wurde sie von Paula unterbrochen, die vom Durchgang aus in die Halle rief: “Toom. Telefoon!“


    Tom sah zu ihr, dann zu Seda. „Sorry, bin gleich wieder bei euch“. Er lief los, Seda lächelte ihm kurz hinterher, dann sahen sie und Marek wieder dem GTO zu, wie er im Standgas unruhig vor sich hin blubberte.


    „Geile Karre“, bemerkte Marek mit einem leichten Glanz in den Augen. „Guck dir die Vergaserbatterie an."

    „Der gehört Lauries Mom“, wusste Seda und Marek staunte. „Ach? Ich dachte, der Taunus wäre ihrer…“ Er deutete auf Helga, die direkt neben dem GTO stand.

    „Auch, ja. Sie hat mehrere Autos. Den Taunus, den GTO und im Alltag fährt sie einen 21er Escalade. Schneeweiß. Auch ein geiles Teil. Voll ausgestattet. Ich durfte schon mal mitfahren.“

    „Die Familie ist schon cool. Ein rosa Taunus, die Amis. Und ihr Dad hat gleich ne ganze Werkstatt voller cooler Kisten.“

    Seda nickte stumm. „Und Laurie hat Hook.“

    „Der Abschleppwagen? Stimmt, der ist so schräg, dass er auch irgendwie schon wieder cool ist.“

    „Und den Pacer. Also… gehabt“, ergänzte Seda mit einem kleinen Seufzer.


    Marek schnaubte leise. „Meinst du, der ist wirklich unrettbar? Wäre echt tragisch. Wo sie… also, ich meine – wo ihr so viel Arbeit reingesteckt habt. Alleine der Vergaserwechsel. Oder die neue Instrumenteneinheit. Oder—“ Er kicherte kurz. „Oder wie sie die Dichtung der Heckklappe erst falschrum einge… baut… hat.“ Er verstummte. „Oh.“

    Seda grinste, sah ihm dabei zu, wie er langsam rot anlief. Dann legte sie den Kopf leicht schräg. „Du kennst den Stream, oder?“


    „N–nee. Nein. Das hat… sie mal erzählt. In der… Pause… irgendwann.“


    „Mhm.“ Seda zog die Silbe lang. „Glaub ich dir. Sofort.“


    „Ja. Nein. Ach scheiße.“ Er fuhr sich nervös über den Nacken. „Aber sag ihr nichts davon, okay?“


    „Keine Angst, mach ich schon nicht.“ Sie musterte ihn kurz, ein warmes, fast stolzes Funkeln in den Augen. „Aber warum eigentlich nicht?“


    „Bitte nicht.“ Er sah weg. „Ich will nicht, dass das irgendwie so aussieht, als würde ich sie stalken. Oder… keine Ahnung.“


    Seda kidherte leise. „Tut’s nicht. Wirklich nicht.“ Sie tippte ihm leicht gegen den Arm. „Und… na ja. Ist schon irgendwie cool, dass du’s guckst. Also… dass du überhaupt guckst.“


    Marek hob kurz den Blick, überrascht. „Ja?“


    „Ja.“ Sie zuckte mit den Schultern, aber ihr Grinsen blieb. „Ist halt… schön, wenn’s jemanden erreicht.“


    Er atmete aus, ein kleines, unfreiwilliges Lachen. „Ja. Okay. Vielleicht hab ich… ein paar Folgen gesehen.“


    „Ein paar.“ Seda hob eine Augenbraue. „Klar.“


    „Nicht so viele.“ Er wurde wieder rot. „Also… nicht alle.“


    „Marek.“ Seda grinste breit. „Du hast die Heckklappendichtung erwähnt.“


    Er stöhnte leise. „Ja. Okay. Vielleicht… ein paar mehr.“


    Seda lachte, leise, warm, ohne Spott. Dann runzelte sie kurz die Stirn. „Warte…“ Sie sah ihm direkt in die Augen, ein kleines Grinsen zog über ihre Mundwinkel. „Du… du bist Dirty Daisy.“


    Marek blinzelte. „Wer?“


    Seda sah ihn an, lang genug, dass er nervös wurde. „Marek. Bitte.“


    „Ich hab keine Ahnung, wovon du redest.“ Er hob die Hände. „Dirty… was?“


    „Mhm.“ Seda grinste. „Klar.“ Sie tippte ihm leicht gegen den Arm. „Du hast die Heckklappendichtung erwähnt.“


    Marek wurde wieder rot. „Das war Zufall.“


    „Natürlich.“ Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag etwas Stolzes, Warmes. „Weißt du… ich find’s eher schön. Dass du’s guckst.“


    Er schluckte. „Echt?“


    „Ja.“ Sie zuckte mit den Schultern, aber das Grinsen blieb. „Ist irgendwie… gut zu wissen, dass da jemand sitzt. Dass es jemanden erreicht.“


    Marek atmete aus, ein kleines, unfreiwilliges Lachen. „Ich… fand’s einfach cool. Was ihr macht. Und wie sie da ist. Also… gut. Technisch. Und... so.“


    Seda nickte, weich. „Ja. Ist sie.“


    „Und dann der andere Name. Elenn. Das hat was… ich weiß nicht – was mystisches. Geheimnisvoll. Eben anders.“

    Er fuhr sich wieder über den Nacken. „Ich will nur nicht, dass sie denkt, ich… beobachte sie.“


    „Tut sie nicht.“ Seda schüttelte den Kopf. „Und ich auch nicht.“ Dann grinste sie wieder. „Aber Dirty Daisy… das bist du trotzdem.“


    Marek stöhnte leise. „Oh Gott.“


    Seda lachte, zog kurz die Brauen zusammen. „Aber, Moment, eins verstehe ich dann nicht. Laurie hat gesagt, Dirty Daisy hat schon mal das Bandshirt gewonnen. Dann hätte sie doch deinen Namen gesehen…“


    Marek räusperte sich ein paarmal. „Nein. Sie… Ich hab, ähm, Namen und Adresse von – von meiner Cousine angegeben. Damit sie’s nicht merkt. Oh Gott. Wenn sie das mitkriegt, bin ich tot.“



    „Ach was“, winkte Seda ab, dann kam Tom auch schon zurück. „Sorry, wichtiger Kunde“, entschuldigte er sich kurz. „Also, was wolltet ihr von Laurie?“


    „Nichts“, entfuhr es Marek. „Äh…“

    Seda übernahm. „Nur mal kurz fragen, wie es ihr geht. Und was die Polizei gesagt hat. Und ihr erzählen, dass wir in der Schule eine Aktion gestartet haben. Um die Polizei zu unterstützen. Wir haben ne Cloud eingerichtet, wo Leute Videomaterial von dem Tag hochladen können. Und das übergeben wir dann der Polizei. Vielleicht findet sich da irgendwo ein Hinweis auf die Diebe, die den Pacer geklaut und geschrottet haben. Irgendwer, der sich verdächtig benimmt. Oder der polizeibekannt ist – als Autodieb oder so. Ich meine, könnte doch sein?“


    Tom nickte. „Gute Idee. Jeder Hinweis zählt. Find ich gut, dass ihr sowas macht, um Laurie zu unterstützen. Sie ist echt ziemlich fertig wegen der Sache.“


    „Hat sie das Auto denn… Weiß sie schon, wie er jetzt aussieht? Ob er wirklich…na ja – nicht mehr zu retten ist.“ fragte Marek unsicher.


    „Nein, der Wagen ist noch nicht freigegeben, sie hat ihn noch nicht gesehen. Nur auf dem Polizeifoto vom Fundort halt. Aber ich glaube, im Moment will sie das auch gar nicht. Die monatelange Arbeit, ihr Projekt, ihr Stream, alles für die Katz. Aber, wem sag ich das. Du weißt ja, wie viel Arbeit da dringesteckt hat, Seda.“



    Seda nickte betreten. Marek senkte kurz den Blick – er wusste es auch.

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  • Gerade erst fertig geworden, sozusagen noch warm

    ...und das ist auch der Grund, warum es jetzt erst einmal eine kleine kreative Pause gibt. Ich komme mit dem Schreiben nicht so schnell nach, wie ich poste.


    Und weiter schreiben, nur um weiter hier posten zu können, das ginge zu Lasten der Qualität und der Story.


    Also, Sonntag gibts nix, dann wird man sehen. Ein, zwei Wochen, dann sollte genug neues Material vorhanden sein.


    So long