Guckt ihr denn nicht Gute Zeiten Schlechte Zeiten? Da gibt es auch immer nen Weekend-Cliffhanger.
Das hier ist so ähnlich – nur mit Autos.
Bist Du ein Fan von Klassikern wie Ford Granada, Taunus, Capri oder Opel Rekord?
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Guckt ihr denn nicht Gute Zeiten Schlechte Zeiten? Da gibt es auch immer nen Weekend-Cliffhanger.
Das hier ist so ähnlich – nur mit Autos.
Sehr geehrte Leserschaft. Mit dem Text bin ich noch nicht viel weiter, das wird noch ein, zwei Wochen dauern.
Um die Wartezeit zu verkürzen, habe ich mal was anderes probiert. Wir gehen zurück zu Kapitel 25. Das Foodtruck-Festival läuft. Es ist Abend, Laurie streamt aus der Werkstatt, Lisa erholt sich vom Zusammenbruch, Seda und Nico stehen draußen und essen Gözleme. Drinnen auf der Bühne steht Blue Feather – die Band, die auch schon in dem Vorgängerroman aufgetreten ist.
Ein paar Songzeilen kommen im Text vor und aufgrund derer und einem bisschen Text drumrum habe ich mal versucht, per KI (SUNO) einen kompletten Song erstellen zu lassen.
Wer KI-Musik als Teufelszeug und den Untergang der gesamtem Musikkultur ansieht, klickt bitte nicht drauf. Für alle anderen hier mal eine Idee, wie der Song klingen könnte.
Ich find's gar nicht so schlecht... Oder eigentlich sogar erschreckend gut.
Blue Feather - Where the night begins again Eine Suno-mp3-Datei bei gofile.io
Hier noch die Lyrics zum Mitlesen:
[Intro]
This is where the night begins again, where the echoes call us in, and the Muzique never faded, it just waited for our skin.”
[Verse 1]
Laura and Lisa left the doors undone
Polished the floor till it caught the sun
They lit the hall and raised the seams
Brought back the dust and the old loud dreams
The band walked in through a room of scars
Where names still slept in the beams and bars
Every shadow knew their face before
Every old mark asked for more
[Pre-Chorus]
The crowd held still
Like a held-breath flame
One room, one pulse
Calling our name
[Chorus]
Where the night begins again
Wake the room, wake us again
One heartbeat in the crowd
We rise in the sound
Where the night begins again
Hands up high, let it begin
We come back, we come home
The room is alive
[Verse 2]
Light on the wall, then gone again
Dust in the glow like a ghost in rain
Old memories moved in the back rows slow
And every empty seat said I know
The music waited behind the dark
Like a hidden spark in a matchbox heart
Now every face is part of the spark
Every voice leaves a mark
[Pre-Chorus]
The floor starts to shake
The air turns gold
What was asleep
Won’t stay cold
[Chorus]
Where the night begins again
Wake the room, wake us again
One heartbeat in the crowd
We rise in the sound
Where the night begins again
Hands up high, let it begin
We come back, we come home
The room is alive
[Bridge]
[Electric guitar solo, wide and emotional, hall reverb, live-stage feel; crowd noise swells softly]
The line of fire climbs
Then opens wide
A wounded note
Turns into light
We’ve been here before
But not like this
Not with the whole room
In our fists
[Bridge]
...And every heartbeat in this room is a story in disguise, we’re the ones who keep it breathing, we’re the ones who make it rise. So let the shadows find their rhythm, let the velvet lights descend, ’cause the Muzique never faded — it just waited to begin again.
[Final Chorus]
Where the night begins again
Wake the room, wake us again
One heartbeat in the crowd
We rise in the sound
Where the night begins again
Hands up high, let it begin
We come back, we come home
The room is alive
Where the night begins again
Say it loud, let it begin
The crowd becomes the song
And we carry it on
[Outro]
Where the night begins again
Where the night begins again
(we rise in the sound)
Where the night begins again
[Applause]
Da haste schon mal die Filmmusik.
Mir gefällt es.
Oder? Ich habs jetzt so um die dreißigmal angehört und kann schon fast mitsingen. Kein Welthit, eher Mainstream-Rock, aber wenn man die Story und die Band kennt, passt das. Keine Nischenmusik, eher auf kommerziellen Erfolg ausgerichtet. Und mit diesem Text auch mit persönlicher Note.
Genau so klingt Diana, besonders auf Kopfhörer mag ich die Stimme ![]()
Dabei war der Prompt gar nicht mal so lang. Und ein paar Details mag ich. Die Live-Atmo. Wie die Stimme bei 3:55 ganz kurz kippt, die langgezogenen Note bei 4:37 und das 15 Sekunden lange oooooooooooooooooooon im Outro ![]()
Nur das Gitarrensolo könnte etwas länger sein ![]()
Ich habs laufen lassen und konnte dank der Lyrics direkt mitsingen. Leise natürlich...
Es gibt wieder ein paar neue Zeilen – Freitag geht's weiter.
Und es gibt wieder überraschende neue Ereignisse, die Laurie bewältigen muss...
Es geht weitaaaa ![]()
Kapitel 38: Nach Feierabend
Am Samstagabend saßen Seda und Laurie zusammen auf Lauries Couch. Auf dem Tisch standen Teller mit den Resten von gestern – Börek‑Ecken, ein paar Baklava, etwas Köfte, Reis, der schon leicht angetrocknet war. Laurie probierte sich durch alles, was noch essbar war, schob sich ein Stück Börek in den Mund und wischte sich die Finger am T‑Shirt ab. Dann griff sie zur Colaflasche, schüttete Seda ein Glas ein und stellte es vor sie.
Seda saß halb eingekuschelt in der Sofaecke, die Beine angewinkelt. Ihre Haare noch leicht gewellt vom Vortag, die Müdigkeit in den Augen, aber eine Ruhe im Gesicht, die gestern nicht da gewesen war. Die Art Ruhe, die man hat, wenn der Lärm vorbei ist.
Laurie nahm einen Schluck Cola. „War’s schlimm?“
Seda schnaubte leise. „Es war… laut. Und voll. Und warm. Und laut.“
Laurie grinste. „Klingt nach Familie.“
„Ja.“ Seda nahm ein Stück Baklava, brach es auseinander. „Aber schön. Also… schön‑schön. Nicht stressig‑schön.“
Laurie nickte. „Hat dein Vater dir was geschenkt?“
Seda griff in ihre Tasche. „Ja. Das hier.“
Sie holte ein altes Messer hervor. Der Griff war aus dunklem Holz, glatt wie Stein. Die Klinge schmal, leicht gebogen, mit einer Patina, die man nicht fälschen kann. Kein Sammlerstück, ein Messer, das benutzt wurde.
Laurie beugte sich etwas vor. „Schönes Teil.“
„Es ist fast achtzig Jahre alt, von meinem Großvater“, sagte Seda. „Ein altes Çakı. Handgeschmiedet. Er hat’s meinem Vater gegeben, als der noch jung war. Und jetzt… hat er’s mir gegeben.“
Sie legte es zwischen ihnen auf den Tisch, als wäre es etwas, das man nicht einfach so in der Hand behalten sollte.
Laurie sah kurz zu ihr, dann auf das Messer. „Das hat Gewicht.“
„Ja.“ Seda atmete leise aus. „Und eigentlich kriegt sowas immer der älteste Sohn.“ Sie schob das Messer ein Stück in Lauries Richtung. „Gibt’s aber bei uns nicht. Also hat mein Vater es mir gegeben. Vor der ganzen Familie.“
Laurie nahm es jetzt auf, vorsichtig, als wolle sie prüfen, wie viel Geschichte darin steckt. „Das sagt was.“
„Und wie.“ Seda klappte die Hände ineinander. „Meine Tanten haben geguckt, als hätte jemand den Fernseher falschrum aufgehängt.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Mein Vater hat damit gesagt: Du bist die nächste Generation. Egal, ob Mädchen oder nicht.“
Laurie nickte knapp. „Gefällt mir. Klarer geht’s nicht.“
Seda holte eine Münze aus der Tasche. „Und ich musste ihm einen Euro geben.“ Laurie sah sie an, wartete.
„Damit es als gekauft gilt“, erklärte Seda. „Ein geschenktes Messer schneidet die Verbindung durch. Sagt man bei uns so.“ Sie drehte die Münze zwischen den Fingern. „Als ich sie ihm gegeben hab, hat er mich das erste Mal seit damals wieder richtig umarmt.“
Laurie legte das Messer zurück auf den Tisch, sauber, gerade. „Dann hat es seinen Job richtig gemacht.“
Seda strich mit dem Daumen über den Griff. „Ja. Hat’s.“
Sie schwieg einen Moment, dann: „Ich hab nach dem Unfall echt gedacht, es ist alles im Eimer. Und jetzt kommt er mit dem Ding an. Vor allen. Einfach so.“
Laurie lehnte sich zurück. „War fällig.“
Seda sah zu ihr rüber. „Findest du?“
„Ja.“ Laurie nahm ihr Glas, stellte es wieder ab. „Du bist zurückgekommen, das hat ihm viel bedeutet. Das sieht man.“
Seda atmete leise aus, ein kleines, ungläubiges Lächeln. „Okay.“
Laurie nickte. „Nicht okay. Richtig.“
Seda sah wieder auf das Messer. „Ja. Richtig.“
Ein Moment Stille. Warm. Ruhig. Nicht schwer.
Laurie griff neben sich, nahm eine Stofftasche hoch. „Okay. Und jetzt ich. Bevor du wieder anfängst, tiefgründig zu werden.“
Seda lachte leise. „Ich war gar nicht tiefgründig.“
„Warst du.“ Laurie schob ihr die Tasche hin. „Hier. Pack aus.“
Seda nahm sie, schon beim ersten Anheben merkte sie das Gewicht. Nicht leicht. Nicht dekorativ. Schwer. Etwas, eingewickelt in Zeitungspapier.
Das Papier fiel zu Boden. Die dunkle Stahlplatte darin wirkte, als hätte man ein Stück Wüste aus Metall gegossen: kastanienbrauner Edelrost, warmes Orange, versiegelt, trocken, hart. Ein Hauch von Öl und Werkstattluft.
In der Mitte schwebte der Schriftzug Desert Heart — gebogen aus einem einzigen Stück Rundstahl. Schreibschrift, fließend, die Bögen des D und H fast wie alte Kalligrafie. Seda beugte sich vor. „Heiß gebogen“, murmelte sie.
Laurie zog eine Schulter hoch. „Mhm.“
Keine Knicke. Keine Risse. Perfekte Kurven. Der Schriftzug stand fünf Millimeter über der Platte, gehalten von unsichtbaren Stiften. Seda suchte nach Schweißpunkten — fand keine. Glattgeschliffen, verschwunden.
Dann betrachtete sie das Gold. Echtes Blattgold, hauchdünn, in winzigen Quadraten. Es flimmerte im Licht, als würde es atmen.
„Echtes Gold? Auf Rost?“, fragte Seda leise.
„Ja.“
Sie wusste, was das bedeutete: Strafarbeit. Stunden. Atem anhalten. Kein Luftzug. „Du Wahnsinnige“, grinste sie.
Seda strich über die Oberfläche — rauer Stahl unten, kühles Gold oben. „Du hast das im Metallkurs gemacht.“
„Nach Feierabend“, sagte Laurie. „Wollte’s ordentlich haben.“
Seda sah sie an. Ruhig. Getroffen. „Das ist Arbeit.“
„Schon...“
Seda hielt das Schild einen Moment, als müsste sie sein Gewicht erst begreifen. Dann: „Ich häng’s in mein Zimmer. Nein – besser – mitten an meinen Arbeitsplatz. Gleich am Montag.“
Laurie nickte. „Passt.“
Mehr brauchte es nicht. Das Schild lag zwischen ihnen wie ein stilles, schweres Herz aus Metall.
Wieder schwiegen sie einige Augenblicke. Laurie lehnte sich zurück, atmete ruhig aus.
Seda strich mit dem Daumen über den Rand ihres Glases. „Du, nochmal wegen der Cloud. Ich hoffe, du bist okay damit? Dass Marek und ich… dass wir das angefangen haben. Ohne dich vorher zu fragen…“
„Sicher. Warum nicht? Jeder Hinweis zählt.“
„Hat dein Dad auch gesagt.“
Laurie nahm einen Schluck Cola. „Hm. Nur, ob es was bringt? Die Bullen werden sich keine Beine ausreißen wegen der Sache.“
„Nein?“
„Haben sie genau so gesagt. Also, nicht wörtlich… Aber für die ist das null priority case. Autodiebstahl, Sachbeschädigung – kein Personenschaden. Irgendeine alte Karre, die geschrottet wurde – dead end.“
„Im wahrsten Sinne des Wortes.“
Laurie verzog den Mund. „Du sagst es.“
„Immerhin sind schon einige Videos hochgeladen worden. Nicht nur aus unserer Klasse.“
„Und? Wie ist der Stand? Hast du schon reingeguckt? Ist was Brauchbares dabei?“
Seda zog ihr Handy aus der Tasche, wischte einmal über den Bildschirm, öffnete die Cloud. Ein kurzes Tippen, ein Blick. „Ah…“ Sie runzelte leicht die Stirn. „Da ist schon wieder was Neues reingekommen.“
Laurie sah kurz hin, ohne sich vorzubeugen. „Von wem?“
„Steht nicht dabei.“ Seda hielt das Handy etwas höher, aber nicht aufdringlich. „Nur ‚Upload 16:42‘.“
Laurie zog ein Knie an, stützte den Arm darauf. „Okay.“
Seda zögerte. „Wir könnten… wenn du willst… kurz reinschauen.“
Laurie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Jetzt nicht.“ Kein hartes Nein, nur eine klare Grenze. „Später vielleicht.“
Seda nickte sofort. „Na gut.“
Sie ließ das Handy in den Schoß sinken, Bildschirm nach unten.
„Wir warten noch ein paar Tage. Dann werde ich das mit Marek sichten und sortieren und Rotter bietet es der Polizei an. Die Schule wird ja auch ein Interesse daran haben, dass der Diebstahl aufgeklärt wird.“
„Mit Marek?“
„Mhm. Er ist gut in sowas. Er hat ein Auge für... Details.“
Laurie sah sie an. Trocken, aber nicht kalt. „Weiß ich. Vielleicht bringt’s was.“
Wieder ein kurzes Schweigen. Seda nahm ihr Glas, schüttete sich noch Cola ein. Dann nahm Laurie die leere Flasche und ging in die Küche. „Hat die Polizei sich denn eigentlich schon gemeldet? Wegen dem Auto?“, rief Seda ihr hinterher.
Es dauerte einen Moment, bis Laurie antwortete. „Nein. Jedenfalls nicht bei mir.“
„Und wenn? Was hast du dann vor? Der Wagen wird ja wahrscheinlich da weggeholt werden müssen, sobald die mit ihren Untersuchungen fertig sind. Weißt du schon, wo er hinsoll?“
Laurie kam zurück, zog die Schultern hoch. Lange. „Nope. No clue…“, bemerkte sie kalt und nüchtern, stellte eine neue Flasche auf den Tisch und drehte den Deckel auf.
„Willst du ihn wieder hier in die Werkstatt stellen?“
„Wozu? Das Ding ist tot.“
„Wohin dann? Zu deinem Dad?“
„Damit ich den Schrotthaufen jeden Tag bei der Arbeit sehen muss? Auf keinen Fall!“
„Oder direkt zum Schrott? Kurz und schmerzlos.“
„Seda – frag mich nicht. Ich habe keine Ahnung, okay?“
Seda stoppte kurz. Ihre Stirn zog sich leicht zusammen, der Blick ging sofort nach unten. Sie hob das Schild wieder an, hielt es etwas fester.
Laurie sah es. Ein kurzer Blick, ein Atemzug, dann nichts.
Montag früh, zehn nach neun. Laurie saß am Tresen und sortierte gerade die Post, als ihr Handy klingelte. Sie zog es kurz aus der Tasche, sah aufs Display, dann zu Paula. „Das ist die Polizei“, sagte sie nur kurz, und Paula bemerkte: „Dann geh ran. Ist sicher wegen deinem Auto.“
Laurie meldete sich, hörte zu, legte wieder auf. „Ist freigegeben. Ich soll die Kiste so schnell wie möglich abholen… lassen.“ Sie atmete einmal tief durch. „Und jetzt?“
Sie sah wieder auf ihr Telefon, dann durchs Fenster auf den Hof, auf die Blätter auf dem Tresen, aber es half nicht viel. „Ich will den nicht sehen, Paula. Nicht so.“ Paula sah sie einen Moment lang an, ohne etwas zu sagen. „Ja. Glaub ich dir.“
Laurie griff wahllos ein, zwei Blätter, die vor ihr lagen, starrte darauf, ohne sie zu lesen, legte sie zurück. „Ich weiß nicht, was ich damit machen soll.“ „Musst du jetzt auch nicht entscheiden“, sagte Paula leise. „Nur eins: Du fährst da bitte nicht allein hin.“
Laurie hob kurz den Blick. Unsicher. Paula blieb ruhig. „Tom ist da. Der kann den Wagen holen.“ Laurie schluckte. „Allein?“ „Ja.“ Paula schob die Post zur Seite. „Der macht das. Geh rüber und sag’s ihm.“
Laurie nickte langsam. Kein richtiger Entschluss, eher ein Einlenken. Sie steckte das Handy in die Tasche und ging die Stufen hinunter, Schritt für Schritt, ohne Eile.
Um kurz nach halb fünf – Laurie hatte früher Feierabend gemacht – rollte der Dodge Pickup auf den Werkstatthof. Auf dem Trailer verzurrt: der Pacer. Verformt, stumpf, still.
Tom stieg aus. Paula kam durch das offene Tor, blieb stehen, die Hände kurz angehoben, als müsste sie sich sammeln. „Meine Güte“, sagte sie leise. „Gut, dass Laurie das nicht sehen muss.“
Sie ging näher. Tom blieb neben dem Trailer stehen, die Hände an der Hose, ohne sie zu bewegen. „So schlimm hatte ich es auch nicht erwartet. Der ist tot“, sagte er nach einem Moment und zog einen letzten vertrockneten Grashalm aus dem Kühlergrill. Paula nickte langsam. „Ja.“
Der Hof war ruhig. Nur der Trailer knackte ein paar Mal nach der kurzen Fahrt vom Polizeirevier zu Past Times. Der Pacer darauf wirkte wie eine leere Hülle. Ein Auto, das zurückgekommen, aber trotzdem nicht mehr hier war.
Paula atmete aus. „Für sie ist das fast, als wäre ein Freund gestorben.“ Tom antwortete nur mit einem kurzen Nicken.
Dann zog er sein Handy heraus und machte ein Foto. Paula sah ihn scharf an. „Das willst du aber jetzt nicht Laurie schicken?“ Tom schüttelte den Kopf. „Nein. Für Toto.“
Er schickte es ab. Keine Minute später klingelte das Telefon.
„Oh fuck“, kam es sofort aus dem Lautsprecher. „Warum schickst du mir das?“ Tom sagte nichts. „Der sieht ja schlimmer aus, als ich dachte.“
Tom nickte nur, obwohl Toto es nicht sehen konnte.
„Und jetzt?“, fragte Toto. „Willst du den wieder bei dir auf dem Hof stehen lassen? Dann läuft sie ja jeden Tag dran vorbei…“ „Eben“, sagte Tom. „Der muss hier weg. Schnell.“
Am anderen Ende wurde es kurz still. „Hm“, sagte Toto schließlich. „Ich hab noch meine zweite Garage. Da könnte er rein. Bis wir wissen, was mit dem Rest passieren soll.“
Tom atmete einmal durch. „Dann ist er wenigstens nicht gleich ganz weg. Vielleicht kann man noch ein paar Teile retten. Irgendwas Sinnvolles, bevor der Rest in die Presse—“ „Sag das nicht so kalt“, fiel Toto ihm ins Wort. „Das war ihr Baby.“ Tom schloss kurz die Augen. „Ich weiß.“
Eine halbe Stunde später rangierte Tom das Gespann rückwärts vor den alten Wellblechschuppen hinter dem Haus, in dem Totos Studio war. Toto kam die Rampe heruntergerollt, stoppte unten, reichte Tom den Garagenschlüssel und verzog das Gesicht, als er den Pacer jetzt direkt vor sich sah.
Paula, die selbstverständlich mitgekommen war, um beim Schieben zu helfen, hockte sich neben ihn. „Ich hoffe, sie kriegen ihn…“, sagte sie nur, stand wieder auf und begann, die Rampen aus dem Trailer zu ziehen.
Toto rollte zum Auto, begutachtete die Schäden, schüttelte den Kopf, sagte nichts. Er ließ den Blick über die Front laufen: Kotflügel und Haube eingedrückt, Längsträger sichtbar gestaucht, der Motor schief im Aggregateträger. Die Spurensicherung hatte rote Markierungen gesetzt, die wie kleine Pfeile auf die Problemstellen zeigten.
„Der Einschlag war links vorne“, stellte Tom eher nüchtern fest. „Hat den ganzen Vorderwagen verzogen.“
Toto beugte sich leicht vor, sah unter den Wagen. „Querlenker krumm. Spurstange raus. Rad steht komplett falsch.“ Er sprach ruhig, als würde er eine Checkliste abarbeiten.
Tom nickte und kletterte auf den Trailer, hob die verbeulte Haube an, soweit die es unter lautstarkem Protest noch zuließ. „Kühlerträger ist durch. Kühler geplatzt. Den Lüfter hat’s auch zerlegt.“
Er sah zur Spritzwand, dann in den Innenraum. „Die hat’s gedrückt, die Pedale stehen schief.“
Tom trat einen Schritt zur Seite, um die A‑Säule zu sehen. „Da ist ein Knick. Minimal, aber da.“
Toto atmete einmal durch. „Das ist viel.“
Tom antwortete nicht sofort. Er ging zur rechten Seite, prüfte die Türspalte. „Tür geht auf, aber nicht sauber zu. Der ganze Wagen ist verzogen.“
Ein kurzer Blick zu Paula, die verzog nur das Gesicht, atmete einmal scharf aus. „Endstation“, bemerkte sie nur resignierend. „Wer macht sowas? Das hat das arme Kind nicht verdient...“
Tom schluckte hörbar, sagte nichts. Dann atmete er zweimal tief, räusperte sich. „Komm, abladen. Hilft ja nichts…“
Er sprang vom Hänger, schloss das Garagentor auf, schob ein paar Kisten zur Seite, redete nicht. Er sah den Pacer nicht länger an als nötig.
Sie lösten die Gurte. Tom zog seine Arbeitshandschuhe über, fasste an die A‑Säule, Paula an den verknitterten Kotflügel. Ein kurzer Ruck, dann rollte der Wagen langsam die Rampen hinunter. Toto wich mit dem Rollstuhl ein Stück zurück, damit sie Platz hatten. Kein Kommentar, kein Blickwechsel. Nur Arbeit.
In der Garage war es kühl. Der Betonboden roch nach Staub und altem Öl. Tom schob rechts, Paula links. Der Pacer bewegte sich schwer, aber ohne Widerstand. Einmal kurz nachjustieren, dann stand er drin.
Tom zog sofort das Tor zu. Kein Zögern. Kein letzter Blick.
Das Vorhängeschloss schnappte ein. Er drückte Toto den Schlüssel in die Hand, ohne noch etwas zu sagen.
Paula schob die Rampen zurück in den Trailer, verriegelte sie. Tom stieg ein, startete den Motor. Kein Kommentar, kein Durchatmen, kein Blick zurück.
Sie fuhren vom Hof, Toto sah ihnen nach, bis der Pickup hinter der Hausecke verschwunden war.
Er verharrte einen Moment vor dem Tor, legte die Hand an das kalte Schloss. „Feierabend. Schlaf gut“, flüsterte er und rollte ein Stück zurück. Dann stoppte er kurz, ohne ersichtlichen Grund. Ein minimaler Dreh des Kopfes, kaum mehr als ein Reflex, zurück zur geschlossenen Tür.
Nur ein Atemzug.
Dann rollte er zurück ins Haus.
Und die Sonntagsration. Neue Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.
Kapitel 39: Marktgeschehen
Tatsächlich kamen die Ermittlungen kaum voran. Und während Laurie sich inzwischen wieder um andere Dinge kümmerte, fragten Seda, Marek und auch Hartmut Rotter bei der ermittelnden Dienststelle nach – jedes Mal mit derselben knappen Antwort: „Dazu können wir Ihnen keine Auskunft geben.“
Nach ein paar Unterrichtstagen ließ die anfängliche Aufregung in der KFZ 24‑1 spürbar nach. Man konzentrierte sich wieder stärker auf den Lehrstoff, die Routine setzte ein, die Tage wurden normaler. Ganz weg war das Thema aber nicht. Lauries Blicke blieben – zu Seda, zu Marek, und auch zu Eric Rollmann. Kurz, prüfend, manchmal länger als nötig.
Zu Hause hatte Laurie angeboten, künftig stärker unterstützend bei den Dust & Desire‑Märkten einzusteigen. Um Mom zu helfen, um Lisa zu entlasten. Und auch, um sich von ihrem gescheiterten Projekt Rebel Yello abzulenken.
So saß sie jetzt wieder an der Kasse, auf dem Stuhl neben sich die obligatorische Schachtel mit Donuts. Es war kurz vor halb elf, der erste Schwung Schnäppchenjäger war bereits durch. Die Halle voll, die Geräuschkulisse vertraut: das Murmeln der Masse, das Schieben von Kartons, Verhandlungen um den „letzten Preis“. Laurie arbeitete routiniert, nahm Geld an, stempelte Handrücken – manchmal etwas zu fest – für den Wiedereintritt. Sie scannte die Menge, ohne jemanden wirklich wahrzunehmen.
Als sie den Kopf hob, standen plötzlich Nico und Seda vor ihr. Keine Ankündigung, kein „Wir kommen heute vorbei“, einfach da. Laurie blinzelte, sah die zwei erstaunt an — einmal, kurz, weil sie sie nicht erwartet hatte. „Was macht ihr denn hier? Warum habt ihr nichts gesagt? Ich hätte euch doch früher reingelassen…“
Seda grinste, zog ihre Geldbörse aus der Tasche und sagte mit übertrieben höflichem Ton: „Guten Tag. Zwei Erwachsene bitte. Was macht das?“
Das Wort Erwachsene sprach sie mit einem winzigen, kaum zu überhörenden Stolz aus. Nico ergänzte trocken: „Wollen Sie die Ausweise sehen?“
Bei ihm klang das völlig normal – und seit Seda achtzehn war, sogar halbwegs berechtigt. Die Märkte hatten schließlich eine Altersbeschränkung, und Nico wusste, dass Laura diese Regeln strikt einhalten ließ und gelegentlich auch kontrollierte.
Laurie sah die beiden noch einmal an, diesmal länger. Nicht wegen der Frage. Wegen der Art, wie sie da standen: synchron, selbstverständlich, wie ein Duo, das sich längst eingespielt hatte. Vielleicht sogar mehr als ein Duo. Sie grinste. „Ich trag mal ein: Besucher persönlich bekannt. Aber jetzt sagt mal—“
„Ich wollte einfach mal gucken“, unterbrach Seda sie. „Außerdem bin ich ja auch Antiquitätenbesitzerin, da will man sich mal ein bisschen informieren.“
„Hä? Ach, das Messer, stimmt. Na dann kommt rein. Viel Spaß.“
Die zwei machten sich auf und schlenderten Gang Eins entlang. Und bis sie neugierig bei Stratos’ Sammelsurium aus Kostbarkeiten und Kuriositäten stehen blieben, lächelte Laurie ihnen nach. Dann wandte sie sich wieder dem nächsten wartenden Besucher zu.
Es waren vielleicht zwei Stunden vergangen. Lisa hatte inzwischen Kasse und Einlasskontrolle übernommen und Laurie hatte sich zu Nico und Seda gesellt, als das Trio am Stand des alten Justav Station machte. Der wirkte heute noch müder und zerbrechlicher als die letzten Male; die Schultern hingen tiefer, die Bewegungen waren vorsichtig, fast tastend.
Laurie hatte ihn gerade gefragt, ob sie ihn heute beim Verkauf seiner Stücke unterstützen solle, aber Justav winkte sofort ab, fahrig, fast beleidigt: „Ach, lass ma, Kleene… brauch ick nich. Krieg ick allet alleene hin. Jeht heute nur wat langsamer.“
Er griff nach einer Schale, wollte sie nur ein Stück rüberschieben, brauchte dafür aber einen Moment zu lang. Ein kurzes Ächzen, die Finger zitterten deutlich. Er merkte es selbst. Ein Blick zu Laurie, trotzig und gleichzeitig erschöpft.
„Na jut“, brummte er schließlich. „Wenn de sowieso hier rumstehst… kannste ma’n Auge uff’n Tisch haben. Aber nich allet durcheinanderbringen, ja? Ick hab hier System.“
Laurie nickte nur. „Mach ick.“
Justav zog die Brauen hoch, als müsse er sich vergewissern, dass sie ihn nicht auslacht. Dann kam ein leises, kaum hörbares: „Is ooch jut, dass de da bist.“
Justav hatte Lauries Hilfe angenommen, wenn auch mit dem üblichen Gemisch aus Trotz und Erleichterung. Jetzt stand sie neben ihm, leicht seitlich versetzt, damit er nicht das Gefühl bekam, verdrängt zu werden. Nico und Seda blieben ein paar Schritte dahinter, schauten sich die Auslagen an, ohne sich einzumischen.
Ein Mann Mitte fünfzig blieb vor dem Tisch stehen, griff gezielt zu einer alten Messinglampe, nahm sie in die Hand und drehte sie prüfend hin und her.
„Was soll die denn kosten?“, fragte er.
Justav setzte an, räusperte sich, brauchte einen Moment zu lang. „Äh… die… äh…“
Laurie übernahm, ohne ihn zu überfahren. „Siebzig.“
Der Kunde nickte, stellte die Lampe wieder ab. „Ich überleg’s mir.“
Justav verzog das Gesicht. „Jaja, überleg ma. Ick halt se warm, wa“, murmelte er hinterher, dann leise zu Laurie: „War’n bissken hoch, Kleene. Hättste ooch fuffzich sagen können.“
„Er hätte fünfzehn gesagt, wenn du nicht angefangen hättest“, erwiderte Laurie trocken.
Justav schnaubte. „Jut, haste ooch wieder recht. Die Leute ham keen Anstand mehr. Früher…“ Er brach ab, weil eine Frau einen Stapel alter Postkarten in der Hand hielt.
„Die hier… was kosten die?“
Justav holte Luft, aber Laurie war schneller — diesmal bewusst. „Ein Euro das Stück.“
Die Frau nickte, suchte drei heraus und legte sie hin. „Drei für zwei?“ fragte sie routiniert. „Nope, ein Euro Stückpreis. Fix.“ Wortlos nahm die Frau einen Zehner aus der Tasche. Laurie kassierte, gab Wechselgeld, alles in einer flüssigen Bewegung.
Justav sah ihr zu, erst kritisch, dann mit diesem winzigen, kaum sichtbaren Stolz, den er nie zugeben würde. „Jut machste dit“, murmelte er. „Ick sach’s nich jern, aber… jut machste dit.“
Laurie grinste nur. „Ick weeß.“
Nico und Seda tauschten hinter ihr einen Blick — dieses wortlose, eingespielte Ding, das sie inzwischen hatten — und Seda flüsterte: „Der mag dich echt.“
„Ja“, sagte Laurie knapp. „Ich ihn auch.“
Justav hörte es natürlich. „Nu fangt hier nich an mit Sentimentalitäten, wa? Ick werd ja janz weich inne Knie.“ Er griff nach einer Kiste, die eindeutig zu schwer für ihn war.
Laurie war schneller. „Ich mach das.“
„Jaja“, brummte er. „Mach mal.“
Es klang wie ein Befehl. Gemeint war es als Dank.
Weitere zwei Stunden später. Seda und Nico hatten ihre Einkäufe bei Laurie an Justavs Stand deponiert und standen jetzt am Imbiss bei Kaffee und Kuchen, während Laurie mit Laura ein Stück neben Justav stand und den Markt überblickte.
„Gut gelaufen heute, oder?“, fragte Laurie. Laura nickte. „Bin zufrieden. Die Reihen sind voll, genug Besucher, kein Stress. So könnte es immer laufen.“
Laurie drehte sich kurz zu Justav um, der müde und etwas abwesend auf einer Holzkiste saß. „Jo. Hat auch Spaß gemacht. Ich glaub, das wär auch mal was für mich. So ’n Stand mit altem Krams…“, grinste sie. „Was der Kerl alles für Sachen hat...“
Laura sah sie daraufhin etwas überrascht an. „Meinst du? Ich… also, wir… wir wollten dich nämlich eigentlich was anderes fragen.“
Laurie hob die Brauen. „Ah so. Nämlich was?“
Laura zögerte kurz. „Na ja… wo du doch jetzt vorerst an den Wochenenden mehr Zeit hast…“
Laurie verzog den Mund, nickte aber. Laura fuhr fort: „Hättest du nicht Lust, mehr in unsere Märkte einzusteigen? Ich meine… vielleicht mal einen Markt ganz zu übernehmen. So dass Lisa und ich mal aussetzen. Nicht auf Dauer. Nur ein, zwei Mal vielleicht. Damit wir mal ne Pause machen könnten. Vielleicht mal wegfahren.“
Laurie dachte einige Augenblicke nach. „Icke? Janz alleene?“
Laura grinste – Laurie hing noch im Berliner Modus. „Nicht ganz alleine. Aber du hast ja schon Routine im Ablauf hier. Lisa zeigt dir den Rest. Behörden, Versicherungen, Feuerwehr und so. Sie hat das alles aufgeschrieben. Du weißt ja, wie sie ist: ‚Falls mal was sein sollte…‘“
„Geht’s ihr denn wieder schlechter?“, fragte Laurie leise.
„Nein, nein. Alles im grünen Bereich.“ Laura machte eine kleine Handbewegung, als wolle sie das Thema wegwischen. „Aber wir würden gern mal etwas ausspannen. Vielleicht ein paar Wochen zu Tina nach Castelvecchio. Die hat uns schon so oft eingeladen…“
Laurie nickte. „Klar, macht das. Ich krieg das hier schon auf die Reihe. Vielleicht kann Seda mir auch ein bisschen helfen. Die hat das Food‑Festival ja auch schon mit organisiert. Die kennt sich aus.“
„Auch ne gute Idee. Meinst du, ich könnte sie mal fragen?“
Laurie deutete mit dem Kinn zum Imbiss. „Mach doch. Da hinten steht sie.“
Laura ging, und Laurie drehte sich wieder zu Justav um, der inzwischen noch müder und blasser auf seiner Kiste hockte. „Haste jehört, alter Mann? Ick soll demnächst die Märkte übernehmen. Dann kriegste ein paar Extrameter. Oder ’nen Sonderpreis“, grinste sie, aber Justav reagierte kaum noch.
Laurie stutzte, hockte sich vor ihn und nahm seine Hand. Sie war kalt. Schweiß stand auf seiner Stirn, der Blick starr zu Boden, der Atem flach, aber vorhanden.
„Justav. He. Bist du noch da?“ Keine Reaktion. Sein Kopf sackte leicht nach vorn.
Laurie sprang auf, winkte energisch die drei vom Imbissstand herüber. Nico sah es sofort und lief als Erster los, dann Laura. Seda räumte noch kurz die Reste vom Tisch und kam dann hinterher.
Laurie kniete wieder vor Justav, hielt seine Hand, sprach leise auf ihn ein – nichts.
Nico hockte sich neben sie. „Was ist los?“
„Er reagiert nicht. Ich weiß nicht… irgendwas stimmt hier nicht.“
Laura war jetzt bei ihnen, sah Justav, sah Laurie, und ihr Gesicht wurde sofort ernst. „Ich ruf den Rettungsdienst.“
Sie ging zwei Schritte zur Seite, hob das Handy leicht an und suchte kurz nach Empfang, wählte, sprach knapp und sachlich. „Männlich, nicht ansprechbar, Atmung vorhanden, reagiert verzögert… ja… in der alten Textilfabrik… Zugang seitlich, am Hallentor… alles klar. Ich warte draußen.“
Laurie hörte nur Bruchstücke, blieb bei Justav, hielt seine Hand. Sein Brustkorb hob sich flach, unregelmäßig. Ein kleines Zucken ging durch seine Schultern, dann wieder nichts.
Laura kam zurück. „Rettungswagen ist unterwegs. Maximal zehn Minuten.“
„Soll ich ihn hinlegen?“, fragte Nico leise.
Seda schüttelte den Kopf. „Nur wenn er kippt. So ist es okay.“ Ihre Stimme war ruhig. „Atmung ist da. Puls ist da. Wir warten.“
Laurie merkte, wie ihre Finger sich verkrampften, lockerte den Griff etwas. „Justav… bleib mal schön hier, ja?“
Keine Reaktion.
Einige Händler sahen irritiert herüber, ein paar Marktbesucher blieben stehen, flüsterten. Laura hob die Hand – bitte weitergehen, danke. Die meisten verstanden.
Nico sah auf seine Uhr, dann wieder auf Justav. „Atmung ist stabil genug“, murmelte er. „Aber er ist tief weg.“
Laurie nickte. „Er war eben noch normal.“
„So was kommt manchmal schnell“, sagte Seda.
Laurie schluckte. „Ich will nicht, dass er hier…“ Sie brach ab, schüttelte den Kopf.
Seda kniete sich jetzt auch hin, auf der anderen Seite. „Er ist nicht weg. Er ist nur… nicht richtig da.“
Laurie atmete einmal tief durch. „Okay.“
Sie blieb so sitzen, die Hand um seine Hand, während draußen vor dem Tor eine Sirene leise näherkam.
Kapitel 40: Im Handschuhfach janz hinten
Der Markt war vorüber. Alle anderen Händler hatten ihre Stände abgebaut und verpackt. Nur Justavs Sortiment stand noch da, als würde er jeden Moment zurückkommen, sich mit seiner üblichen Ruhe an die Arbeit machen und sich am Ende mit einem lockeren Spruch verabschieden – bis zum nächsten Mal.
Laura und Laurie sahen sich ratlos an, während Seda und Nico kurz nach draußen gegangen waren, um ihre Einkäufe in Nicos Auto zu verstauen.
„Was machen wir denn jetzt mit seinem Stand?“, fragte Laurie und blickte auf die verwaisten Antiquitäten.
Laura zog die Schultern hoch. „Erstmal kann das stehen bleiben. Bis zu dem Firmenevent nächste Woche Freitag stört es niemanden. Vielleicht erholt er sich und holt seinen Kram in den nächsten Tagen selbst ab. Und falls nicht…“
„Was meinst du mit falls nicht?“, fiel Laurie ihr sofort ins Wort.
„Na ja… falls er nicht wiederkommt. Man muss ja drüber nachdenken.“
„Nein. Muss man nicht.“ Laurie schüttelte heftig den Kopf. „Ich fahr hin.“
„Wohin?“
„Ins Krankenhaus.“
„Die dürfen dir eh nichts sagen“, gab Laura zu bedenken. „Du bist keine Angehörige.“
„Aber ich kann hier nicht einfach rumsitzen und abwarten. Vielleicht erfahre ich trotzdem was. Vielleicht geht’s ihm schon wieder besser…“
Laura sah sie einen Moment lang an, dann nickte sie nachgiebig. „Dann nimm Nico mit. Oder Seda. Oder beide.“
„Okay. Wir melden uns.“
Eine halbe Stunde später parkte Laurie ihren alten Hook auf dem Klinikparkplatz. Gemeinsam mit Seda und Nico stieg sie aus; die drei orientierten sich kurz im fahlen Licht der Straßenlaternen.
„Hier – Notaufnahme. Da lang“, bemerkte Seda und zeigte auf ein beleuchtetes Schild. Sie ging voran.
In der Klinik angekommen, mussten sie kurz suchen. Sie liefen tiefer in einen Gang, über dessen schwerer Tür in roten Lettern INTENSIV 2 stand. Ein Pfleger in blauer Kleidung und grüner Haube kam ihnen mit schnellen Schritten entgegen und streckte den Arm aus, um sie zu stoppen.
„Was machen Sie denn hier? Kein Zutritt für Besucher. Bitte zurück.“
Laurie hob entschuldigend die Hände. „Sorry, die Tür stand offen. Haben wir nicht gesehen.“
Sie drehten sofort um, der Pfleger folgte ihnen dicht auf den Fersen. „Die Reinigung hat die Tür wieder blockiert“, kommentierte er genervt, schob mit dem Fuß einen kleinen Gummikeil zur Seite und die zweiflügelige Tür schloss sich mit einem leisen Surren hinter ihnen. Er sah die drei prüfend an. „Wen suchen Sie denn?“
Nico antwortete: „Einen Freund. Er wurde vorhin mit dem Rettungswagen eingeliefert. Wir wollen wissen, wie es ihm geht. Älterer Herr, so Mitte siebzig, graues Haar, eher schmächtig.“
„Wie ist der Name?“
„Gustav… äh…“ Nico stockte.
Seda hob hilflos die Schultern. Laurie musste ebenfalls angestrengt überlegen. Sie kannte ihn nur als Justav. Justav der Berliner. Den vom Markt. Einen Nachnamen hatte sie nie gehört. Oder schlichtweg wieder vergessen.
„Ist er ein Verwandter von Ihnen?“
„Ein Freund“, erklärte Laurie sofort. „Er ist vorhin auf dem Antikmarkt zusammengeklappt. Wir wollen nur wissen, ob es ihm besser geht.“
„Sie sind also keine Angehörigen? Dann darf ich Ihnen beim besten Willen keine Auskunft geben. Datenschutz.“
Seda versuchte es trotzdem. „Aber Sie können uns doch wenigstens sagen, ob er…“ Sie stockte, suchte nach Worten. „…ob er noch lebt?“ Sie schluckte hörbar. Obwohl sie Justav erst heute kennengelernt hatte, lag ihr der Satz zentnerschwer auf der Zunge.
Der Pfleger schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein. Darf ich leider nicht.“
„Und wenn ich nur mal so allgemein frage?“ Laurie sah den Pfleger gar nicht mehr an. Ihr Blick wanderte an ihm vorbei, tief in den sterilen, schier endlosen Flur. „Zum Beispiel, ob hier heute schon jemand gestor… ben ist?“
Noch während Laurie formulierte, las sie die Antwort bereits im Gesicht des Pflegers. Seine Züge wurden weicher, aber er schüttelte wieder den Kopf.
„Ich verstehe Ihre Sorge, wirklich. Aber ich darf Ihnen nichts sagen. Setzen Sie sich bitte drüben in den Wartebereich, ich gebe dem Stationsarzt weiter, dass Sie hier sind.“
„Na gut.“
Die drei setzten sich auf die ungemütlichen Kunstledersitze. Nico nahm eine Flasche von dem dort bereitstehenden Wasser, trank einen großen Schluck und stellte sie zwischen seine Schuhe. Seda tippte eine kurze Nachricht an ihre Mutter, steckte das Handy aber gleich wieder weg. Laurie wippte nervös mit den Füßen – erst schnell, dann langsamer, dann wieder in hektischem Takt.
Weiter tat sich nichts. Die Zeit schien zwischen den hellen Fliesen einzufrieren.
Eine halbe Stunde verging. Schwestern gingen vorbei, Pfleger, ein Arzt mit einem Klemmbrett, zwei Sanitäter mit einer leeren Trage. Niemand blieb stehen. Niemand sah sie an. Niemand konnte ihnen sagen, wie es um Justav stand.
Laurie hielt es bald nicht mehr aus. Sie stand auf, tigerte den Gang entlang, immer bis zu der Tür mit dem roten Schild ZUTRITT VERBOTEN. Sie blieb davor stehen, als könne sie dahinter etwas hören, drehte wieder um und ging zurück zum Wartebereich.
Im Vorbeigehen schnappte sie Gesprächsfetzen auf:
„…auf Intensiv…“ „…warte noch auf die Laborwerte…“ „…Angehörige sind informiert…“ „…kann dauern…“
Nichts davon gehörte zu ihnen, nichts zu Justav.
Nico sah ihr hinterher, sagte aber nichts. Seda folgte Laurie mit den Augen, als würde sie einschätzen, ob sie eingreifen müsste. Laurie blieb irgendwann stehen, vergrub die Hände in den Taschen, atmete einmal tief durch und kam zurück.
„Wie lange sitzen wir hier schon?“, murmelte sie.
Nico sah auf seine Uhr. „Vierzig Minuten.“
„Fühlt sich länger an.“
Seda nickte nur. Wieder Stille.
Die Zeit verstrich. Dann – wieder Stimmen auf dem Gang. Erst hörten sie kaum hin. Doch eine der Stimmen wurde lauter, sodass sie bald jedes Wort verstanden.
„Schwester Michaela, haben Sie denn jetzt jemanden erreicht?“
„Wegen dem Exitus von der Drei? Nein, ich hab immer noch keinen Namen…“
„Hatte er gar keine Papiere dabei?“
„Nein, sag ich doch. Er ist per RTW reingekommen. Von irgendeiner Veranstaltung. Ich weiß doch auch nichts! Ich bin hier ganz alleine, ich kann mich doch nicht um sieben Patienten gleichzeitig kümmern…“
Beim Wort Exitus wurden die drei sofort hellhörig.
Laurie war aufgesprungen, blieb aber wie angewurzelt am Platz stehen. Ihr Puls raste, der Atem wurde schneller, flacher. Nico trat neben sie und fasste sie sanft am Arm. Sie schaute ihn an, der Blick unruhig, die Augen glänzend.
„Nein“, sagte sie. Nur dieses eine Wort. Leise, aber hart.
Seda stand auf und ging den Stimmen nach. Sie fand Schwester Michaela im hell erleuchteten Stationszimmer.
„Entschuldigung… wir haben das eben gehört. Das mit dem Exitus.“ Sedas Stimme war ruhig, aber merklich angespannt. „Wir warten wegen eines älteren Herrn. Von einer Veranstaltung. Das… ist er das?“
Die Schwester sah auf, hielt kurz inne. Kein Wegschauen, kein hektisches Blättern, kein Ausweichen. Nur ein ruhiger, ernster Blick.
„Ich darf Ihnen keine Auskunft geben“, sagte sie schließlich. Neutral. Dienstlich. Aber ihre Stimme war weicher als zuvor.
Seda nickte langsam. „Sollten wir… noch warten?“
Die Schwester atmete einmal tief durch, schloss die Akte in ihrer Hand und legte sie beiseite. „Setzen Sie sich bitte wieder in den Wartebereich“, sagte sie leise. „Ein Arzt kommt gleich zu Ihnen.“
Sie sagte nicht, warum. Sie sagte nicht, was passiert war. Aber sie sagte auch nicht, dass es nicht Justav war. Und genau diese Art von Schweigen war Antwort genug.
Seda kam zurück, und Laurie las es sofort in ihrem Gesicht. Seda nickte nur einmal, knapp. Mehr brauchte es nicht.
„Kommt“, murmelte Nico und drückte sanft Lauries Schulter. „Lass uns gehen. Hier können wir nichts mehr tun.“
Laurie nickte mechanisch. Die drei machten sich auf den Weg Richtung Ausgang, langsam, nebeneinander in einer Reihe. Keiner sagte ein Wort.
Da hörten sie Schritte hinter sich.
„Entschuldigen Sie…“
Die Schwester kam ihnen nach, die Akte in der Hand. Sie wirkte nicht gehetzt, nicht streng — nur ernst.
„Ist eine von Ihnen Laura?“
Laurie blieb stehen. „Das ist... das bin ich.“ Ein kurzer Seitenblick von Seda.
Die Schwester nickte. „Gut. Dann… dann soll ich Ihnen etwas ausrichten.“
Sie sah kurz auf die Akte, dann wieder zu Laurie. Ihre Stimme blieb ruhig, sachlich — aber nicht kalt.
„Der Herr, um den es geht… er hat noch etwas gesagt.“ Ein kurzer Atemzug. „Er meinte, Laura solle mal ins Handschuhfach schauen.“
Mehr sagte sie nicht. Mehr durfte sie nicht. Nur diese kurze, letzte Botschaft.
Sie hielt die Akte etwas fester, als würde sie sich daran orientieren, dann nickte sie ihnen zu und ging zurück Richtung Station.
Laurie stand da, unbeweglich, die Hände in den Taschen verkrampft. Nico neben ihr, Seda ein Stück dahinter.
„Okay“, sagte Laurie leise. Nicht als Zustimmung. Nur als Feststellung.
Dann gingen sie weiter. Diesmal ohne sich umzudrehen.
Laura warf gerade einen Müllsack in den Laderaum des Escalade und Lisa kurvte mit der Kehrmaschine um die Säulen in der Halle, als Hook wieder vor dem offenen Tor hielt. Die Beifahrertür wurde geöffnet, Laurie und Nico stiegen aus. Seda blieb noch kurz am Steuer sitzen, tippte eine Nachricht ins Handy.
Die zwei kamen in die Halle. Laura ging auf sie zu.
„Und?“
„Er ist gestorben“, sagte Nico knapp.
Laura verzog das Gesicht, ging kurz in die Hocke, als hätte ihr jemand die Luft weggenommen. Lisa sah das und kam angefahren, stoppte die Kehrmaschine und stieg ab.
„Tot?“, fragte sie.
Nico nickte nur.
Laura stand wieder auf. Lisa legte den Arm um ihre Schulter, ohne etwas zu sagen.
Dann sahen sie sich um.
Laurie stand an Justavs Stand. Still. Regungslos. Sie stand einfach nur da, als würde sie versuchen, irgendwas festzuhalten – die Form eines Stuhls, die Ordnung seiner Kisten, die Art, wie er immer saß.
Laura und Lisa gingen zu ihr. Nico folgte. Seda kam dazu, steckte das Handy weg.
Niemand sprach.
Alle betrachteten den leeren Trödelstand. Den Stand, an dem vor ein paar Stunden noch Justav gesessen hatte. Das Berliner Original, das von Anfang an dabei gewesen war und zu Lauras Märkten gehörte wie der Geruch von Kaffee am Morgen, das Scheppern der Kisten, das erste Lachen der Händler.
Laurie hob eine Hand, berührte kurz die Tischkante. Nur ein Hauch. Dann ließ sie sie wieder sinken.
Laura atmete schwer aus. „Ich habe immer gedacht, Justav ist unkaputtbar. Dass der uns alle überlebt“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht laut, nicht pathetisch. Es klang wie eine schlichte, nun widerlegte Tatsache.
Laurie nickte kaum merklich. Seda stand neben ihr, die Handflächen aneinandergelegt, die Fingerspitzen leicht gegen die Lippen gepresst. Ihr Blick war starr auf die Holzkisten gerichtet. Sie schwieg – und genau dieses Schweigen war in diesem Moment richtig.
Nico sah von Laurie zu Laura und wieder zurück zum Stand. Er wirkte, als würde er nach Worten suchen, aber keinen Satz finden, der der Situation gerecht wurde. Lisa wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl sie gar nicht schwitzte.
Dann standen sie einfach nur da. Fünf Menschen, ein verwaister Trödelstand, ein stiller Moment.
Schließlich brach Nico das Schweigen. Er trat hinter den Tisch, schob ein paar Kisten beiseite und hob eine alte Wolldecke an.
„Was machst du?“, fragte Laurie matt.
„Ich suche nach seiner Brieftasche. Die im Krankenhaus brauchen doch Papiere.“
Laurie verzog kurz den Mundwinkel. Lisa kam herüber, kniete sich ebenfalls hin und suchte mit. Zwischen rostigen Werkzeugen, stumpfen Münzen und stapelweise zerknitterten Zeitungen, die Justav zum Einpacken von zerbrechlichem Trödel benutzte, fanden sie nichts – bis auf einen schweren Schlüsselbund.
„Da“, sagte Lisa und hielt ihn hoch. „Seine Schlüssel. Vielleicht liegen die Papiere im Wagen?“
Laura nahm ihr den Bund ab, drehte ihn einmal prüfend im fahlen Hallenlicht und suchte nach dem Autoschlüssel. Dann drehte sie sich um und ging nach draußen.
Auf dem Hof war es längst stockdunkel geworden. Laura musste einen Moment suchen, wo Justav seinen Wagen abgestellt hatte. Kurz darauf rollte der alte Volvo mit dem kleinen Anhänger am Haken in die Halle. Der Motor tuckerte im Leerlauf weiter, als Laura ausstieg. In der Hand hielt sie eine verschlissene Lederbörse, deren Kanten schon aufgeplatzt waren.
„Hier“, sagte sie und trat an die Gruppe heran. „Ich habe was. Lag direkt auf dem Fahrersitz.“
Sie reichte die Börse Nico. Er öffnete sie behutsam, als könnte das morsche Leder jeden Moment zerfallen. Ein Personalausweis. Eine Krankenkassenkarte. Ein paar vergilbte Quittungen. Und ein Foto, dessen Farben schon halb verblasst waren.
„Das Handschuhfach“, warf Seda plötzlich ein.
Laura zog die Stirn kraus. „Was?“
Nico antwortete: „Er hat noch was gesagt, bevor er…“
Weiter kam er nicht. Laurie schluchzte auf und drehte sich abrupt weg. Lisa reagierte sofort, ging zu ihr, legte die Arme um sie und hielt sie fest. Laura blickte kurz zu den beiden, dann sah sie wieder Nico und Seda an.
Seda erklärte ruhig: „Die Krankenschwester meinte, er hätte kurz vorher noch etwas gesagt. Für dich. Du sollst ins Handschuhfach gucken.“
Laura zog irritiert die Brauen zusammen. „Ich?“
Seda nickte. „So hat sie es gesagt. Jemand soll Laura ausrichten, sie soll ins Handschuhfach gucken. Mehr weiß ich auch nicht.“
Lauras Blick wanderte zum Volvo. Der Wagen tuckerte immer noch vor sich hin, die Fahrertür stand offen. Sie ging hinüber, setzte sich auf den abgewetzten Sitz und drehte den Zündschlüssel um – der Motor verstummte augenblicklich. Dann beugte sie sich nach rechts und drückte die Entriegelung des Handschuhfachs. Ein leises Klack, aber die Klappe blieb verschlossen.
Sie drückte noch einmal, dann ein drittes Mal. „Wie geht’n das Ding auf?“, rief sie frustriert aus dem Wagen.
Seda kam herüber, öffnete die rechte Tür, setzte sich auf den Beifahrersitz und drückte die Entriegelung – diesmal mit mehr Gefühl. Der Deckel sprang auf – und fiel sofort komplett ab.
„Ach, guck mal da“, sagte Laura trocken.
„Ups“, murmelte Seda und hob das Plastikteil vom Boden auf. „Jetzt habe ich es kaputtgemacht.“ Verlegen legte sie den Deckel oben auf das Armaturenbrett und stieg wieder aus.
Laura begann, den Inhalt des Fachs vorsichtig zu durchwühlen. Ein paar zerknitterte Tankbelege. Ihre eigenen Standgeldquittungen der letzten Märkte. Kleine Werkzeuge. Mehrere klebrige, halbleere Bonbontüten. Nichts Besonderes. Nichts Dramatisches. Nur Justavs Alltag, zusammengequetscht in einem kleinen, alten Fach.
Draußen lehnte Laurie an der Motorhaube des Volvo. Sie sah nicht hin. Sie spürte nur das warme Metall des Wagens unter ihren Händen und starrte auf den leeren Stand. Auf die Lücke, die Justav hinterlassen hatte.
Seda kam zu ihr, setzte sich neben sie und legte ihr stumm eine Hand auf den Rücken. Sie hielt sie einfach – ohne ein einziges Wort.
Laura stieg ebenfalls aus und nahm Nico die Papiere ab. Dann blickte sie zu Laurie, sah die zwei glänzenden Tränen, die über ihre Wangen liefen. „Wir packen das schon“, sagte sie leise. Nicht tröstend. Nicht erklärend. Nur als ruhige, erwachsene Tatsache.
Dann kam Lisa hinzu, setzte sich noch einmal in den Wagen und blätterte die Quittungen durch. Sie räumte den restlichen Inhalt heraus, legte mit spitzen Fingern die Bonbontüten und das Werkzeug auf den Boden und suchte systematisch weiter. Dabei fiel ihr etwas auf. Ganz hinten, halb im Spalt der Verkleidung eingeklemmt, steckte ein weißer, zerknitterter Briefumschlag.
Sie zog ihn behutsam heraus. Auf der Vorderseite stand ein einziges Wort. Krakelig, schief, mit fast zittriger Hand geschrieben: Laura.
Lisa stieg aus und ging um den Volvo herum. Laura und Nico hatten gerade angefangen, ein paar Kisten auf dem Stand zusammenzustellen – nicht, um sofort alles abzubauen, sondern um Ordnung zu schaffen, ohne etwas zu überstürzen. Lisa hob den Umschlag leicht an und wedelte kurz damit.
„Hier“, sagte sie. „Ich habe was gefunden.“
Sie reichte Laura den Umschlag. Laura nahm ihn entgegen, starrte auf die krakelige Schrift und setzte sich schwer atmend zurück auf den Fahrersitz. Sie drehte das Papier leicht im Licht, als würde sie prüfen, ob irgendwo ein versteckter Hinweis war. Nichts.
„Vielleicht…“, begann sie, stockte aber sofort. „Vielleicht meint er gar nicht mich. Der Name ist ja nun nicht soo selten.“
Lisa sah sie verständnislos an. „Wen denn sonst?“
Laura antwortete nicht. Sie wirkte, als würde sie innerlich fieberhaft abgleichen, ob Justav noch eine andere Laura gekannt haben könnte. Es war kein falsches Zögern – eher der Reflex, nicht sofort etwas an sich zu reißen, das ihr vielleicht gar nicht zustand.
Sie atmete einmal tief ein, einmal aus. Erst dann fuhr sie mit dem Daumen unter die Lasche des Umschlags. Sie zögerte erneut. Nicht aus Angst. Aus Respekt. Aus dem Gefühl heraus, dass das Öffnen dieses Briefes etwas endgültig machen würde.
Laurie stand weiter vorn am Auto, die Arme eng um den eigenen Körper geschlungen, den Blick starr auf den Betonboden gerichtet. Sie wirkte, als würde sie jeden Moment wieder losweinen – oder einfach losrennen.
Laura sah zu ihr. Dann wieder auf den Umschlag.
„Okay“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Sie zog ihr kleines Taschenmesser aus der Jackentasche und ritzte die Kante vorsichtig auf. Dann zog sie ein einzelnes Blatt heraus. Es war mehrfach gefaltet, die Ecken waren ganz weich. Sie schlug es auf. Die Schrift war unsicher, zittrig, aber lesbar genug. Laura las. Langsam. Ohne ein Wort zu sagen. Nur ihre Augen wanderten über die Zeilen.
Dann hob sie den Blick. „Laurie“, sagte sie leise.
Laurie reagierte sofort – ein winziges Zusammenzucken, als hätte jemand ihren Namen mitten in der Stille zu laut gerufen. Sie sah kurz über die Schulter zu ihrer Mutter. „Was?“
Laura hielt das Blatt etwas höher, aber kam ihr nicht näher. „Es ist… für dich.“
Laurie schüttelte heftig den Kopf. „Nicht jetzt.“
„Laurie—“
„Nein!“, unterbrach sie ihre Mutter. Sie hob die Hand – abwehrend, fahrig. Ihre Stimme wurde lauter, fast aggressiv. „Shut up! Ich will das nicht. Jetzt nicht!“
Sie stieß sich von der Motorhaube ab und wirbelte herum. Ihr Atem wurde schneller, stoßweise, aber sie weinte nicht laut. Der Schmerz war völlig sichtbar.
„Laurie“, versuchte Seda es vorsichtig und machte einen Schritt auf sie zu.
Doch Laurie wich sofort zurück. „No! Ich kann das jetzt nicht hören. Nicht so, nicht heute!“
Und dann wandte sie sich ab und ging. Nicht rennend. Nicht flüchtend. Nur schnell genug, um Distanz zwischen sich und die anderen zu bringen. Sie ging hinüber zur großen Bühne am Rand der Halle und setzte sich auf die seitliche Treppe. Sie zog die Beine eng an den Oberkörper, vergrub den Kopf zwischen den Knien und verharrte so.
Seda machte instinktiv einen Schritt, um ihr zu folgen, stoppte dann aber. Sie verstummte.
Laura sah ihrer Tochter hinterher, das Blatt in der einen Hand, den geöffneten Umschlag in der anderen. Sie wirkte nicht überrascht über den Ausbruch. Nur unendlich traurig. Und sehr, sehr ruhig.
Lisa trat dicht neben sie. „Was steht drin?“
Laura blickte zurück auf das zittrig beschriebene Blatt. Ihre Stimme war kaum mehr als ein ferner Atemzug. „Er… er hat alles ihr vermacht.“
Nico senkte betreten den Blick. Seda schloss für einen Moment gequält die Augen.
Laura faltete das Blatt wieder zusammen. Sauber. Akkurat. Langsam.
„Wir kümmern uns darum“, sagte sie und steckte den Brief ein. „Morgen.“
Es klang nicht laut. Nicht bestimmt. Nur als unumstößliche Tatsache.
Heute gibt's nur ein relaiv kurzes Zwischenkapitel
Kapitel 41: Zwischen seinen Sachen
Lisa kam in die Küche, Laura war schon wach. Sie saß am Tisch, in der Hand wieder das Blatt. Das Blatt von gestern – Justavs Vermächtnis aus dem Handschuhfach. Sie las es, wieder und wieder. Die paar handschriftlichen Sätze, die doch so viel bedeuteten. Für sie, für Justav — und vor allem für Laurie.
Lisa setzte sich zu ihr, nahm das Dokument vorsichtig an sich, las es durch. „Ist auf jeden Fall gültig“, bemerkte sie trocken. „Handschriftlich, unterschrieben – mehr muss nicht sein. Was willst du damit machen?“
Laura sah auf. „Was meinst du?“
„Na ja. Noch weiß niemand davon. Außer uns fünf…“
„Du meinst, ich soll das Blatt einfach… verschwinden lassen?“
„Na ja, wir könnten so tun, als hätte es nie existiert. Als hätten wir es nicht gefunden. Mit dem Papier aus dem Handschuhfach entsorgt. Ich meine, hätte nicht zufällig die Schwester gestern noch mit Gustav gesprochen und wäre Laurie nicht hingefahren und hätte davon erfahren, dass er…“
Laura schüttelte den Kopf. „Nein. Das können wir nicht machen. Das sind wir Gustav schuldig. Es ist sein letzter Wille, dass Laurie seine Sachen bekommt, und dann müssen wir das auch respektieren. Ich bringe das Schreiben später zum Gericht, dann können die alles Weitere in die Wege leiten.“
Lisa nickte kurz. „Okay. Und Laurie kann selbst entscheiden, ob sie das Erbe antreten will. Sie könnte es ja auch ausschlagen – theoretisch.“
„Könnte sie, ja. Wenn man wüsste, was dahinter steckt. Er wird ja keinen – keine Ahnung – keinen Schuldenberg hinterlassen haben. Oder eine Wohnung voller Müll. Oder… ach, ich weiß auch nicht.“
„Nein, das traue ich ihm nicht zu. Gustav war ein Unikum, aber kein Chaot. Kein Messie, oder Müllsammler. Ein lieber netter Kerl – meistens.“ Lisa machte eine kurze Pause. „Ach Mensch, ich kann es noch gar nicht richtig fassen, dass er nicht mehr da sein soll.“
Laura hob den Blick, sah Lisa direkt an. „Vielleicht sollten wir vorher… einfach mal nachsehen. Bevor ich den Brief zum Gericht bringe. Wir haben doch seine Schlüssel. Mal kurz reingucken. In seine Wohnung. Und falls jemand fragt – wir könnten ja sagen, wir wollten nur schnell nach dem Rechten sehen. Vielleicht hatte er ja Haustiere, die dringend versorgt werden müssen. Oder so...“
„Und davon willst du dann abhängig machen, ob du das Testament ablieferst oder es verschwinden lässt?“
„Nein, oder?“
„Nein. Das würde Laurie auch nicht mitmachen.“
„Stimmt. Nie wieder lügen, verdecken, verschwinden lassen. Das haben wir ihr versprochen.“
Lisa nickte. „Und deshalb gehen wir jetzt zu ihr rüber. Komm.“
Gemeinsam kamen sie aus der Wohnung und – blieben gleich wieder stehen. Lauries Tür stand offen. Lisa sah auf ihr Handy, es war kurz vor acht. „Ist die schon zur Arbeit? Ich hab sie nicht wegfahren gehört.“
„Warum hätte sie dann die Tür offen gelassen? Komm, wir sehen nach. Vielleicht ist sie nur mal kurz draußen. Den Müll runterbringen...“
Leise gingen sie in Lauries Wohnung, riefen nach ihr. „Vielleicht ist sie einfach so durch den Wind, dass sie die Tür vergessen hat…?“
Sie sahen kurz ins Wohnzimmer, Küche und Bad wirkten unbenutzt, das Bett dagegen sah aus, als wäre Laurie gerade erst aufgestanden. Auf dem Stuhl hingen ihre Arbeitsklamotten. Lisa sah vorn aus dem Fenster. „Hook steht unten. Weggefahren ist sie nicht.“
„Wo ist sie dann?“, fragte Laura, schloss das Schlafzimmerfenster und strich kurz das Bettzeug glatt.
„Vielleicht unten? In der Halle. Komm, wir gucken nach.“
Sie gingen die Treppe runter, vorbei an den Büros, zur Verbindungstür zur Halle. Lisa drückte die schwere Stahltür auf, ging in die Halle. Dort standen noch der Volvo und Gustavs Sachen. Aber – sie standen ein bisschen anders als gestern Abend, als sie die Halle verlassen hatten. Sie gingen hin. Im Volvo auf dem Fahrersitz saß Laurie – schlafend.
Lisa klopfte leise an die Scheibe – einmal vorsichtig, dann nochmal etwas fester. Laurie schlug die Augen auf. Vorsichtig öffnete Lisa die Tür. Laurie rieb sich die Augen, sah sich kurz um, als müsste sie selbst erst verstehen, wo sie war.
Laura stellte sich neben Lisa, sah Laurie an. Sie trug ihr graues Schlafshirt und eine Jogginghose – keine Schuhe. Lisa trat beiseite, Laura hockte sich neben das Auto, legte eine Hand auf Lauries Oberschenkel. „Guten Morgen, mein Spätzchen. Was machst du hier?“
Leicht verwirrt sah Laurie die beiden an. „Ich… ich hab keine Ahnung. Ich weiß gar nicht mehr, dass ich runtergegangen bin.“
Etwas ratlos sahen Laura und Lisa sich an, dann wieder zu Laurie.
Die erinnerte sich bruchstückhaft. „Ich weiß noch, wie ich mit Seda getextet hab. Und mit Nico. Er hat kurz geschrieben, dass er wieder zuhause angekommen ist. Und Seda. Ich weiß nicht mehr. Die ist mitgefahren, glaub ich.“
„Zu Nico? Nach Marburg?“
„Wieso Marburg? Ach so. Ja, nein. Ich weiß auch nicht. Und dann hab ich von Gustav geträumt. Irgendein wirres Zeug. Ich hab mit ihm einen Markt gemacht. Und er – er war auf einmal weg. Und ich wusste nicht mehr, was ich mit seinen Sachen machen soll. Weil ich keine Preise wusste… Total bizarr, oder? Irgendwie komplett surreal. Und jetzt – jetzt bin ich hier, zwischen seinem Zeug, in seinem Auto. Warum?“
Laura und Lisa sahen sich erneut an. Kein großes Drama, kein Entsetzen, nur dieses stumme, mütterliche „Okay, das müssen wir jetzt ganz ruhig sortieren“.
Laura setzte an, ihre Stimme war betont ruhig und sachlich: „Du bist wohl heute Nacht im Schlaf noch mal runtergegangen. Nach allem…“ Sie suchte kurz nach dem passenden Wort, fand keines, das nicht zu schwer gewogen hätte. „…nach gestern halt.“
Lisa ergänzte nüchtern: „Wir haben dich gestern Abend nicht mehr gehört. Und als wir heute früh nach dir sehen wollten, stand deine Wohnungstür einen Spalt weit offen. Und du warst weg.“
Laurie zog die Stirn kraus. „Offen?“
„Ja“, sagte Laura sanft. „Nicht weit. Nur angelehnt. In der Wohnung warst du nicht, aber Hook steht draußen auf dem Hof. Da wussten wir, dass du hier irgendwo sein musst.“
Lisa nickte bekräftigend. „Und dann haben wir dich hier gefunden. Im Volvo. Schlafend. Mehr ist nicht passiert.“
Keine Vorwürfe. Keine tiefenpsychologische Interpretation. Nur die nackten Fakten.
Laurie sah suchend zwischen den beiden hin und her, als müsste sie erst prüfen, ob die Realität wirklich so tröstlich banal sein durfte.
Laura fuhr fort, leise, aber unmissverständlich klar: „Du warst gestern einfach völlig überfordert. Das ist doch völlig verständlich. Du hast dich hierhergesetzt, wahrscheinlich weil du bei seinen Sachen sein wolltest. Bei ihm. Und dann bist du einfach eingeschlafen. Das ist alles.“
Lisa ergänzte trocken und ohne jede Wertung: „Kein Drama. Kein Blackout. Nur ein verdammt beschissener Tag und viel zu wenig Schlaf.“
Laurie stieß den Atem aus. Es war keine echte Erleichterung, eher ein inneres Sortieren der Gedanken.
Laura legte eine Hand an den Türrahmen des Volvo. „Komm mit rauf und leg dich wieder ins Bett. Und später reden wir dann, wenn du dich danach fühlst. Nimm dir erst mal ein paar Tage frei. Ich rufe Tom an und regel das.“
Laurie nickte langsam. Nicht, weil sie restlos überzeugt war — sondern weil diese bodenständige Erklärung in diesem Moment einfach leicht genug war, um sie zu akzeptieren
Gegen Nachmittag hatte Laurie sich wieder etwas gefangen. Gemeinsam mit Laura hatte sie Gustavs Trödelbestand in seinem Anhänger verstaut, diesen abgekuppelt und in eine freie Hallenecke geschoben. Der Volvo stand jetzt auf dem leeren Platz des Pacers in Lauries Werkstatt. Als Tom von Laura erfahren hatte, was passiert war, hatte er ihr kurzerhand die ganze Woche freigegeben. So lag Laurie nun unter dem dunkelblauen Kombi, um ihn mal gründlich durchzuchecken. Ein Stück Gustav, ein Stück seiner Geschichte. Und jetzt wohl – ihr neues Auto?
Schon bald entdeckte sie die ersten Schwachstellen: rostige Bremsleitungen, eine fast wirkungslose Handbremse, verräterische Wasserspuren am Kühler. Mit einem milden Lächeln stöhnte sie leise vor sich hin. „Ach, Justav…“
Sie saß jetzt auf ihrem alten Drehstuhl und prüfte am Laptop die Verfügbarkeit der Ersatzteile, als Laura und Lisa die Werkstatt betraten.
„Na, geht’s wieder?“, fragte Lisa und reichte ihr eine Papiertüte.
Laurie nahm sie entgegen und blickte hinein. Sie zog einen Berliner heraus und musste unwillkürlich grinsen. Das Gebäck war liebevoll verziert mit zwei Augen aus Zuckerguss und einer Brille aus dunkler Schokolade.
„Ein Justav“, lachte sie leise und biss herzhaft hinein.
Während sie kaute, wischte sie sich mit dem Handrücken ein paar Zuckerkrümel vom Kinn und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. „Die Bremsleitungen sind Schrott“, murmelte sie. „Und der Kühler ist inkontinent.“
Laura lehnte sich gegen die Werkbank und verschränkte die Arme. „Klingt nach einem echten Justav.“
„Ja.“ Laurie tippte ein paar Teilenummern ein. „Der hat das Ding geliebt, aber gepflegt hat er ihn definitiv nicht.“
Lisa legte eine zweite Papiertüte auf die Werkbank und bückte sich kurz, um unter den Wagen zu spähen. „Und? Lohnt sich das überhaupt noch?“
Laurie zuckte mit einer Schulter. „Klar. Ist ein B230. Der läuft auch dann noch, wenn der Rest vom Auto schon zu Staub zerfallen ist.“ Sie nahm noch einen Bissen von dem Berliner und sprach mit vollem Mund weiter: „Und… keine Ahnung. Irgendwie fühlt sich das richtig an.“
Laura nickte langsam. „Ein Stück von ihm.“
„Ja.“ Laurie schob den Drehstuhl zurück, stand auf und streckte sich ausgiebig. „Und jetzt irgendwie meins.“
Lisa lächelte schmal. „Du klingst wieder ganz wie du.“
Laurie zog eine Augenbraue hoch. „Wie soll ich denn sonst klingen?“
Laura antwortete nicht sofort. Ihr Blick wanderte kurz zu dem Platz, an dem sonst der Pacer gestanden hatte, dann sah sie wieder zu Laurie. „So. Genau so.“
Laurie folgte ihrem Blick, schwieg aber. Sie griff nach dem Laptop, klappte ihn mit einem leisen Klacken zu und schob den Drehstuhl mit dem Fuß zurück unter die Werkbank.
„Ich fahre gleich in die Firma und bestelle die Leitungen von da“, sagte sie. „Und einen neuen Kühler. Und…“ Sie hielt inne, blickte auf den Volvo, dann auf Laura und Lisa. „Danke für den Justav.“
Lisa grinste. „War Lauras Idee. Ich wollte dir eigentlich einen Apfel mitbringen.“
Laurie schnaubte. „Sehr witzig.“
Laura hob abwehrend die Hände. „Ich fand einfach, du brauchst heute was Süßes. Und irgendwas, das nach Gustav aussieht.“
Laurie nickte nur. Ein stilles, kurzes, absolut echtes Nicken.
Dann wurde Lauras Miene etwas ernster. „Du, ich will morgen früh zum Amtsgericht, um das Testament abzuliefern. Und vorher… haben wir uns gedacht, fahren wir mal kurz bei seiner Wohnung vorbei. Nur mal kurz reingucken. Vielleicht…“
„Vielleicht hatte er ja ein Haustier, das dringend versorgt werden muss“, übernahm Lisa prompt.
Laurie runzelte die Stirn. „Ein Haustier? Gustav?“, fragte sie in einem Tonfall, der unmissverständlich klarmachte: Ihr seid doch einfach nur neugierig.
Lisa erwiderte nichts. Kein Grinsen, kein ertapptes Wegschauen. Nur ein kurzes, stilles Einfrieren ihrer Gesichtszüge – ein stummes Ja, stimmt schon, ohne es laut auszusprechen.
Laura schob sanft nach, ruhig und sachlich: „Es geht nur darum, dass wir nichts übersehen, Laurie. Wenn da irgendwas ist, was sofort geregelt werden muss… dann sollten wir es jetzt wissen.“
Laurie sah ihre Mutter an. Da war kein Widerstand mehr in ihrem Blick, nur noch ein leises, rationales Abwägen.
„Okay“, murmelte sie schließlich. „Aber nur kurz.“
Laura nickte. Lisa auch. Mehr Worte brauchte es nicht.