Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • Hier kommt die nächste Ration. Das Festival geht weiter.



    Kurz nach halb vier am Nachmittag, ‚Factory & Flavours‘ war jetzt in vollem Gange. Draußen schoben sich die Besucher zwischen den Food‑Trucks hindurch, die schon jetzt, eine gute Stunde nach dem offiziellem Start, von Menschenmassen belagert waren. Aus allen Richtungen mischten sich die Gerüche: Grillfleisch, frisch gebackenes Brot, gebratene Zwiebeln, süßes Gebäck, Kaffee, Gewürze – als hätten sich alle guten Düfte der Welt hier versammelt.


    In der Halle war die erste Band – Sunset Kickoff, eine beliebte Schülerband aus der Nachbarstadt – gerade beim Soundcheck, und Laura stand vor der Bühne, in der Hand einen Hot Dog, und wippte mit dem Fuß zu den ersten Klängen einer interessanten Variation eines Billy‑Joel‑Covers.


    Lisa tauchte von der Seite auf, ihre Zöpfe wippten im Takt, und sie wirkte ein kleines bisschen überdreht – oder einfach besonders gut gelaunt, weil jetzt alles nach Plan lief. Sie beugte sich vor – und biss einfach in Lauras Hot Dog.


    „Hee! Hol dir gefälligst selbst einen!“, protestierte Laura und zog den Rest an sich.


    „Hab isch schon“, grinste Lisa mit vollem Mund. Sie wischte sich einen Krümel vom Mundwinkel, wollte weitergehen – und blieb für einen Moment stehen, als müsste sie kurz die Balance finden. Ein winziger Wackler, kaum länger als ein Atemzug.


    Laura sah es. Ein kleines Zusammenziehen zwischen den Augenbrauen, ein kurzes Innehalten. Aber sie sagte nichts.


    Lisa atmete einmal tief durch, strich sich einige Haare aus dem Gesicht und murmelte: „Deiner schmeckt irgendwie besser.“ Dann ging sie weiter, als wäre alles normal.


    Plötzlich ein Tippen auf die linke Schulter, ein Schatten von rechts – und ein weiterer ungeschickter Versuch, ihren Hot Dog zu erwischen. Laura stolperte rückwärts, ließ den Snack fallen und saß im nächsten Augenblick auf Totos Schoß.


    Sie lachte überrascht, legte ihm automatisch den Arm um die Schulter und blieb einen Moment sitzen. Warm, nah, spielerisch — so, wie sie es mit Toto manchmal machte – weil sie wusste, dass er es mochte. „Oh hi. Wo kommt ihr denn her?“, lachte sie.


    „Von hinten“, meinte Toto trocken, mit diesem leicht belämmerten Gesichtsausdruck.


    Tom ging in die Knie, hob den Hot‑Dog‑Rest auf, sah die beiden an und zog eine Augenbraue hoch. „Äh … ich kann euch doch mal kurz allein lassen?“, fragte er grinsend. „Ich bring das schnell zum Mülleimer, Macht keinen Blödsinn...“


    Toto ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, legte die Arme um ihre Hüften. „Kannst ruhig noch ’n Moment bleiben“, sagte er zu Laura.


    Laura tippte ihm mit dem Finger gegen die Brust. „Ja klar, erst Leute über den Haufen fahren und dann so tun, als wär nix gewesen“, murmelte sie lachend — blieb aber noch ein, zwei Sekunden sitzen, bevor sie aufstand.


    Tom kam zurück, grunzte amüsiert. „Alles entsorgt, ich hol dir ’nen neuen. Und vielleicht noch was für später?“


    „Nee, lass mal. `War eh schon mein zweiter. Seid ihr schon länger da?“


    „Grad gekommen. Ist ja riesig was los hier. Und das war echt Nicos Idee?“, staunte Tom und ließ den Blick einmal quer durch die Halle wandern.


    Laura nickte. „Der Junge hat gute Ideen.“


    Tom grinste schief. „Von wem er das wohl hat?“


    Laura holte kurz Luft, tippte ihm kräftig gegen den Oberarm. „Bestimmt nicht von dir.“


    Toto lachte laut. „Der hat gesessen!“ Er kippte seinen Rollstuhl ein Stück nach hinten, drehte sich mit einem schnellen Schwung um 180 Grad und rief über die Schulter: „Los kommt, ich hab Hunger. Was sollen wir denn alles zuerst essen?“


    Auf dem Weg nach draußen sahen sie Lisa am Tor stehen. Sie sprach mit Gästen, winkte Tom, lachte – etwas zu laut. Für einen Augenblick sah Laura, wie sie sich an die Hüfte fasste, den Blick kurz abschweifen ließ. Sie prostete Laura mit ihrem Becher zu, als wollte sie demonstrieren: „Hier, ich trinke, ich bin vernünftig.“ Laura lächelte ihr zu.



    Die Kühltheke im Transit piepste im Zwei‑Sekunden‑Takt – ein nerviges, scharfes Geräusch, das sofort unter die Haut ging. Ferit stand davor, die Stirn in Falten gelegt. „Warum machst du das jetzt?“, murmelte er, als würde das Gerät ihm antworten können.


    Nico stand draußen vor der Seitentür, die Arme verschränkt, den Blick unruhig. „Ich hab die Verteilung gecheckt, der Stecker ist drin, Strom ist drauf. Also … müsste drauf sein.“


    „Müsste hilft mir nicht“, sagte Ferit und beugte sich wieder runter. Das Piepen wurde nur lauter.


    In diesem Moment kamen Laura, Tom und Toto um die Ecke, halb im Gespräch, halb im Lachen. „Was ist denn hier los?“, fragte Laura. „Wer piept da?“


    „Die Kühlung spinnt“, antwortete Nico. „Wir finden den Fehler nicht.“

    Toto rollte näher, sah einmal in den Van, dann an Nico vorbei — und folgte mit den Augen dem Stromkabel. „Ähm … Jungs?“, bemerkte er und zeigte auf die Verteilersäule. Der Stecker vom Stromanschluss hing schief in der Buchse, Gerade so drin, dass er Kontakt hatte, aber nicht genug, um den Truck stabil zu versorgen.


    Tom ging hin, drückte den Stecker fest rein, bis er hörbar einrastete.Das Piepen verstummte sofort. Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen setzte ein.


    Ferit atmete aus. „Danke. Ich schwör, ich hab da eben noch nicht mal hingeguckt.“


    Laura grinste. „Dafür hast du ja uns.“


    Toto nickte wichtig.


    Tom sagte nichts. Er wischte sich die Hände an der Hose ab, drehte sich leicht — und sein Blick blieb an Nico hängen. Nur ein kurzer Moment, ein Gedanke, ein kleines Lächeln, dann ging er weiter.



    Laurie und Seda waren zwischenzeitlich am Stand von ‚Sweet Shapes‘ hängengeblieben. Laurie hatte Sahnereste im Gesicht, Seda verdrückte gerade ihre zweiten „Schokoflirt“, eine sündige Eiskreation aus verschiedenen Schokoladensorten.


    „Ich werde heute definitiv sterben“, hielt Laurie sich den Bauch und studierte schon wieder die Speisekarte. „Aber langsam, ich bin noch lange nicht durch mit probieren…“


    Seda verdrehte die Augen und leckte grinsend ihren Löffel ab. „Wir müssen auch noch zu Ferit…“


    „Ach ja, die berüchtigten Kotzlämmer.“


    Gözleme!


    „Sag ich doch...“

  • Es war eine weitere Stunde vergangen, Sunset Kickoff hatte die Bühne unter begeistertem Applaus und nach drei Zugaben wieder verlassen und die Zuhörer hatten sich auf dem Gelände verteilt. Bis zum nächsten Act war noch etwas Zeit. Laura zog das Handy aus der Hosentasche. „Kurz nach fünf“, stellte sie fest. „Ich muss gleich los.“


    „Willst du weg? Bist du schon satt?“, fragte Toto und stopfte sich den letzten Rest eines riesigen Burgers in den Mund.


    Laura nickte. „Nö. Ich muss nur fix die Band aus dem Hotel abholen. Wir hatten uns für halb sechs verabredet.“


    „Warum nehmen die kein Taxi?“, schlug Tom vor.


    „Hja“, lachte Laura spöttisch, „Sind wir hier in der Großstadt? Hast du schon mal versucht, hier ein Großraumtaxi zu kriegen? Das musst du drei Tage im Voraus bestellen. Nee, wofür hab ich denn meinen Monstertruck?“ Sie sah sich suchend um. „Ähm, wisst ihr, wo Lisa ist? Ich muss ihr eben Bescheid geben...“


    „Ruf sie doch an.“


    Laura nahm ihr Handy, ließ es Lisas Nummer wählen und hielt es ans Ohr. Zwischen Stimmengewirr, Hintergrundmusik und dem gelegentlichen Zischen der Grills hörte sie nur das Freizeichen. Kein Abheben.

    Sie senkte das Handy. „Geht nicht ran.“ Ihre Miene veränderte sich, ein leises Fragezeichen trat in ihre Augen und dämpfte die Leichtigkeit des Moments.


    Tom verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielleicht hat sie’s nicht gehört…“


    Ein kurzes „Nein.“ Klar, ohne jede Diskussion. Laura sah nicht zu ihm — ihr Blick war schon unterwegs, scharf gestellt, ganz auf Fokus: Lisa.

    Sie steckte das Handy nicht weg. Sie hielt es fest, während sie losging. Nicht hastig, aber mit einer Entschlossenheit, die Tom und Toto sofort verstummen ließ.


    Zwischen Halle und den Trucks drängten sich Besucher – jemand zog einen Kinderwagen quer zur Laufrichtung, ein anderer balancierte drei Teller gleichzeitig. Laura wich aus, ohne den Blick zu verlieren. Trucks. Toiletten. Freifläche. Nichts.

    Ein Windstoß wirbelte Asche und Grillrauch auf, der ihr kurz die Sicht nahmen. Sie blinzelte, schob sich weiter vor, bis sie an Ferits Truck stehen blieb.


    Seda und Laurie standen dort, beide mit halb gegessenen Gözleme in der Hand.


    „Habt ihr Lisa gesehen?“


    Laurie sah sofort auf, die Stirn leicht angespannt. „Ist was mit ihr?“


    Laura hob das Handy ein Stück, als wäre das Erklärung genug. „Sie geht nicht ans Telefon.“


    Laurie legte ihre Teigtasche ohne ein Wort beiseite, wischte sich die Hände an der Hose ab und setzte sich in Bewegung — schnell, entschlossen, Richtung Halle.


    Laura folgte ihr. Und ihre Schritte wurden schneller.


    In der Halle angekommen, sahen sie Lisa auf einem Plastikstuhl sitzen. Die Haltung schief, der Blick zum Boden, sie wirkte unkontrolliert, abwesend. Laura hockte sich vor sie, nahm ihre Hand. „He, du. Hallo. Was ist mit dir?“


    Lisa hob den Kopf ein Stück, murmelte etwas, das keiner verstand.


    „Laurie, Wasser!“, forderte Laura und Laurie sprintete los zur Cocktailbar. Mit einem Glas kam sie zurück, reichte es Lisa. Die nahm es zögerlich, trank einen kleinen Schluck und richtete sich ein wenig auf, als koste sie das Kraft. Das Wasser schwappte kaum merklich, als ihre Hand leicht vibrierte.


    „Soll ich den Arzt rufen?“, fragte Laurie besorgt und hatte das Handy schon halb draußen.


    Laura legte eine Hand an Lisas Stirn, die andere um ihr Handgelenk. Nicht, um etwas zu messen – nur um da zu sein, um sie zu halten. Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Brauchen wir nicht. Sie ist nur ein bisschen drüber.“


    Laurie hockte sich seitlich neben Lisas Stuhl, suchte ihren Blick. „He, Liz. Bist du okay?“ Ein paar Besucher blieben stehen, neugierig wie immer, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Zwei Jugendliche tuschelten, ein älterer Mann blieb mit verschränkten Armen stehen, als wäre das hier eine Art Gratisvorstellung.


    Lisa reagierte kaum. Ihre Augen flackerten kurz, als würde sie versuchen, die Stimmen um sich herum zu sortieren, aber sie schaffte es nicht ganz.


    Laura rückte näher, schirmte sie mit ihrem Körper ein wenig ab, als könnte sie die Welt für einen Moment kleiner machen.

    „Alles in Ordnung, wir kümmern uns“, murmelte Laura, mehr zu Lisa als zu den Umstehenden.


    Als dann einer sein Handy zückte und die Kamera auf sie richtete, war Laurie in einer Bewegung oben. „Alter, geht’s noch? Nimm das scheiß Handy weg!“, fauchte sie ihn an.


    Der Mann wich einen Schritt zurück, hielt das Telefon aber weiter oben, als hätte er ein Recht darauf. Hinter ihm hob jemand die Augenbrauen, überlegte, ob er ebenfalls filmen sollte.


    „Ey, bist du taub, oder was? Handy weg! Ich zähl bis zwei, dann hast du ’ne Faust im Gesicht. Das kannst du dann filmen. Alter, verpiss dich! Eins...“


    Der Mann senkte endlich das Handy, murmelte etwas Unverständliches und verschwand in der Menge. Die Umstehenden lösten sich langsam auf, als hätte jemand das Bühnenlicht abgeschaltet.


    Laura tätschelte sanft Lisas Wangen. „He… Lieschen.“ Lisa hob den Blick, ein kleines, schiefes Lächeln, als sie Lauries Schimpftirade im Hintergrund hörte. „Da bist du ja wieder“, sagte Laura leise.


    Lisa nahm noch einen Schluck Wasser, atmete tief durch und sah Laura an. „Geht schon wieder. Ich war nur kurz ein bisschen … weg.“ Sie blinzelte, als müsste sie den Faden wiederfinden. „Wolltest du was? Ich hab das Handy noch klingeln sehen, aber irgendwie hab ich’s nicht mehr hingekriegt.“


    Laura schwieg einen Augenblick. In dem Zustand konnte sie Lisa unmöglich allein lassen. „Komm, leg dich erstmal einen Moment hin. Wir gehen nach oben. Kannst du aufstehen?“


    Lisa erhob sich langsam aus dem Stuhl, noch etwas wacklig, aber dann stand sie. „Geht schon“, murmelte sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie blinzelte, suchte Lauras Blick. „Was war denn? Warum hast du angerufen?“


    „Nicht so wichtig“, wiegelte Laura ab. Obwohl — eigentlich war es wichtig. Die Band wartete, sie musste los. „Laurie, könntest du… Oder nee. Wo ist Tom?“


    „Was denn?“, fragte Laurie.


    „Die Band. Die warten am Hotel.“


    Laurie grinste. „Band‑Taxi? Mit dem Panzer? Kein Problem, mach ich.“ Sie streckte die Hand aus. „Gibsdu Schlüssel.“

    Laura fummelte umständlich ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche und legte ihn Laurie in die Hand, ohne Lisa loszulassen.


    „Und fahr vorsichtig...“

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  • Eine Stunde später – die zweite Band spielte – stand Nico wieder mit Seda an Ferits Transit, als Laurie dazustieß.


    „Wo warst du denn?“, fragten sie im Chor, Laurie schüttelte Lauras Schlüsselbund. „Geheimauftrag. Nein, Scherz. Ich hab die Band abgeholt. Liz war’s nicht so gut, Mom hat sie nach oben ins Bett gebracht.“


    Erschrocken schlug Sedas die Hand vor den Mund. „Scheiße! Ich sollte doch aufpassen.“


    „Halb so wild, alles im Rahmen“, beruhigte Laurie sie und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Du hast nichts falsch gemacht.“


    „Überarbeitet?“, erkundigte sich Nico.


    Laurie schütelte den Kopf. „Ja, auch. Aber nicht nur. Sie ist nicht ganz gesund, so ne Autoimmungeschichte. Sie muss halt aufpassen und die letzten Tage waren wohl etwas viel. Dazu der Trubel heute, da kann das schon mal passieren.“


    Nico verzog den Mund.


    „Ich geh mal zu ihr rauf, den Schlüssel wieder abgeben.“ Dann zu Ferit: “Machst du mir auch noch so n ...Ding?“


    Ferit nickte. „Wieder Hack? Oder du auch Spinat?“


    „Nee, mit Hack.“ Dann lief sie los, blieb aber nach drei Schtitten wieder stehen, drehte sich um. „Aah, das ist der berühmte Spinat. Jetzt wird mir so einiges klar…“


    Nico und Seda grinsten sie an und bissen gleichzeitig von ihren Teigtaschen ab.



    Lisa saß im Bett, den Laptop auf den Knien. Laura machte in der Küche Tee, als Laurie hereinkam und mit den Schlüsseln klimperte.


    „Na, alles glatt gelaufen?“, fragte Laura über die Schulter.


    Laurie nickte und ging zu Lisa. „He, wie geht’s dir? Alles wieder senkrecht?“


    Lisa nickte beruhigend. „Ja, alles wieder in Ordnung. War nur etwas viel…“


    Laurie setzte sich zu ihr auf die Bettkante, Laura kam mit zwei Tassen herein. „Du auch ’nen Tee?“


    Laurie schüttelte den Kopf. „Nee, ich muss gleich wieder runter, weiterfressen. Boah, mir ist jetzt schon schlecht… Aber echt ’ne geile Sache, müssen wir nächstes Jahr wieder machen.“


    „Unbedingt. Das war eine Superidee von deinem… von Nico.“


    „Bruder. Sag’s ruhig.“


    Laura lächelte.


    „Ach, ich soll euch grüßen — von Diana, der Sängerin. Kennt ihr euch?“


    Lisa bestätigte mit einem Lächeln. „Klar, schon lange. Blue Feather war die erste Band, die damals hier aufgetreten ist. Und Diana kannte ich auch schon vorher. Dadurch ist das Ganze dann eigentlich erst entstanden.“


    „Ach so. Jedenfalls – ja, soll ich euch grüßen. Und sie haben ’ne Überraschung für euch, gleich beim Auftritt. Ich soll aber noch nix verraten.“ Sie hielt den Zeigefinger vor den Mund. „Kommt ihr runter?“


    Laura schüttelte den Kopf. „Nee, lieber nicht. Aber Tom und Toto haben uns ’ne Kamera aufgebaut, wir gucken von hier oben zu.“


    „Ach so, na okay. Dann viel Spaß, ich geh wieder runter. Meine Kotzlämmer warten.“


    „Deine was?“

  • Kapitel 25: Mehmet

    „So, halb acht, ich hau jetzt ab“, verabschiedete sich Laurie in die Werkstatt.


    „Streaming Time? Viel Spaß!“, rief Nico ihr noch hinterher.


    Laurie hielt die Hand hoch und ging.


    „Du verpasst was“, ergänzte Seda.


    „Sollen wir reingehen, oder bleiben wir hier?“, fragte Nico, Seda verzog leicht den Mund. „Mh, ich mag nicht so viele Menschen auf einem Haufen. Lass uns lieber von hier draußen zuhören.“


    „Okay.“


    Drinnen stand die Luft unter Spannung. Kein Murmeln mehr, nur Erwartung, die sich anfühlte, als würde sie jeden Moment überschwappen. Kurz vor 20 Uhr bewegte sich etwas hinter dem schwarzen Vorhang, dann trat die dritte Band des Abends auf die Bühne. Fast dreihundert Menschen reagierten sofort: Hände hoch, Stimmen laut, ein kollektiver Ausbruch. Blue Feather – zurück auf genau jener Bühne, die sie damals bekannt und groß gemacht hatte.


    „Schön, wieder zu Hause zu sein“, sprach Diana, die schwarzhaarige Sängerin im langen Ledermantel, ins Mikro. Ihre sanfte, warme Stimme traf die Halle direkt, ohne Anlauf. Sie winkte, warf ein paar Küsse ins Publikum, gab der Band ein kurzes Zeichen. Dana setzte ein, und eine Bassline rollte durch den Raum, schwer, tief, unmissverständlich.


    Die ersten Akkorde ließen die Menge sofort reagieren. Die alten Hits, ohne Pause, ohne Zögern. Stimmen erhoben sich, erst vereinzelt, dann geschlossen. Die Band ließ die Menge singen, ganze Passagen, während Diana nur den Takt hielt, die Hände hob, den Chor führte. Zwischen den Titeln tauchten ein paar „Ausziehn, ausziehn“-Rufe auf, doch Diana öffnete nur gelegentlich den Mantel ein Stück. Totenkopf‑Shirt. Lederrock, ein Strumpfband – ein kurzes Aufblitzen der Vergangenheit. Mehr nicht. Die Zeit der Exzesse war vorbei; heute ging es um etwas anderes. Etwas Größeres.


    Nach dem vorletzten Titel stellten Dana und Diana die Gitarren ab und traten gemeinsam ans Mikrofon. Die Halle beruhigte sich, nicht leise, aber gesammelt. Ein Raum, der wusste, dass jetzt etwas Besonderes kam.


    „Dankeschön liebe Freunde“, begann Diana, ihre Stimme bekam einen sentimentalen Unterton. „Leute, ich weiß nicht, wie viele von euch schon mal hier gewesen sind… Den anderen sag ich’s: Leute, wir befinden uns hier sozusagen auf heiligem Boden. Auf dem legendären Holy Ground der legendären Muzique Erotique.“


    Der Applaus kam sofort. Warm. Voll. Viele wussten nicht, was dieser Ort einmal bedeutet hatte, aber sie spürten, dass es etwas war, das größer war als sie selbst.


    Dana übernahm das Mikro. „Ja, das sagst du genau richtig – legendär. Und was haben viele Legenden gemeinsam? Na? Genau, es werden Songs über sie geschrieben. Und deswegen, heute, hier, einmalig und exklusiv – mit einem ganz lieben Gruß an Laura und Lisa, die leider im Moment nicht hier unten bei uns sein können, wie ich gerade gehört habe… Auf jeden Fall jetzt für euch zwei lieben – mit einem ganz großen Dankeschön für viele geile Jahre hier bei euch in der Fabrique – und natürlich für euch alle, heute Abend, hier, jetzt: ‚When the Night Begins Again‘. Viel Spaß!“


    Diana nahm die Gitarre wieder auf. Dana zupfte die ersten Noten. Das Licht zog sich zurück, bis nur noch zwei Spots die Bühne hielten. Die Halle wurde still, nicht aus Höflichkeit, sondern aus Hingabe.

    Dann sang Diana:


    This is where the night begins again, where the echoes call us in, and the Muzique never faded, it just waited for our skin.“


    Im Schlafzimmer lag Lisa in Lauras Armen. Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie den Zeilen lauschte. „Das ist so schön“, flüsterte sie, die Stimme brüchig. Laura hielt sie fester, brachte selbst kaum ein Wort heraus.


    „...And every heartbeat in this room is a story in disguise, we’re the ones who keep it breathing, we’re the ones who make it rise.

    So let the shadows find their rhythm, let the velvet lights descend, ’cause the Muzique never faded — it just waited to begin again.“


    Als die letzten Töne verklangen, blieb die Halle still. Ein gemeinsamer Atemzug, gehalten von dreihundert Menschen. Dann brach der Applaus los, laut, warm, überwältigend. Selbst Tom und Toto hatten feuchte Augen, als sie in die Kamera grinsten und Laura und Lisa zuwinkten.


    „Komm, wir müssen runter“, sagte Lisa leise. „Dafür müssen wir uns persönlich bedanken.“


    Laura nahm ihr den Laptop ab und half ihr hoch.


    „Geht schon.“

  • Gegen halb zwölf war auch der Rebel‑Yello‑Stream vorbei. Laurie sah noch einmal in die dunkle Werkstatt, als würde sie etwas suchen. Dann zuckte sie mit den Schultern, zog das Tor zu, verriegelte es und legte das verpackte Shirt in den Pickup. Der Platz lag still vor ihr, nur ein paar letzte Schwaden Grillduft hingen noch in der Luft. Aus der großen Halle drangen gedämpfte Geräusche vom Abbau, vereinzelte Stimmen, das Klirren von Metall.

    Sie atmete kurz durch, spürte die Müdigkeit in den Schultern, und ging die Treppe zur Wohnung hinauf. Oben schloss sie die Tür auf. Im Wohnzimmer brannte Licht. Laurie trat ein. „Na, ihr? Oder du? Hast du hier irgendwo ‘nen kleinen weißen Karton gesehen mit ‘nem Gummischlauch drin. Ich find den verfickten Schlauch für den Tankstutzen nicht wieder…“ Laurie sah sich suchend um, sah beiläufig auf die Couch. „Wo ist Seda? Ist sie geplatzt?“, scherzte sie und grinste Nico frech an.


    Er versuchte, das Grinsen zu erwidern, doch es blieb blass. Seine Schultern wirkten angespannt.


    „Wie war dein Stream?“, fragte er. Sein Blick glitt durch den Raum, sprang von einer Stelle zur nächsten, ohne bei Laurie hängen zu bleiben.


    „Okay. Nicht so viele Leute wie sonst, deswegen hab ich früh Schluss gemacht. Und ohne den Schlauch…“ Laurie sah sich um, suchend – aber nicht mehr nach dem Karton. Sie suchte ihre Freundin Seda, fragte nochmal, unruhig. „Wo ist sie?“


    Nico atmete zweimal tief durch. Seine Schultern hoben und senkten sich sichtbar. Dann räusperte er sich. „Seda… Sie… ist… mh. Sie ist weg.“


    „Weg? Wie weg? Was meinst du?“


    „Na weg. Gegangen.“


    „Gegangen? Wieso gegangen? Wohin gegangen?“


    Nico suchte nach Worten, sein Blick flackerte kurz zu Boden. „Sie ist… Ihr Vater war da. Vorhin. Unten. Am Stand, am Truck, am Foodtruck…“


    „Ihr Vater?!“


    „Mhm. Er ist ganz plötzlich aufgetaucht. Wir standen noch bei ihrem Cousin und haben gegessen und der Musik zugehört, da war er da. Stand direkt vor uns.“


    Laurie riss die Augen auf. Ihr Körper spannte sich an, die Hände ballten sich, als müsste sie sich irgendwo festhalten. Die Müdigkeit des Tages war verschwunden, ersetzt durch etwas Scharfes, Heftiges. „Was wollte er? Wo verflucht ist Seda?“ Ihre Stimme brach nach oben, heller, schriller, fast ein Schrei.


    Nico zuckte zusammen, zog den Kopf ein Stück ein, als würde er sich instinktiv schützen – als hätte er Angst, ihn gleich zu verlieren. Seine Schultern sanken leicht nach vorn. „Sie ist... mit ihm gegangen.“


    „WAS? Wieso? Warum habt ihr mich nicht geholt? FUCK!“ Laurie stampfte mit dem Fuß auf, drehte sich einmal im Raum, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, als müsste sie die Spannung irgendwohin ableiten.


    „Sie wollte das nicht. Wirklich. Ich hab sie gefragt, mehrfach.“


    „Natürlich hat sie das nicht offen gesagt. Wenn ihr Alter da so vor ihr steht. Wieso war der eigentlich hier? Woher hat der das gewusst?“

    Nico hob kurz die Schultern, vorsichtig, fast entschuldigend.


    „Das war dieses Feritarschloch. Dieser komische Cousin. Der kam mir von Anfang an verdächtig vor. Fuck! Fuck! Fuck! Ihr hättet mich dazuholen müssen! Sofort. Den hätte ich kurz und klein gemacht mit seiner dämlichen Spinatkarre.“


    „Ich wollte. Ich hab Seda gefragt, ob ich dich holen soll. Ich war auch an der Werkstatt, an der Tür, aber du hattest abgeschlossen…“


    „Ja, klar! Und? Kannst du nicht mal an eine Tür klopfen, oder was? Ich hätte dich schon gehört. Oder angerufen. Warum hast du mich nicht angerufen? Verdammt.“


    „Ich sage doch, Seda wollte das nicht. Sie wollte nicht, dass es wieder eskaliert. Sie hat mit ihrem Vater gesprochen. Lange gesprochen. Ganz ruhig, ganz friedlich.“


    Laurie atmete schwer, ihre Hände öffneten und schlossen sich unruhig. „Shit! Er hat sie belabert. Weichgequatscht.“


    „Nein, sie haben ganz normal geredet. Und dann hat sie gesagt, dass es Zeit ist, dass sie zurückgeht, zu ihrer Familie. Und dass ich dir sagen soll…“


    „Was?“


    „...dass sie dir dankbar ist. Dass sie dich…“


    „WAS?“


    Nico schluckte, seine Stimme wurde kleiner. „Dass sie dich gernhat.“


    „Gernhat?! Was ist das für ein Scheißwort? Und dann haut sie einfach ab?“


    „Aber sie hat es gesagt. Und dass sie dir dankbar ist, dass du ihr geholfen hast, stark genug zu werden, um jetzt wieder zurück zu können.“


    Lauries Gesicht verzog sich, ihre Augen glänzten, ihre Stimme vibrierte. „Ja, zurück in die Hölle…“


    „Nein. Du tust ja gerade so, als hätte ich zugelassen, dass sie ins Gefängnis kommt.“

    „Ja, genau das. Du sagst es. Familienknast. Das ist es. Sie ist wieder gefangen. Und du“ – sie tippte ihm hart gegen die Brust – „du hast sie gehen lassen! Das werde ich dir nie verzeihen!“


    „Aber…“


    „Nichts aber. Was willst du eigentlich hier? Tauchst auf einmal auf, bringst alles durcheinander, machst alles kaputt. Ist es das, was du wolltest? Erst bringst du mich und meine Eltern auseinander, dann bricht Liz zusammen wegen deinem Scheiß Festival, und jetzt bringst du noch Seda in den Knast. Ist es das? Hast du dein Ziel jetzt erreicht? Toll. Vielen Dank! Verschwinde!“


    „Aber… Laurie… Schwester..“


    Laurie kniff die Augen zusammen, ihr Blick wurde hart, unbeweglich. „Nenn mich noch einmal Schwester und du bist tot! Und jetzt raus! Verschwinde endlich. Hau ab in dein Scheiß Marburg. Ich will dich nie wieder sehen!“


    Nico ließ die Schultern sacken. Seine Hände hingen schlaff an den Seiten. Er sagte nichts mehr. Laurie drehte sich abrupt weg, Tränen liefen ihr übers Gesicht, und sie rannte ins Schlafzimmer.


    Nico blieb einen Moment stehen, atmete flach, sammelte seine Sachen ein und verließ leise die Wohnung. Auf dem Flur blieb er stehen, unschlüssig, die Stirn gegen die Wand gelehnt. Dann klingelte er bei Lisa und Laura.


    Nach einer Weile öffnete Laura im schwarzen Kimono. „Ich glaub, ich hab Scheiße gebaut“, flüsterte Nico und sah noch einmal zur Wohnungstür hinüber.


    „Hm. Komm rein.“



    Laurie lag weinend auf ihrem Bett, das Gesicht im Kissen vergraben. Irgendwann hob sie den Kopf, wischte sich die Tränen aus den Augen – und sah einen kleinen, gefalteten Zettel neben sich liegen. Ein kleiner Zettel, halb unter der Decke hervorlugend. Sie griff danach mit zitternden Fingern und klappte ihn auf.


    Auf dem Zettel stand ein „I“ und ein „U“, dazwischen ein rotes, mit Filzstift gemaltes Herz. Darunter ein aufgemalter Kussmund — und ein „S“. Sedas typisches, verspieltes Mädchen‑S, das sie immer mit dieser kleinen zusätzlichen Schleife verzierte, als wäre es ein Anhänger an einem Geschenk.

    Laurie starrte darauf. Einen Moment lang hielt sie den Atem an. Dann presste sie die Lippen zusammen, knüllte das Papier mit einer einzigen, viel zu schnellen Bewegung zusammen und warf es weit von sich, als könnte sie damit den Schmerz gleich mit wegschleudern.

  • Laura kniete vor Lisas Bett und pustete ihr ganz leicht ins Gesicht. Als Lisa die Augen aufschlug, flüsterte sie sanft: „Guten Morgen.“


    Lisa blinzelte ein paarmal, sah sie an und lächelte. Laura lächelte zurück. „Wie geht’s dir?“

    Lisa zögerte, legte den Handrücken an die Stirn. „Bisschen Kopfschmerzen…“


    Laura stand auf. „Tee?“ Lisa nickte.


    Als Laura mit der dampfenden Tasse zurückkam, saß Lisa schon halb aufrecht, ein Bein aus dem Bett geschwungen, das andere noch unter der warmen Decke. Laura beschleunigte ihren Schritt.


    „Paaapapapap, du bleibst schön im Bett heute.“


    Lisa schlug die Decke weg und setzte das zweite Bein nach. „Aber zum Klo darf ich noch schnell, oder?“


    „Darfst du.“


    Langsam bewegte sich Lisa vorwärts, noch etwas wackelig auf den Beinen, aber nicht mehr so zerbrechlich wie am Vorabend. Laura ging hinter ihr, die Hände halb gehoben, jederzeit bereit, sie zu stützen – aber das war nicht mehr nötig.


    „Ist Nico schon weg?“, rief Lisa dann aus dem Bad.


    „Mhm“, antwortete Laura, „der ist heute Nacht schon wieder abgefahren.“


    „Wieso das denn?“


    Laura berührte die geschlossene Tür leicht mit den Fingerspitzen – antwortete nicht. Mit dem Drama um Laurie, Seda und Nico wollte sie Lisa heute noch nicht belasten.


    Kurz darauf kam Lisa zurück und guckte in die Küche. „Wo ist denn der Laptop?“


    Laura sah sie an, hob nur minimal die Augenbrauen, ein kaum merkliches Zusammenziehen der Stirn, den Kopf einen Hauch schräg gelegt. Sie sagte nichts.


    Lisa hob beide Hände. „Keine Angst. Ich möchte nur nochmal Toms Video anschauen von gestern Abend. Das war so schön…“


    „Ich hol ihn dir. Leg dich wieder hin“, sagte Laura mit einem kleinen Lächeln. „Weißt du, ob wir noch Müllsäcke hier oben haben? Ich wollte gleich nochmal eine Runde übers Gelände. Irgendwas bleibt ja immer liegen.“


    „Ich glaube, in dem kleinen Schränkchen an der Tür müssten noch welche sein“, rief Lisa.


    Laura öffnete den Schrank. „Hab sie. Ich bin dann mal unten, okay?“ Aus dem Schlafzimmer klang leise Blue Feather herüber: „This is where the night begins again, where the echoes call us in…“ und Lisa sang leise mit.



    Unten angekommen lief Laura ohne richtiges Ziel über den Hof, den Blick halb müde, halb suchend auf den Boden gerichtet. Sie zog den Müllsack hinter sich her und hob hier und da ein paar Kleinigkeiten auf, die die Reinigungsfirma heute Morgen wohl übersehen hatte. Eine Sonnenbrille lag zwischen zwei Grasbüscheln; Laura hob sie auf, steckte sie in die Jackentasche. Später würde sie sie zu den Fundsachen legen – zu all den Dingen, die nach so einem Event immer irgendwo auftauchten und manchmal Tage später noch abgeholt wurden.


    Sie sah auf und stoppte kurz – ein letzter Trailer stand noch auf dem Gelände. Ach ja, der Besitzer hatte gefragt, ob er den Wagen über Nacht stehenlassen dürfe. Das war also in Ordnung. Er störte nicht. Laura betrachtete den Wagen einen Moment lang, als würde sie überlegen, ob noch irgendetwas zu tun war, doch ihr Kopf war längst woanders.


    Gedankenverloren zog sie weiter ihre Kreise, im Kopf noch die Ereignisse von gestern: die Düfte, das Essen, die Musik, Tom und Toto, Laurie und Seda, dann Lisas Zusammenklappen – und Nicos trauriges Gesicht in der Nacht. Es fühlte sich an wie ein sehr, sehr voller Tag, der sich nicht richtig sortieren ließ. Laura rieb sich die Stirn, als könne sie damit die Bilder ordnen.


    Vor Lauries Werkstatt stand Hook – treu, wartend. Laura ging zu ihm, strich über die vom Morgentau noch feuchte Haube und sah ihm in die Scheinwerfer.


    „Na, du?“, grinste sie. „Wie geht’s deinem Frauchen? Nicht so besonders, was? Ich glaube, ich muss gleich mal zu ihr rüber und nach ihr schauen…“

    Sie seufzte leise, klopfte noch einmal gegen das rostige Blech. „Wir kriegen das schon wieder hin, meinst du nicht? Hilfst du mir?“


    Laura setzte sich auf die hintere Stoßstange, schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch. Der Platz war still; irgendwo flatterte eine lose Plane im Wind. Sie ließ die Schultern sinken und spürte die Müdigkeit des Wochenendes in den Knochen.


    Ein Geräusch ließ sie hochschrecken: das Scheppern einer Blechdose, die jemand achtlos liegen gelassen hatte. Einmal, zweimal, dreimal – jeder Tritt härter als der vorherige – flog die Dose quer über den Hof und kam schließlich nahe bei Lauras Füßen zum Liegen.


    Laura sah auf. Vor ihr stand Laurie.


    Die Haare zerzaust, die Schuhe offen, ein Träger der Latzhose verdreht. Ihr Gesicht leicht verquollen, als hätte sie kaum geschlafen. Mit einem tiefen Ausatmen ließ sie sich ebenfalls auf der Stoßstange nieder.


    Laura wollte den Arm um sie legen, doch Hooks Abschleppgestell war im Weg. Also legte sie nur eine Hand auf Lauries Knie.

    „Na? Wie isses dir?“


    Laurie sah zu Laura, sagte nichts, verzog nur den Mund. Ihre Augen waren leicht glasig. Sie schluckte einmal, kämpfte gegen Worte an, die sie nicht aussprechen mochte.

    „Seda ist weg…“


    Laura nickte. „Ich weiß. Nico hat mir die Geschichte heute Nacht noch erzählt.“


    „Tss.“ Laurie drehte die Fußspitze hin und her, als wolle sie eine Ameise zertreten. Eine kleine Ameise namens Nico. „Nico. Wer ist Nico? Ich kenne keinen Nico…“ Ihre Stimme war brüchig, doch sie versuchte, sie hart klingen zu lassen.


    Laura atmete tief und sah sie an. „So schlimm?“


    Laurie zog die Blechdose mit dem Fuß zu sich und kickte sie energisch weg, als wolle sie damit den gesamten letzten Tag zum Mond schießen. „Ach fuck.“ Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, rieb sich die Augen, als würden sie brennen.


    Für einen Moment entspannte sich ihr Gesicht, dann zog sie die Brauen zusammen und wandte sich Laura zu.

    „Was hab ich falsch gemacht? Warum ist sie abgehauen? Warum sagt sie nichts?“


    Laura schüttelte leise den Kopf. „Du hast nichts falsch gemacht.“ Sie atmete einmal tief durch. „Du hast ihr gutgetan. Mehr, als du vielleicht merkst.“


    Laurie runzelte die Stirn. „Hä?“


    „Na ja… sie kam hier an wie ein Häufchen Elend. Ganz klein, ganz still. Ohne Zuhause, vom Vater weggeschickt.“ Laura ließ den Blick kurz über den Hof wandern, als würde sie dort nach den richtigen Worten suchen. „Und hier bei dir hat sie wieder Boden unter die Füße gekriegt. Stück für Stück. Du hast ihr Raum gegeben. Kraft. Mut.“


    Laurie blinzelte. „Gegen Mehmet?“

    „Nee.“ Laura schüttelte sanft den Kopf. „Es ging nie darum, gegen ihn zu kämpfen. Es ging darum, dass sie wieder atmen kann. Dass sie wieder mit ihm reden kann, ohne Angst zu haben.“


    Laurie sah sie an, als hätte Laura gerade etwas gesagt, das nicht in ihr Weltbild passte. „Ich kapier’s nicht…“


    „Musst du jetzt auch nicht.“ Laura sah kurz zur Seite, bevor sie weitersprach. „Seda hat Fehler gemacht, klar. Sie ist gefahren, obwohl sie nicht durfte, und sie hat das Auto geschrottet. Aber egal, was passiert ist — ihr Vater hätte sie nicht fallen lassen dürfen. Das hat sie gebrochen.“


    Laurie schluckte.


    Laura ließ ihre Hand auf dem Knie, ein kurzer, fester Druck. „Und trotzdem hat sie bei dir wieder ein Stück von sich zurückbekommen. Das war dein Anteil. Das war richtig.“



    Langsam stand Laura vom Auto auf, hockte sich vor Laurie hin und legte nun beide Hände auf ihre Knie. Sie sah zu ihr hoch. „Meine Große“, sagte sie leise und lächelte. Einen Moment blieb sie so, suchte Lauries Blick, wartete, bis der Kontakt da war. Dann strich sie mit den Daumen einmal über Lauries Knie – eine kleine, bestätigende Bewegung.


    „Weißt du… niemand macht immer alles richtig. Keiner von uns. Du nicht. Ich nicht. Lisa nicht. Und Tom schon gar nicht.“ Ein müdes, schiefes Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Wir stolpern alle dauernd irgendwo rein. Und manchmal merken wir’s erst hinterher.“ Sie drückte Lauries Knie leicht, zweimal, wie ein stilles Hör mir zu. „Aber du… du machst so viel richtig, ohne es zu merken. Du wächst da rein, in all das. Und ich bin stolz auf dich. Das sag ich viel zu selten.“


    Laurie senkte den Blick, ihre Hände spielten nervös mit dem Stoff der Latzhose. „Fühlt sich trotzdem Scheiße an.“


    „Ja“, sagte Laura leise. „Tut’s auch.“ Ihre Hände blieben warm auf Lauries Knien liegen, nicht drängend, einfach da. „Aber Seda ist nicht weg. Du siehst sie übermorgen wieder. Und dann… dann redet ihr. Das hier ist nicht das Ende.“


    Laurie nickte kaum sichtbar, als würde sie die Worte hören, aber noch nicht glauben können. Ihr Kiefer arbeitete, ein Muskel zuckte, als hielte sie etwas fest, das sie nicht verlieren wollte.


    Laura rückte ein Stück näher, ohne die Hände wegzunehmen. „Es darf sich jetzt scheiße anfühlen. Das heißt nicht, dass es bleibt.“


    Lauries Schultern hoben sich. Nicht viel. Aber genug, dass man sah: Etwas in ihr öffnete sich. Nicht Vertrauen. Noch nicht. Aber ein winziger Spalt, durch den Lauras Worte hineinrutschen konnten.


    Laura stand auf, sah in Lauries trauriges Gesicht und strich ihr kurz über die Wange – nur ein Hauch, ein „Ich bin da“. Dann nahm sie wieder ihren Müllsack auf und ging weiter. Nach drei Schritten blieb sie stehen, drehte sich um und zog die Sonnenbrille aus der Jackentasche.


    „Guck mal, hab ich gefunden. Weißt du, wem die gehört?“


    Laurie hob den Blick nur kurz, schüttelte den Kopf und ließ ihn sofort wieder sinken.


    „Hm.“ Laura drehte die Brille in der Hand, überlege kurz, ob sie noch etwas sagen sollte. „Dann leg ich sie zu den anderen Sachen ins Büro…“



    Laura war wieder im Haus verschwunden, als Laurie den Reißverschluss ihrer Brusttasche öffnete. Sie zog Sedas Zettel heraus und strich ihn mit der Hand glatt. Einen Moment lang sah sie darauf, ihre Lippen bewegten sich kurz, als hätte sie einen Gedanken, der aber sofort wieder wegrutschte.

    Sie steckte den Zettel zurück, stand auf und schloss die Werkstatt auf.


    Sie schob eine Kiste zur Seite, dann die nächste. Werkzeug klirrte, etwas rollte über den Boden. Laurie fluchte leise und suchte weiter, konzentriert, fast stur — weil Suchen gerade einfacher war als alles andere.


    Dieser verdammte Karton mit dem blöden Schlauch musste doch irgendwo sein…

  • Hier kommt die nächste Ration. Das Festival ist vorüber, Seda ist weg – Laurie ist traurig.


    Kapitel 26: Leere


    Dienstag, kurz vor acht – Anwesenheitskontrolle im Klassenzimmer. Laurie starrte aus dem Fenster, war irgendwo weit weg von diesem Raum. Erst als Thomas Meyer, ihr Nebenmann, sie ganz leicht anstupste, zuckte sie zusammen.

    „Ey, lass das!“, maulte sie.

    Meyer deutete mit einem knappen Nicken nach vorn, zum Lehrer, der ihren Namen nun zum zweiten Mal aufrief.

    „Laurie?“

    Sie blinzelte, brauchte einen Moment. „Ja, hier. Das sehen Sie doch, oder?“

    Der Lehrer runzelte die Stirn. „Ich trag mal ein: physisch anwesend…“, murmelte er und fuhr mit der Liste fort.

    „Demirki, Seda?“ Er sah kurz hoch. „Frau Demirki?“

    Keine Reaktion.

    „Weiß jemand, wo Frau Demirki ist? Laurie? Sie vielleicht?“

    „Wieso ich? Woher soll ich das wissen…“, sagte sie, schneller als beabsichtigt.

    Eric Rollmann kicherte leise. „Oh oh… Trouble in Paradise.“

    Der Lehrer sah ihn scharf an. „Herr Rollmann, legen Sie bitte Ihr Handy weg. Ich sag’s Ihnen jetzt zum dritten Mal.“

    Eric sah auf das Display, tippte noch schnell etwas und grinste dann. „Ich hab nur kurz nach dem Wetter in der Türkei geguckt.“

    „Und?“

    Eric zog die Augenbrauen hoch, als hätte er etwas besonders Witziges entdeckt. „Da steht irgendwas mit… Lesbios. Voll das Gewitter da.“

    Laurie zuckte kurz, ein Impuls, aufzustehen und ihm das Telefon aus der Hand zu schlagen. Im nächsten Moment ließ sie es. Sie atmete aus, ließ Rolle Rolle sein und sah wieder aus dem Fenster.

    Der Lehrer seufzte. „Die Insel Lesbos gehört zu Griechenland, Sie geografische Konifere, nicht zur Türkei. Aber wenn Sie Ihr Schlaufon schon in der Hand haben, können Sie vielleicht gleich die Feuerwehr rufen…“

    „Hä?“

    Der Lehrer hob Erics korrigierten Test hoch. „Hier, Ihr Werk – stramme Leistung. Die Sicherung haben Sie überbrückt. Technisch funktioniert das, praktisch brennt Ihnen das Auto lichterloh weg. Löschzug sieben hätte sich gefreut.“

    Er ließ das Blatt auf Erics Tisch fallen. „Hier – Fünf.“

    Rolle verzog das Gesicht, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. Der Lehrer verschränkte die Arme. „Und bevor Sie fragen: Nein, das ist keine kreative Lösung. Das ist schlicht gefährlich. In einer Werkstatt würden Sie dafür nicht nur Ärger kriegen, sondern wahrscheinlich auch ’nen Feuerlöscher an den Kopf geworfen.“



    Neun Uhr fünfzehn – erste Pause. Der Hof war grau und feucht, der Asphalt noch dunkel vom nächtlichen Regen. Ein paar standen rauchend unter dem Vordach, andere lehnten an der Mauer, die Basecaps tief ins Gesicht gezogen.

    Laurie trat nach draußen, in der Hand ein Becher Kakao – der wässrig-süße aus dem Automaten, den sie eigentlich hasste. Es war frisch geworden, ganz plötzlich. Am Wochenende noch fast zwanzig Grad, jetzt vielleicht elf, zwölf. Sie zog die Jacke enger und stellte sich ans Geländer, von wo aus man die Straße sehen konnte.

    Sie nahm einen Schluck. Bah. Viel zu süß.

    Sie stellte den Becher vor sich ab und rieb sich die Hände. Ihr Blick glitt über die Schulter über den Hof, ohne wirklich etwas zu sehen. Sie wollte einfach nur Luft. Nur einen Moment Ruhe, bevor der Tag sie einholte.

    Irgendwo lachte jemand kurz auf – ein helles, zu lautes Lachen, das sie sofort zusammenzucken ließ. Sie drehte sich nicht um, wollte es nicht hören.

    Ihr Herz schlug schneller, ohne Grund. Oder mit einem sehr klaren.

    Sie starrte wieder zur Straße. Atmete durch. Wartete.

    Hinter sich hörte sie Schritte auf Kies. „Ey, Laurie“, sagte jemand. Es war Luca, einer aus der Klasse, der immer mit den Rauchern rumhing, aber nie wirklich Teil davon war.

    „Sag mal… wo ist Seda denn heute?“, fragte er, während er sich eine Zigarette anzündete. „Die ist doch sonst immer bei dir.“

    Laurie spürte, wie sich ihr Nacken verspannte. „Weiß ich nicht“, sagte sie knapp. „Bin ich ihr Babysitter?“

    Luca blies den Rauch aus, zuckte mit den Schultern. „War nur ’ne Frage.“ Er ging ein paar Schritte weiter, schon wieder im Gespräch mit zwei anderen, die gar nicht zugehört hatten.

    Laurie blieb stehen, die eine Hand in der Jackentasche verkrampft. Wind zog über den Hof, kalt und unangenehm. Wieder der Blick zur Straße, als könnte Seda jeden Moment um die Ecke kommen.

    Laurie ließ den vollen Becher stehen und ging rein. Auf dem Gang begegnete sie Timo, der wandelnden Informationszentrale. Einer, der immer alles mitbekam, ohne dass man wusste, wie.

    Er blieb vor ihr stehen, rieb die Hände aneinander. „Kalt draußen, oder?“

    Laurie sagte nichts.

    „Krämer hat gesagt, Seda ist entschuldigt“, meinte er beiläufig. „Ihre Mutter hat eben was reingereicht.“

    Laurie spürte, wie ihr Magen kurz zusammenzog. „Ja. Und?“, sagte sie scharf.

    Timo zuckte mit den Schultern. „Nix. Wollt’s nur sagen. Dachte, du weißt das.“

    „Weiß ich nicht“, fauchte sie. „Ich weiß gar nichts.“

    Timo sah sie kurz an, nicht wertend, nur überrascht von der Härte in ihrer Stimme. „Okay…“, murmelte er und ging raus zu den anderen, die unter dem Vordach standen und lachten, als wäre nichts.

    Laurie lehnte mit dem Rücken an der Wand. Sie hörte Stimmen, das Murmeln auf den Gängen, irgendwo fiel scheppernd ein Werkzeugkasten um. Sie starrte durch die Glastür auf den Hof, als könnte sie dort irgendeine Spur von ihr finden.

    Aber da war nichts. Nur dieses Loch, das mit jeder Information größer wurde.


    Abends lag Laurie auf der Couch im Wohnzimmer. Auf Sedas Couch. Ihrem Platz in den letzten Wochen. Die Wohnung war still. Keine schreiende Musik, das Essen stand kalt und halb gegessen auf dem Tisch und Nicos Klappmatratze lehnte noch an der Wand, als hätte sie nicht die Kraft gehabt, sie wegzuräumen.

    Laurie stand irgendwann auf, wanderte ziellos durch die Zimmer, blieb schließlich am Fenster stehen. Draußen lag der Hof dunkel und leer. Unten sah sie Hook, und ein kleines, müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie hob kurz die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken.

    Ihre Gedanken glitten zu Seda. Zu den Fahrten mit Hook. Zu ihren Gesprächen in der kleinen, engen Kabine. Zu dem Kuss auf dem Schulparkplatz – klein, spontan, unschuldig – und doch so voller Bedeutung, dass er jetzt fast körperlich wehtat.

    Laurie ging zurück zur Couch und ließ sich fallen. Sie zog die Decke bis zum Hals, doch ihre Füße ragten heraus. Sie zog sie wieder tiefer, dann wieder hoch – hin, zurück. Diese blöde Decke war einfach zu kurz. Ihr Blick wanderte zum Handy auf dem Tisch. Es blieb stumm. Irgendwann dämmerte sie weg.

    Mitten in der Nacht riss ein kurzes Summen sie aus dem Schlaf. Das Display leuchtete. Laurie griff nach dem Handy, öffnete mühsam ein Auge, blinzelte gegen das grelle Licht. Eine Nachricht. Von Seda.

    Wollte nur kurz sagen, dass es mir gutgeht.“

    Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

    Laurie schluckte. Sie hatte sich gemeldet.

    Spontan tippte sie eine Antwort, schickte sie aber nicht ab. Sie löschte sie. Tippte etwas anderes. Löschte wieder. Nach mehreren Versuchen legte sie das Handy zurück auf den Tisch. Das Display verlosch, und Laurie starrte in die Dunkelheit.

    Es verging eine Weile – sie wusste nicht, wie lange –, bis sie das Handy wieder nahm. Sie entsperrte es, drückte auf „Antworten“, tippte ein o und ein k. Dann „Senden“.

    Sie atmete tief durch, legte das Handy weg, zog die Decke über den Kopf und schlief schließlich ein.

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  • Ein Sonnenstrahl weckte sie. Drüben im Schlafzimmer dudelte der alte Radiowecker vor sich hin, irgendein belangloses Morgenprogramm. Laurie griff instinktiv nach dem Handy, noch bevor sie richtig wach war. Vielleicht… vielleicht war ja doch noch etwas gekommen.

    Nichts. Keine neue Nachricht. Nur ihre eigene Antwort von letzter Nacht. Ein Lebenszeichen hatte sie – mehr nicht. Kein „Danke“, kein „Wie geht’s dir“, nicht einmal ein Emoji, ein Herz, ein… irgendwas. Nichts.


    Der Morgen zog sich. Langsam, schwer, lustlos. Laurie schleppte sich durch die Routine, ohne wirklich da zu sein, und stand irgendwann in der Werkstatt. Doch auch hier war sie heute keine Hilfe. Sie verwechselte Teile, suchte ständig nach Werkzeugen, die direkt vor ihr lagen, und brauchte ewig für Handgriffe, die sie sonst im Schlaf konnte.


    Paula beobachtete sie eine Weile, dann nahm sie Laurie zur Seite. „Das ist ja nicht mit anzusehen, was du da heute veranstaltest“, sagte sie und musterte sie mit einer Mischung aus Genervtheit und echter Sorge. „Ist was mit dir? Bist du krank? Dann geh nach Hause.“

    Laurie schüttelte nur den Kopf, ohne wirklich eine Antwort zu haben. Sie nahm Paulas Rat an und ging früher.


    Zu Hause landete sie trotzdem wieder in der Werkstatt, beim Pacer. Vielleicht kam sie hier weiter. Vielleicht half es, irgendetwas mit den Händen zu tun.

    Stumpf arbeitete sie vor sich hin, stundenlang, ohne Plan, aber mit einer Beharrlichkeit, die fast verzweifelt wirkte. Und tatsächlich schaffte sie einiges, verlor sich in Schrauben, Kabeln, Schläuchen. Bis am späten Nachmittag die Werkstatttür langsam aufging.

    Laurie sah auf. Für einen Herzschlag dachte sie – hoffte sie – es könnte Seda sein.

    Aber es war Lisa.

    Sie stand im Tor, in der Hand ein Teller mit zwei großen Stücken Marmorkuchen. Laurie blinzelte, überrascht, und dann passierte etwas, das sie seit Tagen nicht mehr geschafft hatte: Sie lächelte. Ein echtes, kleines, erschöpftes Lächeln, eingerahmt von einer schwarzen Kriegsbemalung aus Motoröl und Schmierfett.

    Lisa grinste zurück. Sie sagte nichts, kam einfach näher und hielt ihr den Teller hin.

    Laurie wischte die Hände an einem alten Lappen ab und griff zu, nahm ein Stück, biss ab. Der Geschmack war süß, warm, vertraut – und für einen Moment fühlte sich alles ein bisschen weniger schwer an.


    Laurie und Lisa saßen auf zwei aufrecht stehenden Rädern, wie auf improvisierten Hockern, zwischen Werkzeugen, Ölkanistern und dem noch immer halb zerlegten Pacer. Sie aßen den Marmorkuchen, langsam, schweigend, erst einmal nur kauend, atmend, ankommend.

    Nach ein paar Bissen begann das Gespräch von selbst. Nichts Großes, nichts Schweres. Nur Worte, die sich vorsichtig vortasteten.

    Lisa fragte, wie weit Laurie mit dem Pacer gekommen war. Laurie zeigte auf ein paar Teile, erklärte bruchstückhaft, was sie geschafft hatte und was nicht. Lisa nickte, hörte zu, stellte kleine Fragen, die nicht bohrten, sondern einfach nur da waren.

    Es war kein tiefes Gespräch. Kein Seelenstriptease. Nur zwei Menschen, die nebeneinander saßen, Kuchen aßen und redeten – gerade genug, damit Laurie nicht wieder in dieses Loch fiel, das die ganzen Tage unter ihr gelegen hatte.

    Und genau das tat gut. Mehr, als Laurie zugeben würde.


    Sie hatten lange geredet, als Lauries Handy wieder vibrierte. Es lag auf dem Tisch neben dem Laptop, und die Stahlplatte verstärkte das Summen wie ein Lautsprecher, ließ es fast wie einen Alarmton klingen. Einen Ruf: Es ist wichtig.

    Lisa sah Laurie an. Laurie sah zurück. Dann stand sie auf, langsam, als müsste sie sich erst sammeln, und ging zum Handy. Sie zögerte, die Hand schon darüber, aber noch nicht bereit, das Display zu drehen.

    Lisa hob die Augenbrauen, machte eine kleine Na los-Geste.

    Laurie atmete aus, drehte das Handy um – und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ein echtes. Eins, das sie nicht kontrollieren konnte.

    Die Nachricht war von Seda. Nur eine Zeile, aber sie traf genau ins Zentrum.



    „Sehen wir uns morgen?“


    Laurie musste nicht überlegen. Dieses Mal schrieb sie sofort zurück.


    „Ja, bin da.“


    Sie tippte auf Senden. Für einen Moment fühlte sich die Luft in der Werkstatt leichter an. Nicht gut. Nicht gelöst. Aber leichter.


    Lächelnd kam Lisa ins Büro, den leeren Teller in der Hand. Laura sah auf. „Und?“


    Lisa nickte nur. „Wird.“

  • Laurie saß im Auto. Es war weiterhin kühl, aber die Sonne hatte sich durch die Wolken gekämpft. Das Radio lief, eine bekannte Mädchenband aus Mexiko spielte. Laurie liebte diese Band – der harte, tiefe Bass, der rotzige Gesang – sie drehte die Lautstärke Stück für Stück höher und trommelte vorsichtig auf dem Lenkrad mit. Diese Drummerin war einfach Weltklasse.


    Dann sah sie auf die Uhr. Halb acht. In zehn Minuten begann der Unterricht. Würde Seda kommen? Und wenn ja – was würde sie sagen? Einfach „Hi, da bin ich“? Oder etwas Schweres, Dramatisches? Es tut mir so leid, dass ich dich verlassen habe. Bitte verzeih mir… Unsinn. Das war nicht Seda. Schon gar nicht die Seda der letzten Wochen – die gestärkte, die selbstbewusste, die mit einem Zuhause. Wie auch immer: Laurie würde es gleich erfahren.


    Sie stieg aus, schloss den Abschleppwagen ab und ging zur Straße. Der Berufsverkehr war dicht, sie musste einen Moment warten.


    An der Bushaltestelle hundertfünfzig Meter entfernt hielt ein silberner Mercedes. Aus dem Augenwinkel sah Laurie, wie die hintere Tür aufging und jemand ausstieg. Ein rostroter Cardigan, ein helles T‑Shirt, das sandbeige Kopftuch locker gebunden wie ein leichter Schal, ein paar Haarsträhnen darunter sichtbar.

    Der Mercedes fuhr an ihr vorbei; auf den Vordersitzen erkannte Laurie Mehmet und Aylin Demirci. Und dann sah sie Seda. Sie ging den Gehweg entlang und bog in die Einfahrt zur Schule ein. Sie bemerkte Laurie nicht.


    Laurie wartete noch, bis ein weiterer Schwung Autos vorbeigezogen war, dann setzte sie sich in Bewegung, fast zu schnell. Sie überquerte die Straße, achtete kaum auf den heranrasenden E‑Scooter, und war schließlich auf dem Schulhof. Seda lief ein Stück voraus. Als sie die Mitte des Hofes erreicht hatte, blieb sie stehen und sah sich suchend um.

    Laurie blieb ebenfalls stehen, fünf, sechs Meter hinter ihr.


    Dann drehte Seda sich um. Für einen kurzen Moment lächelte sie – bis ihr Blick Lauries Gesicht traf. Sie sah Ernst, Unsicherheit, Enttäuschung. Und darunter etwas anderes: Freude. Echte Wiedersehensfreude, versteckt unter einer steifen Miene, die mehr verriet, als Laurie wollte. Viel mehr.

    Langsam kam Seda näher und lächelte wieder. Lauries Blick blieb unruhig; viel zu fest klemmte sie die Tasche unter ihrem Arm, als müsste sie sich irgendwo Kontrolle verschaffen. Wenn schon nicht über das, was in ihr vorging, dann wenigstens über diese blöde Tasche.


    „Neues Auto?“, fragte sie. Bloß, um irgendetwas zu sagen. Etwas Belangloses. Seda nickte und blickte zur Straße, obwohl der Wagen längst verschwunden war. „Gebraucht. Von Onkel Hüseyin. Der BMW war nicht mehr zu retten…“ Sie verzog schuldbewusst das Gesicht – und diese kleinen Grübchen traten hervor, die immer auftauchten, wenn sie so schaute.


    Wieder Schweigen. Ein paar Sekunden, die sich länger anfühlten, als sie waren. Seda holte sichtbar Luft, trat einen Schritt näher. Ihr Blick wanderte kurz über Lauries Schulter, dann zurück, direkt in ihre Augen. „Bist du noch sauer?“

    Laurie schüttelte kurz den Kopf und lächelte – ein kleines, vorsichtiges Lächeln, das Seda als Bestätigung reichte. „Es war deine Entscheidung. Und sie war richtig. Das weiß ich jetzt…“


    Seda atmete tief aus, der Blick kurz zum Boden. Dann griff sie in ihre Tasche, zog eine Zigarettenpackung hervor, öffnete sie – und schloss sie wieder. „Ich wollte eigentlich aufhören“, sagte sie leise und lächelte vorsichtig, bevor sie die Schachtel wieder wegsteckte.

    „Und… wie war’s… wie ist es zu Hause? Wieder zu Hause zu sein?“ Seda nickte. „Es fühlt sich gut an. Und Baba ist echt lieb. Er hat gleich Onkel Hüseyin angerufen und ihm erzählt, dass ich wieder da bin. Und ich glaube, er hat wieder ein bisschen geweint.“

    Sie streckte Laurie ihr Handgelenk hin. „Hier, guck mal. Das Armband hat er mir geschenkt.“ Laurie warf einen kurzen Blick darauf und nickte. „Okay.“

    „Schön, oder?“


    „Mhm.“


    Seda zog das Handgelenk ein Stück zurück. „Es gefällt dir nicht…“


    „Doch doch…“


    „Mama hat gesagt, er hat es selbst ausgesucht.“ Seda sah sie prüfend an, das Handgelenk noch halb zurückgezogen. Laurie merkte es. Und bevor das Schweigen wieder schwer wurde, atmete sie kurz ein.


    „Nein, es steht dir. Echt. Ich bin nur noch nicht ganz wach.“


    „Schlecht geschlafen?“


    Lauries Blick wich aus, sie sah über den Hof, auf die Uhr, dann wieder Seda an.


    „Bin einfach zu spät ins Bett gestern, dann noch zwei Stunden Musik gehört...“


    „Das neue Babymetal-Album?“


    „Kennst du’s?“


    „Hab’s noch nicht gehört…“


    Laurie zog eine Augenbraue hoch, ein winziger Anflug von einem echten Lächeln. „Dann musst du das nachholen. Ist… verfickt gut.“


    Seda nickte, ein bisschen zu schnell. „Mach ich. Heute Abend vielleicht.“ Sie sah Laurie kurz an, länger als nötig. „Schickst du mir deine Lieblingssongs?“


    In dem Moment ging Eric Rollmann vorbei, summte leise vor sich hin. Als er die beiden passierte, verfiel er in ein Jaulen: „Ändaaa—iaiaiaiai—will always love youuuuu—huhu…“


    Laurie verzog das Gesicht. „Rolle…“


    Rollmann drehte sich um, dieses debile Grinsen im Gesicht. „Hm?“


    Seda wandte sich ebenfalls zu ihm, stemmte die Hände in die Hüften, holte tief Luft. „Rolle, halt’s Maul. Du kapierst wieder gar nichts…!“

    Rollmann blinzelte, zuckte mit den Schultern und trottete weiter.

    In diesem Moment gongte es. Der Unterricht begann.