Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • Guckt ihr denn nicht Gute Zeiten Schlechte Zeiten? Da gibt es auch immer nen Weekend-Cliffhanger.

    Das hier ist so ähnlich – nur mit Autos.

  • Sehr geehrte Leserschaft. Mit dem Text bin ich noch nicht viel weiter, das wird noch ein, zwei Wochen dauern.


    Um die Wartezeit zu verkürzen, habe ich mal was anderes probiert. Wir gehen zurück zu Kapitel 25. Das Foodtruck-Festival läuft. Es ist Abend, Laurie streamt aus der Werkstatt, Lisa erholt sich vom Zusammenbruch, Seda und Nico stehen draußen und essen Gözleme. Drinnen auf der Bühne steht Blue Feather – die Band, die auch schon in dem Vorgängerroman aufgetreten ist.


    Ein paar Songzeilen kommen im Text vor und aufgrund derer und einem bisschen Text drumrum habe ich mal versucht, per KI (SUNO) einen kompletten Song erstellen zu lassen.


    Wer KI-Musik als Teufelszeug und den Untergang der gesamtem Musikkultur ansieht, klickt bitte nicht drauf. Für alle anderen hier mal eine Idee, wie der Song klingen könnte.


    Ich find's gar nicht so schlecht... Oder eigentlich sogar erschreckend gut.


    Blue Feather - Where the night begins again  Eine Suno-mp3-Datei bei gofile.io

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  • Hier noch die Lyrics zum Mitlesen:


    [Intro]
    This is where the night begins again, where the echoes call us in, and the Muzique never faded, it just waited for our skin.”

    [Verse 1]
    Laura and Lisa left the doors undone
    Polished the floor till it caught the sun
    They lit the hall and raised the seams
    Brought back the dust and the old loud dreams

    The band walked in through a room of scars
    Where names still slept in the beams and bars
    Every shadow knew their face before
    Every old mark asked for more

    [Pre-Chorus]
    The crowd held still
    Like a held-breath flame
    One room, one pulse
    Calling our name

    [Chorus]
    Where the night begins again
    Wake the room, wake us again
    One heartbeat in the crowd
    We rise in the sound

    Where the night begins again
    Hands up high, let it begin
    We come back, we come home
    The room is alive

    [Verse 2]
    Light on the wall, then gone again
    Dust in the glow like a ghost in rain
    Old memories moved in the back rows slow
    And every empty seat said I know

    The music waited behind the dark
    Like a hidden spark in a matchbox heart
    Now every face is part of the spark
    Every voice leaves a mark

    [Pre-Chorus]
    The floor starts to shake
    The air turns gold
    What was asleep
    Won’t stay cold

    [Chorus]
    Where the night begins again
    Wake the room, wake us again
    One heartbeat in the crowd
    We rise in the sound

    Where the night begins again
    Hands up high, let it begin
    We come back, we come home
    The room is alive

    [Bridge]
    [Electric guitar solo, wide and emotional, hall reverb, live-stage feel; crowd noise swells softly]
    The line of fire climbs
    Then opens wide
    A wounded note
    Turns into light

    We’ve been here before
    But not like this
    Not with the whole room
    In our fists

    [Bridge]
    ...And every heartbeat in this room is a story in disguise, we’re the ones who keep it breathing, we’re the ones who make it rise. So let the shadows find their rhythm, let the velvet lights descend, ’cause the Muzique never faded — it just waited to begin again.

    [Final Chorus]
    Where the night begins again
    Wake the room, wake us again
    One heartbeat in the crowd
    We rise in the sound

    Where the night begins again
    Hands up high, let it begin
    We come back, we come home
    The room is alive

    Where the night begins again
    Say it loud, let it begin
    The crowd becomes the song
    And we carry it on

    [Outro]
    Where the night begins again
    Where the night begins again
    (we rise in the sound)
    Where the night begins again

    [Applause]

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  • Oder? Ich habs jetzt so um die dreißigmal angehört und kann schon fast mitsingen. Kein Welthit, eher Mainstream-Rock, aber wenn man die Story und die Band kennt, passt das. Keine Nischenmusik, eher auf kommerziellen Erfolg ausgerichtet. Und mit diesem Text auch mit persönlicher Note.


    Genau so klingt Diana, besonders auf Kopfhörer mag ich die Stimme :inlove:


    Dabei war der Prompt gar nicht mal so lang. Und ein paar Details mag ich. Die Live-Atmo. Wie die Stimme bei 3:55 ganz kurz kippt, die langgezogenen Note bei 4:37 und das 15 Sekunden lange oooooooooooooooooooon im Outro :thumbsup

    Nur das Gitarrensolo könnte etwas länger sein :whistling

  • Es gibt wieder ein paar neue Zeilen – Freitag geht's weiter.



    Und es gibt wieder überraschende neue Ereignisse, die Laurie bewältigen muss...


  • Es geht weitaaaa :w00t


    Kapitel 38: Nach Feierabend


    Am Samstagabend saßen Seda und Laurie zusammen auf Lauries Couch. Auf dem Tisch standen Teller mit den Resten von gestern – Börek‑Ecken, ein paar Baklava, etwas Köfte, Reis, der schon leicht angetrocknet war. Laurie probierte sich durch alles, was noch essbar war, schob sich ein Stück Börek in den Mund und wischte sich die Finger am T‑Shirt ab. Dann griff sie zur Colaflasche, schüttete Seda ein Glas ein und stellte es vor sie.



    Seda saß halb eingekuschelt in der Sofaecke, die Beine angewinkelt. Ihre Haare noch leicht gewellt vom Vortag, die Müdigkeit in den Augen, aber eine Ruhe im Gesicht, die gestern nicht da gewesen war. Die Art Ruhe, die man hat, wenn der Lärm vorbei ist.


    Laurie nahm einen Schluck Cola. „War’s schlimm?“


    Seda schnaubte leise. „Es war… laut. Und voll. Und warm. Und laut.“


    Laurie grinste. „Klingt nach Familie.“


    „Ja.“ Seda nahm ein Stück Baklava, brach es auseinander. „Aber schön. Also… schön‑schön. Nicht stressig‑schön.“


    Laurie nickte. „Hat dein Vater dir was geschenkt?“


    Seda griff in ihre Tasche. „Ja. Das hier.“


    Sie holte ein altes Messer hervor. Der Griff war aus dunklem Holz, glatt wie Stein. Die Klinge schmal, leicht gebogen, mit einer Patina, die man nicht fälschen kann. Kein Sammlerstück, ein Messer, das benutzt wurde.


    Laurie beugte sich etwas vor. „Schönes Teil.“


    „Es ist fast achtzig Jahre alt, von meinem Großvater“, sagte Seda. „Ein altes Çakı. Handgeschmiedet. Er hat’s meinem Vater gegeben, als der noch jung war. Und jetzt… hat er’s mir gegeben.“


    Sie legte es zwischen ihnen auf den Tisch, als wäre es etwas, das man nicht einfach so in der Hand behalten sollte.


    Laurie sah kurz zu ihr, dann auf das Messer. „Das hat Gewicht.“


    „Ja.“ Seda atmete leise aus. „Und eigentlich kriegt sowas immer der älteste Sohn.“ Sie schob das Messer ein Stück in Lauries Richtung. „Gibt’s aber bei uns nicht. Also hat mein Vater es mir gegeben. Vor der ganzen Familie.“


    Laurie nahm es jetzt auf, vorsichtig, als wolle sie prüfen, wie viel Geschichte darin steckt. „Das sagt was.“


    „Und wie.“ Seda klappte die Hände ineinander. „Meine Tanten haben geguckt, als hätte jemand den Fernseher falschrum aufgehängt.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Mein Vater hat damit gesagt: Du bist die nächste Generation. Egal, ob Mädchen oder nicht.“


    Laurie nickte knapp. „Gefällt mir. Klarer geht’s nicht.“


    Seda holte eine Münze aus der Tasche. „Und ich musste ihm einen Euro geben.“ Laurie sah sie an, wartete.


    „Damit es als gekauft gilt“, erklärte Seda. „Ein geschenktes Messer schneidet die Verbindung durch. Sagt man bei uns so.“ Sie drehte die Münze zwischen den Fingern. „Als ich sie ihm gegeben hab, hat er mich das erste Mal seit damals wieder richtig umarmt.“


    Laurie legte das Messer zurück auf den Tisch, sauber, gerade. „Dann hat es seinen Job richtig gemacht.“


    Seda strich mit dem Daumen über den Griff. „Ja. Hat’s.“


    Sie schwieg einen Moment, dann: „Ich hab nach dem Unfall echt gedacht, es ist alles im Eimer. Und jetzt kommt er mit dem Ding an. Vor allen. Einfach so.“


    Laurie lehnte sich zurück. „War fällig.“


    Seda sah zu ihr rüber. „Findest du?“


    „Ja.“ Laurie nahm ihr Glas, stellte es wieder ab. „Du bist zurückgekommen, das hat ihm viel bedeutet. Das sieht man.“


    Seda atmete leise aus, ein kleines, ungläubiges Lächeln. „Okay.“


    Laurie nickte. „Nicht okay. Richtig.“


    Seda sah wieder auf das Messer. „Ja. Richtig.“



    Ein Moment Stille. Warm. Ruhig. Nicht schwer.


    Laurie griff neben sich, nahm eine Stofftasche hoch. „Okay. Und jetzt ich. Bevor du wieder anfängst, tiefgründig zu werden.“


    Seda lachte leise. „Ich war gar nicht tiefgründig.“


    „Warst du.“ Laurie schob ihr die Tasche hin. „Hier. Pack aus.“



    Seda nahm sie, schon beim ersten Anheben merkte sie das Gewicht. Nicht leicht. Nicht dekorativ. Schwer. Etwas, eingewickelt in Zeitungspapier.


    Das Papier fiel zu Boden. Die dunkle Stahlplatte darin wirkte, als hätte man ein Stück Wüste aus Metall gegossen: kastanienbrauner Edelrost, warmes Orange, versiegelt, trocken, hart. Ein Hauch von Öl und Werkstattluft.


    In der Mitte schwebte der Schriftzug Desert Heart — gebogen aus einem einzigen Stück Rundstahl. Schreibschrift, fließend, die Bögen des D und H fast wie alte Kalligrafie. Seda beugte sich vor. „Heiß gebogen“, murmelte sie.


    Laurie zog eine Schulter hoch. „Mhm.“


    Keine Knicke. Keine Risse. Perfekte Kurven. Der Schriftzug stand fünf Millimeter über der Platte, gehalten von unsichtbaren Stiften. Seda suchte nach Schweißpunkten — fand keine. Glattgeschliffen, verschwunden.


    Dann betrachtete sie das Gold. Echtes Blattgold, hauchdünn, in winzigen Quadraten. Es flimmerte im Licht, als würde es atmen.


    „Echtes Gold? Auf Rost?“, fragte Seda leise.


    „Ja.“


    Sie wusste, was das bedeutete: Strafarbeit. Stunden. Atem anhalten. Kein Luftzug. „Du Wahnsinnige“, grinste sie.


    Seda strich über die Oberfläche — rauer Stahl unten, kühles Gold oben. „Du hast das im Metallkurs gemacht.“


    „Nach Feierabend“, sagte Laurie. „Wollte’s ordentlich haben.“


    Seda sah sie an. Ruhig. Getroffen. „Das ist Arbeit.“


    „Schon...“


    Seda hielt das Schild einen Moment, als müsste sie sein Gewicht erst begreifen. Dann: „Ich häng’s in mein Zimmer. Nein – besser – mitten an meinen Arbeitsplatz. Gleich am Montag.“


    Laurie nickte. „Passt.“


    Mehr brauchte es nicht. Das Schild lag zwischen ihnen wie ein stilles, schweres Herz aus Metall.



    Wieder schwiegen sie einige Augenblicke. Laurie lehnte sich zurück, atmete ruhig aus.


    Seda strich mit dem Daumen über den Rand ihres Glases. „Du, nochmal wegen der Cloud. Ich hoffe, du bist okay damit? Dass Marek und ich… dass wir das angefangen haben. Ohne dich vorher zu fragen…“


    „Sicher. Warum nicht? Jeder Hinweis zählt.“


    „Hat dein Dad auch gesagt.“


    Laurie nahm einen Schluck Cola. „Hm. Nur, ob es was bringt? Die Bullen werden sich keine Beine ausreißen wegen der Sache.“


    „Nein?“


    „Haben sie genau so gesagt. Also, nicht wörtlich… Aber für die ist das null priority case. Autodiebstahl, Sachbeschädigung – kein Personenschaden. Irgendeine alte Karre, die geschrottet wurde – dead end.“


    „Im wahrsten Sinne des Wortes.“


    Laurie verzog den Mund. „Du sagst es.“


    „Immerhin sind schon einige Videos hochgeladen worden. Nicht nur aus unserer Klasse.“


    „Und? Wie ist der Stand? Hast du schon reingeguckt? Ist was Brauchbares dabei?“



    Seda zog ihr Handy aus der Tasche, wischte einmal über den Bildschirm, öffnete die Cloud. Ein kurzes Tippen, ein Blick. „Ah…“ Sie runzelte leicht die Stirn. „Da ist schon wieder was Neues reingekommen.“


    Laurie sah kurz hin, ohne sich vorzubeugen. „Von wem?“


    „Steht nicht dabei.“ Seda hielt das Handy etwas höher, aber nicht aufdringlich. „Nur ‚Upload 16:42‘.“


    Laurie zog ein Knie an, stützte den Arm darauf. „Okay.“


    Seda zögerte. „Wir könnten… wenn du willst… kurz reinschauen.“


    Laurie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Jetzt nicht.“ Kein hartes Nein, nur eine klare Grenze. „Später vielleicht.“


    Seda nickte sofort. „Na gut.“


    Sie ließ das Handy in den Schoß sinken, Bildschirm nach unten.


    „Wir warten noch ein paar Tage. Dann werde ich das mit Marek sichten und sortieren und Rotter bietet es der Polizei an. Die Schule wird ja auch ein Interesse daran haben, dass der Diebstahl aufgeklärt wird.“


    „Mit Marek?“


    „Mhm. Er ist gut in sowas. Er hat ein Auge für... Details.“


    Laurie sah sie an. Trocken, aber nicht kalt. „Weiß ich. Vielleicht bringt’s was.“



    Wieder ein kurzes Schweigen. Seda nahm ihr Glas, schüttete sich noch Cola ein. Dann nahm Laurie die leere Flasche und ging in die Küche. „Hat die Polizei sich denn eigentlich schon gemeldet? Wegen dem Auto?“, rief Seda ihr hinterher.



    Es dauerte einen Moment, bis Laurie antwortete. „Nein. Jedenfalls nicht bei mir.“



    „Und wenn? Was hast du dann vor? Der Wagen wird ja wahrscheinlich da weggeholt werden müssen, sobald die mit ihren Untersuchungen fertig sind. Weißt du schon, wo er hinsoll?“



    Laurie kam zurück, zog die Schultern hoch. Lange. „Nope. No clue…“, bemerkte sie kalt und nüchtern, stellte eine neue Flasche auf den Tisch und drehte den Deckel auf.


    „Willst du ihn wieder hier in die Werkstatt stellen?“


    „Wozu? Das Ding ist tot.“


    „Wohin dann? Zu deinem Dad?“


    „Damit ich den Schrotthaufen jeden Tag bei der Arbeit sehen muss? Auf keinen Fall!“


    „Oder direkt zum Schrott? Kurz und schmerzlos.“


    „Seda – frag mich nicht. Ich habe keine Ahnung, okay?“


    Seda stoppte kurz. Ihre Stirn zog sich leicht zusammen, der Blick ging sofort nach unten. Sie hob das Schild wieder an, hielt es etwas fester.


    Laurie sah es. Ein kurzer Blick, ein Atemzug, dann nichts.


  • Montag früh, zehn nach neun. Laurie saß am Tresen und sortierte gerade die Post, als ihr Handy klingelte. Sie zog es kurz aus der Tasche, sah aufs Display, dann zu Paula. „Das ist die Polizei“, sagte sie nur kurz, und Paula bemerkte: „Dann geh ran. Ist sicher wegen deinem Auto.“


    Laurie meldete sich, hörte zu, legte wieder auf. „Ist freigegeben. Ich soll die Kiste so schnell wie möglich abholen… lassen.“ Sie atmete einmal tief durch. „Und jetzt?“


    Sie sah wieder auf ihr Telefon, dann durchs Fenster auf den Hof, auf die Blätter auf dem Tresen, aber es half nicht viel. „Ich will den nicht sehen, Paula. Nicht so.“ Paula sah sie einen Moment lang an, ohne etwas zu sagen. „Ja. Glaub ich dir.“


    Laurie griff wahllos ein, zwei Blätter, die vor ihr lagen, starrte darauf, ohne sie zu lesen, legte sie zurück. „Ich weiß nicht, was ich damit machen soll.“ „Musst du jetzt auch nicht entscheiden“, sagte Paula leise. „Nur eins: Du fährst da bitte nicht allein hin.“


    Laurie hob kurz den Blick. Unsicher. Paula blieb ruhig. „Tom ist da. Der kann den Wagen holen.“ Laurie schluckte. „Allein?“ „Ja.“ Paula schob die Post zur Seite. „Der macht das. Geh rüber und sag’s ihm.“


    Laurie nickte langsam. Kein richtiger Entschluss, eher ein Einlenken. Sie steckte das Handy in die Tasche und ging die Stufen hinunter, Schritt für Schritt, ohne Eile.



    Um kurz nach halb fünf – Laurie hatte früher Feierabend gemacht – rollte der Dodge Pickup auf den Werkstatthof. Auf dem Trailer verzurrt: der Pacer. Verformt, stumpf, still.


    Tom stieg aus. Paula kam durch das offene Tor, blieb stehen, die Hände kurz angehoben, als müsste sie sich sammeln. „Meine Güte“, sagte sie leise. „Gut, dass Laurie das nicht sehen muss.“


    Sie ging näher. Tom blieb neben dem Trailer stehen, die Hände an der Hose, ohne sie zu bewegen. „So schlimm hatte ich es auch nicht erwartet. Der ist tot“, sagte er nach einem Moment und zog einen letzten vertrockneten Grashalm aus dem Kühlergrill. Paula nickte langsam. „Ja.“


    Der Hof war ruhig. Nur der Trailer knackte ein paar Mal nach der kurzen Fahrt vom Polizeirevier zu Past Times. Der Pacer darauf wirkte wie eine leere Hülle. Ein Auto, das zurückgekommen, aber trotzdem nicht mehr hier war.


    Paula atmete aus. „Für sie ist das fast, als wäre ein Freund gestorben.“ Tom antwortete nur mit einem kurzen Nicken.


    Dann zog er sein Handy heraus und machte ein Foto. Paula sah ihn scharf an. „Das willst du aber jetzt nicht Laurie schicken?“ Tom schüttelte den Kopf. „Nein. Für Toto.“


    Er schickte es ab. Keine Minute später klingelte das Telefon.


    „Oh fuck“, kam es sofort aus dem Lautsprecher. „Warum schickst du mir das?“ Tom sagte nichts. „Der sieht ja schlimmer aus, als ich dachte.“


    Tom nickte nur, obwohl Toto es nicht sehen konnte.


    „Und jetzt?“, fragte Toto. „Willst du den wieder bei dir auf dem Hof stehen lassen? Dann läuft sie ja jeden Tag dran vorbei…“ „Eben“, sagte Tom. „Der muss hier weg. Schnell.“


    Am anderen Ende wurde es kurz still. „Hm“, sagte Toto schließlich. „Ich hab noch meine zweite Garage. Da könnte er rein. Bis wir wissen, was mit dem Rest passieren soll.“


    Tom atmete einmal durch. „Dann ist er wenigstens nicht gleich ganz weg. Vielleicht kann man noch ein paar Teile retten. Irgendwas Sinnvolles, bevor der Rest in die Presse—“ „Sag das nicht so kalt“, fiel Toto ihm ins Wort. „Das war ihr Baby.“ Tom schloss kurz die Augen. „Ich weiß.“


    Eine halbe Stunde später rangierte Tom das Gespann rückwärts vor den alten Wellblechschuppen hinter dem Haus, in dem Totos Studio war. Toto kam die Rampe heruntergerollt, stoppte unten, reichte Tom den Garagenschlüssel und verzog das Gesicht, als er den Pacer jetzt direkt vor sich sah.


    Paula, die selbstverständlich mitgekommen war, um beim Schieben zu helfen, hockte sich neben ihn. „Ich hoffe, sie kriegen ihn…“, sagte sie nur, stand wieder auf und begann, die Rampen aus dem Trailer zu ziehen.


    Toto rollte zum Auto, begutachtete die Schäden, schüttelte den Kopf, sagte nichts. Er ließ den Blick über die Front laufen: Kotflügel und Haube eingedrückt, Längsträger sichtbar gestaucht, der Motor schief im Aggregateträger. Die Spurensicherung hatte rote Markierungen gesetzt, die wie kleine Pfeile auf die Problemstellen zeigten.


    „Der Einschlag war links vorne“, stellte Tom eher nüchtern fest. „Hat den ganzen Vorderwagen verzogen.“


    Toto beugte sich leicht vor, sah unter den Wagen. „Querlenker krumm. Spurstange raus. Rad steht komplett falsch.“ Er sprach ruhig, als würde er eine Checkliste abarbeiten.


    Tom nickte und kletterte auf den Trailer, hob die verbeulte Haube an, soweit die es unter lautstarkem Protest noch zuließ. „Kühlerträger ist durch. Kühler geplatzt. Den Lüfter hat’s auch zerlegt.“


    Er sah zur Spritzwand, dann in den Innenraum. „Die hat’s gedrückt, die Pedale stehen schief.“


    Tom trat einen Schritt zur Seite, um die A‑Säule zu sehen. „Da ist ein Knick. Minimal, aber da.“


    Toto atmete einmal durch. „Das ist viel.“


    Tom antwortete nicht sofort. Er ging zur rechten Seite, prüfte die Türspalte. „Tür geht auf, aber nicht sauber zu. Der ganze Wagen ist verzogen.“


    Ein kurzer Blick zu Paula, die verzog nur das Gesicht, atmete einmal scharf aus. „Endstation“, bemerkte sie nur resignierend. „Wer macht sowas? Das hat das arme Kind nicht verdient...“


    Tom schluckte hörbar, sagte nichts. Dann atmete er zweimal tief, räusperte sich. „Komm, abladen. Hilft ja nichts…“


    Er sprang vom Hänger, schloss das Garagentor auf, schob ein paar Kisten zur Seite, redete nicht. Er sah den Pacer nicht länger an als nötig.


    Sie lösten die Gurte. Tom zog seine Arbeitshandschuhe über, fasste an die A‑Säule, Paula an den verknitterten Kotflügel. Ein kurzer Ruck, dann rollte der Wagen langsam die Rampen hinunter. Toto wich mit dem Rollstuhl ein Stück zurück, damit sie Platz hatten. Kein Kommentar, kein Blickwechsel. Nur Arbeit.


    In der Garage war es kühl. Der Betonboden roch nach Staub und altem Öl. Tom schob rechts, Paula links. Der Pacer bewegte sich schwer, aber ohne Widerstand. Einmal kurz nachjustieren, dann stand er drin.


    Tom zog sofort das Tor zu. Kein Zögern. Kein letzter Blick.


    Das Vorhängeschloss schnappte ein. Er drückte Toto den Schlüssel in die Hand, ohne noch etwas zu sagen.


    Paula schob die Rampen zurück in den Trailer, verriegelte sie. Tom stieg ein, startete den Motor. Kein Kommentar, kein Durchatmen, kein Blick zurück.


    Sie fuhren vom Hof, Toto sah ihnen nach, bis der Pickup hinter der Hausecke verschwunden war.


    Er verharrte einen Moment vor dem Tor, legte die Hand an das kalte Schloss. „Feierabend. Schlaf gut“, flüsterte er und rollte ein Stück zurück. Dann stoppte er kurz, ohne ersichtlichen Grund. Ein minimaler Dreh des Kopfes, kaum mehr als ein Reflex, zurück zur geschlossenen Tür.


    Nur ein Atemzug.


    Dann rollte er zurück ins Haus.

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  • Und die Sonntagsration. Neue Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.


    Kapitel 39: Marktgeschehen

    Tatsächlich kamen die Ermittlungen kaum voran. Und während Laurie sich inzwischen wieder um andere Dinge kümmerte, fragten Seda, Marek und auch Hartmut Rotter bei der ermittelnden Dienststelle nach – jedes Mal mit derselben knappen Antwort: „Dazu können wir Ihnen keine Auskunft geben.“


    Nach ein paar Unterrichtstagen ließ die anfängliche Aufregung in der KFZ 24‑1 spürbar nach. Man konzentrierte sich wieder stärker auf den Lehrstoff, die Routine setzte ein, die Tage wurden normaler. Ganz weg war das Thema aber nicht. Lauries Blicke blieben – zu Seda, zu Marek, und auch zu Eric Rollmann. Kurz, prüfend, manchmal länger als nötig.


    Zu Hause hatte Laurie angeboten, künftig stärker unterstützend bei den Dust & Desire‑Märkten einzusteigen. Um Mom zu helfen, um Lisa zu entlasten. Und auch, um sich von ihrem gescheiterten Projekt Rebel Yello abzulenken.


    So saß sie jetzt wieder an der Kasse, auf dem Stuhl neben sich die obligatorische Schachtel mit Donuts. Es war kurz vor halb elf, der erste Schwung Schnäppchenjäger war bereits durch. Die Halle voll, die Geräuschkulisse vertraut: das Murmeln der Masse, das Schieben von Kartons, Verhandlungen um den „letzten Preis“. Laurie arbeitete routiniert, nahm Geld an, stempelte Handrücken – manchmal etwas zu fest – für den Wiedereintritt. Sie scannte die Menge, ohne jemanden wirklich wahrzunehmen.


    Als sie den Kopf hob, standen plötzlich Nico und Seda vor ihr. Keine Ankündigung, kein „Wir kommen heute vorbei“, einfach da. Laurie blinzelte, sah die zwei erstaunt an — einmal, kurz, weil sie sie nicht erwartet hatte. „Was macht ihr denn hier? Warum habt ihr nichts gesagt? Ich hätte euch doch früher reingelassen…“


    Seda grinste, zog ihre Geldbörse aus der Tasche und sagte mit übertrieben höflichem Ton: „Guten Tag. Zwei Erwachsene bitte. Was macht das?“

    Das Wort Erwachsene sprach sie mit einem winzigen, kaum zu überhörenden Stolz aus. Nico ergänzte trocken: „Wollen Sie die Ausweise sehen?“

    Bei ihm klang das völlig normal – und seit Seda achtzehn war, sogar halbwegs berechtigt. Die Märkte hatten schließlich eine Altersbeschränkung, und Nico wusste, dass Laura diese Regeln strikt einhalten ließ und gelegentlich auch kontrollierte.


    Laurie sah die beiden noch einmal an, diesmal länger. Nicht wegen der Frage. Wegen der Art, wie sie da standen: synchron, selbstverständlich, wie ein Duo, das sich längst eingespielt hatte. Vielleicht sogar mehr als ein Duo. Sie grinste. „Ich trag mal ein: Besucher persönlich bekannt. Aber jetzt sagt mal—“


    „Ich wollte einfach mal gucken“, unterbrach Seda sie. „Außerdem bin ich ja auch Antiquitätenbesitzerin, da will man sich mal ein bisschen informieren.“

    „Hä? Ach, das Messer, stimmt. Na dann kommt rein. Viel Spaß.“


    Die zwei machten sich auf und schlenderten Gang Eins entlang. Und bis sie neugierig bei Stratos’ Sammelsurium aus Kostbarkeiten und Kuriositäten stehen blieben, lächelte Laurie ihnen nach. Dann wandte sie sich wieder dem nächsten wartenden Besucher zu.



    Es waren vielleicht zwei Stunden vergangen. Lisa hatte inzwischen Kasse und Einlasskontrolle übernommen und Laurie hatte sich zu Nico und Seda gesellt, als das Trio am Stand des alten Justav Station machte. Der wirkte heute noch müder und zerbrechlicher als die letzten Male; die Schultern hingen tiefer, die Bewegungen waren vorsichtig, fast tastend.


    Laurie hatte ihn gerade gefragt, ob sie ihn heute beim Verkauf seiner Stücke unterstützen solle, aber Justav winkte sofort ab, fahrig, fast beleidigt: „Ach, lass ma, Kleene… brauch ick nich. Krieg ick allet alleene hin. Jeht heute nur wat langsamer.“


    Er griff nach einer Schale, wollte sie nur ein Stück rüberschieben, brauchte dafür aber einen Moment zu lang. Ein kurzes Ächzen, die Finger zitterten deutlich. Er merkte es selbst. Ein Blick zu Laurie, trotzig und gleichzeitig erschöpft.


    „Na jut“, brummte er schließlich. „Wenn de sowieso hier rumstehst… kannste ma’n Auge uff’n Tisch haben. Aber nich allet durcheinanderbringen, ja? Ick hab hier System.“


    Laurie nickte nur. „Mach ick.“


    Justav zog die Brauen hoch, als müsse er sich vergewissern, dass sie ihn nicht auslacht. Dann kam ein leises, kaum hörbares: „Is ooch jut, dass de da bist.“

    Justav hatte Lauries Hilfe angenommen, wenn auch mit dem üblichen Gemisch aus Trotz und Erleichterung. Jetzt stand sie neben ihm, leicht seitlich versetzt, damit er nicht das Gefühl bekam, verdrängt zu werden. Nico und Seda blieben ein paar Schritte dahinter, schauten sich die Auslagen an, ohne sich einzumischen.


    Ein Mann Mitte fünfzig blieb vor dem Tisch stehen, griff gezielt zu einer alten Messinglampe, nahm sie in die Hand und drehte sie prüfend hin und her.

    „Was soll die denn kosten?“, fragte er.


    Justav setzte an, räusperte sich, brauchte einen Moment zu lang. „Äh… die… äh…“


    Laurie übernahm, ohne ihn zu überfahren. „Siebzig.“


    Der Kunde nickte, stellte die Lampe wieder ab. „Ich überleg’s mir.“


    Justav verzog das Gesicht. „Jaja, überleg ma. Ick halt se warm, wa“, murmelte er hinterher, dann leise zu Laurie: „War’n bissken hoch, Kleene. Hättste ooch fuffzich sagen können.“


    „Er hätte fünfzehn gesagt, wenn du nicht angefangen hättest“, erwiderte Laurie trocken.


    Justav schnaubte. „Jut, haste ooch wieder recht. Die Leute ham keen Anstand mehr. Früher…“ Er brach ab, weil eine Frau einen Stapel alter Postkarten in der Hand hielt.


    „Die hier… was kosten die?“


    Justav holte Luft, aber Laurie war schneller — diesmal bewusst. „Ein Euro das Stück.“


    Die Frau nickte, suchte drei heraus und legte sie hin. „Drei für zwei?“ fragte sie routiniert. „Nope, ein Euro Stückpreis. Fix.“ Wortlos nahm die Frau einen Zehner aus der Tasche. Laurie kassierte, gab Wechselgeld, alles in einer flüssigen Bewegung.


    Justav sah ihr zu, erst kritisch, dann mit diesem winzigen, kaum sichtbaren Stolz, den er nie zugeben würde. „Jut machste dit“, murmelte er. „Ick sach’s nich jern, aber… jut machste dit.“


    Laurie grinste nur. „Ick weeß.“


    Nico und Seda tauschten hinter ihr einen Blick — dieses wortlose, eingespielte Ding, das sie inzwischen hatten — und Seda flüsterte: „Der mag dich echt.“


    „Ja“, sagte Laurie knapp. „Ich ihn auch.“


    Justav hörte es natürlich. „Nu fangt hier nich an mit Sentimentalitäten, wa? Ick werd ja janz weich inne Knie.“ Er griff nach einer Kiste, die eindeutig zu schwer für ihn war.


    Laurie war schneller. „Ich mach das.“


    „Jaja“, brummte er. „Mach mal.“


    Es klang wie ein Befehl. Gemeint war es als Dank.

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  • Weitere zwei Stunden später. Seda und Nico hatten ihre Einkäufe bei Laurie an Justavs Stand deponiert und standen jetzt am Imbiss bei Kaffee und Kuchen, während Laurie mit Laura ein Stück neben Justav stand und den Markt überblickte.

    „Gut gelaufen heute, oder?“, fragte Laurie. Laura nickte. „Bin zufrieden. Die Reihen sind voll, genug Besucher, kein Stress. So könnte es immer laufen.“


    Laurie drehte sich kurz zu Justav um, der müde und etwas abwesend auf einer Holzkiste saß. „Jo. Hat auch Spaß gemacht. Ich glaub, das wär auch mal was für mich. So ’n Stand mit altem Krams…“, grinste sie. „Was der Kerl alles für Sachen hat...“


    Laura sah sie daraufhin etwas überrascht an. „Meinst du? Ich… also, wir… wir wollten dich nämlich eigentlich was anderes fragen.“


    Laurie hob die Brauen. „Ah so. Nämlich was?“


    Laura zögerte kurz. „Na ja… wo du doch jetzt vorerst an den Wochenenden mehr Zeit hast…“


    Laurie verzog den Mund, nickte aber. Laura fuhr fort: „Hättest du nicht Lust, mehr in unsere Märkte einzusteigen? Ich meine… vielleicht mal einen Markt ganz zu übernehmen. So dass Lisa und ich mal aussetzen. Nicht auf Dauer. Nur ein, zwei Mal vielleicht. Damit wir mal ne Pause machen könnten. Vielleicht mal wegfahren.“


    Laurie dachte einige Augenblicke nach. „Icke? Janz alleene?“


    Laura grinste – Laurie hing noch im Berliner Modus. „Nicht ganz alleine. Aber du hast ja schon Routine im Ablauf hier. Lisa zeigt dir den Rest. Behörden, Versicherungen, Feuerwehr und so. Sie hat das alles aufgeschrieben. Du weißt ja, wie sie ist: ‚Falls mal was sein sollte…‘“


    „Geht’s ihr denn wieder schlechter?“, fragte Laurie leise.


    „Nein, nein. Alles im grünen Bereich.“ Laura machte eine kleine Handbewegung, als wolle sie das Thema wegwischen. „Aber wir würden gern mal etwas ausspannen. Vielleicht ein paar Wochen zu Tina nach Castelvecchio. Die hat uns schon so oft eingeladen…“


    Laurie nickte. „Klar, macht das. Ich krieg das hier schon auf die Reihe. Vielleicht kann Seda mir auch ein bisschen helfen. Die hat das Food‑Festival ja auch schon mit organisiert. Die kennt sich aus.“


    „Auch ne gute Idee. Meinst du, ich könnte sie mal fragen?“


    Laurie deutete mit dem Kinn zum Imbiss. „Mach doch. Da hinten steht sie.“



    Laura ging, und Laurie drehte sich wieder zu Justav um, der inzwischen noch müder und blasser auf seiner Kiste hockte. „Haste jehört, alter Mann? Ick soll demnächst die Märkte übernehmen. Dann kriegste ein paar Extrameter. Oder ’nen Sonderpreis“, grinste sie, aber Justav reagierte kaum noch.

    Laurie stutzte, hockte sich vor ihn und nahm seine Hand. Sie war kalt. Schweiß stand auf seiner Stirn, der Blick starr zu Boden, der Atem flach, aber vorhanden.

    „Justav. He. Bist du noch da?“ Keine Reaktion. Sein Kopf sackte leicht nach vorn.


    Laurie sprang auf, winkte energisch die drei vom Imbissstand herüber. Nico sah es sofort und lief als Erster los, dann Laura. Seda räumte noch kurz die Reste vom Tisch und kam dann hinterher.


    Laurie kniete wieder vor Justav, hielt seine Hand, sprach leise auf ihn ein – nichts.


    Nico hockte sich neben sie. „Was ist los?“


    „Er reagiert nicht. Ich weiß nicht… irgendwas stimmt hier nicht.“


    Laura war jetzt bei ihnen, sah Justav, sah Laurie, und ihr Gesicht wurde sofort ernst. „Ich ruf den Rettungsdienst.“

    Sie ging zwei Schritte zur Seite, hob das Handy leicht an und suchte kurz nach Empfang, wählte, sprach knapp und sachlich. „Männlich, nicht ansprechbar, Atmung vorhanden, reagiert verzögert… ja… in der alten Textilfabrik… Zugang seitlich, am Hallentor… alles klar. Ich warte draußen.“


    Laurie hörte nur Bruchstücke, blieb bei Justav, hielt seine Hand. Sein Brustkorb hob sich flach, unregelmäßig. Ein kleines Zucken ging durch seine Schultern, dann wieder nichts.


    Laura kam zurück. „Rettungswagen ist unterwegs. Maximal zehn Minuten.“


    „Soll ich ihn hinlegen?“, fragte Nico leise.


    Seda schüttelte den Kopf. „Nur wenn er kippt. So ist es okay.“ Ihre Stimme war ruhig. „Atmung ist da. Puls ist da. Wir warten.“


    Laurie merkte, wie ihre Finger sich verkrampften, lockerte den Griff etwas. „Justav… bleib mal schön hier, ja?“


    Keine Reaktion.


    Einige Händler sahen irritiert herüber, ein paar Marktbesucher blieben stehen, flüsterten. Laura hob die Hand – bitte weitergehen, danke. Die meisten verstanden.


    Nico sah auf seine Uhr, dann wieder auf Justav. „Atmung ist stabil genug“, murmelte er. „Aber er ist tief weg.“


    Laurie nickte. „Er war eben noch normal.“


    „So was kommt manchmal schnell“, sagte Seda.


    Laurie schluckte. „Ich will nicht, dass er hier…“ Sie brach ab, schüttelte den Kopf.


    Seda kniete sich jetzt auch hin, auf der anderen Seite. „Er ist nicht weg. Er ist nur… nicht richtig da.“


    Laurie atmete einmal tief durch. „Okay.“

    Sie blieb so sitzen, die Hand um seine Hand, während draußen vor dem Tor eine Sirene leise näherkam.

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  • Kapitel 40: Im Handschuhfach janz hinten

    Der Markt war vorüber. Alle anderen Händler hatten ihre Stände abgebaut und verpackt. Nur Justavs Sortiment stand noch da, als würde er jeden Moment zurückkommen, sich mit seiner üblichen Ruhe an die Arbeit machen und sich am Ende mit einem lockeren Spruch verabschieden – bis zum nächsten Mal.


    Laura und Laurie sahen sich ratlos an, während Seda und Nico kurz nach draußen gegangen waren, um ihre Einkäufe in Nicos Auto zu verstauen.

    „Was machen wir denn jetzt mit seinem Stand?“, fragte Laurie und blickte auf die verwaisten Antiquitäten.


    Laura zog die Schultern hoch. „Erstmal kann das stehen bleiben. Bis zu dem Firmenevent nächste Woche Freitag stört es niemanden. Vielleicht erholt er sich und holt seinen Kram in den nächsten Tagen selbst ab. Und falls nicht…“


    „Was meinst du mit falls nicht?“, fiel Laurie ihr sofort ins Wort.


    „Na ja… falls er nicht wiederkommt. Man muss ja drüber nachdenken.“


    „Nein. Muss man nicht.“ Laurie schüttelte heftig den Kopf. „Ich fahr hin.“


    „Wohin?“


    „Ins Krankenhaus.“


    „Die dürfen dir eh nichts sagen“, gab Laura zu bedenken. „Du bist keine Angehörige.“


    „Aber ich kann hier nicht einfach rumsitzen und abwarten. Vielleicht erfahre ich trotzdem was. Vielleicht geht’s ihm schon wieder besser…“


    Laura sah sie einen Moment lang an, dann nickte sie nachgiebig. „Dann nimm Nico mit. Oder Seda. Oder beide.“


    „Okay. Wir melden uns.“



    Eine halbe Stunde später parkte Laurie ihren alten Hook auf dem Klinikparkplatz. Gemeinsam mit Seda und Nico stieg sie aus; die drei orientierten sich kurz im fahlen Licht der Straßenlaternen.


    „Hier – Notaufnahme. Da lang“, bemerkte Seda und zeigte auf ein beleuchtetes Schild. Sie ging voran.


    In der Klinik angekommen, mussten sie kurz suchen. Sie liefen tiefer in einen Gang, über dessen schwerer Tür in roten Lettern INTENSIV 2 stand. Ein Pfleger in blauer Kleidung und grüner Haube kam ihnen mit schnellen Schritten entgegen und streckte den Arm aus, um sie zu stoppen.


    „Was machen Sie denn hier? Kein Zutritt für Besucher. Bitte zurück.“


    Laurie hob entschuldigend die Hände. „Sorry, die Tür stand offen. Haben wir nicht gesehen.“

    Sie drehten sofort um, der Pfleger folgte ihnen dicht auf den Fersen. „Die Reinigung hat die Tür wieder blockiert“, kommentierte er genervt, schob mit dem Fuß einen kleinen Gummikeil zur Seite und die zweiflügelige Tür schloss sich mit einem leisen Surren hinter ihnen. Er sah die drei prüfend an. „Wen suchen Sie denn?“


    Nico antwortete: „Einen Freund. Er wurde vorhin mit dem Rettungswagen eingeliefert. Wir wollen wissen, wie es ihm geht. Älterer Herr, so Mitte siebzig, graues Haar, eher schmächtig.“


    „Wie ist der Name?“


    „Gustav… äh…“ Nico stockte.


    Seda hob hilflos die Schultern. Laurie musste ebenfalls angestrengt überlegen. Sie kannte ihn nur als Justav. Justav der Berliner. Den vom Markt. Einen Nachnamen hatte sie nie gehört. Oder schlichtweg wieder vergessen.


    „Ist er ein Verwandter von Ihnen?“


    „Ein Freund“, erklärte Laurie sofort. „Er ist vorhin auf dem Antikmarkt zusammengeklappt. Wir wollen nur wissen, ob es ihm besser geht.“


    „Sie sind also keine Angehörigen? Dann darf ich Ihnen beim besten Willen keine Auskunft geben. Datenschutz.“


    Seda versuchte es trotzdem. „Aber Sie können uns doch wenigstens sagen, ob er…“ Sie stockte, suchte nach Worten. „…ob er noch lebt?“ Sie schluckte hörbar. Obwohl sie Justav erst heute kennengelernt hatte, lag ihr der Satz zentnerschwer auf der Zunge.


    Der Pfleger schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein. Darf ich leider nicht.“


    „Und wenn ich nur mal so allgemein frage?“ Laurie sah den Pfleger gar nicht mehr an. Ihr Blick wanderte an ihm vorbei, tief in den sterilen, schier endlosen Flur. „Zum Beispiel, ob hier heute schon jemand gestor… ben ist?“


    Noch während Laurie formulierte, las sie die Antwort bereits im Gesicht des Pflegers. Seine Züge wurden weicher, aber er schüttelte wieder den Kopf.


    „Ich verstehe Ihre Sorge, wirklich. Aber ich darf Ihnen nichts sagen. Setzen Sie sich bitte drüben in den Wartebereich, ich gebe dem Stationsarzt weiter, dass Sie hier sind.“


    „Na gut.“


    Die drei setzten sich auf die ungemütlichen Kunstledersitze. Nico nahm eine Flasche von dem dort bereitstehenden Wasser, trank einen großen Schluck und stellte sie zwischen seine Schuhe. Seda tippte eine kurze Nachricht an ihre Mutter, steckte das Handy aber gleich wieder weg. Laurie wippte nervös mit den Füßen – erst schnell, dann langsamer, dann wieder in hektischem Takt.

    Weiter tat sich nichts. Die Zeit schien zwischen den hellen Fliesen einzufrieren.

  • Eine halbe Stunde verging. Schwestern gingen vorbei, Pfleger, ein Arzt mit einem Klemmbrett, zwei Sanitäter mit einer leeren Trage. Niemand blieb stehen. Niemand sah sie an. Niemand konnte ihnen sagen, wie es um Justav stand.


    Laurie hielt es bald nicht mehr aus. Sie stand auf, tigerte den Gang entlang, immer bis zu der Tür mit dem roten Schild ZUTRITT VERBOTEN. Sie blieb davor stehen, als könne sie dahinter etwas hören, drehte wieder um und ging zurück zum Wartebereich.


    Im Vorbeigehen schnappte sie Gesprächsfetzen auf:

    „…auf Intensiv…“ „…warte noch auf die Laborwerte…“ „…Angehörige sind informiert…“ „…kann dauern…“

    Nichts davon gehörte zu ihnen, nichts zu Justav.


    Nico sah ihr hinterher, sagte aber nichts. Seda folgte Laurie mit den Augen, als würde sie einschätzen, ob sie eingreifen müsste. Laurie blieb irgendwann stehen, vergrub die Hände in den Taschen, atmete einmal tief durch und kam zurück.

    „Wie lange sitzen wir hier schon?“, murmelte sie.


    Nico sah auf seine Uhr. „Vierzig Minuten.“


    „Fühlt sich länger an.“


    Seda nickte nur. Wieder Stille.


    Die Zeit verstrich. Dann – wieder Stimmen auf dem Gang. Erst hörten sie kaum hin. Doch eine der Stimmen wurde lauter, sodass sie bald jedes Wort verstanden.


    „Schwester Michaela, haben Sie denn jetzt jemanden erreicht?“


    „Wegen dem Exitus von der Drei? Nein, ich hab immer noch keinen Namen…“


    „Hatte er gar keine Papiere dabei?“


    „Nein, sag ich doch. Er ist per RTW reingekommen. Von irgendeiner Veranstaltung. Ich weiß doch auch nichts! Ich bin hier ganz alleine, ich kann mich doch nicht um sieben Patienten gleichzeitig kümmern…“


    Beim Wort Exitus wurden die drei sofort hellhörig.


    Laurie war aufgesprungen, blieb aber wie angewurzelt am Platz stehen. Ihr Puls raste, der Atem wurde schneller, flacher. Nico trat neben sie und fasste sie sanft am Arm. Sie schaute ihn an, der Blick unruhig, die Augen glänzend.


    „Nein“, sagte sie. Nur dieses eine Wort. Leise, aber hart.


    Seda stand auf und ging den Stimmen nach. Sie fand Schwester Michaela im hell erleuchteten Stationszimmer.

    „Entschuldigung… wir haben das eben gehört. Das mit dem Exitus.“ Sedas Stimme war ruhig, aber merklich angespannt. „Wir warten wegen eines älteren Herrn. Von einer Veranstaltung. Das… ist er das?“


    Die Schwester sah auf, hielt kurz inne. Kein Wegschauen, kein hektisches Blättern, kein Ausweichen. Nur ein ruhiger, ernster Blick.


    „Ich darf Ihnen keine Auskunft geben“, sagte sie schließlich. Neutral. Dienstlich. Aber ihre Stimme war weicher als zuvor.


    Seda nickte langsam. „Sollten wir… noch warten?“


    Die Schwester atmete einmal tief durch, schloss die Akte in ihrer Hand und legte sie beiseite. „Setzen Sie sich bitte wieder in den Wartebereich“, sagte sie leise. „Ein Arzt kommt gleich zu Ihnen.“


    Sie sagte nicht, warum. Sie sagte nicht, was passiert war. Aber sie sagte auch nicht, dass es nicht Justav war. Und genau diese Art von Schweigen war Antwort genug.


    Seda kam zurück, und Laurie las es sofort in ihrem Gesicht. Seda nickte nur einmal, knapp. Mehr brauchte es nicht.


    „Kommt“, murmelte Nico und drückte sanft Lauries Schulter. „Lass uns gehen. Hier können wir nichts mehr tun.“


    Laurie nickte mechanisch. Die drei machten sich auf den Weg Richtung Ausgang, langsam, nebeneinander in einer Reihe. Keiner sagte ein Wort.


    Da hörten sie Schritte hinter sich.

    „Entschuldigen Sie…“

    Die Schwester kam ihnen nach, die Akte in der Hand. Sie wirkte nicht gehetzt, nicht streng — nur ernst.

    „Ist eine von Ihnen Laura?“


    Laurie blieb stehen. „Das ist... das bin ich.“ Ein kurzer Seitenblick von Seda.


    Die Schwester nickte. „Gut. Dann… dann soll ich Ihnen etwas ausrichten.“

    Sie sah kurz auf die Akte, dann wieder zu Laurie. Ihre Stimme blieb ruhig, sachlich — aber nicht kalt.

    „Der Herr, um den es geht… er hat noch etwas gesagt.“ Ein kurzer Atemzug. „Er meinte, Laura solle mal ins Handschuhfach schauen.“

    Mehr sagte sie nicht. Mehr durfte sie nicht. Nur diese kurze, letzte Botschaft.


    Sie hielt die Akte etwas fester, als würde sie sich daran orientieren, dann nickte sie ihnen zu und ging zurück Richtung Station.


    Laurie stand da, unbeweglich, die Hände in den Taschen verkrampft. Nico neben ihr, Seda ein Stück dahinter.


    „Okay“, sagte Laurie leise. Nicht als Zustimmung. Nur als Feststellung.


    Dann gingen sie weiter. Diesmal ohne sich umzudrehen.

  • Laura warf gerade einen Müllsack in den Laderaum des Escalade und Lisa kurvte mit der Kehrmaschine um die Säulen in der Halle, als Hook wieder vor dem offenen Tor hielt. Die Beifahrertür wurde geöffnet, Laurie und Nico stiegen aus. Seda blieb noch kurz am Steuer sitzen, tippte eine Nachricht ins Handy.


    Die zwei kamen in die Halle. Laura ging auf sie zu.


    „Und?“


    „Er ist gestorben“, sagte Nico knapp.


    Laura verzog das Gesicht, ging kurz in die Hocke, als hätte ihr jemand die Luft weggenommen. Lisa sah das und kam angefahren, stoppte die Kehrmaschine und stieg ab.


    „Tot?“, fragte sie.


    Nico nickte nur.


    Laura stand wieder auf. Lisa legte den Arm um ihre Schulter, ohne etwas zu sagen.


    Dann sahen sie sich um.

    Laurie stand an Justavs Stand. Still. Regungslos. Sie stand einfach nur da, als würde sie versuchen, irgendwas festzuhalten – die Form eines Stuhls, die Ordnung seiner Kisten, die Art, wie er immer saß.


    Laura und Lisa gingen zu ihr. Nico folgte. Seda kam dazu, steckte das Handy weg.


    Niemand sprach.

    Alle betrachteten den leeren Trödelstand. Den Stand, an dem vor ein paar Stunden noch Justav gesessen hatte. Das Berliner Original, das von Anfang an dabei gewesen war und zu Lauras Märkten gehörte wie der Geruch von Kaffee am Morgen, das Scheppern der Kisten, das erste Lachen der Händler.

    Laurie hob eine Hand, berührte kurz die Tischkante. Nur ein Hauch. Dann ließ sie sie wieder sinken.


    Laura atmete schwer aus. „Ich habe immer gedacht, Justav ist unkaputtbar. Dass der uns alle überlebt“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht laut, nicht pathetisch. Es klang wie eine schlichte, nun widerlegte Tatsache.


    Laurie nickte kaum merklich. Seda stand neben ihr, die Handflächen aneinandergelegt, die Fingerspitzen leicht gegen die Lippen gepresst. Ihr Blick war starr auf die Holzkisten gerichtet. Sie schwieg – und genau dieses Schweigen war in diesem Moment richtig.


    Nico sah von Laurie zu Laura und wieder zurück zum Stand. Er wirkte, als würde er nach Worten suchen, aber keinen Satz finden, der der Situation gerecht wurde. Lisa wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl sie gar nicht schwitzte.


    Dann standen sie einfach nur da. Fünf Menschen, ein verwaister Trödelstand, ein stiller Moment.


    Schließlich brach Nico das Schweigen. Er trat hinter den Tisch, schob ein paar Kisten beiseite und hob eine alte Wolldecke an.


    „Was machst du?“, fragte Laurie matt.


    „Ich suche nach seiner Brieftasche. Die im Krankenhaus brauchen doch Papiere.“


    Laurie verzog kurz den Mundwinkel. Lisa kam herüber, kniete sich ebenfalls hin und suchte mit. Zwischen rostigen Werkzeugen, stumpfen Münzen und stapelweise zerknitterten Zeitungen, die Justav zum Einpacken von zerbrechlichem Trödel benutzte, fanden sie nichts – bis auf einen schweren Schlüsselbund.


    „Da“, sagte Lisa und hielt ihn hoch. „Seine Schlüssel. Vielleicht liegen die Papiere im Wagen?“


    Laura nahm ihr den Bund ab, drehte ihn einmal prüfend im fahlen Hallenlicht und suchte nach dem Autoschlüssel. Dann drehte sie sich um und ging nach draußen.


    Auf dem Hof war es längst stockdunkel geworden. Laura musste einen Moment suchen, wo Justav seinen Wagen abgestellt hatte. Kurz darauf rollte der alte Volvo mit dem kleinen Anhänger am Haken in die Halle. Der Motor tuckerte im Leerlauf weiter, als Laura ausstieg. In der Hand hielt sie eine verschlissene Lederbörse, deren Kanten schon aufgeplatzt waren.


    „Hier“, sagte sie und trat an die Gruppe heran. „Ich habe was. Lag direkt auf dem Fahrersitz.“


    Sie reichte die Börse Nico. Er öffnete sie behutsam, als könnte das morsche Leder jeden Moment zerfallen. Ein Personalausweis. Eine Krankenkassenkarte. Ein paar vergilbte Quittungen. Und ein Foto, dessen Farben schon halb verblasst waren.


    „Das Handschuhfach“, warf Seda plötzlich ein.


    Laura zog die Stirn kraus. „Was?“


    Nico antwortete: „Er hat noch was gesagt, bevor er…“

    Weiter kam er nicht. Laurie schluchzte auf und drehte sich abrupt weg. Lisa reagierte sofort, ging zu ihr, legte die Arme um sie und hielt sie fest. Laura blickte kurz zu den beiden, dann sah sie wieder Nico und Seda an.


    Seda erklärte ruhig: „Die Krankenschwester meinte, er hätte kurz vorher noch etwas gesagt. Für dich. Du sollst ins Handschuhfach gucken.“


    Laura zog irritiert die Brauen zusammen. „Ich?“


    Seda nickte. „So hat sie es gesagt. Jemand soll Laura ausrichten, sie soll ins Handschuhfach gucken. Mehr weiß ich auch nicht.“


    Lauras Blick wanderte zum Volvo. Der Wagen tuckerte immer noch vor sich hin, die Fahrertür stand offen. Sie ging hinüber, setzte sich auf den abgewetzten Sitz und drehte den Zündschlüssel um – der Motor verstummte augenblicklich. Dann beugte sie sich nach rechts und drückte die Entriegelung des Handschuhfachs. Ein leises Klack, aber die Klappe blieb verschlossen.

    Sie drückte noch einmal, dann ein drittes Mal. „Wie geht’n das Ding auf?“, rief sie frustriert aus dem Wagen.

  • Seda kam herüber, öffnete die rechte Tür, setzte sich auf den Beifahrersitz und drückte die Entriegelung – diesmal mit mehr Gefühl. Der Deckel sprang auf – und fiel sofort komplett ab.


    „Ach, guck mal da“, sagte Laura trocken.


    „Ups“, murmelte Seda und hob das Plastikteil vom Boden auf. „Jetzt habe ich es kaputtgemacht.“ Verlegen legte sie den Deckel oben auf das Armaturenbrett und stieg wieder aus.


    Laura begann, den Inhalt des Fachs vorsichtig zu durchwühlen. Ein paar zerknitterte Tankbelege. Ihre eigenen Standgeldquittungen der letzten Märkte. Kleine Werkzeuge. Mehrere klebrige, halbleere Bonbontüten. Nichts Besonderes. Nichts Dramatisches. Nur Justavs Alltag, zusammengequetscht in einem kleinen, alten Fach.


    Draußen lehnte Laurie an der Motorhaube des Volvo. Sie sah nicht hin. Sie spürte nur das warme Metall des Wagens unter ihren Händen und starrte auf den leeren Stand. Auf die Lücke, die Justav hinterlassen hatte.


    Seda kam zu ihr, setzte sich neben sie und legte ihr stumm eine Hand auf den Rücken. Sie hielt sie einfach – ohne ein einziges Wort.


    Laura stieg ebenfalls aus und nahm Nico die Papiere ab. Dann blickte sie zu Laurie, sah die zwei glänzenden Tränen, die über ihre Wangen liefen. „Wir packen das schon“, sagte sie leise. Nicht tröstend. Nicht erklärend. Nur als ruhige, erwachsene Tatsache.


    Dann kam Lisa hinzu, setzte sich noch einmal in den Wagen und blätterte die Quittungen durch. Sie räumte den restlichen Inhalt heraus, legte mit spitzen Fingern die Bonbontüten und das Werkzeug auf den Boden und suchte systematisch weiter. Dabei fiel ihr etwas auf. Ganz hinten, halb im Spalt der Verkleidung eingeklemmt, steckte ein weißer, zerknitterter Briefumschlag.


    Sie zog ihn behutsam heraus. Auf der Vorderseite stand ein einziges Wort. Krakelig, schief, mit fast zittriger Hand geschrieben: Laura.

    Lisa stieg aus und ging um den Volvo herum. Laura und Nico hatten gerade angefangen, ein paar Kisten auf dem Stand zusammenzustellen – nicht, um sofort alles abzubauen, sondern um Ordnung zu schaffen, ohne etwas zu überstürzen. Lisa hob den Umschlag leicht an und wedelte kurz damit.


    „Hier“, sagte sie. „Ich habe was gefunden.“

    Sie reichte Laura den Umschlag. Laura nahm ihn entgegen, starrte auf die krakelige Schrift und setzte sich schwer atmend zurück auf den Fahrersitz. Sie drehte das Papier leicht im Licht, als würde sie prüfen, ob irgendwo ein versteckter Hinweis war. Nichts.


    „Vielleicht…“, begann sie, stockte aber sofort. „Vielleicht meint er gar nicht mich. Der Name ist ja nun nicht soo selten.“


    Lisa sah sie verständnislos an. „Wen denn sonst?“


    Laura antwortete nicht. Sie wirkte, als würde sie innerlich fieberhaft abgleichen, ob Justav noch eine andere Laura gekannt haben könnte. Es war kein falsches Zögern – eher der Reflex, nicht sofort etwas an sich zu reißen, das ihr vielleicht gar nicht zustand.


    Sie atmete einmal tief ein, einmal aus. Erst dann fuhr sie mit dem Daumen unter die Lasche des Umschlags. Sie zögerte erneut. Nicht aus Angst. Aus Respekt. Aus dem Gefühl heraus, dass das Öffnen dieses Briefes etwas endgültig machen würde.


    Laurie stand weiter vorn am Auto, die Arme eng um den eigenen Körper geschlungen, den Blick starr auf den Betonboden gerichtet. Sie wirkte, als würde sie jeden Moment wieder losweinen – oder einfach losrennen.


    Laura sah zu ihr. Dann wieder auf den Umschlag.


    „Okay“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen.


    Sie zog ihr kleines Taschenmesser aus der Jackentasche und ritzte die Kante vorsichtig auf. Dann zog sie ein einzelnes Blatt heraus. Es war mehrfach gefaltet, die Ecken waren ganz weich. Sie schlug es auf. Die Schrift war unsicher, zittrig, aber lesbar genug. Laura las. Langsam. Ohne ein Wort zu sagen. Nur ihre Augen wanderten über die Zeilen.


    Dann hob sie den Blick. „Laurie“, sagte sie leise.


    Laurie reagierte sofort – ein winziges Zusammenzucken, als hätte jemand ihren Namen mitten in der Stille zu laut gerufen. Sie sah kurz über die Schulter zu ihrer Mutter. „Was?“


    Laura hielt das Blatt etwas höher, aber kam ihr nicht näher. „Es ist… für dich.“


    Laurie schüttelte heftig den Kopf. „Nicht jetzt.“


    „Laurie—“


    „Nein!“, unterbrach sie ihre Mutter. Sie hob die Hand – abwehrend, fahrig. Ihre Stimme wurde lauter, fast aggressiv. „Shut up! Ich will das nicht. Jetzt nicht!“

    Sie stieß sich von der Motorhaube ab und wirbelte herum. Ihr Atem wurde schneller, stoßweise, aber sie weinte nicht laut. Der Schmerz war völlig sichtbar.


    „Laurie“, versuchte Seda es vorsichtig und machte einen Schritt auf sie zu.


    Doch Laurie wich sofort zurück. „No! Ich kann das jetzt nicht hören. Nicht so, nicht heute!“


    Und dann wandte sie sich ab und ging. Nicht rennend. Nicht flüchtend. Nur schnell genug, um Distanz zwischen sich und die anderen zu bringen. Sie ging hinüber zur großen Bühne am Rand der Halle und setzte sich auf die seitliche Treppe. Sie zog die Beine eng an den Oberkörper, vergrub den Kopf zwischen den Knien und verharrte so.


    Seda machte instinktiv einen Schritt, um ihr zu folgen, stoppte dann aber. Sie verstummte.


    Laura sah ihrer Tochter hinterher, das Blatt in der einen Hand, den geöffneten Umschlag in der anderen. Sie wirkte nicht überrascht über den Ausbruch. Nur unendlich traurig. Und sehr, sehr ruhig.


    Lisa trat dicht neben sie. „Was steht drin?“


    Laura blickte zurück auf das zittrig beschriebene Blatt. Ihre Stimme war kaum mehr als ein ferner Atemzug. „Er… er hat alles ihr vermacht.“


    Nico senkte betreten den Blick. Seda schloss für einen Moment gequält die Augen.


    Laura faltete das Blatt wieder zusammen. Sauber. Akkurat. Langsam.

    „Wir kümmern uns darum“, sagte sie und steckte den Brief ein. „Morgen.“


    Es klang nicht laut. Nicht bestimmt. Nur als unumstößliche Tatsache.

  • Heute gibt's nur ein relaiv kurzes Zwischenkapitel


    Kapitel 41: Zwischen seinen Sachen

    Lisa kam in die Küche, Laura war schon wach. Sie saß am Tisch, in der Hand wieder das Blatt. Das Blatt von gestern – Justavs Vermächtnis aus dem Handschuhfach. Sie las es, wieder und wieder. Die paar handschriftlichen Sätze, die doch so viel bedeuteten. Für sie, für Justav — und vor allem für Laurie.


    Lisa setzte sich zu ihr, nahm das Dokument vorsichtig an sich, las es durch. „Ist auf jeden Fall gültig“, bemerkte sie trocken. „Handschriftlich, unterschrieben – mehr muss nicht sein. Was willst du damit machen?“


    Laura sah auf. „Was meinst du?“


    „Na ja. Noch weiß niemand davon. Außer uns fünf…“


    „Du meinst, ich soll das Blatt einfach… verschwinden lassen?“


    „Na ja, wir könnten so tun, als hätte es nie existiert. Als hätten wir es nicht gefunden. Mit dem Papier aus dem Handschuhfach entsorgt. Ich meine, hätte nicht zufällig die Schwester gestern noch mit Gustav gesprochen und wäre Laurie nicht hingefahren und hätte davon erfahren, dass er…“


    Laura schüttelte den Kopf. „Nein. Das können wir nicht machen. Das sind wir Gustav schuldig. Es ist sein letzter Wille, dass Laurie seine Sachen bekommt, und dann müssen wir das auch respektieren. Ich bringe das Schreiben später zum Gericht, dann können die alles Weitere in die Wege leiten.“


    Lisa nickte kurz. „Okay. Und Laurie kann selbst entscheiden, ob sie das Erbe antreten will. Sie könnte es ja auch ausschlagen – theoretisch.“


    „Könnte sie, ja. Wenn man wüsste, was dahinter steckt. Er wird ja keinen – keine Ahnung – keinen Schuldenberg hinterlassen haben. Oder eine Wohnung voller Müll. Oder… ach, ich weiß auch nicht.“


    „Nein, das traue ich ihm nicht zu. Gustav war ein Unikum, aber kein Chaot. Kein Messie, oder Müllsammler. Ein lieber netter Kerl – meistens.“ Lisa machte eine kurze Pause. „Ach Mensch, ich kann es noch gar nicht richtig fassen, dass er nicht mehr da sein soll.“


    Laura hob den Blick, sah Lisa direkt an. „Vielleicht sollten wir vorher… einfach mal nachsehen. Bevor ich den Brief zum Gericht bringe. Wir haben doch seine Schlüssel. Mal kurz reingucken. In seine Wohnung. Und falls jemand fragt – wir könnten ja sagen, wir wollten nur schnell nach dem Rechten sehen. Vielleicht hatte er ja Haustiere, die dringend versorgt werden müssen. Oder so...“


    „Und davon willst du dann abhängig machen, ob du das Testament ablieferst oder es verschwinden lässt?“


    „Nein, oder?“


    „Nein. Das würde Laurie auch nicht mitmachen.“


    „Stimmt. Nie wieder lügen, verdecken, verschwinden lassen. Das haben wir ihr versprochen.“


    Lisa nickte. „Und deshalb gehen wir jetzt zu ihr rüber. Komm.“



    Gemeinsam kamen sie aus der Wohnung und – blieben gleich wieder stehen. Lauries Tür stand offen. Lisa sah auf ihr Handy, es war kurz vor acht. „Ist die schon zur Arbeit? Ich hab sie nicht wegfahren gehört.“


    „Warum hätte sie dann die Tür offen gelassen? Komm, wir sehen nach. Vielleicht ist sie nur mal kurz draußen. Den Müll runterbringen...“


    Leise gingen sie in Lauries Wohnung, riefen nach ihr. „Vielleicht ist sie einfach so durch den Wind, dass sie die Tür vergessen hat…?“


    Sie sahen kurz ins Wohnzimmer, Küche und Bad wirkten unbenutzt, das Bett dagegen sah aus, als wäre Laurie gerade erst aufgestanden. Auf dem Stuhl hingen ihre Arbeitsklamotten. Lisa sah vorn aus dem Fenster. „Hook steht unten. Weggefahren ist sie nicht.“


    „Wo ist sie dann?“, fragte Laura, schloss das Schlafzimmerfenster und strich kurz das Bettzeug glatt.


    „Vielleicht unten? In der Halle. Komm, wir gucken nach.“


    Sie gingen die Treppe runter, vorbei an den Büros, zur Verbindungstür zur Halle. Lisa drückte die schwere Stahltür auf, ging in die Halle. Dort standen noch der Volvo und Gustavs Sachen. Aber – sie standen ein bisschen anders als gestern Abend, als sie die Halle verlassen hatten. Sie gingen hin. Im Volvo auf dem Fahrersitz saß Laurie – schlafend.


    Lisa klopfte leise an die Scheibe – einmal vorsichtig, dann nochmal etwas fester. Laurie schlug die Augen auf. Vorsichtig öffnete Lisa die Tür. Laurie rieb sich die Augen, sah sich kurz um, als müsste sie selbst erst verstehen, wo sie war.


    Laura stellte sich neben Lisa, sah Laurie an. Sie trug ihr graues Schlafshirt und eine Jogginghose – keine Schuhe. Lisa trat beiseite, Laura hockte sich neben das Auto, legte eine Hand auf Lauries Oberschenkel. „Guten Morgen, mein Spätzchen. Was machst du hier?“


    Leicht verwirrt sah Laurie die beiden an. „Ich… ich hab keine Ahnung. Ich weiß gar nicht mehr, dass ich runtergegangen bin.“

    Etwas ratlos sahen Laura und Lisa sich an, dann wieder zu Laurie.


    Die erinnerte sich bruchstückhaft. „Ich weiß noch, wie ich mit Seda getextet hab. Und mit Nico. Er hat kurz geschrieben, dass er wieder zuhause angekommen ist. Und Seda. Ich weiß nicht mehr. Die ist mitgefahren, glaub ich.“


    „Zu Nico? Nach Marburg?“


    „Wieso Marburg? Ach so. Ja, nein. Ich weiß auch nicht. Und dann hab ich von Gustav geträumt. Irgendein wirres Zeug. Ich hab mit ihm einen Markt gemacht. Und er – er war auf einmal weg. Und ich wusste nicht mehr, was ich mit seinen Sachen machen soll. Weil ich keine Preise wusste… Total bizarr, oder? Irgendwie komplett surreal. Und jetzt – jetzt bin ich hier, zwischen seinem Zeug, in seinem Auto. Warum?“


    Laura und Lisa sahen sich erneut an. Kein großes Drama, kein Entsetzen, nur dieses stumme, mütterliche „Okay, das müssen wir jetzt ganz ruhig sortieren“.


    Laura setzte an, ihre Stimme war betont ruhig und sachlich: „Du bist wohl heute Nacht im Schlaf noch mal runtergegangen. Nach allem…“ Sie suchte kurz nach dem passenden Wort, fand keines, das nicht zu schwer gewogen hätte. „…nach gestern halt.“


    Lisa ergänzte nüchtern: „Wir haben dich gestern Abend nicht mehr gehört. Und als wir heute früh nach dir sehen wollten, stand deine Wohnungstür einen Spalt weit offen. Und du warst weg.“


    Laurie zog die Stirn kraus. „Offen?“


    „Ja“, sagte Laura sanft. „Nicht weit. Nur angelehnt. In der Wohnung warst du nicht, aber Hook steht draußen auf dem Hof. Da wussten wir, dass du hier irgendwo sein musst.“


    Lisa nickte bekräftigend. „Und dann haben wir dich hier gefunden. Im Volvo. Schlafend. Mehr ist nicht passiert.“

    Keine Vorwürfe. Keine tiefenpsychologische Interpretation. Nur die nackten Fakten.


    Laurie sah suchend zwischen den beiden hin und her, als müsste sie erst prüfen, ob die Realität wirklich so tröstlich banal sein durfte.


    Laura fuhr fort, leise, aber unmissverständlich klar: „Du warst gestern einfach völlig überfordert. Das ist doch völlig verständlich. Du hast dich hierhergesetzt, wahrscheinlich weil du bei seinen Sachen sein wolltest. Bei ihm. Und dann bist du einfach eingeschlafen. Das ist alles.“


    Lisa ergänzte trocken und ohne jede Wertung: „Kein Drama. Kein Blackout. Nur ein verdammt beschissener Tag und viel zu wenig Schlaf.“


    Laurie stieß den Atem aus. Es war keine echte Erleichterung, eher ein inneres Sortieren der Gedanken.


    Laura legte eine Hand an den Türrahmen des Volvo. „Komm mit rauf und leg dich wieder ins Bett. Und später reden wir dann, wenn du dich danach fühlst. Nimm dir erst mal ein paar Tage frei. Ich rufe Tom an und regel das.“


    Laurie nickte langsam. Nicht, weil sie restlos überzeugt war — sondern weil diese bodenständige Erklärung in diesem Moment einfach leicht genug war, um sie zu akzeptieren


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  • Gegen Nachmittag hatte Laurie sich wieder etwas gefangen. Gemeinsam mit Laura hatte sie Gustavs Trödelbestand in seinem Anhänger verstaut, diesen abgekuppelt und in eine freie Hallenecke geschoben. Der Volvo stand jetzt auf dem leeren Platz des Pacers in Lauries Werkstatt. Als Tom von Laura erfahren hatte, was passiert war, hatte er ihr kurzerhand die ganze Woche freigegeben. So lag Laurie nun unter dem dunkelblauen Kombi, um ihn mal gründlich durchzuchecken. Ein Stück Gustav, ein Stück seiner Geschichte. Und jetzt wohl – ihr neues Auto?


    Schon bald entdeckte sie die ersten Schwachstellen: rostige Bremsleitungen, eine fast wirkungslose Handbremse, verräterische Wasserspuren am Kühler. Mit einem milden Lächeln stöhnte sie leise vor sich hin. „Ach, Justav…“


    Sie saß jetzt auf ihrem alten Drehstuhl und prüfte am Laptop die Verfügbarkeit der Ersatzteile, als Laura und Lisa die Werkstatt betraten.


    „Na, geht’s wieder?“, fragte Lisa und reichte ihr eine Papiertüte.


    Laurie nahm sie entgegen und blickte hinein. Sie zog einen Berliner heraus und musste unwillkürlich grinsen. Das Gebäck war liebevoll verziert mit zwei Augen aus Zuckerguss und einer Brille aus dunkler Schokolade.

    „Ein Justav“, lachte sie leise und biss herzhaft hinein.


    Während sie kaute, wischte sie sich mit dem Handrücken ein paar Zuckerkrümel vom Kinn und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. „Die Bremsleitungen sind Schrott“, murmelte sie. „Und der Kühler ist inkontinent.“


    Laura lehnte sich gegen die Werkbank und verschränkte die Arme. „Klingt nach einem echten Justav.“


    „Ja.“ Laurie tippte ein paar Teilenummern ein. „Der hat das Ding geliebt, aber gepflegt hat er ihn definitiv nicht.“


    Lisa legte eine zweite Papiertüte auf die Werkbank und bückte sich kurz, um unter den Wagen zu spähen. „Und? Lohnt sich das überhaupt noch?“


    Laurie zuckte mit einer Schulter. „Klar. Ist ein B230. Der läuft auch dann noch, wenn der Rest vom Auto schon zu Staub zerfallen ist.“ Sie nahm noch einen Bissen von dem Berliner und sprach mit vollem Mund weiter: „Und… keine Ahnung. Irgendwie fühlt sich das richtig an.“


    Laura nickte langsam. „Ein Stück von ihm.“


    „Ja.“ Laurie schob den Drehstuhl zurück, stand auf und streckte sich ausgiebig. „Und jetzt irgendwie meins.“


    Lisa lächelte schmal. „Du klingst wieder ganz wie du.“


    Laurie zog eine Augenbraue hoch. „Wie soll ich denn sonst klingen?“


    Laura antwortete nicht sofort. Ihr Blick wanderte kurz zu dem Platz, an dem sonst der Pacer gestanden hatte, dann sah sie wieder zu Laurie. „So. Genau so.“


    Laurie folgte ihrem Blick, schwieg aber. Sie griff nach dem Laptop, klappte ihn mit einem leisen Klacken zu und schob den Drehstuhl mit dem Fuß zurück unter die Werkbank.

    „Ich fahre gleich in die Firma und bestelle die Leitungen von da“, sagte sie. „Und einen neuen Kühler. Und…“ Sie hielt inne, blickte auf den Volvo, dann auf Laura und Lisa. „Danke für den Justav.“


    Lisa grinste. „War Lauras Idee. Ich wollte dir eigentlich einen Apfel mitbringen.“


    Laurie schnaubte. „Sehr witzig.“


    Laura hob abwehrend die Hände. „Ich fand einfach, du brauchst heute was Süßes. Und irgendwas, das nach Gustav aussieht.“


    Laurie nickte nur. Ein stilles, kurzes, absolut echtes Nicken.


    Dann wurde Lauras Miene etwas ernster. „Du, ich will morgen früh zum Amtsgericht, um das Testament abzuliefern. Und vorher… haben wir uns gedacht, fahren wir mal kurz bei seiner Wohnung vorbei. Nur mal kurz reingucken. Vielleicht…“


    „Vielleicht hatte er ja ein Haustier, das dringend versorgt werden muss“, übernahm Lisa prompt.


    Laurie runzelte die Stirn. „Ein Haustier? Gustav?“, fragte sie in einem Tonfall, der unmissverständlich klarmachte: Ihr seid doch einfach nur neugierig.


    Lisa erwiderte nichts. Kein Grinsen, kein ertapptes Wegschauen. Nur ein kurzes, stilles Einfrieren ihrer Gesichtszüge – ein stummes Ja, stimmt schon, ohne es laut auszusprechen.


    Laura schob sanft nach, ruhig und sachlich: „Es geht nur darum, dass wir nichts übersehen, Laurie. Wenn da irgendwas ist, was sofort geregelt werden muss… dann sollten wir es jetzt wissen.“


    Laurie sah ihre Mutter an. Da war kein Widerstand mehr in ihrem Blick, nur noch ein leises, rationales Abwägen.


    „Okay“, murmelte sie schließlich. „Aber nur kurz.“


    Laura nickte. Lisa auch. Mehr Worte brauchte es nicht.

  • Kapitel 42: Pikachu und Sir Wellington

    Laurie saß auf der Rückbank und verfolgte durch die getönte Scheibe, wie Laura und Lisa die breiten Stufen zum Amtsgericht hinaufgingen. Lisa drehte sich auf halbem Weg noch einmal um und hob kurz die Hand, dann verschwanden beide im Inneren des sandgrauen Vorkriegsbaus. Laurie rutschte nach vorn zwischen die Vordersitze, schaltete das Radio ein, zog ihr Handy aus der Tasche und begann, Seda eine Nachricht zu tippen.


    Die Wartezeit zog sich zäh wie Kaugummi. Als Laura und Lisa nach fast einer Stunde endlich wieder auftauchten, telefonierte Laura noch im Gehen. Sie hatte sich leicht abgewandt, die Stirn tief in Falten gelegt. Lisa öffnete die Beifahrertür, kletterte auf den Sitz, stieß einen tiefen Seufzer aus und drehte sich auf dem Polster zu Laurie um.


    „So, jetzt ist es amtlich“, stellte sie fest, fast ein bisschen erleichtert. „Wir haben das Schreiben abgegeben. Die Sachbearbeiterin war zwar nett, aber… na ja, Beamte halt. Sie hat erst mal alles eingescannt. Das Testament wird jetzt intern erfasst, dann geht’s in die Vorprüfung. Das dauert wohl ein bisschen, weil die gerade extremen Personalmangel haben. Ein, zwei Wochen, vielleicht drei, bis die erste Rückmeldung kommt.“


    Laurie nickte stumpf. „Mhm.“


    Lisa fuhr fort, routiniert, fast selbst im Behördenmodus: „Die prüfen jetzt die Form. Also ob es wirklich komplett handschriftlich verfasst ist, ob die Unterschrift eindeutig ist, ob Datum und Ort passen. Das ist das Standardprozedere. Danach schauen sie im zentralen Melderegister nach, ob es noch jemanden gibt, der gesetzlich erbberechtigt wäre. Geschwister, Kinder, entfernte Verwandte. Das müssen sie von Amts wegen machen, selbst wenn es unwahrscheinlich ist. Und wenn sich niemand meldet, geht’s weiter in die eigentliche Entscheidung.“


    Laurie starrte starr aus dem Seitenfenster auf die kahlen Bäume vor dem Gericht. „Aha.“


    „Und dann“, dozierte Lisa weiter, „wenn alles sauber durchläuft, bekommst du den Erbschein. Das dauert dann noch mal… na ja, sechs, vielleicht acht Wochen. Je nachdem, wie viel da gerade auf dem Tisch liegt. Sie meinte, im Moment ertrinken sie in Arbeit.“


    Laurie blinzelte verlangsamt. „Okay.“


    Lisa hielt kurz inne. Sie musterte Laurie eingehend und erkannte den völlig leeren Blick in ihren Augen. „Du hörst mir gar nicht mehr zu, oder?“


    „Doch“, sagte Laurie matt. „So halb.“


    Lisa nickte verstehend und klopfte ihr kurz aufs Knie. „Ich hör schon auf. Die Sache läuft jetzt jedenfalls.“


    In diesem Moment öffnete sich die Fahrertür. Laura stieg ein und steckte ihr Handy in die Jackentasche. „Alles gut bei dir?“, fragte sie Laurie, ihre Stimme ruhig und ohne jeden drängenden Unterton.


    „Klar. Was machen wir jetzt? Fahren wir noch zur Wohnung?“


    Laura sah fragend zu Lisa, die Gustavs Schlüsselbund aus der Tasche zog. Ein gutes Dutzend verschiedenster Schlüssel klirrten leise im stillen Auto.

    „Wir fahren hin“, entschied Lisa. „Nur ganz kurz. Ich will einfach sehen, ob irgendwas… na ja. Ob alles aus ist. Das Bügeleisen oder so. Und wie es da drinnen überhaupt aussieht...“


    Laurie verzog spöttisch den Mundwinkel. „Tss. Justav und 'n Bügeleisen. Das passt zusammen wie Stratos und 'ne Kiste Himbeerlimo.“


    Laura schnaubte leise amüsiert auf und drehte den Zündschlüssel herum. Der Motor erwachte zum Leben. „Zehn Minuten“, versprach sie. „Wir gehen kurz rein, verschaffen uns einen Überblick und fahren wieder.“



    Der Escalade rollte wenig später auf dem Parkstreifen des Köpenicker Wegs aus und kam vor Hausnummer 6 zum Stehen. Lisa stieg aus und streckte sich kurz im nasskalten Wind. Laura blieb einen Moment hinter dem Steuer sitzen und betrachtete das Gebäude schweigend.


    „Sieht besser aus, als ich dachte“, sagte sie schließlich. „Alt, aber nicht runtergekommen.“

    Das Haus war pastellgrün gestrichen, ein Sechsparteienbau, der schon ein paar Jahrzehnte gesehen hatte. Die Fenster wirkten älter, aber gepflegt. An den Balkonen zur Straße hingen kleine Satellitenschüsseln, alle in leicht unterschiedlichen Winkeln, wie zufällig gen Himmel ausgerichtet. „Fast so wie unser Haus damals“, ergänzte sie leise. „Nur in grün.“


    Laurie stieg ebenfalls aus und sah sich um. Eine durchschnittliche Straße, eine durchschnittliche Nachbarschaft. Das also war Gustavs Zuhause gewesen. Sie hatte sich insgeheim etwas Schrulligeres vorgestellt. Einen Hof voller altem Kram, einen morschen Zaun, ein Warnschild, das niemand ernst nimmt, aber trotzdem alle fernhält. Stattdessen: Ordnung. Stille. Ein Haus, das sich vor seinen Nachbarn nicht erklären wollte.


    Laura kam um den Wagen herum. „Wenn du willst, gehen wir erst mal allein rein und du bleibst hier im Warmen. Oder du kommst mit. Ganz wie du magst.“

    Lisa nickte bekräftigend. „Es ist nichts Großes. Nur ein kurzer Blick. Wir wollen nur mal schauen, ob alles okay ist.“


    Laurie atmete einmal tief ein, schob die Hände tief in die Jackentaschen und blickte hoch zu den Fenstern im ersten Stock. „Ach, was soll’s. Ich komm mit.“


  • Laura und Lisa gingen voran, ruhig, ohne Hast. Laurie folgte ihnen mit ein paar Schritten Abstand. Sie trug dieses merkwürdige Gefühl in sich, einen Ort zu betreten, der ab heute rechtlich zu ihr gehören sollte, ohne sich auch nur im Geringsten so anzufühlen.


    Im Hauseingang fuhr Laura mit dem Finger suchend über die Namensschilder auf den Briefkästen. „Nee… nee… hier – erste Etage“, sagte sie, als sie auf Gustavs Namen stieß. Sie blieb einen Moment davor stehen. Der Nachname wirkte seltsam fremd, obwohl sie ihn natürlich kannte. Von seinen Marktunterlagen, von amtlichen Formularen, die er ihr über die Jahre manchmal in die Hand gedrückt hatte. Aber ihn hier zu lesen, an einem Briefkasten, an dem er täglich vorbeigegangen war, fühlte sich eigenartig an.


    Sie traten ein. Das Treppenhaus war kühl, die Luft leicht feucht, wie es in alten Häusern oft der Fall war. Unten im Flur stand ein abgestellter Kinderwagen, daneben ein kleines pinkes Laufrad mit einem fehlenden Lenkergriff. Unter den Briefkästen stapelten sich ein paar Zeitungen – Wochenblätter, die niemand mitgenommen hatte. Es roch nach feuchtem Stein und künstlichem Zitronen-Reiniger. Die steinernen Stufen gaben kein Geräusch von sich, nur das gedämpfte Klacken ihrer eigenen Schritte hallte leise nach. Auf den Fensterabsätzen standen ein paar Topfpflanzen, halb vertrocknet, halb bemüht. Irgendjemand kümmerte sich darum, aber sichtlich ohne jede Regelmäßigkeit.

    Von weiter oben drang das gedämpfte Murmeln eines Fernsehers herab, eine Wohnungstür schlug ins Schloss. Sonst nichts.


    Vor der Tür im ersten Stock blieb Lisa stehen. Sie holte den Schlüsselbund aus ihrer Jackentasche. Die kleinen, bunten Anhänger, die Gustav immer dabeigehabt hatte, klirrten hell. Sie starrte den Bund an, als müsste sie sich erst vergewissern, dass es wirklich seiner war. Dann sah sie fragend zu Laurie.

    „Oder willst du?“


    Laurie sah sich kurz im Flur um, ihr Blick blieb am Klingelschild der Wohnung gegenüber hängen. „Bender“, murmelte sie abwesend.


    Laura fragte: „Kennst du den?“


    Laurie schüttelte den Kopf und wandte sich wieder an Lisa. „Mach auf.“


    „Okay.“


    Lisa schob den Schlüssel in den Zylinder. Es folgte ein kurzes, metallisches Kratzen, gefolgt von einem satten, zweifachen Klacken, als der Riegel zurückwich. Sie zog kurz am Knauf, dann gab die Tür nach und schabte mit einem leisen Schleifen über den Teppich im Flur.

    Sie gingen hinein. Lisa zuerst, dann Laura, zuletzt Laurie. Direkt hinter der Schwelle blieben sie stehen. Laura schloss die Tür langsam hinter ihnen – wieder das charakteristische Schleifen auf dem Stoff, bis der Schnapper mit leichtem Druck einrastete. Lisa tippte auf den Lichtschalter und sah sich um.


    Der erste Eindruck war überraschend ordentlich. Kein Müll, kein Mief. Eine Wohnung, wie man sie von einem alleinstehenden Mann in den Siebzigern erwarten würde, der sein Leben strukturiert, aber optisch nicht mehr viel verändert hatte. Die Luft war ein wenig abgestanden, aber keineswegs unangenehm. Auf der schmalen Flurkommode lagen ein paar Briefe, ordentlich gestapelt. Daneben ein alter Schlüsselanhänger, ein billiges Werbegeschenk von irgendeinem Flohmarkt.


    Die Wände waren mit Krimskrams dekoriert, den Gustav über Jahrzehnte hinweg zusammengetragen haben musste. Kleine Schnitzfiguren, verbeulte Blechschilder, ein eingerahmtes Schwarzweißfoto von einem Berliner Marktstand aus den Achtzigern. In einer gläsernen Vitrine standen Kuriositäten, die er für den Weiterverkauf offenbar als zu schade befunden hatte: ein seltsamer, grün glasierter Keramikfisch, ein altes Militärfernglas, ein paar Münzen in einer Schale – wahrscheinlich ohne jeden materiellen Wert, außer für ihn selbst.


    Laura ging einen vorsichtigen Schritt weiter, langsam, leise, als wolle sie niemanden wecken. Lisa warf einen kurzen, prüfenden Blick in die angrenzende Küche. Laurie blieb starr im Flur stehen, die Hände noch in den Jackentaschen vergraben, der Blick ruhig, aber wachsam. Sie fasste absolut nichts an.

    Einen langen Moment lang sagte niemand ein Wort. Die Stille im Raum trug mehr Gewicht als jedes Gespräch.


    Die Zimmer im hinteren Teil waren dunkel. Nicht völlig – die Rollläden waren ein kleines Stück hochgezogen, gerade genug Licht für schattige Konturen, aber zu wenig, um sich wirklich sicher zu fühlen. Und irgendwo in der Tiefe der Wohnung tickte eine Wanduhr. Langsam, gleichmäßig, wie ein fremder, unaufhaltsamer Herzschlag.

  • Dann – ein Geräusch. Ein kurzes, trockenes Knacken, gefolgt von einem dünnen, fragenden Pfeifen. Leise, wie aus einem fernen Zimmer.


    Laura hielt mitten im Schritt inne. „Habt ihr das gehört?“, flüsterte sie und lauschte in die Dunkelheit. „Ich glaube, das kam aus dem Zimmer da.“


    Sie gingen leise den schmalen Flur entlang. Die Wohnzimmertür war geschlossen; die strukturierte Glasscheibe ließ nur verschwommene, unruhige Schatten durch. Dahinter war es keineswegs still.


    Ein hauchfeines Brabbeln drang herauf, ohne echte Worte, nur ein rhythmischer Singsang. Dann ein trockenes Ticken, als stieße etwas Kleines gegen Metall. Kurz darauf ertönte das dumpfe Klacken einer Holzstange, gefolgt von einem leichten Schaben – wie vorsichtiges, beharrliches Klettern. Wieder folgte dieses kehlig-kratzige Murmeln. Kein Satz, kein klares Wort, eher ein vertrauter Tonfall. Als würde jemand versuchen, eine menschliche Stimme zu imitieren, traf dabei aber nur den bloßen Klang.


    Laura sah über die Schulter zu den anderen und legte die Hand auf die kühle Klinke. „Okay… ich guck nach“, murmelte sie.


    Sie drückte den Griff langsam herunter und schob die Tür einen Spalt weit auf. Wieder das Geräusch von Holz über Teppich. Ein helles Klicken. Dazu ein leises, fragendes „Hm?“ – kaum hörbar, aber irritierend menschlich.


    Laura steckte den Kopf in den dunklen Raum. „Hallo?“, fragte sie behutsam. „Ist da jemand?“


    Keine Antwort. Sie schob sich weiter in das Zimmer und tastete an der Wand nach dem Lichtschalter. Ein kurzer Druck. Das Deckenlicht flammte auf.


    Im selben Moment explodierte die Geräuschkulisse.

    Ein scharfes, erschrockenes KRRAH! gellte aus der hinteren Ecke. Es folgte hektisches Flügelschlagen, vibrierendes Metall, eine Holzstange, die wild gegen Gitterstäbe schlug, und ein kleines Glöckchen, das kurz panisch aufklirrte. Dann verstummte das kehlige Murmeln abrupt, als wäre im Raum die Luft stehengeblieben.


    Laura fuhr erschrocken zusammen und wich hastig zurück, bis sie gegen Lisa stieß. Lisa hob instinktiv abwehrend die Hand. Nur Laurie blinzelte ungerührt, einmal, langsam.


    Im grellen Licht sahen sie es.

    In der hinteren Raumecke, neben einem schweren Vorhang, stand ein mächtiger Vogelkäfig. Auf der obersten Stange hockte ein Graupapagei, die Federn leicht gesträubt, die Pupillen flackernd und eng. Er hatte den Kopf schiefgelegt und fixierte die Eindringlinge mit einem wachen, prüfenden Blick aus gelben Augen.


    Ein trockenes Tock gegen das Gitter. Dann wieder das leise, fragende „Hm?“, als müsse das Tier erst im Kopf sortieren, wer da vor ihm stand.


    Laura stieß den Atem aus. „Oh. Das… war also das Geräusch.“


    Lisa nickte, stand aber noch immer sichtlich unter Spannung. „Der hat sich einfach zu Tode erschreckt. Licht an, fremde Stimmen… klar.“


    Der Papagei schüttelte einmal sein Gefieder, setzte einen Fuß um, und das Holz knirschte leise unter seinen Krallen. Dann stieß er ein kratziges, undeutliches „Hallo?“ aus – halb Frage, halb Echo.


    Laurie starrte ihn an. „Der redet ja wirklich.“


    Der Vogel antwortete prompt mit einem hellen, zweitönigen Pfeifen. Als hätte er jedes Wort verstanden.


    Lisa ging nun langsam ein paar Schritte näher. Der Papagei folgte jeder ihrer Bewegungen mit millimetergenauen Kopfdrehungen. „Alles in Ordnung, mein Hübscher“, murmelte sie reflexhaft im Beruhigungston.


    Der Vogel neigte das Köpfchen weit nach links, dann nach rechts, als würde er die drei Frauen einzeln mustern. Dann entwich ihm ein kratziges Geräusch, irgendwo zwischen einem Räuspern und einem schlecht imitierten, tiefen Lachen.


    „Der ist absolut nicht scheu“, stellte Lisa leise fest. „Der kennt Menschen.“


    Der Papagei reagierte sofort auf das sanfte Timbre ihrer Stimme. Er hob die Flügel minimal an, schüttelte sich erneut und gab ein helles, aufforderndes Pfeifen von sich.


    Laurie blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. „Der guckt mich an, als wär ich hier eingebrochen.“


    „Ja!“, antwortete der Vogel mit verblüffender Klarheit.


    Laura blinzelte perplex, dann lachte sie kurz auf. „Okay. Sorry, mein Lieber.“


    Lisa nickte fasziniert. „Der ist verdammt schlau.“


    Der Papagei tippte zweimal mit dem Schnabel gegen das Gitter – tock tock – und sagte dann, bemüht deutlich: „Hallo.“


    Laurie schnaubte leise. „Super. Ein quasselnder Mitbewohner.“


    Lisa trat ganz dicht an den Käfig und spähte hinein. „Der hat kaum noch Futter im Napf. Und das Wasser ist auch fast komplett leer.“ Sie öffnete mit einer fließenden Bewegung ganz vorsichtig die kleine Gittertür. Der Papagei beobachtete sie messerscharf, blieb aber vollkommen ruhig auf seinem Platz sitzen. Sie klinkte die leere Wasserschale aus der Halterung, schloss die Tür wieder und ging damit zielstrebig in die Küche.


    Laura wandte sich zu Laurie und zog ratlos die Schultern hoch. Laurie stülpte die Unterlippe vor und starrte auf den Vogel. Okay. Überraschung freigeschaltet. Das stand definitiv nicht auf meiner Bingo‑Karte.


    Der Papagei tippte zweimal gegen das Gitter – tock, tock – legte den Kopf schief und sagte knapp, fast beiläufig: „Tja.“


    Laurie blinzelte einmal. Ja. Genau.“

  • Als der Vogel wieder frisches Wasser und Futter vor sich hatte und sich ein wenig an die drei Frauen gewöhnt hatte, wurde er spürbar gesprächiger. Es war ein unruhiger Mix aus halben Wortfetzen, hellen Pfeiftönen und rhythmischen Klicklauten. Laurie lauschte angestrengt und versuchte, einen Sinn in dem Gebrabbel zu entdecken.


    „Gut, dass wir hergekommen sind“, stellte Lisa fest und blickte mitleidig auf das Tier. „Der Ärmste war seit Sonntag früh völlig allein.“


    Laura nickte nachdenklich, dann sah sie zu ihrer Tochter. „Und? Was machen wir jetzt mit ihm?“


    Laurie öffnete den Mund, fand aber auf die Schnelle keine Antwort.


    „Hierlassen können wir ihn jedenfalls nicht“, ergriff Lisa das Wort, als stünde das überhaupt nicht zur Debatte. „Wir nehmen ihn mit.“


    „Wohin?“, fragte Laurie verunsichert, mit einem Unterton, der fast nach Protest klang.


    „Zu uns natürlich.“ Lisa wandte sich direkt an Laura. „Kriegen wir den großen Käfig ins Auto?“


    Laura verzog skeptisch das Gesicht. „Ähm… höchstens liegend. Wenn wir die Rückbank umklappen.“


    „Oh Gott, bloß nicht, das arme Tier kriegt ja ein Trauma“, widersprach Lisa sofort. „Dann müssen wir ihn für die Fahrt rausnehmen und einzeln transportieren.“


    „Und wie bitteschön soll das gehen?“ Laurie wirkte mit der Gesamtsituation zunehmend überfordert. „Willst du ihn dir etwa in die Jackentasche stecken?“


    Der Papagei gab ein trockenes, fast beleidigtes „Heeey…“ von sich, als hätte er den Vorschlag persönlich genommen.


    Laurie hob beide Hände. „Ja, sorry. War nur ’ne Frage.“


    „Natürlich nicht“, fuhr Lisa fort, ohne den Zwischenruf weiter zu beachten. „Wir schauen einfach, ob wir hier irgendwo was Passendes finden. Einen Korb oder eine Transportkiste. Gustav muss mit ihm ja schließlich auch mal zum Tierarzt gefahren sein.“



    Tatsächlich wurden sie in der Küche fündig. Ganz unten im Besenschrank stand eine verstaubte Transportbox aus Plastik, die eigentlich für Katzen gedacht war. „Die geht schon für das kurze Stück“, entschied Lisa. Sie holte ein frisches Handtuch aus dem Badezimmer, kehrte zum Wohnzimmerkäfig zurück und öffnete vorsichtig die Gittertür. Mit sanfter, beschwichtigender Stimme sprach sie auf den Papagei ein: „Jaa… ganz ruhig, mein Hübscher. Ich tu dir nichts… alles okay.“


    Mit einer fließenden, geübten Bewegung schlug sie das Handtuch vorsichtig um seine Flügel, hob den Vogel behutsam von der Stange und setzte ihn sachte in die Box. Das Gitter rastete mit einem leisen Klick ein.


    „Wieso kannst du das eigentlich so einfach?“, fragte Laurie staunend, während Laura anfing, den großen Käfig auszuräumen und transportbereit zu machen.


    „Wir hatten als Kinder Wellensittiche“, erzählte Lisa und wischte sich ein paar Federn von der Hose. „Meine Schwester hatte einen gelben, ich einen grünen. Lenis hieß Pikachu.“


    Laura drehte sich mit dem schweren Futternapf in der Hand um. Sie grinste breit, als wüsste sie schon die Antwort auf eine Frage, die sie noch gar nicht laut gestellt hatte. „Und deiner?“


    Lisa presste die Lippen schmal zusammen. „Das ist mir jetzt echt ein bisschen peinlich…“


    Laurie hob amüsiert eine Augenbraue. Na los.“


    Lisa seufzte tief. „Meiner hieß Sir Wellington.“


    Laura und Laurie sahen sich für den Bruchteil einer Sekunde an. Dann brachen beide gleichzeitig in ein befreiendes, schallendes Lachen aus.

  • Kapitel 43: Der dritte Brief

    Seit Dienstag hatte sich Lisas Büro spürbar verändert. Die Aktion, mit der sie den sperrigen alten Käfig in den Escalade gewuchtet hatten, fühlte sich an wie Wochen her. Jetzt, am Samstag, wirkte der Raum nicht mehr wie ein Büro, sondern wie ein Platz, an dem ein Tier endlich ankommen durfte.


    Laurie hatte gleich am ersten Abend gesagt, dass sie den Papagei nicht übernehmen könne. Nicht jetzt, nicht in diesem Zustand. Sie hatte es nicht einmal begründet — nur ein kurzes, ehrliches „Ich schaff das nicht.“ Und Lisa hatte genickt. Kein Druck, kein Nachhaken. Nur dieses leise Aufleuchten in den Augen, das verriet, dass sie die Aufgabe gern annahm. Etwas, das sie tun konnte. Etwas, das nicht zu belastend war für ihren Alltag, für ihre Gesundheit, aber schwer genug, um Bedeutung zu haben.


    Dann hatte sie nicht lange gefackelt. Ihre Erfahrung mit Sir Wellington aus Kindertagen reichte hier nicht, also hatte sie einen kleinen Fachbetrieb aus der Umgebung angerufen. Zwei Männer waren gekommen, hatten sich den Raum angesehen und dann innerhalb von zwei Tagen alles Nötige erledigt: Kabel verschwanden in der Wand, wichtige Unterlagen hinter schlichten Milchglastüren, das Fenster bekam ein stabiles Gitter, genau wie der Raum selbst, dessen hintere Hälfte nun durch eine deckenhohe Gitterwand abgetrennt war. Kein Luxus, nur sinnvoll.


    Ein leiser Luftbefeuchter stand in der Ecke, daneben eine UV‑Lampe, die eher funktional als dekorativ wirkte. Der Vogel ignorierte bisher das frische Gemüse, das der Fachmann empfohlen hatte, und schleuderte es weiterhin mit erstaunlicher Präzision an die Wand. Aber heute, während Lisa am Laptop tippte, saß er hinter den Stäben auf seinem neuen Kletterast und ahmte zum ersten Mal das Klicken ihrer Tastatur nach. Fast perfekt.


    Für Montag hatte sie einen Termin beim Vogelspezialisten. Sie war fest entschlossen, dem Tier ein Leben zu geben, das besser war als das, was es zuletzt gehabt hatte. Nicht, weil Gustav ihm absichtlich etwas zugemutet hätte — er hatte es einfach so gemacht, wie ältere Menschen es oft tun: nach bestem Wissen, aber ohne die heutigen Maßstäbe.



    Laurie, Seda und Nico standen vor der Tür, Seda klopfte leise. „Hi. Dürfen wir mal gucken?“ Lisa sah auf. „Klar. Kommt rein. Er ist gesichert.“

    Vorsichtig traten die drei hintereinander ein. Nico hatte eine Rolle blauer Müllsäcke in der Hand – sie wollten anschließend gleich zu Gustavs Wohnung weiter. Seda zog ihr Handy aus der Tasche, um ein Foto von dem neuen Familienmitglied zu schießen. Sie staunte, wie sehr sich der Raum verändert hatte seit ihrem Einsatz als Festival-Planerin. Man hörte das leise Summen des Luftbefeuchters. Der Raum war warm, aber nicht stickig. Der Papagei saß auf seinem Kletterast, die Federn glatt, der Blick wach.

    Er hob den Kopf, kaum dass Fremde den Raum betreten hatten. Ein einziges, klares Ping, als er mit dem Schnabel gegen das kleine Glöckchen tippte. Nicht laut. Eher wie ein „Ich hab euch gesehen.“


    Seda blieb stehen. Der Papagei drehte den Kopf langsam nach links, dann nach rechts, dieses präzise, fast technische Abtasten, das bei Graupapageien immer wirkt, als würden sie einen scannen.

    „Krass“, murmelte Seda. Nicht übertrieben, nur echt.

    Der Vogel reagierte sofort auf ihren Tonfall, die Pupillen kurz enger, dann ein tiefes, kehliges „Hm‑hm“, das überraschend menschlich klang.


    Nico grinste. „Der checkt uns ab.“

    Der Papagei antwortete mit einem zweiten, helleren Ping, diesmal gezielter, als hätte er den Kommentar verstanden.


    Laurie blieb einen halben Schritt hinter den beiden. Der Vogel sah kurz zu ihr — nur ein kurzer, neutraler Blick — und wandte sich dann wieder Seda zu, als hätte er entschieden, wer hier die interessanteste Stimme hatte.


    Seda hob langsam eine Hand, nicht um ihn zu berühren, sie kratzte vorsichtig am Gitter. Der Vogel legte den Kopf schief. Keine Angst, keine Aggression. Nur Aufmerksamkeit.


    Lisa warnte „Pass auf, der kann mit seinem Schnabel ein Stück aus deiner Hand stanzen wie ein Locher.“ Seda zog den Finger zurück.


    „Der ist ja… echt beeindruckend“, sagte sie leise.


    Laurie nickte knapp. „Solange er da drin bleibt, ja.“


    Der Vogel gab ein trockenes, fast zustimmendes „Tock“ gegen den Ast.


    Seda machte einen kleinen Schritt zurück, hob langsam das Handy. „Hallo“, sagte sie leise. Kein Flüstern, einfach ein ruhiger Ton, wie man ihn bei einem scheuen Tier benutzt.


    Der Papagei stoppte seine Kopfbewegung. Ein kurzer Moment Stillstand, dann ein langsames, bewusstes Neigen nach links. Er fixierte sie.


    Laurie hielt den Atem an, ohne es zu merken.


    Seda lächelte vorsichtig. „Na du.“


    Der Vogel antwortete nicht mit einem Wort. Stattdessen kam ein tiefes, kehliges „Hrrm“, ein Laut, der irgendwo zwischen Frage und Kommentar hing. Dann tippte er mit dem Schnabel gegen das Glöckchen — nicht zufällig, sondern gezielt. Ein einziges, klares Ping.

    Seda blinzelte. „Der… hat gerade mit mir geredet.“


    Nico grinste. „Auf seine Art.“


    Seda sah zu Lisa, hob das Handy. „Darf ich…?“ Lisa nickte. „Aber ohne Blitz.“

    Seda drehte sich wieder zum Papagei. „Klar. Okay. Du, bitte mal kurz stillhalten.“ Der Vogel stoppte seine Bewegung, tippte wieder gegen das Glöckchen. Ping.


    Nico murmelte ein albernes „Lächeeeln“. Laurie grunzte. Seda warf ihm einen halb‑genervten, halb‑amüsierten Blick zu. „Blödi.“


    Der Papagei gab ein tiefes „Hrrm“, als hätte er den Tonfall kommentiert. Seda hob das Handy, drückte ab.

    Sie betrachtete das Foto, zeigte es Nico und Laurie. „So ein schönes Tier. Das wird mein neues Hintergrundbild“, sagte sie zufrieden.

    Dann sah sie wieder zum Vogel. „Wie heißt er denn?“


    Laurie sah zu Lisa, Lisa zu Laurie. Laurie zuckte mit den Schultern.


    Lisa richtete sich ein Stück auf, sah den Papagei an und erklärte völlig selbstverständlich: „Das ist Justav.“



    Laurie drehte sich um und ging zur Tür. „Wir fahren jetzt zur Wohnung. Sollen wir nach was Bestimmtem gucken?“, fragte sie im Herausgehen. Lisa nickte. „Schaut mal, ob ihr Unterlagen vom Vogel findet. Eine Bescheinigung, Rechnungen vom Tierarzt, ein Impfbuch oder sowas. Haben Vögel das überhaupt? Könnte helfen…“ „Okay.“


  • Zehn Minuten später kamen sie zum Köpenicker Weg Nummer 6. Nico parkte direkt vor dem Haus, Laurie stellte Hook ein Stück weiter die Straße runter ab und kam zu den beiden zurück.

    „Nimm die Müllsäcke mit“, erinnerte sie ihn und ging vor zur Haustür.


    Drinnen suchte sie am Schlüsselbund nach einem kleinen Briefkastenschlüssel, fand ihn, öffnete den Kasten und zog drei Briefe heraus. Dann gingen sie die Treppe hinauf in den ersten Stock. Laurie schloss auf, Seda folgte ihr. Nico blieb einen Moment im Türrahmen stehen, trat dann ebenfalls ein und schloss die Tür leise hinter sich.


    Seda ging zuerst durch alle Räume, zog die Rollläden hoch und öffnete zwei Fenster. Nico riss den ersten Müllsack von der Rolle, legte ihn auf den Küchentisch und kam dann zu Laurie, die im Wohnzimmer stand. Beide sahen sich um — etwas ratlos.


    „Und jetzt?“, fragte Nico.


    Laurie nahm wahllos ein paar Gegenstände auf, betrachtete sie, stellte sie wieder zurück. Sie zuckte mit den Schultern. Es fühlte sich immer noch falsch an, hier zu stehen. In diesen Räumen, in denen Gustav so viele Jahre gelebt hatte und die er vor nicht einmal einer Woche zum letzten Mal verlassen hatte — sicher nicht ahnend, dass er nie wieder hierher zurückkehren würde.


    Sie ließ sich kurz in den Sessel sinken, der mitten im Raum stand, wippte einmal, als würde sie prüfen, ob er noch zu gebrauchen war, stand wieder auf und ging weiter. Sie betrachtete ein paar Bilder an der Wand, nahm lose Blätter vom Tisch.


    Seda kam herein. „Vielleicht sollten wir mal sehen, was im Kühlschrank ist. Bevor alles verdirbt.“


    „Okay.“ Laurie ging vor, nahm den Müllsack vom Küchentisch, öffnete den Kühlschrank und begann, ihn auszuräumen.


    Nico beobachtete sie. „Halt, guck doch wenigstens mal aufs Datum, bevor du alles wegschmeißt. Einiges ist bestimmt noch gut.“ Er griff an ihr vorbei, nahm einen Joghurtbecher aus dem Fach, sah kurz auf den Deckel, öffnete ihn, zog die Besteckschublade auf und begann kurzerhand, den Becher auszulöffeln.


    Laurie sah ihn an — ein kurzer, skeptischer Blick, der nichts sagte, aber alles meinte. Dann räumte sie weiter aus.


    Seda nahm die Briefe vom Tisch, öffnete den ersten. „Die Versicherung für… Kennst du das Kennzeichen von seinem Auto?“ Laurie sah nur kurz über die Schulter. „Nope.“ „Ist fällig“, ergänzte Seda. „Okay. Leg’s zu der anderen Post vorne auf die Anrichte.“

    Brief Nummer zwei ließ sie ungeoffnet – Werbung. Seda nahm den dritten Brief, drehte ihn in der Hand, suchte nach einem Absender. Der Umschlag zeigte nur ein Logo, der Inhalt war verrutscht. Sie öffnete ihn vorsichtig, zog das Schreiben heraus und las. Nach ein paar Zeilen setzte sie sich auf einen Küchenstuhl, langsam, als hätte sie kurz den Halt verloren.


    „Jetzt wissen wir’s…“, murmelte sie.


    Laurie warf ihr wieder einen kurzen Blick zu, während sie ein paar angeschimmelte Käsescheiben in den blauen Sack fallen ließ. Als Seda nicht weitersprach, ließ Laurie den Müllsack sinken und drehte sich um. „Was wissen wir? Was steht denn da?“


    Seda hielt den Brief hoch. Nico trat hinter sie, nahm das Blatt an sich und las leise vor:

    „…im Rahmen ihrer laufenden Strahlentherapie…“ Er klappte den unteren Teil auf. „…seit dem vierzehnten Januar keine Rückmeldung von Ihnen…“ Noch ein Blick, länger diesmal. „…Termin am achtzehnten Februar… nicht wahrgenommen wurde…“ Er senkte das Blatt ein Stück, als müsste er die Worte sortieren. Dann, fast tonlos: „…bitten wir um Mitteilung, ob die Behandlung Ihrerseits fortgeführt wird…“

    Danach sagte er nichts mehr. Der Rest blieb unausgesprochen.


    Nico legte den Brief auf den Küchentisch. Laurie saß jetzt auch. „Jetzt wissen wir es…“, stellte sie fest — und atmete einmal tief. Der Kühlschrank brummte leise.


    Sie und Seda saßen sich schräg gegenüber. Laurie hatte die Hände auf der Tischplatte, Seda die Finger ineinander verschränkt. Laurie sah auf das Schreiben. „Strahlentherapie. Klingt scheiße.“


    Nico nickte. „Dann wissen wir ungefähr, was los war.“


    Seda senkte den Blick. „Er war bestimmt schon länger krank.“ Der Satz war ruhig, ohne Gewicht, aber er blieb im Raum.


    Laurie strich mit dem Daumen über die Tischkante. „Und er ist nicht mehr hingegangen.“


    Seda hob kurz den Kopf, sah sie an. „Manchmal schafft man’s einfach nicht mehr.“ Mehr sagte sie nicht.


    Nico verschränkte die Arme. „Oder er konnte nicht. Körperlich.“


    Seda sah wieder auf Lauries Hände. „Oder er wollte niemandem zur Last fallen.“ Es klang nicht wie eine Erklärung, eher wie ein Gedanke, der sich von selbst ergeben hatte.


    Laurie hob den Blick ein Stück, hielt ihn einen Moment, dann sah sie wieder auf den Tisch.


    Ein paar Sekunden Stille.


    Laurie tippte mit dem Finger gegen den Brief. „Gut. Dann wissen wir’s.“ Der Satz war ruhig, fast sachlich.


    Seda nickte leicht. Nico bemerkte die Spannung nicht.


    Dann stand Laurie unvermittelt auf und ging aus der Küche. Nico sah ihr nach. „Wo willst du hin?“ „Ich guck mal, ob ich Papiere zu dem Vogel finde. Macht ihr hier weiter…“ Sie war schon im Flur, bevor der Satz ganz fertig war.


    Seda und Nico blieben noch einen Augenblick am Tisch sitzen. Ein kurzer Blick zwischen ihnen. „Lass ihr einen Moment“, sagte Seda leise.

    Sie nahm den Müllsack und stand auf, ohne Eile. Sie nahm einen Eierkarton vom Schrank, sah kurz darauf – und ließ ihn langsam in den blauen Beutel sinken.


    Nico nickte, mehr zu sich selbst als zu ihr. „Ja.“


    Die Küche wurde wieder still.

  • Nach erstaunlichen Parallelen dieser Geschichte zum echten Leben wie Zusammenbrüchen bei Konzerten :scared – wie im Live und in Farbe-Fred gerade erst berichtet –, geht es jetzt hier mit Fantasie weiter.


    Kapitel 44

    Donnerstag, kurz vor acht. Der Unterricht hätte eigentlich schon vor zehn Minuten beginnen sollen. Die KFZ 24‑1 hing im Gang herum, wartete vor dem verschlossenen Klassenraum. Keiner stand richtig, keiner redete richtig. Alles wirkte nur halb wach, halb genervt.

    Ein paar starrten auf ihre Handys, die Daumen langsam, als würden sie im Halbschlaf wischen. Zwei lehnten an der Wand, Kapuzen tief im Gesicht. Drei standen direkt vor der Tür und rauchten, der Qualm zog in den Flur.


    Timo, die wandelnde Informationszentrale, kam den Gang entlang und verkündete: „Krämer ist krank. Erste fällt aus.“ Ein dumpfes, erschöpftes Stöhnen ging durch die Gruppe.


    „Dafür bin ich jetzt aufgestanden?“ „Hätte ich auch gleich liegen bleiben können.“


    „Komm, wir drehen uns draußen ’nen kleinen“, murmelte einer — leise, aber so, dass es trotzdem alle hörten.


    Manja ließ einfach los: Handy raus, Rücken an die Wand, langsam runterrutschen, bis sie auf dem kalten Linoleumboden saß. Sie blinzelte schwer, als würde sie gleich wieder einschlafen.


    Einer gähnte laut. Einer ließ den Kopf gegen die Tür fallen. Einer stand einfach nur da und sah ins Nichts.

    Eine kleine Gruppe setzte sich langsam in Bewegung — nicht Richtung Unterricht, sondern Richtung Ausgang. Kein Wort, keine Absprache. Nur dieser stille Beschluss: Wenn die erste Stunde ausfällt, kann man auch gleich verschwinden.


    Dann schnelle Schritte hinter ihnen, ein lautes Rufen: „Haaalt! Kommando zurück. Alles kehrt um, marsch!“ Die Stimme war unverkennbar: Hartmut Rotter.

    Er kam den Gang entlang, schneller als man es jemand zu dieser Uhrzeit zutraut. Unter einem Arm Tasche, Laptop und ein paar lose Blätter, in der anderen Hand klimperte sein übergroßer Schlüsselbund. Noch im Gehen fingerte er zielsicher den passenden Schlüssel heraus, schloss den Klassenraum auf und stürmte hinein.


    Widerwillig folgte ihm die Klasse – oder zumindest der Teil, der noch da war.

    Bis alle ihre Plätze gefunden hatten, klappte Rotter den Laptop auf, sortierte die mitgebrachten Blätter und blieb kurz an einem amtlich aussehenden Schreiben hängen. Dann hob er den Kopf.


    Seine Stimme war – so die einhellige Meinung – für diese frühe Morgestunde einfach unangemessen laut und schneidend.

    „Morgen zusammen. Folgendes: Kollege Krämer ist erkrankt. Also ziehen wir unsere fünfte/sechste Stunde vor. Dann kann ich früher nach Hause und ihr kommt zeitig zur Arbeit. Ist doch super, oder?“ Er setzte ein Grinsen auf, das vor Sarkasmus nur so triefte.


    „Was hat Herr Krämer denn?“, fragte Manja, mäßig interessiert.


    Rotter zog die Schultern hoch, als hätte er die Frage schon hundertmal gehört und jedes Mal weniger Geduld dafür übrig.

    „Ist mir nicht bekannt“, sagte er — überdeutlich, Silbe für Silbe, mit dieser typischen Rotter‑Schärfe, die immer ein bisschen nach Ich kann auch nichts dafür klang. Dann, eine Spur lauter: „Er. Ist. Krank. Punkt.“


    Er ließ den Blick langsam, prüfend durch die Klasse wandern – genervt, mit einem Anflug von Amüsiertheit.

    „Ich weiß, das ist ein Schock für euch. Donnerstagmorgen, Lehrer krank, Welt bricht zusammen. Furchtbar.“

    Er machte eine kurze, schneidende Pause, als würde er auf kollektives Mitgefühl warten, das natürlich nicht kam.

    „Aber keine Sorge“, fuhr er fort, jetzt mit dieser übertriebenen, fast schon pädagogisch‑theatralischen Betonung, „ich lasse euch nicht im Regen stehen. Wir ziehen einfach meinen Unterricht vor. Großartig, oder? Ich sehe die Begeisterung. Wahnsinn.“


    Er schob den Laptop zurecht, viel zu energisch, als wolle er zuerst dem Gerät eine Lektion erteilen.

    „Also. Wach werden. Wir fangen an. Ob ihr wollt oder nicht — und ich ahne, es ist eher nicht.“ Er holte einmal tief Luft, als müsse er sich selbst hochfahren. „So. Zack. Anwesenheitskontrolle. Wer ist absent?“

    Rotter warf einen Seitenblick auf seine Zettel. „Aha. Die Laurie ist freigestellt. Gut. Ebenso unsere Frau Demirci…“


    Von hinten rief jemand: „Rollmann ist auch nicht da.“


    Rotter nahm ein Schreiben auf, das obenauf lag, las kurz. Ein knappes Nicken. „Ja. Ist ebenfalls bekannt.“

    Dann ein kurzer Blick in die Runde, scharf, prüfend. „Noch jemand abwesend? Meldet euch lieber gleich freiwillig…“


    Marek hob langsam die Hand. Rotter fixierte ihn. „Herr Kuberski. Sie sind auch abwesend? Ich hoffe, nur geistig.“ Ein paar leise Lacher.


    Marek nahm den Arm wieder herunter. „Nein, ich bin hier…“


    „Ach was? Schön.“ Rotter blätterte weiter, ohne wirklich hinzusehen.


    „Ich wollte nur was sagen.“


    „So. Das freut mich.“ Rotter hob eine Hand, stoppend. „Warten Sie bitte noch einen Augenblick, bis ich hier mit der Liste durch bin.“

    Er tippte noch ein paar Kontrollkästchen an, klappte dann den Bildschirm ein Stück herunter und sah Marek direkt an.

    „So. Was haben Sie uns denn mitzuteilen?“


    Marek drehte sich kurz um, zog sein Tablet aus der Tasche. Bevor er sprach, glitt sein Blick auffällig zu Eric Rollmanns Platz — leer, Stuhl leicht schief. Dann tippte er, öffnete eine Datei und drehte das Gerät in Rotters Richtung.

    „Ich hab nochmal die Videos durchgesehen“, begann er. „Die aus der Cloud.“


    „Die sind schon alle bei den Behörden“, wandte Rotter ein, ohne aufzusehen. „Oder ist noch was Neues dazugekommen?“


    Marek schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich hab sie mir nochmal genauer angesehen. Vielleicht… ich meine… nicht, dass die Polizei was übersieht.“


    Rotter hob eine Augenbraue. „Die haben Spezialisten. Die übersehen nichts.“


    Marek widersprach vorsichtig. „Ja, aber die kennen ja nicht alle Leute, die auf den Videos zu sehen sind.“ Er startete ein Video, schob den Marker ein Stück weiter. Die Schulwerkstatt erschien. Der Prüfstand. Der Pacer — verkabelt, laufend. Das typische Paff, das Verschlucken des V8, hallte durch den Raum.


    Rotter sah zu, nickte knapp. Dann sah er Marek an. „Okay. Und was ist jetzt so einzigartig an der Aufnahme?“


    Einige Schüler waren aufgestanden, stellten sich hinter Rotter, um mitzuschauen.

    Marek tippte erneut. Die Aufnahme sprang ein paar Sekunden weiter. Der Standort des Filmenden war jetzt ein anderer; im Hintergrund tauchten mehrere Personen auf.


    Manja erkannte sie zuerst. „Das ist Rolle. Guck mal, wie er neidisch um den Wagen rumschleicht.“


    „Nänänänä, guckt da nicht hin, das ist nicht der Prollbenz von meinen Bruder ihm seiner“, äffte einer Rollmanns Tonfall nach.


    Dann war zu sehen, wie Rollmann im Hintergrund zwei Personen ansprach. Bomberjacken. Basecaps. Die Gesichter waren nicht erkennbar. Mehrere Minuten redeten sie, zu hören war aber nichts – der Pacer übertönte alles. Nur Rollmanns Gesten verrieten etwas — ungeduldig, fordernd, fast schon beschwörend.

    Im Video machte er eine kurze Bewegung mit beiden Händen, als würde er ein Lenkrad halten.


    „Ey“, murmelte einer hinten, „das sieht aus wie… Lenken oder so.“


    Marek nickte leicht. „Ja. Genau.“


    Rollmann ließ eine Hand seitlich absinken, so ein flaches Wegkippen.


    Manja: „Hä? Was soll das denn sein?“


    Ein anderer: „Sieht aus wie… von der Straße runter, oder?“


    Rotter sagte nichts, sah nur genauer hin.


    Dann schlug Rollmann mit der Faust in die offene Handfläche. Kurz, hart.


    Es wurde still.


    „Alter…“, flüsterte jemand. „Das ist doch…“


    Marek räusperte sich. „Ich fand’s halt… auffällig. Deswegen wollt ich’s zeigen.“


    Rotter lehnte sich zurück, langsam. „Ja. Auffällig ist ein gutes Wort.“


    Manja richtete sich auf. „Ey… das sieht echt so aus, als würde der denen erklären, was sie machen sollen…“

    Dann war das Video zu Ende.


    Rotter nickte kurz. „Gut, Marek. Schicken Sie mir das Video, ich leite es umgehend weiter – mit ein paar Hinweisen.“

    Die Schüler hinter ihm gingen zurück zu ihren Plätzen und setzten sich. Rotter nahm das oberste Blatt vom Stapel und steckte es in seine Tasche. Dann fuhr er mit dem regulären Unterricht fort.


  • Währenddessen – auf dem Waldfriedhof. Laura und Lisa kamen den Hauptweg zur Friedhofskapelle herunter. Beide eher dunkel gekleidet, ruhig, gesammelt. Nahe der Kapelle blieb Laura stehen; die Tür war noch geschlossen, der Bestatter nicht in Sicht. Nur Wind, der über den Kies strich.


    Auf dem Parkplatz hielt ein Auto. Türen klappten. Laurie und Seda kamen den Weg entlang, nebeneinander, aber mit leicht versetztem Schritt. Laurie vorne, Blick kurz zur Kapelle, dann wieder auf den Boden. Seda dicht hinter ihr, leise, aufmerksam.


    Lisa schaltete ihr Telefon aus, Laura drehte sich um, als sie die beiden kommen sah. Ein kurzes Nicken. Laurie nickte zurück. Seda zog einen Handschuh aus, gab beiden die Hand. Lisa lächelte und nickte ihr freundlich zu.


    Sie stellten sich zusammen, aber mit Abstand — diese typische, wortlose Formation, die entsteht, wenn man auf etwas Unvermeidliches wartet.

    Es war sehr still dort. Der Bestatter ließ auf sich warten. Niemand sagte etwas.

    Es war die Art von Stille, die man einfach stehen lässt.


    Gustav hätte vom Ordnungsamt eine schlichte, anonyme Beerdigung bekommen. Ein Termin, ein Beamter, eine Urne, fertig. Das fühlte sich für sie alle falsch an. Er war kein Verwandter, kein offizieller „Freund der Familie“. Aber er war da gewesen. Über Jahre. Auf eine Art, die man nicht benennt, aber merkt.


    Für Laura war er jemand, der schimpfte, bevor er lobte – und der beides ernst meinte. Lisa kannte ihn fast nur aus Lauras Erzählungen und ein paar knappen Begegnungen am Marktstand, aber genug, um zu wissen: Gustav war nicht nur ein schrulliges Berliner Original, ein Farbklecks auf ihren Märkten. Gustav war einer, der etwas bedeutete. Und für Laurie… für Laurie war er mehr gewesen. Nicht ausgesprochen, aber spürbar.

    Doch das war nicht der Grund, warum sie hier standen. Nicht Pflicht, nicht Dankbarkeit. Es war ein Bedürfnis. Ein stilles: Wir lassen ihn nicht anonym verschwinden.


    Darum hatten sie die Beerdigung übernommen. Weil es sich richtig anfühlte.


    Seda bedauerte kurz, dass eigentlich auch Nico hier sein wollte. Er hatte sich entschuldigt, fast schon zu ausführlich. Eine Präsentation an der Uni, Pflichttermin, nicht verschiebbar. So ein Ding, bei dem ein Fehlen das ganze Modul zerreißt. Typisch Nico: zuverlässig, pflichtbewusst, und viel zu korrekt, um einfach wegzubleiben.

    Es war schade, aber niemand nahm es ihm übel. Er hätte hier gestanden, wenn es irgendwie gegangen wäre.


    Der Bestatter kam den Weg von der anderen Seite herauf, den Mantel offen, in seinem Arm die schlichte Urne. Er nickte ihnen zu, ruhig, routiniert, und gab zuerst Laura, dann Laurie die Hand. Ein paar leise Worte zum weiteren Ablauf, sachlich, respektvoll.


    Seda stand einen Schritt daneben und sah kurz auf die Urne, dann wieder weg. Nicht schockiert, nur irritiert — sie war noch nie bei einer Urnenbestattung gewesen. Es fühlte sich seltsam an, so nah neben etwas zu stehen, das gleichzeitig so leicht und so endgültig wirkte. Sie verlagerte das Gewicht, minimal, als müsste sie sich erst an die Situation gewöhnen.



    Vom Parkplatz her kamen vier, fünf Händler den Weg zur Kapelle entlang. Leute, die Gustav seit Jahren kannten. Keine große Gruppe, aber genau die, die man erwartete: die Alten, die Erfahrenen, die, die immer wussten, wie es auf einem Markt wirklich läuft.

    Sie hatten auf dem letzten Markt gesehen, wie er zusammengebrochen war. Natürlich hatte sich das herumgesprochen. Und natürlich hatten sie nachgefragt.

    Dass sie jetzt hier waren, war kein Pflichtbesuch. Eher ein stiller Respekt — für Gustav, und auch ein bisschen für Laurie. Mehr mussten es nicht sein. Weniger wäre falsch gewesen.



    Die Gruppe war inzwischen näher herangekommen. Laura und Lisa sprachen leise mit ihnen, ein paar kurze Sätze, ein Nicken, ein „Schade um ihn“. Marktleute wussten, wie man in solchen Momenten sprach: knapp, ohne Umwege.


    Zwei der Händler lösten sich aus der kleinen Gruppe und gingen zu Laurie hinüber. Langsam, ohne sie zu überfallen. Sie kannten sie anders — laut, wach, immer in Bewegung. Jetzt stand sie still, die Schultern leicht angespannt, den Blick auf den Boden gerichtet.

    Der ältere von beiden legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. Keine großen Worte, nur diese eine, kleine Geste. Der andere nickte ihr zu, ernst, respektvoll. Mehr brauchte es nicht. Mehr wäre falsch gewesen.


    Laurie hob den Blick, kurz, dankbar, aber ohne zu sprechen. Die Händler traten wieder einen Schritt zurück, ließen sie in Ruhe. Man kannte sich gut genug, um zu wissen, wann Nähe hilft und wann Abstand richtig ist.


    Der Bestatter fragte Laura kurz: „Sind wir dann vollzählig?“ Laura und Lisa sahen sich kurz um. „Ich glaube, ja.“ Dann setzte sich die kleine Gruppe langsam in Bewegung zu den Grabfeldern zwischen den alten Bäumen…

  • Die Doppelstunde Fahrzeugdiagnose war rum, ein paar aus der Klasse standen draußen auf dem Hof, rauchten oder scrollten auf dem Handy.

    Manja sah in die Runde. „Meint ihr echt, Rolle hat was mit dem Diebstahl zu tun?“


    Ein paar lachten kurz. „Quatsch. Rollmann ist ’n Vollpfosten, aber kein Autodieb.“ Allgemeines Nicken.


    Andere sahen das anders. „Dem traue ich alles zu. Habt ihr doch gesehen, wie angefressen der war, als Rotter den Pacer vor seinen Benz gezogen hat für den Prüfstand. Wenn die Rollmanns nicht zeigen können, was sie haben, drehen die durch. Eric ist da wie sein Bruder.“


    „Kennst du den Bruder?“


    „Mein Alter hatte mal mit dem zu tun. Komplettes Arschloch. Egomane, null Rücksicht. Und der Kleine ist auf dem besten Weg, noch schlimmer zu werden.“


    „Kanntet ihr die anderen Typen? Da, auf dem Video? Die, mit denen Rolle da gesprochen hat?“


    Allgemeines Schulterzucken. „Nee. Die waren nicht von der Schule.“ „Wahrscheinlich irgendwelche Asis, die hier was zocken wollten.“


    Timo kam dazu, Hände in den Taschen. „Und? Was meint ihr? War er’s?“


    „War er was?“


    „Stell dich nicht dumm. Rolle. Hat er die Karre geklaut? Ich mein… wenn die Bullen ihn schon vorladen…“


    „Was?!“ Manja fuhr herum.


    Timo grinste schief. „Klar. Hast du das Schreiben nicht gesehen? Lag eben bei Rotter oben auf’m Stapel.“


    Manja schüttelte den Kopf.


    „Kreispolizeibehörde stand oben drauf. Und irgendwas mit Vorladung. Und der Name Rollmann. Mehr hab ich nicht lesen können, sonst wär’s Rotter aufgefallen“, meinte Timo.


    Einer aus der Gruppe murmelte: „Vielleicht sollten wir das sogar lesen?“


    „Hä?“


    „Na ja… vielleicht hat Rotter das extra oben hingelegt. Damit wir’s sehen.“


    „Meinst du echt?“

  • Die Sonntagsration, frisch aus der Schreibmaschine:


    Kapitel 45: Gerissen

    Tom kam in den Hof gefahren und sah Toto neben seinem offenen Wagen sitzen. Der Motor säuselte leicht tickernd im Standgas vor sich hin, die Tür stand weit auf.

    „Nimmt kein Gas mehr an“, wiederholte Toto, was er Tom vorhin schon am Telefon erklärt hatte.


    Der nickte schon aus dem Auto zustimmend, stieg aus, begrüßte seinen Kumpel kurz per Handschlag. Er setzte sich in den Mercedes, zog ein paarmal am Handhebel. Nichts. Er stieg gleich wieder aus.

    „Gerissen“, sagte er.


    Toto sah ihn an. „Ich hab nicht dran rumgerissen.“


    „Hab ich auch nicht gesagt. Der Zug ist gerissen.“ Tom ging neben dem Auto in die Hocke, drückte ein paarmal leicht aufs Gaspedal – jetzt drehte der Sechszylinder hoch. „Gestänge ist okay, nur der Zug vom Handhebel ist im Eimer.“ Er räusperte sich einmal laut und stellte den Motor ab.


    Kurze Stille. Ein Vogel zwitscherte irgendwo im Garten, sonst nichts.


    „Can we fix it?“, fragte Toto schließlich.


    Tom zuckte mit einer Schulter. „Yes we can.“


    Toto atmete hörbar aus, nicht dramatisch, eher genervt von der Situation als erleichtert. „Gut“, sagte er. „Ich wollte eigentlich los.“


    „Tja.“ Tom beugte sich wieder in den Wagen, drehte den Oberkörper und steckte den Kopf unters Armaturenbrett. „Nicht mit diesem Auto.“


    Toto grinste schmal. „Du bist ’n Arsch.“


    „Weiß ich.“


    Tom kniete sich jetzt hin. Toto rollte ein Stück zurück, machte Platz für Toms lange Beine. Keine großen Worte, nur prüfende Handgriffe, ein leichtes Seufzen. Tom zog ein Kabel beiseite, schob eine lose Dämmmatte zurück, suchte mit den Fingern die Halterung des Hebelzugs. Ein kurzes Knacken, dann wieder Ruhe.


    Nach einer Minute bemerkte Toto: „Ist noch Bier im Kühlschrank.“


    „Dann hol eins“, murmelte Tom etwas gequält. Seine aktuelle Position – auf dem Rücken im Fußraum liegend, die Wirbelsäule halb gequetscht vom massiven Schweller des W126 – war alles andere als bequem.


    Toto rollte los. Tom arbeitete weiter, ruhig, konzentriert. Er schob die Stirn gegen die Unterkante des Armaturenbretts, um beide Hände frei zu haben, und löste eine kleine Federklammer, die sich weigerte, nachzugeben.


    Als Toto zurückkam, stellte er die Flasche neben Tom auf den Boden. „Für später.“


    „Passt.“


    Tom fummelte mühsam an der Verbindung vom Handhebel unter der Lenksäule und teilte Toto nüchtern seine Diagnose mit: „Wie vermutet, Zug ist gerissen. Hast du noch einen?“


    Toto blähte kurz die Wangen auf, presste die Luft durch die Lippen. „In der Garage, glaub ich, liegt noch ein kompletter Gaszug. Aber der ist vom W124. Der ist viel zu lang, das geht nicht…“


    Tom grinste sein typisches Geht nicht – gibt’s nicht-Grinsen. „Holen. Da fummeln wir schon was.“ Er quälte sich mühsam aus dem engen Fußraum hervor, stützte sich kurz am Türrahmen ab, stand auf und ging zum Auto, um seine Werkzeuge zu holen. Er legte sie neben den Wagen: Seitenschneider, zwei Schraubendreher, eine kleine Ratsche, ein paar Kabelbinder.


    Toto rollte zur Wellblechgarage, schloss auf und zog einen Türflügel auf. Einen Moment blieb er stehen. Vor ihm stand der zerstörte gelbe Pacer. Der Anblick traf ihn jedes Mal kurz, wie ein kleiner Schlag in die Magengrube. Einmal tief durchatmen, dann rollte er weiter, wühlte in ein paar Kisten, bis er eine alte Einkaufstasche fand – darin der gesuchte Gaszug, originalverpackt.


    Er kam zurück zu Tom. Der hatte inzwischen Werkzeuge bereitgelegt und sah jetzt ebenfalls zu Lauries gescheitertem Projekt. Sein Blick blieb einen Moment länger hängen als nötig.

    „War sie eigentlich mal hier?“, fragte er. „Hat sie ihn inzwischen gesehen?“


    Toto schüttelte den Kopf und reichte Tom den Beutel. „Nein. Ich glaube, für sie ist das Ding einfach gestorben.“ Ein kurzer Unterton, kaum hörbar, aber da.


    Tom wandte den Blick wieder von der Garage ab. „So wie der alte Trödler. Was sagst du zu der Story?“


    „Die Erbschaft? Wilde Sache. Aber irgendwie zieht das Mädel solche Geschichten an.“


    „Katastrophenmagnet“, witzelte Tom knapp – merkte aber sofort, dass er damit Laurie nicht gerecht wurde. Toto nahm kurz die zweite Bierflasche vom Boden auf, trank einen Schluck, stellte sie zurück, während Tom den Plastikbeutel mit dem Gaszug aufriss und den leeren Beutel Toto reichte.


    „Gibt’s da eigentlich was Neues?“, fragte der beiläufig.


    Tom zog kurz die Schultern hoch. „Sie hat angefangen, sich um seinen Wagen zu kümmern – logisch. Ein ziemlich ranziger 740er Kombi...“


    Toto nickte nur, mäßig begeistert. „Kein Ersatz für den…“ Er deutete kurz mit den Augen zur Garage.


    Tom verzog einen Mundwinkel. „Nein.“ Er nahm den Seitenschneider, rieb sich mit der anderen Hand kurz das Kinn, dachte darüber nach, wie er mit den vorhandenen Teilen einen zuverlässigen Ersatz für den gerissenen Zug improvisieren konnte. „Ansonsten ist nix. Ich glaube, im Moment ist warten angesagt, bis die vom Amt ihr das Go geben. Am Donnerstag war wohl die Beerdigung und… ach doch. Die drei waren schon in der Wohnung. Und dreimal darfst du raten, was sie da gefunden haben.“


    Toto machte ein eher ratloses Gesicht. „In der Wohnung von dem alten? Weiß ich nicht. Einen Goldschatz? Ein neues Testament von Elvis? Das Bernsteinzimmer?“


    „Nein. Einen Papagei“, grinste Tom.


    „Einen… einen Papa… was?“


    Tom nickte. „Mhm. Einen Eins‑A‑Graupapagei.“


    Toto prustete kurz. „Sind die wertvoll?“


    „Weiß ich nicht.“


    Tom nahm einen kurzen Schluck aus der Bierflasche, stellte sie ab und glitt wieder in den Fußraum des eibengrünen W126 zurück, in der Hand eine grüne Kombizange und einen Schraubendreher.

  • In der Schulwerkstatt ging inzwischen die Klasse an die Arbeit am heutigen Objekt. Laurie war weiter freigestellt, Seda war noch nicht da – ein Arzttermin, den sie auf Verlangen ihres Ausbilders auf den heutigen Schultag gelegt hatte. Einige Schüler standen um das Anschauungsobjekt, eine Mercedes C‑Klasse von 2010. Ein Diesel, gespendet von einem Privatmann.


    „Tja“, begann Hartmut Rotter den Unterricht mit einem eher abfälligen Blick zur blassroten Limousine vor ihm. „Wir können nicht immer nur an spannenden Exoten schrauben. Sowas hier,“ er machte eine kurze Handbewegung, „sowas wird für die meisten von euch der Alltag sein. Eure Brötchen wollen verdient sein. Und die Raten zum Bausparvertrag.“


    Ein kurzes Murmeln ging durch die Gruppe, ein verächtliches „Tss“ kam von Eric Rollmann.


    Rotter sah ihn an. „Herr Rollmann. Haben Sie keinen Bausparvertrag?“


    „Bausparen… ey, so ’ne Kinderkacke. Das dauert doch hundert Jahre. Wir machen das anders. Wenn wir was brauchen, dann wird das geregelt. Gibt Leute, die wissen, wie man Geld bewegt. Frag meinen Bruder.“


    „So.“ Rotter setzte ein süffisantes Grinsen auf, das Rollmanns Überheblichkeit eher ins Lächerliche zog. „Na vielleicht haben Sie bei Gelegenheit mal ein paar Tipps für uns.“


    Marek nickte im Hintergrund Manja zu, flüsterte: „Mhm. Und wenn man die richtigen Leute kennt, lässt man mal eben einen Pacer schrotten, um anderen zu schaden.“


    Rollmann hatte das nicht gehört, Rotter schon. Er drehte sich zu Marek.

    „Herr Kuberski, Sie haben die Messleitung ja schon in der Hand. Vielleicht können Sie uns erst einmal was zur Diagnose erklären. Der Kunde hat den Wagen gebracht, sagen wir mal, mit dem Kommentar: ‚Der läuft komisch.‘ Was tun Sie?“


    Marek dachte einen Augenblick nach, bevor er antwortete. „Erst mit dem Kunden reden. Was heißt ‚läuft komisch‘? Wann? Kalt, warm, beim Anfahren, beim Beschleunigen? Dann Sichtprüfung. Flüssigkeiten, Riemen, Stecker, offensichtliche Schäden.“ Er sah einmal in die Runde. Die Gruppe folgte seinen Erklärungen. „Dann Fehlerspeicher. Live‑Daten. Ob irgendwas auffällig ist. Wenn nichts drinsteht: Probefahrt. Symptom nachstellen. Und dann systematisch eingrenzen.“

    Er sagte es ruhig, ohne Aufregung. Einfach der Ablauf, wie er ihn gelernt hatte.


    Rotter nickte knapp. „Gut.“


    Rollmann, der die Hälfte davon gar nicht gehört hatte, drehte sich erst jetzt um. Er grinste.

    „Uuh, Kuberski, du klingst ja wie ein richtiger Meister heute.“


    Marek reagierte nicht. Er legte die Messleitung ab, griff nach dem Multimeter.


    Rollmann ließ nicht locker. „Obwphl Laurie nicht da ist. Oder Seda. Keine Ahnung, wen von den beiden er mehr beeidnrucken will.“

    Ein paar Schüler schauten kurz rüber. Nicht neugierig – eher genervt.


    Rollmann legte nach, selbstzufrieden: „Oder beide? Die zwei sind zusammen unterwegs. Die kleben doch eh ständig aneinander. Vielleicht haben die heute früh irgendwas zu zweit… gemacht.“

    Er sagte es mit diesem Ton, der gleichzeitig spöttisch und überzeugt klang — als wäre das für ihn längst gesetzt, kein Gerücht.


    Marek drehte sich langsam zu ihm. „Rolle. Halt’s Maul.“ Trocken. Ohne Lautstärke. Ohne Drohung.


    Rollmann hob die Augenbrauen, spielte überrascht. „Was denn? Ist doch wahr. Die zwei fehlen gleichzeitig. Ist doch eindeutig. Vielleicht—“


    Marek unterbrach ihn. „Ich hab keinen Bock auf deinen Müll.“ Er sagte es, als würde er eine falsche Messung korrigieren. Kurz, präzise, erledigt.


    Rollmann grinste, aber der Grinser saß nicht mehr richtig. „War doch nur Spaß. Weiß doch jeder, dass du da keinen Stich hast.“

    Rotter hob den Kopf. „HERR Rollmann.“ Nur das. Kein Zusatz.


    Rollmann drehte sich weg, suchte irgendein Werkzeug, das er nicht braucht. Die Klasse löste sich wieder in kleine Arbeitsgruppen auf, aber die Spannung hing noch kurz in der Luft.



    Dann kam Seda eiligen Schrittes in die Halle. Sie legte die Jacke im Gehen ab, blieb kurz stehen, um nicht mitten in die Gruppe zu platzen.

    „Guten Morgen, Herr Rotter. Entschuldigen Sie, der Arzttermin hat etwas länger gedauert“, sagte sie ruhig, aber hörbar außer Atem.


    Rotter nickte knapp. „In Ordnung.“


    „Desto länger, desto schöner“, kommentierte Rollmann von der Seite.


    Seda reagierte nicht sofort. Ein kurzer Blick, mehr nicht — kein Einfrieren, kein Kopfschüteln. Nur ein neutrales Registrieren, bevor sie weiterging und sich neben Marek stellte.


    Marek zuckte kurz, kaum sichtbar.


    Rotter sah die Szene, sagte aber nichts und machte mit der Stunde weiter.



    Die Klasse arbeitete inzwischen wieder verteilt an mehreren Übungsstationen. Nicht alle standen an dem roten Mercedes; dort waren nur die, die Rotter für die Diagnose eingeteilt hatte: Manja und Timo am Diagnosewagen, Jonas und sein Partner an der Motorhaube, Marek mit der Messleitung – und Rollmann, der sich wie immer in die Nähe drängte, obwohl er offiziell einer anderen Gruppe zugeordnet war.


    Das Summen der Geräte, kurze Gespräche, Werkzeugklappern. Trotzdem lag etwas in der Luft, das nicht zu einem normalen Unterrichtstag passte.


    Manja und Timo prüften die Daten. Timo beugte sich zu ihr. „Der ist heute wieder komisch“, murmelte er.


    Manja nickte kaum sichtbar. „Ja.“


    Mehr sagten sie nicht. Beide arbeiteten weiter, aber ihre Blicke gingen immer wieder kurz zu Rollmann, der am Werkzeugwagen stand und so tat, als würde er etwas sortieren. Er wirkte gereizt, als würde er nicht verstehen, warum die Stimmung gegen ihn kippte.

    Jonas und sein Partner standen vorne. Jonas sagte leise: „Der hat da irgendwas gedreht. Ganz sicher.“ Sein Partner nickte, ohne aufzusehen.


    Marek hörte das. Er sagte nichts, aber sein Blick blieb einen Moment länger auf Rollmann hängen, bevor er wieder zum Mercedes zurückging.


    Rollmann bemerkte die Stimmung. „Was guckt ihr alle so?“, fragte er in die Runde, diesmal lauter, schärfer.


    Niemand antwortete.

    Marek steckte die Messleitung ein, kontrollierte die Werte, sagte ruhig: „Komisch, wie manche Leute immer genau da stehen, wo sie nicht stehen sollten.“


    Rollmann drehte sich sofort zu ihm. „Was soll das heißen?“


    „Gar nichts.“ Marek blieb sachlich. „Nur ’ne Beobachtung.“


    Rollmann machte einen Schritt auf ihn zu. „Beobachtung? Was laberst du?“


    Marek blieb stehen. „Du warst neulich beim Prüfstandstag auch genau da, wo du nicht sein solltest.“


    Rollmann stutzte. „Hä? Was meinst du?“


    „Ist egal.“ Marek legte das Multimeter ab. „War nur ’n Gedanke.“


    Jetzt war es still. Die Schüler an der C‑Klasse verstanden sofort, was Marek meinte. Rollmann nicht. Er spürte nur, dass der Satz gegen ihn ging.


    „Sag’s doch direkt, wenn du was willst“, sagte Rollmann, diesmal näher, zu nah. Er stand jetzt direkt vor Marek, beinahe Brust an Brust, die Hände leicht angespannt.


    „Ich will gar nichts.“ Marek blieb ruhig. „Nur, dass du nicht ständig Müll erzählst.“


    Rollmanns Gesicht verzog sich. „Du hast doch keine Ahnung, was du da andeutest.“


    „Stimmt.“ Marek sah ihn an. „Aber du auch nicht, was manche gesehen haben.“


    Rollmann blinzelte. „Was ihr gesehen habt? Was denn?“

    Er wirkte zum ersten Mal unsicher — nicht, weil er wusste, was gemeint war, sondern weil er merkte, dass die Gruppe etwas wusste, das er nicht kannte.


    Dann kippte es.


    Rollmann packte Marek kurz am Ärmel. Nicht fest, aber eindeutig. Ein Reflex, ein Griff, der zu viel war.


    Marek riss den Arm frei. „Lass das.“


    Rollmann ging einen halben Schritt zurück, die Schultern angespannt. „Pass auf, was du sagst, Alter“, zischte er zwischen den Zähnen.


    Rotter war sofort da.

    „Stopp.“

    Ein einziges Wort, klar, laut genug, um die Halle kurz still zu machen.


    „Herr Rollmann, Sie gehen jetzt an die andere Seite des Fahrzeugs. Sofort.“


    Rollmann wollte etwas sagen, aber Rotters Blick reichte. Er ging, hart, mit schnellen Schritten, das Werkzeug in der Hand viel zu laut abgelegt.


    „Herr Kuberski“, sagte Rotter ruhig, „Sie arbeiten weiter. Ohne Kommentare.“

    Marek nickte knapp. „Ja.“


    Die Klasse löste sich wieder in Bewegung auf. Die Spannung blieb, aber gedämpft. Niemand sprach darüber. Niemand musste.

  • Kapitel 46: Erkenntnisse am Köpenicker Weg

    Nur eine Woche nach der Beerdigung kam Post. Lisa hatte den Briefkasten geleert und ging ins Büro. Sie versorgte den Vogel, spielte etwas mit ihm, dann setzte sie sich und öffnete die Briefe: erst Geschäftliches, dann Werbung. Ganz unten lag ein hellgrauer Umschlag vom Amtsgericht – adressiert an Laurie. Sie hielt kurz inne, überlegte, ob sie ihn öffnen sollte, legte ihn dann aber beiseite.


    Am späten Nachmittag kam Laurie von der Arbeit, stellte Hook vor der Werkstatt ab und brachte ein paar Kartons mit Ersatzteilen für den Volvo hinein. Lisa ging zu ihr, hielt den Umschlag hoch.

    „Hi. Na, wie geht’s? Du hast Post.“

    „Ich?“

    „Ja. Vom Gericht. Sicher wegen Gustav.“


    Laurie nahm den Umschlag zögerlich, riss ihn seitlich auf, zog das Schreiben heraus. Ein kurzer Blick, dann reichte sie es an Lisa weiter.

    Lisa las aufmerksam. Laurie wippte ungeduldig mit dem Fuß. „Was wollen die?“

    „Okay… hier steht, dass beim Amtsgericht ein handschriftliches Testament von Gustav eingegangen ist… und dass du darin als Erbin genannt wirst.“


    „Ja, klar. Weiß ich schon...“


    „Sie wollen Angaben zum Nachlass. Was er hatte – Konten, Verträge, Schulden, sowas. Und du bist verpflichtet, das mitzuteilen. Innerhalb von zwei Wochen.“


    „Na klasse. Woher soll ich das wissen? Sonst noch was?“


    „Hier… wichtig: Der Hinweis auf die Erbausschlagung. Sechs‑Wochen‑Frist, falls du das Erbe nicht willst.“ Lisa blätterte weiter. „Und dass mit der Erbschaft auch mögliche Schulden übergehen. Standardtext.“


    Laurie blies die Backen kurz auf, dann ein hartes Puh. Sie nahm das Schreiben zurück, sah noch einmal drauf. „Was meinst du?“


    „Da steht noch, dass du dich melden sollst, wegen Termin oder Unterlagen.“ Lisa zuckte mit den Schultern. „Ganz ehrlich? Ich weiß es auch nicht. Schulden – glaube ich nicht. Die Wohnung sah nicht danach aus. Oder habt ihr irgendwas gefunden? Mahnungen, oder so amtliche gelbe Umschläge?“


    „Nein.“


    „Ich glaube nicht, dass er verschuldet war. Reich aber eher auch nicht.“


    „An Erfahrung höchstens…“, murmelte Laurie.


    „Das auf jeden Fall. Und Trödel. Apropos: Hast du in der Wohnung irgendwas gesehen? Er muss doch irgendwo ein Lager gehabt haben. Die Wohnung war ziemlich ordentlich.“


    „Vielleicht im Keller. Oder in der Garage. Wer weiß, was da noch für Schätze liegen…“, grinste Laurie.

    „Siehst du? Und allein deswegen wäre es schade, wenn du ausschlägst. Hast du nicht am Markt noch gesagt, das könnte was für dich sein? So ein Wust an altem Zeug?“


    „Irgendwie schon…“


    „Na also. Und er wollte, dass du das bekommst. Dann kannst du es auch annehmen.“


    Laurie nickte langsam. „Okay. Lass uns morgen zur Wohnung fahren.“


  • Laura parkte den Cadillac vor dem Haus, gemeinsam gingen sie hinein. Unten im Flur wischte eine junge Frau den Boden. Die Tür zu ihrer Wohnung stand offen. Sie grüßte, etwas verhalten, verfolgte die drei mit dem Blick, als sie die Treppe hinaufgingen und vor Gustavs Tür stehen blieben.

    Laurie holte den Schlüssel aus der Tasche und schloss auf. Sie gingen hinein, Laura machte die Wohnungstür hinter ihnen zu.


    „So. Und jetzt?“, fragte Laurie, während Lisa schon ins Wohnzimmer weiterging.


    Laura öffnete vorsichtig die Tür rechts vom Eingang – Gustavs Schlafzimmer. Sie zog ein Paar Einweghandschuhe aus der Tasche und streifte sie über, dann öffnete sie nacheinander einige Schranktüren.


    Laurie setzte sich an den Küchentisch, nahm das Schreiben der Krankenkasse, das sie beim letzten Mal liegen gelassen hatten, und überflog es noch einmal. Ein kurzer Atemzug, dann stand sie auf und ging zu Lisa ins Wohnzimmer.

    Die hatte mehrere Ordner aus dem Regal gezogen – beschriftet mit Auto, Bank, Garagen, Haus, Versicherung.

    „Na, ordentlich beschriftet hat er schon mal alles“, stellte sie fest. „Das macht die Sache einfacher.“

    Sie klappte den Ordner Bank auf, blätterte durch Kontoauszüge. Anerkennend schob sie die Unterlippe vor und sah zu Laurie.


    „Und? Bin ich reich?“, fragte die.


    „Immerhin – fünfstellig.“


    Laurie zog die Brauen hoch, beugte sich vor und sah selbst auf den letzten Saldo, obwohl der jüngste Auszug schon drei Monate alt war. „Okay…“


    Laura kam aus dem Schlafzimmer. „Wo sind denn die Müllsäcke? Ich sortier schon mal ein paar Sachen aus, die man nicht mehr brauchen kann.“


    „Küche“, antwortete Laurie, ohne aufzusehen. Sie beobachtete weiter, wie Lisa im Ordner blätterte, holte dann ein paar lose Papiere von der Anrichte und reichte sie ihr. „Hier, die sind noch nicht abgeheftet.“


    Dann nahm sie den Auto-Ordner, setzte sich in den Sessel und blätterte. „Der letzte TÜV-Bericht ist von vor sieben Jahren“, stellte sie belustigt fest. „Erhebliche Mängel…“


    Lisa reagierte nicht. Sie las konzentriert im Ordner Haus, blätterte zurück, wieder vor, schüttelte leicht den Kopf. Dann klingelte es an der Wohnungstür.

    „Ich geh schon“, rief Laura aus dem Schlafzimmer und öffnete. Vor ihr stand ein Mann. Vielleicht Ende fünfzig, graue Schläfen, Strickjacke, Hausschuhe, im Mundwinkel eine Meerschaumpfeife, die aber aus war.


    „Guten Tag“, sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme. „Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie hier tun?“


    Laura musterte ihn kurz. „Stört es Sie, wenn ich Sie das zuerst frage?“


    Hinter ihr kam Laurie aus dem Wohnzimmer, neugierig, wer da stand.


    Der Mann blieb gelassen. „Bender ist mein Name, Oberstudienrat a. D.. Ich wohne gegenüber. Sind Sie Verwandtschaft von dem Herrn?“


    Laura schüttelte den Kopf, stellte sich vor und erklärte: „Der Herr, der hier wohnte… er ist verstorben. Wir kümmern uns um seinen Nachlass.“


    Bender nickte nur knapp. „Oh.“ Er nahm die Pfeife aus dem Mund, sah an Laura vorbei in die Wohnung. Laurie trat schräg hinter sie, nickte ihm kurz zu.

    „Wir hatten uns schon so etwas gedacht“, sagte er. „Dass er so lange nichts von sich hören ließ, war ungewöhnlich. Wir dachten, er sei im Krankenhaus. Oder zur Kur. Er sah ja nicht sehr gesund aus in den letzten Monaten.“

    Er drehte sich um. Die Frau aus dem Flur kam langsam die Treppe herauf, einen kleinen Jungen auf dem Arm. Hinter ihr ein Mädchen, vielleicht vier, höchstens fünf Jahre alt. Zwei Stufen vor dem Absatz blieben sie stehen.


    Laura sah erst zu ihr, dann zu Bender.

    Der wandte sich zu der Frau: „Sie hatten wohl recht, Mila. Er ist… gestorben.“


    Die Frau wurde blass – noch blasser als vorher schon. Instinktiv zog sie das Mädchen näher an sich, der Junge rutschte ein Stück höher auf ihrem Arm. Ihr Gesicht erstarrte, die Hände zitterten leicht. „Tot?“, brachte sie mit brüchiger Stimme hervor. „Hier? In Wohnung?“, fragte sie ängstlich und bekreuzigte sich flüchtig.


    Laura trat ein, zwei Schritte vor, an Bender vorbei, und ging auf dem Treppenabsatz in die Hocke. Von dort aus musste sie zu Mila hinaufsehen. Das kleine Mädchen wich zurück und versteckte sich hinter den Beinen der Mutter, machte unsicher einen Schritt rückwärts, eine Stufe tiefer.


    „Nein, nicht hier“, widersprach Laura leise, den Blick nach oben gerichtet. „Im Krankenhaus. Schon vor zwei Wochen. Leider.“ Dann stand sie langsam wieder auf.


    Das Mädchen presste sich fester an das Bein der Mutter, der Blick groß und scheu. Auch die Frau selbst wirkte, als hätte man ihr den Boden weggezogen – die Schultern angespannt, den Jungen unbewusst fester haltend.


    Bender sah zwischen den Frauen hin und her, als müsse er die Situation neu sortieren. „Verzeihen Sie“, sagte er schließlich, ruhig, aber mit einem Hauch Unsicherheit. „Ich hatte ja schon gefragt… wer genau sind Sie drei?“


    Laura blieb stehen, die Hände offen, nicht drohend, nur sichtbar. „Wir kümmern uns um seinen Nachlass“, sagte sie ruhig. „Er hat uns… nicht direkt, aber doch deutlich genug eingebunden.“ Sie deutete leicht auf Laurie. „Das ist Laurie, meine Tochter. Sie war ihm... am nächsten.“

    Laurie stand jetzt neben Laura, die Hände in den Jackentaschen, der Blick kurz zu Mila und dem Mädchen, dann wieder zu Bender. Ein knappes Nicken, mehr nicht.


    Lisa kam aus dem Wohnzimmer in den Flur, vor der Brust ein Aktenordner. Sie blieb hinter den beiden stehen. Bender nahm sie ebenfalls in den Blick, als müsse er die Rollen sortieren.


    „Ich verstehe“, sagte er schließlich. „Es ist nur… ungewöhnlich. Er war ein…“ Er suchte kurz nach dem richtigen Wort. „…zurückhaltender Mann. Und plötzlich stehen hier drei fremde Frauen in seiner Wohnung.“ Er sah kurz zu Mila, die keinen Ton mehr sagte. „Wir hatten uns Sorgen gemacht. Er war ja nicht mehr der Jüngste.“


    Mila schluckte, der Junge auf ihrem Arm zappelte kurz. Das Mädchen versteckte sich noch immer halb hinter ihr, lugte aber mit einem Auge zu Laurie hinüber – vorsichtig, misstrauisch.

    Laurie sah das. Eine Sekunde lang hob sich ein Mundwinkel – kaum sichtbar, eher ein Reflex –, bevor ihr Gesicht wieder in die gewohnte Ruhe zurückfiel. Niemand außer dem Mädchen schien es bemerkt zu haben.


    Laura machte eine kleine, beruhigende Geste. „Sicher. Wir wollen uns nur orientieren, etwas Ordnung schaffen. Und herausfinden, was jetzt zu tun ist.“

    Bender nickte langsam, als würde er die Antwort abtasten. „Ja… ja, natürlich.“

    Er sah noch einmal in die Wohnung, dann wieder zu Laurie – prüfend, aber nicht feindselig. Eher suchend. Als wolle er wissen, ob sie diejenige sein würde, die jetzt Entscheidungen trifft.


    Mila stand noch immer wie festgenagelt, die Lippen leicht geöffnet, aber kein Wort kam heraus.

    Bender sah Laurie weiter an. „Haben Sie vielleicht eine Karte? Eine Nummer, unter der ich Sie erreichen kann? Sie werden das jetzt sicher übernehmen hier?“


    Laura griff in ihre Jackentasche, zog ein Etui heraus und reichte ihm ihre Visitenkarte. Bender bedankte sich mit einem kurzen Nicken und trat einen Schritt zurück in den Flur. Bevor er in seine Wohnung zurückging, wandte er sich noch einmal an Mila. „Sie kommen am Sonntag?“, fragte er leise, fast beiläufig.


    Mila nickte nur kurz. Dann schloss er leise die Tür.