Laura blieb noch einen Moment stehen, Laurie weiter neben ihr. Langsam, zögerlich, nahm Mila das Mädchen an die Hand und stieg erst jetzt die letzten zwei Stufen hinauf. Direkt am Treppenabsatz blieb sie stehen und streckte vorsichtig die Hand aus.
„Ich bin Mila“, sagte sie leise; der Akzent war unüberhörbar. „Ich putze hier. Und für Herr Bender. Manchmal. Ich wohne unten.“ Während sie sprach, rückte sie das Kind wieder ein kleines Stück höher auf den Arm – eine beiläufige, vertraute Bewegung.
Laura nahm ihre Hand und lächelte. „Ich bin Laura. Und das ist meine Tochter Laurie.“ Dann sah sie den kleinen Jungen an. „Und wer bist du?“
„Das ist Edgar, mein Sohn.“ Der Satz klang einen Hauch wärmer.
Dann legte sie die Hand an den Hinterkopf des Mädchens und schob es ein Stück vor. „Sie ist Gerda.“ Die Bewegung war sachlich, fast routiniert – nicht unfreundlich, aber ohne dieselbe Selbstverständlichkeit wie bei Edgar.
Gerda stand still, zu still für ihr Alter. Sie sah Laurie an – nicht nur vorsichtig, sondern mit einem Moment reinen Staunens, als hätte sie so jemanden noch nie gesehen. Der Blick blieb hängen, groß, unsicher, fast ehrfürchtig.
Laurie grinste kurz und winkte, mehr nicht. Gerda rührte sich nicht; sie beobachtete Laurie weiter, als müsse sie erst verstehen, wen sie da ansah.
Laurie spürte einen winzigen Stich Irritation, ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Etwas an Milas Tonfall, an der Art, wie sie die beiden Kinder hielt – nicht falsch, nur… unausgewogen.
„Kommen Sie doch einen Augenblick herein“, bat Laura.
Mila schüttelte sofort den Kopf. „Ich will nicht stören. Sie haben sicher viel zu tun.“ Doch Gerda löste sich in diesem Moment von ihr und lief in die Wohnung – an Laura und Laurie vorbei, an Lisa vorbei, direkt ins Wohnzimmer. Dort blieb sie abrupt stehen, wie festgefroren.
„Gerda! Komm wieder her“, rief Mila. Die subtile Strenge im Unterton war deutlich. „Entschuldigen Sie bitte. Sie will sicher nur den Vogel ansehen.“ Dann wieder, schärfer: „Gerda!“
Lisa ging hinterher, legte den Ordner auf dem Tisch ab und hockte sich neben die Kleine. „Suchst du den Vogel?“
Gerda blieb stumm. Sie sah sich im Zimmer um, suchend, als würde sie erst jetzt wirklich erkennen, dass der Platz leer war, an dem der große Vogelkäfig gestanden hatte. Einen Moment lang blieb sie stehen, die Stirn leicht gerunzelt, als versuchte sie, das Fehlen zu begreifen. Dann formten sich ihre Lippen zu einem unsicheren, kaum hörbaren Laut: „lo‑lei?“
Lisa beugte sich leicht vor. „Ja, der Vogel“ fragte sie leise. Dann, ruhig erklärend: „Der ist nicht mehr hier. Der wohnt jetzt bei uns. Der hat jetzt ein eigenes großes Zimmer.“
Gerda blieb noch einen Herzschlag lang stehen, als würde sie prüfen, ob das stimmen konnte. Dann drehte sie sich um und lief zurück – zur Tür, zur Treppe, hinunter in die Wohnung.
Mila war in zwischen hereingekommen, stand jetzt an Durchgang zum Wohnzimmer und sah ihr nach. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie noch einmal, diesmal leiser.
Sie atmete tief durch. Man sah, wie sie sich sammeln musste, bevor sie weiter sprach. „Darf ich fragen? Sie werden… jetzt kündigen?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauchen, der Akzent stärker als zuvor.
Laurie sah zu Laura. Laura hob nur kurz die Schultern, ratlos. „Wahrscheinlich ja. Wir brauchen keine Wohnung. Können Sie uns sagen, wer der Vermieter ist? Dann müssen wir nicht erst den Vertrag suchen.“
Mila zog die Brauen zusammen, als hätte sie die Frage nicht verstanden. „Hier Vermieter.“ Ein kurzer, nervöser Atemzug. „Gehört ihm. Gehört Gustav.“
Laura blinzelte, der Kiefer stand einen Moment offen. „Ah… die Wohnung gehörte ihm?“ Sie sah zu Laurie, ein stummer Hinweis: Siehst du? Eine ganze Wohnung. Nicht nur ein Auto und Trödel.
Doch Mila schüttelte sofort den Kopf, schneller, dringlicher. „Nein. Nicht Wohnung.“ Sie machte einen Schritt vor, Edgar fester auf dem Arm, eine kurze, fahrige Handbewegung. „Haus. Ganzes Haus gehört Gustav.“
Laurie erstarrte. Laura auch. Einen Moment lang sagten beide nichts – als hätte jemand die Luft aus dem Zimmer gezogen.
Mila fuhr hastig fort, die Worte stolperten übereinander. „Darum ich frage… ob Sie kündigen werden. Ich kann nicht andere Wohnung bezahlen. Ich bin allein mit zwei kleine Kinder.“ Ihre Stimme brach fast. „Bitte… bitte nicht kündigen, ja?“
Laurie und Laura sahen sich an – ein kurzer, fassungsloser Blick. Hatten sie das richtig verstanden? Nicht nur die Wohnung. Das ganze Haus?
Es wirkte absurd. Unwirklich. Und doch stand Mila vor ihnen, panisch, verzweifelt, als hinge ihr Leben daran. Sie hatte es gesagt.
Der Satz brauchte einen Moment, um zu sinken. Laurie und Laura standen einfach da. Keine Worte, nur ein starrer Blick zwischen ihnen – ein Versuch, das Gesagte überhaupt zu fassen.
Dann setzte Lauries Körper zuerst die Reaktion um, die ihr Kopf noch nicht hatte. Sie wich einen halben Schritt zurück, noch einen, bis die Knie den Sessel hinter ihr trafen. Sie sank hinein, eher gefallen als gesetzt.
„Fuck.“ Leise, fast tonlos. Kein Ausbruch – nur ein Reflex.
Laura blieb stehen, die Hand leicht geöffnet, als hätte sie etwas festhalten wollen, das nicht da war. Ihr Blick wanderte zwischen Laurie und Mila hin und her, suchend, aber ohne Sprache.
Einen Moment lang war es still. Nur Atmen. Nur das Zimmer. Gustavs Wohnzimmer.
Dann räusperte sich Lisa leise. Sie hob den Ordner vom Tisch, den mit dem schlichten Etikett Haus, und hielt ihn an die Brust gedrückt.
„Ich wollte es euch gerade sagen.“ Ihre Stimme war ruhig, fast entschuldigend. Sie klappte den Ordner ein Stück auf, als wäre das die einzige mögliche Bewegung in diesem Moment.
