Hier kommt die nächste Ration. Das Festival geht weiter.
Kurz nach halb vier am Nachmittag, ‚Factory & Flavours‘ war jetzt in vollem Gange. Draußen schoben sich die Besucher zwischen den Food‑Trucks hindurch, die schon jetzt, eine gute Stunde nach dem offiziellem Start, von Menschenmassen belagert waren. Aus allen Richtungen mischten sich die Gerüche: Grillfleisch, frisch gebackenes Brot, gebratene Zwiebeln, süßes Gebäck, Kaffee, Gewürze – als hätten sich alle guten Düfte der Welt hier versammelt.
In der Halle war die erste Band – Sunset Kickoff, eine beliebte Schülerband aus der Nachbarstadt – gerade beim Soundcheck, und Laura stand vor der Bühne, in der Hand einen Hot Dog, und wippte mit dem Fuß zu den ersten Klängen einer interessanten Variation eines Billy‑Joel‑Covers.
Lisa tauchte von der Seite auf, ihre Zöpfe wippten im Takt, und sie wirkte ein kleines bisschen überdreht – oder einfach besonders gut gelaunt, weil jetzt alles nach Plan lief. Sie beugte sich vor – und biss einfach in Lauras Hot Dog.
„Hee! Hol dir gefälligst selbst einen!“, protestierte Laura und zog den Rest an sich.
„Hab isch schon“, grinste Lisa mit vollem Mund. Sie wischte sich einen Krümel vom Mundwinkel, wollte weitergehen – und blieb für einen Moment stehen, als müsste sie kurz die Balance finden. Ein winziger Wackler, kaum länger als ein Atemzug.
Laura sah es. Ein kleines Zusammenziehen zwischen den Augenbrauen, ein kurzes Innehalten. Aber sie sagte nichts.
Lisa atmete einmal tief durch, strich sich einige Haare aus dem Gesicht und murmelte: „Deiner schmeckt irgendwie besser.“ Dann ging sie weiter, als wäre alles normal.
Plötzlich ein Tippen auf die linke Schulter, ein Schatten von rechts – und ein weiterer ungeschickter Versuch, ihren Hot Dog zu erwischen. Laura stolperte rückwärts, ließ den Snack fallen und saß im nächsten Augenblick auf Totos Schoß.
Sie lachte überrascht, legte ihm automatisch den Arm um die Schulter und blieb einen Moment sitzen. Warm, nah, spielerisch — so, wie sie es mit Toto manchmal machte – weil sie wusste, dass er es mochte. „Oh hi. Wo kommt ihr denn her?“, lachte sie.
„Von hinten“, meinte Toto trocken, mit diesem leicht belämmerten Gesichtsausdruck.
Tom ging in die Knie, hob den Hot‑Dog‑Rest auf, sah die beiden an und zog eine Augenbraue hoch. „Äh … ich kann euch doch mal kurz allein lassen?“, fragte er grinsend. „Ich bring das schnell zum Mülleimer, Macht keinen Blödsinn...“
Toto ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, legte die Arme um ihre Hüften. „Kannst ruhig noch ’n Moment bleiben“, sagte er zu Laura.
Laura tippte ihm mit dem Finger gegen die Brust. „Ja klar, erst Leute über den Haufen fahren und dann so tun, als wär nix gewesen“, murmelte sie lachend — blieb aber noch ein, zwei Sekunden sitzen, bevor sie aufstand.
Tom kam zurück, grunzte amüsiert. „Alles entsorgt, ich hol dir ’nen neuen. Und vielleicht noch was für später?“
„Nee, lass mal. `War eh schon mein zweiter. Seid ihr schon länger da?“
„Grad gekommen. Ist ja riesig was los hier. Und das war echt Nicos Idee?“, staunte Tom und ließ den Blick einmal quer durch die Halle wandern.
Laura nickte. „Der Junge hat gute Ideen.“
Tom grinste schief. „Von wem er das wohl hat?“
Laura holte kurz Luft, tippte ihm kräftig gegen den Oberarm. „Bestimmt nicht von dir.“
Toto lachte laut. „Der hat gesessen!“ Er kippte seinen Rollstuhl ein Stück nach hinten, drehte sich mit einem schnellen Schwung um 180 Grad und rief über die Schulter: „Los kommt, ich hab Hunger. Was sollen wir denn alles zuerst essen?“
Auf dem Weg nach draußen sahen sie Lisa am Tor stehen. Sie sprach mit Gästen, winkte Tom, lachte – etwas zu laut. Für einen Augenblick sah Laura, wie sie sich an die Hüfte fasste, den Blick kurz abschweifen ließ. Sie prostete Laura mit ihrem Becher zu, als wollte sie demonstrieren: „Hier, ich trinke, ich bin vernünftig.“ Laura lächelte ihr zu.
Die Kühltheke im Transit piepste im Zwei‑Sekunden‑Takt – ein nerviges, scharfes Geräusch, das sofort unter die Haut ging. Ferit stand davor, die Stirn in Falten gelegt. „Warum machst du das jetzt?“, murmelte er, als würde das Gerät ihm antworten können.
Nico stand draußen vor der Seitentür, die Arme verschränkt, den Blick unruhig. „Ich hab die Verteilung gecheckt, der Stecker ist drin, Strom ist drauf. Also … müsste drauf sein.“
„Müsste hilft mir nicht“, sagte Ferit und beugte sich wieder runter. Das Piepen wurde nur lauter.
In diesem Moment kamen Laura, Tom und Toto um die Ecke, halb im Gespräch, halb im Lachen. „Was ist denn hier los?“, fragte Laura. „Wer piept da?“
„Die Kühlung spinnt“, antwortete Nico. „Wir finden den Fehler nicht.“
Toto rollte näher, sah einmal in den Van, dann an Nico vorbei — und folgte mit den Augen dem Stromkabel. „Ähm … Jungs?“, bemerkte er und zeigte auf die Verteilersäule. Der Stecker vom Stromanschluss hing schief in der Buchse, Gerade so drin, dass er Kontakt hatte, aber nicht genug, um den Truck stabil zu versorgen.
Tom ging hin, drückte den Stecker fest rein, bis er hörbar einrastete.Das Piepen verstummte sofort. Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen setzte ein.
Ferit atmete aus. „Danke. Ich schwör, ich hab da eben noch nicht mal hingeguckt.“
Laura grinste. „Dafür hast du ja uns.“
Toto nickte wichtig.
Tom sagte nichts. Er wischte sich die Hände an der Hose ab, drehte sich leicht — und sein Blick blieb an Nico hängen. Nur ein kurzer Moment, ein Gedanke, ein kleines Lächeln, dann ging er weiter.
Laurie und Seda waren zwischenzeitlich am Stand von ‚Sweet Shapes‘ hängengeblieben. Laurie hatte Sahnereste im Gesicht, Seda verdrückte gerade ihre zweiten „Schokoflirt“, eine sündige Eiskreation aus verschiedenen Schokoladensorten.
„Ich werde heute definitiv sterben“, hielt Laurie sich den Bauch und studierte schon wieder die Speisekarte. „Aber langsam, ich bin noch lange nicht durch mit probieren…“
Seda verdrehte die Augen und leckte grinsend ihren Löffel ab. „Wir müssen auch noch zu Ferit…“
„Ach ja, die berüchtigten Kotzlämmer.“
„Gözleme!“
„Sag ich doch...“