Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • Laura blieb noch einen Moment stehen, Laurie weiter neben ihr. Langsam, zögerlich, nahm Mila das Mädchen an die Hand und stieg erst jetzt die letzten zwei Stufen hinauf. Direkt am Treppenabsatz blieb sie stehen und streckte vorsichtig die Hand aus.

    „Ich bin Mila“, sagte sie leise; der Akzent war unüberhörbar. „Ich putze hier. Und für Herr Bender. Manchmal. Ich wohne unten.“ Während sie sprach, rückte sie das Kind wieder ein kleines Stück höher auf den Arm – eine beiläufige, vertraute Bewegung.


    Laura nahm ihre Hand und lächelte. „Ich bin Laura. Und das ist meine Tochter Laurie.“ Dann sah sie den kleinen Jungen an. „Und wer bist du?“


    „Das ist Edgar, mein Sohn.“ Der Satz klang einen Hauch wärmer.


    Dann legte sie die Hand an den Hinterkopf des Mädchens und schob es ein Stück vor. „Sie ist Gerda.“ Die Bewegung war sachlich, fast routiniert – nicht unfreundlich, aber ohne dieselbe Selbstverständlichkeit wie bei Edgar.


    Gerda stand still, zu still für ihr Alter. Sie sah Laurie an – nicht nur vorsichtig, sondern mit einem Moment reinen Staunens, als hätte sie so jemanden noch nie gesehen. Der Blick blieb hängen, groß, unsicher, fast ehrfürchtig.


    Laurie grinste kurz und winkte, mehr nicht. Gerda rührte sich nicht; sie beobachtete Laurie weiter, als müsse sie erst verstehen, wen sie da ansah.


    Laurie spürte einen winzigen Stich Irritation, ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Etwas an Milas Tonfall, an der Art, wie sie die beiden Kinder hielt – nicht falsch, nur… unausgewogen.


    „Kommen Sie doch einen Augenblick herein“, bat Laura.


    Mila schüttelte sofort den Kopf. „Ich will nicht stören. Sie haben sicher viel zu tun.“ Doch Gerda löste sich in diesem Moment von ihr und lief in die Wohnung – an Laura und Laurie vorbei, an Lisa vorbei, direkt ins Wohnzimmer. Dort blieb sie abrupt stehen, wie festgefroren.


    „Gerda! Komm wieder her“, rief Mila. Die subtile Strenge im Unterton war deutlich. „Entschuldigen Sie bitte. Sie will sicher nur den Vogel ansehen.“ Dann wieder, schärfer: „Gerda!“


    Lisa ging hinterher, legte den Ordner auf dem Tisch ab und hockte sich neben die Kleine. „Suchst du den Vogel?“


    Gerda blieb stumm. Sie sah sich im Zimmer um, suchend, als würde sie erst jetzt wirklich erkennen, dass der Platz leer war, an dem der große Vogelkäfig gestanden hatte. Einen Moment lang blieb sie stehen, die Stirn leicht gerunzelt, als versuchte sie, das Fehlen zu begreifen. Dann formten sich ihre Lippen zu einem unsicheren, kaum hörbaren Laut: „lo‑lei?“


    Lisa beugte sich leicht vor. „Ja, der Vogel“ fragte sie leise. Dann, ruhig erklärend: „Der ist nicht mehr hier. Der wohnt jetzt bei uns. Der hat jetzt ein eigenes großes Zimmer.“


    Gerda blieb noch einen Herzschlag lang stehen, als würde sie prüfen, ob das stimmen konnte. Dann drehte sie sich um und lief zurück – zur Tür, zur Treppe, hinunter in die Wohnung.



    Mila war in zwischen hereingekommen, stand jetzt an Durchgang zum Wohnzimmer und sah ihr nach. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie noch einmal, diesmal leiser.

    Sie atmete tief durch. Man sah, wie sie sich sammeln musste, bevor sie weiter sprach. „Darf ich fragen? Sie werden… jetzt kündigen?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauchen, der Akzent stärker als zuvor.


    Laurie sah zu Laura. Laura hob nur kurz die Schultern, ratlos. „Wahrscheinlich ja. Wir brauchen keine Wohnung. Können Sie uns sagen, wer der Vermieter ist? Dann müssen wir nicht erst den Vertrag suchen.“


    Mila zog die Brauen zusammen, als hätte sie die Frage nicht verstanden. „Hier Vermieter.“ Ein kurzer, nervöser Atemzug. „Gehört ihm. Gehört Gustav.“

    Laura blinzelte, der Kiefer stand einen Moment offen. „Ah… die Wohnung gehörte ihm?“ Sie sah zu Laurie, ein stummer Hinweis: Siehst du? Eine ganze Wohnung. Nicht nur ein Auto und Trödel.


    Doch Mila schüttelte sofort den Kopf, schneller, dringlicher. „Nein. Nicht Wohnung.“ Sie machte einen Schritt vor, Edgar fester auf dem Arm, eine kurze, fahrige Handbewegung. „Haus. Ganzes Haus gehört Gustav.“


    Laurie erstarrte. Laura auch. Einen Moment lang sagten beide nichts – als hätte jemand die Luft aus dem Zimmer gezogen.


    Mila fuhr hastig fort, die Worte stolperten übereinander. „Darum ich frage… ob Sie kündigen werden. Ich kann nicht andere Wohnung bezahlen. Ich bin allein mit zwei kleine Kinder.“ Ihre Stimme brach fast. „Bitte… bitte nicht kündigen, ja?“


    Laurie und Laura sahen sich an – ein kurzer, fassungsloser Blick. Hatten sie das richtig verstanden? Nicht nur die Wohnung. Das ganze Haus?

    Es wirkte absurd. Unwirklich. Und doch stand Mila vor ihnen, panisch, verzweifelt, als hinge ihr Leben daran. Sie hatte es gesagt.


    Der Satz brauchte einen Moment, um zu sinken. Laurie und Laura standen einfach da. Keine Worte, nur ein starrer Blick zwischen ihnen – ein Versuch, das Gesagte überhaupt zu fassen.


    Dann setzte Lauries Körper zuerst die Reaktion um, die ihr Kopf noch nicht hatte. Sie wich einen halben Schritt zurück, noch einen, bis die Knie den Sessel hinter ihr trafen. Sie sank hinein, eher gefallen als gesetzt.


    „Fuck.“ Leise, fast tonlos. Kein Ausbruch – nur ein Reflex.


    Laura blieb stehen, die Hand leicht geöffnet, als hätte sie etwas festhalten wollen, das nicht da war. Ihr Blick wanderte zwischen Laurie und Mila hin und her, suchend, aber ohne Sprache.


    Einen Moment lang war es still. Nur Atmen. Nur das Zimmer. Gustavs Wohnzimmer.


    Dann räusperte sich Lisa leise. Sie hob den Ordner vom Tisch, den mit dem schlichten Etikett Haus, und hielt ihn an die Brust gedrückt.

    „Ich wollte es euch gerade sagen.“ Ihre Stimme war ruhig, fast entschuldigend. Sie klappte den Ordner ein Stück auf, als wäre das die einzige mögliche Bewegung in diesem Moment.

  • Mila war gegangen, die Wohnungstür war wieder geschlossen. Im Obergeschoss hörte man einen Stuhl umfallen, ansonsten Stille. Minutenlang.

    Bis Lauries Handy sich meldete.

    Eine kurze Sprachnachricht von Seda. Mechanisch tippte Laurie auf Abspielen, dann war die Stimme ihrer Freundin zu hören: „Hii. Geht’s dir gut? Und dem Vogel? Und— bist du jetzt reich? Hihi, Spaß. Meld dich mal, es gibt Neuigkeiten wegen den Videos. Und… äh… gestern war’s ein bisschen stressig. Marek und Rolle haben sich fast gekloppt. Ich hab nur das Ende gesehen, aber Rotter musste dazwischengehen. Naja… sag Bescheid, ob du nächste Woche wieder kommst, okay? Tschüssii.“


    Laurie hörte die Nachricht zu Ende, ließ das Handy sinken. Sie sah kurz zu Laura, dann zu Lisa, die den Haus‑Ordner wieder vor der Brust hielt. Niemand sagte etwas.


    Plötzlich sprang Laurie auf — so abrupt, dass Lisa kurz zusammenzuckte. Sie ging ins Schlafzimmer, kippte einen Wäschekorb aus, in den Laura vorhin schon einige aussortierte Wäschestücke gelegt hatte, kam damit zurück und packte die Ordner hinein — Auto, Bank, Garagen, Versicherung, Haus. Dann warf sie nur ein kurzes „Los“ in den Raum und ging zur Tür. Laura folgte ihr, Lisa zuletzt.

    Im Treppenhaus war es still. Lauries Sneaker quietschten auf dem Stein. Unten im Flur stand noch Milas Wischmopp an die Wand gelehnt.

    Draußen war die Luft kalt. Laurie stellte den Wäschekorb in den Laderaum des Escalade, blieb aber stehen, die Hände noch am Rand des Korbs. Der Blick ging kurz zurück zum Haus, dann wieder zu den Ordnern. Auto. Bank. Garagen. Versicherung – Haus. Fünf Wörter. Keines davon wog heute noch so wenig wie gestern. Und eines davon wog schwer wie Blei.

    Laura drückte die Taste an der Fernbedienung, sirrend senkte sich die Heckklappe und schloss mit einem dumpfen Klack.



    Ein Stück die Straße runter stand ein gelber BMW. Lauries Blick blieb automatisch daran hängen — Marke, Farbe, das tiefergelegte Fahrwerk, noch bevor ihr bewusst wurde, dass sie das Auto kannte. Aber der Gedanke verlief sich sofort. Kein Name, keine Verbindung. Sie sah weg.

    Lisa kam den Weg herunter, den Schlüsselbund noch in der Hand. „Wir sollten erstmal nach Hause", sagte sie. Keine Lösung, kein Plan — nur ein erster, kleiner Schritt, den man fassen konnte.


    Laurie nickte, ohne sich zu bewegen.

  • Kapitel 47: Ick mach dit

    Das Wochenende war ruhig. Kein Markt, keine Veranstaltungen, nicht mal störende Anrufe – einfach Ruhe. Ruhe, die Laurie brauchte, um nachzudenken. Und ebenso Lisa und Laura, die bei zwei Tassen Tee in der Küche saßen. Die Ordner von Gustav lagen unten im Büro.


    Lisa setzte ein paarmal an, Laura etwas zu fragen, fand aber irgendwie keinen Anfang. Das Thema lag offen auf dem Tisch: Laurie sollte ein Haus erben. Ein bewohntes Haus. Sowas bedeutete nicht nur eine finanzielle Last. Ein älteres Gebäude hatte immer Reparaturbedarf, aber dafür gab es Rücklagen. Gustavs Konto mit den fast dreißigtausend Euro, sicher seine Reserve für spontan anfallende Kosten.


    Mit Immobilien kannten sie sich aus. Laura hatte als Eigentümerin der alten Textilfabrik oft genug geflucht: wenn der Denkmalschutz wieder etwas verlangte, das sofort umzusetzen war; wenn irgendwo eine Leitung streikte; oder wenn die Stadt mit neuen Auflagen kam, die keiner eingeplant hatte. Dinge, die einfach passieren und bezahlt werden müssen.


    Nein, das war nicht das Problem. So ein Haus zu besitzen war schon eine große Sache,aber nichts, was Laurie permanent überfordern würde. Mit Lisa und Mom unterstützend im Rücken würde sie das schon hinbekommen. Die Verantwortung war es, die drückte. Die Verantwortung nicht nur für die Mauern, sondern für die Menschen darin.


    Einige hatten sie schon gesehen. Herrn Bender von gegenüber. Ein ruhiger, seriöser Mann, Anfang bis Mitte sechzig, gepflegt, Oberstudienrat im Ruhestand.. Dann Mila, die scheue junge Frau mit den zwei kleinen Kindern. Ihrem Akzent nach kam sie aus Osteuropa, vielleicht Rumänien, Bulgarien, eventuell Moldawien. Jedenfalls schien sie noch nicht lange in Deutschland zu sein.

    Wer sonst noch dort wohnte, würden sie bald erfahren. Falls Laurie sich entschließen würde, das Erbe anzunehmen.


    Drüben wurde die Wohnungstür ins Schloss gezogen. Laura und Lisa lauschten einen Moment, bis unten der raue Sechszylinder von Hook anspringen würde. Aber nichts. Es blieb still auf dem Hof. Sie sahen nicht hinaus, blieben am Tisch sitzen. Lisa rührte im Tee, Laura holte kurz das Handy hervor, scrollte durch ein paar Nachrichten. Dann setzte Lisa nochmal an: „Sie wird einiges schultern müssen. Erbschaftsteuer um Beispiel.“


    Laura nickte, ohne überrascht zu wirken. „Hab ich auch schon dran gedacht. Das Guthaben auf Gustavs Konto reicht dafür nicht.“


    Lisa schob ihre Tasse ein Stück zur Seite. „Das Finanzamt nimmt den Verkehrswert. Und bei einem bewohnten Haus ist der nicht niedrig. Da kommt was zusammen.“ Sie sagte es sachlich, nicht dramatisch.


    Laura atmete leise aus. „Wenn sie will, geb ich ihr das Geld.“


    Lisa hob den Blick. „Dann musst du Zinsen nehmen. Sonst wertet das Finanzamt das als Schenkung.“


    Laura nickte. „Gut. Machen wir so. Wenn Laurie das möchte.“


    Lisa fuhr fort, jetzt in ihrem typischen Behörden‑Ton: „Wir brauchen dann einen kurzen Vertrag. Nichts Großes. Ein Blatt Papier, Betrag, Zinssatz, Rückzahlung offen. Hauptsache, es ist nachvollziehbar. Das Amt will sehen, dass es kein Geschenk ist.“


    Laura verzog keine Miene. „Kriegen wir hin.“


    Stille. Der Tee dampfte.


    Lisa lehnte sich zurück. „Und den Erbschein, den kann sie jetzt schon beantragen. Das Gericht hat alles, was es braucht. Wenn niemand widerspricht, läuft das durch.“


    Laura sah zur Tür, als würde Laurie jeden Moment hereinkommen. „Ich will sie nicht überfahren. Schon planen, bevor sie überhaupt sagt, was sie will.“


    Lisa nickte. „Wir warten ab. Und wenn sie nur wegen dem Geld zögert, bieten wir’s an. Ohne Druck.“


    „Genau. Wir warten.“


    Die beiden blieben sitzen, ruhig, konzentriert, ohne Eile. Laurie musste entscheiden. Sie würden den Rest abfangen.

  • Es waren sicher fast drei Stunden vergangen. Laura saß inzwischen vor dem Fernseher, Lisa las ein Buch. Von Laurie war weit und breit nichts zu sehen und zu hören.

    Lisa sah kurz von ihrem Roman auf. „Weißt du was?“


    „Hm?“


    „Ich hab Hunger.“


    Laura drehte den Kopf mit diesem kleinen fürsorglichen Impuls, wach, leicht gespannt. „Soll ich dir was kochen? Was möchtest du?“


    Lisa schüttelte den Kopf, lächelte. „Nee. Weißt du, worauf ich jetzt richtig Bock hätte?“


    „Döner. Mit alles. Und scharf.“


    „Auch gut. Aber nein.“ Sie leckte sich kurz die Lippen. „Ich will ’ne Pizza. Mit richtig viel Käse.“


    Laura stand auf. „Au ja. Los, lass uns fahren.“


    „Warte, ich zieh mir schnell was an.“ Lisa sah an sich herunter — das Outfit war eindeutig zu leicht, zu sehr „Wohnung“, absolut nicht straßentauglich.


    „Brauchst du nicht.“ Laura lächelte, ein warmer Unterton. „Bleib einfach im Auto. Wir nehmen die Pizza mit.“


    „Na gut.“


    Sie stiegen in den Escalade. Lisa blätterte auf dem Handy durch die Karte ihrer Stamm‑Pizzeria. „Für Laurie auch? Sie kommt doch irgendwann wieder. Und dann beschwert sie sich, wenn wir ihr nichts mitgebracht haben.“


    „Okay, dann drei.“


    Eine halbe Stunde später lagen drei duftende Pizzaschachteln hinten im Fußraum. Laura hielt kurz an der Tankstelle, während Lisa versuchte, Laurie telefonisch zu erreichen.


    „Nichts. Es klingelt nicht.“ Sie klang nüchtern. „Wahrscheinlich hat sie das Handy ausgeschaltet.“


    „Die Dinger kann man ausschalten?“, grinste Laura und stieg wieder ein. „Wenn ich das früher gewusst hätte.“


    „Komm, gib Gas. Ich hab Hunger. Aber denk an den Blitzer…“


    Laura beschleunigte den Escalade und bremste kurz vor dem berüchtigtsten Blitzer der Stadt hart ab.


    „Hee, die Pizzen.“ Lisa protestierte und tastete kurz nach hinten. Kaum war die Säule passiert, stand Laura wieder auf dem Gas.


    Hundert Meter weiter — zweite Kontrolle. Ein Streifenwagen, zwei Beamte, mobile Messung. Laura bremste scharf. Lisa rutschte nach vorn, ihr viel zu leichtes Outfit verrutschte minimal.


    „Oh shit“, murmelte sie. „Doch nicht jetzt.“


    Der Beamte kam ans Fenster. „Guten Abend. Geschwindigkeitskontrolle.“


    Laura lächelte entschuldigend. „Tut mir leid. War ich etwa zu schnell?“


    Der Blick des Beamten glitt kurz zu Lisa — eindeutig nicht öffentlichkeitstauglich gekleidet, die Arme verschränkt, das Handy halb vor der Brust wie ein Schild.


    „Äh… wir holen nur Pizza“, sagte sie trocken, ohne dem Polizisten in die Augen zu sehen.


    Der nickte, professionell, aber mit einem winzigen Zucken im Mundwinkel. „Dann fahren Sie bitte vorsichtig weiter. Und vielleicht… regeln sie die Heizung etwas herunter?“


    Laura bedankte sich, fuhr an. Lisa sank in den Sitz zurück.


    „Super“, murmelte sie. „Jetzt weiß die ganze Polizei, wie ich zuhause rumlaufe.“


    „Ach, der fand dich bestimmt auch niedlich“, grinste Laura, die Stimme ungewohnt warm, als würde Lisa im Auto mehr zeigen als geplant.


    „Ja klasse.“


    Laura grinste, gab Gas — diesmal kontrolliert.


    Einige hundert Meter weiter nahm sie den Fuß wieder vom Pedal und bremste sanft ab. Am Straßenrand, auf dem Gehsteig, war Laurie.

    Laura hupte kurz, hielt neben ihr. Lisa öffnete das Fenster. Laurie kam an den Wagen, sah hinein, staunte ebenfalls über Lisas Outfit und schnupperte neugierig.


    „Wo warst du denn?“, fragte Laura vom Fahrersitz, die Stimme wieder ruhig, aber mit diesem kleinen Tonwechsel, das sie bekam, wenn sie erleichtert war.


    Laurie beugte sich ins Auto. „Was duftet denn hier so? Ist das eine—“


    „Calzone Grande. Ohne Pilze.“ bestätigte Lisa.


    Ein kurzes Leuchten ging über Lauries Gesicht. Dann riss sie die hintere Tür auf, sprang in den Wagen, zog die Knie an, um nicht die Pizzaschachteln zu zertreten, und rief lachend: „Los, Vollgas. Ich hab so einen Kohldampf.“


    Nur Minuten darauf stoppte der schneeweiße SUV vor der Fabrik. Laurie schnappte sich die drei Schachteln und sprintete hinein. Lisa sah sich kurz um, verschränkte die Arme und lief ebenfalls zur Tür.


    Laura drückte die Fernbedienung des Escalade und rief ihr hinterher: „Schnell, da kommen Leute.“


    Lisa stoppte, suchte kurz die Straße ab. Als niemand zu sehen war, nahm sie demonstrativ die Arme herunter und stemmte die Hände in die Hüften. Sie grinste Laura an und ging dann langsam weiter zum Eingang.


    Oben saß Laurie bereits am Esstisch und packte ihre noch leicht dampfende Calzone aus. Laura kramte nach Besteck, während Lisa kurz im Schlafzimmer verschwand um sich jetzt doch ihr cappuccinofarbenes Cardigan überzuwerfen.


    „Mnjam“, machte Laurie und biss ein großes Stück Pizza ab.


    Laura setzte sich zu ihr, sah auf ihre eigene Pizza und zählte die Ananasstücke. Sie nahm eins mit den Fingern, steckte es in den Mund., atmete einmal kurz scharf ein. „Ah, noch ganz schön heiß“, lachte sie und zog sich ein, zwei Fäden geschmolzenen Käse vom Finger.


    Lisa kam zurück, setzte sich und klappte ihre Schachtel auf. Dann sah sie zu Laurie. „Wo warst du eigentlich?“


    Laurie antwortete mit vollem Mund: „Bei Juschtav“ — und verschluckte sich beinahe.


    „Am Haus?“, fragte Laura nach.


    Laurie schüttelte den Kopf. „Mh, ne. Am Friedhof.“


    Lisa zog staunend die Brauen hoch. „Zu Fuß? Das sind doch… bestimmt fünf Kilometer.“


    Laurie nickte nur kurz. „Jepp. Hat aber gut getan.“


    „Und was hast du da gemacht?“


    „Na, mit ihn jeredet“, verfiel Laurie grinsend wieder in Justavs Berliner Slang — wie so oft, wenn sie von ihm sprach.


    Lisa und Laura sahen sich kurz an. Laurie legte Messer und Gabel beiseite, rückte ihren Stuhl ein kleines Stück nach hinten und richtete sich auf.

    „Ich weiß jetzt, was ich mache“, verkündete sie.


    Laura stellte das Essen ein und Lisa setzte ihr Glas wieder ab, ohne daraus getrunken zu haben.


    „Ich hab ihn gefragt, wie er darauf kommt, dass ich sein ganzes Haus übernehmen soll“, erklärte sie, als habe sie ganz selbstverständlich einen Dialog mit dem Verstorbenen geführt.


    Laura hielt kurz inne, Lisa ließ sich darauf ein. „Und, was hat er geantwortet?“


    Du schaffst dit, Kleene, hat er gesagt. Wenn so’n ollen Knochen wie der alte Justav dit hinkriegt, die Bude am Loofen zu halten und die Leute da drinne alle jlücklich und zufrieden sind, dann schafft meene Kleene dit jleich dreimal.“


    Laura faltete die Hände vor dem Mund, sah Laurie tief in die Augen. Langsam und bedächtig nickte sie.


    Laurie atmete einmal ein, kurz, ruhig — und sagte dann: „Ich mach das, ich nehm das Erbe an.“


    Lisa setzte gerade an, etwas zu sagen, da schob Laurie nach: „Wenn ihr mir helft. Ick schaff dit, aber nich alleene.“


    Laura legte ihre warme Hand auf Lauries und drückte sie. Lisa machte es ihr nach. Für einen Moment hielten sie einfach so — still, selbstverständlich.

    Nicht als feierlicher Schwur. Sondern als das, was es war: ein gemeinsamer Anfang. Für Justav. Für Laurie. Und für die Menschen im Köpenicker Weg Nummer 6.



    Laurie löste langsam ihre Hand, rückte den Stuhl wieder heran und zog die Pizzaschachtel ein Stück zu sich. Sie nahm ein weiteres Stück, biss ab, kaute ruhig.


    „Morgen fahr ich wieder hin“, sagte sie schließlich. Nicht laut, nicht feierlich — einfach so, als wäre es die natürliche Fortsetzung dessen, was sie gerade beschlossen hatte.


    Lisa nickte sofort, ohne nachzudenken. „Ich komm mit“, sagte sie leise.


    Laura stand auf, holte drei Gläser, stellte sie auf den Tisch. „Wir gehen alle“, sagte sie. Kein besonderer Tonfall— nur eine Feststellung.


    Laurie sah kurz zwischen ihnen hin und her, als müsse sie sich vergewissern, dass das wirklich so gemeint war. Dann nickte sie einmal, knapp. „Ist eigentlich noch was von dem Kirschwein da?“, grinste sie.


    Die drei saßen noch eine Weile so, aßen weiter, tranken die letzten zwei Flaschen Vino di Visciole, ohne viel zu reden. Die Wohnung war warm, die Pizzen verputzt, draußen war es still. Ein ruhiger Abend, der sich nicht wie ein großer Moment anfühlte — aber einer war.

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  • Wegen dem Kirschwein? Oder Lisas verrutschtes Outfit? :saint


    Ach die Hütte. Jo. Mal sehen, was unser aller Lieblingslaurie daraus macht. Ich bin selbst gespannt, wo das hinführt :gruebel:

  • Kapitel 48: Zweierlei Wahrheit


    Ein breites, beinahe fassungsloses Grinsen stand in Sedas Gesicht, als sie den Flur betrat. Laurie saß ein Stück abseits vom Klassenraum auf ihrer Tasche und tippte auf dem Handy. Sie legte es weg, als sie Seda kommen sah und stand auf. Seda streckte den freien Arm aus, umarmte Laurie einmal fest, sah sie an, schüttelte den Kopf — als wäre sie immer noch dabei, die Information zu verarbeiten.


    Sie blickte kurz über die Schulter, ob jemand in Hörweite war, beugte sich leicht vor.

    „Ich glaub das immer noch nicht“, flüsterte sie — und zitterte beinahe vor Begeisterung. „Ein Haus. Ein ganzes Haus. Mit Leuten drin. Wie…? Shit, wie geht sowas? Das ist doch… Laurie, das ist der Wahnsinn.“


    Laurie hob die Schultern, die Stirn leicht gefaltet. Sie zog Luft durch die Backenzähne und zögerte einen Moment. „Frag mich was Leichteres.“


    Seda lachte leise, immer noch halb im Überschwang. „Und du nimmst das echt an, oder? Klar, blöde Frage. So viel Kohle kriegst du nie wieder geschenkt. Ein Traum… Ich freu mich so für dich.“


    Laurie sah kurz weg, als müsste sie die Worte erst ordnen. „Die Kohle ist es nicht. Jedenfalls nicht ganz oben.“


    Seda runzelte die Stirn. „Was denn dann?“


    Laurie atmete einmal ruhig ein. „Seda… ich weiß es nicht genau. Ich will’s einfach machen. Ich will wissen, ob ich das packe, was Gustav mir da aufgeladen hat.“


    Der Überschwang in Sedas Gesicht wurde kleiner, ihr Blick ernster. „Hm, okay… aber meinst du nicht, für ein Experiment ist das ein bisschen viel Verantwortung? Die Leute in dem Haus… die haben ein echtes Leben, echte Probleme. Und wenn du das mehr so siehst wie dein… sorry, wenn ich das so sage… wie ein Puppenhaus?“


    Laurie schüttelte den Kopf. „Nein.“


    Seda fuhr fort, jetzt vorsichtig: „Weil… wenn du keinen Bock mehr hast, kannst du’s nicht einfach in die Ecke stellen und dir dein nächstes Spielzeug suchen.“


    Laurie antwortete nicht sofort. Sie sah kurz an Seda vorbei, dann wieder zu ihr — ruhig, ohne Abwehr.

    „Ich weiß, was du meinst. Und ich hab drüber nachgedacht. Mehr als mir lieb ist.“

    Sie atmete ruhig ein.


    „Wenn das für mich ein Spiel wäre, hätte ich’s längst abgelehnt. Dafür kennst du mich gut genug.“ Ein kurzer Blick zu Seda, dann wieder weg.

    „Aber das hier… das ist kein Ding, das man in die Ecke stellt. Das ist ein Haus. Real people. Mit allem, was dranhängt. Und ich hab gemerkt: Ich will das nicht wegschieben. Ich will sehen, ob ich das hinkriege. Nein — ich will das hinkriegen.“


    Sie zuckte leicht mit den Schultern.

    „Nicht wegen der Kohle. Nicht wegen dem ‚Wow, ein Haus‘. Sondern weil Gustav mir das nicht gegeben hat, weil er mich nett fand. Er hat’s mir gegeben, weil er wusste, ich pack das. Und ich will sehen, dass er recht hatte.“

    Noch ein kurzer Atemzug.

    „Wenn ich’s verkacke, dann war ich das. Und wenn ich’s hinkriege, war das auch ich. Das ist der Punkt. Verstehst du?“


    Seda nickte stumm, diesmal weniger begeistert, mehr nachdenklich. Sie sah sich wieder um, strich sich über den Ärmel. „Okay… ja. Ich glaub schon.“

    Dann, leiser: „Und… wie geht’s jetzt weiter? Ich meine, da hängt doch bestimmt einiges dran an so ’nem Erbe, oder? Ich kenn mich da nicht aus. Aber mein Baba hat mal was geerbt, von einem Onkel oder so. Da musste er damals extra in die Türkei, irgendwas unterschreiben. Glaub ich. Ich weiß nicht mehr…“


    Laurie grinste leicht. „Jepp. Ohne Mom und Liz würd ich mich da auch nicht rantrauen. Dieser ganze Verwaltungsfuck ist nicht so mein Ding. Aber Liz hat sowas drauf und Mom hat ’nen guten Anwalt. Braucht sie auch, schon wegen der Fabrik. Da gehen wir morgen hin. Der regelt das dann alles. Erbschein beantragen und was da noch so dranhängt.“


    „Okay.“ Seda kicherte leise, wieder etwas gelöster. „Und dann bist du Vermieterin? Vermieterin Laurie.“ Sie verzog das Gesicht. „Klingt irgendwie… eigenartig“, grinste sie.

    „Vielleicht kann ich ja bei dir einziehen. Wenn ich mal irgendwann…“


    Ein Gong unterbrach Seda. Ein leichtes Kratzen aus dem Lautsprecher an der Decke, dann ertönte die auffallend nasale Stimme der Schulsekretärin, wie immer im leichten Singsang einer Kaufhausdurchsage:

    Frau Seda Demirci und Herr Marek Kuberski, bitte kommen Sie ins Sekretariat. Frau Demirci und Herr Kuberski bitte. Dankee.“ Ein lautes Knacken beendete die Mitteilung.


    Seda riss die Augen auf und stülpte die Unterlippe vor. „Hä?“, machte sie leise und sah sich um. „Ich?“


    Laurie hob eine Braue. „Scheint so.“


    Seda fuhr sich wieder über den Ärmel. „Was wollen die denn jetzt?“


    Laurie zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Geh hin, dann weißt du’s.“


    „Kommst du mit?“


    „Was soll ich da? Die haben dich gerufen. Und Mack. Wo ist der eigentlich?“


    Seda sah sich kurz um, fand Marek nicht und atmete einmal tief durch. „Vielleicht draußen. Oder auf’m Klo.“

    Dann ging sie Richtung Treppenhaus.


  • Das Sekretariat lag im dritten Stock. Oben blieb sie einen Moment vor der Tür stehen, klopfte, trat zögerlich ein. Der Raum wirkte enger als sonst. Die Sekretärin, Hartmut Rotter und ein Mann in Jeans und dunkelgrauem Blouson. Seda blieb kurz stehen, als müsste sie prüfen, ob sie überhaupt richtig war. Marek war noch nicht da.


    „Guten Morgen“, sagte sie vorsichtig, schloss die Tür leise und trat an den Tresen.


    „Guten Morgen, Seda“, erwiderte Rotter mit ernstem Gesicht. Die Sekretärin nahm einen Anruf entgegen, murmelte etwas und verließ eilig den Raum.


    Rotter sah auf seine Uhr. „Haben Sie Herrn Kuberski nicht mitgebracht?“


    Seda schüttelte den Kopf, zupfte nervös ihr Kopftuch zurecht. „Nein. Weiß nicht, wo er ist.“


    Rotter nickte knapp. „Gut. Dann fangen wir schon mal an.“ Er deutete auf den Mann neben sich. „Das ist Kriminalobermeister Hennemann von der Kripo.“


    Dann auf Seda: „Frau Demirci – sie betreut die Cloud.“


    Seda streckte die Hand hin, zog sie aber zurück, als Hennemann nicht sofort reagierte. „Guten Morgen.“


    Hennemann musterte sie kurz, ohne Lächeln. „Sie sind also für die Sammlung zuständig?“


    „Ja.“


    „Gut.“ Er sah zur Tür. „Der andere Schüler…“


    „Marek Kuberski“, half Rotter.


    „Mhm.“ Hennemann blieb sachlich. „Er ist nicht da?“


    „Nein“, sagte Seda.


    Rotter blätterte in Unterlagen, suchte nach einer Entschuldigung, fand nichts. „Vielleicht kommt er noch.“


    Hennemann schob die Hände in die Jackentaschen. „Frau Demirci, ich stelle Ihnen ein paar Fragen. Bitte antworten Sie einfach direkt.“


    Seda nickte, etwas steifer als sonst.


    „Gut.“ Er machte sich eine kurze Notiz. „Es geht um die Videos zum gestohlenen Fahrzeug Ihrer Mitschülerin Laurie...“ Er stockte, suchte den Nachnamen. Seda nickte sofort. „Ja.“


    „Sie haben die Videos gesammelt?“


    „Ja.“


    „Alle selbst hochgeladen?“


    „Nein. Die meisten kamen von außerhalb, von Mitschülern.“


    „Wer genau?“


    Seda presste die Lippen zusammen. „Äh… das steht in der Liste. Ich weiß nicht alle auswendig. Manche Uploads waren auch anonym“


    „Unsere Forensiker haben das Material geprüft.“ Er sah nicht zu Rotter, sondern direkt zu Seda. „Bei einer Datei gibt es Auffälligkeiten.“


    „Auffälligkeiten?“, fragte Rotter.


    Seda hob kurz die Schultern. „Ist doch gut. Danach suchen wir doch…?“


    Hennemann unterbrach sie. „Nicht der Inhalt. Die Datei selbst.“


    Seda wurde still.


    „Eine der Dateien wirkt nicht original“, sagte Hennemann. „Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.“


    Rotter runzelte die Stirn. „Wie erkennt man das?“


    Hennemann blieb knapp. „Spuren. Unsaubere Bewegungen. Fehler im Bild. Das reicht.“


    „Und das haben Sie bei einem der Videos festgestellt?“


    „Ja.“


    „Bei welchem denn?“, fragte Seda.


    „Dazu darf ich Ihnen nichts sagen.“


    „Ach so. Ja, natürlich.“


    Rotter räusperte sich. „Und was genau sollen Frau Demirci und Herr Kuberski jetzt beitragen?“


    Hennemann sah wieder zu Seda. „Wir brauchen die Meta‑Daten. Alles, was Sie haben. Zeitstempel. Upload‑Orte. Zugriffe. Wer wann was hochgeladen hat.“


    Seda nickte, jetzt deutlich unsicherer. „Natürlich. Wohin schicken wir das?“


    Hennemann reichte ihr eine Visitenkarte, auf deren Rückseite er etwas ergänzt hatte.


    Seda bedankte sich, sah kurz zu Rotter und steckte die Karte ein. „Brauchen Sie mich dann noch?“

  • Der Unterricht lief weiter, aber nur wenige waren wirklich bei der Sache. Der Lehrer klickte durch Folien auf dem Smartboard, redete über irgendwas mit Materialkunde. Seda schrieb mit, ohne zu merken, was sie notierte. Manja starrte auf die Tischkante. Laurie saß ruhig, aber ihr Blick war nicht bei der Folie.


    Marek wirkte, als würde er jeden Geräuschwechsel im Raum doppelt hören. Er saß zu gerade, zu still, die Hände unter der Tischplatte vergraben.


    Nach ein paar Minuten sah Manja zu Laurie. „Der ist heute woanders“, murmelte sie, kaum hörbar.


    Laurie reagierte nicht sofort. Nur ein kurzer Atemzug, dann ein leises: „Er ist halt ruhig.“

    Mehr nicht. Keine Analyse. Keine Verdächtigungen.


    Seda drehte sich auch zu Laurie herüber. „Meinst du, die finden raus, wer das war?“


    Laurie sah sie an. „Wenn die sagen, es gibt Spuren… dann gibt’s Spuren.“


    Seda nickte langsam. „Ich find’s krass. Dass jemand sowas macht. Einfach… die Wahrheit ändern.“


    Laurie dachte kurz nach. „Es gibt immer zwei Wahrheiten. Die echte — und die, die jemand draus macht.“


    Seda sah sie an, als hätte sie das nicht erwartet. Manja hörte mit einem Ohr zu, ohne den Kopf zu drehen.


    Marek rutschte auf seinem Stuhl. „Kann auch ein Fehler sein“, murmelte er. „Vielleicht ist das gar nicht absichtlich.“


    Laurie drehte den Kopf minimal. „Deepfakes passieren nicht aus Versehen.“


    Marek schluckte. „Ja… klar.“


    Der Lehrer drehte sich um. „Marek? Sind Sie noch dabei?“

    Marek zuckte zusammen. „Ja. Äh. Aluminium?“

    Niemand sagte etwas dazu.


    Als der Gong kam, stand die Klasse langsam auf. Nicht hektisch — eher wie nach einer Stunde, die niemand richtig verfolgt hatte.


    Laurie packte ihre Sachen. „Wir gehen hoch“, sagte sie leise.


    Seda nickte. Manja schob den Stuhl zurück. Marek brauchte einen Moment länger, als würde er erst wieder in der Realität ankommen müssen.


    Im Flur blieb Laurie kurz stehen. „Seda, du schickst das heute noch raus, oder?“


    „Klar.“


    Seda sah zu Marek. „Und du checkst die Liste nochmal. Wer was hochgeladen hat.“


    Marek nickte — zu schnell. „Mach ich.“


    Manja sah ihn an, trocken. „Mach’s ordentlich.“


    Marek verdrehte die Augen. „Jaa.“


    Sie gingen gemeinsam den Flur entlang. Laurie vorne, ruhig. Seda neben ihr, leicht aufgeregt. Manja hinter ihnen, die Hände in den Taschen. Marek ein Stück versetzt, den Blick nach unten, Schritte etwas zu kurz.

    Keiner sagte etwas. Nur das Geräusch der anderen Klassen, die sich ebenfalls sammelten.


    Als sie den Raum für die nächste Stunde erreichten, öffnete Marek die Tür. Laurie ging als Erste hinein, Seda folgte, dann Manja. Marek blieb einen Sekundenbruchteil im Türrahmen stehen, drehte dann plötzlich ab, verschwand wieder auf dem Gang.

  • Der Federkiel ist noch warm, hier ist das nächste Kapitel:


    Kapitel 49

    Der pastellgrüne Abschleppwagen parkte hinter einem grauen, elektrisch betriebenen SUV fernöstlicher Herkunft ein. Laurie stieg aus, nahm Gustavs großen Schlüsselbund vom Sitz und blieb einen Moment stehen. Sie sah die Straße hinunter – der Köpenicker Weg war eine von mehreren Stichstraßen, die von der Berliner Allee abgingen und alle nach Berliner Stadtteilen benannt waren. Sie war kurz – vielleicht zwanzig Häuser – und endete in einem kleinen rechteckigen Areal, das zusätzlichen Parkraum für die Anwohner bot. Dahinter ein Garagenhof. Laurie sah auf die Uhr, schloss den Chevy ab und ging zum Haus.


    Kurz bevor sie den Eingang erreichte, bewegte sich in der Wohnung unten rechts die Gardine. Milas Fenster, hinter der Scheibe ein kleines, ernstes Gesicht – Gerda. Laurie blieb kurz stehen und winkte. Nach einem Augenblick hob sich eine kleine Hand, vorsichtig, knapp. Laurie setzte ihren Weg fort, trat ins Haus. Die Tür zur rechten Wohnung stand offen. Sie sah kurz hinein.


    „Hallo? Jemand zu Hause? Gerda? Mila?“


    Ein Rascheln aus der Küche. Dann kam Gerda langsam in den Flur, blieb mit Abstand stehen.


    „Hallo Gerda“, lächelte Laurie. „Ich bin’s wieder. Geht’s dir gut?“


    Gerda nickte nur, höflich, ohne ein Wort. Laurie griff in ihre Jackentasche, zog ein kleines Spielzeug hervor.


    „Guck mal, ich hab dir was mitgebracht.“ Sie beugte sich etwas herunter und hielt ihr den kleinen Abschleppwagen hin. Ein kleiner Hook – grün, wie ihr großer, mit freundlichem Autogesicht. Gerda trat einen Schritt vor, dann noch einen, nahm das Spielzeug vorsichtig an.


    „Kannst es ruhig nehmen“, sagte Laurie leise. „Ich hab den doppelt.“


    Sie richtete sich wieder auf, trat ein paar Schritte in die Wohnung und sah sich kurz um. „Wo ist denn deine Mom?“


    Gerda zuckte die Schultern, sah zur Tür hinaus. „Ist sie nicht da?“, wunderte sich Laurie. „Oder ist sie…“


    Oben öffnete sich eine Wohnungstür, Stimmen. Laurie ging zurück zur Tür. Mila kam eilig die Stufen herunter, stoppte, als sie Laurie und Gerda sah.


    „Sorry, dass ich hier einfach so reingelaufen bin“, sagte Laurie. „Ich wollte nur Gerdal ein Geschenk bringen. Ich hoffe, das ist okay? Wie geht’s Ihnen?“


    Mila zögerte, antwortete knapp. „Gut.“


    Laurie nickte, trat einen Schritt weiter vor, aus der Wohnung heraus. „Sorry nochmal, normalerweise gehe ich nicht einfach in fremde Wohnungen, aber die Tür stand offen. Ich wollte nur kurz Guten Tag sagen.“


    Mila nickte verzeihend. „Es ist gut. Entschuldigen Sie bitte, ich muss mich jetzt um Kinder kümmern. Muss Essen kochen.“


    „Natürlich, ich will auch gar nicht stören…“


    Mila schloss die Tür langsam, aber bestimmt. „Und vielen Dank für Geschenk“, kam noch durch den Türspalt. Dann war die Tür zu.


    Laurie kratzte sich am Kopf. „Na klasse“, dachte sie. „Top‑Einstand. Die neue Vermieterin latscht einfach ungefragt in die Wohnung…“


    Bevor sie nach oben ging, trat sie noch einmal vor die Haustür. „Wie viele Wohnungen sind das jetzt eigentlich?“ Sie zählte die Briefkästen. Lisa hatte von vier Mietzahlungen gesprochen. Plus Gustav – fünf Parteien. Nicht sechs wie angenommen.


    Unten Mila mit den Kindern und… wer noch?


    Laurie las die Klingelschilder direkt daneben: M. Sava. Das musste Mila sein. Ein schlichter, unauffälliger Name. Daneben: Schröder. Einfach, deutsch, leicht zu merken. Darüber die Wohnungen von Bender und Gustav. Ganz oben ein einzelner Klingelknopf, beschriftet mit schwarzem Prägeband, drei Namen hintereinander. Eine WG, vermutlich. Sie würde es bald erfahren.

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  • Okay, so weit die Bewohner der Hausnummer sechs.


    Laurie sah auf die Uhr und ging die Treppe hinauf. Sie war um drei mit Seda und Nico verabredet – heute wollten sie Gustavs Schlüsselbund erforschen. Über ein Dutzend Schlüssel hingen am stabilen Metallring, für die wenigsten kannte Laurie bisher die Funktion. Haustür, Wohnungstür, der kleine war der Briefkastenschlüssel. Blieben mindestens neun. Einer für den Keller, vielleicht zwei. Moment – hatte Gustav als Vermieter nicht auch Schlüssel für die anderen Wohnungen? Aber bestimmt nicht alle griffbereit am Bund. Eher sicher verwahrt irgendwo in der Wohnung.


    Während sie vor der Tür stand und über Sinn und Zweck des Sammelsuriums nachdachte, öffnete sich die Wohnungstür gegenüber. Nachbar Bender trat heraus, einen durchsichtigen, prall gefüllten Plastikbeutel voll leerer Joghurtbecher und Konservendosen in der Hand.


    Laurie grüßte. „Hallo, Herr Bender. Wie geht es Ihnen?“


    Bender lehnte die Tür an, nahm die Pfeife aus dem Mund. „Guten Tag, Frau… Entschuldigen Sie, ich habe den Namen vergessen.“


    „Einfach Laurie – wenn Sie mögen. Beim Nachnamen denke ich immer, die Leute meinen meine Mom.“ Sie grinste kurz. „Kann ich Ihnen helfen?“


    Bender räusperte sich, hob den Beutel leicht an. „Nein danke, ich bringe nur kurz die Verpackungen in den Keller.“


    „Nehmen Sie mich mit?“ Sie klimperte kurz mit den Schlüsseln. „Dann kann ich gleich mal probieren, welche für den Keller sind.“


    Wortlos ging Bender los, eine kurze Geste lud Laurie ein, ihm zu folgen. Sie gingen an den unteren Wohnungen vorbei, eine weitere Treppe hinunter, dann um die Ecke in den Kellerflur. Bender steuerte auf die schwere Brandschutztür des Müllraums zu. Dahinter standen die Mülltonnen. Ordentlich aufgereiht, beschriftet mit Straße und Hausnummer, einige mit bunten Aufklebern dekoriert. Ein leicht süßlicher Geruch von Altpapier und feuchtem Keller schlug ihnen entgegen. Er öffnete den Deckel der gelben Tonne, warf den Beutel hinein, rückte die Tonnen wieder sauber in eine Reihe. Ganz, wie es sich für ein deutsches Mietshaus gehört.


    Erst jetzt begann Bender, mit Laurie zu sprechen. Er trat wieder auf den Flur und deutete auf eine Stahltür in der Mitte des Gangs. „Hier. Das ist sein Abteil.“



    Laurie sortierte den Schlüsselbund und probierte den ersten, der nach Keller aussah. Treffer. Sie schloss auf, knipste das Licht an und trat ein. Bender blieb in der Tür stehen.


    Der Raum bot keine großen Überraschungen: ein paar Vorräte, Tapetenrollen, Farbeimer, zwei Leitern, Werkzeug, Krimskrams. Der typische Keller eines Vermieters. Laurie zuckte mit den Schultern. „Hm. Nichts Aufregendes.“ Sie machte das Licht wieder aus und schloss ab.


    Der zweite Keller‑Schlüssel passte zum Heizungsraum. Bender erklärte ihr kurz die wichtigsten Punkte: letzte Wartung, Ablesetermine, die üblichen Regeln für die jährlichen Abrechnungen. Laurie hörte zu, merkte aber, dass sie sich nicht alles würde merken können.


    „Okay, danke. Wieder was dazugelernt.“


    Auf dem Rückweg nach oben erwähnte Bender noch ein paar Kleinigkeiten zu den Abläufen im Haus. Keine vollständige Einführung, nur Hinweise, die den Alltag erleichterten.


    Vor seiner Wohnung blieb er stehen. „Wenn Sie möchten, kommen Sie noch einen Augenblick mit herein?“


    Laurie nickte. „Gern, wenn ich darf.“


    „Sicher.“


    „Normalerweise müssen Vermieter sich ja ankündigen, wenn sie die Wohnung eines Mieters betreten wollen“, sagte Laurie — Lisa hatte ihr das gestern erklärt, und der Hinweis erinnerte sie still an ihren Fehltritt bei Mila.


    Bender grinste in sich hinein. „Ich habe Sie ja eingeladen. Kommen Sie.“ Er öffnete die Tür.


    Neugierig sah Laurie sich in der Wohnung um. Der gleiche Grundriss wie bei Gustav, nur spiegelverkehrt: Schlafzimmer links, Küche rechts. Bender ging voraus ins Wohnzimmer und bot ihr einen Platz auf der wuchtigen Ledercouch an.


    Lauries Blick glitt über einen riesigen Globus und mehrere alte Schul‑Weltkarten, die an der Wand hingen.


    „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“ brummte Bender, die Stimme drinnen etwas tiefer als draußen. „Mila hat vorhin frischen Kaffee gekocht.“


    „Gern, danke.“


    „Milch? Zucker?“


    „Nur Milch, danke.“


    Augenblicke später kam Bender mit einem Tablett aus der Küche, stellte zwei Tassen auf den dunklen Eichentisch und setzte sich. Er zog kurz an seiner kalten Pfeife, legte sie dann beiseite und nahm die Tasse.


    „Sie werden also jetzt unsere Vermieterin sein?“, begann er.


    Laurie kippte Milch nach, nickte knapp. „Sieht wohl so aus. Der Notar meinte, die Behörden brauchen noch ein paar Wochen, bis der Erbschein durch ist. Dann stelle ich mich natürlich auch offiziell vor. Macht man ja so, oder?“


    Bender nickte langsam, mit einem kleinen, anerkennenden Grinsen, das rund um die Pfeife sichtbar wurde. „Macht man so.“


    „Darf ich nochmal fragen, woher Sie den… woher Sie Gustav kannten?“ Benders Stimme blieb ruhig, sachlich — kein Misstrauen, eher echtes Interesse.


    „Vom Markt“, antwortete Laurie knapp. „Wir… also meine Mom, Liz und ich, wir veranstalten Märkte. In der alten Textilfabrik unten am Fluss. Dust & Desire. Haben Sie vielleicht schon mal gehört?“


    Bender schüttelte den Kopf.


    „Und daher kannten wir ihn. Er war von Anfang an dabei — erst als Händler, dann als… ich weiß auch nicht, wie man das bezeichnen soll.“ Sie suchte kurz nach einem Wort, das es eigentlich nicht gab. „So eine Art väterlicher Freund, vielleicht?" Das Verhältnis zwischen ihr und Gustav war einfach entstanden, ohne dass es je jemand benannt hatte.


    Bender nickte langsam. „Ja. Das passt zu ihm.“ Kein Lächeln, kein Kommentar — nur eine ruhige Bestätigung, die zeigte, dass er Gustav lange gekannt hatte.


    „Oder?“ fragte Laurie leise.


    Bender nickte erneut, diesmal mit einem kleinen, warmen Unterton. „Doch. Das passt.“


    Bender nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse wieder ab. „Er hat oft von Ihnen gesprochen“, sagte er ruhig. „Nicht ausführlich, aber… immer wieder mit diesem… Glanz in den Augen. Man merkte, dass er Sie mochte.“


    Laurie sah kurz auf den Globus, dann wieder zu ihm, atmete einmal tief. „Ja. Ich mochte ihn auch.“


    Bender nickte, als würde er das einordnen. „Er war ein guter Mann. Eigen, aber gut.“


    Laurie zuckte leicht mit den Schultern. „Eigen trifft’s.“


    Ein kurzer Moment Stille, nicht unangenehm. Bender rückte die Pfeife ein Stück zur Seite, als würde er Platz für ein neues Thema schaffen.


    „Wenn Sie Fragen zum Haus haben“, sagte er dann, „oder zu den Abläufen… Sie können jederzeit fragen. Gustav hat vieles einfach gemacht, ohne es zu erklären.“


    Laurie nickte. „Das habe ich schon gemerkt.“


    „Er war kein Mann für Papierkram.“ Bender sagte es ohne Kritik, eher als nüchterne Beschreibung.


    Laurie nahm einen Schluck Kaffee. „Ich auch nicht unbedingt.“


    „Dann passen Sie gut zu ihm“, brummte Bender — ein trockener Kommentar, aber ohne Spott. Eher ein Versuch, die junge Vermieterin nicht zu überfordern.


    Laurie sah ihn kurz an, ein kleines, anerkennendes Nicken. „Ich gebe mir Mühe.“


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  • Sie hielt die Tasse mit beiden Händen. „Eine Frage hätte ich schon."


    „Gern."


    „Nicht zum Haus. Die Kleine – Gerda – ist sie… Mh, wie soll ich das ausdrücken? Sie wirkt sehr still."


    Bender hielt die Pfeife zwischen zwei Fingern, sagte erst mal nichts. Dann: „Das ist eigentlich Milas Geschichte, nicht meine."


    „Klar. Vergessen Sie's."


    Er sah sie kurz an, als würde er abwägen, ob sie das ernst meinte. „Ist schon in Ordnung. Ein bisschen sollten Sie wissen, wenn Sie hier jetzt verantwortlich sind." Er drehte die Tasse kurz auf dem Tisch. „Mila ist vor etwa vier Jahren gekommen. Aus Moldawien, einem kleinen Dorf. Gerda war damals noch ein Baby."


    „Allein?"


    „Allein." Kein weiteres Wort dazu, nur ein kurzes Nicken, das die Frage nach dem Vater überflüssig machte. „Das Amt hat ihr diese Wohnung vermittelt. Gustav hat unten öfter an Leute vermietet, bei denen das Amt die Miete zahlt. ‚Die zahlen zuverlässig', hat er immer gesagt."


    „Und sie arbeitet…?"


    „Putzt. Erst privat, bei Leuten aus der Nachbarschaft. Später haben Gustav und ich ihr feste Stunden gegeben." Er zuckte kurz mit den Schultern. „Kindergeld, ein bisschen Lohn, der Rest vom Amt. Mehr würde ich dazu auch gar nicht sagen wollen."


    Laurie nickte, wartete.


    „Gerda", sagte er dann, langsamer, „ist ein bisschen später dran als andere Kinder. Nicht krank. Nur langsamer." Er suchte kurz nach dem richtigen Maß an Worten. „Manche würden sagen, ein Kriegskind – nicht wegen eines echten Kriegs. Aber die ersten Jahre waren unruhig. Neue Umgebung, viel Wechsel, wenig Halt. Das setzt sich manchmal fest."


    „Und Gustav…?"


    „Gustav konnte gut mit ihr." Zum ersten Mal so etwas wie Wärme in seiner Stimme. „Ruhig, verlässlich. Und der Vogel – das war für sie eine Art Übung. Wörter, Laute, Wiederholung. Hat ihr Halt gegeben."


    Er nahm die Pfeife wieder in den Mund, ließ sie dort, ein Zeichen, dass er für seinen Teil fertig war. „Mehr wissen Sie von mir nicht. Den Rest müsste sie Ihnen selbst erzählen, wenn sie will."


    Laurie nickte langsam. „Verstehe.“


    Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch und rückte sich leicht vor. „Danke, Herr Bender. Das war wirklich hilfreich. Ich weiß das zu schätzen.“


    Bender nickte nur, sachlich.


    Laurie deutete auf den Schlüsselbund auf dem Tisch. „Ich wollte eigentlich mit einer Freundin und meinem Bruder die restlichen Schlüssel durchprobieren. Gustav muss ja einiges an Zeug irgendwo stehen haben.“


    Bender nahm die Pfeife aus dem Mund. „Wenn Sie nach einem Lager suchen: Am Ende der Straße stehen Garagen. Einige davon gehören zum Haus.“


    Laurie sah kurz auf. „Garagen?“


    „Ja.“ Keine Betonung, nur eine nüchterne Information. „Er hatte dort Sachen gelagert. Werkzeuge, Kisten — seine ‚Ware‘.“ Ein kurzes, trockenes Grinsen. „Die Schlüssel müssten passen.“


    Laurie nickte langsam, ein kleines, ehrliches Dankeszeichen. „Gut zu wissen. Dann schauen wir da gleich mal nach.“


    Bender stand auf und ging zur Tür, ohne Förmlichkeit. „Wenn Sie noch etwas brauchen — sagen Sie Bescheid.“


    Laurie lächelte knapp. „Mach ich. Ich hab ja Ihre Adresse. Danke nochmal.“


    Sie trat hinaus in den Flur, den Schlüsselbund in der Hand, und ging nach unten. An der Wohnungstür im Erdgeschoss blieb sie noch einmal kurz stehen. Es duftete nach Essen. Laurie sah das kleine rosafarbene Rad an, an dem immer noch ein Griff fehlte. Dann ging sie hinaus zum Auto. Seda und Nico würden jeden Moment da sein.

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  • Und weiter geht's


    Kapitel 50: Brüll, Affe

    Ein kurzes Reifenquietschen vorn an der Straße, der kleine rote Wagen bog in den Köpenicker Weg ein, hielt vor der Nummer 6. Seda winkte kurz, Laurie trat ans offene Fenster. „Fahrt mal gleich durch zum Garagenhof. Der ist da unten, wo die Straße aufhört.“


    Nico hob den Kopf. „Wo genau?“ „Da hinter den Parkplätzen. Ihr seht ihn gleich.“

    Er nickte, fuhr an, wieder etwas zu stürmisch.


    Laurie ließ Hook am Haus stehen und ging zu Fuß die paar Meter bis zum Ende der Straße. Der Schlüsselbund wechselte ein paarmal zwischen ihren Händen, sie summte eine leise Melodie. Mit ihrer Rolle als Vermieterin war sie zwar noch nicht richtig warm geworden, aber sie fand sich ganz allmählich hinein. Mit einem kleinen Lächeln sah sie kurz zum Haus zurück, wechselte vom Gehweg auf die Fahrbahn und nahm im Augenwinkel wieder den gelben BMW wahr, der entgegen der Fahrtrichtung am Rand stand.


    Dann war sie am Hof angekommen— zwei Garagenreihen, jeweils zwölf Tore, dazu drei Einzelgaragen an der Stirnseite. Nico und Seda hatten ihren Wagen direkt vorn abgestellt und waren schon ausgestiegen.


    „Die dritte, hab ich dir doch gesagt“, schimpfte Seda. Offenbar hatte Nico fast die Einfahrt zum Köpenicker Weg verpasst. Er beugte sich nur in den Wagen, nahm eine Dose Energydrink heraus, öffnete sie und trank. „Jahaa.“


    Laurie kam dazu. „Na, schon der erste Stress, oder was?“


    „Ach, er wär bald vorbeigekachelt. Ich hab dreimal gesagt, die dritte Straße müssen wir rein, und er: ‚ach Quatsch, an der Bushaltestelle vorbei und dann…‘“ Nico verdrehte grinsend die Augen, Laurie grunzte kurz. Die zwei klangen wie ein altes Ehepaar.


    Nico hielt Laurie die Dose entgegen, bot ihr einen Schluck an. Sie lehnte ab, doch Seda nahm ihm die Dose einfach aus der Hand, trank einen kräftigen Schluck und stellte sie vor dem Auto auf den Boden. „Was machen wir hier?“ fragte sie neugierig.


    Laurie deutete die Garagenreihen entlang. „Tipp vom Bender. Gustav soll hier ein paar Garagen gehabt haben, wo er seinen Trödel gelagert hat.“

    Nico sah sich kurz um, zählte still die Tore. „Okay. Und welche von den fünfundzwanzig sind’s?“


    Laurie zog die Schultern hoch, hielt den Schlüsselbund bereit. „Ausprobieren.“


    Seda stöhnte leise, ging zum ersten Tor der rechten Reihe und schritt die Garagen ab. „Vielleicht steht ja was dran“, hoffte sie.


    „Ja“, alberte Nico. „Eins, zwei, drei…“

    Seda wollte ihm einen Klaps verpassen, verfehlte aber knapp, weil sie schon weiterlief. „Steht nichts auf den Schlüsseln?“ rief sie über die Schulter.

    „Nein…“


    „Dann hilft nur testen.“ Nico nahm Laurie den Bund ab. „Welche sollen es denn sein?“

    Laurie trat dicht neben ihn, so nah, dass ihr Arm kurz seinen streifte. Sie sortierte die Schlüssel in seiner Hand, ohne darüber nachzudenken. „Die hier, glaub ich. Die sehen alle gleich aus.“ Sie tippte auf vier Schlüssel in der Mitte.

    „Mhm“, bestätigte Nico. „Sind auch die am meisten abgegriffenen.“


    Seda war inzwischen am Ende der Reihe angekommen, bückte sich kurz und hob etwas auf, während Laurie versuchte, alle vier verdächtigen Schlüssel nacheinander ins erste Schloss zu stecken.


    „Nope, passt nicht. Nächstes Tor.“


    „Vielleicht sollten wir mal jemanden fragen“, schlug Nico vor. „Er war doch sicher bekannt hier.“


    Laurie sah sich kurz um. „Siehst du jemand?“


    „Nö.“


    Seda kam zurück. „Und wenn keiner passt, nehmen wir das hier“, lachte sie und hielt ein Brecheisen hoch, das sie in einer Ecke gefunden hatte.


    „Oh“, machte Nico. „Da hat wohl schon jemand anderes mal nachsehen wollen…“ Er grinste frech, während Laurie schon bei Tor sieben angekommen war.


    „Pass auf, hinter einem ist bestimmt der Zonk“, witzelte er weiter.


    „Den kannst du dann haben.“


    „Vielleicht muss man was dabei sagen. Möge die Macht der Schlüssel mit dir sein.“


    „Seda, kannst du ihm mal das Eisen über den Kopf ziehen“, meckerte Laurie und verdrehte die Augen.


    Sie war am Ende der ersten Reihe angekommen. Die drei Garagen an der Stirnseite ließ sie vorerst aus; der Bereich davor war recht stark bewachsen, dort hatte seit längerem niemand mehr etwas geöffnet.


    „Ich hab ein ganz mieses Gefühl“, feuerte Nico das nächste Filmzitat ab.


    Laurie probierte wieder den ersten Schlüssel, ließ dann von Tor 13 ab und warf ihm den Schlüsselbund spontan zu. Nico verfehlte, die Schlüssel klirrten auf den Boden.


    „Houston, wir haben ein Problem…“


    „Probier du doch“, meckerte sie leicht genervt.


    Nico zuckte die Schultern, hob die Schlüssel auf und fingerte wieder einen der Kandidaten hervor.Er bückte sich, steckte den Schlüssel ins Schloss und setzte zum nächsten Spruch an: „Nummer Vierzehn. Wiist ihr, so ein Garagenhof ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie…“ Er stockte, sah zur Seite, grinste — und drehte den Schlüssel im Schloss.


    Laurie: „Nein.“ Nico: „Doch.“ Seda: „Ooh.“


    Alle drei lachten, und Nico zog das Tor mit der Nummer vierzehn auf.


    „Bingo!“, freute sich Laurie und machte vorsichtig den ersten Schritt in die gut gefüllte Garage. Sie sah sich um, hob ein paar Kisten und Kartons an.


    „Gibt’s hier keine Beleuchtung?“, fragte Seda, tastete die Wand ab nach einem Schalter – nichts. Laurie zog ihr Handy aus der Tasche, schaltete das Licht ein und leuchtete kurz zur Decke. „Da ist ne Lampe. Dann muss auch irgendwo ein Schalter sein…“


    Nebenan ging ein weiteres Tor hoch – Nico hatte den zweiten Schlüssel gefunden. Seda ging rüber, Nico war schon drin, kam aber gleich wieder raus – auf dem Kopf eine Schiebermütze aus karamellfarbenem Cord. Seda kicherte, Laurie verdrehte die Augen. Er stemmte eine Hand in die Hüfte, hob die andere und versuchte sich in Berliner Mundart:


    „Na… äh… Hallöchen, ick bin… äh… der Gustav vonne… äh… Jaraschen hier, wa.“


    Es klang eher, als hätte jemand Berlinerisch aus einem schlechten Hörbuch abgeschrieben.


    Seda prustete.


    Laurie schüttelte eher mitleidig den Kopf, nahm ihm die Mütze ab und setzte sie selbst auf. „Kellermann, lass stecken. Den Justav haste einfach nich drauf.“


    Sie kletterte wieder über einige Kartons in den hinteren Teil der Garage, Nico fingerte den dritten Schlüssel zurecht und probierte sich erneut am Tor mit der Nummer 13. Quietschend öffnete es sich. „Hier ist der Stuhl!“, rief er und trug den alten Thonet-Stuhl ans Tageslicht, den er schon letztens auf dem Markt bewundert hatte. „Okay“, rief Laurie nur kurz von hinten und wühlte sich vorsichtig durch einigen Bananenkisten voller Porzellan und Glas.


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  • Ein silbergraues Coupé bog auf den Hof und stoppte vor der ersten Garage. Der Fahrer sah zu ihnen herüber, die Tür flog auf. Ein etwas übergewichtiger Mann im Jogginganzug stieg aus. Sein Blick war angespannt, der Gang schnell, die Schultern leicht nach vorne. Seine Hände waren unruhig; die Finger bewegten sich.


    Er kam direkt auf Seda zu. Seine Schritte waren hart, die Füße setzten breit auf, der Oberkörper leicht nach vorne gekippt.


    „Da kommt jemand“, rief sie in die offenen Garagen.


    „Wat läuft denn hier?“, fuhr er sie an. „Ihr habt hier nix verloren. Zack, runter vom Hof. Sofort.“


    Seda setzte an, doch er schnitt ihr das Wort ab. Seine Stimme war laut, der Körper jetzt noch weiter nach vorne gerichtet, die Arme leicht vom Körper weg.



    „Ey, hackt et bei euch? Frechweg die Garagen aufhebeln – samma, geht’s noch? Pack dat Eisen weg, Mädel, und nimm deine Experten mit, aber stantes pedes! Am hellerlichten Tag knacken se jetzt schon die Garagen hier, ey. Ohne Scham. Kein Respekt vor fremdem Eigentum, wa? Ich hab die Schnauze voll von so ’nem Mist. Haut ab, ihr Pack! Sonst ruf ich die Bullen. Und zwar jetzt!“


    Er kam noch näher. Der Abstand war jetzt zu gering. Seda hielt das Brecheisen bewusst fester, die Finger verkrampft, der Unterarm hart. Sie wich nicht zurück, aber ihr Stand wurde breiter.


    Laurie hörte jedes Wort. Sie trat aus der Garage, ohne zu zögern. Ihr Schritt war direkt, die Haltung klar, die Schultern stabil.

    „Ey.“ Ihre Stimme war hart. „Stopp. Sofort.“


    Der Mann drehte sich zu ihr. Seine Stirn war angespannt, der Atem kurz. Er machte einen halben Schritt in ihre Richtung, der Fuß setzte mit Druck auf.


    Laurie blieb stehen. „Du gehst erstmal drei Schritte zurück. Jetzt!“


    Er blinzelte, überrascht von ihrer Direktheit. Seine Füße blieben kurz stehen, dann machte er einen kleinen Schritt zurück, kaum sichtbar. Seine Hände öffneten und schlossen sich, die Finger leicht gekrümmt.


    „Wat wills du denn, Mädel? Getz hab ich aber die Faxen dicke.“


    Laurie ging einen halben Schritt vor. Ihre Schultern fest, die Stimme kontrolliert.


    „Ich will, dass du aufhörst, Leute anzubrüllen, die nichts gemacht haben. Und ich will Abstand. Sofort.“


    Er hob das Kinn. Seine Hände bewegten sich wieder, diesmal schneller. Sein Gewicht verlagerte sich nach vorne, dann wieder zurück. Seine Brust hob und senkte sich schneller.


    Laurie blieb klar.

    „Und wenn du noch einmal so redest, ruf ich die Bullen.“


    Nico kam aus der hinteren Garage dazu. Er ging ruhig, mit festen Schritten. Seine Arme waren angespannt, die Mütze wieder in der Hand. Er stellte sich neben Seda, nahm ihr langsam das Brecheisen ab und stellte es hinter sich an die Wand. Seda steckte vorsichtig die freie Hand in die Manteltasche. Nico stand jetzt leicht seitlich, der Blick auf den Mann gerichtet.


    Der Mann sah zwischen ihnen hin und her. Seine Brust bewegte sich, der Atem war hörbar. Dann hob er das Handy. Seine Hand zitterte leicht. Der Daumen war über dem Display, aber er drückte nicht.


    Laurie stand vor ihm, unbeweglich.


    „Mach.“


    Er sah sie an. Seine Schultern sanken minimal. Der Druck ließ nach, aber er blieb angespannt. Seine Füße standen jetzt enger, weniger sicher.

    „Ich wähl’ jetz“, drohte er, aber die Stimme war dünner.


    Laurie blieb ruhig. „Dann tu’s. Oder hör auf zu brüllen.“


    Der Mann sah wieder auf sein Handy, dann auf Nico, dann auf Seda. Sein Blick wanderte kurz zu den offenen Toren, einige Kisten und ein alter Stuhl, die draußen standen – nichts Zerstörtes, nirgends verbogenes Blech, kein Splitter am Rahmen. Was würde er der Polizei wohl sagen? Drei junge Leute, die in offenen Garagen nach Kram gesucht hatten. Mehr nicht. Seine Haltung veränderte sich. Er atmete einmal resignierend aus und steckte das Handy weg.


    „Ich weiß trotzdem, wat hier läuft“, knurrte er noch, schon im Rückzug, die Worte über die Schulter geworfen. „Sowat wie euch kenn ich. Ers Tore aufbrechen und dann dumm labern, wenn einer kommt.“ Dann drehte er sich um und ging zurück zum Wagen. Seine Schritte waren hart, aber nicht mehr stabil. Er öffnete die Autotür, stieg ein, schlug sie zu, startete den Motor und fuhr rückwärts vom Hof.


    Es wurde still.


    Laurie blieb stehen, bis der Wagen verschwunden war. Dann drehte sie sich zu Seda.


    „Alles okay?“


    Seda nickte langsam. „Ja. Ich… ja.“ Sie zog langsam die Hand aus der Tasche. Darin eine kleine Dose Pfefferspray.


    Nico atmete aus. „Alter. Was war das denn für’n Vogel?“


    Laurie schnaubte. „Immerhin wissen wir jetzt, dass die Garagen gut bewacht werden. Kommt, weiter. Wir sind noch lange nicht durch.“


    Seda nahm das Brecheisen und stellte es in die mittlere Garage, griffbereit. „Falls er wiederkommt.“


    Nico nahm ihr vorsichtig die Dose ab, las den Aufdruck. „Tierabwehrspray. Hast du das immer dabei?“


    Seda nickte. „Mhm. Aber noch nie benutzt.“


    Laurie sah sie grinsend an. „Besonders effektiv gegen Brüllaffen.“ Dann etwas sanfter „Steck’s wieder weg.“


    Seda nickte und ließ die kleine Dose wieder verschwinden.


    Nico griff sich den alten Stuhl, drehte ihn um, machte mit seinem Handy ein Foto von dem verblassten Etikett.


    Laurie beugte sich kurz aus der Garage und rief: „Wenn jemand einen Griff für ein Kinderfahrrad findet. Oder zwei. Die nehm ich...“

  • Und weiter gehts. Gestern zusammengestrickt – heute schon im Forum. Mal sehen,wie lange ich das durchhalte. Eventuell gibt es bald wieder mal ein, zwei Wochen Pause.


    Aber erst einmal jetzt:


    Kapitel 51: Was über Verlust

    Laura stieg aus dem Wagen, ging kurz in den Kassenraum – niemand da. Sie nahm nicht den direkten Durchgang zur Werkstatt, sondern ging außen herum zum Rolltor. Auf dem Hof traf sie auf Paula, die gerade einige Fahrzeuge umparkte und mit frischen Preisschildern versah.


    „Moin“, grüßte Laura. „Ist Tom nicht da?“


    „Morgen Laura. Doch, der muss irgendwo hinten sein“, antwortete sie, während sie aus einem alten Ford ausstieg. „Brauchst du nicht ein neues Auto? Guck mal hier, der 72er Gran Torino. Ganz frisch reingekommen. Fast genau wie der aus dem Eastwood-Film. Nur in rot. Wär das nichts für dich?“


    Laura warf einen kurzen Blick auf das schicke Coupé, lehnte dann aber ab. „Nee danke. Ich bin bestens versorgt. Ich komm ja eh kaum zum fahren. Jetzt, wo langsam die Marktsaison draußen wieder losgeht.“


    „Na gut.“


    „Deswegen bin ich auch hauptsächlich hier. Weißt du, ob Tom schon was geplant hat für das große Sommertreffen im Juni? Ich meine, so unterhaltungstechnisch?“


    „Du meinst das Jubiläumstreffen? Nicht, dass ich wüsste. Habt ihr was vor?“


    „Lisa und ich hatten da so ne Idee. Wo doch die Livemusik beim Foodfestival im Herbst so super angekommen ist, haben wir gedacht, vielleicht wiederholen wir das beim Oldtimertreffen einfach. Ich meine – die Bühne haben wir, und Autotreffen und Livemusik, das hat Tradition…“


    Paula nickte kurz. „Ich denke ich schon, dass das zusammen passt, ja. Musst mal schauen, Tom war vorhin auf dem Hof – irgendwas stimmt mit dem Trailer nicht.“


    „Okay, ich geh mal gucken.“ Sie stoppte kurz. „Ach, wo wir grad zusammen sprechen. Kann ich dich mal was fragen?“


    „Klar.“


    „Weil Laurie grad nicht da ist. Sag mal, habt ihr irgendwas gemerkt? Ich meine, dass sie sich verändert hat in der letzten Zeit?“


    „Du meinst, wegen der Erbschaft?“


    „Mhm. Ich hab so ein bisschen… Nein, nicht Sorge. Ich bin mir nur nicht hundertprozentig sicher, ob sie das wirklich packt mit der zusätzlichen Belastung. Ich meine, sie hat ja auch so schon viel um die Ohren. Und dann noch ein ganzes Mietshaus obendrauf. Ob das nicht etwas… na ja, zuviel wird für sie, auf Dauer.“


    Paula dachte einen Augenblick nach, schüttelte aber dann den Kopf. „Du, ich kann natürlich nicht in ihren Kopf gucken, aber, wenn du so direkt fragst –

    ich glaube, ja. Sie schafft das. Und ja, sie hat sich verändert. Ihre bisherigen Projekte – Der Pacer, der Stream, die ganze Autoschrauberei, das war ja mehr Freizeitvergnügen. Auch, wenn sie das alles bemerkenswert ernst genommen hat. Manchmal zu ernst…“ Paula grinste verschmitzt, Laura bestätigte mit einem kurzen Nicken. „Aber diese Haus-Geschichte, ich glaube, nachdem so langsam der ersten Schreck verdaut ist, freut sie sich richtig darauf. Sie redet den ganzen Tag kaum noch von was anderem.“


    „Ja, oder? Typisch Laurie. Wenn sie mal ihr Herz an etwas gehängt hat, geht sie da voll drin auf. Und ich glaube, sie will es dem alten Gustav einfach beweisen, dass er sich nicht in ihr getäuscht hat. Dass sie das packt, obwohl sie noch nicht einmal zwanzig ist.“


    Paula nickte und ihr Lächeln hatte auch etwas fast schon Mütterliches. Man merkte, dass Laurie ihr über die Jahre sehr ans Herz gewachsen war.


    „Ich geh mal zum Chef“, wandte Laura sich dann ab. „Und, danke für deine Einschätzung, ne?“


    „Kein Ding. Was habt ihr denn mit der Kleinen vor? Wenn ich fragen darf…“


    „Wird noch nicht verraten“, grinste Laura. „Ich will erstmal mit ihr sprechen. Vielleicht hat sie gar keinen Bock drauf. Ach so…“ Laura drehte wieder auf dem Absatz um, kam zurück zu Paula. Sie sah sich kurz um, fast, als wolle sie sichergehen, dass niemand zuhörte. „Sag mal, du hast doch den Pacer gesehen? Damals, als ihr ihn bei Toto abgestellt habt.“


    Paula nickte und verzog leicht skeptisch das Gesicht.


    „Sieht der wirklich so schlimm aus? Ich meine, ist da echt nichts mehr zu retten?“


    „Ich fürchte, nein“, antwortete Paula, relativierte aber gleich im nächsten Augenblick: „Na ja, ich bin keine Gutachterin. Die Karosse ist schon ziemlich verzogen. Möglich, dass man das mit viel Aufwand und den richtigen Gerätschaften wieder hinbekommen würde. Aber lohnen würde sich das nicht.


    Finanziell schon mal gleich gar nicht. Und, auch, wenn ein Pacer selten ist. Ich glaube, wenn sie jemals beschließt, den wieder aufzubauen, wäre eine andere Rohkarosse sinnvoller.“


    „Meinst du denn, sie würde das wollen?“


    „Ihn wieder aufbauen?“ Paula holte langsam Luft, hielt dann kurz den Atem an. „Ich glaube, eher nein. Wobei, unsere Kleine ist ja immer wieder für eine Überraschung gut. Aber, soweit ich weiß, hat sie das kaputte Auto bislang immer noch nicht angesehen. Insofern…“


    Paula brach ab, Laura nickte, drehte sich wieder um und lief dabei fast Tom in die Arme. „Ach, da bist du ja“, lachte sie und setzte die Bewegung direkt in eine kurze Umarmung um.


    „Oh, hallo. Womit hab ich denn das verdient?“, fragte er erstaunt.


    „Einfach so. Wie geht’s dir? Hast du noch Kaffee? Ich könnte grad einen vertragen.“


    Tom stutzte kurz, nickte dann aber und ging vor. „Ich setz’ einen auf. Wenn der Apparat nicht wieder zickt. Was machst du denn hier? Ich hab gar nicht mit dir gerechnet.“


    „Ich wollte dich mal was fragen. Wegen dem großen Treffen im Sommer. Und wegen unserer Tochter…“


    „Aha. Na dann komm rein.“


    Paula blieb stehen und sah den beiden nach. Dann sortierte sie weiter die Preistafeln auf dem Boden und legte eine davon in den roten 1972er Ford Gran Torino.


    Einmal editiert, zuletzt von Streetracer ()

  • Am Abend klopfte es an Lauries Tür. Ausnahmsweise lief keine Musik. Laurie öffnete – das Telefon am Ohr.


    „Warum klopfst du denn?“, fragte sie Lisa und sprach weiter mit Nico. „Nein, ist nur Liz…“


    Lisa verzog das Gesicht, ein gespieltes Beleidigtsein, das sofort in ein amüsiertes Grinsen überging. „Nur.


    Laurie beendete das Gespräch, steckte das Handy weg, zog Lisa in eine kurze Umarmung.


    „Na du? Alles klar mit deinem Brüderchen?“, fragte die.


    „Jepp. A‑OK“, antwortete Laurie. „Hab ihn grad zu meinem Geburtstag eingeladen.“


    Lisa nickte zufrieden. „Schön zu sehen, dass ihr immer mehr zusammenwachst. Sonst alles im grünen Bereich?“


    „Mhm.“ Laurie lehnte sich leicht an den Türrahmen. „Ich wollte die Tage nochmal mit Seda zum Haus. Wir haben gemerkt, dass wir wohl eine Garage übersehen haben. Am Bund sind vier gleiche Schlüssel, aber wir haben nur drei Garagen aufgemacht.“


    „Habt ihr schon was rausgeholt?“, fragte Lisa.


    „Nope. Nur gesichtet. Ich will abwarten, bis dieser lästige Schein da ist, dann werd’ ich mich darum kümmern. Ansgar sagt, er macht Dampf…“


    „Ansgar?“


    „Von Rodenberg. Der Anwalt.“


    „Ach, Ansgar heißt der? Wusste ich gar nicht.“


    „Jo. Er hat gesagt, angucken und sortieren darf ich, aber nichts“ – sie machte Anführungszeichen mit den Fingern – „‚entnehmen und/oder veräußern‘, solange es mir nicht offiziell gehört. Aber ein paar Schätze sind auf jeden Fall dabei. Nico hat sich schon den ollen Stuhl gesichert. Und mal sehen, was hinter Tor vier steckt.“


    „Hoffentlich nicht der Zonk“, lachte Lisa.


    „Ha ha. Den Gag hab ich schon gemacht“, konterte Laurie trocken.


    Lisa lachte einfach weiter, diesmal ehrlich amüsiert. „Okay, dann doppelt hält besser.“


    Sie fing sich, wurde wieder etwas ernster. „Sag mal, hast du gleich mal Zeit für uns? Laura und ich wollten was mit dir besprechen.“


    „Wegen dem Haus?“


    „Nein. Was anderes. Kommst du rüber?“


    „Gibt’s Pizza?“


    „Wenn du willst, bestellen wir welche.“


    „Okay. Dann komm ich.“

  • Eine Dreiviertelstunde später fing Laurie den Pizzaboten an der Treppe ab und verschwand mit den drei Schachteln in der Wohnung, während Lisa ihr grinsend nachsah und dem Boten mit einem 50-Euro-Schein winkte.


    Sie machten es sich im Wohnzimmer am Tisch gemütlich. Laura kam mit einer geöffneten Weinflasche aus der Küche, Lisa sortierte das Besteck, während Laurie schon das erste Stück ihrer Calzone mit den Fingern abgerissen hatte und in den Mund stopfte.


    Die Pizzen waren halb aufgegessen, als Laurie das Besteck ablegte. „Ihr macht’s heute aber echt spannend“, bemerkte sie und trank einen Schluck Wein.


    „Hm?“, machte Laura — eine kleine Spur Nervosität lag darin.


    „Ihr wolltet was besprechen?“


    „Ach so, ja. Klar.“


    Lisa räusperte sich kurz, aber Laura übernahm. „Du. Sag mal.“


    „Jaa?“


    „Mh. Mit dem Haus. Und so. Kommst du klar?“


    „Klar. Ist noch ungewohnt, aber wird schon. Wenn der Erbschein da ist, geht’s richtig los. Mieter kennenlernen, Garagen räumen, Gustavs Wohnung… ja, weiß ich auch noch nicht, was ich damit mache. Wieder vermieten? Mal sehen. Hat ja Zeit.“


    „Und das Auto? Der Volvo?“


    „Weiß nicht. Ich hab schon überlegt, ob ich ihn Nico schenke. Damit der nicht immer mit diesen peinlichen Studikisten rum­eiern muss.“


    „Will er den denn?“, fragte Lisa.


    „Der wird gar nicht gefragt“, lachte Laurie.


    „Hm. Aber vielleicht kann er gar kein eigenes Auto brauchen“, gab Laura zu bedenken. „Ich glaube, Marburg ist ziemlich klein und eng. Wär doch blöd, wenn er jeden Tag ’ne halbe Stunde Parkplatz suchen muss. Vielleicht sind diese kleinen Car‑Sharing‑Dinger für ihn einfach praktischer?“


    „Ach so. Ja, stimmt. Vielleicht frag ich ihn doch besser vorher. Oder ich schenk die Mühle Seda. Die braucht auf jeden Fall ein eigenes Auto. Und die hat auch ’nen Parkplatz vorm Haus.“


    „Willst du ihn nicht behalten?“


    „Was soll ich mit so ’nem Ziegelstein? Ich hab Hook.“


    „Schon. Aber der ist — ja, cool und witzig, aber irgendwie auch schon ’ne Spur unpraktisch. Oder? Und nachdem der Pacer… ja — weg ist.“


    „Er ist nicht weg. Nur nicht da“, widersprach Laurie schnell.


    „Ja, ich weiß. Aber…“ Laura zögerte. „Was hast du denn damit vor? Langfristig, meine ich. Solange er bei Toto in der Garage steht…“


    „Ist noch kein Todesurteil gesprochen.“


    „Also willst du ihn irgendwann doch noch reparieren? Oder reparieren lassen?“


    „Weiß ich noch nicht. Ich werd ihn mir irgendwann mal ansehen. Bislang kenn ich ihn ja nur vom Polizeifoto, und da lag er im Graben. Sah nicht gut aus, obwohl ich damals gar nicht genau hingeguckt hab…“


    Laura und Lisa schwiegen einige Augenblicke. Zu lang, fand Laurie. „Ist was mit dem Auto? Ihr seid so still“, fragte sie argwöhnisch und schob ein weiteres Stück Calzone in den Mund.


    „Mit dem Auto? Nein. Nicht direkt. Wir wollten was anderes mit dir besprechen. Hat nur indirekt mit dem Pacer zu tun“, druckste Lisa herum und versuchte angestrengt, endlich die Kurve zum eigentlichen Thema zu kriegen.


    Laura übernahm. „Ich war heute bei Tom. Wegen dem großen Sommertreffen. Wegen der Musik.“


    „Ja, und?“


    „Ja, wir hatten vor, wieder Blue Feather zu buchen. Die sind damals beim Foodtruck‑Festival ja super angekommen, und da haben wir gestern Diana angerufen.“


    „Mhm. Geil. Die sind richtig gut. Und, kommen sie?“


    „Zum Treffen? Ja. Sieht aus, als würde das klappen. Sind ja noch fast vier Monate, aber sie haben den Termin eingetragen.“


    „Ja geil. Aber was hab ich damit zu tun?“


    „Na ja, wir haben ein bisschen geredet. Über das Festival, über den Song…“


    When the Night begins again? Den vom Festival?“


    Where“, korrigierte Laura. „Nicht When.“


    „Ach so. Okay.“


    „Ja, der ist im Netz richtig abgegangen. Ein paar Besucher haben hier mitgefilmt und die Videos ins Netz gestellt, und Blue Feather hat dann so eine Fan‑Compilation daraus gemacht — und das ist richtig abgegangen. Tausende Klicks“, berichtete Lisa.


    „Ja, kenn ich. Hab ich auch schon gesehen und geliked. Total cool, dass das hier bei uns zu Hause ist...“


    „Ja, und… ähm… sie wollen demnächst einen neuen Song veröffentlichen.“


    „Geil. Wisst ihr schon Näheres?“


    „Nein. Aber sie wollen ein Video dazu drehen.“


    „Hm. Gut. Aber ich weiß immer noch nicht, was ich damit zu tun hab.“


    „Das ist der Punkt. Du weißt, ich war früher mal mit Diana zusammen“, redete Lisa noch immer um den heißen Brei. „Und sie haben dich ja auch schon mal getroffen. Damals, als du sie vom Hotel abgeholt hast. Und du musst ihnen wohl vom Pacer und vom Stream erzählt haben damals…“


    „Ja, möglich.“


    „Mhm. Und sie haben — also Diana hat gesagt, sie hat sich das daraufhin angeguckt. Deine Mitschnitte, die letzten Livestreams, und dann deine Erklärung, als der Wagen geklaut und zerstört war…“


    „Boah Liz — komm zum Punkt!“


    „Ja. Also… sie sagt, sie hat vor ein, zwei Jahren einen Song geschrieben, den sie aber bisher nicht produziert haben. Und als sie dich, deine Geschichte gesehen hat, da ist ihr dieser Song wieder eingefallen. Weil es wohl thematisch Übereinstimmungen gibt. Es geht da um Verlust von… äh… Herzensdingen. Und wie Menschen etwas verlieren und trotzdem stehen bleiben. Oder wieder aufstehen und weitermachen. Trotz Verlusten. Ach, ich kann das nicht so wiedergeben.“


    Laurie hörte interessiert zu, konnte aber immer noch nicht erkennen, worauf Lisa und Laura hinaus wollten.


    Laura übernahm. Sie merkte, dass Lisa sich verrannt hatte, und fasste das Anliegen kurz zusammen. „Also. Es ist so: Blue Feather will den Song herausbringen. Einen Titel haben sie wohl noch nicht. Jedenfalls wollen sie dazu ein Video drehen. Und für das… für das Video wollen sie dich.“


    Laurie stutzte. Sie prustete kurz, zog die Stirn kraus. „Mich.“


    Laura nickte. „Ja. Dich. Dich und… den Pacer.“


    Sekundenlanges Schweigen.


    Laurie holte tief Luft. „Mich und… den Pacer“, wiederholte sie ungläubig. „Was genau soll das bedeuten? Der Pacer ist kaputt.“


    „Eben. Genau das ist der Punkt. Sie wollen zeigen, wie jemand — also du — etwas verliert und trotzdem stehen bleibt. Genau erklären müssten sie es dir selbst. Wir wollten nur vorfühlen, ob du überhaupt Interesse hättest. Also… bei einem Musikvideo mitzuspielen.“


    „Mit dem kaputten Pacer?“


    „Mh“, nickte Laura hilflos.



    Laurie schob die Schachtel von sich, so heftig, dass das Besteck klapperte. „Nein. Auf keinen Fall.“


    Lisa und Laura sahen sich kurz an, sagten nichts.


    „Das ist doch albern. Ein Musikvideo. Mit dem… Mit meinem geschrotteten Auto? Das ist... nein. Das will ich nicht.“


    Wieder Stille.


    „Was für ein Song ist das denn überhaupt?“, fragte sie dann, ohne Pause, als hätte der vorherige Satz gar nicht stattgefunden.


    Laura zögerte kurz. „Weiß ich nicht genau. Was über Verlust, hat Diana gesagt.“


    „Ist ja auch egal. Ich mach's eh nicht.“ Laurie griff nach ihrem Weinglas, trank, stellte es dann wieder ab. „Wie war der Titel?“


    „Haben sie noch nicht, glaub ich.“


    „Hm.“ Laurie starrte auf das leere Glas. „Nee. Nee, vergesst es. Ich will das nicht. Nicht so.“


    Niemand sagte etwas. Laurie griff nach dem letzten Stück Pizza, aß es, ohne es wirklich zu bemerken.

  • Ich war fleißig, ein neues Kapitel ist entstanden :biggrin


    Kapitel 52: Alles im Griff

    Laurie und Seda saßen schon im Auto. Sie wollten gerade losfahren, um direkt nach der Schule am Köpenicker Weg das Geheimnis des vierten Schlüssels zu ergründen. Hook brauchte mal wieder einen Moment, um sich selbst zur Arbeitsaufnahme zu motivieren. „Wieder die Spritpumpe“, bemerkte Laurie etwas genervt. „Oder immer noch...“


    Sie stellte den Motor wieder ab, als plötzlich ihr Handy vibrierte. Eine kurze Nachricht von Lisa:

    „Von Rodenberg hat angerufen, der Erbschein ist durch. Soll in den nächsten Tagen mit der Post ankommen, sagt er.“


    „Jah!“, machte Laurie. Seda zuckte kurz zusammen, las gerade selbst eine Mail. „Hm?“


    „Der Schein ist durch.“


    „Der Erbschein?“


    „Jepp. Jetzt kann’s offiziell losgehen.“


    „Gratuliere“, murmelte Seda etwas abwesend und runzelte die Stirn über ihre eigene Nachricht.


    „Ist was?“


    „Mh. Die Polizei hat sich nochmal gemeldet. Sie wollen die Liste von den Uploads…“ Sie zögerte, steckte das Handy weg, nahm es wieder vor. „Ach, kann Marek machen. Ich ruf ihn eben an.“

    Sie wählte, hörte kurz, legte gleich wieder auf. „Handy aus“, stellte sie fest. „Na, sag ich’s ihm später. So eilig wird’s ja nicht sein…“


    Währenddessen startete Laurie den Motor wieder, Hook hatte inzwischen beschlossen, sie nicht weiter zu ärgern und brummte vom Schulparkplatz. An der Fabrik angekommen lief sie in ihre Wohnung, holte Gustavs Schlüsselbund und war gleich wieder bei Seda im Wagen. Gemeinsam steuerten sie den Köpenicker Weg an.


    Laurie hielt direkt vor dem Haus. Seda sah sie irritiert an. „Warum parkst du denn hier? Wir wollten doch zu den Garagen…“


    Laurie hatte die Hand schon am Türöffner, grinste. „Ich hab noch ’ne Kleinigkeit zu erledigen. Komm mit.“


    Sie stiegen aus. Laurie öffnete die Haustür leise und legte den Finger auf die Lippen. Seda hielt die Tür fest, damit sie nicht laut zuschlug. Laurie zog eine kleine Plastiktüte aus der Jacke — darin zwei rosafarbene Handgriffe.


    Sie lauschte kurz die Treppen hoch. Nichts zu hören.

    „Pass auf, dass niemand kommt“, flüsterte sie und begann, sich an Gerdas kleinem Laufrad zu schaffen zu machen. Sie nahm den ersten Griff aus der Tüte. „Hoffentlich passt der“, murmelte sie.


    „Hübsch“, kommentierte Seda leise.


    „Mhm, und allergiefrei. Hab extra gefragt. Ich weiß ja nicht ob sie…“ Laurie brach den Satz ab und drückte angestrengt den Griff auf das blanke Stahlrohr. „Geeeht niiiicht“ presste sie hervor und würgte weiter die geriffelte Hülse millimeterweise auf das Lenkerende. „Uff.“


    „Vielleicht mit Spüli“, schlug Seda vor. „Dann flutscht das drauf…“


    „Mhm, flutscht aber auch wieder runter, wenn die Kleine nicht aufpasst…“ Sie überlegte kurz. „Warte mal…“


    Sie ließ von dem Rad ab, ging nach draußen. Mit einer Dose Bremsenreiniger kam sie grinsend wieder rein.


    „Aah“, machte Seda.


    Laurie sprühte kurz in den Griff, verteilte das Mittel mit dem Finger und schon war der rosa Griff an gewünschten Platz.

    „Na also. Gott schuf die Welt, Bremsenreiniger bügelt seine Fehler aus“, lachte sie leise.


    Dann zog und drehte sie am weißen PVC‑Überzug auf der anderen Seite. Auch der bewegte sich keinen Millimeter. Seda drückte vorsichtig die Haustür ins Schloss, kam dazu und probierte ebenfalls.


    „Geht auch nicht ab“, stellte sie fest.


    Laurie sah sie an. „Hast du zufällig dein Messer dabei?“


    Seda hob die Brauen, grinste. „Im Auto, in meiner Tasche.“ Sie zog die Tür wieder auf, rannte zu Hook, holte das Messer und kam zurück. Stolz überreichte sie Laurie das Familienerbstück


    Laurie klappte es auf, schnitt kurzerhand den alten Griff ab, sprühte wieder den Kunststoff an und steckte den zweiten rosa Griff auf.


    Sie gab Seda das Messer zurück, betrachtete das nun wieder voll einsatzbereite Rad und ging zügig zurück zum Wagen.


    „Manchmal bist du echt süß.“


    „Manchmal“, spielte Laurie Sedas Lob herunter, öffnete die rechte Tür. „Die Tür quietscht“, bemerkte sie, stieg ein, rutschte durch auf ihren Platz und ließ den Motor an. „Komm, ab zu den Garagen.“


    Seda blieb kurz draußen stehen, sah die Straße hinunter und bemerkte den gelben BMW, der wieder am Straßenrand stand.

    „Das ist doch die Kiste von Marek.“


    Laurie sah hin. „Ach, deswegen kam mir der so bekannt vor. Der steht hier öfter. Ob Marek hier wohnt? Wär ja ein Zufall…“


    Seda deutete nach vorn. „Kannst ihn gleich fragen. Da kommt er.“


    Marek kam aus einem der Nachbarhäuser, die Schultern hängend, den Blick zum Boden. Er zog seinen Schlüssel aus der Tasche, die Blinker des gelben BMW leuchteten kurz auf. Laurie drückte kurz die Hupe — Marek zuckte zusammen und sah auf. Laurie kurbelte das Seitenfenster herunter und winkte ihn heran.


    Ein paar Meter entfernt blieb er stehen, die Hände in den Hosentaschen. Er sah zu Seda, dann kurz zu Laurie. Die stieg aus, lehnte sich an die offene Tür und hob die Hand. Seda ging ein paar Schritte auf ihn zu.


    „Hi. Was macht ihr denn hier?“, fragte Marek knapp.


    Seda warf Laurie einen kurzen Blick zu. „Wir sind auf Schatzsuche“, grinste sie. „Laurie hat…“


    „Hier was zu erledigen“, unterbrach Laurie sie schnell. „Unten, am Garagenhof. Und du?“


    Marek zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete. „Äh, meine Großeltern besuchen. Sie wohnen da, in Nummer neun.“ Er verdrehte den Oberkörper und wies auf ein weiteres Mehrparteienhaus auf der anderen Straßenseite.


    „Ach so“, bemerkte Seda. „Du, ich wollte dich vorhin anrufen, aber dein Handy ist aus.“


    „Mh nee… hab ich verloren. Ich hab im Moment kein Handy…“ Er machte eine kurze Pause, wartete auf eine Reaktion. „Was war denn?“


    Seda zog leicht amüsiert die Brauen hoch. „Kein Handy? Würd ich keinen einzigen Tag überleben“, lachte sie leise.


    Laurie machte nur ein kurzes „Tss“. Das war aus ihrer Sicht Kommentar genug.

    Mareks Augen sprangen immer wieder kurz zu ihr. Fast, als würde er prüfen, wie sie auf ihn reagierte. Er räusperte sich, sah wieder zu Seda, weil die noch nicht geantwortet hatte. „Und?“


    „Ach so. Die Polizei hat sich nochmal gemeldet. Wegen der Videos.“


    „Was wollen die denn noch?“, stöhnte Marek — etwas zu laut, etwas zu gereizt.


    Seda sah kurz zu Laurie, dann wieder zu Marek. „Die brauchen noch deine Zuordnungsliste. Also die Markierungen, wer welchen Upload gemacht hat. Ich hab das nicht. Kannst du das bitte dem Hennemann schicken?“


    „Die ist auf meinem Laptop. Den haben die… Der — äh — ist kaputt. Fährt nicht mehr hoch.“


    „Oh.“


    „Ja, der war schon alt.“


    „Hast du kein Backup?“, fragte Laurie.


    Marek dachte einen Moment nach. „Nur… ähm… in einer Cloud. Und die Zugangsdaten… die sind… auf dem… auf dem Laptop. Äh, auf dem Handy. Ich weiß auch nicht mehr…“


    Seda sah ihn an. Ein Moment zu lang.

    „Aber… du hattest die Liste doch letzte Woche noch offen“, sagte sie leise.


    Marek fuhr herum. „Ja! Da ging der Laptop noch!“ Wieder zu schnell. Zu scharf.


    Seda blinzelte, leicht irritiert. „Okay… ich meinte nur…“

    Marek atmete einmal kurz ein, zu kurz, zu flach. „Ich hab gesagt, der ist kaputt“, schob er nach — diesmal leiser, aber mit einem dünnen, angespannten Unterton.


    Laurie sagte nichts. Sie beobachtete ihn.


    Seda wandte sich wieder zu Marek. „Die brauchen das aber wirklich. Sonst denken die noch, wir hätten irgendwas vertuscht.“


    Marek schluckte hörbar. „Ich… ich kümmer mich drum. Ich hab das schon im Griff.“ Der Satz kam schnell, wie vorbereitet.


    Seda nickte — langsam, vorsichtig. Nicht misstrauisch. Nur irritiert von der Heftigkeit.


    Marek ging zu seinem Auto, stieg ein, fuhr weg.


    „Der wird immer komischer“, stellte Seda fest und sah dem gelben BMW nach.


    „Mhm“, machte Laurie und stieg ein.

  • Nur eine Minute später rollte Hook auf den Garagenhof und stoppte vor Tor Nummer dreizehn. Laurie und Seda stiegen aus; Seda hielt den Schlüsselbund wie etwas, das Bedeutung hatte. „So, welche Schlüssel waren jetzt nochmal wofür?“


    Laurie kam zu ihr, sortierte die bereits identifizierten Schlüssel. „Die drei hier sind für die drei Tore.“ Dann hob sie den vierten Schlüssel hoch. „Das ist der Endgegner. Finde das Schloss und gewinne einen Preis.“


    Seda grunzte. „Oder den—“ Laurie schnitt ihr das Wort ab. „Sag du nicht auch noch den Zonk. Der Gag ist ausgelutscht.“

    „Sag ich nicht. Wo probieren wir? Gib mir eine Zahl zwischen eins und fünfundzwanzig.“


    Laurie ließ den Blick über die Reihen wandern. Links. Rechts. Dann die drei zugewachsenen Garagen an der Stirnseite. Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich minimal.

    „Da“, sagte sie plötzlich und zeigte auf das Tor mit dem meisten Unkraut davor.


    Sie gingen hin. Laurie wollte den Schlüssel ins Schloss stecken — stoppte. Ein kleines Stück Metall steckte im Schlüsselloch.

    „Fuck. Der Schlüssel geht nicht rein.“


    Seda kniff die Augen zusammen, beugte sich vor, sagte nichts. Dann drehte sie sich um, ging zum Auto, holte wieder ihr Messer. Sie setzte die Spitze an, vorsichtig, aber mit einer Konzentration, die Laurie kurz innehalten ließ.


    „Drück’s nicht noch weiter rein“, murmelte Laurie und zupfte Unkraut vorm Tor, als würde sie den Weg zum Ziel freilegen wollen.

    Der Metallspan saß fest. Seda arbeitete geduldig, millimeterweise. Ein leises Kratzen. Ein kaum hörbares Knacken. Dann löste sich der Span — ein winziges Stück, aber der Moment fühlte sich größer an.


    Laurie kam mit dem Schlüssel, steckte ihn ins Schloss. Ihre Hand war ruhig, aber ihr Gesicht nicht.

    „Trommelwirbel: Drrrrrrrrrr“, machte Seda, leise, fast ehrfürchtig.


    Laurie drehte. Ein trockenes Klack. Sie zog den Schlüssel ab, legte die Hand an den Griff — und hielt ihn fest.


    Seda stand neben ihr, aufgeregt, aber stiller als sonst.

    „Na? Mach schon“, drängelte sie, aber ihre Stimme war gedämpft.


    Laurie zog. Ein hartes Knirschen, dann hob sich das Tor unter einem langen, rostigen Quietschen, das über den gesamten Hof schallte.


    Beide blieben stehen. Ein Stück Wäscheleine mit einer Plastikkugel am Ende baumelte lautlos, als wollte es vom Inhalt des Raums ablenken.


    Sekundenlang sagten sie nichts, dann atmete Seda hörbar aus. „Ääh… siehst du auch, was ich sehe?“


    Laurie ging langsam in die Hocke, ohne den Blick vom Inneren zu lösen. Seda legte ihr eine Hand auf den Rücken — nicht beruhigend, eher um sich selbst zu verankern.


    „Mhm“, machte Laurie leise.


    Seda schluckte, ein ungläubiges Kichern brach aus ihr heraus. „Noch eins.“

  • Währenddessen kam Lisa ins Wohnzimmer zu Laura. „Möchtest du noch einen Keks?“, fragte sie mit einem Lächeln, das gleichzeitig alles und nichts sagte.


    Laura sah kurz auf. „Sind denn noch welche da? Ich dachte, du hättest inzwischen alle an Justav verfüttert…“


    Lisa schüttelte die Blechdose in ihrer Hand – ein leises Rappeln. Zwei sind noch da. Einer für dich und einer für mich. Morgen mach’ ich neue.“


    „Du bist richtig verliebt in den Vogel, oder?“

    „Der ist ja auch total faszinierend. Was der inzwischen alles sagen kann. Ich glaube, der echte Gustav hat ihm ne Menge beigebracht über die Jahre. Vorhin wollte er mit mir sogar über den Preis für ein Bild verhandeln“, lachte sie.


    Laura prustete kurz. „Vielleicht sollten wir ihn mal mit zum Markt nehmen. Da kann er dann die Preise für Lauries Sachen aushandeln. Wenn sie sich entschließt, was davon zu verkaufen.“


    Lisa sah Laura an. „Gar keine schlechte Idee.“ Lisa setzte sich neben Laura, reichte ihr den letzten Keks und strich ihr sanft über den Oberschenkel. „Aber, weißt du, was ich mir noch überlegt hab?“


    „Ich ahne was…“, grinste Laura.


    „Nein, das mein’ ich nicht“, verstand Lisa, zog aber langsam ihre Hand zurück. „Wegen Justav. Also, dem Vogel. Bender hat doch erzählt, der echte Gustav hatte mit der kleinen Gerda so eine Art Sprachtherapie angefangen.“


    Laura nickte.


    „Was hältst du davon, wenn wir das fortsetzen?“


    „Hier? Wie soll das gehen? Wie soll Gerda denn hierher kommen? Oder willst du mit dem Vogel zu ihr? Immer in den Käfig und mit dem Auto hinkutschieren? Das wird doch zu stressig für das arme Tier. Zumal der Käfig ja auch gar nicht so ohne Weiteres ins Auto passt…“


    „Nein, wenn, dann müsste sie schon herkommen. Wir – also du – könntest sie fahren. Der Caddy hat doch so Aufnahmen für Kindersitze, oder?“


    „Jo. Schon…“


    „Ich hab so ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil wir ihr einfach den Vogelfreund weggenommen haben. Ich glaube, sowas wie eine Therapie mit Tieren kann manchen Kindern echt helfen. Ich hab da gestern mal was gelesen. Es gibt zwar keine konkreten „Papageientherapien“ für etwas – mh – später entwickelte Kinder, aber ich glaube, ein regelmäßiger Kontakt würde der Kleinen guttun.“


    „Aber wir wollen uns nicht aufdrängen.“


    „Auf keinen Fall. Wir werden Mila ganz vorsichtig fragen. Ihr anbieten, uns vielleicht mal zu besuchen hier. Und dann sehen wir ja, wie Gerda reagiert.“


    „Mhm, gut. Machen wir.“


    „Gestern hat er sogar ein kleines Lied gesungen. Ganz kurz. Vielleicht erinnert sich Gerda…“


    Laura lächelte und biss von ihrem Keks ab. „Mach nächstes Mal mehr.“

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  • Tom rollte mit dem Firmenpickup auf den Garagenhof, der Trailer rappelte durch die Schlaglöcher in der Zufahrt. Seda und Laurie standen tuschelnd vor der wieder verschlossenen Garage. Tom stieg aus, ging einmal kontrollierend um das Gespann herum und kam dann zu den zweien. „Was habt ihr jetzt wieder ausgegraben?“, fragte er mit einem Gesichtsausdruck irgendwo zwischen genervt und freudiger Erwartung.


    Laurie stülpte unschuldig die Unterlippe vor. „Gefunden? Wir? Ach so, das meinst du. Och, ein paar Kartons, einen alten Stuhl, oder zwei…“


    Seda kicherte und zupfte aufgeregt ihr Kopftuch zurecht.


    Tom nickte. „Mhm, ich glaub dir jedes Wort. Nun rück schon raus, du Nervensäge. Wofür brauchst du den Trailer und warum musste das noch heute Abend sein?“


    Laurie holte einmal tief Luft, dann griff sie an das Garagentor und zog es langsam auf. Wieder das markerschütternde Quietschen.


    Tom riss die Augen auf. „Nein.“ Er machte einen Schritt auf die Garage zu, sah zu Laurie, sah zu Seda, denn wieder ins Halbdunkel der staubigen, seit vielen Jahren ungeöffneten Garage. „Ich fass’ es nicht!“


    Er ging in die Knie, Laurie stellte sich hinter ihn, legte sich halb auf seinen Rücken und flüsterte im ins Ohr: „Ist die nicht putzig?“


    Seda hielt es draußen nicht mehr länger aus. Sie ging in die Garage und öffnete die Fahrertür. „Guck mal, hinten angeschlagen“, kicherte sie und schwenkte die Tür ein paarmal auf und zu, so weit es die enge Garage es zuließ. „Quietscht nicht mal“, bemerkte sie strahlend. Sie ließ sich auf den Fahrersitz fallen. „Sehen aus wie Campingstühle, sind aber total bequem, stellte sie lachend fest und schaukelte ein wenig hin und her


    Laurie stieß sich von Tom ab, der stand wieder auf. „Ne Kastenente“, fasste der nun langsam, was Laurie und Seda ihm da präsentierten. „Ne alte Wellblechente. Mit Suicide-Doors. Die muss doch… Sechziger, oder? Oder noch früher? Ich werd bekloppt.“


    Laurie hatte ein breites Grinsen im Gesicht, zog ihr Handy hervor. „Wir haben schon mal ein bisschen recherchiert, als wir auf dich gewartet haben. So gab es die bis 1960, mit der Haube und den hinten angeschlagenen Türen. Und satten 12 PS.“


    „Und sie ist soooo süüüüß“, quietschte Seda, als sie wieder aus der Garage kam. „Ich bin total verliebt!“


    Tom lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Wo kommt die denn her?“


    „Ich schätze mal, das war Gustavs altes Marktauto“, vermutete Laurie. „Hier, guck mal, die alten Berliner Kennzeichen – noch ohne das hässliche blaue Feld.“


    „DIN-Kennzeichen“, präzisierte Tom.


    „Genau. Und noch mit ner alten ASU-Plakette auf dem vorderen Schild.“ Sie bückte sich und las die Plakette ab. „‘96 abgelaufen. Die Kleine steht sich hier bestimmt schon seit dreißig Jahren die Reifen platt.“


    Tom ging jetzt ebenfalls in die Garage, beugte sich in den Innenraum des kleinen französischen Transporters. „Riecht nicht mal muffig“, stellte er fest. „Nur alt.“

    Er klopfte zweimal auf das dünne Wellblech der Haube, strich über die freistehenden Scheinwerfer und testete mit einem vorsichtigen Tritt die Stoßstange. Der ganze Wagen wippte kurz; irgendwo im Hintergrund schepperte eine Blechdose zu Boden.


    „Hee, mach mein Auto nicht kaputt“, protestierte Laurie.


    Tom kam zu ihr, legte beide Arme auf Lauries und Sedas Schultern und sah sie abwechselnd an. „Und jetzt?“


    Laurie trat einen Schritt vor. „Wir nehmen sie mit“, sagte sie, als wäre das selbstverständlich.


    Seda strahlte sofort. „Jau. Und dann machen wir sie wieder fit und düsen damit rum.“


    „Dann raus damit.“ Tom ging zurück in die Garage, zog den Revolvergriff der Gangschaltung in den Leerlauf und versuchte, die Handbremse zu lösen. Er drückte am Dachholm, aber das leichte Auto bewegte sich keinen Millimeter.


    Laurie sah an den Seiten entlang. „Reifen sind total platt. Da bewegt sich nix.“


    Seda drückte kurz auf den Vorderreifen, kam wieder raus und grinste breit. „Aber nur unten.“


    Laurie schnaubte, räumte einen alten Karton weg. „Macht mal Platz. Tom, fahr das Gespann weg.“


    „Was hast du vor?“


    „Wozu hab ich denn ’nen Abschleppwagen? Ich zieh sie raus.“


    „Aber vorsichtig“, bat Seda, plötzlich nervös. „Sonst reißt Hook die kleine Ördekçik in Stücke…“


    „Die kleine… was?“


    Ördekçik“, wiederholte Seda. „Das ist Türkisch für ‚kleine Ente‘.“


    Tom verdrehte die Augen. „Super. Noch keinen Millimeter bewegt und schon hat das Ding ’nen Namen.“


    Er stieg in den Pickup, fuhr vom Hof, wendete und setzte rückwärts wieder auf das Gelände, während Laurie mit Hook vor die Garage rangierte.


    Seda hatte inzwischen das Handy gezückt. Sie bückte sich vor das kleine graue Auto, zeigte auf den Querträger hinter der Stoßstange. „Hier am Träger kannst du ziehen. Steht überall so. Nicht an der Stoßstange — nur am Rahmen.“


    „Na gut.“ Laurie entsperrte die Winde, zog das Seil heraus, bis es lang genug war, befestigte es am Querträger und drückte den Hebel. Die Winde zog langsam an.


    „Vorsichtig!“, rief Seda gegen das Ächzen des Stahlseils. Laurie stoppte kurz. „Ist schon gut. Wir werden deine Börek nicht zerreißen.“


    Ördekçik“, korrigierte Seda und beobachtete, wie die Winde wieder anlief und das zerbrechlich wirkende Auto Stück für Stück aus seiner jahrzehntelangen Behausung zog.

    Dann stand der Wagen draußen.


    „So. Da ist sie — deine Börek.“


    „Sag das nicht immer. Sie heißt Ördekçik. Und wieso meine? Ist doch dein Auto.“


    Laurie schüttelte den Kopf. „Zwölf PS? Nee, danke.“ Hook wickelte das Seil wieder auf, metallisch klirrend. Laurie sah zu Seda, schluckte einmal und sagte beiläufig: „Die nimmst du. Das ist deine Ördek… irgendwas.“


    Seda starrte sie an, völlig fassungslos. „Wie meinst du das?“


    „Na, du brauchst doch ein Auto. Wenn du den Volvo nicht willst, nimmst du eben die hier. Ich brauch sie nicht. Ich hab langsam genug Autos. Ich schenk sie dir.“


    Seda brauchte einen Moment, dann fiel sie Laurie um den Hals und weinte vor Freude. „Danke… ich… ich weiß gar nicht…“


    Laurie hob eine Hand. „Eine Bedingung. Sonst kriegst du sie nicht.“


    Seda wischte sich die Tränen weg. „Was denn?“


    „Komm nie auf die Idee, sie auf Elektro umzubauen.“


    „Niemals.“

  • Übrigens, falls wer sich fragt, warum Ördekçik als Wellblechente mit Selbstmördertüren, also definitiv von vor 1969, eine ASU-Plakette hat. Ist mir auch schon aufgefallen und wird in den nächsten Kapiteln aufgelöst :whistling :saint

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  • Grad aufm Rechner gefunden. Das könnte sie sein. Hat zwar schon ein hiesiges Eurokennzeichen, aber der Rest passt :w00t


  • Jeez. Es wird immer knapper. Ich glaube, ich werd mir mal selbst ne Pause verordnen, sonst schreib ich irgendwann in den nächsten Wochen gleich live hier rein.


    Vorhin zusammengeklöppelt, und schon gehts weiter mit


    Kapitel 53: Startschüsse


    „Hast du noch ’nen Moment?“ fragte Lisa durch den Türspalt, gerade als Laurie zur Arbeit wollte.


    „Sicher.“


    Lisa öffnete die Tür ein Stück weiter. Laurie grinste — Lisa war offensichtlich eben erst aus dem Bett gekommen. Das Haar noch wirr, die Haut warm vom Schlaf, und ihr Aufzug irgendwo zwischen „halb bedeckt“ und „noch nicht entschieden, ob sie sich überhaupt anziehen will“. Ein dünner Stoff hing lose über einer Schulter, mehr Andeutung als Kleidung.


    Nichts, was Laurie überraschte. Nichts, was in diesem Haus je ein Thema gewesen war.


    Lisa lehnte sich an den Türrahmen, zog den Stoff mit einer beiläufigen Bewegung zurecht und sah Laurie an, als wäre das alles die normalste Situation der Welt.


    Laurie blieb stehen, entspannt, die Tasche unter dem Arm. „Okay“, sagte sie. „Was liegt an?“


    Lisa pustete ein paar Haare aus dem Gesicht. „Ich hab gestern noch die Schreiben fertiggemacht — Versicherungen, Stadtwerke…“ Sie zögerte kurz. „Die Bank braucht das Original vom Erbschein oder eine beglaubigte Kopie. Willst du da selbst hin? Sonst frag ich von Rodenberg, der macht uns ein paar Abschriften.“


    Laurie hob die Schultern. „Zur Bank? Mh. Wenn ich nicht muss…“


    Lisa grinste milde. „Schon klar, ich regel das. Die Schreiben liegen unten auf dem Tisch. Kannst du sie noch schnell unterschreiben? Dann bring ich sie gleich zur Post. Die Mieter willst du ja sicher persönlich informieren, oder?“


    „Klar.“


    „Dann mach ich dir Infoschreiben für alle fertig und tacker ’ne Kopie vom Erbschein dran. Das reicht.“


    „Danke dir. Okay, ich geh eben unterschreiben. Und nach der Arbeit fahren wir zum Haus. Ich bin gespannt auf die anderen Mieter.“


    „Und erschrick nicht — Justav ist manchmal etwas launisch, wenn er vor der Zeit geweckt wird…“ Lisa hielt kurz inne. „Ach, apropos Justav. Wir könnten Mila gleich fragen, ob sie mal mit der Kleinen vorbeikommen möchte. Ich biete ihr das ganz vorsichtig an. Nicht, dass sie glaubt, wir würden uns einmischen.“


    Laurie grinste. „Du machst das schon richtig.“


    Sie lief los. „Und zieh dir was über“, rief sie auf halber Treppe und war schon an der Glastür zu den Büros.



    Nach Feierabend rangierte Laurie Gustavs alten Volvo aus ihrer kleinen Werkstatt. Morgen würde Seda vorbeikommen – sie wollten mit einer Bestandsaufnahme an der kleinen grauen Ente loslegen. Und auch wenn das Auto eher kompakt war, brauchten sie Platz, um überall ranzukommen. Außerdem war der Volvo längst fertig. Jetzt, mit dem Erbschein in Händen, konnte sie ihn endlich auf ihren Namen zulassen, abmelden oder – was immer sie mit dem alten blauen Ziegelstein anfangen würde.


    Lisa kam dazu, eine kleine Aktenmappe unter dem Arm. „Willst du mit dem fahren?“, staunte sie.


    „Nee. Ich mach nur Platz für morgen, wenn wir mit der kleinen Börek loslegen.“


    „Und du bleibst dabei, dass du sie Seda wirklich schenkst? Das ist echt großzügig von dir. Ich hab mal im Netz geguckt, was die Dinger wert sind. Das sind schon ein paar Tausend, die du da…“ Lisa stoppte, als sie Lauries Gesicht sah. „Ist ja gut. Ich sag nichts mehr.“


    „Nein, passt schon. Versteh ich ja.“ Laurie stützte sich kurz am Volvo ab. „Ich hab auch noch mal kurz drüber nachgedacht. Aber geschenkt ist geschenkt. Und sie hat’s verdient.“


    Lisa schwieg, hörte zu.


    „Immerhin – damals, nach dem Scheiß mit dem Pacer und der Vergiftung…“ Laurie schluckte. „Sie hat mir das Leben gerettet. Fact. Auch wenn sie’s nicht hören will. Wenn sie fünf Minuten später gekommen wäre oder nicht sofort gecheckt hätte, was los ist und mich aus der Werkstatt gezogen hätte…“ Sie sah kurz weg. „…würde ich jetzt vielleicht nicht mehr hier stehen. Und das vergesse ich nicht. Niemals.“


    „Also, fahren wir mit dem Caddy?“


    Laurie schüttelte den Kopf. „Nope. Ich will da nicht so – sorry, Mom – nicht so großkotzig auflaufen. Die reichen neuen Vermieter mit dem dicken Panzer. Nee. Wir nehmen Hook. Hook ist ich, ich bin Hook. Da wissen die Leute gleich, mit wem sie’s zu tun haben.“


    „Aber dann zieh dir wenigstens was anderes an. Wenn du da so in Shirt und Latzhose ankommst, denken die Leute im Haus, du kommst wegen ’ner Heizungswartung, nicht als neue Eigentümerin.“


    „Sollen sie denken“, grinste Laurie. „Ich hab’s schriftlich…“


    Lisa hob die Hände. „Ich geb’s auf.“ Sie öffnete die Tür des Abschleppwagens, legte ihre Mappe auf den Sitz und stieg ein.

    Laurie setzte sich hinters Lenkrad, räusperte sich demonstrativ und versuchte, ihr seriösestes Vermieterinnen‑Gesicht aufzusetzen. Es gelang ihr nicht. Sie schielte zu Lisa, die die Tür zuzog und nur trocken bemerkte:


    „Deine Tür quietscht.“


    Laurie ließ den Motor an. Hook, heute erstaunlich gut gelaunt, sprang sofort an.

  • Am Haus angekommen rollte der Wagen aus, Lisa und Laurie lächelten sich kurz an, als sie auf dem Zuweg Gerda sahen. Sie fuhr mit ihrem kleinen rosa Laufrad hin und her, konzentriert, wie immer. Als sie den großen „Bruder“ ihres kleinen Spielzeug‑Hook kommen sah, stoppte sie abrupt, legte das Rad vorsichtig ins Gras und ging ein paar Schritte auf den Abschleppwagen zu. Einige Meter davor blieb sie stehen — nicht ängstlich, eher abwartend.


    Laurie stieg aus, ging zu ihr, hockte sich hin. „Hallo Gerda. Geht’s dir gut? Fährst du hier ein Rennen mit deinem neuen Rad?“


    Gerda schüttelte den Kopf, blieb stumm — aber diesmal lächelte sie. Ein breites, offenes Lächeln, das Laurie kurz überraschte. Dann hob Gerda ihr Rad wieder aus dem Gras und schob es zu Laurie. Stolz zeigte sie auf die neuen Griffe am Lenker, die im Licht fast leuchteten.


    Laurie öffnete den Mund weit. „Aah, du hast neue Griffe. Die sind ja toll. Und so schön pink. Damit bist du bestimmt doppelt so schnell, was? Weißt du was? Wenn ich das nächste Mal komme, bring ich mein Rad mit und wir zwei fahren ein Rennen. Okay?“


    Gerda nickte, ein kleines, enthusiastisches „Ja“ kam hinterher, gefolgt von einem Kichern, das sie selbst zu überraschen schien.


    Lisa war inzwischen weitergegangen zu Mila, die mit Edgar auf dem Arm im Hauseingang stand und die Szene beobachtete. Mila sah kurz zu Gerda, dann zu Laurie — ein stilles, dankbares Wissen in ihrem Blick, ohne es auszusprechen.


    „Guten Tag, Frau Sava“, grüßte Lisa. Mila nickte. „Bitte, sagen Sie Mila. Alle sagen Mila.“


    „Gern. Ich bin Lisa. Geht es Ihnen gut?“


    „Da. Gut.“ Mila sah wieder zu Gerda, die mit dem Rad eine kleine Schleife fuhr. „Und… danke für neue Griffe.“ Sie sagte es leise, ohne direkt zu benennen, wer sie spendiert hatte — aber der Blick reichte.


    Lisa grinste verschmitzt. „Also ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen.“ Sie öffnete ihre Mappe, zog eines der Infoschreiben heraus und reichte es Mila. „Hier, das brauchen Sie fürs Amt. Ich hab alles fertig gemacht, Sie müssen es nur so einreichen. Dann veranlasst das Amt den Rest, okay?“


    „Da, okay.“ Mila nahm das Schreiben vorsichtig wie etwas Zerbrechliches und beobachtete weiter Gerda, die nun versuchte, mit dem Rad eine besonders gleichmäßige Kurve zu fahren, während Laurie sie lachend anfeuerte.


    Kurz darauf kam Laurie zu den beiden, gab Mila die Hand und sah das Schreiben in ihrer Tasche. „Ihr habt alles geklärt?“


    Lisa nickte. Mila ebenfalls. „Da, alles geklärt.“


    Laurie nickte zurück, ruhig, ohne große Geste. „Und Sie können sicher sein: Es bleibt alles, wie es ist“, erklärte sie. „Niemandem wird gekündigt, niemandem die Miete erhöht. Sie können sich auf mich — auf uns — verlassen. Und wenn Sie etwas brauchen: meine Nummer und die meiner Mutter stehen im Schreiben. Einfach anrufen. Jederzeit. Okay?“


    Mila atmete hörbar aus, ein kleines, erleichtertes Lächeln erschien. „Okay.“ Sie rückte Edgar auf ihrem Arm ein Stück höher und rief: „Gerda, langsamer!“


    Gerda bremste tatsächlich ein wenig ab, aber nur ein bisschen.


    Laurie nahm ein weiteres Schreiben aus Lisas Mappe und ging hinein. „Tschüss, Gerda. Bis später“, rief sie. „Ich geh mal bei Schröders klingeln.“


    Während Laurie vor der anderen Wohnung im Erdgeschoss wartete, wandte sich Lisa wieder an Mila. „Ein liebes Kind“, sagte sie und deutete auf Gerda.


    Mila stieß einen leisen Seufzer aus. „Da. Sie ist liebes Mädchen. Kümmert sich um Bruder wie große Schwester.“


    Lisa legte kurz die Stirn in Falten. „Ist sie nicht… seine Schwester?“ Sie deutete auf Edgar.


    „Edgar hat anderen Vater“, erklärte Mila zögerlich. „Gerda ist Halbschwester.“


    „Ach so, okay.“ Lisa zögerte einen Moment, suchte den richtigen Ton. „Mila… darf ich Sie noch etwas fragen?“


    „Da.“


    „Herr Bender – Ihr Nachbar – hat uns erzählt, Gustav hatte mit Gerda so eine Art Sprachtherapie begonnen. Mit dem Papagei.“


    Mila nickte unsicher. „Da. Gerda war manchmal bei ihm. Hat mit Vogel gesprochen. Es hat ihr geholfen. Sie ist dadurch… mh… freier geworden. Ein wenig mehr sicher.“


    Lisa nickte langsam, verstehend. „Okay. Und dann sind wir gekommen und haben den Vogel mitgenommen.“


    Mila senkte kurz den Blick, nicht vorwurfsvoll, eher sachlich. „Sie konnten nicht wissen. Gustav war tot. Vogel konnte nicht alleine bleiben in Wohnung.“


    „Eben.“ Lisa atmete einmal durch. „Darum haben wir ihn zu uns ins Haus gebracht. Aber… wissen Sie, Mila… wir – also meine… Lauries Mutter und ich – haben uns etwas überlegt. Natürlich nur, wenn Sie das möchten, wenn Sie einverstanden sind.“


    Mila sah Lisa fragend an, vorsichtig, aber nicht abwehrend.


    „Den Vogel herbringen können wir nicht, der Käfig ist zu groß. Aber vielleicht… haben Sie Lust, uns mal zu besuchen. Mit Gerda. Dann könnte sie den Vogel wiedersehen. Und vielleicht könnte man diese Übungen zwischen den beiden fortsetzen. Regelmäßig. Vielleicht zweimal in der Woche. Wenn es Ihnen nicht zu viel ist.“


    Mila schwieg einen Moment. Sie sah zu Gerda, die mit dem Rad bis zum Gehweg fuhr, keinen Zentimeter weiter; dann zu Edgar, der ruhig auf ihrem Arm saß; dann wieder zu Lisa. Ein stilles Abwägen, kein Misstrauen — eher die Frage, ob sie jemandem zur Last fällt.


    „Wir wollen uns nicht aufdrängen“, ergänzte Lisa leise. „Es soll nur ein Angebot sein. Für Sie. Und für Gerda.“


    Mila nickte kaum merklich. „Ich möchte niemandem Arbeit machen.“


    Lisa hob beschwichtigend die Hände. „Tun Sie nicht. Wirklich nicht. Wir tun das gern. Ich bin die ganze Zeit zu Hause. Sie könnten sich aussuchen, wann Sie kommen. Einfach, wenn es Ihnen passt.“


    „Ich werde es überlegen“, sagte Mila knapp, aber nicht kalt.


    „Wir könnten Sie auch fahren. Mit dem Auto ist das gar kein Problem.“


    „Das ist nicht nötig.“ Mila schielte ganz kurz zu dem rostigen Abschleppwagen am Straßenrand. “Ich habe Busfahrkarte vom Amt.“


    „Okay. Ich dachte nur… mit zwei Kindern ist das sicher schwierig im Bus. Es wäre wirklich kein Problem. Wir haben ein großes Auto – mit Kindersitzen.“


    „Okay. Danke. Ich werde sehen.“


    „Schön.“ Lisa lächelte. „Die Adresse steht ja auf dem Schreiben, das ich Ihnen gegeben habe. Meine Frau und ich würden uns wirklich freuen, wenn Sie und Gerda uns und den Vogel mal besuchen würden.“


    Ein kurzes Zögern in Milas Gesicht, ein kleiner Zug im Mundwinkel — ein stilles Zeichen, dass das Angebot sie berührt hatte. „Da. Ich werde kommen. Vielen Dank.“


    „Okay. Dann schau ich mal, was Laurie macht. Tschüss, Mila.“


    „Da. Auf Wiedersehen.“

  • Auf der Rückfahrt drehte Lisa das Radio leiser. „Ist doch gut gelaufen, oder?“


    Laurie nickte kurz, den Blick nach vorn. „Jepp. Bei Schröder war’s noch ein bisschen steif, aber das wird schon. Die WG‑Leute sind ganz locker, die hat das fast gar nicht interessiert. Und Bender wusste ja eh schon Bescheid.“


    Lisa zog die Augenbrauen leicht hoch. „Dann kann’s jetzt weitergehen. Was hast du mit der Wohnung vor?“


    Laurie zog die Schultern hoch, ließ sie wieder fallen. „Weiß ich immer noch nicht. Ich glaub, wir sichten erstmal weiter seine Sachen. Sortieren. Und vielleicht stoße ich einiges auf den nächsten Märkten ab. Und den Krempel aus den Garagen, damit die frei werden.“


    Lisa nickte. „Mhm. Dafür hat er den ganzen Kram ja wohl auch angesammelt – als Handelsware, nicht als Sammlung.“


    „Genau.“ Laurie schob die Finger kurz unter die Latzhosenträger. „Ich ruf mal Nico an. Der ist der Fachmann für altes Zeug. Der kann mir bei der Beurteilung helfen.“


    „Und die Autos?“

    Laurie schnaubte leise. „Hm. Den Volvo werd ich dann wohl selbst behalten. Bei der ganzen Transportiererei, die jetzt ansteht, kann ich den Kombi doch ganz gut brauchen.“ Sie schielte zu Lisa. „Oder meinst du die Örde… dings. Börek? Die bau ich mit Seda wieder auf, und dann kann sie damit rumkacheln. Die kriegt noch ’ne lustige Beschriftung auf die Seite. BörekExpress oder sowas. Und dann machen wir nur das Nötigste, damit sie wieder straßentauglich wird. Keine neue Lackierung oder so. Bisschen schweißen, Motor wieder in Gang bringen, neue Reifen, Schläuche, vielleicht ’nen neuen Tank. Elektrik hat das Ding ja so gut wie gar nicht. Und was dran ist, ist alles noch 6 Volt. Vielleicht werden wir das ändern. Mal sehen, was die Untersuchung morgen so ergibt…“


    Lisa grinste. „Also kein neuer Vlog? Kein Livestream?“


    Laurie winkte ab. „Für ’ne Ente? Nee. Ich glaub, da ist die Reichweite nicht groß genug. Die bauen wir schön für uns. Und bis zu Toms nächstem Treffen ist sie fertig.“ Sie überlegte kurz. „A propos. Ich glaub, wir nehmen mal Kontakt zu dem Club auf, der hier zu den Treffen immer aufschlägt. Die können uns bestimmt weiterhelfen mit der Teilebeschaffung. Bei alten Französinnen kenn ich mich mal so gar nicht aus.“


    Lisa nickte. „Klingt sinnvoll.“


    „Ach, da fällt mir noch was ein.“ Laurie tippte mit dem Finger gegen das Lenkrad. „Ich muss gleich mal in Gustavs Autoordner gucken, ob zu der Kiste noch Papiere da sind. Ist zwar schon ewig außer Betrieb, aber ein paar Unterlagen könnten schon helfen.“


    „Liegt alles im Büro…“


    Laurie grinste. „Unter Justavs Aufsicht.“


    Lisa schnaubte. „Passt ja.“


    An der Fabrik angekommen stiegen sie aus. Laurie lief schon Richtung Büro, doch Lisa blieb kurz vor der kleinen Werkstatt stehen. Laurie stoppte, kam zurück.


    „Ich hab sie noch gar nicht richtig gesehen“, sagte Lisa. „Nur am Dienstagabend, als ihr sie mit dem Trailer hier angeschleppt habt.“

    Laurie zog den Werkstattschlüssel aus der Tasche, schloss auf. Beide gingen hinein. Die Ente stand vorn, auf dem ehemaligen Platz des Pacers — klein, grau, ein bisschen schief, aber mit einer Art stiller Präsenz.


    „Süß“, urteilte Lisa und strich ein paarmal über die blechernen Rundungen. Dann öffnete sie die Tür. „Schon witzig, dass früher die Türen alle falschrum aufgingen. Warum war das eigentlich so?“ Sie schwenkte die dünne Fahrertür ein paarmal hin und her. „Und warum Selbstmördertüren?“


    „Hatten wir erst neulich in der Schule“, erklärte Laurie. „Das war bei Kutschen früher so, und bei den ersten Autos haben sie’s übernommen. Und wenn das Ding bei der Fahrt aufsprang, hast du im Reflex den Griff gepackt, um sie wieder zuzuziehen. Aber der Fahrtwind hat die Tür so brutal nach hinten gerissen, dass du dich quasi selbst aus der Kiste gehebelt hast. Wer nicht losgelassen hat, war Matsch — Eigenregie‑Abflug, sozusagen.“


    Lisa verzog das Gesicht. „Irgendwie gruslig.“


    „Na ja, aber so ’ne 12‑PS‑Ente schafft ja nicht mal 80. Da ist die Gefahr eher gering, dass Seda sich bei Vollgas aus der Kiste katapultiert.“


    Lisa schwieg einige Augenblicke, sah die Ente an, dann Laurie. „Sag mal… wo wir hier gerade so stehen…“


    „Hm?“


    „Hast du nochmal über das Video nachgedacht? Über Dianas Angebot? Ich muss ihr irgendwann mal Bescheid geben.“


    Lauries Gesicht wurde ernster. Sie atmete einmal tief durch, kratzte mit den Nägeln über die wellige Motorhaube. Das dünne Blech vibrierte leicht unter ihren Fingern, klang fast wie ein Waschbrett. Dann trommelte sie mit beiden Händen einen kurzen Rhythmus — dumpf, hohl, fast wie ein kleiner, mechanischer Herzschlag.


    Plötzlich hielt sie inne. Sie stand still, sah die Ente an, dann Lisa. Noch ein Atemzug, schwerer als nötig.


    „Na ja… ich kann es mir ja wenigstens mal anhören.“


    Lisa nickte, vorsichtig erleichtert. „Okay. Ich ruf sie an.“