Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • Hier kommt die nächste Ration. Das Festival geht weiter.



    Kurz nach halb vier am Nachmittag, ‚Factory & Flavours‘ war jetzt in vollem Gange. Draußen schoben sich die Besucher zwischen den Food‑Trucks hindurch, die schon jetzt, eine gute Stunde nach dem offiziellem Start, von Menschenmassen belagert waren. Aus allen Richtungen mischten sich die Gerüche: Grillfleisch, frisch gebackenes Brot, gebratene Zwiebeln, süßes Gebäck, Kaffee, Gewürze – als hätten sich alle guten Düfte der Welt hier versammelt.


    In der Halle war die erste Band – Sunset Kickoff, eine beliebte Schülerband aus der Nachbarstadt – gerade beim Soundcheck, und Laura stand vor der Bühne, in der Hand einen Hot Dog, und wippte mit dem Fuß zu den ersten Klängen einer interessanten Variation eines Billy‑Joel‑Covers.


    Lisa tauchte von der Seite auf, ihre Zöpfe wippten im Takt, und sie wirkte ein kleines bisschen überdreht – oder einfach besonders gut gelaunt, weil jetzt alles nach Plan lief. Sie beugte sich vor – und biss einfach in Lauras Hot Dog.


    „Hee! Hol dir gefälligst selbst einen!“, protestierte Laura und zog den Rest an sich.


    „Hab isch schon“, grinste Lisa mit vollem Mund. Sie wischte sich einen Krümel vom Mundwinkel, wollte weitergehen – und blieb für einen Moment stehen, als müsste sie kurz die Balance finden. Ein winziger Wackler, kaum länger als ein Atemzug.


    Laura sah es. Ein kleines Zusammenziehen zwischen den Augenbrauen, ein kurzes Innehalten. Aber sie sagte nichts.


    Lisa atmete einmal tief durch, strich sich einige Haare aus dem Gesicht und murmelte: „Deiner schmeckt irgendwie besser.“ Dann ging sie weiter, als wäre alles normal.


    Plötzlich ein Tippen auf die linke Schulter, ein Schatten von rechts – und ein weiterer ungeschickter Versuch, ihren Hot Dog zu erwischen. Laura stolperte rückwärts, ließ den Snack fallen und saß im nächsten Augenblick auf Totos Schoß.


    Sie lachte überrascht, legte ihm automatisch den Arm um die Schulter und blieb einen Moment sitzen. Warm, nah, spielerisch — so, wie sie es mit Toto manchmal machte – weil sie wusste, dass er es mochte. „Oh hi. Wo kommt ihr denn her?“, lachte sie.


    „Von hinten“, meinte Toto trocken, mit diesem leicht belämmerten Gesichtsausdruck.


    Tom ging in die Knie, hob den Hot‑Dog‑Rest auf, sah die beiden an und zog eine Augenbraue hoch. „Äh … ich kann euch doch mal kurz allein lassen?“, fragte er grinsend. „Ich bring das schnell zum Mülleimer, Macht keinen Blödsinn...“


    Toto ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, legte die Arme um ihre Hüften. „Kannst ruhig noch ’n Moment bleiben“, sagte er zu Laura.


    Laura tippte ihm mit dem Finger gegen die Brust. „Ja klar, erst Leute über den Haufen fahren und dann so tun, als wär nix gewesen“, murmelte sie lachend — blieb aber noch ein, zwei Sekunden sitzen, bevor sie aufstand.


    Tom kam zurück, grunzte amüsiert. „Alles entsorgt, ich hol dir ’nen neuen. Und vielleicht noch was für später?“


    „Nee, lass mal. `War eh schon mein zweiter. Seid ihr schon länger da?“


    „Grad gekommen. Ist ja riesig was los hier. Und das war echt Nicos Idee?“, staunte Tom und ließ den Blick einmal quer durch die Halle wandern.


    Laura nickte. „Der Junge hat gute Ideen.“


    Tom grinste schief. „Von wem er das wohl hat?“


    Laura holte kurz Luft, tippte ihm kräftig gegen den Oberarm. „Bestimmt nicht von dir.“


    Toto lachte laut. „Der hat gesessen!“ Er kippte seinen Rollstuhl ein Stück nach hinten, drehte sich mit einem schnellen Schwung um 180 Grad und rief über die Schulter: „Los kommt, ich hab Hunger. Was sollen wir denn alles zuerst essen?“


    Auf dem Weg nach draußen sahen sie Lisa am Tor stehen. Sie sprach mit Gästen, winkte Tom, lachte – etwas zu laut. Für einen Augenblick sah Laura, wie sie sich an die Hüfte fasste, den Blick kurz abschweifen ließ. Sie prostete Laura mit ihrem Becher zu, als wollte sie demonstrieren: „Hier, ich trinke, ich bin vernünftig.“ Laura lächelte ihr zu.



    Die Kühltheke im Transit piepste im Zwei‑Sekunden‑Takt – ein nerviges, scharfes Geräusch, das sofort unter die Haut ging. Ferit stand davor, die Stirn in Falten gelegt. „Warum machst du das jetzt?“, murmelte er, als würde das Gerät ihm antworten können.


    Nico stand draußen vor der Seitentür, die Arme verschränkt, den Blick unruhig. „Ich hab die Verteilung gecheckt, der Stecker ist drin, Strom ist drauf. Also … müsste drauf sein.“


    „Müsste hilft mir nicht“, sagte Ferit und beugte sich wieder runter. Das Piepen wurde nur lauter.


    In diesem Moment kamen Laura, Tom und Toto um die Ecke, halb im Gespräch, halb im Lachen. „Was ist denn hier los?“, fragte Laura. „Wer piept da?“


    „Die Kühlung spinnt“, antwortete Nico. „Wir finden den Fehler nicht.“

    Toto rollte näher, sah einmal in den Van, dann an Nico vorbei — und folgte mit den Augen dem Stromkabel. „Ähm … Jungs?“, bemerkte er und zeigte auf die Verteilersäule. Der Stecker vom Stromanschluss hing schief in der Buchse, Gerade so drin, dass er Kontakt hatte, aber nicht genug, um den Truck stabil zu versorgen.


    Tom ging hin, drückte den Stecker fest rein, bis er hörbar einrastete.Das Piepen verstummte sofort. Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen setzte ein.


    Ferit atmete aus. „Danke. Ich schwör, ich hab da eben noch nicht mal hingeguckt.“


    Laura grinste. „Dafür hast du ja uns.“


    Toto nickte wichtig.


    Tom sagte nichts. Er wischte sich die Hände an der Hose ab, drehte sich leicht — und sein Blick blieb an Nico hängen. Nur ein kurzer Moment, ein Gedanke, ein kleines Lächeln, dann ging er weiter.



    Laurie und Seda waren zwischenzeitlich am Stand von ‚Sweet Shapes‘ hängengeblieben. Laurie hatte Sahnereste im Gesicht, Seda verdrückte gerade ihre zweiten „Schokoflirt“, eine sündige Eiskreation aus verschiedenen Schokoladensorten.


    „Ich werde heute definitiv sterben“, hielt Laurie sich den Bauch und studierte schon wieder die Speisekarte. „Aber langsam, ich bin noch lange nicht durch mit probieren…“


    Seda verdrehte die Augen und leckte grinsend ihren Löffel ab. „Wir müssen auch noch zu Ferit…“


    „Ach ja, die berüchtigten Kotzlämmer.“


    Gözleme!


    „Sag ich doch...“

  • Es war eine weitere Stunde vergangen, Sunset Kickoff hatte die Bühne unter begeistertem Applaus und nach drei Zugaben wieder verlassen und die Zuhörer hatten sich auf dem Gelände verteilt. Bis zum nächsten Act war noch etwas Zeit. Laura zog das Handy aus der Hosentasche. „Kurz nach fünf“, stellte sie fest. „Ich muss gleich los.“


    „Willst du weg? Bist du schon satt?“, fragte Toto und stopfte sich den letzten Rest eines riesigen Burgers in den Mund.


    Laura nickte. „Nö. Ich muss nur fix die Band aus dem Hotel abholen. Wir hatten uns für halb sechs verabredet.“


    „Warum nehmen die kein Taxi?“, schlug Tom vor.


    „Hja“, lachte Laura spöttisch, „Sind wir hier in der Großstadt? Hast du schon mal versucht, hier ein Großraumtaxi zu kriegen? Das musst du drei Tage im Voraus bestellen. Nee, wofür hab ich denn meinen Monstertruck?“ Sie sah sich suchend um. „Ähm, wisst ihr, wo Lisa ist? Ich muss ihr eben Bescheid geben...“


    „Ruf sie doch an.“


    Laura nahm ihr Handy, ließ es Lisas Nummer wählen und hielt es ans Ohr. Zwischen Stimmengewirr, Hintergrundmusik und dem gelegentlichen Zischen der Grills hörte sie nur das Freizeichen. Kein Abheben.

    Sie senkte das Handy. „Geht nicht ran.“ Ihre Miene veränderte sich, ein leises Fragezeichen trat in ihre Augen und dämpfte die Leichtigkeit des Moments.


    Tom verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielleicht hat sie’s nicht gehört…“


    Ein kurzes „Nein.“ Klar, ohne jede Diskussion. Laura sah nicht zu ihm — ihr Blick war schon unterwegs, scharf gestellt, ganz auf Fokus: Lisa.

    Sie steckte das Handy nicht weg. Sie hielt es fest, während sie losging. Nicht hastig, aber mit einer Entschlossenheit, die Tom und Toto sofort verstummen ließ.


    Zwischen Halle und den Trucks drängten sich Besucher – jemand zog einen Kinderwagen quer zur Laufrichtung, ein anderer balancierte drei Teller gleichzeitig. Laura wich aus, ohne den Blick zu verlieren. Trucks. Toiletten. Freifläche. Nichts.

    Ein Windstoß wirbelte Asche und Grillrauch auf, der ihr kurz die Sicht nahmen. Sie blinzelte, schob sich weiter vor, bis sie an Ferits Truck stehen blieb.


    Seda und Laurie standen dort, beide mit halb gegessenen Gözleme in der Hand.


    „Habt ihr Lisa gesehen?“


    Laurie sah sofort auf, die Stirn leicht angespannt. „Ist was mit ihr?“


    Laura hob das Handy ein Stück, als wäre das Erklärung genug. „Sie geht nicht ans Telefon.“


    Laurie legte ihre Teigtasche ohne ein Wort beiseite, wischte sich die Hände an der Hose ab und setzte sich in Bewegung — schnell, entschlossen, Richtung Halle.


    Laura folgte ihr. Und ihre Schritte wurden schneller.


    In der Halle angekommen, sahen sie Lisa auf einem Plastikstuhl sitzen. Die Haltung schief, der Blick zum Boden, sie wirkte unkontrolliert, abwesend. Laura hockte sich vor sie, nahm ihre Hand. „He, du. Hallo. Was ist mit dir?“


    Lisa hob den Kopf ein Stück, murmelte etwas, das keiner verstand.


    „Laurie, Wasser!“, forderte Laura und Laurie sprintete los zur Cocktailbar. Mit einem Glas kam sie zurück, reichte es Lisa. Die nahm es zögerlich, trank einen kleinen Schluck und richtete sich ein wenig auf, als koste sie das Kraft. Das Wasser schwappte kaum merklich, als ihre Hand leicht vibrierte.


    „Soll ich den Arzt rufen?“, fragte Laurie besorgt und hatte das Handy schon halb draußen.


    Laura legte eine Hand an Lisas Stirn, die andere um ihr Handgelenk. Nicht, um etwas zu messen – nur um da zu sein, um sie zu halten. Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Brauchen wir nicht. Sie ist nur ein bisschen drüber.“


    Laurie hockte sich seitlich neben Lisas Stuhl, suchte ihren Blick. „He, Liz. Bist du okay?“ Ein paar Besucher blieben stehen, neugierig wie immer, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Zwei Jugendliche tuschelten, ein älterer Mann blieb mit verschränkten Armen stehen, als wäre das hier eine Art Gratisvorstellung.


    Lisa reagierte kaum. Ihre Augen flackerten kurz, als würde sie versuchen, die Stimmen um sich herum zu sortieren, aber sie schaffte es nicht ganz.


    Laura rückte näher, schirmte sie mit ihrem Körper ein wenig ab, als könnte sie die Welt für einen Moment kleiner machen.

    „Alles in Ordnung, wir kümmern uns“, murmelte Laura, mehr zu Lisa als zu den Umstehenden.


    Als dann einer sein Handy zückte und die Kamera auf sie richtete, war Laurie in einer Bewegung oben. „Alter, geht’s noch? Nimm das scheiß Handy weg!“, fauchte sie ihn an.


    Der Mann wich einen Schritt zurück, hielt das Telefon aber weiter oben, als hätte er ein Recht darauf. Hinter ihm hob jemand die Augenbrauen, überlegte, ob er ebenfalls filmen sollte.


    „Ey, bist du taub, oder was? Handy weg! Ich zähl bis zwei, dann hast du ’ne Faust im Gesicht. Das kannst du dann filmen. Alter, verpiss dich! Eins...“


    Der Mann senkte endlich das Handy, murmelte etwas Unverständliches und verschwand in der Menge. Die Umstehenden lösten sich langsam auf, als hätte jemand das Bühnenlicht abgeschaltet.


    Laura tätschelte sanft Lisas Wangen. „He… Lieschen.“ Lisa hob den Blick, ein kleines, schiefes Lächeln, als sie Lauries Schimpftirade im Hintergrund hörte. „Da bist du ja wieder“, sagte Laura leise.


    Lisa nahm noch einen Schluck Wasser, atmete tief durch und sah Laura an. „Geht schon wieder. Ich war nur kurz ein bisschen … weg.“ Sie blinzelte, als müsste sie den Faden wiederfinden. „Wolltest du was? Ich hab das Handy noch klingeln sehen, aber irgendwie hab ich’s nicht mehr hingekriegt.“


    Laura schwieg einen Augenblick. In dem Zustand konnte sie Lisa unmöglich allein lassen. „Komm, leg dich erstmal einen Moment hin. Wir gehen nach oben. Kannst du aufstehen?“


    Lisa erhob sich langsam aus dem Stuhl, noch etwas wacklig, aber dann stand sie. „Geht schon“, murmelte sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie blinzelte, suchte Lauras Blick. „Was war denn? Warum hast du angerufen?“


    „Nicht so wichtig“, wiegelte Laura ab. Obwohl — eigentlich war es wichtig. Die Band wartete, sie musste los. „Laurie, könntest du… Oder nee. Wo ist Tom?“


    „Was denn?“, fragte Laurie.


    „Die Band. Die warten am Hotel.“


    Laurie grinste. „Band‑Taxi? Mit dem Panzer? Kein Problem, mach ich.“ Sie streckte die Hand aus. „Gibsdu Schlüssel.“

    Laura fummelte umständlich ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche und legte ihn Laurie in die Hand, ohne Lisa loszulassen.


    „Und fahr vorsichtig...“

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  • Eine Stunde später – die zweite Band spielte – stand Nico wieder mit Seda an Ferits Transit, als Laurie dazustieß.


    „Wo warst du denn?“, fragten sie im Chor, Laurie schüttelte Lauras Schlüsselbund. „Geheimauftrag. Nein, Scherz. Ich hab die Band abgeholt. Liz war’s nicht so gut, Mom hat sie nach oben ins Bett gebracht.“


    Erschrocken schlug Sedas die Hand vor den Mund. „Scheiße! Ich sollte doch aufpassen.“


    „Halb so wild, alles im Rahmen“, beruhigte Laurie sie und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Du hast nichts falsch gemacht.“


    „Überarbeitet?“, erkundigte sich Nico.


    Laurie schütelte den Kopf. „Ja, auch. Aber nicht nur. Sie ist nicht ganz gesund, so ne Autoimmungeschichte. Sie muss halt aufpassen und die letzten Tage waren wohl etwas viel. Dazu der Trubel heute, da kann das schon mal passieren.“


    Nico verzog den Mund.


    „Ich geh mal zu ihr rauf, den Schlüssel wieder abgeben.“ Dann zu Ferit: “Machst du mir auch noch so n ...Ding?“


    Ferit nickte. „Wieder Hack? Oder du auch Spinat?“


    „Nee, mit Hack.“ Dann lief sie los, blieb aber nach drei Schtitten wieder stehen, drehte sich um. „Aah, das ist der berühmte Spinat. Jetzt wird mir so einiges klar…“


    Nico und Seda grinsten sie an und bissen gleichzeitig von ihren Teigtaschen ab.



    Lisa saß im Bett, den Laptop auf den Knien. Laura machte in der Küche Tee, als Laurie hereinkam und mit den Schlüsseln klimperte.


    „Na, alles glatt gelaufen?“, fragte Laura über die Schulter.


    Laurie nickte und ging zu Lisa. „He, wie geht’s dir? Alles wieder senkrecht?“


    Lisa nickte beruhigend. „Ja, alles wieder in Ordnung. War nur etwas viel…“


    Laurie setzte sich zu ihr auf die Bettkante, Laura kam mit zwei Tassen herein. „Du auch ’nen Tee?“


    Laurie schüttelte den Kopf. „Nee, ich muss gleich wieder runter, weiterfressen. Boah, mir ist jetzt schon schlecht… Aber echt ’ne geile Sache, müssen wir nächstes Jahr wieder machen.“


    „Unbedingt. Das war eine Superidee von deinem… von Nico.“


    „Bruder. Sag’s ruhig.“


    Laura lächelte.


    „Ach, ich soll euch grüßen — von Diana, der Sängerin. Kennt ihr euch?“


    Lisa bestätigte mit einem Lächeln. „Klar, schon lange. Blue Feather war die erste Band, die damals hier aufgetreten ist. Und Diana kannte ich auch schon vorher. Dadurch ist das Ganze dann eigentlich erst entstanden.“


    „Ach so. Jedenfalls – ja, soll ich euch grüßen. Und sie haben ’ne Überraschung für euch, gleich beim Auftritt. Ich soll aber noch nix verraten.“ Sie hielt den Zeigefinger vor den Mund. „Kommt ihr runter?“


    Laura schüttelte den Kopf. „Nee, lieber nicht. Aber Tom und Toto haben uns ’ne Kamera aufgebaut, wir gucken von hier oben zu.“


    „Ach so, na okay. Dann viel Spaß, ich geh wieder runter. Meine Kotzlämmer warten.“


    „Deine was?“

  • Kapitel 25: Mehmet

    „So, halb acht, ich hau jetzt ab“, verabschiedete sich Laurie in die Werkstatt.


    „Streaming Time? Viel Spaß!“, rief Nico ihr noch hinterher.


    Laurie hielt die Hand hoch und ging.


    „Du verpasst was“, ergänzte Seda.


    „Sollen wir reingehen, oder bleiben wir hier?“, fragte Nico, Seda verzog leicht den Mund. „Mh, ich mag nicht so viele Menschen auf einem Haufen. Lass uns lieber von hier draußen zuhören.“


    „Okay.“


    Drinnen stand die Luft unter Spannung. Kein Murmeln mehr, nur Erwartung, die sich anfühlte, als würde sie jeden Moment überschwappen. Kurz vor 20 Uhr bewegte sich etwas hinter dem schwarzen Vorhang, dann trat die dritte Band des Abends auf die Bühne. Fast dreihundert Menschen reagierten sofort: Hände hoch, Stimmen laut, ein kollektiver Ausbruch. Blue Feather – zurück auf genau jener Bühne, die sie damals bekannt und groß gemacht hatte.


    „Schön, wieder zu Hause zu sein“, sprach Diana, die schwarzhaarige Sängerin im langen Ledermantel, ins Mikro. Ihre sanfte, warme Stimme traf die Halle direkt, ohne Anlauf. Sie winkte, warf ein paar Küsse ins Publikum, gab der Band ein kurzes Zeichen. Dana setzte ein, und eine Bassline rollte durch den Raum, schwer, tief, unmissverständlich.


    Die ersten Akkorde ließen die Menge sofort reagieren. Die alten Hits, ohne Pause, ohne Zögern. Stimmen erhoben sich, erst vereinzelt, dann geschlossen. Die Band ließ die Menge singen, ganze Passagen, während Diana nur den Takt hielt, die Hände hob, den Chor führte. Zwischen den Titeln tauchten ein paar „Ausziehn, ausziehn“-Rufe auf, doch Diana öffnete nur gelegentlich den Mantel ein Stück. Totenkopf‑Shirt. Lederrock, ein Strumpfband – ein kurzes Aufblitzen der Vergangenheit. Mehr nicht. Die Zeit der Exzesse war vorbei; heute ging es um etwas anderes. Etwas Größeres.


    Nach dem vorletzten Titel stellten Dana und Diana die Gitarren ab und traten gemeinsam ans Mikrofon. Die Halle beruhigte sich, nicht leise, aber gesammelt. Ein Raum, der wusste, dass jetzt etwas Besonderes kam.


    „Dankeschön liebe Freunde“, begann Diana, ihre Stimme bekam einen sentimentalen Unterton. „Leute, ich weiß nicht, wie viele von euch schon mal hier gewesen sind… Den anderen sag ich’s: Leute, wir befinden uns hier sozusagen auf heiligem Boden. Auf dem legendären Holy Ground der legendären Muzique Erotique.“


    Der Applaus kam sofort. Warm. Voll. Viele wussten nicht, was dieser Ort einmal bedeutet hatte, aber sie spürten, dass es etwas war, das größer war als sie selbst.


    Dana übernahm das Mikro. „Ja, das sagst du genau richtig – legendär. Und was haben viele Legenden gemeinsam? Na? Genau, es werden Songs über sie geschrieben. Und deswegen, heute, hier, einmalig und exklusiv – mit einem ganz lieben Gruß an Laura und Lisa, die leider im Moment nicht hier unten bei uns sein können, wie ich gerade gehört habe… Auf jeden Fall jetzt für euch zwei lieben – mit einem ganz großen Dankeschön für viele geile Jahre hier bei euch in der Fabrique – und natürlich für euch alle, heute Abend, hier, jetzt: ‚When the Night Begins Again‘. Viel Spaß!“


    Diana nahm die Gitarre wieder auf. Dana zupfte die ersten Noten. Das Licht zog sich zurück, bis nur noch zwei Spots die Bühne hielten. Die Halle wurde still, nicht aus Höflichkeit, sondern aus Hingabe.

    Dann sang Diana:


    This is where the night begins again, where the echoes call us in, and the Muzique never faded, it just waited for our skin.“


    Im Schlafzimmer lag Lisa in Lauras Armen. Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie den Zeilen lauschte. „Das ist so schön“, flüsterte sie, die Stimme brüchig. Laura hielt sie fester, brachte selbst kaum ein Wort heraus.


    „...And every heartbeat in this room is a story in disguise, we’re the ones who keep it breathing, we’re the ones who make it rise.

    So let the shadows find their rhythm, let the velvet lights descend, ’cause the Muzique never faded — it just waited to begin again.“


    Als die letzten Töne verklangen, blieb die Halle still. Ein gemeinsamer Atemzug, gehalten von dreihundert Menschen. Dann brach der Applaus los, laut, warm, überwältigend. Selbst Tom und Toto hatten feuchte Augen, als sie in die Kamera grinsten und Laura und Lisa zuwinkten.


    „Komm, wir müssen runter“, sagte Lisa leise. „Dafür müssen wir uns persönlich bedanken.“


    Laura nahm ihr den Laptop ab und half ihr hoch.


    „Geht schon.“

  • Gegen halb zwölf war auch der Rebel‑Yello‑Stream vorbei. Laurie sah noch einmal in die dunkle Werkstatt, als würde sie etwas suchen. Dann zuckte sie mit den Schultern, zog das Tor zu, verriegelte es und legte das verpackte Shirt in den Pickup. Der Platz lag still vor ihr, nur ein paar letzte Schwaden Grillduft hingen noch in der Luft. Aus der großen Halle drangen gedämpfte Geräusche vom Abbau, vereinzelte Stimmen, das Klirren von Metall.

    Sie atmete kurz durch, spürte die Müdigkeit in den Schultern, und ging die Treppe zur Wohnung hinauf. Oben schloss sie die Tür auf. Im Wohnzimmer brannte Licht. Laurie trat ein. „Na, ihr? Oder du? Hast du hier irgendwo ‘nen kleinen weißen Karton gesehen mit ‘nem Gummischlauch drin. Ich find den verfickten Schlauch für den Tankstutzen nicht wieder…“ Laurie sah sich suchend um, sah beiläufig auf die Couch. „Wo ist Seda? Ist sie geplatzt?“, scherzte sie und grinste Nico frech an.


    Er versuchte, das Grinsen zu erwidern, doch es blieb blass. Seine Schultern wirkten angespannt.


    „Wie war dein Stream?“, fragte er. Sein Blick glitt durch den Raum, sprang von einer Stelle zur nächsten, ohne bei Laurie hängen zu bleiben.


    „Okay. Nicht so viele Leute wie sonst, deswegen hab ich früh Schluss gemacht. Und ohne den Schlauch…“ Laurie sah sich um, suchend – aber nicht mehr nach dem Karton. Sie suchte ihre Freundin Seda, fragte nochmal, unruhig. „Wo ist sie?“


    Nico atmete zweimal tief durch. Seine Schultern hoben und senkten sich sichtbar. Dann räusperte er sich. „Seda… Sie… ist… mh. Sie ist weg.“


    „Weg? Wie weg? Was meinst du?“


    „Na weg. Gegangen.“


    „Gegangen? Wieso gegangen? Wohin gegangen?“


    Nico suchte nach Worten, sein Blick flackerte kurz zu Boden. „Sie ist… Ihr Vater war da. Vorhin. Unten. Am Stand, am Truck, am Foodtruck…“


    „Ihr Vater?!“


    „Mhm. Er ist ganz plötzlich aufgetaucht. Wir standen noch bei ihrem Cousin und haben gegessen und der Musik zugehört, da war er da. Stand direkt vor uns.“


    Laurie riss die Augen auf. Ihr Körper spannte sich an, die Hände ballten sich, als müsste sie sich irgendwo festhalten. Die Müdigkeit des Tages war verschwunden, ersetzt durch etwas Scharfes, Heftiges. „Was wollte er? Wo verflucht ist Seda?“ Ihre Stimme brach nach oben, heller, schriller, fast ein Schrei.


    Nico zuckte zusammen, zog den Kopf ein Stück ein, als würde er sich instinktiv schützen – als hätte er Angst, ihn gleich zu verlieren. Seine Schultern sanken leicht nach vorn. „Sie ist... mit ihm gegangen.“


    „WAS? Wieso? Warum habt ihr mich nicht geholt? FUCK!“ Laurie stampfte mit dem Fuß auf, drehte sich einmal im Raum, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, als müsste sie die Spannung irgendwohin ableiten.


    „Sie wollte das nicht. Wirklich. Ich hab sie gefragt, mehrfach.“


    „Natürlich hat sie das nicht offen gesagt. Wenn ihr Alter da so vor ihr steht. Wieso war der eigentlich hier? Woher hat der das gewusst?“

    Nico hob kurz die Schultern, vorsichtig, fast entschuldigend.


    „Das war dieses Feritarschloch. Dieser komische Cousin. Der kam mir von Anfang an verdächtig vor. Fuck! Fuck! Fuck! Ihr hättet mich dazuholen müssen! Sofort. Den hätte ich kurz und klein gemacht mit seiner dämlichen Spinatkarre.“


    „Ich wollte. Ich hab Seda gefragt, ob ich dich holen soll. Ich war auch an der Werkstatt, an der Tür, aber du hattest abgeschlossen…“


    „Ja, klar! Und? Kannst du nicht mal an eine Tür klopfen, oder was? Ich hätte dich schon gehört. Oder angerufen. Warum hast du mich nicht angerufen? Verdammt.“


    „Ich sage doch, Seda wollte das nicht. Sie wollte nicht, dass es wieder eskaliert. Sie hat mit ihrem Vater gesprochen. Lange gesprochen. Ganz ruhig, ganz friedlich.“


    Laurie atmete schwer, ihre Hände öffneten und schlossen sich unruhig. „Shit! Er hat sie belabert. Weichgequatscht.“


    „Nein, sie haben ganz normal geredet. Und dann hat sie gesagt, dass es Zeit ist, dass sie zurückgeht, zu ihrer Familie. Und dass ich dir sagen soll…“


    „Was?“


    „...dass sie dir dankbar ist. Dass sie dich…“


    „WAS?“


    Nico schluckte, seine Stimme wurde kleiner. „Dass sie dich gernhat.“


    „Gernhat?! Was ist das für ein Scheißwort? Und dann haut sie einfach ab?“


    „Aber sie hat es gesagt. Und dass sie dir dankbar ist, dass du ihr geholfen hast, stark genug zu werden, um jetzt wieder zurück zu können.“


    Lauries Gesicht verzog sich, ihre Augen glänzten, ihre Stimme vibrierte. „Ja, zurück in die Hölle…“


    „Nein. Du tust ja gerade so, als hätte ich zugelassen, dass sie ins Gefängnis kommt.“

    „Ja, genau das. Du sagst es. Familienknast. Das ist es. Sie ist wieder gefangen. Und du“ – sie tippte ihm hart gegen die Brust – „du hast sie gehen lassen! Das werde ich dir nie verzeihen!“


    „Aber…“


    „Nichts aber. Was willst du eigentlich hier? Tauchst auf einmal auf, bringst alles durcheinander, machst alles kaputt. Ist es das, was du wolltest? Erst bringst du mich und meine Eltern auseinander, dann bricht Liz zusammen wegen deinem Scheiß Festival, und jetzt bringst du noch Seda in den Knast. Ist es das? Hast du dein Ziel jetzt erreicht? Toll. Vielen Dank! Verschwinde!“


    „Aber… Laurie… Schwester..“


    Laurie kniff die Augen zusammen, ihr Blick wurde hart, unbeweglich. „Nenn mich noch einmal Schwester und du bist tot! Und jetzt raus! Verschwinde endlich. Hau ab in dein Scheiß Marburg. Ich will dich nie wieder sehen!“


    Nico ließ die Schultern sacken. Seine Hände hingen schlaff an den Seiten. Er sagte nichts mehr. Laurie drehte sich abrupt weg, Tränen liefen ihr übers Gesicht, und sie rannte ins Schlafzimmer.


    Nico blieb einen Moment stehen, atmete flach, sammelte seine Sachen ein und verließ leise die Wohnung. Auf dem Flur blieb er stehen, unschlüssig, die Stirn gegen die Wand gelehnt. Dann klingelte er bei Lisa und Laura.


    Nach einer Weile öffnete Laura im schwarzen Kimono. „Ich glaub, ich hab Scheiße gebaut“, flüsterte Nico und sah noch einmal zur Wohnungstür hinüber.


    „Hm. Komm rein.“



    Laurie lag weinend auf ihrem Bett, das Gesicht im Kissen vergraben. Irgendwann hob sie den Kopf, wischte sich die Tränen aus den Augen – und sah einen kleinen, gefalteten Zettel neben sich liegen. Ein kleiner Zettel, halb unter der Decke hervorlugend. Sie griff danach mit zitternden Fingern und klappte ihn auf.


    Auf dem Zettel stand ein „I“ und ein „U“, dazwischen ein rotes, mit Filzstift gemaltes Herz. Darunter ein aufgemalter Kussmund — und ein „S“. Sedas typisches, verspieltes Mädchen‑S, das sie immer mit dieser kleinen zusätzlichen Schleife verzierte, als wäre es ein Anhänger an einem Geschenk.

    Laurie starrte darauf. Einen Moment lang hielt sie den Atem an. Dann presste sie die Lippen zusammen, knüllte das Papier mit einer einzigen, viel zu schnellen Bewegung zusammen und warf es weit von sich, als könnte sie damit den Schmerz gleich mit wegschleudern.

  • Laura kniete vor Lisas Bett und pustete ihr ganz leicht ins Gesicht. Als Lisa die Augen aufschlug, flüsterte sie sanft: „Guten Morgen.“


    Lisa blinzelte ein paarmal, sah sie an und lächelte. Laura lächelte zurück. „Wie geht’s dir?“

    Lisa zögerte, legte den Handrücken an die Stirn. „Bisschen Kopfschmerzen…“


    Laura stand auf. „Tee?“ Lisa nickte.


    Als Laura mit der dampfenden Tasse zurückkam, saß Lisa schon halb aufrecht, ein Bein aus dem Bett geschwungen, das andere noch unter der warmen Decke. Laura beschleunigte ihren Schritt.


    „Paaapapapap, du bleibst schön im Bett heute.“


    Lisa schlug die Decke weg und setzte das zweite Bein nach. „Aber zum Klo darf ich noch schnell, oder?“


    „Darfst du.“


    Langsam bewegte sich Lisa vorwärts, noch etwas wackelig auf den Beinen, aber nicht mehr so zerbrechlich wie am Vorabend. Laura ging hinter ihr, die Hände halb gehoben, jederzeit bereit, sie zu stützen – aber das war nicht mehr nötig.


    „Ist Nico schon weg?“, rief Lisa dann aus dem Bad.


    „Mhm“, antwortete Laura, „der ist heute Nacht schon wieder abgefahren.“


    „Wieso das denn?“


    Laura berührte die geschlossene Tür leicht mit den Fingerspitzen – antwortete nicht. Mit dem Drama um Laurie, Seda und Nico wollte sie Lisa heute noch nicht belasten.


    Kurz darauf kam Lisa zurück und guckte in die Küche. „Wo ist denn der Laptop?“


    Laura sah sie an, hob nur minimal die Augenbrauen, ein kaum merkliches Zusammenziehen der Stirn, den Kopf einen Hauch schräg gelegt. Sie sagte nichts.


    Lisa hob beide Hände. „Keine Angst. Ich möchte nur nochmal Toms Video anschauen von gestern Abend. Das war so schön…“


    „Ich hol ihn dir. Leg dich wieder hin“, sagte Laura mit einem kleinen Lächeln. „Weißt du, ob wir noch Müllsäcke hier oben haben? Ich wollte gleich nochmal eine Runde übers Gelände. Irgendwas bleibt ja immer liegen.“


    „Ich glaube, in dem kleinen Schränkchen an der Tür müssten noch welche sein“, rief Lisa.


    Laura öffnete den Schrank. „Hab sie. Ich bin dann mal unten, okay?“ Aus dem Schlafzimmer klang leise Blue Feather herüber: „This is where the night begins again, where the echoes call us in…“ und Lisa sang leise mit.



    Unten angekommen lief Laura ohne richtiges Ziel über den Hof, den Blick halb müde, halb suchend auf den Boden gerichtet. Sie zog den Müllsack hinter sich her und hob hier und da ein paar Kleinigkeiten auf, die die Reinigungsfirma heute Morgen wohl übersehen hatte. Eine Sonnenbrille lag zwischen zwei Grasbüscheln; Laura hob sie auf, steckte sie in die Jackentasche. Später würde sie sie zu den Fundsachen legen – zu all den Dingen, die nach so einem Event immer irgendwo auftauchten und manchmal Tage später noch abgeholt wurden.


    Sie sah auf und stoppte kurz – ein letzter Trailer stand noch auf dem Gelände. Ach ja, der Besitzer hatte gefragt, ob er den Wagen über Nacht stehenlassen dürfe. Das war also in Ordnung. Er störte nicht. Laura betrachtete den Wagen einen Moment lang, als würde sie überlegen, ob noch irgendetwas zu tun war, doch ihr Kopf war längst woanders.


    Gedankenverloren zog sie weiter ihre Kreise, im Kopf noch die Ereignisse von gestern: die Düfte, das Essen, die Musik, Tom und Toto, Laurie und Seda, dann Lisas Zusammenklappen – und Nicos trauriges Gesicht in der Nacht. Es fühlte sich an wie ein sehr, sehr voller Tag, der sich nicht richtig sortieren ließ. Laura rieb sich die Stirn, als könne sie damit die Bilder ordnen.


    Vor Lauries Werkstatt stand Hook – treu, wartend. Laura ging zu ihm, strich über die vom Morgentau noch feuchte Haube und sah ihm in die Scheinwerfer.


    „Na, du?“, grinste sie. „Wie geht’s deinem Frauchen? Nicht so besonders, was? Ich glaube, ich muss gleich mal zu ihr rüber und nach ihr schauen…“

    Sie seufzte leise, klopfte noch einmal gegen das rostige Blech. „Wir kriegen das schon wieder hin, meinst du nicht? Hilfst du mir?“


    Laura setzte sich auf die hintere Stoßstange, schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch. Der Platz war still; irgendwo flatterte eine lose Plane im Wind. Sie ließ die Schultern sinken und spürte die Müdigkeit des Wochenendes in den Knochen.


    Ein Geräusch ließ sie hochschrecken: das Scheppern einer Blechdose, die jemand achtlos liegen gelassen hatte. Einmal, zweimal, dreimal – jeder Tritt härter als der vorherige – flog die Dose quer über den Hof und kam schließlich nahe bei Lauras Füßen zum Liegen.


    Laura sah auf. Vor ihr stand Laurie.


    Die Haare zerzaust, die Schuhe offen, ein Träger der Latzhose verdreht. Ihr Gesicht leicht verquollen, als hätte sie kaum geschlafen. Mit einem tiefen Ausatmen ließ sie sich ebenfalls auf der Stoßstange nieder.


    Laura wollte den Arm um sie legen, doch Hooks Abschleppgestell war im Weg. Also legte sie nur eine Hand auf Lauries Knie.

    „Na? Wie isses dir?“


    Laurie sah zu Laura, sagte nichts, verzog nur den Mund. Ihre Augen waren leicht glasig. Sie schluckte einmal, kämpfte gegen Worte an, die sie nicht aussprechen mochte.

    „Seda ist weg…“


    Laura nickte. „Ich weiß. Nico hat mir die Geschichte heute Nacht noch erzählt.“


    „Tss.“ Laurie drehte die Fußspitze hin und her, als wolle sie eine Ameise zertreten. Eine kleine Ameise namens Nico. „Nico. Wer ist Nico? Ich kenne keinen Nico…“ Ihre Stimme war brüchig, doch sie versuchte, sie hart klingen zu lassen.


    Laura atmete tief und sah sie an. „So schlimm?“


    Laurie zog die Blechdose mit dem Fuß zu sich und kickte sie energisch weg, als wolle sie damit den gesamten letzten Tag zum Mond schießen. „Ach fuck.“ Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, rieb sich die Augen, als würden sie brennen.


    Für einen Moment entspannte sich ihr Gesicht, dann zog sie die Brauen zusammen und wandte sich Laura zu.

    „Was hab ich falsch gemacht? Warum ist sie abgehauen? Warum sagt sie nichts?“


    Laura schüttelte leise den Kopf. „Du hast nichts falsch gemacht.“ Sie atmete einmal tief durch. „Du hast ihr gutgetan. Mehr, als du vielleicht merkst.“


    Laurie runzelte die Stirn. „Hä?“


    „Na ja… sie kam hier an wie ein Häufchen Elend. Ganz klein, ganz still. Ohne Zuhause, vom Vater weggeschickt.“ Laura ließ den Blick kurz über den Hof wandern, als würde sie dort nach den richtigen Worten suchen. „Und hier bei dir hat sie wieder Boden unter die Füße gekriegt. Stück für Stück. Du hast ihr Raum gegeben. Kraft. Mut.“


    Laurie blinzelte. „Gegen Mehmet?“

    „Nee.“ Laura schüttelte sanft den Kopf. „Es ging nie darum, gegen ihn zu kämpfen. Es ging darum, dass sie wieder atmen kann. Dass sie wieder mit ihm reden kann, ohne Angst zu haben.“


    Laurie sah sie an, als hätte Laura gerade etwas gesagt, das nicht in ihr Weltbild passte. „Ich kapier’s nicht…“


    „Musst du jetzt auch nicht.“ Laura sah kurz zur Seite, bevor sie weitersprach. „Seda hat Fehler gemacht, klar. Sie ist gefahren, obwohl sie nicht durfte, und sie hat das Auto geschrottet. Aber egal, was passiert ist — ihr Vater hätte sie nicht fallen lassen dürfen. Das hat sie gebrochen.“


    Laurie schluckte.


    Laura ließ ihre Hand auf dem Knie, ein kurzer, fester Druck. „Und trotzdem hat sie bei dir wieder ein Stück von sich zurückbekommen. Das war dein Anteil. Das war richtig.“



    Langsam stand Laura vom Auto auf, hockte sich vor Laurie hin und legte nun beide Hände auf ihre Knie. Sie sah zu ihr hoch. „Meine Große“, sagte sie leise und lächelte. Einen Moment blieb sie so, suchte Lauries Blick, wartete, bis der Kontakt da war. Dann strich sie mit den Daumen einmal über Lauries Knie – eine kleine, bestätigende Bewegung.


    „Weißt du… niemand macht immer alles richtig. Keiner von uns. Du nicht. Ich nicht. Lisa nicht. Und Tom schon gar nicht.“ Ein müdes, schiefes Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Wir stolpern alle dauernd irgendwo rein. Und manchmal merken wir’s erst hinterher.“ Sie drückte Lauries Knie leicht, zweimal, wie ein stilles Hör mir zu. „Aber du… du machst so viel richtig, ohne es zu merken. Du wächst da rein, in all das. Und ich bin stolz auf dich. Das sag ich viel zu selten.“


    Laurie senkte den Blick, ihre Hände spielten nervös mit dem Stoff der Latzhose. „Fühlt sich trotzdem Scheiße an.“


    „Ja“, sagte Laura leise. „Tut’s auch.“ Ihre Hände blieben warm auf Lauries Knien liegen, nicht drängend, einfach da. „Aber Seda ist nicht weg. Du siehst sie übermorgen wieder. Und dann… dann redet ihr. Das hier ist nicht das Ende.“


    Laurie nickte kaum sichtbar, als würde sie die Worte hören, aber noch nicht glauben können. Ihr Kiefer arbeitete, ein Muskel zuckte, als hielte sie etwas fest, das sie nicht verlieren wollte.


    Laura rückte ein Stück näher, ohne die Hände wegzunehmen. „Es darf sich jetzt scheiße anfühlen. Das heißt nicht, dass es bleibt.“


    Lauries Schultern hoben sich. Nicht viel. Aber genug, dass man sah: Etwas in ihr öffnete sich. Nicht Vertrauen. Noch nicht. Aber ein winziger Spalt, durch den Lauras Worte hineinrutschen konnten.


    Laura stand auf, sah in Lauries trauriges Gesicht und strich ihr kurz über die Wange – nur ein Hauch, ein „Ich bin da“. Dann nahm sie wieder ihren Müllsack auf und ging weiter. Nach drei Schritten blieb sie stehen, drehte sich um und zog die Sonnenbrille aus der Jackentasche.


    „Guck mal, hab ich gefunden. Weißt du, wem die gehört?“


    Laurie hob den Blick nur kurz, schüttelte den Kopf und ließ ihn sofort wieder sinken.


    „Hm.“ Laura drehte die Brille in der Hand, überlege kurz, ob sie noch etwas sagen sollte. „Dann leg ich sie zu den anderen Sachen ins Büro…“



    Laura war wieder im Haus verschwunden, als Laurie den Reißverschluss ihrer Brusttasche öffnete. Sie zog Sedas Zettel heraus und strich ihn mit der Hand glatt. Einen Moment lang sah sie darauf, ihre Lippen bewegten sich kurz, als hätte sie einen Gedanken, der aber sofort wieder wegrutschte.

    Sie steckte den Zettel zurück, stand auf und schloss die Werkstatt auf.


    Sie schob eine Kiste zur Seite, dann die nächste. Werkzeug klirrte, etwas rollte über den Boden. Laurie fluchte leise und suchte weiter, konzentriert, fast stur — weil Suchen gerade einfacher war als alles andere.


    Dieser verdammte Karton mit dem blöden Schlauch musste doch irgendwo sein…

  • Hier kommt die nächste Ration. Das Festival ist vorüber, Seda ist weg – Laurie ist traurig.


    Kapitel 26: Leere


    Dienstag, kurz vor acht – Anwesenheitskontrolle im Klassenzimmer. Laurie starrte aus dem Fenster, war irgendwo weit weg von diesem Raum. Erst als Thomas Meyer, ihr Nebenmann, sie ganz leicht anstupste, zuckte sie zusammen.

    „Ey, lass das!“, maulte sie.

    Meyer deutete mit einem knappen Nicken nach vorn, zum Lehrer, der ihren Namen nun zum zweiten Mal aufrief.

    „Laurie?“

    Sie blinzelte, brauchte einen Moment. „Ja, hier. Das sehen Sie doch, oder?“

    Der Lehrer runzelte die Stirn. „Ich trag mal ein: physisch anwesend…“, murmelte er und fuhr mit der Liste fort.

    „Demirki, Seda?“ Er sah kurz hoch. „Frau Demirki?“

    Keine Reaktion.

    „Weiß jemand, wo Frau Demirki ist? Laurie? Sie vielleicht?“

    „Wieso ich? Woher soll ich das wissen…“, sagte sie, schneller als beabsichtigt.

    Eric Rollmann kicherte leise. „Oh oh… Trouble in Paradise.“

    Der Lehrer sah ihn scharf an. „Herr Rollmann, legen Sie bitte Ihr Handy weg. Ich sag’s Ihnen jetzt zum dritten Mal.“

    Eric sah auf das Display, tippte noch schnell etwas und grinste dann. „Ich hab nur kurz nach dem Wetter in der Türkei geguckt.“

    „Und?“

    Eric zog die Augenbrauen hoch, als hätte er etwas besonders Witziges entdeckt. „Da steht irgendwas mit… Lesbios. Voll das Gewitter da.“

    Laurie zuckte kurz, ein Impuls, aufzustehen und ihm das Telefon aus der Hand zu schlagen. Im nächsten Moment ließ sie es. Sie atmete aus, ließ Rolle Rolle sein und sah wieder aus dem Fenster.

    Der Lehrer seufzte. „Die Insel Lesbos gehört zu Griechenland, Sie geografische Konifere, nicht zur Türkei. Aber wenn Sie Ihr Schlaufon schon in der Hand haben, können Sie vielleicht gleich die Feuerwehr rufen…“

    „Hä?“

    Der Lehrer hob Erics korrigierten Test hoch. „Hier, Ihr Werk – stramme Leistung. Die Sicherung haben Sie überbrückt. Technisch funktioniert das, praktisch brennt Ihnen das Auto lichterloh weg. Löschzug sieben hätte sich gefreut.“

    Er ließ das Blatt auf Erics Tisch fallen. „Hier – Fünf.“

    Rolle verzog das Gesicht, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. Der Lehrer verschränkte die Arme. „Und bevor Sie fragen: Nein, das ist keine kreative Lösung. Das ist schlicht gefährlich. In einer Werkstatt würden Sie dafür nicht nur Ärger kriegen, sondern wahrscheinlich auch ’nen Feuerlöscher an den Kopf geworfen.“



    Neun Uhr fünfzehn – erste Pause. Der Hof war grau und feucht, der Asphalt noch dunkel vom nächtlichen Regen. Ein paar standen rauchend unter dem Vordach, andere lehnten an der Mauer, die Basecaps tief ins Gesicht gezogen.

    Laurie trat nach draußen, in der Hand ein Becher Kakao – der wässrig-süße aus dem Automaten, den sie eigentlich hasste. Es war frisch geworden, ganz plötzlich. Am Wochenende noch fast zwanzig Grad, jetzt vielleicht elf, zwölf. Sie zog die Jacke enger und stellte sich ans Geländer, von wo aus man die Straße sehen konnte.

    Sie nahm einen Schluck. Bah. Viel zu süß.

    Sie stellte den Becher vor sich ab und rieb sich die Hände. Ihr Blick glitt über die Schulter über den Hof, ohne wirklich etwas zu sehen. Sie wollte einfach nur Luft. Nur einen Moment Ruhe, bevor der Tag sie einholte.

    Irgendwo lachte jemand kurz auf – ein helles, zu lautes Lachen, das sie sofort zusammenzucken ließ. Sie drehte sich nicht um, wollte es nicht hören.

    Ihr Herz schlug schneller, ohne Grund. Oder mit einem sehr klaren.

    Sie starrte wieder zur Straße. Atmete durch. Wartete.

    Hinter sich hörte sie Schritte auf Kies. „Ey, Laurie“, sagte jemand. Es war Luca, einer aus der Klasse, der immer mit den Rauchern rumhing, aber nie wirklich Teil davon war.

    „Sag mal… wo ist Seda denn heute?“, fragte er, während er sich eine Zigarette anzündete. „Die ist doch sonst immer bei dir.“

    Laurie spürte, wie sich ihr Nacken verspannte. „Weiß ich nicht“, sagte sie knapp. „Bin ich ihr Babysitter?“

    Luca blies den Rauch aus, zuckte mit den Schultern. „War nur ’ne Frage.“ Er ging ein paar Schritte weiter, schon wieder im Gespräch mit zwei anderen, die gar nicht zugehört hatten.

    Laurie blieb stehen, die eine Hand in der Jackentasche verkrampft. Wind zog über den Hof, kalt und unangenehm. Wieder der Blick zur Straße, als könnte Seda jeden Moment um die Ecke kommen.

    Laurie ließ den vollen Becher stehen und ging rein. Auf dem Gang begegnete sie Timo, der wandelnden Informationszentrale. Einer, der immer alles mitbekam, ohne dass man wusste, wie.

    Er blieb vor ihr stehen, rieb die Hände aneinander. „Kalt draußen, oder?“

    Laurie sagte nichts.

    „Krämer hat gesagt, Seda ist entschuldigt“, meinte er beiläufig. „Ihre Mutter hat eben was reingereicht.“

    Laurie spürte, wie ihr Magen kurz zusammenzog. „Ja. Und?“, sagte sie scharf.

    Timo zuckte mit den Schultern. „Nix. Wollt’s nur sagen. Dachte, du weißt das.“

    „Weiß ich nicht“, fauchte sie. „Ich weiß gar nichts.“

    Timo sah sie kurz an, nicht wertend, nur überrascht von der Härte in ihrer Stimme. „Okay…“, murmelte er und ging raus zu den anderen, die unter dem Vordach standen und lachten, als wäre nichts.

    Laurie lehnte mit dem Rücken an der Wand. Sie hörte Stimmen, das Murmeln auf den Gängen, irgendwo fiel scheppernd ein Werkzeugkasten um. Sie starrte durch die Glastür auf den Hof, als könnte sie dort irgendeine Spur von ihr finden.

    Aber da war nichts. Nur dieses Loch, das mit jeder Information größer wurde.


    Abends lag Laurie auf der Couch im Wohnzimmer. Auf Sedas Couch. Ihrem Platz in den letzten Wochen. Die Wohnung war still. Keine schreiende Musik, das Essen stand kalt und halb gegessen auf dem Tisch und Nicos Klappmatratze lehnte noch an der Wand, als hätte sie nicht die Kraft gehabt, sie wegzuräumen.

    Laurie stand irgendwann auf, wanderte ziellos durch die Zimmer, blieb schließlich am Fenster stehen. Draußen lag der Hof dunkel und leer. Unten sah sie Hook, und ein kleines, müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie hob kurz die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken.

    Ihre Gedanken glitten zu Seda. Zu den Fahrten mit Hook. Zu ihren Gesprächen in der kleinen, engen Kabine. Zu dem Kuss auf dem Schulparkplatz – klein, spontan, unschuldig – und doch so voller Bedeutung, dass er jetzt fast körperlich wehtat.

    Laurie ging zurück zur Couch und ließ sich fallen. Sie zog die Decke bis zum Hals, doch ihre Füße ragten heraus. Sie zog sie wieder tiefer, dann wieder hoch – hin, zurück. Diese blöde Decke war einfach zu kurz. Ihr Blick wanderte zum Handy auf dem Tisch. Es blieb stumm. Irgendwann dämmerte sie weg.

    Mitten in der Nacht riss ein kurzes Summen sie aus dem Schlaf. Das Display leuchtete. Laurie griff nach dem Handy, öffnete mühsam ein Auge, blinzelte gegen das grelle Licht. Eine Nachricht. Von Seda.

    Wollte nur kurz sagen, dass es mir gutgeht.“

    Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

    Laurie schluckte. Sie hatte sich gemeldet.

    Spontan tippte sie eine Antwort, schickte sie aber nicht ab. Sie löschte sie. Tippte etwas anderes. Löschte wieder. Nach mehreren Versuchen legte sie das Handy zurück auf den Tisch. Das Display verlosch, und Laurie starrte in die Dunkelheit.

    Es verging eine Weile – sie wusste nicht, wie lange –, bis sie das Handy wieder nahm. Sie entsperrte es, drückte auf „Antworten“, tippte ein o und ein k. Dann „Senden“.

    Sie atmete tief durch, legte das Handy weg, zog die Decke über den Kopf und schlief schließlich ein.

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  • Ein Sonnenstrahl weckte sie. Drüben im Schlafzimmer dudelte der alte Radiowecker vor sich hin, irgendein belangloses Morgenprogramm. Laurie griff instinktiv nach dem Handy, noch bevor sie richtig wach war. Vielleicht… vielleicht war ja doch noch etwas gekommen.

    Nichts. Keine neue Nachricht. Nur ihre eigene Antwort von letzter Nacht. Ein Lebenszeichen hatte sie – mehr nicht. Kein „Danke“, kein „Wie geht’s dir“, nicht einmal ein Emoji, ein Herz, ein… irgendwas. Nichts.


    Der Morgen zog sich. Langsam, schwer, lustlos. Laurie schleppte sich durch die Routine, ohne wirklich da zu sein, und stand irgendwann in der Werkstatt. Doch auch hier war sie heute keine Hilfe. Sie verwechselte Teile, suchte ständig nach Werkzeugen, die direkt vor ihr lagen, und brauchte ewig für Handgriffe, die sie sonst im Schlaf konnte.


    Paula beobachtete sie eine Weile, dann nahm sie Laurie zur Seite. „Das ist ja nicht mit anzusehen, was du da heute veranstaltest“, sagte sie und musterte sie mit einer Mischung aus Genervtheit und echter Sorge. „Ist was mit dir? Bist du krank? Dann geh nach Hause.“

    Laurie schüttelte nur den Kopf, ohne wirklich eine Antwort zu haben. Sie nahm Paulas Rat an und ging früher.


    Zu Hause landete sie trotzdem wieder in der Werkstatt, beim Pacer. Vielleicht kam sie hier weiter. Vielleicht half es, irgendetwas mit den Händen zu tun.

    Stumpf arbeitete sie vor sich hin, stundenlang, ohne Plan, aber mit einer Beharrlichkeit, die fast verzweifelt wirkte. Und tatsächlich schaffte sie einiges, verlor sich in Schrauben, Kabeln, Schläuchen. Bis am späten Nachmittag die Werkstatttür langsam aufging.

    Laurie sah auf. Für einen Herzschlag dachte sie – hoffte sie – es könnte Seda sein.

    Aber es war Lisa.

    Sie stand im Tor, in der Hand ein Teller mit zwei großen Stücken Marmorkuchen. Laurie blinzelte, überrascht, und dann passierte etwas, das sie seit Tagen nicht mehr geschafft hatte: Sie lächelte. Ein echtes, kleines, erschöpftes Lächeln, eingerahmt von einer schwarzen Kriegsbemalung aus Motoröl und Schmierfett.

    Lisa grinste zurück. Sie sagte nichts, kam einfach näher und hielt ihr den Teller hin.

    Laurie wischte die Hände an einem alten Lappen ab und griff zu, nahm ein Stück, biss ab. Der Geschmack war süß, warm, vertraut – und für einen Moment fühlte sich alles ein bisschen weniger schwer an.


    Laurie und Lisa saßen auf zwei aufrecht stehenden Rädern, wie auf improvisierten Hockern, zwischen Werkzeugen, Ölkanistern und dem noch immer halb zerlegten Pacer. Sie aßen den Marmorkuchen, langsam, schweigend, erst einmal nur kauend, atmend, ankommend.

    Nach ein paar Bissen begann das Gespräch von selbst. Nichts Großes, nichts Schweres. Nur Worte, die sich vorsichtig vortasteten.

    Lisa fragte, wie weit Laurie mit dem Pacer gekommen war. Laurie zeigte auf ein paar Teile, erklärte bruchstückhaft, was sie geschafft hatte und was nicht. Lisa nickte, hörte zu, stellte kleine Fragen, die nicht bohrten, sondern einfach nur da waren.

    Es war kein tiefes Gespräch. Kein Seelenstriptease. Nur zwei Menschen, die nebeneinander saßen, Kuchen aßen und redeten – gerade genug, damit Laurie nicht wieder in dieses Loch fiel, das die ganzen Tage unter ihr gelegen hatte.

    Und genau das tat gut. Mehr, als Laurie zugeben würde.


    Sie hatten lange geredet, als Lauries Handy wieder vibrierte. Es lag auf dem Tisch neben dem Laptop, und die Stahlplatte verstärkte das Summen wie ein Lautsprecher, ließ es fast wie einen Alarmton klingen. Einen Ruf: Es ist wichtig.

    Lisa sah Laurie an. Laurie sah zurück. Dann stand sie auf, langsam, als müsste sie sich erst sammeln, und ging zum Handy. Sie zögerte, die Hand schon darüber, aber noch nicht bereit, das Display zu drehen.

    Lisa hob die Augenbrauen, machte eine kleine Na los-Geste.

    Laurie atmete aus, drehte das Handy um – und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ein echtes. Eins, das sie nicht kontrollieren konnte.

    Die Nachricht war von Seda. Nur eine Zeile, aber sie traf genau ins Zentrum.



    „Sehen wir uns morgen?“


    Laurie musste nicht überlegen. Dieses Mal schrieb sie sofort zurück.


    „Ja, bin da.“


    Sie tippte auf Senden. Für einen Moment fühlte sich die Luft in der Werkstatt leichter an. Nicht gut. Nicht gelöst. Aber leichter.


    Lächelnd kam Lisa ins Büro, den leeren Teller in der Hand. Laura sah auf. „Und?“


    Lisa nickte nur. „Wird.“

  • Laurie saß im Auto. Es war weiterhin kühl, aber die Sonne hatte sich durch die Wolken gekämpft. Das Radio lief, eine bekannte Mädchenband aus Mexiko spielte. Laurie liebte diese Band – der harte, tiefe Bass, der rotzige Gesang – sie drehte die Lautstärke Stück für Stück höher und trommelte vorsichtig auf dem Lenkrad mit. Diese Drummerin war einfach Weltklasse.


    Dann sah sie auf die Uhr. Halb acht. In zehn Minuten begann der Unterricht. Würde Seda kommen? Und wenn ja – was würde sie sagen? Einfach „Hi, da bin ich“? Oder etwas Schweres, Dramatisches? Es tut mir so leid, dass ich dich verlassen habe. Bitte verzeih mir… Unsinn. Das war nicht Seda. Schon gar nicht die Seda der letzten Wochen – die gestärkte, die selbstbewusste, die mit einem Zuhause. Wie auch immer: Laurie würde es gleich erfahren.


    Sie stieg aus, schloss den Abschleppwagen ab und ging zur Straße. Der Berufsverkehr war dicht, sie musste einen Moment warten.


    An der Bushaltestelle hundertfünfzig Meter entfernt hielt ein silberner Mercedes. Aus dem Augenwinkel sah Laurie, wie die hintere Tür aufging und jemand ausstieg. Ein rostroter Cardigan, ein helles T‑Shirt, das sandbeige Kopftuch locker gebunden wie ein leichter Schal, ein paar Haarsträhnen darunter sichtbar.

    Der Mercedes fuhr an ihr vorbei; auf den Vordersitzen erkannte Laurie Mehmet und Aylin Demirci. Und dann sah sie Seda. Sie ging den Gehweg entlang und bog in die Einfahrt zur Schule ein. Sie bemerkte Laurie nicht.


    Laurie wartete noch, bis ein weiterer Schwung Autos vorbeigezogen war, dann setzte sie sich in Bewegung, fast zu schnell. Sie überquerte die Straße, achtete kaum auf den heranrasenden E‑Scooter, und war schließlich auf dem Schulhof. Seda lief ein Stück voraus. Als sie die Mitte des Hofes erreicht hatte, blieb sie stehen und sah sich suchend um.

    Laurie blieb ebenfalls stehen, fünf, sechs Meter hinter ihr.


    Dann drehte Seda sich um. Für einen kurzen Moment lächelte sie – bis ihr Blick Lauries Gesicht traf. Sie sah Ernst, Unsicherheit, Enttäuschung. Und darunter etwas anderes: Freude. Echte Wiedersehensfreude, versteckt unter einer steifen Miene, die mehr verriet, als Laurie wollte. Viel mehr.

    Langsam kam Seda näher und lächelte wieder. Lauries Blick blieb unruhig; viel zu fest klemmte sie die Tasche unter ihrem Arm, als müsste sie sich irgendwo Kontrolle verschaffen. Wenn schon nicht über das, was in ihr vorging, dann wenigstens über diese blöde Tasche.


    „Neues Auto?“, fragte sie. Bloß, um irgendetwas zu sagen. Etwas Belangloses. Seda nickte und blickte zur Straße, obwohl der Wagen längst verschwunden war. „Gebraucht. Von Onkel Hüseyin. Der BMW war nicht mehr zu retten…“ Sie verzog schuldbewusst das Gesicht – und diese kleinen Grübchen traten hervor, die immer auftauchten, wenn sie so schaute.


    Wieder Schweigen. Ein paar Sekunden, die sich länger anfühlten, als sie waren. Seda holte sichtbar Luft, trat einen Schritt näher. Ihr Blick wanderte kurz über Lauries Schulter, dann zurück, direkt in ihre Augen. „Bist du noch sauer?“

    Laurie schüttelte kurz den Kopf und lächelte – ein kleines, vorsichtiges Lächeln, das Seda als Bestätigung reichte. „Es war deine Entscheidung. Und sie war richtig. Das weiß ich jetzt…“


    Seda atmete tief aus, der Blick kurz zum Boden. Dann griff sie in ihre Tasche, zog eine Zigarettenpackung hervor, öffnete sie – und schloss sie wieder. „Ich wollte eigentlich aufhören“, sagte sie leise und lächelte vorsichtig, bevor sie die Schachtel wieder wegsteckte.

    „Und… wie war’s… wie ist es zu Hause? Wieder zu Hause zu sein?“ Seda nickte. „Es fühlt sich gut an. Und Baba ist echt lieb. Er hat gleich Onkel Hüseyin angerufen und ihm erzählt, dass ich wieder da bin. Und ich glaube, er hat wieder ein bisschen geweint.“

    Sie streckte Laurie ihr Handgelenk hin. „Hier, guck mal. Das Armband hat er mir geschenkt.“ Laurie warf einen kurzen Blick darauf und nickte. „Okay.“

    „Schön, oder?“


    „Mhm.“


    Seda zog das Handgelenk ein Stück zurück. „Es gefällt dir nicht…“


    „Doch doch…“


    „Mama hat gesagt, er hat es selbst ausgesucht.“ Seda sah sie prüfend an, das Handgelenk noch halb zurückgezogen. Laurie merkte es. Und bevor das Schweigen wieder schwer wurde, atmete sie kurz ein.


    „Nein, es steht dir. Echt. Ich bin nur noch nicht ganz wach.“


    „Schlecht geschlafen?“


    Lauries Blick wich aus, sie sah über den Hof, auf die Uhr, dann wieder Seda an.


    „Bin einfach zu spät ins Bett gestern, dann noch zwei Stunden Musik gehört...“


    „Das neue Babymetal-Album?“


    „Kennst du’s?“


    „Hab’s noch nicht gehört…“


    Laurie zog eine Augenbraue hoch, ein winziger Anflug von einem echten Lächeln. „Dann musst du das nachholen. Ist… verfickt gut.“


    Seda nickte, ein bisschen zu schnell. „Mach ich. Heute Abend vielleicht.“ Sie sah Laurie kurz an, länger als nötig. „Schickst du mir deine Lieblingssongs?“


    In dem Moment ging Eric Rollmann vorbei, summte leise vor sich hin. Als er die beiden passierte, verfiel er in ein Jaulen: „Ändaaa—iaiaiaiai—will always love youuuuu—huhu…“


    Laurie verzog das Gesicht. „Rolle…“


    Rollmann drehte sich um, dieses debile Grinsen im Gesicht. „Hm?“


    Seda wandte sich ebenfalls zu ihm, stemmte die Hände in die Hüften, holte tief Luft. „Rolle, halt’s Maul. Du kapierst wieder gar nichts…!“

    Rollmann blinzelte, zuckte mit den Schultern und trottete weiter.

    In diesem Moment gongte es. Der Unterricht begann.

  • So, weil heute Feiertag ist und ihr bestimmt alle bei der Verwandtschaft rumhängt, hab ich Zeit zum Posten. Außerdem passt der erste Satz genau zum Veröffentlichungs-Zeitpunkt :whink


    Also, weiter geht's mit


    Kapitel 27: Who's that girl?

    Sonntag, kurz nach zehn, Laurie schlug die Augen auf. Der Stream war lang gewesen, erst gegen zwei, halb drei hatte sie Schluss gemacht – Shirt Drop, Verlosung, Fade out – Feierabend. Sie liebte das Streamen, die Power und Energie, den Austausch mit den Viewern. Und nicht zuletzt deswegen auch stand ihr Projekt Rebel Yello jetzt bald vor der Vollendung. Einige Wochenenden noch, dann war es soweit: Der Pacer bekäme zum ersten Mal seit langer Zeit Asphalt unter die breiten Reifen.


    Aber ganz so weit war sie noch nicht. Einige Restarbeiten waren noch zu erledigen, und so hatte sie beschlossen, heute das Netz abzusuchen nach einigen wichtigen Teilen, die ihr zur Vollendung noch fehlten.


    Sie war gerade in der Küche, suchte nach etwas Essbarem, fand nichts und ging kurz rüber zu Mom und Lisa, um sich dort kurzerhand selbst zum Sonntagsbrunch einzuladen. Ihr Handy ließ sie auf dem Tisch liegen. Es war Sonntag, wer sollte schon etwas von ihr wollen?


    Fast drei Stunden und gefühlte zweitausend Kalorien später kam sie zurück, setzte sich wieder an den Rechner. Fast beiläufig sah sie auf das Handy, zwei Nachrichten waren dort eingegangen. Hm, vielleicht von Seda? Sie nahm das Handy auf, entsperrte es und hielt einen Moment den Atem an. Nico.


    Sie zögerte. Sollte sie reinschauen? Oder die Nachrichten löschen? Laurie war sich unsicher. Sie hatte mit Nico gebrochen. Ihm Dinge an den Kopf geworfen, die hart waren. Zu hart. Selbst für sie. Und Seda? Sie hatte nichts falsch gemacht. Nico hatte nichts falsch gemacht. Sie hatten gemeinsam beschlossen, Laurie nicht dazuzuholen – an dem Abend, als Mehmet aufgetaucht war. Und Laurie hatte inzwischen eingesehen, dass das richtig war. Es wäre eskaliert, es hätte Seda mehr geschadet als genützt, davon war sie jetzt überzeugt. Nico traf also eigentlich keine Schuld. Er war da gewesen, hatte Seda beigestanden. Besser, als Laurie es in diesem Moment gekonnt hätte. Vielleicht sollte sie ihm doch noch eine Chance geben?


    Erstmal legte sie das Handy wieder weg und zwang sich, den Blick wieder auf die Teilesuche zu richten. Doch die Konzentration hielt nicht lange: In einem amerikanischen US‑Car‑Forum blieb sie an einem Pacer‑Thread hängen, der sie sofort in seinen Bann zog. Der Thread war ein einziges Durcheinander aus Halbwissen, Nostalgie, Streit, Fotos, Teilenummern und Off‑Topic‑Gelaber – genau diese chaotische Mischung, die solche Foren so lebendig machte. Über dutzende Seiten hinweg sprang das Gespräch von Vergaserdüsen zu Lackcodes, von Rostlöchern zu Innenraumfarben, und irgendwo mittendrin tauchte plötzlich ein Beitrag über einen fan shroud auf. Die Lüfterzarge – ein Kunststoffteil, das die Kühlluft gezielt durch den Wasserkühler leitet, sodass dieser wirkungsvoller arbeiten kann. Genau das Teil, das ihr noch fehlte.


    Sie hielt inne. Die Zarge war eines dieser Pacer‑Spezialteile, die man nicht mehr einfach bestellen konnte: neu seit Jahrzehnten nicht mehr produziert, gebraucht fast immer gebrochen, und wenn doch mal eine intakte auftauchte, dann zu Preisen, die jenseits jeder Vernunft lagen. Der Forenbeitrag schlug deshalb einen repro run vor – eine kleine Neuauflage aus Fiberglas, wenn sich genug Interessenten fanden. Laurie spürte, wie ihr Herz einen kleinen Sprung machte. „Da bin ich dabei“, murmelte sie und scrollte weiter, suchte nach einer Mailadresse, einem Kontakt, irgendeinem Hinweis, wie man sich eintragen konnte.


    Doch je weiter sie blätterte, desto schneller zerrann der Hoffnungsschimmer. Das Thema versickerte zwischen Off‑Topic‑Kommentaren, verschwand in der Flut aus Alltagsgeplauder und belanglosen Diskussionen über Felgenbreiten und Lieblingsmotoröle. Seite um Seite entfernte sich der Thread wieder von dem einen Thema, das für sie gerade alles bedeutete.


    Laurie scrollte zurück, dann wieder vor, suchte nach dem verschwundenen fan‑shroud-Thema – und stolperte plötzlich auf Seite dreiundzwanzig über einen Satz, der sie innehalten ließ. Jemand schrieb von einer “German chick wrenching on a V8 Pacer.” Sie blinzelte, zog die Brauen hoch, als hätte jemand ihren Namen in einem fremden Raum gerufen. Ein Klick weiter, und der nächste Kommentar tauchte auf: “Who’s the girl in that Pacer stream? She knows her way around a wrench.”


    Laurie spürte, wie ihr ein warmes, ungläubiges Lächeln über die Lippen huschte. Sie scrollte weiter.



    “Not every day you see a good‑looking girl turning bolts on a factory V8 Pacer.”



    „Seen that German girl working 2nite — way more competent than half the dudes here. And sexy as hell.”


    Sie lachte, halb amüsiert, halb genervt, und las weiter.



    “Understood her name is Ellen.”


    Laurie verdrehte die Augen, konnte sich das Grinsen aber nicht verkneifen. „Elenn, ihr Pfeifen“, murmelte sie, und ein kleines, stolzes Staunen blieb in ihr hängen: Irgendwo auf der anderen Seite des Atlantiks diskutierten Fremde über sie – über ihren Pacer, ihre Arbeit, über Rebel Yello.



    Dann fiel ihr Blick wieder auf das Handy. Sie atmete einmal tief aus, nahm es auf, tippte auf die erste Nachricht von Nico. Ein Bild öffnete sich. Ein kleiner Spielzeugabschleppwagen, offenbar auf einem Trödelmarkt – oder etwas in der Richtung – geparkt zwischen bunten Tupperdosen und billigem Modeschmuck. Darunter ein kurzer Kommentar von Nico: „Hooks kleiner Bruder?“ Laurie Blick ging für einen Augenblick zum Fenster, zum Hof, zu Hook. Dann tippte sie auf die zweite Nachricht. Die bestand nur aus wenigen Worten: „Sorry, das Bild war für Seda.“


    Für einen Moment wusste Laurie nicht, ob sie lachen oder das Handy wegwerfen sollte. Sie legte es langsam beiseite, starrte einen Moment auf den Tisch, ohne wirklich etwas zu sehen. Es traf sie erst langsam, dann mit einer unangenehmen Klarheit: Sie selbst hatte sich aus dieser kleinen Welt herauskatapultiert. Nicht Nico. Nicht Seda. Sie.


    Nico und Seda schrieben sich weiter, natürlich taten sie das. Nur zu ihr traute er nicht mehr – nicht nach dem, was sie ihm an den Kopf geworfen hatte. Und diese zweite Nachricht… „für Seda“… Das war kein Angriff. Das war Vorsicht. Er wollte nicht wieder gegen eine Wand laufen.


    Vielleicht war die Nachricht mit dem Bild wirklich ein Versehen. Vielleicht war es ein zaghaftes Klopfen gewesen, ein Test. Aber egal, was es war: Er hatte die Tür nicht zugemacht. Sie war diejenige gewesen, die sie zugeschlagen hatte.


    Laurie drehte das Handy auf dem Tisch wie einen Kreisel, als wollte sie die Worte der Nachricht neu ordnen, ihnen eine neue Bedeutung geben. Ein Teil von ihr wollte sofort antworten, irgendetwas Lockeres, Unverbindliches, damit es nicht so im Nichts hängen blieb. Der andere Teil blieb stur. Wenn sie jetzt schrieb, würde sie zugeben, dass sie ihn vermisste. Dass sie vielleicht – nein, ganz sicher – zu hart gewesen war.


    Sie schob das Handy ein Stück weg, zog es wieder heran, atmete aus. Sie wusste nicht, was stärker war: der Wunsch, die Stille zu brechen — oder die Angst, es zu früh zu tun.


    Dann stand sie auf, ging zum Regal mit ihrer Sammlung von Spielzeugautos. In der dritten Reihe, ganz links, stand ein Abschleppwagen. Der gleiche, den Nico geschickt hatte. Sie knipste ihn. Das Bild war etwas unscharf. Egal. Sie schickte es ab, nur ein kleiner Kommentar dazu: „Hab ich schon.


  • Am einem der nächsten Morgen saß Laurie am Empfangstresen und sortierte die Post. Nicht unbedingt eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, aber in einem kleinen Betrieb wie ‚‘Past Times’ gehörte das ebenso zu den Aufgaben der Auszubildenden wie das Schrauben und Schweißen.


    Gelangweilt blätterte sie durch die Umschläge, öffnete einen nach dem anderen und las die Inhalte durch. Rechnung… Werbung… noch eine Rechnung… ein Steuerbescheid. Uh, eine Erstattung. Da wird Tom sich freuen. Sie legte den Papierstapel in das gelbe ‚Post‘-Körbchen und wollte gerade nach hinten in die Werkstatt gehen, als ein Bote eine weitere Sendung in den Briefkasten vorne am Tor steckte. Laurie verdrehte die Augen, ging raus und zog den Brief aus dem Kasten. Hm. ‚Kfz-Akademie Sauerland‘ las sie auf der Vorderseite. Drinnen griff sie zum Brieföffner, schlitzte den Umschlag auf und zog den Inhalt heraus.


    „Guck mal“, zeigte sie dann Paula den Brief. Die schaute eher beiläufig auf das Schreiben, während sie sich einen Kaffee einschenkte. „Was ist das?“


    „Lehrgänge für Kfz-Azubis“, las Laurie vor. „Wochenendkurse im Sauerland. Ach nee, der Laden heißt ‚Sauerland‘. „


    „Mhm. Was bieten die?“


    Laurie zitierte aus dem beiliegenden Flyer mit den angebotenen Kursen:

    „-Batterie‑ und Ladesysteme moderner Fahrzeuge

    -Klimaanlagen‑Service – inklusive Zertifikat

    -Einführung in CAN‑Bus und moderne Steuergeräte

    Hochvolt‑Grundlagen – für E‑Autos, Pflichtmodul für viele Betriebe

    Mh. Das ist eher was für Seda. Die steht doch auf diesen modernen Elektro-Krempel.“


    Sie drehte den Flyer um. „Hier, das wär‘ was für mich:

    Mechanik und Motorentechnik

    -Vergaser-Grundkurs“


    „Das bist du doch schon drüber weg“, grinste Paula.


    Laurie grinste zurück. „Dann hier:

    -Fahrwerk und Achsvermessung

    -Zündsysteme alt und neu

    Das könnte mir grad beim Pacer weiterhelfen…“


    Paula nahm ihr das Blatt ab und las jetzt selbst:

    „Oder das hier:

    -Oldtimer‑Elektrik verstehen – externe Regler, Kabelbäume, Kontaktzündung

    -Starter‑Diagnose und Spannungsabfallmessung

    -Systematische Fehlersuche

    Da könntest du noch was dazulernen. Elektrik ist ja nicht dein Spezialgebiet…“


    Laurie verzog den Mund.


    „Deine Worte!“


    „Ja, stimmt schon. Ich red‘ mal mit Tom. Wo ist der eigentlich?“


    Paula zuckte kurz mit den Schultern und stellte die Tasse ab, weil eben ein Kunde auf den Hof gefahren kam. Laurie legte den Flyer auf den Tresen, machte je ein Foto von Vorder-und Rückseite und schickte die Aufnahmen an Seda.


    Um kurz nach zwölf, pünktlich zu Beginn der Mittagspause, kam ihre Antwort. Knapp, aber freundlich schrieb sie: „Brauchst du nicht. Kann ich dir beibringen. Soll ich?“ Ein warmes Lächeln zog in Lauries Gesicht. „Samstag, vor dem Stream? Die Zündung am Pacer zickt immer noch rum.“


    „Okay, bin da. 18 h?“


    Laurie bestätigte. Und lächelte ein Lächeln, das den ganzen Tag nicht mehr verschwand.



    Samstag, kurz nach sechs. Laura und Lisa saßen am Wohnzimmertisch. Das Fenster stand offen, obwohl es Anfang Oktober dafür eigentlich schon zu kalt war. Ein einzelner, kurzer Schrei drang von draußen herein.


    Beide sahen auf.


    „Hast du das gehört?“, fragte Laura leise. Lisa nickte, unsicher. „Ja… aber ich weiß nicht, woher.“ Sie standen auf, sahen sich an, ohne zu wissen, ob sie reagieren sollten oder ob es vielleicht nur jemand auf der Straße gewesen war.


    Laura ging ein paar Schritte zum Fenster, blieb aber stehen. „Kam das von hier?“ Lisa schüttelte leicht den Kopf. „Ich seh nichts.“ Ein Moment Stille. Dann meinte Laura: „Ich geh mal runter.“ Nicht panisch, eher vorsichtig, weil sie selbst nicht wusste, was sie erwartete.


    Sie nahm Schlüssel und Handy und ging aus der Wohnung, die Treppe herunter. Hier war alles ruhig. Kein Geruch, kein Geräusch. Erst draußen auf dem Hof hörte sie den Motor des Pacer – laut, unruhig, viel zu hoch im Standgas.


    Ein Fahrrad vor der Werkstatt lehnte schief am Tor, als hätte jemand es hastig abgestellt. Ein Torflügel war weit geöffnet.

    Laura beschleunigte ihre Schritte.


    Als sie näherkam, sah sie Seda. Sie kam rückwärts aus der Werkstatt, beide Arme unter Lauries Achseln, und zog sie mit voller Kraft nach draußen. Lauries Beine schleiften über den Boden. Sie machte keine eigenen Schritte, ihr Kopf hing leicht zur Seite, die Augen halb geöffnet, aber ohne Fokus.

    Seda hustete, ihre Augen tränten, ihre Stimme war rau. „Weiter… komm… raus hier…“, brachte sie hervor, ohne den Griff zu lösen.


    Jetzt erst erreichte Laura der Abgasgeruch – schwer, dicht, viel zu viel.

    „Laurie!“, rief sie und rannte die letzten Meter.


    Vorsichtig ließ Seda Laurie auf dem Boden sinken. Laura kniete sich sofort hin, schob einen Arm unter Lauries Kopf, um ihn zu stützen. Laurie war nicht bewusstlos, reagierte aber kaum.


    Seda stand wieder auf, drehte sich um, rannte zurück in die Werkstatt. Sie beugte sich ins Auto, tastete nach dem Zündschlüssel und drehte ihn nach links. Der Motor verstummte abrupt. Dann rüttelte sie am zweiten Torflügel, bis auch der aufschwang, damit die Abgase schneller abziehen konnten. Sie hustete heftig, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, griff nach einer Wolldecke und kam zurück nach draußen.

    Sie kniete sich neben Laura, immer noch außer Atem, und legte die Decke über Laurie.


    Jetzt kam auch Lisa angerannt, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. „Laurie!“, rief sie entsetzt. „Um Himmels Willen… was ist mit ihr?“


    Seda schüttelte den Kopf, ihre Stimme rau. „Ich… ich weiß es nicht. Ich bin gerade angekommen. Das Tor war zu. Ich hab nur den Motor gehört.“ Sie schluckte, hustete erneut. „Ich bin rein…und Laurie saß am Boden. Sie hat mich noch angesehen, ganz kurz… und dann ist sie weggekippt. Ich hab sie gepackt und rausgezogen.“


    Lisa stürzte auf Seda zu und umarmte sie fest. „Oh Gott… danke! Danke, dass du da warst…“


    Seda blieb einen Moment steif, überrascht von der Umarmung, dann atmete sie aus und legte eine Hand an Lisas Rücken, noch immer hustend.


    Währenddessen klopfte Laura abwechselnd auf Lauries Wangen – etwas fester, als sie eigentlich wollte –, ihre Finger zitterten leicht. „Laurie… hörst du mich?“, sagte sie leise und beugte sich näher, die Stimme kontrolliert, aber mit einem feinen Riss darin. Mit der freien Hand stützte sie Lauries Kopf, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Komm schon, mein Spätzchen… mach die Augen auf.“


    Lisa stand daneben, sah besorgt auf Laura und Laurie hinunter. „Ich ruf den Notarzt“, sagte sie schließlich. Laura zog das Handy aus der Hosentasche und reichte es ihr wortlos.


    Lisa ging ein paar Schritte zur Seite und wählte die 112. Sie nannte Namen und Adresse, beschrieb knapp die Situation und fügte ein hastiges „Bitte beeilen Sie sich“ an, bevor sie auflegte. Dann kam sie zurück, hockte sich neben Laurie und atmete flach. „Sie kommen sofort…“, sagte sie und zog die Wolldecke etwas höher.



    Der Rettungswagen war schnell vor Ort, obwohl die Fabrik etwas außerhalb lag. Laurie wurde versorgt; sie war inzwischen wieder bei Bewusstsein, aber noch benommen und blass. Der Notarzt beruhigte Lisa und Seda mit ein paar knappen Worten, während Laura schon losgelaufen war, um Autoschlüssel und Papiere zu holen.


    „Bleiben Sie bitte liegen, wir nehmen Sie jetzt erstmal mit“, erklärte ein Sanitäter, als Laurie sich aufzurichten versuchte. „Geht schon wieder“, murmelte sie und wollte von der Trage rutschen, doch der Notarzt schüttelte ruhig den Kopf. „Sie bleiben eine Nacht bei uns. Morgen sehen wir weiter.“


    Lisa nahm Lauries Hand, legte die andere auf ihre Stirn. „Sei vernünftig“, sagte sie leise. „Laura kommt gleich hinterher. Siehst du? Da ist sie schon.“ Aber Laurie war noch verwirrt, redete vom Tor, vom Pacer, vom Stream, als würde sie versuchen, die letzten Minuten zusammenzusetzen.


    Dann trat Seda an ihre Seite, nahm Lauries freie Hand und drückte sie fest. „Ich mach das schon hier“, sagte sie ruhig. „Werd du erstmal wieder fit. Und morgen sehen wir uns um dieselbe Zeit zum Unterricht, klar?“ „Klar“, lächelte Laurie schwach.


    Die Sanitäter schoben sie in den Wagen. Der Rettungswagen fuhr los, dahinter der weiße Escalade. Lisa und Seda blieben zurück.


    „Geh ruhig rein, es ist kalt“, sagte Seda, als Lisa sich die Wolldecke um die Schultern legte. „Ich bleib hier, bis die Abgase weg sind, und schließ dann ab.“

    „Danke dir. Schön, dass du wieder da bist“, sagte Lisa und ging Richtung Wohnung. Nach drei Schritten blieb sie stehen, drehte sich um. „Das war doch ein Unfall? Ein Versehen?“


    Seda antwortete nicht sofort.


    „Sie hat nur vergessen, das Tor aufzumachen…?“


    Seda nickte schließlich. „Ganz sicher.“

  • Um kurz vor acht piepste Sedas Handy – eine Nachricht von Lisa: Alles ok mit Laurie. Sie ist wieder stabil. DANKE! Dazu eine halbe Million Herzchen.

    Seda lächelte. Sie saß auf der Ladefläche von Hook, die Werkstatttore standen noch immer offen. Sie tätschelte kurz die Bordwand, als wollte sie auch Hook beruhigen, dann rutschte sie vom Auto und ging in die Werkstatt. Sie schnupperte – ja, die Abgase waren abgezogen, sie konnte das Tor wieder schließen.


    Sie klappte den einen Flügel zu, trat einmal kräftig gegen den Stahl; das Tor hatte sich im Sommer verzogen und klemmte seit Wochen. Ein zweiter, härterer Stoß, dann konnte sie den Hebel umlegen. Bevor sie den zweiten Flügel von außen schloss, blieb sie stehen und sah in die Werkstatt.

    Werkzeug lag noch herum. Die eine Lampe brummte wieder dieses dünne, nervige Geräusch. Auf dem großen Werkstattwagen leuchtete der Laptop. Seda ging hin, sah auf den Monitor – die Kamera war noch nicht aktiv, aber im Chat tummelten sich ein Dutzend Leute, ungeduldig wartend auf den Stream. Auf Elenn. Auf Rebel Yello. Ihr Pflichtprogramm am Samstagabend.



    Ich muss wenigstens Bescheid geben, dass der Stream heute ausfällt, dachte sie , aktivierte die Kamera und stellte sich etwas seitlich, damit sie nicht voll erfasst wurde.


    Zu spät. Einige User hatten sie schon gesehen.


    „Heyyy, Desert Heart ist wieder da!“ „Welcome back, little lady!“


    Seda hob die Hand, winkte kurz, lächelte verlegen. Dann tippte sie eine Nachricht:



    Elenn ist heute nicht da…


    Weiter kam sie nicht. Die ersten Kommentare ploppten sofort auf.


    „Machst du heute alleine? Ich freu mich schon.“ „Was ist denn das Thema heute? Bestimmt was mit Strom…“ „Wo ist denn dein Shirt?“

    Seda zögerte, überrumpelt von der Wucht der Erwartungen, die ihr aus dem Chat entgegenkamen. Sie stand da, halb im Licht der brummenden Lampe, halb im Schatten – und musste sich erst wieder sortieren.


    Auf der Werkbank lag ein verwaschenes, graues Shirt, das Laurie wohl schon für den heutigen Stream bereitgelegt hatte. Seda nahm es hoch, sah auf den Druck – Soot Sisters – Backfire Tour 1998. Treffer. Sie musste lächeln.

    Sie ging hinter die Kamera, zog ihre Jacke aus, dann ihr eigenes T‑Shirt, und stülpte das Bandshirt über den Kopf. Der Stoff war weich, ein bisschen ausgeleiert, genau richtig.

    Dann trat sie wieder ins Licht, machte eine kleine, halb scherzhafte Präsentiergeste – und begann zu arbeiten.



    Es waren gut drei Stunden vergangen und der Chat war noch in vollem Gange, als vor der Fabrik der weiße Escalade parkte. Laura stieg aus, erleichtert, dass es Laurie besser ging – und mit einer Tüte Burger in der Hand. Sie sah zur Werkstatt hinüber und runzelte die Stirn. Das eine Tor stand offen, drinnen brannte Licht — und der Motor des Pacer lief wieder.


    Sie stellte die Burgertüte auf dem Auto ab und ging hinüber. Als sie am offenen Tor stehen blieb, stockte sie kurz — und musste dann unwillkürlich lächeln.


    Da war Seda. Am Auto – und im Stream. Allein.

    Damit hatte sie nicht gerechnet.


    Und doch stand Seda da, wechselte zwischen Laptop und Motorraum, schraubte, tippte, kommentierte, meckerte leise, lachte über sich selbst. Nicht wie Laurie, nicht wie Elenn — aber mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit, die Laura so nicht erwartet hatte.


    Dann bemerkte Seda sie im Augenwinkel. Für einen Augenblick fror ihre Bewegung ein. Sie legte das Messgerät beiseite, sagte ein kurzes „One moment, bin gleich wieder da…“ in die Kamera und kam zu Laura.


    „Ich…“, setzte sie an, noch leicht atemlos vom Reden, aber Laura hob sofort die Hand, beruhigend.


    „Alles gut.“


    Doch Seda schüttelte den Kopf, wollte es erklären. „Ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass der Stream heute ausfällt… ich wollte gar nicht… aber da waren schon so viele Leute, und dann… war ich irgendwie drin.“


    Laura grinste. Es war so süß, wie Seda versuchte, das zu rechtfertigen, obwohl es überhaupt nicht nötig war. Seda hatte Laurie heute gleich zweimal gerettet — erst aus den Abgasen, jetzt davor, dass ihr geliebter Stream ausfällt. Das war echte Freundschaft. Und Laura sah das.


    Sie deutete mit einem kleinen Blick zum Laptop. „Mach weiter. Die Leute warten.“


    Seda brachte nur ein kleines, ungläubiges „Ja?“ heraus.

    „Ja“, bestätigte Laura, warm und klar. Dann lächelte sie, drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück zum Auto. Als sie oben bei Lisa ankam, saß die am Tisch vor dem aufgeklappten Rechner. „Du glaubst nicht, was ich her hier gucke…“ schüttelte sie den Kopf. Laura nickte nur. „Ich habs unten schon live gesehen. Cheeseburger gefällig?“

  • Sonntag, später Nachmittag. Der Escalade hielt vor dem grauen Mehrfamilienhaus. Laurie stieg aus, zwei Blumensträuße in der Hand.

    „Kommst du nicht mit?“, fragte sie, als Laura im Wagen sitzen blieb. Die schüttelte nur den Kopf. Leise, aber eindeutig.


    Laurie schluckte, schloss die Tür und drehte sich zum Eingang um. Sie ging zur Haustür, zögerte einen Moment und drückte dann auf den Klingelknopf Demirci. Der Summer summte sofort, Laurie öffnete die Tür.


    An der Wohnungstür erwartete sie Aylin Demirci – Sedas Mutter. „Hallo“, grüßte Laurie vorsichtig. „Störe ich?“


    Aylin schüttelte den Kopf, nahm ihr die Blumen ab und bat sie hinein. „Der eine ist für Seda…“, erklärte Laurie, während sie unsicher in den Flur trat.

    „Seda ist in ihrem Zimmer, sie kommt sicher gleich“, sagte Aylin und verschwand in die Küche, um Vasen zu holen. Laurie blieb etwas verloren im Flur stehen, die Hände ineinander verschränkt.


    Dann kam Aylin zurück, nahm sie sanft am Ellbogen und führte sie zur Tür am Ende des Flurs. Sie klopfte kurz, öffnete – und ging ins Wohnzimmer. Laurie folgte ihr.


    Mehmet Demirci stand zwischen Schrankwand und Couch, strich sein Jackett glatt und reichte Laurie die Hand. „Guten Tag, Frau…“ Er stockte.


    „Bitte, Laurie“, half sie ihm. „Guten Tag, Herr Demirci. Ich wollte nicht stören. Nur schnell ein paar Blumen vorbeibringen. Für Seda. Und für Ihre Frau natürlich.“


    Mehmet nickte. Nicht streng, eher kontrolliert, aber mit einem Hauch von Versöhnung. „Sie stören nicht. Bitte, kommen Sie herein.“


    Laurie atmete leise aus. „Ich wollte mich nur bedanken. Bei Seda. Ich weiß nicht, ob sie erzählt hat… gestern…“


    Mehmet nickte erneut. „Wir wissen, was unsere Tochter getan hat. Und wir sind sehr stolz auf sie.“


    Laurie grinste, ein bisschen erleichtert, ein bisschen gelöst. „Dann sind wir schon drei…“

    Es war ihr erstes Zusammentreffen mit Mehmet Demirci seit damals – seit der Auseinandersetzung im Treppenhaus der Fabrik. Und zum ersten Mal fühlte es sich nicht wie ein Kampf an.


    Aylin kam mit den Blumen herein, stellte sie ab und lächelte. „Möchtest du etwas trinken? Tee?“ Laurie schüttelte sofort den Kopf. „Danke, wirklich nicht. Ich wollte nur kurz…“ Aylin nickte, ohne nachzufragen. „Natürlich.“


    Dann ging die Tür wieder auf, Seda kam ins Zimmer. Sie ging an Laurie vorbei, drückte kurz ihre Hand und stellte sich neben Mehmet. Dann sah sie die Blumen und strahlte. „Wie gehts dir?“, fragte sie Laurie mit einem kleinen Seitenblick zu Mehmet.


    Laurie nickte. „Alles wieder okay. Echt, sowas ist mir noch nie passiert. Ich wollte den Motor nur schon mal warmlaufen lassen und hab einfach nicht dran gedacht, das Tor aufzumachen. Ich könnte mich in den A…“ Sie stockte, ein kleines Lächeln zu Mehmet.


    „In den Arsch beißen?“, lachte der und Laurie lachte auch. „Genau.“ Das war das erste Mal, dass sie Mehmet Demirci lachen sah und es war ein schönes, ein warmes Lachen.


    „Ich will aber auch nicht länger stören“, wollte Laurie sich dann wieder verabschieden. „Du störst doch nicht…“ widersprach Seda. Mit einem kurzen Seitenblick zu ihr reichte Mehmet Laurie die Hand. „Wir wollen Sie auch nicht aufhalten. Und vielen Dank für die Blumen. Sie sind sehr schön.“


    Laurie lächelte ihr „ich sage besser nichts, bevor ich etwas falsches sage“-Lächeln, nahm seine Hand und sah Seda an. „Wir sehen uns am Dienstag, in der Schule.“ Seda nickte bestätigend. „Und Danke, dass du… die Werkstatt abgeschlossen hast.“


    „Ach“, machte Seda „ich hab ja noch den Schüssel. Komm mit…“ Dann verließen sie das Wohnzimmer, nicht, ohne dass Seda ihrem Vater noch einen dankbaren Blick zuwarf. An der Küchentür wartete Aylin Demirci. Auch sie lächelte und sagte „Vielen Dank, Laurie.“


    „Wofür?“


    Seda ging in ihr Zimmer, holte den Werkstattschlüssel und drückte ihn Laurie in die Hand. „Na, für die Blumen. Wofür sonst?" Dann öffnete sie die Wohnungstür, Laurie ging raus. „Und danke, dass du nichts vom Stream gesagt hast…“, flüsterte Seda ihr noch laut hinterher.


    Draußen stieg Laurie in den Escalade, erwartungsvoll sah Laura sie an. „Und?“


    „Er hat gelacht…“ strahlte Laurie.


    „Schön.“

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  • Es geht weiter. Das nun folgende Kapitel war in seiner ersten Version schon mal im GuMo zu lesen, Da kritisiert wurde, das der Verlauf zu glatt und problemlos dargestellt wurde, jetzt die überarbeitete Version. Wir wollen es Laurie ja auch nicht zu leicht machen. Abgesehen davon ist das ja keine Doku hier, sondern Unterhaltung :whistling


    Kapitel 28: Cologne, wir haben ein Problem

    Der Prüfer schüttelte den Kopf – der Super‑GAU für jeden Autoschrauber. Und ein absolutes No‑Go für den Past‑Times‑Oldtimerservice.


    Tom zog die Stirn kraus, Toto hatte ein Fragezeichen über dem Kopf, Laurie war nicht da. Die Berufsschule hatte an diesem Morgen überraschend einen Pflichttermin angesetzt: eine Sicherheitsunterweisung wegen neuer Maschinen in der Werkstatt. Laurie war genervt, aber sie musste hin; wer fehlte, bekam automatisch eine Fehlstunde eingetragen. Deshalb konnte sie heute nicht dabei sein, als ihr Werk die begehrte Plakette bekommen sollte.


    „Was denn?“, fragte Tom, jetzt deutlich genervt. Dieses Kopfschütteln war er von seinem Stammprüfer nicht gewohnt. Normalerweise war alles, was seine Werkstatt zur Prüfung vorführte, eins a in Schuss, bestens vorbereitet, mängelfrei. Und Tom und der Prüfer kannten sich seit Jahren. Dass wirklich mal etwas zu beanstanden war, kam selten vor – und wenn, dann wurde es im Handumdrehen erledigt, bevor der Prüfer überhaupt seinen Kuli aus der Tasche gezogen hatte.


    Aber jetzt, ausgerechnet jetzt, bei Helga, ausgerechnet bei diesem Herzensprojekt – und das nur vierzehn Tage vor Lauras Geburtstag, der ultimativen Deadline – dieses Kopfschütteln.


    Der Prüfer zog den Kopf aus dem Motorraum, schaltete die Taschenlampe ab und setzte zur Erklärung an. „Die FIN. Die Fahrgestellnummer. Die sieht aus wie selbst eingeschlagen. Das kann ich so nicht abnehmen.“


    „Hä?“ Tom beugte sich vor, nahm seine Lampe und leuchtete die Stelle am Radkasten an, an der beim Ford Taunus üblicherweise die Identifikationsnummer eingeschlagen war. Sie war da. Sie war gut zu lesen. Aber – sie war krumm und schief eingeschlagen.

    Tom fluchte leise. „Die war schon immer so“, sagte er, diesmal deutlich schärfer. „Ich kenne das Auto seit zwanzig Jahren. Die Nummer sah damals schon so krumm aus. Das ist original.“


    Toto hob die Hände, als müsse er sich verteidigen. „Ehrlich jetzt, das ist beim Taunus normal. Die haben das damals in Köln per Hand reingehauen. Schlagzahlen, kein Automat. Wenn du dir andere Taunus aus der Zeit anschaust, sehen die genauso aus. Schief, unterschiedlich tief, manchmal sogar versetzt. Vielleicht ist der am Rosenmontag vom Band gelaufen…“, versuchte er es jetzt mit ein wenig Humor.


    Der Prüfer blieb unbeeindruckt. „Das höre ich jeden Tag. ‚War schon immer so‘, ‚ist original‘, ‚hat Ford so gemacht‘. Ich muss das prüfen lassen.“


    Tom trat einen halben Schritt näher, nicht aggressiv, aber mit spürbarer Anspannung. „Ich erzähl dir keinen Mist. Wenn das einer nachträglich gemacht hätte, wär’s gerader. Die Nummer ist alt, original und genau da, wo sie hingehört.“


    Toto nickte heftig. „Und die Schrift passt. Die Tiefe passt. Die Stelle passt. Das ist keine Bastelkarosse.“


    Der Prüfer verschränkte die Arme. „Mag sein. Aber so, wie das aussieht, kann ich das nicht einfach durchwinken. Ich brauch eine Bestätigung. Hersteller, Gutachten, irgendwas Offizielles.“


    Tom rieb sich übers Gesicht. „Das wird dauern.“


    „Dann dauert’s eben“, sagte der Prüfer. „Aber so gebe ich keine Plakette.“


    „Dann mach doch wenigstens schon mal alles andere. Um die Nummer kümmern wir uns später“, schlug Tom vor.


    Der Prüfer schüttelte erneut den Kopf, diesmal unmissverständlich. „Wenn die FIN nicht eindeutig ist, prüfe ich gar nichts. SO kann ich nicht mal sicher sein, dass das Fahrzeug zu den Papieren gehört.“


    Toto versuchte es jetzt etwas weicher. „Komm, das ist Helga, das Auto seiner Ex. Das erste Auto von Lauries Mom. Die Kiste war verschollen im Osten irgendwo und ist jetzt wieder aufgetaucht und soll ihr Geburtstagsgeschenk werden. Zum Vierzigsten. Und wenn sie jetzt keine Plakette kriegt, ist die ganze Überraschung zum Teufel...“


    Der Prüfer blieb hart. „Das ist eine schöne Geschichte, nützt mir aber nichts. Erst wenn die Identität geklärt ist, geht’s weiter. Dann gerne auch mit Schleifchen drum, aber so… nichts zu machen.“



    Gegen Mittag kam Laurie. Sie sah den Taunus noch auf der Hebebühne stehen, legte ihre Tasche ab und kam die drei Stufen herunter in die Halle. „Na, alles plaketti?“, grinste sie. „Ist der Prüfer schon wieder weg?“


    Toto hielt sich die Hand vor den Mund und sprach in Funkgerät‑Stimme: „Elenn, wir haben ein Problem…“ Er reichte ihr den Prüfbericht. Laurie überflog die Zeile ‚Fahrzeugidentnummer zweifelhaft – Prüfung abgebrochen‘ und blinzelte.


    „Hä? Das ist nicht sein Ernst…? Du hast gesagt, die sehen immer so aus. So krumm und schief.“


    „Tun sie ja auch“, sagte Toto. „Aber das reicht ihm nicht. Er will eine Bestätigung.“


    Laurie warf die Arme hoch. „Ja, toll. Was denn für eine Bestätigung? ‚Hallo, wir sind’s, die Ford‑Werke. Wir bestätigen gerne, dass unsere Mitarbeiter in den Siebzigern alle ständig besoffen waren und die Nummern nach Lust und Laune da reingekloppt haben.‘ Oder was?“

    Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Mann, das ist ein Taunus, kein T3sla. Die haben hochpräzise gelaserte VINs, aber doch nicht Helga.“


    Tom atmete einmal tief, da hatte Laurie schon in den Lösungsmodus umgeschaltet. „Okay. Ich ruf bei Ford an. Die haben ein Archiv, die können mir bestätigen, dass die VIN stimmt. Das dauert zwar, aber egal.“


    Toto hob die Augenbrauen. „Und wenn das dem Prüfer nicht reicht?“


    Laurie schnaubte. „Dann stell ich ihm zehn Taunus nebeneinander hin, und er kann sich die krummen Zahlen selber angucken. Und wenn’s sein muss, hol ich noch einen Gutachter dazu. Ich lass mir Helga nicht wegen einer schiefen Siebziger‑Jahre‑Schlagzahl abwürgen.“


    Sie setzte sich an den Empfangstresen, blätterte in den alten Karteikarten. Da – Ford Kundenservice, eine Kölner Vorwahl, darunter hatte jemand einen handschriftlichen Vermerk gekritzelt: SCHWIERIG!“

    Laurie verzog den Mundwinkel, wählte, nahm das Handy ans Ohr, den Kiefer angespannt.


    „Ford Kundenservice, guten Tag.“


    „Hi, hier ist Laurie vom Past‑Times‑Oldtimerservice. Ich brauche eine Bestätigung für eine Taunus‑FIN von ’72.“


    „1972? Gab es denn da überhaupt noch einen Taunus? Für historische FIN‑Anfragen sind wir nicht zuständig. Ich verbinde Sie weiter.“


    Warteschleife. Neue Stimme.


    „Ford Classic Line, was kann ich tun?“


    Laurie wiederholte ihr Anliegen.


    „Taunus? 1972? Oh… das ist schwierig. Die Unterlagen liegen nicht bei uns. Ich gebe Ihnen mal die Nummer vom Zentralarchiv.“


    Laurie notierte. Rief an. Besetzt. Noch einmal. Wieder besetzt.

    Beim vierten Versuch ging jemand ran.

    „Zentralarchiv Ford, Schneider.“


    „Tag. Ich brauche eine Bestätigung für eine Taunus‑FIN von ’72.“


    „Dann sind Sie hier falsch. Wir haben nur digitalisierte Bestände. Alles vor ’75 liegt im Außenarchiv.“


    Laurie schloss die Augen, bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Und wie erreiche ich das Außenarchiv?“


    „Gar nicht direkt. Ich kann eine Anfrage weiterleiten. Bearbeitungszeit… rechnen Sie mal mit sechs bis acht Wochen.“


    Laurie starrte die Wand an. „Ich hab zwei. Machen Sie’s dringend. Bitte.“


    „Dann brauchen Sie Glück. Viel Glück.“


    Laurie nannte die Nummer und ihre Mailadresse und legte auf. Sie atmete einmal tief durch und sagte zu Tom und Toto:

    „Okay. Dieses war der erste Streich. Und der zweite…?“


    „Ich hab noch ne Idee“, warf Toto ein. Lass mich mal zu Hause was nachgucken. Könnte sein, dass ich da aus so nem Forum noch eine Kontaktmöglichkeit weiß. Muss ich aber suchen…“


    „Tu das. Jetzt zählt jeder Strohhalm.“


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  • Am nächsten Morgen. Toto hatte eine Nummer in einem recht Ford-lastigen Oldtimer‑Forum gefunden und sie Laurie geschickt. Sie wählte. Ein Mann ging ran — breit, gemütlich, eindeutig kölsch.

    „Werksschutz Ford Niehl... Jansen?“


    Fast automatisch veränderte sich Lauries Stimme — nicht leiser, nicht unsicher, sondern glatter, klarer, ein bisschen tiefer, mit diesem Tonfall, den sie manchmal benutzte, wenn sie etwas durchsetzen wollte.


    „Guten Tag, hier ist Laurie vom Past‑Times‑Oldtimerservice.“ Sie klang professionell. Ruhig. Ein Hauch Lächeln in der Stimme. „Ich hätte eine Frage zu einer alten Taunus‑FIN… vielleicht sind Sie der Richtige dafür?“


    Nä! Eijentlisch nit. Äbber, wat hättste denn, Mädsche?“


    Laurie blieb in ihrem Modus — freundlich, aber bestimmt, mit dieser charmanten Direktheit.

    „Einen ’72er Taunus. Ein ganz besonderes Auto für eine gute Kundin. Die FIN sieht… sagen wir mal… sehr künstlerisch aus. Der Gutachter hat Bedenken und bevor ich hier jemanden unnötig verrückt mache, dachte ich, ich frag jemanden, der weiß, wie’s damals wirklich lief.“


    „Joo, dat wundert misch nit. Die ham mer damals all handjeschlagen. Wenn de Pech häs, hat dat ene Lehrling jemacht, der noch ’n Kater hatt.“


    Laurie musste trotz allem lachen. „Klingt passend.“


    „Aber hör ma: Isch kann dir nix Offizielles jeben. Dat därf isch nit. Isch kann nur sagen, ob et plausibel aussieht.“


    „Plausibel reicht mir fürs Erste.“


    „Dann schick misch Fotos. Jute. Von nah. Und mach Lischt drauf, sonst seh isch nix.“


    „Und eine schriftliche Bestätigung?“


    „Dat macht dat Arschiv. Wenn isch dene sach: ‚Jo, dat passt‘, dann ham se wenigstens ene Jrund, sisch zu kümmere.“


    Laurie rieb sich die Stirn. „Okay. Wohin mit den Fotos?“


    Er diktierte eine interne Adresse, die klang wie aus den Neunzigern.

    „Aber Mädsche“, fügte er hinzu, „erwart nit, dat dat schnell jeht. Isch guck, wat isch kann. Mehr nit.“


    Laurie legte auf, sah Tom an und sagte:


    „Okay. Wir haben jetzt einen Fuß in der Tür. Einen sehr kleinen. Aber immerhin.“


    Tom seufzte. „Aber was, wenn die zu langsam sind?“


    Laurie zuckte mit den Schultern. „Hast du keinen, der da was wissen könnte? Einen alten Kunden, der Ford fährt? Irgendwen…“


    Tom rieb sich das Kinn, zog sein Handy heraus und scrollte. „Alles Ami‑Fahrer. Oder warte – Vielleicht… hier. Jens. Der fährt Ford, so lange ich denken kann. Aber immer US, keine Kölner. Ich probier’s trotzdem.“

    Er wählte. Sekunden später sank sein Blick. „Nicht mehr vergeben. Mist.“

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  • Der nächste Dienstag, halb zehn am Morgen. Laurie und Seda standen im Gang. Laurie erzählte vom Helga‑Drama.


    „Frag doch Herrn Rotter“, meinte Seda. „Wenn einer sowas weiß, dann er.“


    Laurie nickte. Dann der Gong, Klasse KFZ 24-1 betrat den Klassenraum.

    Hartmut Rotter – grauer Bart, grauer Haarkranz, grauer Kittel, ruhige Autorität – kam herein, murmelte ein „Morgen“, schaltete das Smartboard ein. Ein kurzes Flackern, ein Kabelwackeln, dann erschien eine FIN‑Nahaufnahme.

    „So“, begann er, „heute geht’s um Identifikationsmerkmale. FIN, Typenschild, Herstellercodes. Alles, was ihr braucht, um ein Fahrzeug eindeutig zuzuordnen.“


    Seda warf Laurie einen Blick zu. Laurie hob die Hand.


    „Gleich“, bremste Rotter sie. „Erst die Basics.“


    Er deutete auf die Projektion. „Wer weiß, wofür FIN steht? International VIN, in Deutschland FIN – mit F wie Vaterland. Herr Rollmann?“


    Eric Rollmann setzte seinen intelligenten Blick auf, der nie funktionierte. „Äh… Very Important Number…?“

    Gelächter. Laurie und Seda verdrehten die Augen.

    „Nicht ganz“, sagte Rotter trocken. „Fahrzeug‑Identifikationsnummer. Frau Demirci? Was haben wir uns darunter vorzustellen“


    Seda erklärte knapp und sauber. Rotter nickte. „Genau. Und wichtig: Vor ’81 gab’s keine Norm. Jeder Hersteller hat sein eigenes Süppchen gekocht.“

    Er klickte weiter. Eine krumme, ungleich tiefe Zahlenreihe erschien.

    „Viele FINs wurden per Hand eingeschlagen. Unterschiedliche Mitarbeiter, unterschiedliche Tagesform. Ein gutes Beispiel ist Ford Köln, Siebziger Jahre. Da sieht’s manchmal aus, als hätte ein Betrunkener die Schlagzahlen gehalten.“


    Ein paar lachten. Laurie nicht.


    „Das ist kein Manipulationshinweis“, fuhr Rotter fort. „Das ist original. Prüfer wissen das – oder sollten es.“


    Laurie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte.


    Neue Folie. Noch ein Beispiel. Noch schiefer.

    „Wichtig ist: Ihr müsst erkennen, was normal ist. Eine krumme FIN kann völlig korrekt sein. Eine perfekte dagegen verdächtig.“


    Laurie war jetzt hellwach.


    Rotter verschränkte die Arme. „Und wenn ein Prüfer Stress macht: Dokumentation. Fotos. Vergleichsfahrzeuge. Und manchmal…“ Er ließ eine kleine Pause. „…jemand, der damals in Köln gearbeitet hat.“


    Laurie blinzelte. Ein Funke.


    Marek hob die Hand. „Mein Opa hat früher bei Ford gearbeitet. Der könnte das noch wissen.“


    Rotter nickte zufrieden. „Perfekt. Fragen Sie ihn mal. Vielleicht hat er noch Unterlagen oder kann die Schlagzahlen einordnen.“


    Laurie starrte auf die Folie. Es sah aus wie Helga. Genau so schief. Genau so unregelmäßig.

    Und plötzlich wusste sie, was sie tun musste.



    Der Unterricht war vorbei, die Klasse löste sich auf. Laurie stopfte ihre Sachen in die Tasche, als Marek neben ihr auftauchte, sein Handy schon in der Hand.

    „Ich ruf ihn eben an“, sagte er leise. „Er geht bei unbekannten Nummern nicht ran, aber bei mir schon.“


    Laurie nickte. Seda blieb neugierig stehen.


    Marek tippte, hielt das Handy ans Ohr. Freizeichen. Dann ein Klicken.

    „Ja?“, brummte eine ältere Männerstimme.

    „Opa? Ich bin’s. Hör mal… wir haben hier ’nen Fall aus der Schule. Eine Freundin von mir hat einen alten Ford Taunus, Siebziger Jahre. Die Fahrgestellnummer ist total krumm, und der Prüfer meint, das wäre manipuliert.“

    Eine kurze Pause. Dann ein trockenes, fast beleidigtes Schnauben.

    „Manipuliert? Bei ’nem Taunus? Unsinn. Gib mal her.“


    Marek hielt Laurie das Handy hin. „Er will mit dir reden.“


    Laurie nahm es vorsichtig entgegen. „Hallo? Hier ist Laurie. Ich arbeite in einer Oldtimerwerkstatt. Wir haben einen 72er Taunus, und die Nummer sieht… na ja… so aus, wie Sie’s wahrscheinlich kennen.“


    „Ford Köln?“, fragte der Mann sofort.


    „Ja.“


    „Siebziger?“


    „Ja.“


    „Dann erzählen Sie mal.“


    Laurie schilderte kurz den Prüfer, die krumme Nummer, die abgebrochene Prüfung. Am anderen Ende ein kehliges Lachen.


    „Mädchen, das ist normal. Wenn die Nummer gerade ist, dann würd‘ ich mir Sorgen machen.“


    Laurie grinste breit. Seda stieß sie an, triumphierend.


    „Ich kann Ihnen die Fotos schicken“, sagte Laurie.


    „Mir nicht“, brummte er. „Ich hab‘ nur Festnetz. Damit Mareks Oma nicht den ganzen Tag die Leitung vom Teleshopping blockiert“, rief er hörbar vom Telefon weg.


    Marek verdrehte die Augen. „Das stimmt leider.“


    „Aber“, fuhr Opa fort, „der Junge kommt gleich nach Hause. Der zeigt mir die Bilder. Ich kenn die Nummern. Ich hab‘ die früher selber eingeschlagen… und später die von den anderen kontrolliert.“ Ein pfeifendes Ausatmen, ein kurzes, heiseres Räuspern. „Heut machen die Prüfer alles nach Vorschrift, aber ohne Gefühl für die alten Zeiten.“ Man hörte Papier rascheln, als würde er in einem alten Ordner blättern. „Ich hab‘ hier noch Kram aus der Zeit.“


    Laurie stockte kurz. „Das wäre… unglaublich hilfreich.“


    „Jaja. Schicken Sie’s dem Jungen. Ich guck’s mir an.“ Er legte auf.


    Marek nahm sein Handy zurück, sichtlich stolz, aber ohne es groß zu machen. „Schick mir die Fotos. Ich fahr direkt zu ihm. Der kennt das alles — der hat das ja bis zur Rente gemacht.“



    Laurie klopfte ihm auf die Schulter. „Marek, du bist heute mein persönlicher Rettungsanker.“


    Er lief rot an. „Äh… ja… gern.“


    Seda grinste. „Das läuft.“


    Laurie nickte. „Das läuft richtig gut.“





    Marek war gerade verschwunden, da rückte Seda ein kleines Stück näher zu Laurie. „Hast du das eben gesehen?“


    Laurie schob ihren Ordner in die Tasche, noch immer mit diesem konzentrierten Stirnrunzeln. „Was denn?“


    Seda zögerte. „Wie er dich angeschaut hat.“


    Laurie blinzelte, völlig ohne Zusammenhang. „Wie angeschaut? Ich hab ihm erklärt, was mit der FIN ist.“


    „Ja…“ Seda nickte langsam. „Aber er war irgendwie… na ja… anders.“


    Laurie schüttelte sofort den Kopf. „Wieso anders? Anders als was? Ich hab ein Problem und er hat den Opa mit der Lösung – hoffentlich.“


    „Kann sein“, sagte Seda leise. „Mir ist’s nur aufgefallen.“


    „Der hat mich doch kaum angeguckt. Der hat die ganze Zeit aufs Handy gestarrt.“


    „Nicht die ganze Zeit“, murmelte Seda.


    „Doch klar.“ Laurie nickte überzeugt. „Ich hab das gesehen. Ich bin für den nur… na ja… die mit dem alten Taunus.“


    Seda sah sie einen Moment an, dann lächelte sie ein bisschen. „Okay.“


    Laurie zog ihre Jacke an, immer noch gedanklich bei Opa und den schiefen Schlagzahlen. „Ich mein… warum sollte der mich überhaupt anschauen? Der kennt mich doch kaum.“


    „Eben“, sagte Seda ruhig. „Deshalb ist’s mir aufgefallen.“


    Laurie winkte ab, als wäre das Thema völlig absurd. „Ach was. Der hat doch ganz andere Sorgen.“


    „Vielleicht“, sagte Seda. „Vielleicht auch nicht.“


    Laurie schnaubte leise. „Nee. Hundertpro nicht.“


    „Schon gut.“ Seda schob die Hände in die Taschen. „Ich sag’s nur.“


    Laurie nickte, ohne wirklich zuzuhören. „Ich muss die Fotos raussuchen und ihm schicken. Opa will die ja gleich sehen.“


    „Mhm“, sagte Seda. „Mach das. Und schick ihm nicht aus Versehen noch andere Fotos.“


    Laurie zog die Brauen zusammen. „Was denn für andere Fotos?“


    „Was weiß ich, was du da auf deinem Handy noch alles für Fotos hast?“


    „So ein Quatsch...“


    „Genau“, sagte Seda leise. „Quatsch.“

  • Kapitel 29: Geplantes und Ungeplantes


    „Ich frag dich jetzt ein letztes Mal.“


    „Hm?“ Laura sah von ihrem Handy auf, zog die Brauen hoch, sah Lisa an — nicht genervt, eher müde.


    „Keine große Feier also. Bist du wirklich sicher?“


    Laura nickte langsam. „Jepp. Bin ich. Wir machen das wie geplant. Du, ich, Laurie, Tom und Toto, ne schöne Torte – oder zwei. Fertig.“


    Lisa schüttelte etwas enttäuscht den Kopf, aber ohne Druck. „Wenn du meinst. Ist ja auch nur ein runder…“


    „Du hast deinen Vierzigsten doch auch nicht gefeiert…“


    „Das war was anderes.“


    „Wegen Lupo?“


    Lisa hob eine Schulter, halb Achselzucken, halb Erinnerung. „Ging halt nicht. Der hat mich damals komplett aus dem Verkehr gezogen.“


    Laura atmete aus, weicher als vorher. „Ich hab halt keine große Lust auf feiern. Sonntag ist Markt, Laurie würd eh abends verschwinden zum Streamen, was soll ich da groß feiern? Außerdem find ich Geburtstage zu feiern eigentlich auch Quatsch. Ich bin halt an dem Tag zur Welt gekommen – und? Das ist doch keine Leistung…“


    „Früher hast du das anders gesehen.“


    „Mag sein.“ Laura lächelte schief, fast entschuldigend. „Aber lass mich mal. Ne kleine Feier, bisschen Kuchen. Wenn es sein muss, vielleicht auch ein, zwei Geschenke“, sie stupste Lisa leicht mit dem Fuß an, „aber mehr nicht.“


    „Und Nico?“


    Laura hob den Blick. „Was ist mit ihm?“


    „Willst du ihn einladen?“


    Laura schwieg einen Moment. Sie merkte, dass die Frage sie beschäftigte, aber sie wollte nicht sofort reagieren.


    Nico.

    Wenn sie nur nach ihrem eigenen Empfinden gehen würde, wäre die Entscheidung einfach. Sie mochte ihn. Er war zuverlässig, freundlich, unkompliziert. Er hatte sich ohne Mühe in ihre Familie eingefügt, gehörte dazu. Laurie hatte ihn akzeptiert, ihn als ihren Bruder angenommen. Und für Laura und Lisa war er selbstverständlich geworden.


    Doch dann kam dieser Abend. Mehmet Demircis Auftauchen. Sedas Verschwinden. Lauries verzweifelte Überreaktion.

    Laura hatte gesehen, wie überfordert Laurie gewesen war. Wie sie komplett dichtgemacht hatte. Wie hart sie Nico zurückgewiesen hatte. Und sie hatte auch gesehen, dass Nico das getroffen hatte, obwohl er noch versucht hatte, es nicht zu sehr zu zeigen.


    Aber Laurie hatte inzwischen eingesehen, dass sie falsch reagiert hatte. Sie hatten darüber gesprochen, ruhig und ohne Ausreden. Nur bedeutete das nicht automatisch, dass sie wieder bereit war, Nico zu begegnen. Schon gar nicht an einem Tag, an dem Laura eigentlich keinen zusätzlichen Stress wollte.


    Laura wusste nicht, ob Laurie das aushalten würde. Sie wusste nicht, ob Nico sich wohlfühlen würde. Und sie wusste nicht, ob sie selbst diejenige sein wollte, die diese Begegnung auslöst. Sie wollte ihren Geburtstag nicht zu einer schwierigen Situation machen. Aber sie wollte Nico auch nicht bewusst ausschließen. Beides fühlte sich nicht richtig an.


    Und sie wusste nur zu gut, dass Laurie empfindlich reagierte, wenn sie sich gedrängt fühlte. Deshalb wollte Laura sie nicht einfach direkt fragen.

    Sie sah zu Lisa und meinte leise: „Was meinst du denn? Würdest du… sie fragen? An meiner Stelle?“


    „Laurie meinst du?“


    „Mhm.“


    Lisa dachte kurz nach, nicht lange, aber lang genug, dass Laura merkte, dass sie die Frage ernst nahm. Dann nickte sie.

    „Ich glaube, ja. Sie hat verstanden, dass sie ungerecht war. Und ich denke auch, dass sie sich einfach nicht traut, selbst den ersten Schritt zu machen. Vielleicht braucht sie einen kleinen Schubs.“


    Laura zog die Lippen ein wenig zusammen. „Manchmal steht sie sich selbst im Weg.“


    „Eben.“ Lisa setzte sich etwas gerader hin. „Und wenn ich es ihr sage – dass du Nico gern dabeihättest, sehen wir ja, wie sie reagiert. Entweder blockt sie ab. Dann wissen wir, dass sie noch nicht so weit ist. Oder…“


    „Oder sie sagt ja.“


    Lisa lächelte leicht. „Genau“, murmelte sie und nahm ihr Handy, wählte Lauries Nummer. Es klingelte, aber Laurie ging nicht ran.

    Als sich dann die Mobilbox meldete, sprach Lisa hinein: „Hi du, ich bin’s. Sag mal, könntest du mich morgen früh mitnehmen? Ich hab nen Termin beim Doc und Laura kann nicht weg, der Typ wegen der Heizung kommt doch morgen… Danke dir.“

    Sie legte ihr Telefon weg und meinte knapp: „So.“


    Laura nickte bestätigend.



    Lisa kam am späten Vormittag vom Arzt zurück. Laura stand in der Küche, die Arme verschränkt, während der Heizungsmonteur seine Werkzeuge einpackte. Als er gegangen war, drehte sie sich sofort zu Lisa um. Man sah ihr an, dass sie nicht nur nach dem Arzttermin fragen wollte.


    Lisa stellte ihre Tasche ab, zog die Jacke aus und setzte sich an den Tisch. Sie wirkte ruhig, aber konzentriert — genau so, wie sie war, wenn sie etwas Wichtiges zu erzählen hatte.

    „Ich hab Laurie unterwegs gefragt“, begann sie. „Vorhin, im Auto. Das war ein guter Moment.“


    Laura nickte nur und wartete.


    „Ich hab ihr gesagt, dass du überlegst, Nico einzuladen. Und dass du es gern hättest, aber sie nicht unter Druck setzen willst.“ Lisa machte eine kurze Pause. „Sie hat nicht sofort geantwortet. Sie hat nachgedacht. Aber nicht lange.“


    Laura spürte, wie sich etwas in ihr anspannte, ohne dass sie es zeigen wollte.


    „Und dann hat sie gesagt: ‚Ich hab kein Problem damit, wenn er kommt.‘ Ganz ruhig. Ohne Ausweichen. Ohne Hintertür.“


    Laura atmete aus. Nicht erleichtert, eher… bestätigt.


    „Das war’s?“, fragte sie leise.


    „Ja“, sagte Lisa. „Aber du weißt, wie sie ist. Dieser Satz ist bei ihr so viel wert wie ein Ja mit Stempel und Unterschrift. Mehr brauchst du nicht.“


    Laura nickte langsam. Sie kannte ihre Tochter. Laurie machte selten große Worte, aber wenn sie etwas entschied, dann stand es. Und sie hatten in den letzten Wochen genug über den Abend mit Nico gesprochen, genug reflektiert, genug verstanden. Es war jetzt fast schon logisch – auch wenn Laurie eher selten logisch handelte –, dass sie bereit war, einen Schritt auf ihn zuzugehen. Nicht aus Begeisterung, sondern aus Einsicht.


    Lisa verschränkte die Finger. „Ich hake da nicht weiter nach. Sie hat sich geöffnet. Das reicht erst mal.“


    Laura stimmte ihr zu. „Und Nico?“


    „Der wird sich normal verhalten“, sagte Lisa. „Das kann er. Und er wird sich freuen, dass sie ihn nicht mehr ausschließt.“


    Laura nickte wieder, diesmal fester. „Dann laden wir ihn ein. Was ist mit Seda?“


    Lisa schüttelte kurz den Kopf. „Hab ich Laurie auch gefragt. Aber Seda ist bei einer Hochzeit in Frankfurt an dem Wochenende. Die kann nicht…“


    „Ach so, okay.“

  • Währenddessen saß Laurie in der Werkstatt am Rechner, las Mails, suchte im Spam‑Ordner, in den gelöschten Nachrichten – nichts. Noch immer keine Bestätigung aus Köln. Wenigstens hatten sich für den Nachmittag Marek und sein Opa angekündigt, um den Taunus und die schiefen Nummern persönlich in Augenschein zu nehmen.


    Opa hatte darauf bestanden, sich das Auto selbst anzusehen, bevor er ein Gutachten erstellte. Das war für ihn als amtlich vereidigter Sachverständiger selbstverständlich.


    Gegen 14 Uhr parkte ein gelber BMW auf dem Hof der Werkstatt. Marek stieg aus, öffnete die Beifahrertür, und ein drahtiger, weißhaariger Mann stieg aus, der Laurie sofort sympathisch war. Sie stand auf, ging nach draußen und lächelte.


    „Hallo, da seid ihr ja“, rief sie und reichte Opa die Hand. „Sollen wir gleich durch zum Auto? Hier vorn geht’s rein…“


    „Ich weiß, bin nicht zum ersten Mal hier“, brummte Opa. Marek warf Laurie einen kurzen Blick zu, ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht.


    Sie gingen die drei Stufen hinunter. Unten empfing sie Tom.

    „Guten Tag, Herr Kuberski. Lange nicht gesehen. Wie geht’s Ihnen?“


    „Seit ich mit dir nichts mehr zu tun hab, geht’s besser“, lachte Opa und klopfte Tom auf die Schulter.


    „Kennt ihr euch?“, fragte Marek vorsichtig, während er sich interessiert in der Werkstatt umsah.


    Tom nickte etwas betreten, doch Opa Kuberski legte sofort los: „Der Kerl hier hat mich Jahre meines Lebens gekostet.“


    „Wieso das?“, fragte Marek.


    „Was war das? Ein Dodge Charger?“, erinnerte sich Opa.


    „Der grüne? Der Frankenstein?“, antwortete Tom.


    „Genau. Der Charger, der angeblich ein ’71er war.“ Opa sah zu Marek, erklärte: „Vorne war’s ein ’72er, hinten ein ’74er, und der Unterboden war aus einem Auto, das ich nicht mal identifizieren konnte. Ich hab ihm damals gesagt: Das ist kein Charger, das ist ein Sammelsurium mit vier Rädern.“


    Tom lachte trocken. „Und der Besitzer hat fast geheult. Der hatte richtig Kohle hingelegt für den Karren. Am Ende haben wir nur ein paar Teile gerettet, der Rest ist in die Presse gewandert.“


    „Stimmt“, sagte Opa. „Da konnte selbst ich nichts mehr machen. Aber du hast mir immer die hoffnungslosen Fälle hingestellt, bei denen jeder andere gleich schreiend weggelaufen wäre.“


    „Weil Sie der Einzige waren, der sie lösen konnte“, sagte Tom.


    Marek und Laurie standen daneben, hörten den beiden zu, beide grinsten, amüsiert über die alten Werkstattgeschichten. Als Laurie kurz zu Tom und Opa hinübersah, um deren Gespräch einzuschätzen, glitt Mareks Blick für einen Moment zu ihr — ruhig, unauffällig, als würde er einfach nur der Szene folgen. Sie bemerkte es nicht; ihr Kopf war schon wieder beim Taunus mit der schiefen FIN, bei dem, was jetzt erledigt werden musste.


    Sie räusperte sich leise. „Sollen wir dann? Ich geh mal vor…“ Damit unterbrach sie die beiden alten Herren und setzte sich in Bewegung, zielstrebig wie immer, wenn Arbeit wartete.


    Als Opa den Wagen sah, stutzte er kurz. „Das ist keine Originalfarbe!“, stellte er fest. „Wer hat das denn verbrochen?“ Er ging näher heran, als würde er dem Auto instinktiv Trost spenden wollen, und schnalzte leise mit der Zunge. Marek stand daneben, die Stirn leicht gerunzelt.


    „Das ist Helga, das erste Auto meiner Mom“, erklärte Laurie, als wäre das eine völlig ausreichende Begründung.


    „Sie sah immer schon so aus, seit ich den Wagen kenne“, warf Tom schnell ein und verteidigte den frischen Lackauftrag in Erikaviolett. „Schon über zwanzig Jahre…“


    Opa Kuberski gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Bedauern und Resignation lag, als hätte der Wagen ein langes, schwieriges Leben hinter sich. Dann nahm er die Fahrzeugpapiere entgegen, die Laurie ihm reichte, las. „Hier steht rot.“


    Laurie zog die Schultern hoch, ein kleines, freches Zucken, und sah ihn mit einem unschuldig‑überzeugten Lächeln an. „Ja… rot. Nur halt… anders.“


    Kuberski beugte sich in den Motorraum, prüfte kurz den verbauten Motor, tippte schweigend auf den nicht ganz serienmäßigen Luftfilter, dann sah er zur kritischen Stelle – der Fahrzeug‑Identifikationsnummer. Er nahm die Fahrzeugpapiere, glich die Nummer ab und schüttelte den Kopf.


    Laurie sah sofort zu Tom hinüber. Was meinte er damit? Warum schüttelte auch er den Kopf? Stimmte tatsächlich irgendetwas nicht mit der Nummer, mit den Papieren? War Helga seit Jahrzehnten illegal unterwegs? War die Nummer vielleicht wirklich gefälscht? Das Auto vielleicht gestohlen? War Lisas Investition verloren? Die ganze Vorfreude, die Arbeit, die Laurie über Wochen in das Auto gesteckt hatte – alles vergeblich?


    Tom sah Laurie an, Laurie sah Marek an, Marek sah Opa an.


    Der zog ein altes Diktiergerät aus seiner Aktentasche, drückte auf Aufnahme und begann mit ruhiger, routinierter Stimme zu sprechen:

    „Erstens: Die Fahrgestellnummer wurde geprüft; der leicht versetzte Einschlag entspricht dem werkseitigen Zustand älterer Modelle und stellt keinen Mangel dar. Zweitens: Nummer und Fahrzeugpapiere stimmen überein; keine Hinweise auf nachträgliche Veränderungen oder unzulässige Eingriffe. Drittens: Der Zustand der FIN ist als ordnungsgemäß zu bewerten; weitere Maßnahmen sind nicht erforderlich.“


    Laurie hörte nur Worte wie kein Mangel, übereinstimmen, ordnungsgemäß — und ein helles Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Für einen Moment vergaß sie alles andere, atmete hörbar aus und drehte sich zu Marek, als müsse sie die Erleichterung mit jemandem teilen. „Oh Mann…“, brachte sie hervor, ein echtes, ungefiltertes Aufleuchten.


    Marek erwiderte ihren Blick, warm und überrascht zugleich, und nickte langsam. „Hab ich dir gesagt“, murmelte er, leise genug, dass es nur für sie war.

    Dann war der Moment vorbei. Laurie straffte die Schultern, schob eine Haarsträhne hinters Ohr und war wieder ganz bei der Sache. „Gut. Dann können wir weitermachen“, sagte sie, sachlich, konzentriert, als hätte es das Strahlen nie gegeben.


    Im nächsten Moment kam Paula in die Halle, sie schwenkte ein Blatt Papier. „Sie haben Post“, rief sie, mit genau dieser alten Online‑Stimme, die jeder noch im Ohr hat.


    „Ich? Post? Von wem?“ fragte Laurie, nahm das Blatt entgegen und las den Inhalt vor:


    „Betreff: FIN TC1 – Prüfung abgeschlossen. Die vorgelegte Fahrgestellnummer entspricht den in den Produktionsunterlagen dokumentierten Schlagzahlenmustern der Baureihe TC1 (Köln). Keine Hinweise auf Manipulation. — Ford Heritage Documentation.“


    Laurie starrte die Mail an.

    Dann explodierte sie förmlich. „JAAAA!“, schrie sie, und Tom und Paula fuhren zusammen.

    „Wir haben’s!“, rief Laurie. „Offiziell! Schwarz auf weiß!“


    Tom riss die Arme hoch. „Elenn, wir haben KEIN Problem mehr!“ Er grinste breit. „Dann holen wir uns die Plakette.“


    Laurie hielt das Blatt hoch wie eine Trophäe. „Helga kommt durch.“

    Und in diesem einen Moment, bevor sie wieder in ihren üblichen Modus zurückfiel, packte sie Marek, zog ihn in eine feste Umarmung und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange — spontan, ungefiltert, voller Erleichterung.


    Marek blieb noch einen Moment stehen, während Laurie sich schon wieder löste. Er sagte nichts, machte nichts daraus; der Moment gehörte nur ihm.

    Laurie dagegen war sofort wieder im Funktionsmodus. Sie drehte sich zu Kuberski, trat einen Schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Danke. Wirklich. Ohne Ihre Einschätzung wären wir hier nicht weitergekommen.“


    Kuberski nickte knapp, zufrieden, aber wie immer ohne großes Aufheben. „War eindeutig. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.“


    Tom trat neben Laurie. „Auch von mir — danke für die schnelle Prüfung. Das hat uns mehr als nur den Tag gerettet.“


    Kuberski verzog den Mund zu etwas, das bei ihm fast ein Lächeln war. „Dann bringt ihr sie jetzt auch ordentlich durch die restliche Abnahme.“


    „Versprochen!“, nickte Laurie noch immer mit diesem Strahlen und Tom griff direkt zum Telefon.


    „Ich lass den Prüfer antanzen. Jetzt gleich…“

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  • So, hier die Freitagsration. Etwas kürzer, langsam kommen wir zum vorläufigen Ende des unfertigen Textes. Darum poste ich jetzt erstmal kürzere Abschnitte, weil ich erst wieder was schreiben muss. Ganz so weit ist es aber noch nicht und es geht ja auch weiter. Einige Ideen hab ich jedenfalls schon.


    Wer möchte, kann auch Ideen oder Vorschläge posten, wie es weiter gehen soll bzw. was noch passieren soll... kann... darf... muss...



    Jetzt ist Helga fertig und es kommt der Tag der Übergabe:


    Kapitel 30: Der große Tag

    Lisas Handy vibrierte. Eine Nachricht von Laurie:


          Wir kommen jetzt. Ist die Bahn frei?


    Lisa tippte eine kurze Antwort:


           Wartet noch fünf Minuten


    Dann legte sie das Handy beiseite, betrachtete zufrieden ihr Meisterwerk und bugsierte die Torte in den Kühlschrank. Sie lächelte, wischte sich die Hände ab und ging ins Wohnzimmer. Das Tortenmesser hielt sie noch in der Hand, Buttercreme daran.


    Laura stand am Fenster, die Arme verschränkt, den Blick hinaus auf den dunklen Hof.

    „Laurie ist vorhin weggefahren…“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.


    „Mhm.“ Lisas Stimme war weich, fast beiläufig. „Hab ich gehört. Und?“


    Laura neigte den Kopf, als würde sie noch einmal lauschen. „Komisch. So spät.“


    „Vielleicht musste sie noch was vorbereiten – für den Stream morgen. Oder für Nico.“ Lisa trat ein paar Schritte näher. „Komm mal her.“


    Laura drehte sich halb um. „Warum?“


    „Ich hab hier was für dich.“ Lisa hob das Messer leicht an. „Willst du die Schüssel ausschlecken? Ich hab dir extra Creme übrig gelassen.“

    Sie lockte Laura mit dem Finger und leckte einen Rest Creme vom Messer, langsam, ohne den Blick abzuwenden.


    Laura löste sich vom Fenster. „Du bist heute aber… großzügig.“


    „Vielleicht.“ Lisa lächelte warm, einladend. „Vielleicht will ich einfach, dass du bei mir bist.“


    Laura kam näher, neugierig. „Bei dir?“


    „Ja.“ Lisa legte das Messer auf die Anrichte, leckte sich die Finger ab und trat noch einen halben Schritt vor. „Es ist elf durch, bald Mitternacht“, flüsterte sie.


    „Stimmt.“ Laura sah kurz zur Uhr, dann wieder zu Lisa. „Schon wieder ein Jahr rum.“


    „Und ich will mit dir… reinfeiern.“ Lisa nahm Lauras Hand, ganz selbstverständlich, als wäre das längst entschieden. „Aber nicht hier. Komm mit.“


    Laura blinzelte überrascht, aber nicht irritiert. „Jetzt?“


    „Ja, jetzt.“ Lisas Stimme war ruhig, aber fest. Sie zog leicht an Lauras Hand, nicht drängend, nur klar.


    Laura ließ sich führen. „Das klingt… ein bisschen geheimnisvoll“, sagte sie leise, fast amüsiert.


    „Vielleicht will ich das.“ Lisas Lächeln war ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu hell.


    Sie führte Laura weg vom Fenster, Schritt für Schritt, den Blick kurz zur Seite, unauffällig, als würde sie prüfen, ob draußen etwas zu sehen wäre.

    Laura bemerkte es nicht. Sie war ganz bei Lisa, bei der Wärme ihrer Hand, bei der Nähe.


    „Ich dachte, wir machen’s uns noch gemütlich“, murmelte Laura.


    „Machen wir.“ Lisa zog sie weiter Richtung Schlafzimmer. „Aber ich will dich vorher für mich.“


    Laura blieb kurz stehen, überrascht von der Klarheit, aber nicht abgeneigt. „Für dich?“


    „Ja.“ Lisa trat näher, so nah, dass Lauras Atem ihren Hals streifte. „Nur für mich. Heute Nacht.“


    Laura schluckte leise. „Okay.“



    Draußen rollte ein Transporter heran. Gedämpft, kaum hörbar.

    Laura drehte sich nicht um. Lisa hielt ihre Hand ein wenig fester.

    „Komm“, sagte sie. „Lass uns rübergehen.“

    Und Laura folgte ihr.




    Tom war ausgestiegen und drückte vorsichtig Hooks Tür ins Schloss. „Pssst. Leise.“

    Laurie nickte und zog die Rampen heraus. Metall schabte auf Metall, viel zu laut. Sie hielt kurz inne, lauschte, dann machte sie weiter.

    Sie löste die Spanngurte. Tom kletterte auf den Trailer, stieg ein, löste die Handbremse, und Laurie schob den Taunus langsam vom Hänger. Die Reifen knirschten über den Schotter, jedes Geräusch zu viel in der stillen Nacht.


    Tom blieb stehen und sah nach oben – zum Fenster. Im Wohnzimmer brannte noch ein kleines Licht. Das Schlafzimmer war dunkel. Ein kurzer Zug in seinem Gesicht, kaum sichtbar, ein Rest, der sich nicht ganz abstellen ließ. Dann zwang er den Blick weg.


    Laurie bemerkte nur, dass er hochsah. „Alles okay?“, flüsterte sie, ohne stehenzubleiben.


    „Ja klar“, murmelte er, „alles still. Weiter.“


    Sie ging zur Werkstatttür, drehte den Schlüssel im Schloss und zog den ersten Flügel auf. Das Scharnier quietschte. Laut. Tom fuhr herum, kam zu ihr. „Warte. Hast du etwas Öl?“


    Laurie tastete im Dunkeln nach dem kleinen Ölkännchen, fand es nicht. Tom folgte ihr. Die Haube des Pacers stand offen. Kurzerhand zog er den Peilstab heraus, hielt die Hand darunter, ging zum Tor und ließ etwas Motoröl auf die Scharniere tropfen.


    „Clever“, flüsterte Laurie und bewegte das Tor vorsichtig hin und her. Das Quietschen wurde leiser. Der Flügel stand offen.


    Tom zog am Riegel für die andere Hälfte, aber der zweite Flügel klemmte – wie immer. Laurie drückte dagegen, Tom zog. Nichts. Noch ein Versuch. Noch einer. „Verdammt, das wird immer schlimmer“, zischte Laurie.


    Sie rüttelten vorsichtig. Das Tor bewegte sich keinen Millimeter. Dann gab es plötzlich nach – ein dumpfes Knacken, das durch den Hof hallte. Laurie erstarrte. „Fuck“, flüsterte sie und sah sofort nach oben, zum Fenster. „Das haben sie bestimmt gehört…“ Aber das Schlafzimmer blieb dunkel.


    Tom sah ebenfalls hin, nur einen Atemzug lang – und wieder dieser kleine Stich, der sofort verging. Laurie registrierte nur, dass er prüfte, ob oben jemand aufmerksam geworden war. Mehr nicht.

    „Komm“, sagte er leise. „Mach auf.“


    Sie schoben den Taunus rückwärts in die kleine Werkstatt. Laurie ließ sich ins Auto fallen, zog die Handbremse an, legte einen Gang ein, kurbelte das Fenster hoch und drückte die Tür leise ins Schloss.


    „Sollen wir sie noch zudecken? Ich hol die Decken.“


    „Moment noch“, bat Tom, als Laurie mit drei Wolldecken zurückkam. Er stand vor dem Taunus, und eine leichte Melancholie lag in seinem Gesicht.


    „Schön ist sie geworden“, flüsterte Laurie zufrieden. Doch sie merkte sofort, dass er etwas anderes meinte. Tom schluckte. Laurie schwieg.


    „Sie steht wieder genauso da wie damals“, sagte er leise. „Als ich mit Laura bei Totos Scheune ankam.“ Er sah kurz auf den Wagen, dann zu Laurie. „Ich weiß es noch genau. Ich hatte Toto gefragt, ob er den ‚Knudsen‘ noch hat. Und Laura dann: ‚Was ist denn ein Knudsen?‘ Das war so süß…“


    Laurie grinste. „Und dann ging das Tor auf…“


    „…und sie hat das Auto gesehen.“ Tom nickte langsam. „Und war direkt verliebt. Das hab ich gleich gesehen. Und Toto auch.“


    Laurie verschränkte die Arme. „Und dann hat sie sie gekauft.“


    Tom atmete durch. „Die zwei haben sich einfach gefunden.“ Seine Stimme war ruhig, aber der kleine, bittere Moment war da – ein Rest von damals, der nie ganz verschwunden war. Eine Winzigkeit von Erinnerung, von verpassten Chancen, von Entscheidungen, die er heute anders treffen würde.


    Laurie breitete die Decken über dem Auto aus, dann schlossen sie gemeinsam das Tor. Helga war bereit für morgen. Für den großen Tag.

    Laurie schob die Rampen wieder in den Trailer, stieg ein und ließ den Motor an. Tom warf noch einen letzten Blick zum Haus, sah auf die Uhr – zwei Minuten nach Mitternacht. Dann stieg er ein und lächelte Laurie an.


    Sie legte den Gang ein und fuhr los.

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  • Kurz nach Mittag rollte der kleine rote Wagen wieder auf den Hof. Alles war still. Kein Vergleich zu dem Trubel von damals, als er zuletzt hier gewesen war.

    Nico stieg aus, sah kurz hoch zu Lauries Fenster. Er schluckte, strich sein Hemd glatt, nahm einen Stoffbeutel vom Sitz. Die Autotür fiel ins Schloss. Ein kurzer Blick zur Werkstatt, zu ihrem – zu Lauries Reich.


    Langsam ging er hinein. Die Treppe hoch. Vor der Tür von Laura und Lisa blieb er stehen. Er sah sich um. Lauries Tür war verschlossen. Keine Musik, kein Geräusch. Vielleicht war sie gar nicht da.


    Er drückte den Klingelknopf. Es dauerte. Dann öffnete sich die Tür und Laurie stand vor ihm.


    Sie hielt die Klinke fest. Ihr Blick ging zu ihm, blieb kurz, wich wieder weg. Ihre Schultern waren leicht angespannt, als wüsste sie nicht, wie nah sie stehen sollte.


    „Tag“, sagte Nico leise. „Da bin ich…“


    Laurie nickte, aber langsam, mit einem kleinen Zögern. Sie schluckte, machte eine vorsichtige Bewegung zur Seite, ließ ihm Platz. Ihr Arm blieb dicht am Körper. „Komm rein…“ Sie hielt kurz inne, atmete einmal ein und dann sagte sie es doch: „Bruder.“


    Nico trat ein. Laurie schloss die Tür leise, ohne Hast, aber auch ohne Selbstverständlichkeit. Er ging durch ins Wohnzimmer, Laurie hinter ihm. Beide sagten nichts, bis Lisa ihn mit einem offenen Lächeln empfing.


    „Hi Nico. Schön, dass du gekommen bist.“ Sie reichte ihm die Hand. „Laura kommt gleich.“


    Nico räusperte sich, nahm ihre Hand vorsichtig. „Danke für die Einladung.“


    „Willst du was trinken? Cola? Oder was Alkoholisches?“ Lisa griff schon in den Schrank. „Hier, Vino di Visciole. Probier den mal.“

    Sie schenkte ein. Nico nahm das Glas, roch kurz daran, trank einen kleinen Schluck und riss die Augen auf. „Wow. Was ist das denn?“


    Laurie stand hinter ihm, die Arme locker verschränkt, und grinste. Lisa sah es und lachte. „Genau so hat sie auch geguckt.“


    Nico drehte sich zu Laurie um. Sie hob ihr Glas, kam einen Schritt näher. „Cin cin.“


    „Salute“, sagte Nico und trank noch einmal. „Der ist… gut. Aber was ist das?“


    In diesem Moment kam Laura herein. Sie trug ein festliches Geburtstagsoutfit: ein knielanges, dunkelrotes Kleid, glatter Stoff, kurze Ärmel, klarer Schnitt. Keine Accessoires außer einem dünnen Armband. Ihr Haar offen, sauber gebürstet. Dezentes Make‑up, kaum sichtbar.


    Nico hielt unwillkürlich inne.


    „Oh“, rief Laura erfreut. „Du bist ja schon da.“


    Er stellte sein Glas ab, reichte ihr die Hand. „Ja. Äh, Hallo. Und… alles Gute zum Geburtstag.“ Dann griff er in seinen Stoffbeutel, holte ein kleines Paket heraus und gab es ihr. „Nur eine Kleinigkeit.“


    Laura lächelte und öffnete es sofort. Laurie nahm einen Schluck Kirschwein und beobachtete Nico aus dem Hintergrund. „Ein kleiner Foodtruck“, freute sich Laura und lachte leise. „Der ist ja süß. Danke.“ Sie hielt den Truck in der einen Hand und umarmte Nico kurz mit der anderen.


    Dann sah sie auf sein Glas. „Ah, ihr habt schon probiert. Ist der nicht genial?“


    Nico nickte. „Schmeckt wirklich interessant.“


    Laurie stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. „Interessant ist die kleine Schwester von Scheiße.“ Sie hob ihr Glas und prostete Laura zu. Man hörte, dass es nicht ihr erstes war.


    Nico hob abwehrend die Hand. „Nein, ich meine das ernst. Der schmeckt wirklich interessant.“


    Laura grinste. „Schon gut. Das ist Vino di Visciole.


    „Whisky?“, fragte Nico.


    Lisa lachte. „Nein. Visciole. Wi-scho-le. Sie spricht das immer falsch aus…“


    Laura protestierte. „Hab ich doch gesagt, Wischkiole… oder so ähnlich.“ und Lisa ergänzte: „Das sind Wildkirschen. Ein Kirschwein. Von einer Freundin aus dem Norden von Italien, aus der Gegend um Ancona. Schickt sie uns jedes Jahr. Sie hat mal erzählt, der ist von so einem ganz kleinen Produzenten, der macht jedes Jahr nur ein paar hundert Flaschen. Total lecker. Und ich find die Farbe so toll.“


    Nico hob das Glas, hielt es gegen das Licht. „Stimmt. Blutrot, fast violett.“


    „Und schmeckt noch besser“, sagte Laurie und trank ihr Glas leer. „Skål.“


    Lisa hob warnend die Hand. „Aber pass auf, das Zeug hat fast sechzehn Prozent. Und du merkst es erst, wenn es schon zu spät ist.“ Ein kurzer Seitenblick zu Laurie, die schon wieder nachschenkte.


    Nico stellte sein Glas ab, griff wieder in seinen Stoffbeutel und wandte sich an Laurie. „Hier. Ich hoffe, den hast du noch nicht…“

    Er gab ihr ein kleines Päckchen.


    Laurie nahm es, öffnete es und sah hinein. In der Pappschachtel lag ein Schlüsselanhänger: gelbes Acryl, darin ein Pacer‑Schriftzug, sauber eingegossen, an einer kleinen goldenen Kette.


    Nico zog die Schultern hoch. „Ich dachte… wo das Auto doch bald fertig ist.“


    Laurie hielt den Anhänger in der Hand, einen Moment lang still. Dann sah sie zu Nico, trat einen Schritt näher und umarmte ihn kurz. „Danke. Der ist schön.“



    Gegen drei Uhr fuhr unten der grüne Mercedes auf den Hof. Tom drückte kurz die Hupe. stieg aus, half Toto in den Rollstuhl. Laura sah aus dem Fenster. „Das sind die beiden. Ich geh runter.“ Sie ging die Treppe hinunter. Tom stand draußen vor dem Eingang, Toto daneben.


    „Wie machen wir’s?“, fragte Tom.

    „Wie immer“, antwortete Laura.

    Tom stellte sich links neben Toto, Laura rechts. Toto legte die Arme um ihre Schultern. Sie hoben ihn gemeinsam an, ruhig und abgestimmt.


    Nico kam dazu, klappte etwas unbeholfen den Rollstuhl zusammen und nahm ihn unter den Arm.


    Tom und Laura trugen Toto die breite Treppe hoch, Stufe für Stufe. Oben wartete Laurie im Türrahmen, das Glas in der Hand.

    „Achtung, Schwertransport“, lachte sie, der Wein machte sich bereits bemerkbar.


    Toto grinste. „Freche Göre.“


    Tom und Laura setzten ihn oben auf einen Stuhl. Nico stellte den Rollstuhl daneben und klappte ihn wieder auf.

    „Fertig“, sagte Tom.


    Toto nickte. „Danke euch.“


    Lisa öffnete den zweiten Türflügel. „Kommt rein.“


    Eine halbe Stunde später duftete es nach Kaffee. Auf dem Tisch stand eine riesige Buttercremetorte – oder das, was davon noch übrig war. Tom hielt sich den Bauch. „Oh Wahnsinn. Ich krieg heute keinen Bissen mehr runter…“


    „Du hast ja auch drei Stücke verdrückt“, lachte Laura und Lisa strahlte. „Schön, wenn’s euch schmeckt. Jemand noch Kaffee?“


    Toto hielt ihr seine Tasse hin, während Nico sich suchend umsah. „Wo ist Laurie abgeblieben?“


    „Vielleicht aufm Klo?“, grinste Toto.


    Laura ging nachsehen. „Nee, da ist sie nicht.“

    Nico sah zu Lisa, etwas unsicher. Sie lächelte beruhigend. „Die taucht gleich wieder auf.“


    Zehn Minuten später wurde Laura unruhig. „Wo ist die denn? Ist sie rübergegangen?“


    „Wegen mir?“, fragte Nico leise.


    „Ach was“, sagte Lisa sofort.


    Laura ging zu Lauries Wohnung, klopfte. „Laurie? Bist du hier?“ Keine Antwort.

    Sie kam zurück. „Drüben ist sie auch nicht.“


    Toto und Tom tauschten einen Blick. Dieses betont unschuldige Zucken in den Augenwinkeln verriet sie sofort.


    Laura verschränkte die Arme. „Ihr wisst doch was. Wo ist sie?“


    „Wiiir? Neiiin…“, sagte Toto mit seinem unschuldigen Ton. Tom hob die Hände. „Vielleicht hat sie etwas zu viel Kirschwein erwischt…“


    „Oder sie muss noch was für den Stream vorbereiten“, warf Lisa ein – und wusste genau, warum Laurie verschwunden war.


    Laura runzelte die Stirn. „Du meinst, sie ist runter in die Werkstatt? Da hätte sie doch was gesagt.“ Sie ging zum Fenster und sah nach unten. „Das Tor steht einen Spalt offen…“


    Sie drehte sich um, wollte schon los. Tom hob die Hand. „Warte kurz.“


    „Warum? Ich will nur schnell schauen, was sie da unten treibt.“


    Toto hob eine Augenbraue. „Wir kommen trotzdem mit.“


    Laura sah zwischen den beiden hin und her. „Ihr müsst wirklich nicht...“


    „Doch“, fiel Toto ihr ins Wort, ein bisschen zu schnell. „Wenn ich schon mal hier bin, will ich schnell einen Blick auf den Pacer werfen.“ Der Satz klang bemüht beiläufig, aber fast jeder im Raum wusste, dass es eine Ausrede war.


    Tom nickte zustimmend. „Genau. Und wenn das Tor offensteht, sollte da sowieso jemand runter. Da stimmt vielleicht was nicht.“


    Nico stellte seine Tasse ab. „Ich komm auch mit.“ Er sagte es leise, fast vorsichtig, als wolle er nicht zu viel Raum einnehmen.


    Laura sah ihn kurz an, dann nickte sie. „Gut. Dann eben alle.“

  • Tom schob Toto zum Treppenabsatz. „Okay, gleiche Nummer wie vorhin.“ Laura stellte sich rechts neben Toto, Tom links. Toto legte die Arme um ihre Schultern. „Bereit?“, fragte Tom.


    „Jo. Ready for takeoff.“


    Unten angekommen setzten sie Toto wieder in seinen Stuhl, Tom schob ihn, Laura hielt die Tür auf. „Okay“, sagte sie. „Dann schauen wir mal, wo sie steckt.“


    Draußen wehte ein leichter Wind durch den Hof. Das Werkstatttor stand tatsächlich ein Stück offen, gerade breit genug, dass jemand hindurchgeschlüpft sein konnte.


    Tom schob Toto näher heran. „Wenn sie hier ist, hören wir sie gleich.“


    Laura nickte, aber ihre Stirn blieb angespannt. „Ich versteh nur nicht, warum sie einfach abhaut.“ Dann, mit einem Ton, der leiser war als nötig und ein Stück zu kontrolliert: „Die hat doch wieder irgendwas vor…“


    Nico sah auf das Tor, dann zu Laura. „Vielleicht… wollte sie einfach kurz raus.“

    „Ohne was zu sagen?“, fragte Laura leise.

    Toto räusperte sich. „Wir finden’s raus.“


    Sie gingen gemeinsam auf das halb geöffnete Tor zu.

    „Laurie? Bist du hier?“, rief Laura – aber wieder keine Antwort.

    Tom, Toto und Lisa tauschten Blicke, dieses kurze, vielsagende Grinsen, das sie kaum unterdrücken konnten. Nur Nico stand ahnungslos daneben.


    Dann – ganz plötzlich – steckte Laurie ihren Kopf durch den Spalt. Grinste. „Oh, hi. Was wollt ihr denn alle hier?“ Bevor jemand etwas sagen konnte, zog sie den Kopf zurück und das Tor zu.


    Laura zog die Brauen zusammen. Klopfte dagegen. „Laurie?“ Sie sah in die Runde. „Ist die besoffen? Von dem bisschen Wein?“ Noch ein Klopfen. Von drinnen kam ein vorsichtiges „Herein?“


    Laura öffnete das Tor. Laurie trat einen Schritt zur Seite. „Was machst du hier unten? Wir suchen dich alle…“


    Laurie zuckte mit den Schultern, dann glitt ihr Blick zu etwas, das vor dem Pacer stand – ein Auto, abgedeckt mit mehreren Wolldecken.


    „Hä? Was ist das denn?“, fragte Laura, irritiert. Sie zog das Tor weiter auf, mehr Licht fiel in die Werkstatt. „Das ist doch dieses angebliche Kundenauto, das letztens neben dem GTO stand. Oder nicht? Was macht der denn hier bei dir? Hast du schon wieder ein Auto gekauft?“


    „Ich nicht…“, sagte Laurie ruhig.


    Lisa trat vor. „Das war ich.“ Sie grinste.


    Laura drehte sich zu ihr um. „Du? Aber wieso? Ich versteh grad gar nichts.“

    Sie sah in die Runde: Lisa grinste, Nico wirkte völlig ratlos, Tom und Toto hatten dieses verdächtige Zucken in den Augenwinkeln.

    Dann sah sie Laurie an. „Was zur Hölle geht hier vor?“


    Laurie setzte ein bewusst neutrales Gesicht auf. „Du wolltest doch mal unter die Decken gucken. Also – mach. Der ‚Kunde’ ist ja nicht hier…“


    Laura war völlig verwirrt. „Was soll das? Was ist das hier? Versteckte Kamera oder was?“

    Sie sah zu Nico. „Weißt du, was hier gespielt wird?“


    Er zuckte mehrfach mit den Schultern. „Ich hab nicht die geringste Ahnung. Wirklich nicht.“


    Toto, der es kaum noch aushielt, drängelte: „Nun guck schon unters Röckchen. Vielleicht ist es ja… keine Ahnung… noch ’ne Torte?“


    Laurie entriegelte den zweiten Torflügel und warf sich energisch dagegen, bis der Flügel aufschwang und genug Licht in die Werkstatt fiel.

    „Ja, ich weiß, den müssen wir mal richten lassen“, gab Laura zu.

    Tom schob sie leicht in Richtung Auto. „Jetzt mach schon.“


    „Na gut…“ Laura seufzte, gab sich geschlagen und griff nach der ersten Decke.

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  • Jetzt kommt die Enthüllung :inlove:


    Kapitel 31: Wieder vereint

    Laura stand absolut reglos da. In der Hand noch die Decke, der Mund leicht geöffnet, die Augen unruhig. Auch die anderen hielten den Atem an. Niemand bewegte sich, alle warteten auf ihre Reaktion. Eine Geste, ein Wort, ein Lachen, ein Weinen – irgendwas.


    Langsam, ganz langsam legte Laura die Decke beiseite und machte einen Schritt auf das Auto zu. Laurie zog die restlichen Decken weg, Helga stand jetzt enthüllt und in voller Pracht vor ihnen. Lauras Blick wanderte unruhig von einem zum anderen – und zurück zum Auto. Dann machte sie plötzlich zwei, drei schnelle Schritte, fast hektisch, direkt an die Seite, zur Delle, strich mit den Fingern über die kleine Vertiefung und schüttelte den Kopf.

    Sie sah Lisa an, dann Toto, Laurie, Tom. „Das ist… das ist…“, stotterte sie.

    Tom half leise nach. „Das ist Helga. Die echte, originale. Deine Helga.“

    Toto hob die Hand. „Nur echt mit der Laura‑Delle in der Seite“, sagte er und erklärte den absichtlich belassenen Blechschaden damit zum Echtheitssiegel.

    Laura sah wieder zu Lisa. „Das… das ist sie wirklich, oder?“ Lisa nickte sofort. Ihre Augen glänzten vor Freude und Stolz.


    Dann fand Laura wieder einen klaren Satz, die Stimme brüchig: „Wo kommt die denn so plötzlich her?“

    „Sie wollte zurück zu dir“, presste Laurie hervor. Ein Zittern lag in ihrer Stimme, das sie nicht mehr verstecken konnte. Wochen voller Planung, Stress, Angst und Hoffnung lösten sich in diesem einen Satz.

    Sie öffnete die Fahrertür. „Setz dich…“


    Langsam, zögernd, fast ehrfürchtig stieg Laura ein und sah sich im Wagen um. „Sie riecht noch genau wie damals“, stellte sie erstaunt fest. Auch ihre Augen hatten jetzt diesen verräterischen Glanz. Sie stieg wieder aus, ging einmal langsam um das Auto herum und schüttelte den Kopf. Dann sah sie Tom an. „Aber jetzt sagt mal – wie kommt das Auto so plötzlich wieder hier her? Habt ihr die von Steffi? Ist sie hier?“


    Tom zog die Schultern hoch, deutete auf Laurie, dann auf Lisa. „Wie die zwei schon sagen: Sie wollte zurück zu dir. Stand beim letzten Markt plötzlich vorn an der Straße. Liz hat sie entdeckt und den Besitzer so lange bequatscht, bis er nicht mehr anders konnte und sie hiergelassen hat.“


    „Na ja, ganz so war’s dann doch nicht“, korrigierte Lisa mit einem Lächeln. „Sie sollte verkauft werden, aber der Käufer war wohl nicht aufgetaucht. Und da hab ich mir gedacht…“

    Weiter kam sie nicht, weil Laura auf sie zustürmte, sie umarmte und so fest drückte, wie sie konnte. Sie küsste sie, immer wieder, ohne ein Wort.

    Toto und Tom sahen zu. „Hach ja, muss Liebe schön sein…“, murmelte Toto. Tom nickte nur leise, legte einen Arm um Lauries Schultern. „Hat geklappt…“ Laurie atmete einmal ganz tief aus „Ja.“


    Langsam fasste sich Laura wieder und wollte jetzt mehr Details zu ihrem spektakulären Geschenk hören. Tom erklärte das Gemeinschaftsprojekt in kurzen Stichworten:

    „Wie gesagt: Liz hat sie entdeckt, gekauft, und dann haben wir sie in die Firma geschafft und aufgearbeitet. Und deine Tochter hat sich beide Beine ausgerissen, den Wagen wieder so herzurichten, wie du ihn jetzt hier vor dir siehst.“

    Laura sah zu Laurie, lächelte. „Du?“

    Laurie nickte nur kurz und wich ihrem Blick verlegen aus. „Jo. War jetzt nicht sooo viel Arbeit…“

    Toto lachte. „Ha! Sei froh, dass wir keine Bilder gemacht haben, wie sie vorher ausgesehen hat. Also Helga, mein ich…“

    Tom bestätigte: „Kann man wohl sagen. Total runtergerockt. Grüner Kotflügel, fehlende Teile.

    Nicht schön.“


    Laura trat vor, strich mit der Hand über die Motorhaube. „Arme Helga“, lachte sie mit einem Anflug von Bedauern. „Was ist denn mit dir passiert? Ich dachte, es geht dir gut bei Steffi…“

    Dann drehte sie sich zu Lisa. „Na ja, ist ja auch zwanzig Jahre her. Sicher hat sie sie irgendwann abgegeben. Hast du mal versucht, sie zu erreichen?“


    Lisa schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hab keine Nummer mehr von ihr.“


    „Schade.“


    Nico stand etwas verloren daneben, betrachtete den rosa Ford, sah in die Runde – zu Lisa, zu Tom, zum Geburtstagskind Laura – und schließlich zu Laurie. Er lächelte sie an. Und sie lächelte zurück.

    „Pink, hm?“, grinste er.


    Laurie schüttelte den Kopf, trat einen halben Schritt näher und sah ihn an, diesmal ohne auszuweichen. „Erikaviolett“, sagte sie – und ihr Blick verriet, wie viel Arbeit und Herzblut darin steckte.


    „Fahr doch mal ’ne Runde“, forderte Toto Laura schließlich auf, und Laurie übergab Lisa den Zündschlüssel. Es war ja vor allem ihr Geschenk – also sollte auch sie den Schlüssel überreichen. Mit einem kleinen Küsschen drückte Lisa Laura den Schlüssel in die Hand. Laura hatte eine Träne im Auge.

    „Ich kann’s noch gar nicht richtig glauben. Helga ist wieder da…“ Sie verharrte einen Moment, fasste sich dann aber, stieg ein, ließ den Motor an und fuhr aus der kleinen Halle auf den Hof.

    Tom und Toto sahen ihr nach.

    „Genau wie damals“, murmelte Toto und erinnerte sich an Lauras erste kleine Probefahrt mit dem rosa Knudsen. Tom nickte nur.


    Dann kam sie zurück, parkte den Taunus vor dem Tor und als der Motor verstummte, entfuhr ihr ein kurzes, helles Kichern – ein kleiner, überraschter Laut, der sie selbst zu überrumpeln schien. Für einen Moment wirkte sie wie die achtzehnjährige Laura, die Helga damals zum ersten Mal gefahren hatte. Sie stieg aus. „Was mach ich denn jetzt mit ihr?“

  • „Erstmal kann sie ja ein paar Tage hier stehen bleiben. Sie stört ja nicht“, schlug Laurie vor, Tom ergänzte: „Und dann stellen wir sie neben den GTO. Da hat sie ja die letzten Wochen eh schon gewohnt…“


    „Nein“, lehnte Laura ab. „Wisst ihr was? Ich stell sie drüben in die Halle. Dann kann ich sie morgen beim Markt den ganzen Tag sehen… Los, alle Mann einsteigen, wir fahren rüber“, grinste sie.


    Toto machte gleich eine Challenge daraus: „Au ja. Los, wer zuerst da ist!“, rief er, legte die Hände an die Greifringe, gab sich einen kräftigen Schub und rollte mit überraschendem Tempo los. „Ich bin schneller drüben, als ihr denkt!“

    Hektisch stolperten Tom und Laurie auf die Rückbank des Zweitürers. Laura ließ den Motor an und während Lisa noch die Lehne des Beifahrersitzes zurückklappte und ins Auto sprang, legte sie schon den Gang ein und fuhr los. Aber zu spät – Toto war schon am Hallentor angekommen, schlug an, drehte seinen Stuhl einmal um 360 Grad und jubilierte: „Ersteeer!“


    Im nächsten Augenblick war auch der vollbesetzte Taunus am Tor angekommen und Lisa rief leicht panisch: „Breeems!“ Laurie sah durch die Heckscheibe zurück zur Werkstatt. „Wir haben Nico vergessen!“, stellte sie lachend fest.

    Laura sah kurz in den Rückspiegel, legte den Rückwärtsgang ein, drehte sich um und mit durchdrehenden Rädern fuhr sie die fünfzig Meter wieder zurück.

    Bei Nico angekommen stieß Lisa die Tür auf, rief hektisch: „Los, komm rein!“ Nico stand etwas ratlos neben dem Auto, hob die Hände, als wüsste er nicht, wo er hin sollte. Lisa stieg aus, packte ihn an den Schultern, schob ihn auf den Beifahrersitz und sprang hinterher – direkt auf seinen Schoß. Er erstarrte kurz, suchte verzweifelt nach einer Position für seine Hände, bis er merkte, dass er sie festhalten musste, damit nicht beide aus dem Sitz kippten. Mit einer Mischung aus Unsicherheit und Höflichkeit legte er die Arme um ihre Hüften, während sie die Tür zuzog.


    Da raste Laura auch schon wieder los. Dieses Mal nahm sie aber nicht den direkten Weg zum Tor, sondern drehte noch einige Extrarunden auf dem Hof. Laurie und Tom auf der Rückbank purzelten übereinander und lachten, während Nico kaum wusste, wohin mit seinen Händen – er musste gleichzeitig sich und Lisa irgendwie auf dem Beifahrersitz stabilisieren, während Laura abwechselnd linksrum und rechtsrum Kreise über das Gelände zog.

    „Los, Donuts!“, rief Laurie von hinten, aber dafür reichten die 72 PS des Vierzylinders wohl nicht aus. „Geht nicht…!“, lachte Laura.

    Toto beobachtete die Szene mit dem kreiselnden Taunus und der wild durcheinanderwirbelnden Besatzung und lachte Tränen, als der Helga‑Express dann wieder am Tor zum Stehen kam und alle Mitfahrer ausstiegen.

    Laura hupte dreimal das Rolltor an, und Laurie ging durch die Stahltür, um es hochzufahren. Der Taunus umkreiste drinnen ein paarmal die Stahlsäulen, die das mächtige Dach trugen – als ließe Laura Helga den perfekten Platz selbst aussuchen –, dann stoppte sie vorn, direkt neben dem Kassentisch, stellte den Motor ab und stieg aus.

    Sie wischte mit dem Ärmel etwas Staub vom Kotflügel und verkündete: „So. Hier bleibt sie stehen!“

    Tom grinste. „Natürlich. Wo sonst.“ Toto nickte. „Premiumplatz. Erste Reihe.“

    Laura nahm den Hallenplan, der für morgen schon bereitlag, klickte ein paarmal mit dem Kuli und trug auf Platz 1a in Großbuchstaben HELGA ein. Sie hielt kurz inne, betrachtete den Eintrag, wollte sich vergewissern, dass er wirklich dort stand, dann lächelte sie zufrieden.


    Sie strich Laurie über die Wange, gab Lisa einen Kuss und umarmte Tom und Toto. Und auch Nico wurde dieses Mal nicht vergessen – sie zog ihn kurz an sich, warm, selbstverständlich, als hätte er schon immer dazugehört. Nico wirkte überrascht, aber sichtlich gerührt.

    Laura legte den Plan wieder ab, sah in die Runde und sagte: „Danke. Euch allen. Das ist das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe.“

    Einen Moment lang war es still. Die Halle war leer, weit, hallend – nur Helga stand da, frisch poliert, wie ein Farbtupfer in der grauen Weite. Man hörte das Summen der Neonröhren, das Knacken des abkühlenden Motors und draußen den Wind über den Hof streichen.


    Lisa hob leicht den Kopf, wollte etwas sagen – man sah es an ihrem Atem, an der Art, wie sie die Lippen öffnete –, doch ihre Stimme versagte. Ein, zwei Tränen lösten sich, liefen über ihre Wangen. Laurie reagierte sofort, nahm sie in den Arm, drückte sie fest, fast beschützend. Dann öffnete sie den einen Arm und zog Laura mit in die Umarmung, sodass die drei einen kleinen, warmen Kreis bildeten.

    Tom sah zu, lächelte still, legte eine Hand auf Totos Schulter. Toto schniefte gespielt. „Boah, ey. Gleich fang ich auch noch an.“

    Er rollte noch einmal zu Helga, strich mit der Hand über die Delle, ganz sanft, fast wie über eine vertraute Narbe. Dann drehte er sich um, hob die Augenbrauen und brach die Stimmung auf:

    „Sagt mal… ist eigentlich noch was von diesem Kirschwein da? Dem… wie hieß der… Vino di… Visconti? Ich frag für einen Freund.“

    Laura stieß ein kurzes, albernes, leicht meckerndes Lachen aus – dieses helle, ziegenartige Geräusch, das ihr manchmal entfuhr, wenn sie besonders albern war. „Visconti… oh Mann, Toto…“

    Laurie prustete los. Lisa wischte sich die Tränen weg und lachte gleichzeitig. „Der ist oben in der Wohnung, wenn Nico nicht alles ausgetrunken hat.“

    Nico hob abwehrend die Hände. „Ich hab nur probiert! Einen Schluck! Vielleicht zwei.“

    „Aha“, freute sich Toto. „Dann ist ja noch genug für mich übrig. Also, ab nach oben. Träger bitte!?“


    Laura lachte, strich noch einmal über ihr Geschenk und sagte dann leise: „Morgen wird ein guter Tag.“

    Lisa nickte bestätigend, während Laurie sich schon Totos Stuhl griff. „Tottouuu!“, rief sie und schob ihn übermütig zum Tor.


    Tom blieb noch einen kurzen Augenblick beim Taunus stehen, sah Laura und Lisa hinterher. Dann drehte er den Kopf, sah Nico an, und ein kurzes, warmes Lächeln zog über sein Gesicht. „Kommst du?“