Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • So! jetzt also doch. Nachdem ich ja hin und wieder im GuMo mal ein paar Ausschnitte der von mir ausgedachten neuen Geschichte gepostet habe, habe ich jetzt beschlosssen, sie mit euch zu teilen.


    Es ist noch keine fertige Story, sondern gerade im Entstehen. Ich habe also noch keine Ahnung, wo wir mal landen werden. Das habe ich mit den ersten zwei Teilen auch so gemacht, ich begleite die Figuren in der Geschichte und lasse sie gewissermaßen selbst entscheiden, wie es weiter geht – ohne fertigen Plot, wo die Story einmal enden soll. Oder will.


    Diese Geschichte bildet den dritten Teil einer kleinen „Trilogie“, die vor vielen Jahren ihren Anfang nahm. Der erste Teil entstand 2009 und spielt etwa im Jahr 2006; insgesamt spannt sich das Schreiben wie auch der erzählte Inhalt über rund zwei Jahrzehnte.


    Im Mittelpunkt steht damals Laura, eine 18‑jährige junge Frau, deren Lebensweg wir ein Stück begleiten. Was sie dort erlebt, ist an einigen Stellen nicht uneingeschränkt publikumsgeeignet – ohne dass der gesamte Text gleich FSK 18 wäre. Dennoch eignet er sich nicht ohne Weiteres dafür, hier vollständig veröffentlicht zu werden.

    Der zweite Teil folgte einige Zeit später und setzt auch inhaltlich rund acht Jahre nach dem ersten an. Wieder steht Laura im Zentrum, und der Leser erfährt, was ihr seither widerfahren ist und wie sie heute damit umgeht.


    Vor zwei, drei Monaten war es dann wieder mal soweit – ich hatte Lust, weiter zu schreiben und habe die logische Konsequenz gezogen – wir sind mit Teil 3 in der Jetztzeit, Laura ist älter geworden und hat eine 19jährige Tochter. Diese Tochter – Laurie – ist die zentrale Figur des neuen Romans. Und sie ist mindestens genauso vielschichtig, interessant und liebenswert wir ihre 'Mom', die hier ein wenig in die zweite Reihe getreten ist, aber immer noch die Story trägt und die Fäden zusammenhält.


    Ich versuche, diesen dritten Teil so zu gestalten, dass er auch ohne Vorkenntnis der Vorgängerromane funktioniert, also verständlich und lesbar ist. Wer allerdings beim Lesen Fragen hat oder wissen will, was vorher geschehen ist und worauf sich einige Rückbezüge und Erinnerungen an die Vorgeschichte genau beziehen, kann mir hier eine Nachricht schreiben. Ich schicke dann gerne die ersten zwei Teile als PDF per Mail zu.


    Soviel zur Motivation für diesen Thread. Und jetzt ohne große weiter Vorreden fange ich einfach an mit den ersten vier Kapiteln.


    Bleibt noch zu erwähnen: Die jetzt und dann immer in den nächsten Wochen geposteten Kapitel befinden sich noch in der ersten Rohfassung, um erst einmal die Story zu entwickeln. Sie haben noch einige Grammatik-, Schreib,- Tipp-, Satz- und hoffentlich nicht zu viele Logikfehler. Wer was findet, kann gerne darauf hinweisen, dann ändere ich das im Originaltext ab. Meine Vorlage ist in Times New Roman geschrieben und so kopiere ich es hier rein. Ich hoffe, das ist mit euren Einstellungen kompatibel.


    Feedback ist natürlich ewünscht, aber nicht gefordert.


    So, und jetzt viel Spaß damit

    5 Mal editiert, zuletzt von Streetracer ()

    1. Kapitel 1: Türen


    „Nein!“


    „Doch!“


    „Nein!“


    „Doch!“


    „Why?!“


    Laura schloss kurz die Augen, atmete tief durch, musste sich selbst daran erinnern, ruhig zu bleiben. Dann verdrehte sie genervt die Augen.

    „Du sollst doch nur den Einlass machen… Für ein paar Stunden. Nicht mehr.“

    Laurie stemmte die Hände in die Hüften, der Blick bohrte sich in Lauras Gesicht. „Warum lässt du die Leute nicht einfach so rein? For free. Dann brauchst du auch keinen fucking Türsteher. Du hast doch genug Kohle, oder?“

    „Und wer macht den Alterscheck?“ Lauras Stimme war schärfer jetzt, ein Ton, der nicht um Verständnis bat, sondern um Gehorsam.

    „Ganz ehrlich, Mom?“ Laurie lachte bitter. „Don’t give a shit. Warum macht Liz das nicht, wie immer?“

    Laura schwieg. Nur ein kurzer Moment, aber lang genug.

    „Du weißt warum.“

    Laurie spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Sie senkte den Blick. Natürlich wusste sie es. Lisa war nicht nur die Frau an Moms Seite, für Laurie war sie eine Freundin. Mehr noch – wie eine große Schwester – nah, vertraut, unersetzlich. Ein Band aus Nähe und Vertrauen – seit Laurie mit Laura aus New York zurückgekehrt war, war Lisa da. Mit ihr konnte Laurie über Dinge sprechen, die niemand sonst verstand. Auch Laura nicht. Jedenfalls nicht immer.

    Aber seit dieser verdammten Krankheit war Lisa nicht mehr dieselbe. Still. Fragil. Manchmal saß sie da, redete noch – und plötzlich war da nur noch Müdigkeit. Nicht normale Müdigkeit – sondern diese tiefe, lähmende Erschöpfung, die alles abschaltet. Als hätte ihr Körper den Stecker gezogen. Laurie hatte das oft gesehen in den letzten Jahren. Zu oft. Und oft hatte sie sich dann gefragt, ob sie schuld war. Ob sie zu laut war. Zu viel.

    Und jetzt das. Wieder mal. Laura, die einfach bestimmt. Die nicht fragt, sondern zuteilt. Als wäre das selbstverständlich, als wäre Laurie ein Posten auf einer Liste. Ein Haken, den man einfach setzen muss.

    Sie hätte vielleicht ja gesagt. Sicher sogar. Wenn Mom gefragt hätte. Wenn sie nicht wieder so getan hätte, als sei alles geregelt, bevor Laurie überhaupt den Mund aufmachen konnte.

    Aber so?

    Sie tat, was sie konnte. Jedes Mal. Immer, wenn Lisa ihre „Schattentage“ hatte, wie sie es nannte, sprang Laurie ein. Ohne Diskussion. Ohne Widerrede. Ohne Rücksicht auf sich selbst. Weil Lisa es brauchte. Weil Laura es erwartete. Weil sie sich schuldig fühlte, wenn sie es nicht tat.


    Aber sie wollte selbst entscheiden. Nicht der Job war das Problem, sondern die Selbstverständlichkeit. Die Haltung, mit der Laura ihr Leben durchplante, als wäre Laurie noch zwölf. Als wäre sie nicht längst jemand anderes.


    „Ich streame. Wie jeden Samstagabend. Open End. Fact.“


    „Dann machst du eben mal früher Schluss. Deine Zuschauer werden’s überleben…“


    „Why me?“


    „Weil ich das sage!“


    „Du hast mir nichts zu sagen, okay? Du bist nicht mein Boss!“


    „Aber ich bin deine Mutter, und ich rede mit dir – ob dir das passt oder nicht!“


    „Okay. Du redest. Ich gehe. Bye.“ Laurie drehte sich abrupt um und verschwand ohne ein weiteres Wort in ihrer Wohnung.


    „Laurie-Nadine, du bleibst jetzt hier!“


    „Ich bin Elenn!“


    Die Tür knallte zu. Ein dumpfer Schlag, der alles sagte. Dann: Stille.


    Laura stand reglos im Flur. Ihr Atem ging schwer, stoßweise. Wut, Enttäuschung, Hilflosigkeit – alles gleichzeitig. Ihre Hände zitterten leicht. Sie wollte etwas sagen, etwas tun, aber da war nichts. Nur das Gefühl, dass es wieder einmal eskaliert war.

    Lisa kam aus der Küche, stellte sich hinter Laura. Sie legte langsam die Arme um ihre Hüften, hielt sie einen Moment, zog sie sanft zurück. „Lass sie“, flüsterte sie. „Das bringt jetzt nichts.“

    Laura schloss die Wohnungstür, atmete tief durch und folgte ihr. „Warum passiert das immer wieder?“, fragte sie, die Stimme brüchig. „Wieso kippt es so schnell? Habe ich sie zu sehr gedrängt?“

    Lisa nahm ihre Teetasse, setzte sich wieder an den kleinen Tisch. Ein mildes Lächeln huschte über ihr Gesicht – müde, wissend. „Sie ist neunzehn“, sagte sie. „Sie ist nicht mehr nur deine kleine, süße Laurie. Heute ist sie Elenn.“

    Laura starrte sie an. Elenn. Nicht mehr Laurie, nicht mehr Laurie-Nadine. „Ich will diesen Namen nicht hören“, presste sie hervor. Nicht, weil ‚Elenn’ hässlich war. Aber dieser Name trug nichts mehr von dem, was sie in ihr gesehen hatte. Nicht das Kind. Nicht die Nähe. Nicht die Geschichte.

    Sie schaltete den Wasserkocher ein und ließ sich auf den zweiten Stuhl sinken. Lisa streichelte ihr zärtlich den Handrücken, pustete in den Tee, legte den Löffel beiseite. „Ich rede morgen nochmal mit ihr. Lass sie sich erstmal wieder beruhigen. Vielleicht hört sie auf mich mehr als auf dich.“

    Laura verzog das Gesicht. „Ich verstehe sie ja. Sie hat ihr Leben – den Job bei Tom, ihre Autos, diesen schrägen Vlog. Aber muss sie deswegen immer so sein? So abweisend, so aggressiv? Ich bin doch nicht ihr Feind.“

    Drüben schlug erneut die Tür. Unten sprang Hook, der alte Pickup, an – laut, roh, rotzig. Wie Elenn. Laura trat ans Fenster, schob den Vorhang halb zur Seite. Reifen fraßen sich in den Schotter, Rücklichter glimmten im Staub, wurden kleiner, verschwanden in der Dunkelheit. Ein Seufzen entwich ihr, müde, schwer. Sie wusste, dass es nicht das letzte Mal gewesen war.

    Lisa trat neben sie, legte eine Hand auf ihren Rücken. „Gib ihr ein bisschen mehr Freiraum“, sagte sie leise.

    Laura nickte kaum merklich, lehnte sich an sie. „Ich versuche es ja. Aber es tut trotzdem weh.“

    Lisa küsste ihre Schulter. „Irgendwo bleibt sie deine kleine Laurie. Und sie ist Elenn.“

  • Samstagvormittag, kurz vor elf. Die Tür der kleinen Wohnung vis-à-vis vibrierte leicht im Takt der Musik, Lisa stand davor, ruhig, mit klarem Blick. Sie klopfte. Drinnen dröhnte japanisches Kawaii Metal – helle Gitarren, schnelle Rhythmen, hohe Stimmen. Der Staubsauger surrte dazu wie ein Teil des Songs, nicht störend, sondern fast passend.

    Es war heute kein Schatten bei ihr. Ihr Kopf war klar, die Gelenke ruhig. Sie erkannte das Lied sofort, lächelte und nickte mit dem Kopf. Für den Moment fühlte sich alles leichter an.

    Sie hob die Hand und klopfte nochmal – fester. Niemand öffnete. Lisa nahm ihren Schlüssel und schloss auf. Vorsichtig trat sie ein. Sie folgte dem Geräusch des Staubsaugers und blieb im Türrahmen des Wohnzimmers stehen. Sie grinste.

    Im Zimmer – Laurie. Nur im Slip, die Haare feucht. Lisa den Rücken zugewandt schob sie den Sauger hin und her und tanzte im Takt dazu.

    Lisa klopfte laut gegen die offenstehende Wohnzimmertür. Laurie blickte auf, drehte den Kopf und lächelte. Sie schaltete den Sauger aus, drehte sich zu Lisa und runzelte die Stirn.

    „Oh sorry, bin ich zu laut?“, rief sie und griff zum Handy, um die Musik abzuschalten.

    Lisa schüttelte den Kopf. „Nein, lass laufen, ich liebe den Song.“

    Laurie grinste. „‘Babymetal’ geht immer, oder?“

    „Immer! Ich war Manga, bevor du laufen konntest.“

    Ein Fingertipp aufs Display, und die Musik war nur noch halblaut. Laurie legte den Sauger beiseite und kam zu Lisa, um sie zur Begrüßung zu umarmen.

    „Darf ich?“

    Heute konnte Lisa es zulassen. Ihre Schatten zogen sich zurück – keine brennende Haut mehr, keine Reizüberflutung, keine innere Abwehr. Ihr Körper fühlte sich nicht mehr wie ein Feind an, sondern wie ein Raum, in dem Nähe wieder möglich war.

    „Geht’s dir denn besser heute?“ fragte Laurie mitfühlend.

    Lisa nickte.


    Dann sah sie Laurie an. „Mittwoch?“ fragte sie.

    Laurie blinzelte. „Mittwoch?“

    „Dein Slip – da steht Wednesday drauf. Heute ist aber Samstag“, grinste sie.

    Laurie verdrehte sich kurz, als wolle sie lesen, was auf hinten auf ihrer Unterwäsche geschrieben stand.

    „Ach so, ja. Das steht da überall drauf…“

    „Du hast nur Mittwochshöschen?“

    „Ja, alles die gleichen. Hat Gustav mir geschenkt. Dreißig Stück, alle mit Wednesday drauf. Weird, aber für geschenkt…?“

    „Du bekommst von alten Männern Unterwäsche geschenkt?“

    Laurie zuckte nur mit den Schultern, dann griff sie zu einem grauen Big Shirt und warf es über. „Du willst gar nicht wissen, was der Typ mir schon alles schenken wollte.“

    Lisa verzog belustigt das Gesicht. „Nein, ich glaube, das will ich nicht wissen…“

    Sie räumte ein paar Klamotten vom Sessel und setzte sich. „Können wir nochmal reden?“

    „Wegen gestern?“

    Lisa nickte. „Du hast Laura ziemlich getroffen mit dem, was du ihr da an den Kopf geworfen hast. Ich weiß, du hattest deine Gründe. Aber ich glaube, sie hat dich auch nicht ganz verstanden.“

    Laurie machte ein bedrücktes Gesicht.

    „Ich war einfach pissed. Wenn sie wieder in diesen Command-Mode schaltet, als wär’ ich ihr Praktikant – dann bin ich raus. Flugmodus. Kein Empfang.“

    „Ihr wart beide ganz schön drüber…“

    „Kann schon sein. Aber sie hätte ja auch einfach fragen können: ‚Herzallerliebstes Töchterlein. Könntest du vielleicht so gnädig sein, mir einige Stunden deiner ach so kostbaren Zeit zu…‘ “

    Laurie brach ihren Satz ab, als sie sah, wie sich Lisas Stirn in Falten legte.

    „Naja. Aber fragen hätte sie schon können.“

    „Ja, da hast du nicht ganz Unrecht. Einfach abkommandieren ist schon ’ne harte Nummer. Aber du musst sie auch mal verstehen. Den Job an der Kasse kann sie auch nicht einfach irgendeiner Aushilfe anvertrauen. Und ich pack das morgen nicht, den ganzen Tag lang. Die Luft, die vielen Leute, der Lärm…“

    Laurie nahm Lisas Hand und streichelte sie vorsichtig. „Ist doch keine Frage, ich mach das. Ich wollte ja sowieso zum Markt, ich brauch neue Shirts. Und mal sehen, was ich noch so abstauben kann“, grinste sie.

    „Du bist einfach die Beste“, lächelte Lisa.


    „Und heute Abend wieder Stream?“

    Laurie nickte. „As always. Bist du wieder dabei?“

    Lisa schüttelte vorsichtig den Kopf. „Keine Frage. Hey, ich bin Fangirl seit Folge eins. Mich wirst du nicht wieder los“, lachte sie. „Was für ein Shirt gibt’s denn heute?“

    Laurie stand auf. „Warte“, sagte sie und ging ins Schlafzimmer. Mit drei T-Shirts auf dem Arm kam sie zurück.

    Sie nahm das erste und hielt es vor sich.

    „Ernsthaft? Hello Titty?“ grinste Lisa. „Nee, das bist du nicht.“

    „Nee, ne?“ bestätigte Laurie und ließ das pinke Shirt zu Boden fallen.

    Dann präsentierte sie das zweite Stück: „Hier – Chrome Vixen – Geiles Artwork. Und hinten drauf die Tour: ‚Ignite Me 1997‘.“

    „Hihi, da war ich gerade mal zwölf“, kicherte Lisa. Aber das Shirt ist schon geil. Was hast du noch?

    „Hier, das ist mein Favourite. Eigentlich zu schade zum Weggeben.“

    „Zeig mal.“

    Laurie hielt das Shirt erst falsch herum, drehte es und Lisa riss die Augen auf.

    „NEIN! Das glaub ich jetzt nicht. Wo hast du das denn her? Shōjo Torque? Ich werd’ nicht mehr. Weißt du, wer das ist?“

    „Hab ich hier bei uns gekauft, auf einem der letzten Märkte. Kennst du die?“

    „Kennen? Die sind hier aufgetreten!“

    „Ach nee. Hier in der Halle? Bei euren Nacktkonzerten?“

    „Ja!“, bestätigte Lisa – und dann war sie für einen Moment plötzlich nicht mehr hier, sondern wieder damals. Das Shirt riss sie zurück in die Zeit der legendären „Nacktkonzerte“.

    Laura, Lisa und ihr Team hatten vor gut zehn Jahren etwas gewagt, das sie selbst kaum für möglich gehalten hatten – ein Funken, ein verrückter Einfall, geboren aus einem Moment des Lachens. Doch was damals begann, verwandelte sich in eine Serie von Nächten, die heute wie Legenden erschienen. Schon die ersten Shows waren mehr als ausverkauft: sie waren ein Rausch, ein Taumel, ein elektrisches Beben. Unter dem Label Muzique Erotique entstand etwas, das es so noch nie gegeben hatte – Livemusik, roh und unmittelbar, getragen von Künstlerinnen, die nackt auftraten. Nicht tastend, nicht zögerlich, sondern von Anfang an furchtlos, provokant, frei. Und wenn sie heute daran zurückdachte, wirkt es noch größer, noch heller, noch aufregender, als es ohnehin schon war.

    Lisa erinnerte sich an die Stimmung im Saal, das Dröhnen der Boxen, die Gesichter im Publikum – und an das Gefühl, dass sie und Laura etwas völlig Neues in Gang gesetzt hatten.

    Es war ein Spiel mit Nervenkitzel und Lust, ein Aufbruch in eine Freiheit, die sie selbst organisiert und ermöglicht hatten.

    Und wer alles auf ihrer Bühne gestanden hatte. Keine kleinen Garagenbands, keine Ballermann‑Sternchen, sondern mitunter echte Stars, nationale und internationale. „Die Charts – pur!“, hatte mal ein Magazin geschrieben, und Lisa wusste: genau so war es.

    Doch irgendwann hatte die Spannung nachgelassen. Wiederholungen, ein Publikum, das satt geworden war. Die Provokation verlor ihre Kraft, die Kritik wurde lauter. Shitstorms im Netz, Demonstrationen vor der Halle. Was einst einzigartig war, wurde zur Last. Und schließlich, vor drei Jahren, das Ende.

    Jetzt, mit dem Shirt in Lauries Händen, war all das plötzlich wieder da – grell, nah, schmerzhaft und schön zugleich.

    „Ich wär’ so gerne mal dabei gewesen“, grinste Laurie, aber sie war damals noch zu jung.

    „Meinst du nicht, mal könnte das nochmal aufleben lassen? So Muzique Erotique 2.0-mäßig? ‚Strip the stage – fuck the silence…‘

    Lisa schüttelte langsam den Kopf. „Glaub mir, wir haben öfter darüber nachgedacht. Aber die Zeiten sind anders geworden. Damals war’s Provokation, heute wär’s nur noch ein Marketing‑Gag. Und genau das würde den Zauber kaputtmachen. Manchmal wünsch ich’s mir zurück. Aber es würde nicht mehr dasselbe sein. “

    Sie ließ den Satz hängen, sah eine Weile auf das Shirt. Ein Hauch von Traurigkeit huschte über ihr Gesicht, kaum merklich, aber spürbar.

    Laurie schwieg, als hätte sie verstanden, dass hinter Lisas Worten noch mehr lag – etwas, das nicht gesagt werden musste.“

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    1. Kapitel 2: Von Schätzen und Schatten

    Ein schneeweißer 2021er Cadillac Escalade fuhr auf den Hof vom ‚Past Times Oldtimerservice‘ und hielt direkt vor dem Eingang. Zwischen den alten Karossen wirkte er wie ein Fremdkörper – glänzend, überdimensioniert, und ein wenig zu sauber. Tom sah auf, legte den Kopf leicht schräg und lächelte.

    Laura stieg aus und trat ein. „Mohoin“, flötete sie.

    „Moin“, erwiderte Tom. „Na, wie läuft der Panzer?“

    Laura verzog den Mund. Dass ihr Auto Tom nicht passte, war Dauerthema zwischen den beiden, und seine spöttischen Bemerkungen war sie gewohnt. Aber dieser monströse SUV war einfach ein Allzweckauto. Nicht nur groß und stark, sondern auch verdammt bequem.

    „Nicht jeder hat einen Granada mit Geschichte“, sagte sie und schob sich die Sonnenbrille ins Haar. „Deiner hat Stil. Meiner hat… sechzehn Cupholder.“

    Tom grinste. „Und wahrscheinlich Massagefunktion, WLAN, und Getränkehalter für 3-Liter-Flaschen.“

    „Und Platz für die halbe Nachbarschaft“, ergänzte Laura. „Fehlt nur noch der Whirlpool im Kofferraum.“ Laura sah zum Escalade. „Und ein bisschen zu viel Ego“, murmelte sie. „Ich weiß. Er ist ein bisschen peinlich.“

    „Aber du steigst aus wie eine Königin.“

    „Und fühl mich wie ein Rockstar auf dem Weg zum Elternabend.“

    Sie grinsten beide. Das Spiel war alt – und voller Zuneigung.

    „Hast du denn was anderes für mich?“, fragte sie dann.

    Tom stülpte die Unterlippe vor und deutete auf das Gelände draußen, wo Dutzende amerikanischer und europäischer Klassiker zum Verkauf standen.

    „Such dir was aus.“

    „Andernmal. Vorerst bleibe ich bei meiner Schrankwand...“

    „Und sonst?“

    „Muss ja …“

    „Stress?“

    „Nicht mehr als üblich.“

    „Mit Laurie?“

    Laura winkte ab, umrundete den schwarz gefliesten Tresen. „Lass mich mal durch, ich will meinen Schatz besuchen“, sagte sie und schob sich an Tom vorbei in den Durchgang zur Werkstatt.

    „Für einen Moment dachte ich, du meinst mich“, grinste er.

    „Ach Tom“, erwiderte sie über die Schulter, während sie die drei Stufen hinabstieg. „Du weißt doch – Mein Herz gehört dem GTO. Und Lisa. Heute ausnahmsweise mal in dieser Reihenfolge.“ Sie lächelte, und es war dieses typische Laura-Lächeln: halb spöttisch, halb zärtlich.

    Das Verhältnis zwischen Laura und Tom, einst geprägt von Höhen und Tiefen, hatte sich über die Jahre gefestigt. Was früher oft in Streit mündete, zeigte sich heute als stabiles, freundschaftliches Miteinander zweier gereifter Menschen, die sich kannten – und verstanden.

    Ihre gemeinsame Tochter Laurie-Nadine lebte bei Laura und machte ihre Ausbildung zur Kfz‑Mechatronikerin in Toms Werkstatt. Das brachte gelegentlich Spannungen mit sich, doch ebenso eine leise, verlässliche Nähe.

    Tom war stolz auf Laurie, auch wenn sie ihm manchmal zu forsch auftrat. Einen Teil davon schrieb er Lauras Erziehungsstil zu – offen, direkt, nicht immer konfliktfrei. Laura zuckte bei solchen Bemerkungen meist nur die Schultern. Sie wusste, dass ihre Tochter ihren eigenen Weg ging – und dass sie ihn nicht zuletzt deshalb gehen konnte, weil sie sie ließ. Den Namen „Elenn“, den sich Laurie irgendwann selbst gegeben hatte, mochte Laura nicht besonders. Tom benutzte ihn einfach nicht. Für beide blieb sie Laurie – unverwechselbar, widersprüchlich, geliebt.



    Tom folgte Laura in die Halle. „Wie geht’s deiner Frau?“, erkundigte er sich nach Lisa.

    „Mh… nicht so besonders.“

    „Hat sie wieder einen dieser Schübe?“

    Laura nickte. „Lupo ist einfach ein Arschloch. Aber heute früh ging‘s ihr schon wieder etwas besser. Ich fahr auch gleich wieder zurück. Hilfst du mir mal?“

    Laura und Tom packten je eine Ecke des blauen Stoffs und zogen dem Auto seinen baumwollenen Pyjama aus – langsam, fast ehrfürchtig. Das Cabriolet stand ganz hinten in der Halle, geschützt vor Staub und Dreck des laufenden Betriebs. Das ‚Plum Mist‘, ein tiefes Violettmetallic, schimmerte im Werkstattlicht. Laura strich mit der Hand über die Motorhaube, als wolle sie sich vergewissern, dass alles noch da war: der Lack, die Erinnerung, das Leben davor.

    Der 1966er Pontiac GTO war mehr als ein Auto – er war ein Stück von Lauras Leben. Er war ein Geschenk von Dick, ihrem Ehemann in jener Zeit, als sie in New York gelebt hatte. Mit ihm. Mit Laurie. Mit dem GTO.

    Nach Dicks tragischem Unfalltod hatte sie den Wagen dann mitgenommen, zurück in ihre Heimat – als Vermächtnis, als Erinnerung an einen Freund, einen Partner. Und an einen Dad, der Laurie-Nadine fast acht Jahre lang mit Wärme und Verlässlichkeit begleitet hatte.

    Sie benutzte ihn heute kaum noch, aber sie hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, den Wagen zu verkaufen. Und so stand er jetzt da, in Toms Halle. Wartete, dass Laura mal wieder Zeit fand, sich mit ihm zu beschäftigen, ihn zu fahren, zu spüren, zu lieben.



    Aber diese Momente waren rar geworden. Laura hatte viel zu tun. Ihre Märkte und Events, die sie veranstaltete, kosteten viel Zeit – und Kraft. Dazu Lisa. Sie liebte sie. Schon lange – eigentlich schon seit dem Tag, an dem sie sie kennen gelernt hatte. Und Laura tat alles, damit sie nicht leiden musste. Aber da war diese Krankheit, die sie immer wieder störte, belastete, quälte. Auch sie kostete viel Lebensqualität und Energie.

    Schon allein dieser schreckliche Name: Systemischer Lupus erythematodes, oder kurz: SLE. Das klang so technisch, so medizinisch – bedrohlich. Diese Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift, forderte die so lebenslustige Lisa jetzt schon seit fast fünf Jahren. Immer wieder, wenn sie diese Schübe hatte – oft ein bis zwei Wochen lang – war sie erschöpft, lichtempfindlich, reizbar und zog sich zurück.

    Aber Lisa hatte gelernt, damit zu leben. Sie hatte verstanden, dass ihr Körper nicht gegen sie war. Im Gegenteil, ihr Immunsystem übertrieb es von Zeit zu Zeit und darunter musste sie leiden. Für sie war es, als hätten die Soldaten an der Grenze ihren Job verlernt – keine ruhigen Kontrollen mehr, sondern ein paar hypernervöse Dussel, die wie Revolverhelden erst schießen und dann fragen, was eigentlich los ist.

    Auch Laura hatte erst lernen müssen, damit umzugehen. Sie war für sie da. Immer. Aber sie durfte auch nicht übersteuern, Lisa mit ihrer Fürsorge nicht erdrücken. Und dieses Gleichgewicht hielt sie gut.

    Heute früh war es Lisa schon wieder etwas besser gegangen. Sie war aufgestanden, aß, sprach. Das waren Anzeichen, dass die Medikamente wirkten und der aktuelle Schub sich bald verziehen würde. Denn jedes Mal, wenn ein Schub kam, wusste Lisa: Es würde auch wieder vergehen. Aber nie für immer.


    Laura wollte die Gelegenheit nutzen, um ein paar Besorgungen zu machen, außerdem hatte sie noch ein paar Dinge zu klären für den morgigen Markt. Und weil es gerade auf dem Weg lag, hatte sie kurz bei Tom Halt gemacht, um einen Blick auf ihr Auto zu werfen.

    „Willst du ihn fahren? Dann mach ich dir das Tor auf“, fragte Tom.

    Laura schüttelte den Kopf. „Nee, keine Zeit heute. Vielleicht hole ich ihn mir nächsten Monat mal wieder, wenn dein nächstes Treffen ansteht.“

    „Okay, ich sag dem Lehrling Bescheid“, grinste Tom.

    Dem Lehrling‘. Natürlich, er meinte Laurie. Sie so zu nennen, war seine ironische Art, mit ihrer manchmal recht dominanten Art – auch ihm gegenüber – umzugehen.

    „Wie macht sie sich denn?“ erkundigte sich Laura nach den beruflichen Fortschritten ihrer Tochter.

    „Na ja, ich sag mal so“, erklärte Tom, „wenn sie so weitermacht, hat sie in fünf Jahren den Meisterbrief in der Tasche und übernimmt den Laden hier.“

    Laura grinste – und auch in ihrem Blick lag ein Hauch Stolz.

    Gemeinsam deckten sie den GTO wieder zu, dann machte sich Laura auf den Weg.

    „Grüß Lisa!“ rief Tom ihr nach.

    1. Kapitel 3 Saturday Night live



    Das Licht war kalt. Neonröhren an der Decke, ein einzelner LED-Spot über der Werkbank. Kein Tageslicht, keine Fenster. Nur Werkstattlicht – hart, flimmernd, ehrlich.

    Vor dem Tor stand Hook, der rostig-pastellgrüne Chevy C10 mit dem selbstgebauten Abschleppgestell auf der Ladefläche. Seine Dienste waren heute Abend nicht gefragt, er hatte Pause. Wie ein alter Hund, der vor dem Haus Wache hielt.


    Drinnen stand Elenn mit dem Rücken zur Kamera. Die Träger ihrer Latzhose hingen lose über die Hüften, der Oberkörper frei, glänzend vom Öl. Ihre Haut trug Spuren – nicht von Schmuck, sondern von Stahl. Und sie trug sie wie Auszeichnungen. Der rechte Arm war tätowiert, von der Schulter bis zum Handgelenk. Autos. Werkzeuge. Frauen. Hook. Ein Archiv auf Haut.


    Im Hintergrund: Chaos. Werkzeug lag verstreut, Kabel schlängelten sich über den Boden, das Schweißgerät wartete auf einen seiner zahllosen Einsätze. Ausgebaute Sitze lehnten gegen die Wand, wie stumme Zeugen eines Projekts, das mehr war als nur ein Auto. Links am Bildrand: ein gelber AMC Pacer.


    Der skurrile Kleinwagen war Elenns aktuelles Projekt. Tom hatte ihn ihr überlassen. „Hier, mach was draus“, hatte er gesagt. Ein AMC Pacer – ein Fahrzeug irgendwo zwischen Kult und Comedy – hatte es zeitlebens schwer gehabt in der Welt der Automobile. Von den einen verlacht wegen seiner Form – ein Goldfischglas auf Rädern. Von den anderen nie ganz ernst genommen. Ein Kleinwagen, der zu groß war, zu durstig, zu schräg.


    So hatte er einige Zeit auf Toms Hof verbracht. Als Ladenhüter aus einem schlechten Deal war er in den Reihen immer weiter nach hinten gerutscht. Leute guckten, fragten, lachten – aber niemand kaufte.

    Bis zu diesem einen Tag. Bis Laurie ihn ansah. Und er guckte zurück. Mit seinen sonderbaren Froschaugen.

    Ich will das Auto‘, hatte sie gesagt. Tom hatte nur mit den Schultern gezuckt: ‚Dann nimm ihn.‘


    Immerhin, sein Zustand war gar nicht mal so schlecht. Er war vor ein paar Jahren aufwändig neu lackiert worden. RAL1016 – schwefelgelb. Dazu war er von Geburt an mit einem V8-Motor gesegnet. 304 cubic inches, runde 125 PS. Nicht üppig, aber eine gute Basis für ein Projekt. Denn Elenn wollte mehr. Nicht unbedingt mehr Leistung – noch nicht. Aber mehr für sich, mehr für den Pacer – mehr für die Welt.


    Und so hatte sie zu ihrem Projekt einen Vlog gestartet. Sie dokumentierte den gesamten Aufbau mit ihrer Kamera und stellte die Folgen online.

    Und jeden Samstag, pünktlich um 20 Uhr Miteleuropäischer Zeit, streamte sie live. Live aus der Werkstatt, die Laura ihr in einem Nebengebäude der Fabrik eingerichtet hatte. Aus ihrem Refugium, ihrem Atelier, ihrem Universum aus Öl, Rost und Chrom.


    Elenn hielt ein Shirt hoch. Kurz, verwaschen, Vintage. Der Druck einer Band, die heute kaum noch jemand kannte. Ihre Finger glitten über den Stoff, langsam, fast zärtlich, als würde sie eine Erinnerung streicheln.

    Dann ihre Eröffnung – eine Hommage an ihr Leben in New York, ein Ritual, das ihre Community kannte und liebte: „It’s Saturday night… and I’m live.“

    Sie zog das Shirt über den Kopf, ließ es kurz auf dem Haar liegen, bevor sie es mit einem Ruck nach unten streifte. Ihre Bewegungen waren fließend, kontrolliert, fast wie ein Tanz.


    Dann drehte sie sich um, griff nach den Trägern der Latzhose, zog sie hoch, klickte sie ein. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht – frech, herausfordernd, voller Lust am Spiel.


    „This is Rebel Yello. Für die unter euch, die neu sind: Ich bin Elenn. Ich schraube. Ich fluche. Ich baue ein Biest. Let’s get dirty.“


    Sie griff zum Schraubenschlüssel, hielt ihn kurz in die Kamera, drehte ihn zwischen den Fingern. Dann stellte sie sich im Profil auf, leckte einmal langsam über das kalte Metall – nicht hastig, sondern mit einem Blick, der sagte: Ich weiß, was ich tue. Und ich weiß, dass ihr zuschaut.


    Dann beugte sie sich in den Motorraum. Die Kamera fing die Rundung ihres Rückens ein, das Spiel der Muskeln unter der Haut, das rhythmische Atmen. Ihre Hände glitten über den Vergaser, suchten die Schrauben, lösten sie mit geübter Präzision.


    Der Chat überschlug sich.


    1382 Zuschauer – einige hingen schon seit über einer Stunde im Stream – bloß nichts verpassen. Kommentare flackerten über den Bildschirm: Flammen-Emojis, Herzchen, technische Fragen, bewundernde Worte, freche Anspielungen.

    Aber Elenn las sie nicht. Noch nicht. Sie war ganz bei sich. Ganz bei ihrem Biest.


    „So, heute geht es an die verfickte Gasfabrik“, begann sie und klopfte mit dem Schraubenschlüssel auf den Vergaser, als wolle sie den Neulingen im Chat zeigen, was eigentlich gemeint war. „Zu groß“, murmelte sie leise, „erstickt den Motor. Ja, das ist ein fetter 750 CFM Double Pumper. Sieht geil aus, oder? Der Mythos besagt: Mehr CFM – also mehr Luftdurchsatz – bringt mehr PS. Falsch. Auf einem fast serienmäßigen 304er V8 ist das Ding einfach nur überdimensioniert. Der Motor kann den Luftstrom nicht schnell genug verarbeiten, die Strömungsgeschwindigkeit sinkt, und das Teil mischt nicht richtig. Das Ergebnis: Weniger Leistung, nicht mehr.“

    Der Chat stimmte zu.

    „Size matters“, schrieb einer.

    „Ich fahre ’nen 500er“, ein anderer.

    „Never change a running system!“

    „Bullshit, das System runnt ja nicht“, konterte ein weiterer. „Raus mit dem Monster.“

    Zwischendurch immer wieder die lakonischen „Ausziehn ausziehn“-Rufe.

    Und dann: „Du bist das Biest, nicht der Pacer!“


    Elenn überflog die Texte kurz, ein süffisantes Lächeln auf den Lippen. „Ganz genau. Der Motor braucht Effizienz, keine protzige Größe.“



    Sie wischte sich die Hand am Shirt ab und deutete auf eine kleinere, unscheinbare Box auf der Werkbank. „Das hier ist die Lösung. Die richtige Größe, perfekt abgestimmt auf den Drei-null-vier. Er wird atmen können.“



    Stunden später war der neue Vergaser verbaut. Die Zahl der Zuschauer hatte sich fast verdoppelt, und Elenn las inzwischen mehr, als dass sie schraubte. Sie erklärte, diskutierte, stritt – und neckte. Immer wieder mal rutschte ein Träger, das Shirt öffnete einen Spalt Haut, gerade genug, um die Fantasie zu reizen. Nie plump, nie zu viel.

    Dann bereitete sie das Finale vor. Der Chat wusste, was jetzt kam.

    Elenn legte den Schraubenschlüssel weg, gab letzte Kommentare ab: „So – so weit, so gut. Testlauf gibt es dann, sobald die neuen Ventildeckel drauf sind. Nächste Woche oder so. Sie sah direkt in die Kamera. Ihr Grinsen war schief, herausfordernd, voller Lust am Spiel. „Hab ich noch was vergessen?“

    Die Antworten flackerten im Sekundentakt.

    „Das Shirt!“

    „Ausziehn, ausziehn!“

    „Ich will dein Shirt!“

    Sie lächelte, schob langsam die Träger von den Schultern. „Okay, you dirty bunch. Same procedure as every week.“ Sie zog das Shirt aus, hielt es hoch – Öl, Schweiß, Risse. Darunter Haut, glänzend im Werkstattlicht, mehr als ein Portrait, weniger als ein Geheimnis.

    „Das war heute mein Werkzeug. Wer mir das geilste Bild schickt – Werkstatt, Körper, Chaos – whatever – kriegt das Shirt. Ungewaschen. Ehrlich. Elenn.“

    Der Chat explodierte. Bilder strömten herein, sie scrollte, lachte, kommentierte. Schließlich legte sie sich fest: „Okay, the Winner is… oh wow! DirtyDaisy. Geiles Pic, girl! Schick mir den Kontakt, dann bekommst du mein Shirt. Alle anderen: Better luck next time. See you next week. Rebel Yello over and out.“

    Die Kamera glitt in die Unschärfe, ein Schraubenschlüssel fiel klirrend zu Boden. Dann war der Stream vorbei.

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    1. Kapitel 4: Dust & Desire


    Sonntag, 7 Uhr 58. Laura trat vor das große Rolltor, eine Menschentraube versammelte sich um sie.

    „Moin zusammen!“, grüßte sie freundlich in die Menge, einige verschlafene Grüße kamen zurück.

    „So, kurz was zum Ablauf: Die meisten von euch haben ihre Reservierung. Wer nicht vorbestellt hat, kommt gleich zu mir, ‘ne Handvoll Restplätze hab ich noch. Der Rest weiß Bescheid. Ich mach jetzt das Tor auf, und dann bitte wie immer: Reinfahren – ausladen – rausfahren – aufbauen. Wer Fragen hat, kommt zu mir, wer Stress macht, kann nach Hause fahren. Vielen Dank und viel Spaß.“


    Einige klatschten verhalten, dann verteilten sich die Händler und stiegen in ihre Autos, Laura ging in die Halle und ließ das Tor hochfahren.


    Seit fast zwei Jahren waren diese Märkte Lauras neue Aufgabe. Nachdem die Konzerte ausgelaufen waren – und mit ihnen auch ihre wichtigste Einnahmequelle – hatte sie sich neu orientieren müssen. Und da sie diese Art Märkte liebte – das Alte, den Stil die besondere Atmosphäre – lag es nahe, ihre Fabrikhalle genau dafür zu öffnen. Eine Konsequenz, die sich fast von selbst ergab.

    Lauras Märkte waren dabei eine Welt für sich. „Dust & Desire – Märkte für Staub und Sinnlichkeit“ – schon der Name versprach mehr als bloßes Stöbern zwischen alten Kisten. Wer hierher kam, betrat einen Ort, an dem Vergangenheit und Verlangen Hand in Hand gingen. Zwischen antiken Spiegeln, zerlesenen Büchern und Möbelstücken mit Patina fanden sich auch Objekte, die leises Erröten hervorriefen: erotische Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, manchmal frech, manchmal kunstvoll, immer mit einem Augenzwinkern – und ohne diesen erotischen Anteil wären die Märkte nicht Ausdruck ihrer Vergangenheit und ihres offenen Umgangs mit Lust und Körperlichkeit – sie wären einfach nicht „Laura“.

    Es war genau diese Mischung, die den Reiz ausmachte: Staub und Sehnsucht, Trödel und Tabu, Nostalgie und Neugier. Lauras Märkte waren kein Ort für billige Massenware, sondern für Menschen, die Geschichten suchten – und bereit waren, sich überraschen zu lassen.

    Man kam nicht nur, um etwas zu kaufen. Man kam, um zu sehen, zu staunen, zu lachen – und vielleicht, um sich ein wenig aus der Fassung bringen zu lassen. „Dust & Desire“ war ein Markt, der Neugier weckte und Tabus berührte, zugleich ein Zuhause für all jene wurde, die das Ungewöhnliche liebten.

    Der Anteil an erotischen Objekten und Waren, die dem Jugendschutz unterlagen, machte eine Einlasskontrolle unvermeidlich – eine strikte Auflage des Ordnungsamtes, die Laura nicht nur akzeptierte, sondern mit Nachdruck umsetzte. Sie war stolz darauf, dass „Dust & Desire“ zwar Grenzen auslotete und Spielräume verschob, aber niemals leichtfertig mit Regeln spielte. Keiner sollte behaupten können, hier würden Vorschriften ignoriert oder gar bewusst unterlaufen.

    Darum achtete sie auch mit scharfem Blick darauf, dass kein Unbefugter Zutritt erhielt. Schon während der Aufbauphase standen zwei studentische Hilfskräfte am Tor, aufmerksam wie Türsteher eines exklusiven Clubs. Ihre Aufgabe war klar: niemand durfte unkontrolliert hinein.

    Ein Mann mit abgewetzter Lederjacke näherte sich, die Hände tief in den Taschen, den Blick auf die Halle gerichtet. Er war einer von denen, die Laura kannte: professionelle Aufkäufer, die versuchten, sich vor der offiziellen Marktzeit hineinzuschleichen, um die besten Stücke abzugreifen und dabei den Eintritt zu sparen.

    „Tut mir leid, heute kein Zutritt,“ sagte einer der Studenten und stellte sich breitbeinig vor ihn.

    „Ich will nur mal kurz schauen,“ murmelte der Mann, „nichts kaufen, nur gucken.“

    „Genau das geht nicht,“ entgegnete der andere ruhig. „Offizieller Einlass erst ab zehn Uhr. Und dann mit Ticket.“

    Der Mann murmelte etwas, drehte sich widerwillig um und stapfte davon.

    Laura, die die Szene aus der Ferne beobachtet hatte, nickte zufrieden. Für sie war das mehr als eine Formalität: Die Einlasskontrolle war Teil ihres Konzepts. Erotik und Antiquitäten verlangten Seriosität, und wer den Markt betrat, sollte das Gefühl haben, in einen geschützten Raum einzutreten – nicht in ein Schlupfloch für Schnäppchenjäger.



    Sie war gerade dabei, die letzten spontan angereisten Händler mit den verbliebenen Restplätzen zu versorgen, als plötzlich der Zustrom der Transporter stockte. Erstes Hupen war zu hören, die Zufahrt wurde blockiert von einem rostig-weißen Fiat Ducato. Darin ein heftig gestikulierender Mann mit wildem Haar.

    Laura ging zu ihm, öffnete die Fahrertür. „Stratos, was ist los? Will er nicht mehr?“, fragte sie den schimpfenden Griechen.

    „Re maláka, springt nicht mehr an. Was ist los? Scheisskarre…! Habe ich erst letzten Monat gekauft neue Batterie und jetzt – wieder tot. Skatá!“

    Laura winkte die beiden Hilfskräfte heran, um den Fiat kurzfristig aus dem Weg zu schieben, dann griff sie zum Telefon.

    „Warte kurz, ich ruf meine Tochter an. Die kann dir eben Starthilfe geben.“

    „Omorfiá mou, meine Schönheit – du bist immer da für Stratos. Ohne dich nix läuft. Nicht mal meine Scheissauto!“

    Laura wählte den Kontakt „Tochter“. „Mal sehen, ob sie schon rangeht.“

    Es klingelte drei, vier, fünfmal, dann wurde das Gespräch angenommen. „OP zwo, Schwester Thusnelda am Apparat!“

    Laura grinste. „Guten Morgen Tochter. Bist du schon wach?“

    „Ich bin noch wach…“

    „Ach so. Kannst du mal zum Tor kommen? Wir brauchen hier mal Starthilfe.“

    Schweigen.

    „Bitte?“, ergänzte Laura das Zauberwort.

    „Give me one minute!“ Dann war das Gespräch beendet.

    Nur eine knappe Minute später, Laura hatte sich wieder den wartenden Händlern zugewandt, hörte sie, wie drüben vor der Werkstatt die Tür des Pickup zuschlug, langsam erwachte Hook zum Leben und er brauchte einige Momente, bis er jeden seiner sechs Zylinder zur Mitarbeit überredet hatte. Mit viel Getöse fuhr Laurie zum gestrandeten Ducato. Zwanzig Meter über den Platz – keine Gefahr, kein Hindernis. Aber Laurie schaltete das Rundumlicht ein, als stünde eine Großevakuierung bevor. Ein typischer Laurie-Moment: aus einer Kleinigkeit eine kleine Show machen. Heftig mit den Armen rudernd stieg Stratos aus.

    Laura ging kurz zu ihnen und zog die Stirn kraus. „Moin. Hast du bis jetzt gestreamt?“

    Laurie sah sie nicht an, sondern öffnete bereits die Motorhaube von Stratos’ Transporter. „No, bin in der Halle eingepennt“, erklärte sie lapidar.

    „Na, danke, dass du wenigstens ne Hose angezogen hast“, kommentierte Laura das recht freizügige Outfit ihrer Tochter.

    „Sorry, das Shirt ist schon eingetütet… Was liegt denn an?“, fragte sie und guckte prüfend unter die Motorhaube das Patienten.

    „Springt nix an – nur Klack, Klack...“, erklärte Stratos das Problem und Laura ging wieder in die Halle. Bei Laurie war das blecherne Sorgenkind in den besten Händen.



    Keine fünf Minuten später rollte ein strahlender Stratos in die Halle, draußen hörte man Hook davonfahren.

    „Das ging aber schnell“, staunte Laura. Wo fährt sie denn jetzt hin?“

    Stratos zuckte mit den Schultern. „Brötchen holen?“ vermutete er und fing an, seine Ware auszuladen.


    Da rief auch schon der nächste Händer nach Unterstützung.

    „Lauraa!“

    „Justav, was ist los?“ fragte Laura und ging zu einem schräg parkenden Volvo mit Anhänger.

    „Dit stümmt nich hier“, beschwerte sich der Händler und lief immer wieder seinen reservierten Standplatz ab.

    „Wat stümmt nich?“ imitierte sie seinen Dialekt und sah ihn fragend an.

    „Ick hab acht Meter reserviert. Dit sind aber bloß fünfe hier“, beschwerte er sich und schritt wieder demonstrativ mit fünf großen Schritten den Kreidestrich entlang, der Platz 2B markierte.

    Laura sah auf ihr Klemmbrett mit dem Hallenplan und schüttelte den Kopf.

    „Nee, du hast fünf Meter.“

    „Mädel! Ick hab ümmer achte. Wie soll ick denn auf fünf Meters mein janzet Zeuch unterbringen? Ick hab Ware für zehn Meter dabei. Soll ick noch ne zweete Reihe obendruff packen oder watt?“

    Laura zog die Brauen zusammen und blätterte in ihren Unterlagen. „Hast du online reserviert?“

    Justav winkte ab. „Ts, Onlein. Diesen janzen modenen Firlefanz broocht keen Mensch. Ick hab dir n Dings jeschickt, wie heest’n dat? Na, so n Blatt. Über Telefon…“

    „Ein Fax?“

    „Jenau dit.“

    Laura grinste. Telefax. Die Trendkommunikationsform aus den 80ern. Aber gut, die Märkte waren Retro, warum sollten nicht auch die Händler und ihre Kommunikation Retro sein? Wenigstens hatte Justav keine Postkarte geschickt.


    Sie blätterte nochmal, dann hatte sie seine Bestellung gefunden. „Hier steht fünf“, bestätigte sie die Korrektheit der Reservierung und zeigte ihm das Blatt.

    „Watt?“ Justav suchte seine Brille, fand sie im schütteren Haar und sah auf das Blatt. „Mädel, dit is keene Fünnef, dit is ne Achte!“, erklärte er seine Handschrift.

    Laura rollte mit den Augen und seufzte.

    „Und nu?“ fragte er.

    Laura sah auf den Hallenplan. „Wer steht denn neben dir?“

    Justav sah sich um. „Bis jetzte – keener.“

    „Na, dann ist doch alles klar. Du nimmst die drei Meter nebendran dazu, ich trag dich hier für zwo b und c ein, und allet is jeritzt.“ Sie nahm ihren Kuli und ergänzte die Markierungen auf dem Plan.

    „Mädel, du bis ne jute.“, lobte Justav. „Hat dir dit schon mal eener jesacht?“

    Laura grinste und zog weiter zum nächsten Problemfall.

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  • In der nächsten Reihe blieb sie vor dem Stand eines neuen Händlers stehen. Zwischen alten Autoradios und Werkzeug lag ein Karton mit Schlagstöcken und Handschellen, offen ausgelegt, als wären es harmlose Sammlerstücke.

    „Das geht nicht,“ sagte sie scharf.

    Der Verkäufer, ein drahtiger Mann mit kurzem Oberlippenbart und Pilotenbrille, hob abwehrend die Hände. „Aber das sind Originale! Polizeiware aus den Siebzigern. Sammler lieben sowas.“

    „Mag sein,“ erwiderte Laura kühl. „Aber hier haben die keinen Platz. Waffen und Gewaltobjekte sind verboten.“

    „Ach komm,“ widersprach er, „das sind doch nur Relikte. Niemand benutzt die mehr. Die Leute wollen Geschichte anfassen.“

    Laura fixierte ihn mit einem Blick. „Geschichte ja, aber nicht in Form von Schlagstöcken, die immer noch als Waffe taugen. Wir sind hier, um Grenzen zu verschieben – nicht um Vorschriften zu unterlaufen.“

    Der Mann seufzte. „Andere Märkte lassen sowas durch. Da sagt keiner was.“

    „Andere Märkte sind mir egal,“ konterte Laura. „Hier gilt meine Verantwortung. Und meine Regeln.“

    Sie griff nach einem Stapel Fotoalben, die neben dem Karton lagen, und schlug eines auf. Zwischen harmlosen Urlaubsbildern fanden sich Aufnahmen von Uniformierten, Szenen mit Schlagstöcken und Demonstrationen.

    „Und das?“ fragte sie scharf.

    „Dokumentation,“ erklärte der Händler hastig. „Das ist Zeitgeschichte. Das will man sehen. Das ist doch nichts Verbotenes.“

    Laura blätterte weiter, ihre Stirn blieb gerunzelt. „Dokumentation ist das eine. Aber wenn du hier Gewalt romantisierst oder als Sammelobjekt ausstellst, ist das das andere. Wir sind kein Flohmarkt für alte Prügelbilder.“

    „Verherrlichen? Nein! Das ist Kunstfotografie. Authentisch. Manche Kunden zahlen gutes Geld dafür.“

    „Kunst ist hier willkommen,“ erwiderte Laura, „aber nicht, wenn sie Gewalt verklärt. Pack die Alben weg. Wenn ich sie noch einmal offen sehe, gibt’s gleich Marktverbot!“

    Der Händler verschränkte die Arme. „Du bist streng. Vielleicht zu streng. Die Leute wollen doch auch mal was Echtes sehen.“

    Laura trat einen Schritt näher, ihre Stimme blieb fest. „Echt ist nicht gleich erlaubt. Du bist neu hier, ja? Dann lern gleich die wichtigste Regel: Keine Waffen, keine Gewaltobjekte. Egal ob alt oder neu. Pack das weg.“

    Der Mann wollte noch etwas erwidern, doch Lauras Ton ließ ihn verstummen. Er griff widerwillig nach dem Karton und schob ihn unter den Tisch, zusammen mit den Alben.

    Laura machte eine Notiz, drehte sich um und ging weiter. Mit noch gerunzelter Stirn und dem Klemmbrett fest unter dem Arm schritt Laura weiter durch die Gänge. Der Streit mit dem neuen Händler hing ihr nach, die Worte hallten wie ein Echo.

    Doch als sie Stratos’ Stand erreichte, veränderte sich die Atmosphäre. Zwischen den Kartons, Schildern und dem Duft von starkem Kaffee empfing sie sein breites Lächeln, das wie ein Gegenpol wirkte. Laura blieb stehen, überflog sein vielfältiges Warenangebot – und in diesem Moment kam Laurie wieder in die Halle.

    Sie hatte sich umgezogen, auf dem Arm eine große Schachtel mit Donuts, und bezog ihren Platz am Kassentisch. Stratos lächelte.

    „Laura, meine Omorfiá,“ begann Stratos mit ausladender Geste, „deine schöne Tochter – sie ist meine Rettung! Ohne Laurie, nix läuft. Mein Auto tot, sie kommt, macht zack, und schon fährt er wieder. Ich sage dir: sie ist Göttin mit Kabel!“

    „Ja, sie weiß, was sie tut“, kommentierte Laura trocken.

    Stratos winkte heftig Richtung Kasse. „Laurie! Komm her, meine Heldin!“

    Stratos griff hinter seinen Stand, holte einen dampfenden Becher hervor. „Für dich – Kaffee, selbst gekocht von Stratos. Schwarz, stark, wie ich! Trink, und denk an mich, wenn du wieder Kabel rettest.“

    Laurie nahm den Becher und schmunzelte „Danke, Stratos. Aber das Kabel war echt nur locker.“

    „Locker, fest – egal!“ rief er lachend. „Mit dir alles läuft! Hier, warte ich habe Geschenk für dich…“

    Stratos wühlte in mehreren Kartons, während Laurie hinter ihm ein Schild entdeckte: ‚Efstratios

    Chrysopateropolos-Kalamiridis – Autoteile & Antiquitäten.‘

    Sie grinste. „Ist das dein Firmenschild, Efstratios?“ Stratos drehte sich um und lachte. „Ist altes Schild. Und falsch geschrieben. Hat meine Cousin gemacht, war billiger. Sag Stratos, ist einfacher. Meinen vollen Namen kennt nur das Finanzamt – und selbst die schreiben ihn falsch.“

    Er bückte sich wieder und zog eine bronzene Statue hervor. Stolz präsentierte er Laurie die Figur. „Hier: griechische Aktfigur. Echt antik – na ja, fast. Schaust du.“

    Laurie betrachtete den etwa fünfzig Zentimeter großen Griechen, dessen Körperhaltung keine Zweifel ließ. Sie grinste breit. „Sehr stolz. Und sehr… groß. Da kann ich meinen Schlüsselbund dranhängen.“ Sie tippte mit dem Finger auf das überdeutliche Detail. „Oder gleich die ganze Einkaufstasche – hält bestimmt.“

    Laura schüttelte leicht den Kopf, konnte sich ein kurzes Lachen aber nicht verkneifen.

    Dann fiel Stratos’ Blick auf Lauries Arm. Die Tattoos – Bilder von Autos, Werkzeugen, Frauen – blitzten unter dem Licht hervor. Er hielt inne, als würde er einen Gedanken fassen, und griff erneut in die Kiste.

    „Hier, noch mehr griechische Kunst. Zwei Frauen. Wunderschön. Habe ich von einem alten Künstler. Hat er gesagt: Liebe ist nicht nur Mann und Frau. Liebe kann alles sein, was schön ist. Mann, Frau – spielt keine Rolle. Wenn’s schön ist, dann ist es Liebe. Sag ich dir, kóri mou – das ist für dich.“

    Er reichte Laurie das hölzerne Objekt. Sie nahm es, bedankte sich höflich und stellte die Figur später vor sich auf den Tisch an der Kasse.

    Laura sah die Szene, wie Stratos die Frauenfigur überreichte. Sie lächelte knapp – nicht spöttisch, nicht überrascht, eher ein stilles, wissendes Lächeln. Ein kurzer Blick zu Laurie, dann wandte sie sich wieder ab.

  • Streetracer

    Hat den Titel des Themas von „Der dem Streetracer seine Geschichte-Fred“ zu „Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred“ geändert.
  • Die kommen, wenn sie dran sind. Im GuMo waren nur einzelne Abschnitte, die thematisch gepasst haben – als Preview oder Appetizer oder so...


    Hier kommen alle Kapitel in richtiger Reihenfolge, die Story komplett von Anfang an.

  • Zum Reinkommen noch ein Kapitel. Weiter Weltenbau – Hier bekommen wir einen Einblick in Lauries Arbeitswelt bei Tom. Dann erfahren wir etwas über ihre Vergangenheit und ihre komplizierte Familiensituation in einem zwanglosen Gespräch mit einer Mitschülerin in der Berufsschule.


    Anschließend wieder Laurie in ihrer stärksten Form – witzig und schlagfertig – die Situation mit Can und Emre, schon bekannt aus dem GuMo:


    Kapitel 5: Normal ist sinnlos


    „Laurie? Tochter, wo bist du?“, rief Tom durch die Werkstatt.

    „Hier, wo die Hand leuchtet“, kam es hinter einem roten Chevy Bel Air hervor.

    „Was machst du da?“

    „Die Sitzbänke wieder rein. Hast du mir doch selbst vor ‘ner Stunde gesagt…“

    „Ja, später. Wenn ich mit anpacken kann. Die Dinger sind doch für einen viel zu sperrig!“

    „Zu spät. Alles schon drin.“

    „...und der Lack ist versaut?“

    Laurie verzog beleidigt das Gesicht. „Wenn ich was mache, mach ich’s ordentlich, Boss.

    Was gibt‘s noch zu tun? Noch ne Viertelstunde bis Feierabend.“

    Tom schüttelte den Kopf. „Heute nichts. Morgen musst du mir mal helfen. Wir müssen bei der C4 die Haube wieder drauf…“

    „Määäp!“, machte Laurie ein Geräusch wie nach einer falschen Antwort beim Quiz. „Leider verloren. Morgen ist Berufschule.“

    Tom verdrehte die Augen. „Ach scheiße! Dämliche Schule. Kannst du nicht ausnahmsweise mal blau machen? Paula hat doch ‘nen Arzttermin und der Kunde will morgen Mittag sein Auto abholen.

    „Sorry old man“, grinste Laurie, “Schule geht vor, sagt mein Ausbilder. „Es sei denn, du schreibst mir ‘ne Entschuldigung. Komm, ich diktier‘ dir: ‚Lieber Lehrer, meine Tochter aka ‚die Spitzenazubine‘ kann heute traurigerweise nicht zur Schule kommen, weil ich zwar drei Beine, aber keine drei Arme habe und sie für mich einfach unentbehrlich ist. Mit freundlichen Grüßen, Tom – Herr und Meister‘ “

    Tom grinste sie an. „Nee nee, nix da! Du gehst schön da hin. Muss der Kunde eben noch ‘nen Tag warten.“

    „Oder wir machen’s jetzt noch schnell. Los, hopp, pack an!“, drängte Laurie und stellte sich schon an die linke Seite der Haube.

    Tom stöhnte. „Die ist nicht schwer, nur unhandlich. Allein krieg ich die nie sauber rein.“

    „Na dann – zwei Mann, vier Ecken. Come on.“

    Sie griff links, er rechts. Gemeinsam hoben sie das sperrige Teil an, balancierten es vorsichtig über die Corvette.

    „Noch ein Stück … höher … ja, genau da!“, rief Tom, während er die Scharniere anvisierte.

    Laurie hielt das Gewicht stabil, biss die Zähne zusammen. „Jetzt! Rein damit!“

    Mit einem dumpfen Klack glitt die Haube in die Aufnahmen. Beide ließen gleichzeitig los und atmeten durch.

    Tom wischte sich die Hände ab. „Allein hätte ich das nie geschafft.“

    Laurie grinste breit. „Siehst du? Spitzenazubine. Und jetzt hab ich wirklich Feierabend.“

    Tom nickte, trat einen Schritt zurück – und runzelte plötzlich die Stirn. „Shit! Die Kabel am Lüftermotor … die hätte ich besser vorher noch festgezogen.“

    Laurie zog eine Augenbraue hoch, verschränkte die Arme und lächelte überlegen. „Längst erledigt. Vorhin, als du Kaffee gekocht hast.“

    Tom blinzelte, überrascht. „Echt?“

    „Echt. Ich denk halt ab und zu mit.“

    Er schüttelte den Kopf, halb genervt, halb stolz. „Du bist schneller als ich gucken kann.“

    Laurie schnappte sich ihren Schraubenschlüssel, pustete ihn an wie einen rauchenden Colt im Western und meinte: „Na klar, ich schraub’ schneller als mein Schatten. Sonst wärst du ja totally lost. Bis morgen. Nee, übermorgen…“

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  • Dienstag, kurz nach zehn, große Pause. Seda Demirci und Laurie saßen etwas abseits des Pausenhofs auf der Lehne einer Bank und redeten über die letzte Stunde.

    Seda zog an ihrer Zigarette, blies den Rauch langsam aus und grinste. „Ey, hast du die Hochvolt-Übung gecheckt? Ich fand’s eigentlich spannend.“

    Laurie schüttelte den Kopf, nahm einen Schluck Cola und verzog das Gesicht. „Spannend? Sowas ist kein Auto mehr, das ist ein rollender Laptop. Ich will Motor hören, Benzin riechen, Öl an den Fingern haben. Nicht Kabel und Software.“

    Seda tippte die Asche ab, musterte sie mit einem schiefen Lächeln. „Du bist echt Retro.“

    „Echt Retro? Nee. Nur echt. Das ist ein Unterschied.“ Sie verschränkte die Arme, als wollte sie das unterstreichen.

    „Aber ohne das Zeug kriegst du später keinen Job. Die Werkstätten leben davon.“ Seda ließ Rauch in den grauen Himmel steigen.

    Laurie zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Aber ich fahr Hook. Und Hook hat keinen USB-Port.“

    Seda lachte, schüttelte den Kopf. „Du und dein Hook. Fährst du den eigentlich nur oder nimmst du ihn abends auch mit ins Bett…? Aber weißt du was? Ich find’s cool, dass du so konsequent bist. Ich würd‘ mich nicht trauen, so gegen den Strom zu schwimmen.“

    Laurie stellte die Cola neben sich ab, blickte über den Hof, wo ein paar Mitschüler über ihre Autos fachsimpelten. „Ich schwimme nicht. Ich fahr einfach meine eigene Straße.“

    „Die Karre ist so cool. Hast du den eigentlich ganz alleine zum laufen gebracht?“, fragte Seda und zog wieder genüsslich an ihrer Zigarette. Das Kopftuch war vom Wind leicht verrutscht.

    Laurie schüttelte den Kopf und biss in einen Schokoriegel. „Nope. Mit meinem Dad zusammen. Er hat ihn mir zum 16. Geburtstag geschenkt und wir haben ihn zusammen aufgebaut. Zum 18. war er dann startklar.“

    „Und seitdem fährst du den?“

    Sie nickte still.

    „Aber warum ein Abschleppwagen?“

    Laurie zuckte mit den Schultern. „War halt so. Die Karre ist aus den Staaten und da hat irgendwer mal diesen Boom draufgespaxt. Ich find’s cool so. Außerdem hab ich als Kind immer ‚Cars’ geguckt.“

    „Den Film? Ach ja, da gibt auch einen Hook…“

    Laurie lachte und ihre Augen funkelten. „Genau! Ich liebe den Typen. Voll chaotisch, aber immer loyal. Hook ist einfach Kult.“

    Seda schüttelte den Kopf, grinste. „Passt echt zu dir. Ein bisschen verrückt, aber immer da, wenn’s drauf ankommt.“

    Laurie nickte, nahm noch einen Schluck Cola. „Siehst du? Hook ist mehr als nur ein Auto. Meiner ist genauso treu wie der im Film – nur eben echt.“

    „Auf jeden Fall praktisch.“

    „Du sagst es. Wenn du irgendwann mal im Graben liegst mit deinem kleinen Polo, just give me a call und ich zieh dich raus.“

    „Und der hat so TÜV?“

    „War nicht einfach. Sonder-Eintragung. Papierkrieg. Aber Dad hat gute Connections.

    „Dein Vater hat ne Werkstatt, richtig?“

    „Richtig. ‚Past Times‘ US-Cars hauptsächlich.“

    „Ich hätte auch gerne einen Vater, der mir ein Auto schenkt. Mein Alter würde mir am liebsten ein Topfset zum Achtzehnten schenken“, grinste sie schief. „22 Teile, mit Familienbräter für die ganze Sippe.“

    „Immerhin lässt er dich Kfz lernen…“

    „Weil er selber Automechaniker ist. Und weil er keinen Sohn hat, darf ich diese Ausbildung machen.“

    „Schon fortschrittlich, oder? Ist deine Familie schon lange in Deutschland?“

    „Ich bin die dritte Generation.“

    „Einzelkind?“

    „Mhm“, bestätigte sie.


    Seda war eines von drei Mädchen in Laurie Klasse, siebzehn Jahre alt und die einzige Tochter von Mehmet und Aylin Demirci. Ihre stille, beobachtende Art verlieh ihr oft eine unerwartete Tiefe, fast so, als sähe sie mehr als die anderen.

    Fachlich konnte ihr kaum jemand das Wasser reichen. Sie war keine Einser-Schülerin, doch in den meisten Bereichen bewegte sie sich knapp darunter – konstant gut, manchmal glänzend. Und auch praktisch ließ sie viele hinter sich, was ihre Mitschüler oft überraschte.

    „Und deine Mutter?“, fragte Laurie weiter – interessiert, mehr über ihre nicht unsympathische Mitschülerin zu erfahren.

    „Verkäuferin im Gemüseladen – total das Klischee. Und deine?“

    „Sie veranstaltet Events. Trödelmärkte, Shows, Oldtimertreffen. Kennst du die alte Textilfabrik, unten am Fluss? Sie gehört ihr.“

    „Deine Eltern sind nicht mehr zusammen?“

    „Sind sie eigentlich nie gewesen… Nicht richtig jedenfalls.“

    Seda nickte verstehend. „Und du? Wohnst du allein?“

    „Nicht ganz, mit in der Fabrik. Oben sind zwei Wohnungen. In einer wohnt Mom mit ihrer Frau, in der anderen ich.“


    Seda zog kurz die Brauen hoch, die Zigarette zwischen den Fingern rollend. Ein winziger Moment des Innehaltens – nicht ablehnend, eher überrascht.

    Dann nickte sie langsam und lächelte. „Ihrer Frau? … Okay. Damit hab ich jetzt nicht gerechnet. Sie ist…“

    „Sagen wir so – sie ist kompliziert.“

    Seda grinste. „Und du? Hast du noch Geschwister?“

    „Nicht, dass ich wüsste…“

    „Hm? Du musst doch wissen, ob du noch einen Bruder hast? Oder eine Schwester?“

    „Auch ‚ne komplizierte Geschichte. Ich hab‘ meinen Vater die ersten Jahre gar nicht gekannt.“

    „Wie das?“, fragte Seda neugierig. „Wenn ich dich das fragen darf…“, zog sie vorsichtig zurück, doch Laurie antwortete ganz offen. „Meine Eltern waren damals nur ganz kurz zusammen, ein paar Monate oder so. Und bevor ich geboren wurde, haben sie sich getrennt und meine Mutter ist zu einem Freund nach New York gezogen. Da bin ich dann zur Welt gekommen.“

    „Du bist in New York geboren? Das ist ja cool!“

    „Yepp. Mom hat Dick dann geheiratet und wir sind dort geblieben.“

    „Dick war der Freund?“

    „Genau. Und für mich war er mein Dad. Ich wusste es ja nicht anders.“

    „Und deine Mom hat es dir nie erzählt?“

    „Erst später. Ein paar Jahre darauf ist Dick mit dem Auto tödlich verunglückt, und danach ist meine Mom mit mir zurück hier nach Deutschland gekommen. Da war ich so sieben ungefähr.“

    „Deine Mutter ist von hier?“

    „Mhm. Und als ich neun geworden bin, hat sie es mir dann gesagt. Dass Dick eigentlich gar nicht mein richtiger Vater war, sondern Tom.“

    „Und das ist der mit der Werkstatt.“

    „Ja.“

    Seda blinzelte, die Zigarette noch zwischen den Fingern, stieß langsam den Rauch aus und formte mehrere perfekten Ringe. „Das muss doch ein riesiger Schock für dich gewesen sein?“, fragte sie leise, fast mehr feststellend als neugierig.



    Laurie schwieg einen Augenblick, dann fiel plötzlich ein Schatten über die Bank und zwei Typen standen vor ihnen.

    Der eine war Emre Yilmaz – groß, schlaksig, im Gesicht etwas, das wohl mal ein Vollbart werden wollte. Daneben Can Öztürk – gedrungen, die Haare nach hinten gegelt, umgeben von einer süßlichen Duftwolke.

    „Eh, Seda, weiß dein Vater eigentlisch, dass du rauchst?“ fragte Can.

    Seda wollte antworten, doch Laurie kam ihr zuvor: „Eh, Ötzi, weiß deine Mutter eigentlisch, dass du nicht mal ’ne Mutter richtigrum draufkriegst?“

    Emre versuchte zu kontern: „Was willst du, Kartoffel?“

    Laurie stieg von der Bank. Sie war größer als Can, etwa genauso groß wie Emre. Sie stellte sich vor Emre auf und fragte mit einem süffisanten Grinsen: „Magst du keine Kartoffeln?“

    „Ey, bin isch deutsch oder was? Isch bin Türke. Stolzer Türke, verstehst du?“

    Laurie wedelte kurz mit der Hand Emres Atemluft zur Seite.

    Der versuchte jetzt, sie zu provozieren: „Eh, Kartoffel, mach disch locker.“

    „Sprichst du mit mir? Mein Name ist nicht Karl Toffel.“

    „Eh, wie heißt du nochmal? Laura, oder?“

    „Nenn mich nicht so“, giftete sie ihn an. Ich bin Elenn!“

    „L.N.? Was ist das? Abkürzung oder was?

    „Nicht L.N. Elenn. Sags richtig: Elenn. Man spricht es flüssig. So flüssig wie das da hinten in deiner Hose.“

    Seda wollte lachen. Ihre Lippen zuckten, ein kurzes Kichern stieg auf, doch sie biss es weg und zog an der Zigarette.

    „Eh Kartoffel, dein Auto brennt“, versuchte sich Can dann an einem nicht mal mittelmäßigen Scherz. Niemand lachte.

    „Ja wirklisch, hab isch gerade gesehen. Deiner ist doch der Rosteimer mit dem Gestell hintendrauf? Der brennt.“

    „Ja, ich habs gehört. Und, was soll ich jetzt machen? Soll ich dir zugucken, wie du die Flammen auspinkelst? So viel Zeit hab ich nicht. Verkrümelt euch, ihr Schnuftis.“

    Emre und Can zogen murmelnd wieder ab, Seda schnippte die Kippe weg, dann ertönte der Gong. „Elenn?“, fragte sie.

    Laurie zuckte mit den Schultern. „Noch ne komplizierte Geschichte.“

    Seda grinste. „Normal ist bei dir nicht drin, oder?“

    „Normal ist wie Küssen mit geschlossenen Lippen – technisch okay, aber völlig sinnlos.“

    „Komm, wir müssen rein. jetzt ist WiSo.“

    Laurie grinste breit. „WiSo, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm.“

  • Es geht weiter mit


    Kapitel 6: Purple Bitch


    Die Vorbereitungen für Toms nächsten Oldtimermarkt waren in vollem Gange und Lisa saß unten im Büro, wie immer den Telefonhörer am Ohr.


    „Ja genau, zehn oder zwölf, wie immer.“


    „Nein, hatten wir jedes Jahr.“


    „Das ist doch Unsinn – was sollen wir mit zwei Klos für tausend Leute?!“


    „Zu spät? Wann soll ich denn buchen? Zwei Jahre im Voraus, oder was?“


    „Wir haben immer bei euch bestellt, und jetzt wollt ihr mir erzählen, das geht nicht mehr?“


    „Nee, komm, vergiss es. Dann such ich mir eben ’nen anderen Klovermieter, der seine Termine im Griff hat.“


    „Ja, danke für gar nichts. Tschüss.“


    Lisa war wieder voll in Fahrt. Es war drei Wochen vor der Veranstaltung und durch ihren letzten Krankheitsschub war eine Menge liegengeblieben. Laura und Tom hatten zwar versucht, ihr so einiges abzunehmen, aber in manchen Punkten war Lisa einfach stur. Die Organisation der Märkte war ihre Aufgabe – und das hatte gefälligst auch so zu bleiben. Lupus hin oder her.


    „Du übernimmst dich!“, hatte Laura heute Morgen noch gesagt. „Mach langsam, sonst liegst du in drei Tagen wieder da…“


    Aber Lisa fühlte sich fit. Die Arbeit, der Alltag, das gab ihr neue Kraft. Wieder einen Sinn darin zu sehen, morgens aufzustehen, etwas zu leisten – wieder da zu sein.


    So, einmal tief Luft holen, und weiter geht’s, dachte sie und blätterte in ihrer To-Do-Liste eine Seite weiter, als draußen der weiße Escalade vorfuhr. Laura stieg aus, in ihrer Hand eine weiße Plastiktüte. Dann hörte Lisa ihre Schritte auf dem Gang.


    Laura stellte die Tüte auf den Schreibtisch. „Hier, Futter für meine Löwin. Bevor du mir hier vom Stuhl kippst.“


    Lisa hob kurz den Blick, wieder das Telefon in der Hand. „Leg’s hin. Ich muss das noch geklärt kriegen.“


    Laura schob die Box näher: „Du musst auch mal was essen, nicht nur organisieren.“ Lisa winkte ab, kritzelte weiter Notizen. „Nachher. Erst die Klos.“


    Laura stand da, die Arme verschränkt, die Finger klopften nacheinander auf den Oberarm – ein stummer Protest, der klar machte: sie bleibt.


    Lisa gab nach und legte das Telefon hin. „Riecht gut. Was gibt’s denn?“, fragte sie neugierig und nahm eine der Styroporboxen aus der Tüte. Ein Lächeln fuhr durch ihr Gesicht. „Mmmh, Dönerteller mit alles. Und scharf?“


    „Und scharf“, bestätigte Laura. „Und das wird alles brav aufgegessen.“


    „Ja, Mama.“


    Die Box war gerade mal halb leer, als schon wieder Lisas Telefon klingelte.


    „Wehe!“, drohte Laura.


    „Tom, da muss ich kurz ran“, bemerkte Lisa nach einem kurzen Blick aufs Display und wollte den Hörer aufnehmen, aber Laura war schneller.


    „Mittagspause! Wer stört?“


    „Hä? Ich bin’s. Ist Lisa da?“


    „Nein, die isst gerade.“


    „Ist was?“, rätselte Tom am anderen Ende der Leitung. „Aufm Klo?“


    „Nein, Döner..“


    Ach ‚isst’ wie ‚essen‘? Sorry, ich bin ein bisschen langsam heute. “ Gibst du sie mir mal?“


    „Nein.“


    Lisa verdrehte die Augen, beugte sich über den Tisch und nahm Laura das Telefon aus der Hand.


    „Hier bin ich. Was’ los?“


    Laura schüttelte den Kopf und aß weiter.


    Lisa beantwortete kurz Toms Fragen, legte auf und mit einem „Tut mir leid“ an Laura legte sie das Telefon endgültig zur Seite und lächelte.



    Es folgten Tage voller Stress und Probleme, aber irgendwann war die Organisation abgeschlossen und in zwei Tagen stand jetzt der große Markt an. Halle und Hof waren sauber, die ersten Verkaufsbuden für Essen und Getränke standen bereit und Laura sprach gerade mit ihrer Tochter, die ihren GTO bei Tom in der Werkstatt für die Teilnahme am Treffen fitmachen sollte.


    „Ich komm dann Freitag so gegen acht mit dem Escalade, lass ihn übers Wochenende bei euch stehen und fahr mit dem Cabrio wieder her.“


    „Oder du bringst mich eben hin und ich fahr deine Power Machine hier vor. Und wenn ich Lust hab, mach ich ein paar Donuts – ein paar Meilen auf die Uhr, ohne dass wir auch nur einen Meter weiter sind. Das sind meine Lieblings-Umwege“, grinste Laurie und machte eine kreisende Handbewegung, die die „Donuts“ darstellen sollte.


    Laura schüttelte den Kopf. „Nix da, das ist mein Auto. Du hast deinen Hook. Was macht eigentlich der Pacer? Kommst du weiter?“


    „Guck den Stream, dann weißt du Bescheid…“


    „Du tust auch alles für Klickzahlen, oder? Verdonnerst sogar deine eigene Mutter zum Gucken. Na gut, vielleicht schau ich mal wieder rein. Morgen um acht?“


    „Exactamundo. Morgen wird lustig. Seda kommt vorbei…“


    Die kleine Türkin? Macht sie etwa mit da bei deiner… dabei?“


    „Nee, ich glaub, das käm bei ihr zuhause nicht so gut an. Ich brauch nur morgen ne zweite Person, um die Haube wieder draufzuspaxen.“


    „Weiß sie denn, was du da so veranstaltest?“


    „Den Shirt-Drop meinst du? Nope, das wird ne Überraschung…“




    Hook stand mit laufendem Motor vor dem grauen Mehrfamilienhaus, Elenn klingelte. Nur Sekunden später kam Seda schon aus dem Haus geeilt. „Komm, lass uns fahren!“ drängte sie zum zügigen Aufbruch.


    „Okay young Lady. Fasten seat belts, das Rauchen einstellen. Wir starten!“


    Hook brummte gleichmäßig, der Sechszylinder füllte den Innenraum mit einem tiefen Puls. Babymetal kreischte aus den Lautsprechern, Elenn trommelte im Takt aufs Lenkrad.


    „Du warst draußen, bevor Hook zweimal gehustet hat. Was war los?“


    Ein Zug an der Zigarette, Rauch hinaus, dann ein kurzes Schulterzucken. „Ach… manchmal ist’s besser, wenn man gleich losfährt. Zuhause war heute nicht so entspannt.“


    Hook senkte den Ton, als hätte er die Andeutung verstanden.


    „Dann passt das perfekt. Hook liebt es, wenn jemand mit ihm raus will. Ich freu mich echt, dass du dabei bist.“


    Seda lächelte schief, die Augen kurz geschlossen, fast wie ein kleiner Rückzug. „Ja… ich brauch das manchmal. Einfach fahren, bisschen Musik. Mehr nicht.“


    Der Motor heulte auf, als wollte er die Worte unterstreichen – aber eigentlich war nur der nächste Gang nicht richtig eingelegt. „Hups“, kommentierte Elenn ihr Versehen. „Genau. Keine Fragen, keine Erklärungen. Nur wir zwei und Hook.“


    Ein kurzes Kichern, das sofort wieder abbrach. „Ich bin gespannt auf deine Werkstatt. Schraubst du nur an deinen Autos oder machst du auch was für andere Leute?“


    „Nö, Hook und der Pacer reichen völlig. Außerdem ist die Halle nicht so groß. Ein Auto würd noch reinpassen, aber dann wird’s eng. Ich hab lieber Platz beim Schrauben.“


    Seda nickte, die Zigarette zwischen den Fingern balancierend. „Und beim Streamen.“


    „Du sagst es. Kennst du eigentlich mein Projekt? Hast du mal reingeguckt?“


    Ein Kopfschütteln, der Blick wieder hinaus. „Nein. Ich weiß nur das, was du erzählt hast. Online‑Chat, gelbes Wayne’s‑World‑Auto mit V8, und dass du alles selber machst.“


    „Viel mehr ist es auch nicht. Etwas Show drumherum, das muss schon sein. Für die Viewer. Und die Klicks.“


    Ein kurzes „Hm“, halb skeptisch, halb neugierig. „Ist dir das wichtig? Klickzahlen?“


    „Nope. Eigentlich überhaupt nicht. Aber ist schon cool, wenn du streamst und weißt, es gucken dir tausend Leute zu.“


    „So viele?!“ – die Stimme hob sich, fast ungläubig.


    „Manchmal mehr, manchmal weniger. Kommt drauf an, was ich mache. Und was ich zeige. Aber ich hab nen großen Stamm an Viewern, die jedes Mal dabei sind…“


    „Wie meinst du das, was du zeigst?“


    Ein breites Grinsen zog über Elenns Gesicht. ein kurzes Trommeln aufs Lenkrad. „Lass dich überraschen.“


    Hook brummte tiefer, als sie auf das Gelände einbogen. „So, aussteigen. Wir sind da.“


    Seda staunte, die Augen weit offen. „Coole Location.“


    „Ja, morgen ist hier der große Oldtimermarkt mit Treffen. Deswegen wuseln hier schon die ganzen Leute rum. Kommst du auch?“


    Sie zögerte, die Zigarette war fast heruntergebrannt. „Mal sehen…“


    Elenn blinzelte, fast verschwörerisch. „Oder du bleibst gleich hier. Der Stream geht eh bis in die Nacht.“


    Ein Kopfschütteln, fast entschuldigend, die Stimme leiser: „Ich darf nicht die ganze Nacht wegbleiben…“


    Elenn strich kurz über Sedas Wange, dann schloss sie die Werkstatt auf.

  • Gegen halb acht war auch Laura bei Tom vorgefahren und hatte ihren GTO in Empfang genommen. Es war lange her, dass sie ihn bewegt hatte – vielleicht die dritte, höchstens die vierte Fahrt in diesem Sommer.


    Der Wagen fühlte sich fremd und vertraut zugleich an, als der V8 nach einigen Kilometern endlich warm geworden war. Da kamen ihr die frechen Bemerkungen ihrer Tochter wieder in den Sinn, und ein breites Grinsen huschte über ihr Gesicht.


    Das Bodenblech bekam überraschend Besuch vom Gaspedal. Der V8 brüllte los, die Hinterreifen zeichneten schwarze Narben auf den Asphalt und hüllten die Straße in eine dichte weiße Wolke. Für einen Moment war es, als hätte der Sommer selbst den Atem angehalten – nur der GTO sprach, laut und kompromisslos. Laura spürte das Vibrieren im Lenkrad, das vertraute Ziehen im Bauch, dieses alte, rohe Gefühl von Freiheit, das sie fast vergessen hatte. Sie nahm den Fuß vom Gas, ließ den Wagen einen Moment rollen. „Verdammt, Laurie… vielleicht hattest du doch recht“, lachte sie und trat das Pedal wieder voll durch.



    Eine knappe Stunde später, die Tanknadel näherte sich gefährlich der „Empty“-Position, rollte Laura dann mit ihrem dunkelvioletten Pontiac auf den Hof der Fabrik. Die Abendluft war schwer von Benzingeruch und dem metallischen Klang von Werkzeugen, die irgendwo noch gegen Schrauben und Bleche klirrten. Das große Tor stand offen, und durch die Halle waberte ein Gemisch aus Stimmen, Lachen und dem Rascheln von Kartons und Zeitungspapier. Einige Händler schleppten noch Kisten, andere hatten längst ihre Stände aufgebaut und stöberten bereits neugierig durch die Warenbestände der Konkurrenz, auf der Jagd nach einer letzten Rarität, die das eigene Sortiment krönen könnte.


    Stratos, der Grieche, war natürlich auch wieder da. Als er Laura in ihrem Pontiac einrollen sah, leuchtete sein Gesicht auf wie ein Scheinwerfer. Mit der Faust schlug er sich an die Brust, dann riss er beide Arme gen Himmel, als wolle er die Ankunft einer Göttin feiern. Laura erwiderte sein Strahlen mit einem knappen Winken und ließ den Wagen langsam bis zum vorgesehenen Stellplatz gleiten.


    Exakt auf dem grünen Teppich aus Nadelfilz vor der Bühne rangierte sie den GTO ein und trat noch einmal kräftig aufs Gas – der V8 brüllte und ließ die Halle vibrieren, Köpfe drehten sich, Gespräche verstummten für Sekunden. Stratos applaudierte begeistert, seine Stimme überschlug sich in Kommentaren, die jede ihrer Bewegungen zu einem kleinen Spektakel machten.


    Laura stieg aus, verschwand kurz hinter der Bühne und kam mit einer mobilen Absperrung zurück, die sie routiniert um das Auto herum aufstellte. Stratos verfolgte jeden Handgriff, als sei es eine Zeremonie.


    Schließlich war alles vorbereitet. Laura ging die Reihen der Händler ab, prüfte noch einmal die Ordnung und verkündete mit fester Stimme, dass das Tor nun gleich geschlossen werde – bis morgen früh, wenn der Markt offiziell beginnen sollte.




    Um Punkt acht sollte Elenns Stream beginnen. Der Countdown tickte bereits herunter, im Chat warteten schon Dutzende ungeduldige Zuschauer, doch die Kameras blieben noch dunkel. Seda streifte staunend durch die kleine Werkstatt, strich über Werkzeuge, musterte den Pacer und warf Elenn immer wieder ein Lächeln zu. Offensichtlich fühlte sie sich wohl in ihrer Nähe.


    Sie deutete auf das große No Smoking-Schild an der Decke. „Ist das Deko oder ernst?“ Elenn drehte die Hand ein paarmal hin und her und grinste. „Schon gut“, lenkte Seda ein und steckte die Zigarettenschachtel zurück in die Tasche.


    Elenn kramte im Rucksack und zog zwei Shirts hervor. In der rechten Hand ein dunkelgrünes Bandshirt der Jamstone Pilots. Das Motiv: Ein jadegrünes Flugzeug, das frontal in ein berstendes Marmeladenglas kracht – Splitter und klebrige Masse spritzen explosiv über die Szenerie, roh und kompromisslos.


    Das zweite Shirt zeigte einen goldgrünen Print: ein stilisierter Halbmond, darin eine Frau mit Turban und E‑Gitarre.


    „Hier, das ist für dich“, grinste Elenn und reichte Seda das Shirt. „Müsste passen.“


    Überrascht nahm Seda es entgegen und las den Bandnamen. „Velvet Sultan? Nie gehört.“


    „Ich auch nicht“, gab Elenn zu. „Aber ich dachte, das passt.“


    Seda zog ihr Handy hervor und suchte kurz nach der Band. „Hier, ich hab was gefunden: ‚In den späten 90ern berüchtigt für laszive Bühnenshows mit Bauchtanz-Elementen und Heavy-Rock. Nicht offiziell verboten, aber als anstößig verschrien und schnell aus dem Mainstream verschwunden.‘ Die haben nur eine Tour gespielt: Desert Heart 1998. Ts, da war ich noch nicht mal geboren…“


    „Na passt doch. Ziehst du’s an?“


    „Jetzt? Hier?“


    „Ich dreh mich auch um. Schräge Bandshirts sind Tradition im Stream.“


    „Na gut. Guck weg.“


    „Süß“, kommentierte Elenn, als Seda im neuen Outfit vor ihr stand. Dann begann sie selbst, sich für den Stream vorzubereiten. „Also, damit du orientiert bist: Ich hab drei Kameras. Die hier auf dem Stativ für die Totale. Eine POV-Cam, und die Handycam – die kannst du nehmen, wenn du willst. Den Chat liest du am Laptop, kannst auch schreiben, aber meistens rede ich direkt mit den Leuten. Öl an den Fingern und Tippen passt nicht so.“


    Sie grinste. „Eigentlich ist es ein normaler Schrauberstream. Schrauben, kommentieren, fluchen. Entwickelt sich organisch. Aber wundere dich nicht über derbe Kommentare zwischendurch. Wenn hier gleich zwei Mädels vor der Cam auftauchen, kommt bestimmt schnell sowas wie ‚Ausziehen! Küsst euch!‘. Einfach ignorieren.“


    Seda runzelte die Stirn. „Ich zieh mich nicht aus!“


    „Nein, sollst du auch nicht. Es ist nur…“ Elenn machte ein Klickgeräusch mit der Zunge.


    „Was ist das?“ Seda imitierte das Geräusch.


    Elenn grinste nur. „Willst du ein Pseudonym – oder bleibst du Seda für die Öffentlichkeit?“


    Seda strich über ihr neues Shirt, zögerte kurz. „Nicht Seda. Desert Heart. Ich hab ja schon das passende an.“


    Elenn grinste. „Gut. Dann erfährt die Welt jetzt, wer Desert Heart ist.“



    19 Uhr 59. Der Countdown tickte runter: 40 Sekunden. 39. 38. 37… Elenn zog die Träger ihrer Latzhose herunter und streifte ihr T-Shirt ab.


    Seda riss die Augen auf. „Was machst du?!“


    Dann ging es los. „It’s Saturday night… and I’m live. We are live. This is Rebel Yello. Für alle Neuen: Ich bin Elenn. Ich schraube. Ich fluche. Ich baue ein Biest. Und das…“ Sie schaltete auf ihre POV-Cam und sah zu Seda. „Tonight with my special guest: Desert Heart. Come on, sexy girl. Let’s get dirty together…!“

  • Ein kleiner Hiweis vor dem letzten Abschnitt: Dieser Text beinhaltet eine etwas intimere Szene, die aber mit Respekt und nicht explizit formuliert ist. Wem das zu viel ist, liest einfach drüber hinweg :saint


    Laura saß zufrieden in ihrem Auto und strich über das Lenkrad und die weißen Ledersitze. Für einige Augenblicke wollte sie die Ruhe genießen, bevor morgen der Trubel wieder losging. Diese Stille – die abgedeckten Stände, die letzten Lichtstrahlen, die durch die großen Fabrikfenster fielen, das leise Knacken des langsam abkühlenden Pontiac – war einfach schön.


    Sie zog ihr Handy aus der Tasche, wischte ein paarmal über den Bildschirm, dann war sie im Rebel Yello-Livestream. Mit einem Lächeln, das ihren Stolz verriet, verfolgte Laura, wie Laurie und Seda drüben in der kleinen Werkstatt schraubten, erklärten, kommentierten, performten. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, das sie vielleicht zu selten in Worte fasste. Laurie – oder ihretwegen auch Elenn – war ein Mädchen, dem man einfach gern zusah: selbstbewusst, klug, kompetent und engagiert, zugleich sozial und mitfühlend – und nicht zuletzt auch noch hübsch. Alles an ihr strahlte eine Mischung aus Tatkraft und Herz aus, die Laura immer wieder berührte. Sie dachte: Das ist meine Tochter – und darauf kann man gar nicht oft genug stolz sein.


    Aus dem Augenwinkel sah sie die Verbindungstür zu den Büros aufgehen, ein Licht fiel in die Halle. Langsam kam Lisa auf das Auto zu. „Ach hier bist du, ich hab dich schon gesucht. Was machst du?“


    Laura hielt ihr das Handy hin. „Guckst du nicht?“


    „Ich wollte“, gab Lisa zu. „Aber irgendwie bin ich wohl eingeschlafen. Ich schau mir die Tage den Mitschnitt an.“


    „Okay, da guck ich mit“, lächelte Laura und legte das Handy beiseite.


    Lisa strich über den Lack des Pontiac. „Purple Bitch“, lachte sie – der Spitzname des Autos, das Laura schon so lange durch ihr wechselvolles Leben begleitete.


    Laura stieg aus, legte die Arme um Lisa. Sie sah ihr in die Augen, dann zum Auto, wie es da stand, auf seinem grünen Parkplatz vor der alten Konzertbühne. „Weißt du, woran ich gerade denken musste?“


    „Das Konzert?“


    Laura nickte.


    Zehn, fast elf Jahre war es her – eines ihrer legendärsten Konzerte. Eine damals weltbekannte Sängerin aus den USA, eine dreiste Anfrage, ein Ja unter einmaligen Voraussetzungen. Marcel Schröder, ihr Booker und alter Schulfreund, hatte es damals lachend „Volle Möhre nackich!“ genannt. Denn nicht nur die Sängerin selbst wollte hüllenlos auftreten, wie es das Konzept der Reihe vorsah. Nein, alle – buchstäblich alle Beteiligten – mussten sich dieser skurrilen Kleiderordnung fügen. Nur unter diesen Bedingungen war sie bereit gewesen, Laura, Lisa und ihr Projekt Muzique Erotique an der Performance teilhaben zu lassen.


    Auch der Pontiac war Teil der Inszenierung gewesen – Showcar für den Einzug der Königin. Lisa hatte sie im offenen Cabrio vor die Bühne chauffiert, und dort begann ihre exzentrische, verruchte Performance. Nackt. Wild. Hemmungslos.


    Als dann der Auftritt verklungen war und die Halle in genau jene Stille zurückfiel, die auch jetzt wieder über ihnen lag, während die Luft noch vibrierte, gaben Lisa und Laura sich auf dem Auto der Nacht und einander hin – eine Nacht, die beide unauslöschlich in sich trugen.


    Jetzt stand der Pontiac wieder dort, fast genau an derselben Stelle. Lisa lächelte, Laura strich ihr über das schwarze Haar, ließ die Finger länger verweilen, bevor sie langsam die Knöpfe ihrer Bluse öffnete. Der Stoff gab Haut frei, die im Restlicht der Halle schimmerte, ihr Atem mischte sich, laut und fordernd. Laura spürte, wie die Vergangenheit sie einholte – damals, nach dem Konzert, als die Luft vibrierte und sie beide auf diesem Auto eins wurden.


    Es ist wieder da, dachte sie, dieses Gefühl, wild und hemmungslos, und doch so vertraut. Mein Pontiac, meine Lisa, meine Nacht – alles kehrt zurück. Sie beugte sich vor, ihre Lippen fanden Lisas Hals, Hände tasteten, hielten, zogen sie enger an sich. Die Wärme der Motorhaube, der Duft – alles verschmolz zu einem Rausch, der Ort und Zeit vergessen ließ.


    Dann – ganz plötzlich – schnitt ein greller Taschenlampenstrahl durch die Dunkelheit. „Wer ist da?“



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    Kapitel 7 Ieku ieku


    Es ging zeitig los. Heute war der offizielle Markttag und das damit verbundene Oldtimertreffen war für 10 Uhr angesetzt. Das bedeutete, dass die ersten Teilnehmer und Käufer spätestens um acht Uhr anrollten, um die besten Stellplätze und die lohnendsten Schnäppchen zu ergattern.


    Laura hatte die Oldtimer- und Teilemärkte letztes Jahr einfach in ihre Reihe der Dust & Desire-Märkte eingegliedert – für sie nur ein weiterer Spezialmarkt. Tom ergänzte das Ganze mit seinem Treffen, das er drei Mal im Jahr veranstaltete und bei dem er sich um die Fahrzeuge und die Szene kümmerte. So war die Arbeit klar geteilt, und doch hing alles zusammen.


    Die ersten Händler hatten ihre Tische bereits aufgedeckt, Schnäppchenjäger waren auf der Pirsch, die ersten Oldtimer samt Besatzung trudelten ein und trotz der frühen Stunde roch es schon nach Bratwurst.



    Tom stand an der Einfahrt und gab den Einweiser, bis die gebuchten Hilfskräfte ihren Dienst aufnehmen konnten.


    „Händler oder Treffenteilnehmer? Ach beides – na, umso besser“, grinste er. „Angemeldet? Okay, dann da rechts, vor der Halle anschließen. In Doppelreihe Kofferraum an Kofferraum einparken, etwas schräg, so wie die, die da schon stehen. Viel Spaß!“, wies er die gerade eintreffende Delegation vom örtlichen Käferclub ihre reservierten Stellplätze zu.


    „Kofferraum? Also vorwärts gegenüber?“, fragte die Fahrerin des himmelblauen 1302.


    „Was? Ach so, ja, nein, immer mit dem Heck gegeneinander. Ach, ihr wisst schon, was ich meine. So wie die, die da schon stehen eben...“


    Chaotisch wie immer folgten der Citroën-Club aus der Nachbarstadt und machte sich beim Ordner erst einmal unbeliebt, indem sie gleich aus zwei Richtungen auf die Zufahrt einstürmten.


    „Wildenten fliegen immer in Formation!“, rief Norbert, der Clubleiter aus dem offenen Rolldach seines bunt bemalten 2CV, untermalt vom leisen Tuckern des Zweizylinders und Tom rollte mit den Augen. „Fahrt ihr mal gleich durch nach hinten auf die Wiese, ihr macht ja sowieso, was ihr wollt…“


    Ein kräftiger Schlag auf den Rücken ließ Tom herumfahren. „Na, alter Mann. Noch alles im Griff?“, grinste Laurie ihn an. Sie trug wieder ihre Latzhose – einen Träger eingehakt, einen nach hinten baumelnd, darunter ein ziemlich kurzes, bauchfreies Top.


    „Im Gegensatz zu dir, du kannst dich ja nicht mal ordentlich anziehen“, flachste Tom zurück.


    „Alles Taktik, so krieg ich bessere Preise.“ Laurie war einfach nie um eine Antwort verlegen.


    „Moggeen“, grüßte ein unbekannter Teilnehmer. „Sieben Kilometer Anfahrt und alle Teile noch dran. Auf den Schreck brauch ich erstmal ’n Bier“, lachte er und zog weiter.


    Tom zeigte ihm nur den Daumen hoch und widmete sich dann wieder der Einfahrt.




    Drinnen war noch eher wenig los. Zwischen Tischeklappern und einzelnen Rufen war Stratos laut herauszuhören. „Re, maláka, du Verbrecher willst mich arm machen!“, schimpfte er mit einem Händlerkollegen. Aber der konterte – der übliche Umgangston unter Markthändlern. „Erzähl mir nichts, Stavros. Das ist doch sowieso alles Schrott, was du hier anbietest. Hier, guck mal, da fehlen die Schrauben. Da ist die Halterung abgebrochen. Was soll ich mit dem ganzen Müll? Ich geb‘ dir nen Fuffi für den ganzen Krempel...“


    „Ich heiße Stratos, nix Stavros, maláka! Willst du mich beleidigen? Sagst alles ist Schrott und wenn du kaufst und legst auf deine Stand, dann ist alles Gold und kostet zehnmal soviel wie beim alten Stratos. Geh weg. Ich verkaufe dir nix!“, schimpfte er und schlug mit der Hand auf eine Kiste, dass es schepperte.


    „Genau Stratos, lass dich nicht übers Ohr hauen“, lachte Laurie, die gerade vorbeilief.


    „Hier, da hörst du“, lachte er. „du Betrüger. Willst den alten gutmütigen Stratos abzocken. Kleftis, du Dieb! Hundertfünfzig, maláka!“


    Im Hintergrund rief ein Modellautohändler: „Wir öffnen in wenigen Minuten!“




    Laura saß wieder entspannt in ihrem Auto, das elektrische Verdeck öffnete sich mit einem leisen Surren. „Moin“, grüßte sie, als sie Laurie kommen sah.


    Die winkte breit grinsend. „Moin.“


    „Na, gut geschlafen? Überhaupt geschlafen?“


    „Mhm. Wir haben früh Schluss gemacht. Seda musste um zwölf zu Hause sein. Hast du nicht geguckt?“


    „Bin nicht dazu gekommen. Lisa kam dazu und hat mich irgendwie abgelenkt. Wir gucken die Tage den Zusammenschnitt.“


    „Ah, abgelenkt nennt man das jetzt.“


    „Was, ‚das‘?“ Laura konnte nicht ganz folgen.


    Laurie stellte sich vor das Auto, drückte ein paarmal kräftig auf die Front des Pontiac und jedes Mal quietschte sie ‚Ieku, ieku‘.


    Laura zog fragend die Brauen zusammen. „Hä?“


    „Ach nix“, grinste Laurie und zog lachend weiter. „Ieku ieku“, wiederholte sie nochmal.


    Laura zuckte mit den Schultern, ließ es stehen und machte sich auf zu einer Runde durch die Halle.


    Die Halle fülle sich jetzt langsam – mehr Stimmen, mehr Bewegung. Händler räumten weiter Kisten aus, sortierten Teile, riefen Preise. Ein süßlicher Geruch von Öl und Kaffee mischte sich mit dem metallischen Klang von Werkzeugen.


    Laura schlenderte durch die Reihen, winkte Stratos zu, der inzwischen mit einem anderen Kollegen stritt, und blieb schließlich am kleinen Stand von ‚Tottoo‘ stehen.


    „Moin“, begrüßte sie ihn mit einem strahlenden Lächeln.


    „Hi“, kam es zurück, während Toto, der Tätowierer, sein Equipment auspackte und die leichten Tafeln mit Tattoomotiven an die Pavillonwände hängte.


    „Schon einiges los draußen um diese Zeit, was?“ freute sich Laura über den Zulauf und das Wetter. Toto nickte, grinste breit. Laura kannte dieses Grinsen – das Zucken in den Augenwinkeln verriet, dass er etwas verschwieg.


    „Was?“ fragte sie direkt.


    „Ach nix. Hoffentlich kommen heute ein paar nette Mädels zum Stechen vorbei. Ich hab’ richtig Bock, was Neues zu schaffen. Wo ist deine Frau?“


    Laura gähnte ausgiebig, streckte sich, zog kurz den Pferdeschwanz nach und drehte suchend den Kopf. „Kommt sicher gleich.“


    Toto sah sie dabei an, grinste noch breiter und ließ die Worte beiläufig fallen: „Lange Nacht gehabt? Oder eine besonders kurze?“


    Laura winkte ab. „Ach, geht schon.“


    Toto fuhr seinen Rollstuhl ein Stück zurück, deutete auf die noch leere Wandfläche. „Hilfst du mir mal eben? Die obere Tafel hängt noch nicht.“


    „Klar.“ Laura griff nach einer leichten Platte mit einer großen Auswahl an Mustern und Motiven, hob sie an und hielt sie an die gewünschte Stelle.


    „Ja, genau da. Warte, ich mach die Klammern fest.“ Toto spannte die Halterung ein, während Laura die Tafel oben fixierte.


    „Danke“, sagte er, als sie losließ. „Allein dauert das ewig.“


    Laura lächelte. „Kein Problem. Sieht gut aus. Du hast echt ein Händchen für die Präsentation.“


    Toto grinste wieder, dieses verräterische Zucken in den Augenwinkeln. „Jo, manche Leute sehen eben mehr…“


    „Hm? Mehr was?“


    Ach nix Besonderes. Aber manchmal steckt mehr in einem Blick, als man denkt.“


    Laura blieb neben ihm stehen, verschränkte die Arme und betrachtete die Motive, ohne die Andeutung zu begreifen.

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  • Tom, der inzwischen seinen Job als Parkeinweiser an die Helfer abgetreten hatte, kam in die Halle getrottet, sah sich neugierig um und blieb dann auch bei Laura und seinem Kumpel Toto stehen.


    „Ist das ein Trubel. Der Platz ist schon fast voll. Die ersten stehen schon vorne an der Straße“, bemerkte er.


    „Supi“, freute sich Laura. „Dann kann ich ja mal kurz durchatmen, bevor Lisa kommt.


    Tom und Toto sahen sich einen Augenblick an – erst ein kurzes Zucken in den Augenwinkeln, dann ein breites Grinsen. Sekunden später prusteten beide los, so laut, dass sich ein paar Leute am Nachbarstand umdrehten.


    „Ey, hör auf, ey…“, japste Tom und schlug Toto kumpelhaft auf die Schulter. Toto hielt sich den Bauch, sein Rollstuhl wackelte leicht, während er versuchte, wieder Luft zu bekommen. „Boah, Laura… du haust Sachen raus…“


    Laura blinzelte irritiert, verschränkte die Arme. „Also irgendwie seid ihr heute Morgen alle ziemlich merkwürdig…“


    Tom wischte sich die Augen, noch immer grinsend. „Merkwürdig? Wenn du wüsstest…“


    „Ach nix“, warf Toto schnell ein, grinste wieder dieses verräterische Grinsen und schob die nächste Motivtafel zurecht.


    Das laute Lachen hatte auch Laurie wieder angelockt, die mit einem Spielzeugauto in der Hand – einem goldenen AMC Pacer – dazu stieß. „He ihr Lachkekse!“, grinste sie, „Wo ist eigentlich Liz?“


    Tom, der vor Lachen kaum sprechen konnte, gluckste: „Da hinten kommt sie…“ Toto fiel fast vom Stuhl vor Lachen. „Ey, das war jetzt zu direkt.“


    „Und sie merkt’s nicht mal…“ japste Tom, seine Stimme überschlug sich beinahe.


    Laura stutzte, sah die beiden an. „Was… was merke ich nicht?“


    Tom und Toto grinsten sich an, das Zucken in den Augenwinkeln verriet mehr als Worte. Laura spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde, ein roter Schimmer breitete sich über ihre Wangen. Sie schluckte, und in diesem Moment begriff sie, worauf die beiden hinauswollten.


    Genau da kam Lisa an den Stand. „Morgeen!“ rief sie, noch halb verschlafen, und blieb stehen, als sie die Blicke bemerkte.


    Laura schüttelte den Kopf, ihre Stimme klang gepresst: „Gib dir keine Mühe, Lisa… sie wissen Bescheid.“


    Lisa blinzelte, sah Laura an. „Was wissen sie?“ fragte sie, unsicher. Dann traf auch sie die Erkenntnis. Sie zog nervös an ihrem Ärmel, strich eine Haarsträhne hinters Ohr und wich mit den Augen aus. Ein kurzes, fahriges Lächeln huschte über ihr Gesicht, bevor sie leise sagte: „Oh. Aber wieso…? Woher…?“


    Tom grinste noch immer, halb im Lachen: „Na ja… wenn man die richtigen Leute kennt, hört man manchmal mehr, als man sollte.“ Er zwinkerte, schüttelte den Kopf, und Toto prustete wieder los.



    Lisa räusperte sich. „Ich glaube, für das nächste Mal buchen wir dann ‘nen anderen Wachdienst, oder?“


    Laurie legte ihre Arme über Lauras und Lisas Schultern, sah sie beide abwechselnd an. „Ihr seid so süß, ihr zwei Schnuftis“, grinste sie. „Ich muss weiter, ich brauch noch ’ne neue Taschenlampe.“ Sie nahm ihr Spielzeugauto in die Hand und machte: „Brmmm brmmm, ieku ieku…“

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    Kapitel 8 Ein Auto namens Helga


    Es war Mittag geworden, Platz und Halle waren voll, trotzdem reisten immer noch Teilnehmer und Besucher an. Tom stand in der Halle bei seinen ausgestellten Fahrzeugen und verhandelte gerade mit einem Interessenten über einen roten 1968er Ford Mustang.


    „Nein, das ist kein echter Shelby, das ist ein Clone. Aber mit Liebe gebaut, alle Details stimmig. Nicht bloß Streifen und Embleme. Hier, siehst du, Fiberglas-Front, Lecarra-Holzlenkrad, Shelby-Schaltknauf, Klapprückbank…“


    „Und der Motor?“


    „J-Code 302er mit Holley-Vergaser…“


    „Und wieviel PS hat der?“


    „Nah am Original, so 220, 230 PS. Ich hatte ihn noch nicht auf dem Prüfstand, aber ich denke mal, so 170, 175 PS am Rad wird er haben.“


    „Aber es ist kein echter Shelby?“


    Tom rollte mit den Augen. „Nein, sag ich doch, ein Clone, ein Nachbau. Einen echten kriegst du auch nicht für den Preis, die Dinger kosten locker das dreifache…“


    „Ich suche so ein Auto als Wertanlage, da wäre ein Original natürlich besser. Haben Sie auch ein originalen Shelby?“


    „Ein Original mit Registrierung ist sicher eher eine Wertanlage – aber ein Clone wie dieser ist Fahrspaß, authentisch bis ins Detail.“


    Der skeptische Gesichtsausdruck des Interessenten verriet Tom bereits alles. Das ist kein Fahrer, kein Liebhaber. Der sieht das Auto nicht, der sieht nur Zahlen. Gleich kommt das Standardsignal.


    Der Mann strich sich über das Kinn, ließ den Blick noch einmal über die Linien des Mustangs wandern, als wolle er sich Zeit erkaufen. Tom verschränkte die Arme, wartete.


    „Ich denk nochmal drüber nach“, kam es schließlich, genau wie erwartet. Tom lächelte knapp, nickte. „Natürlich. Ich bin noch eine Weile hier.“


    Der „Kunde“ zog davon, schon mit dem nächsten Stand im Blick. Tom sah ihm nach, schüttelte kaum merklich den Kopf. Immer dieselbe Masche. Für die einen ist es Leidenschaft, für die anderen nur eine Wertanlage.


    Er atmete durch, strich mit der Hand über das Dach des Mustangs und ließ den Blick über die Halle schweifen – Händler, Besucher, Stimmen, Bewegung. Der Trubel ging weiter, als wäre nichts geschehen.


    Dann klingelte sein Telefon, auf dem Display: „Lisa“


    „Leez, was liegt an?“


    „Ich bin’s. Kannst du mal schnell rauskommen? Ich brauche mal deinen Kennerblick…“


    „Klar, wo bist du denn?“


    „Die Straße runter, beim Möbellager. Und bring Toto mit, wenn’s geht.“


    „So weit stehen die schon? Warte, ich komm.“


    Mit langen Schritten eilte er die Straße runter, da sah er Lisa auch schon winken, bei ihr zwei Personen im dunkelblauen Outfit mit weißer Schrift – „Ordnungsamt“


    Tom verdreht wieder die Augen, grüßte aber freundlich. „Guten Tag.“


    „Guten Tag. Klabautschke, Ordnungsamt. Sind Sie der Veranstalter?“


    Tom nickte.


    „Dieses Fahrzeug hier muss dringend entfernt werden, es steht in einer Feuerwehrzufahrt.“


    „Der gehört irgendeinem Besucher, wie soll ich den jetzt so schnell finden?“


    „Ihre Sache. Wenn das Fahrzeug nicht in zehn Minuten hier weg ist, lassen wir ihn abschleppen.“


    „Natürlich…“ Tom griff zum Funkgerät. „Tom an alle, Tom an alle. Wer hat das Megafon?“


    „Ich“ quäkte es umgehend aus dem kleinen Lautsprecher.


    „Wer ist ‚ich‘?“


    „Sorry, Karsten“


    „Ok, Karsten, mach mal ne Durchsage. Gesucht wird der Fahrer eines blauen Granada mit Anhänger. Das Auto muss sofort weg, der blockiert ne Feuerwehrzufahrt!“


    „Okay, mach ich. Hast du die Nummer?“


    Tom las das Kennzeichen ab und gab es Karsten durch. Dann wendete er sich wieder an die Beamten. „So, erledigt. Wir warten hier auf den Besitzer und weisen ihm dann einen anderen Stellplatz zu.“


    „In Ordnung, wir kommen in einer Viertelstunde wieder. Wenn das Fahrzeug dann nicht entfernt wurde, wird abgeschleppt.“


    „Ist angekommen. Vielen Dank.“


    „Wo ist Toto?“ fragte Lisa dann.


    „Ach so, hab ich vergessen. Was soll der denn hier mit dem Ordnungsamt?“


    „Ach, nicht wegen denen. Die schleichen hier schon die ganze Zeit rum und schreiben auf.“


    „Super… Weswegen dann?“


    „Hier, der Wagen. Guck doch mal genauer hin.“


    „Ja, schöner Granni, hab ich gesehen. Und?“


    „Nicht der, guck doch mal hinten, auf dem Trailer.“

  • Tom drehte sich um und sah nach, was der blaumetallicfarbene Granada mit Erfurter Kennzeichen geladen hatte. Er runzelte die Stirn und ging zum Anhänger. „Ist das…?“


    Auf dem Trailer stand ein rosafarbener Ford Taunus. Der Zustand eher bemitleidenswert. Einige Zierteile fehlten, ein Kotflügel war mal gegen ein grünes Bauteil ausgetauscht worden, das ganze Auto eher ungepflegt und staubig. Aber einige Details waren unverkennbar.


    „Das ist ja…“ stammelte Tom.


    „‘Helga’, oder? Das ist sie“, freute sich Lisa über ihre Entdeckung.


    Helga – der rosa Ford Taunus – war Lauras erstes Auto gewesen. Das Auto, für das sie damals so fleißig gearbeitet und gespart hatte, nachdem sie mit achtzehn auf der Suche nach einer Aufgabe und Geldquelle ihr Talent oder mehr noch, ihre Leidenschaft fürs Modeln entdeckt hatte. Das Auto, das Tom dann vermittelt und das Toto ihr für einen wirklich günstigen Preis verkauft hatte. Er hatte den Taunus vor rund zwanzig Jahren aufgearbeitet und ihn nach der in den Papieren verzeichneten Erstbesitzerin benannt – einer Helga. So war das Auto zu seinem Namen gekommen und hatte ihn behalten – bis heute.


    Das Auto hatte Laura einen Abschnitt ihres Lebens – auch, wenn der recht kurz war – begleitet, bis sie es damals, vor ihrer Abreise nach New York, ihrer guten Freundin Steffi überlassen hatte.


    Steffi, die damals Lebenspartnerin von Lisa gewesen war, und die dann einige Jahre später, nachdem sie dort ihr Elternhaus geerbt hatte, ins nördliche Brandenburg gezogen war. Ohne Lisa. Aber mit ‚Helga‘.


    „Tatsächlich!“, staunte jetzt auch Tom. „Das ist sie.“ Er prüfte nochmal einige Details, aber das ganze Paket – ‚Knudsen’ Taunus, erste Serie, zweitürig, rosa mit schwarzem Vinyldach, der glänzende Aluminium-Kühlergrill, das gab es in dieser Kombination sicher kaum ein zweites Mal. Selbst die kleine Delle, die Laura damals auf einer ihrer ersten Fahrten in die hintere Ecke gefahren hatte, war noch da.


    Tom zog sein Handy hervor und knipste ein Bild. „Das schicke ich Toto, der fällt vom Stuhl“, grinste er und drückte auf ‚Senden‘. Sekunden später klingelte auch schon das Telefon.


    „Helgaaaa“, tönte es aus dem Lautsprecher. „Das glaub ich nicht. Wo habt ihr die denn ausgegraben?“


    „Steht hier draußen auf der Straße“, antwortete Tom kurz.


    „Zu verkaufen?“


    „Weiß ich nicht, steht nix dran. Wir warten hier mal auf den Besitzer. Der müsste gleich kommen.“


    „Was sagt Laura?“


    „Die hat sie noch nicht gesehen…“


    „Soll ich ihr Bescheid geben?“


    „Nein, warte mal damit“, bat Lisa Toto, ein Lächeln im Gesicht. „Sie hat doch bald Geburtstag.“


    „Oh wow“, freute sich Toto. „Das ist ja mal ne geile Idee. Alles klar, ich halte dicht.“


    Auch Tom grinste, als ihm Lisas Absicht klar wurde. „Ich hätte auch gerne ne Frau, die mir mal eben ein Auto schenkt.“


    „Da kommt der Besitzer.“


    „Ja, ja, isch weeß, isch derf hier ni stehn. Fahr glei wech. Aba’s is ja alles voll hier, da hab isch ni jewusst, wohin, mit’m Trailer.“, entschuldigte sich der Fahrer des blauen Granada schon von Weitem.


    „Kein Thema“, beruhigte Tom ihn.


    „Isch wollt mich hier eijentlich mit ’nem Käufer für dn Taunus treffn. Mir ham uns über’n Forum verabredt, un nu taucht der ni uff. Isch hab extra ’n Anhänger jemietet, dreihundert Kilometer Anfahrt, un nu steh isch do für dumme Nüsse. Un krieg noch ’n Zeddel für falsches Parkn.“


    „Also ist der Taunus zu verkaufen? Was willste denn haben?“, fragte Lisa vorsichtig nach.


    „Hä? Jaja, der is zu verkaufe. Isch wollt den eijentlich selbs machn, aba wie’s halt so is – man kummt zu nix. Kennt ihr ja, nu?“


    „Papiere haste dabei?“


    „Nu“


    „Und der Preis?“


    „Mir hatten uns auf dreieinhalb Mille geeinigt, Forumspreis. Wenn ihr mir den jetz hier vom Hänger runnerkauft, bleibt’s dabei. Isch nehm das Ding ni wieder mit zurück.“


    „Dreitausendzweihundertfünfzig? In bar?“, bot Lisa an. Das Handeln war ihr nun mal angeboren. Einfach den angegebenen Preis zahlen, das war bei ihr nicht drin.


    „Nu. Deal.“


    „Hast du Bargeld dabei?“, lächelte sie Tom an. „Kriegste gleich wieder.“


    „Und wohin jetzt mit dem Teil?“, fragte Tom, während er ein Bündel Scheine aus seiner Hosentasche zog.


    „Solang er noch uff’m Hänger steht, kann isch euch den noch hinnbringn, wohin ihr wollt“, bot der Verkäufer an und kramte im Handschuhfach nach den Fahrzeugpapieren.


    „Vielleicht bei Laurie in die Werkstatt. Dann könnte sie ihn gleich noch hübsch machen bis zur Übergabe“, schlug Tom vor.


    „Nee, wenn wir den jetzt in die Halle verfrachten, sieht Laura ihn doch schon.“


    „Dann zu mir. Kannst du den Wagen zu mir in die Werkstatt bringen? Sind nur knapp fünf Kilometer von hier.


    „Klar, kee Problem. Brauch bloß ’n Einweiser. Oder gib mir die Atress fürs Navi.“


    „Ich kann jetzt unmöglich weg hier. Könntest du? Oder nee, besser, ich ruf Laurie an.“


    Tom wählte Lauries Nummer, die ging aber nicht ran.


    „Ich such sie und sag ihr Bescheid“, rief Lisa und lief los.


    Auf dem Platz angekommen lief sie direkt Laura in die Arme, die gerade aus der Halle kam. „Was rennt ihr denn alle durch die Gegend wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen?“, fragte sie.


    „Nichts Besonderes, japste Lisa. Kleines Problem mit dem Ordnungsamt. Schon erledigt.“


    „Ja, ich hab die Durchsage gehört. Was war denn los?“


    „Nichts Wildes. Ein Besucher hatte in der Feuerwehrzufahrt geparkt, Unten, beim Möbellager.“


    „Ach so. Soll ich mal hingehen?“


    „Nein, nein, nicht nötig. Hat Tom alles schon geregelt. Der Typ ist schon da und fährt weg. Hast du deine Tochter irgendwo gesehen?“


    „Laurie? Die ist eben an mir vorbeigelaufen mit ner Windschutzscheibe vor der Nase. Wahrscheinlich ist sie in der Werkstatt. Soll ich mal gucken? Was soll sie denn machen?“


    „Nee, lass mal. Ich geh schon.“


    „Na gut. Aber mach langsam, hörst du? Ich geh ne Wurst essen. Willst du auch eine?


    „Mhm, ich komm gleich.“


    Lisa ging zur Werkstatt, die Tür stand offen.


    „Poch poch“, sagte sie und ging hinein. Laurie stapelte gerade ein paar alte Wolldecken übereinander und grinste stolz. „Guck mal, ne nagelneue Frontscheibe für den Pacer! Weißt du, wie selten die sind? Ich muss auch gleich wieder rüber, der Typ hat noch mehr Teile!“


    „Warte mal. Ich soll dich suchen. Tom braucht dich mal einen Augenblick.“


    „Was will der denn? Heute ist Sonntag, da hat er keine Macht über den Lehrling…“


    „Nein, du sollst nur mal fix was erledigen.“


    „Soll ich wen abschleppen?“, strahlte sie schelmisch. „Da wär‘ ich dabei!“


    Lisa lachte. „Nein, das erklärt er die am einfachsten selbst. Lauf mal zu ihm.“


    „Wo ist er denn?“


    „Die Straße runter, beim Möbellager.“


    „Soo weit?“

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