Der "Dem Streetracer seine Geschichte"-Fred

  • Übrigens: Nicht heute gekauft, aber neulich – die zwei Hooks aus Lauries Sammlung. Einen hat sie ja jetzt Gerda geschenkt.



    :whistling

  • Die Freitagsration: Ein langes Kapitel 54. Ich weiß noch nicht, ob ich für Sonntag das nächste fertig bekomme, darum teilt euch das hier gut ein. Möglicherweise gibt es erst in einer Woche Nachschub :rolleyes :rolleyes


    Kapitel 54: Nicht wie erwartet


    Draußen vor Lauries Werkstatt hielt die silberne C‑Klasse. Drin saß Familie Demirci. Laurie kam aus dem Haus, Gustavs Ordner „Auto“ unter dem Arm. Sie winkte.


    Seda stieg aus, kam ihr entgegen und umarmte sie.


    Die Fahrertür des Mercedes öffnete sich. Mehmet stieg ebenfalls aus, zog sein Jackett glatt, ging um den Wagen herum, öffnete die rechte Tür und half seiner Frau heraus.


    „Hallo Herr Demirci“, grüßte Laurie, dann: „Hallo Aylin.“


    „Hallo Laurie“, erwiderte Sedas Mutter und hob einen kleinen Korb aus dem Wagen. „Hier, für dich.“


    Laurie nahm den Korb, schlug das Tuch zurück. Eine flache, noch warme Auflaufform kam zum Vorschein — unter der Alufolie goldbrauner Börek, glänzend von Butter, bestreut mit Nigellasamen und Sesam. Die Stücke waren bereits in Rauten geschnitten. Ein Duft von Teig und Schafskäse stieg auf.


    „Weil du immer Börek zu der kleinen Ördekçik sagst“, erklärte Seda lachend.


    Laurie zog halb amüsiert, halb entschuldigend die Schultern hoch, sah zu Mehmet und Aylin, gab Seda den Ordner, zog den Werkstattschlüssel aus der Tasche und schloss auf.


    „Bitte“, sagte sie und deutete hinein. „Kommen Sie rein.“


    Mehmet betrat vorsichtig Lauries kleines Reich, sah sich um, nahm ein Werkzeug in die Hand, prüfend, anerkennend, legte es wieder ab.


    Aylin betrachtete die patinierten Blechschilder, die alten Fahrschultafeln, die kleine Vitrine mit Spielzeugautos. Wortlos zeigte sie Seda das große NO‑SMOKING‑Schild an der Decke. Seda verzog das Gesicht. „Ja, Mama. Ich hab doch aufgehört.“


    Sie legte den Ordner auf die Werkbank, dann gingen sie zusammen zur Ente.


    „Das ist sie“, sagte Seda und machte eine kleine Präsentiergeste. „Die kleine Ördekçik.“


    Aylin und Mehmet schwiegen kurz. Seda wurde unsicher. „Gefällt sie euch nicht?“


    „Doch, doch…“, sagte Aylin. Mehmet öffnete vorsichtig die linke Tür. Aylin wich einen Schritt zurück — sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Tür nach hinten aufschwang. „Huch“, murmelte sie.


    Mehmet stieg nicht ein, prüfte nur das spartanische Innenleben des Transporters aus den Fünfzigern. „Keine Sicherheitsgurte?“


    „Original nicht“, sagte Laurie. „Baujahr vor 1970, deshalb musste Gustav nicht nachrüsten. Wir bauen aber welche ein — logisch. Schweißen müssen wir sowieso.“


    „Sicher ist das Auto nicht“, meinte Aylin skeptisch.


    Laurie zuckte die Schultern. „Welches alte Auto ist das schon. Aber mit so einem Oldtimer fährt man auch ganz anders. Ohne ABS und den ganzen Schickimicki lernt man, was Autofahren bedeutet. Die modernen Kisten machen ja alles alleine. Da ist man nur zufällig dabei, wenn das Auto beschließt, irgendwo hinzufahren.“


    „16 PS, richtig?“ fragte Mehmet. „Das ist sehr wenig. Man ist mehr Verkehrshindernis als ein Fahrrad.“


    „Sogar nur Zwölf“, korrigierte Seda. „Aber diese 45‑km/h‑Mopedautos haben noch weniger. Und die sind auch keine Todesfallen.“


    Laurie schlug den Ordner auf, blätterte nach hinten. „Da muss ich euch kurz korrigieren.“ Sie nahm eine Klarsichthülle heraus — darin der alte graue Fahrzeugbrief.


    „Du hast den Brief gefunden?“ Seda staunte.


    „Nicht nur das. Hier ist ein ganzer Stapel Papier zu dem guten Stück. TÜV-Berichte, Steuerbescheide, Rechnungen – fast zwanzig Jahre Dokumentation. Gustav hat die Ente aus erster Hand gekauft und ewig gefahren. Guck mal.“


    Sie reichte Seda den Fahrzeugbrief. Die blätterte etwas hilflos darin herum, sah Laurie an. „Ich versteh gar nix. Was steht denn hier wo? Ah, vorne sind die Halter. Stimmt, Gustav war der zweite. Und davor – Klempnerei Zischke.“ Sie sah auf die Ente und musste grinsen. „Nee. Zischke heißt sie nicht. Dann bleiben wir lieber bei Ördekçik.“


    Mehmet sah Laurie fragend an. „Zischke?“


    „Manche Oldtimer kriegen den Namen ihres ersten eingetragenen Besitzers“, erklärte Laurie. „Der Taunus meiner Mom heißt zum Beispiel Helga – nach der Frau, auf die er zuerst zugelassen war. Nach der Tradition müsste diese Ente also Zischke heißen.“


    Mehmet sah von dem Namen im Brief zu der grauen Kastenente. „Zischke? Der braucht doch schon Rückenwind, um irgendwohin zu zischen.“


    Seda zog kurz die Brauen zusammen. „Baba, deine Witze waren auch schon mal besser...“


    Aylin lachte. „Dann lieber Ördekçik. Das kleine, hässliche Entlein.“


    „Sie ist nicht hässlich“, protestierte Seda. „Nur—“


    „Speziell“, half Laurie.


    Seda nickte. „Speziell.“


    „Guck mal weiter hinten“, verwies Laurie auf die technischen Daten im Fahrzeugbrief. „Fünfte oder sechste Seite.“


    Dann beugte sie sich vor, drehte den Knebelgriff an der Wellblechhaube und hob die Haube an. Mehmet nahm die lose Stütze auf, setzte sie ein. Laurie ließ die Haube darauf ab.


    „Und?“ fragte Seda und blätterte. „Hier sind Änderungen mit Kuli eingetragen, aber ich versteh’s nicht wirklich…“


    Laurie tippte auf die handschriftlichen Einträge vom 16. Juni 1995, Sie nahm den Fahrzeugbrief, legte ihn beiseite, heftete ein graues, mit dem typischen Schriftbild eines Matrixdruckers aus den 90ern bedrucktes, Blatt aus dem Ordner und las vor:

    „Prüfbericht über die Änderung von Fahrzeugteilen. Austauschmotor Typ A06/635…“ Sie hob den Finger. „Hubraum 602 cm³, Leistung 21 kW — 28 PS — bei 5750 Umien. Fachgerecht eingebaut, zeitgenössische Bremsanlage… und so weiter.


    Dann hier: Hinweis zur ASU: Durch den Verbau des Motors Typ bla bla bla, Erstzulassung des Spendermotors: 14.05.1978, erlischt die generelle ASU-Befreiung.“


    Sie deutete auf das Berliner Kennzeichen an der Haube. „Darum hat das Ding auch ne Plakette vorndrauf.“


    „Die hat nen neuen Motor“, freute sich Seda.


    Dann zeigte Laurie in den Motorraum: „Und hier ist er — der originale 78er Rennmotor mit spektakulären 28 PS. Dein Autochen hat ihre Leistung mal eben mehr als verdoppelt. Damit bist du kein Bremsklotz mehr und kannst souverän mitschwimmen mit deiner Börek.“


    Aylin öffnete die Alufolie im Korb und reichte Laurie ein Stück. „Hier. Börek. Möchtest du? Ist noch warm.“


    Mehmet sah noch einmal in den Motorraum, dann zu Laurie. „Gut“, sagte er knapp. „Dann wissen wir Bescheid.“


    Aylin nickte. „Danke, Laurie. Wir lassen euch machen.“


    Seda schob sich schon einen halben Schritt nach vorn. „Ich bleib da. Wir können gleich anfangen.“


    Mehmet sah zu ihr, kurz überrascht, dann akzeptierend. „Okay. Ruf uns an, wenn du fertig bist.“


    Aylin legte ihr die Hand auf den Arm. „Nicht zu lange, tamam.“ Seda winkte ab. „Mama… ich bin doch hier.“


    Laurie blieb trocken. „Wir kriegen das hin. Wir wollen nur schon mal drübergucken, was wir so an Teilen brauchen werden.“


    Mehmet gab Laurie die Hand. „Dann auf Wiedersehen.“


    Aylin lächelte leise. „Und vielen Dank, Laurie. Seda freut sich sehr.“

    Sie gingen zum Wagen, Laurie winkte ihnen nach.


    Seda stand schon an der Werkbank, den Ordner geöffnet, blätterte ungeduldig durch die Unterlagen.

    Sie kicherte kurz. „Hast du gehört? Ich freu’ mich sehr.“


    Laurie grinste. „Hab ich gehört. Komm, es geht los. Zettel, Schreiber – sag an, was brauchen wir?“

    Sie guckte kurz zum Auto. „Als erstes mal Reifen. Die besorgt Tom. Was ist das eigentlich für ne Größe? Trennscheiben gibt’s auch im Baumarkt vorn an der Straße…“

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  • Eine knappe Stunde später – die Teileliste war schon auf zwei Seiten angewachsen – hörte Seda ein Geräusch auf dem Hof. Reifen auf Kies, eine Autotür, die zufiel. „Ist das schon Baba?“, fragte sie und ging zum offenen Tor, blieb dort stehen.


    Laurie kniete im Fußraum der Ente, leuchtete mit einer Taschenlampe die Bodenbleche ab auf der Suche nach Rostschäden. „Und? Vielleicht will er helfen.“


    Seda antwortete nicht. Sie starrte nach draußen, kam dann zurück. „Mh-mh. War er nicht.“


    „Wer denn?“


    Seda schwieg. Laurie arbeitete weiter.


    Ein paar Minuten später klopfte es an das Tor. Laurie kam hoch, stieß sich den Kopf am Hebel der Krückstockschaltung. „Au.“ Sie schob genervt den Hebel zurück, rieb sich den Hinterkopf und stand auf.


    „Sorry, störe ich?“, kam es vom Eingang.


    Seda fuhr zusammen, machte einen kleinen Schritt zurück. „Mh-mh“, brachte sie heraus.


    Laurie sah hin – und erkannte Diana, die Sängerin von Blue Feather.


    „Nope“, sagte Laurie knapp. „Komm rein.“


    Diana trat ein. Enge Jeans, grauer Hoodie, die langen schwarzen Haare im hohen Pferdeschwanz. Sie bewegte sich ruhig, kontrolliert, wie ein Mensch, der es gewohnt war, gesehen zu werden — selbst hier, zwischen Werkzeugwagen und Wellblechente.


    Seda wich noch einen Schritt zurück und stieß leicht gegen den Stahltisch mit dem Laptop. Ihre Augen wurden groß, fast starr.

    Diana streckte Laurie die Hand hin. Die Geste war schlicht, aber präzise, wie etwas, das man tausendmal auf Bühnen geübt hat. „Ich bin Diana.“


    „Ich weiß“, sagte Laurie, trocken, nicht unfreundlich.


    Diana reichte auch Seda die Hand. Seda nahm sie, zögerlich, fast ehrfürchtig. „Tag“, hauchte sie.


    „Hallo Laurie“, sagte Diana. „Ich wollte mir mal deine Werkstatt anschauen. Li hat mir verraten, dass du hier bist.“


    „Hab ich mir gedacht.“


    „Tut mir leid, dass ich so spontan reinplatze. Ist sonst nicht mein Stil, aber ich…“


    Laurie sah sie an, skeptisch, aber nicht abweisend.


    Diana atmete kurz ein. „Nein. Ich war nicht ‚zufällig in der Gegend‘. Ich wollte dich sehen.“


    Laurie verzog den Mund, ein kurzes Grinsen — überrascht, aber nicht überfordert.


    Seda stand inzwischen wie festgenagelt.


    Diana sah sich um. „Das ist also das Reich von Elenn. Der Entstehungsort von Rebel Yello.“


    Laurie reagierte kaum sichtbar, ein winziger Zug im Gesicht. Diana bemerkte es, legte ihr kurz die Hand auf die Schulter — eine Geste, weich, aber mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der Nähe gewohnt ist.


    „Wie geht es dir?“, fragte Diana schließlich und sah kurz zur grauen Ente. „Dein neues Projekt?“


    Laurie schüttelte den Kopf. „Die gehört Seda. Wir haben sie in einer Garage… gefunden.“


    „Gefunden? Das klingt spannend.“ Dann wandte Diana sich zu Seda. „Du bist Seda? Ich glaube, ich habe dich auch mal im Stream gesehen, oder? Warte mal… Desire… Destiny… irgendwas?“


    Seda schluckte hörbar. „Desert. Desert Heart.“


    „Richtig.“ Diana nickte knapp. „Und das ist dein Projekt? Gibt es dazu auch einen Vlog?“


    Seda schüttelte den Kopf, wieder dieses kleine mh‑mh, das mehr Unsicherheit als Nein war. „Nee.“


    „Schade.“ Diana sah zur Ente. „Süßes Gefährt. Hat es auch einen Namen?“


    „Börek“, warf Laurie ein, trocken. Diana runzelte kurz die Stirn.


    „Quatsch, sie heißt Ördekçik“, korrigierte Seda schnell. „Das heißt kleine Ente.“


    Diana lächelte — und es war kein Bühnenlächeln, kein Kameralächeln. Ein echtes. Seda wurde noch stiller.


    Dann sah Diana wieder Laurie an. „Li hat dir ja gesagt, was ich — was wir vorhaben. Das Video zum neuen Song.“


    Seda riss die Augen auf. Das war neu für sie. Laurie nickte nur. „Mhm. Hat sie.“


    „Okay. Und du hast Nein gesagt.“


    „Mhm. Hab ich.“


    Seda mischte sich ein, die Stimme eine Spur zu hoch. „Nein? Zu was?“


    Diana drehte sich zu ihr. „Mitzuwirken.“


    „Im Video? In… einem echten Musikvideo?“ Sedas Kiefer fiel sichtbar.


    Diana nickte.


    Seda sah zu Laurie, völlig fassungslos. „Warum?“


    Laurie antwortete nicht.


    „Warum hast du nichts gesagt?“, setzte Seda nach.


    „Weil ich's nicht mache. Ganz einfach."

  • Diana sah kurz zwischen den beiden hin und her. Sedas fassungsloser Blick blieb einen Moment unbeantwortet. Sie wandte sich wieder Laurie zu – nicht drängend, eher abwägend, als würde sie entscheiden, wie viel Raum sie sich jetzt nehmen durfte.


    Sie trat einen Schritt näher und lehnte sich leicht gegen den Werkzeugwagen.


    „Li hat gesagt, du würdest es dir wenigstens anhören.“


    Laurie zuckte kaum sichtbar mit einer Schulter.

    „Okay. Ich hör zu.“


    „Danke.“ Diana nickte kurz. „Ich bin nicht hier, um dich mit irgendwelchen Sprüchen umzustimmen. Ich möchte verstehen, warum dein Nein so eindeutig war.“


    „Weil ich keine Lust hab, in einem Musikvideo mitzuspielen.“


    „Das glaube ich dir nicht.“


    Zum ersten Mal musste Laurie grinsen.

    „Nee?“


    „Nein. Wenn es nur darum ginge, hättest du Lisa ausgelacht und das Thema wäre erledigt gewesen.“


    Laurie verschränkte nur langsam die Arme.


    „Also?“


    Einen Moment blieb es still.

    „Der Pacer“, sagte sie schließlich.


    Diana nickte.


    „Genau deshalb wollte ich mit dir reden.“

    Sie ließ den Blick kurz durch die Werkstatt schweifen, suchte nach den richtigen Worten.


    „Ich habe deine Streams gesehen. Nicht nur den letzten. Eigentlich ziemlich viele.“


    Laurie sagte nichts.


    „Man merkt ziemlich schnell, dass es dir nie um Klicks gegangen ist.“


    Jetzt sah Laurie sie zum ersten Mal etwas aufmerksamer an.


    „Sondern?“


    „Um Ehrlichkeit.“

    Diana sprach das Wort ruhig aus.

    „Selbst als der Wagen weg war, hast du dich vor die Kamera gestellt und nichts daraus gemacht. Kein Drama. Kein Mitleid. Du hast einfach erzählt, was passiert ist.“


    Laurie antwortete erst nach einigen Sekunden.

    „Weil's genau so war.“


    Diana nickte. „Genau.

    Und genau deshalb musste ich an einen Song denken, den ich vor knapp zwei Jahren geschrieben habe.“


    Jetzt hörte Laurie tatsächlich zu.


    „Der handelt davon, wie Menschen weitergehen, obwohl etwas fehlt. Nicht davon, dass alles wieder gut wird. Sondern davon, dass eine Lücke bleibt.“


    „Und was hat das mit mir zu tun?“


    „Wir wollen diesen Song jetzt veröffentlichen. Und ich würde ihn gern mit deiner Geschichte erzählen.“


    „Mit meiner Geschichte?“


    „Mit dir.“


    „Was heißt das? Ich soll singen und tanzen? Schauspielern?“


    „Nein.“

    Diana lächelte leicht.

    „Eigentlich nur du sein.“


    „Und?“


    „Und der Pacer.“


    In dem Moment verändert sich Lauries Haltung. Langsam ließ sie die Arme sinken.

    „Der Pacer.“


    „Ja.“


    „Der ist kaputt.“


    „Ich weiß.“


    „Also was? Ihr filmt das Wrack?“


    „Nicht nur das." Diana blieb ruhig. „Der zerstörte Pacer ist der Einstieg. Der Moment, den man nicht rückgängig machen kann. Und dann, später im Video, taucht er wieder auf."


    Laurie zog die Stirn kraus. „Wieder auf. Wie meinst du das? Der ist Schrott."


    „Nicht der echte."


    „Was heißt das jetzt, nicht der echte?"


    Diana zögerte einen Sekundenbruchteil, dann sagte sie es direkt: „Wir nehmen einen zweiten Wagen. Einen, den wir identisch lackieren. Er steht dann als Zeichen dafür, dass etwas zurückkehrt."


    Laurie sagte nichts. Ihr Blick blieb auf Diana geheftet, während die Bedeutung sich durchsetzte.


    „Einen zweiten." Sie wiederholte es, ohne Frage in der Stimme, mehr für sich selbst. „Ihr wollt ein fremdes Auto nehmen und es aussehen lassen wie meins."


    „Ja."

    Keine Umschweife von Diana, keine Beschönigung — das machte es nur schlimmer.


    „Nein." Laurie trat einen halben Schritt vor. „Das mach ich nicht mit."


    „Laurie—"


    „Nein." Lauter jetzt. „Ihr baut mir ein Auto nach, das nicht meins ist, filmt mich davor, und dann verkauft ihr das als — was? Als hätte ich ihn zurück? Das ist gelogen. Von Anfang bis Ende."


    Diana blieb stehen, wich nicht zurück, aber ihre Stimme wurde eine Spur fester. „Es ist ein Bild. Eine Metapher. Niemand behauptet, es sei der echte Wagen."


    „Aber genau so wird's ankommen. Die Leute sehen den Pacer-Klon, sehen mich, und denken: sie hat ihn wieder. Und das stimmt nicht." Laurie schüttelte den Kopf. „Ich streame von Anfang an mit dem Prinzip, dass ich meiner Community nichts vorgaukel. Kein Fake, kein Filter, keine Show, die vorgibt, echt zu sein. Und jetzt soll ich in einem Video stehen, das genau das macht? Nein."


    „Es geht nicht darum, zu täuschen—"


    „Es geht darum, dass tausende Leute ein Bild sehen, das nicht stimmt." Lauries Stimme blieb hart. „No lies. Das ist keine Floskel. Das ist die einzige Regel, die ich habe."


    Diana schwieg einen Moment. Dann, ruhig, aber ohne nachzugeben: „Ohne den Pacer — echt oder nicht — funktioniert der Song für mich nicht."

    Der Satz stand zwischen ihnen, unbewegt.


    Erst jetzt hob Seda den Kopf, vorsichtig. „Vielleicht… könnte man einfach ein anderes Auto nehmen", murmelte sie. Zu leise, zu hoch.


    Diana drehte sich zu ihr. „Nein. Der Pacer ist untrennbar mit Laurie verbunden", entgegnete sie sachlich.


    Der Satz traf Laurie sofort — ein winziger Ruck im Gesicht, kaum sichtbar. Sie sah kurz weg, dann wieder zu Diana. „Das ist genau das Problem", meinte sie. Trocken, aber nicht hart.

  • Eine Viertelstunde später stand Diana telefonierend an ihren Wagen gelehnt. Sie beendete das Gespräch und legte das Handy ins Auto, blieb kurz ruhig sitzen, zog den Pferdeschwanz nach und sah über die Schulter zum Haus.


    Laura und Lisa kamen über den Hof zu ihr.

    „Und?“ fragte Laura.


    „Schwierig“, erwiderte Diana. Die Stimme war ruhig, aber nicht gleichgültig.


    „Will sie nicht?“ fragte Lisa.


    „Nicht so.“ Diana sah zur Werkstatt. „Ich habe ihr unser Konzept erklärt. Aber beim Pacer macht sie sofort zu.“


    Laura und Lisa tauschten einen Blick. Ein kurzer Stich — und gleich danach dieses stille Anerkennen, das beide kannten.


    „Und wenn man einfach ein anderes Auto nehmen würde?“ fragte Laura. „Die Idee ist gut. Wenn es nur am Pacer hängt…“


    „Hat Sevda auch vorgeschlagen“, meinte Diana.


    „Seda“, korrigierte Lisa.


    Diana nickte. „Seda. Funktioniert trotzdem nicht. Der Pacer gehört zu ihr.“


    Laura sah kurz weg. Lisa atmete leise aus. Beide wussten, dass Laurie sich nicht verbiegen würde — und beide wussten, dass genau das der Grund war, warum man sich immer auf sie verlassen konnte.


    Diana stieß sich vom Auto ab, ging ein paar Schritte. „Wir müssen das neu denken. Ich spreche mit unserem Management.“ Sie sah noch einmal zur Werkstatt, länger als nötig. „Das letzte Wort ist da nicht gesprochen.“


    Laura folgte ihrem Blick. „Sie hat’s ernst gemeint“, sagte sie ruhig.


    „Ja“, bestätigte Diana. „Das merkt man.“


    Lisa schob die Hände in die Jackentaschen. „Sie hätte es machen können. Viele andere hätten sofort ja gesagt.“


    Diana sah sie an. „Genau deshalb wollte ich niemand anderes, sondern sie.“


    Laura nickte langsam. „Dann weißt du jetzt, wie sie ist.“


    Diana antwortete nicht sofort. Sie sah wieder zur Werkstatt, überlegte, ob sie noch einmal hingehen sollte — tat es aber nicht.

    „Ich melde mich“, sagte sie schließlich und öffnete die Autotür.


    Laura und Lisa blieben stehen, bis der Wagen vom Hof fuhr.


    Laura sah kurz nach oben. „Laurie ist echt stur, wenn es um den Pacer geht.“


    Lisa zog eine Braue hoch. „Ja. Und Elenn auch. Und auf eine Art haben beide recht.“

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  • Werte Leserschaft, es gibt gute Nachrichten. Das neue Kapitel ist doch fertig geworden, hier jetzt also die Sonntagsration:


    Kapitel 55: Zerlegen und neu bauen

    Seda bremste scharf vor Lauries Werkstatt. Am Lenker baumelte eine Stofftasche vom Baumarkt unten an der Straße. Vor dem Tor stand der Volvo, die Heckklappe geöffnet, seitlich lehnten zwei runde graue Kotflügel. Aus der Werkstatt hörte sie Geräusche. Im selben Moment schwang unter lautem Knacken der zweite Torflügel auf.

    „Jaa, jaa, ich weiß…“, rief Laura drinnen.


    Kurz darauf kamen sie und Laurie aus der Garage – zwischen ihnen die große, dünne Wellblechhaube von Ördekçik.


    „Was macht ihr da?“, staunte Seda, während die beiden auf den Volvo zusteuerten.


    „Platz schaffen“, antwortete Laurie knapp. Laura lächelte. „Hi Seda.“


    Seda nahm die Tasche vom Lenker, hängte sie sich um und ging rein. Mit offenem Mund blieb sie neben ihrem Auto stehen. „Was habt ihr denn gemacht? Das halbe Auto ist ja weg.“


    „Mhm“, bestätigte Laurie. „Drei Handgriffe, und der ganze Vorderwagen ist frei. Eins muss man den Franzosen lassen – schrauberfreundlich können die.“


    Laura nickte. „Stimmt. Die Haube ist nur eingeschoben. Hochklappen, rausziehen, ab. Hab ich auch noch nicht gesehen.“


    Seda ging einmal um die Front, die jetzt fast nur noch aus dem kleinen Motor und dem Rahmen mit zwei großen Rädern bestand. „Wie habt ihr die denn so schnell abgekriegt?“


    „Sag ich doch: drei, vier Schrauben – zack, Kotflügel ab. Komisches Maß, aber mit Zollwerkzeug und einem kleinen Stück Blech ging’s.“


    „M7“, wusste Seda und hob die Stofftasche. „Tipp von Baba. Bei Ssitröng brauchst du 11er und 14er-Schlüssel, hat er gesagt. Hab ich eben im Baumarkt besorgt. Nicht, dass du mir hier die ganzen Schrauben vernudelst…“


    „Ssitröng?“, lachte Laurie.


    Seda grinste. „Mhm. Ssitröng. Das spricht man so aus, hat er gesagt. Warum habt ihr nicht auf mich gewartet?“


    „Ist doch ganz leicht, das Blech“, meinte Laura.


    „Jo, und dünn. Deswegen packen wir die Teile solange in den Kombi, damit sie nicht wegfliegen“, erklärte Laurie.


    „Na gut.“


    Seda legte die Tasche auf der Werkbank ab, sortierte die neuen Werkzeuge ein und setzte sich dann auf den Hocker. Kopfschüttelnd betrachtete sie ihr halb zerlegtes Auto.


    Laura und Laurie kamen wieder rein. Seda stand auf.

    „Habt ihr mal ’nen Moment? Ich muss euch was fragen. Oder was erzählen. Ich…“


    Laura nickte. „Klar. Ich muss dann nur wieder rüber, Mila kommt heute mit der Kleinen. Wir wollen mal sehen, wie sie auf den Justav reagiert. Lieschen will die angefangene Sprach—“

    Sie brach ab, als sie merkte, dass sie weiterredete, obwohl Seda angefangen hatte.


    „Sorry. Seda. Was wolltest du erzählen?“


    Laurie rollte ein einzelnes Rad heran, setzte sich darauf und kippelte leicht.


    Seda setzte sich wieder und fing an, von der letzten Nacht zu erzählen. „Ich hab… ähm… mit Nico telefoniert. Gestern Abend. Also… eigentlich eher die halbe Nacht.“


    Laurie und Laura sahen sich kurz an und unterdrückten ein Grinsen.


    Seda bemerkte es. „Nein, nicht, was ihr denkt. Ich hab ihm von dem Angebot erzählt. Von dem Video. Und dass du abgelehnt hast.“


    „Okay?“


    „Mh, ja. Und… er meinte, dass er das verstehen würde. Dass du das nicht willst, dass die das so zeigen im Video – als wenn der Pacer plötzlich wieder da wäre. Auch wenn’s nur für ein Musikvideo ist.“


    „Eben. Die Leute sehen das, sehen den Wagen und denken automatisch: Guck, da ist er ja wieder. War wohl alles nur fake mit dem Diebstahl und dem Totalschaden. Darum hat sie auch keine Bilder vom kaputten Pacer gezeigt im Netz. Weil er eigentlich gar nicht kaputt ist. Schön erst mal Pity Points einfahren, und jetzt taucht die Karre wieder auf, als wär nichts gewesen.


    „Aber der kaputte sollte doch auch gezeigt werden. Also dein echter Pacer“, fragte Laura nach.


    „Kann man doch heute alles mit KI machen“, erklärte Laurie. „Mal mir ’n Bild von dem gelben Pacer, den irgendein Schnufti in den Graben gesetzt hat, stell ’ne heulende Blondine daneben und fertig ist der Fick. Äh – Fake, Brauchste nicht mal echte Leute dazu. Und hinterher weiß keiner mehr, was überhaupt noch real ist.“


    „Stimmt auch wieder.“


    Seda setzte ihre Erzählung fort. „Mh, ja… und wir haben weitergeredet. Dass du gesagt hast, dass du den kaputten Pacer nicht gesehen hast – bis heute. Und dass du das auch nicht willst…“


    „Nein.“ bestätigte Laurie, aber das Nein kam leicht verzögert.


    „Aber Nico sagt, irgendwann musst du ihn ansehen. Entscheiden, was damit wird.“


    „Warum?“


    „Na, ist doch so. Oder soll er ewig in der Garage stehen bleiben, bis du alt und grau bist?“


    „Ich werd nicht alt und grau.“


    „Sondern?“


    Laura mischte sich ein. „Da hat er schon irgendwie recht. Ich meine, wenn Toto irgendwann seinen Platz mal wieder braucht. Du kannst das nicht ewig rausschieben.“


    „Will ich auch nicht. Irgendwann fahr ich mal hin. Wenn ich Bock hab. Oder wenn…“


    „Warum dann nicht jetzt?“


    „Was hab ich denn davon?“


    Seda blieb ruhig. „Du weißt dann, wie schlimm es wirklich ist. Und dann kannst du klar entscheiden, was mit dem Auto werden soll. Ob du ihn irgendwann wegtust – ausschlachtest. Oder verkaufst. Oder… ob man ihn vielleicht…“


    Laurie sah sie an. „Vielleicht was?“


    „Na… Nico meint, vielleicht wäre er doch noch irgendwie zu retten. Möglicherweise.“


    „So. Der große Kfz‑Sachverständige Nico Kellermann meint. Na perfekt.“


    „Sei doch nicht gleich wieder so sarkastisch“, sagte Laura. „Was, wenn er recht hat? Wenn wirklich noch was zu machen wäre? Würdest du das dann in Erwägung ziehen? Ihn möglicherweise nochmal zu reparieren? Oder reparieren zu lassen?“


    Laurie schnaubte leise. „Weißt du, was das kosten würde? Das Ding war immer schon schräg, aber jetzt ist er völlig krumm. Da brauchst du das ganz große Besteck. Rahmenrichtbank, haufenweise neues Blech, Scheiben, eine komplette Lackierung. Und das setzt voraus, dass der Motor den Einschlag überlebt hat… Und selbst wenn, bist du so oder so locker im fünfstelligen Bereich.“


    „Weißt du doch gar nicht. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie du dir das vorstellst.“


    „Doch.“


    „Nein. Und weißt du was?“ Seda hob die Stimme, sprach jetzt mit einer Bestimmtheit, die Laurie nicht erwartete. „Ich glaube, du willst ihn nur nicht sehen, weil du dir dann überlegen müsstest, ob du nochmal Arbeit reinsteckst. Oder ob du ihn einfach in der Garage vergammeln lässt. So wie Ördekçik. Abgestellt und dreißig Jahre vergessen. Das hat er nicht verdient. Wir haben da so viel Arbeit investiert. Und das soll jetzt alles vergessen sein? Alles umsonst?“


    Laura sah Seda an, Seda sah Laurie an, aber Laurie schwieg.


    Dann holte sie einmal tief Luft, stand von ihrem Rad auf. Das kippte um, geriet ins Taumeln. Mit einem gezielten Tritt auf die Felge brachte sie es zur Ruhe. Sie ging zur Werkbank, nahm wahllos ein Werkzeug in die Hand, legte es wieder ab, kam zurück. Sie fuhr sich durchs Haar, stellte das Rad wieder auf und setzte sich.


    „Wie soll das gehen? Ich hab keine Richtbank. Nicht mal Tom hat eine...“


    Seda wartete einen Moment, bis Laurie sie direkt anschaute. Dann rollte sie mit dem Hocker ein Stück näher, leckte sich einmal über die Lippen, obwohl die gar nicht trocken waren, und sagte:

    „Die Schule schon.“


    Laurie riss die Augen auf. „Die Schule?“


    Laura rieb sich kurz das Kinn. „Die Schule.“


    Seda kicherte kurz. „Ihr hört euch an wie Papageien.“

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  • Laura schnippte mit den Fingern. „Mensch, Papageien. Danke, Seda. Mila und die Kleine kommen ja gleich. Ich muss rüber.“ Sie stand auf, legte aber, bevor sie ging, die Hand auf Lauries Schulter. Laurie sah zu ihr hoch und runzelte die Stirn. „Denk wenigstens mal drüber nach“, bat Laura und eilte los, rüber zum Haus, wo Lisa und Justav auf sie warteten.


    Sie lief kurz in die Wohnung, hängte ihre alte Arbeitsjacke an den Haken, bog kurz ins Bad, steckte die Haare hoch und ging dann runter zu den Büros. Sie klopfte. „Kannst reinkommen, der Käfig ist zu“, rief Lisa.


    Laura trat ein. Lisa stand am Käfiggitter und hielt einen kleinen Stock hinein. „Na komm, hol’s Stöckchen“, grinste sie.


    „Das ist doch kein Hund“, meinte Laura und setzte sich auf Lisas Platz. „Was meinst du, ob sie kommen?“


    Lisa zog das Stück Holz ruckartig zurück, genau in dem Moment, als Justav zuschnappen wollte. „Ha, zu spät“, lachte sie und zeigte ihm das Stöckchen. Justav kletterte am Gitter entlang und protestierte lautstark. Laura hielt sich kurz die Ohren zu. „Meine Güte, kann der einen Lärm machen. Da kriegt die Kleine ja Angst.“


    „Meinst du nicht?“


    „Hm?“


    „Mila. Und Gerda. Meinst du, sie kommen nicht?“


    „Wieso?“


    „Hast du doch gerade gefragt.“


    „Ach so.“ Laura winkte ab. „Doch, ich glaube schon. Ich glaube, Mila hat sich gefreut, als du ihr das angeboten hast. Dass Gerda den Papagei besuchen darf. Vielleicht kann sie’s nur nicht so zeigen.“


    Lisa nickte. „Sie hat’s sicher nicht leicht. Allein mit zwei kleinen Kindern, in einem fremden Land, ohne richtige Arbeit, ohne Mann… Partner.“


    „Umso schöner, wenn wir sie ein bisschen unterstützen können.“


    Laura sah auf die Uhr. „Ich geh mal nach vorn zur Straße, damit sie uns auch findet. Der Bus müsste eigentlich schon durch sein.“


    „Okay. Wir sind hier.“



    Laura war eben an der Einfahrt, da sah sie Mila und die Kinder schon die Straße herunterkommen. Mila trug Edgar auf dem Arm. Hinter ihr schob Gerda einen alten Buggy, beide Hände fest an den Griffen, der Blick konzentriert auf den Boden.


    Der Buggy ruckelte über unebene Stellen. In einem größeren, vom Gras halb verdeckten Loch hakte ein Rad ein. Der Wagen stoppte abrupt. Die Tasche im Buggy kippte zur Seite und drohte herauszufallen.


    Mila drehte sich um und fing die Tasche mit einer schnellen Bewegung ab. „Ai grijă“, stieß sie hervor — knapp, hörbar ungeduldig


    Gerda zuckte kurz zusammen und blieb stehen. Die Schultern zogen sich leicht hoch, der Blick wieder nach unten. Kein Wort. Nur dieses kleine, stille Innehalten.


    Laura eilte hin, um zu helfen.


    „Die Schlaglöcher hier sind tückisch, was?“, bemerkte sie, direkt zu Gerda. „Ich bin da auch schon mal hängen geblieben.“ Der Satz kam beiläufig, aber Gerda hob den Kopf ein Stück, gerade genug, um zu zeigen, dass er angekommen war.


    „Lassen Sie mich den Wagen nehmen.“ Laura griff in den Buggy und rückte die rote Stofftasche wieder zurecht. Dann erst: „Hallo Mila.“ Sie wandte sie sich zu Gerda, leicht geduckt, und reichte ihr die Hand. „Hallo Gerda.“ Gerda sah kurz zu Mila, dann nahm sie Lauras Hand.


    Mila ging weiter, Laura übernahm den Buggy. Gerda zögerte einen Moment, dann folgte sie — leise, aber nicht mehr so angespannt wie zuvor.


    Mila blieb kurz stehen, als sie die Fabrik sah. Sie sah zuerst über den Hof, dann zur Tür, dann zu Laura. „Hier?“, fragte sie leise.


    Laura nickte. „Ja. Kommen Sie einfach.“


    Mila setzte sich in Bewegung, Gerda blieb dicht hinter ihr.


    Laura nahm den Buggy hoch, trug ihn durch den Eingang und stellte ihn unten an der Treppe ab. Mila, die in der Eingangstür stehen geblieben war, sah sich um. Gerda drückte sich still an ihren Beinen vorbei und trat einmal auf die Feststellbremse am Buggy. Dann sah sie staunend die Treppe zu den Wohnungen an.


    „Kommen Sie doch rein“, wiederholte Laura und deutete die Stufen herauf. „Oben sind die Wohnungen. Wir wohnen links, Laurie auf der anderen Seite.

    Kommen Sie, Der Papagei ist hier unten im Büro. Lisa ist schon da.“ Sie ging zu der satinierten Glastür, die seit jeher die Büros vom Eingangsbereich trennte, und öffnete. „Na komm, Gerda“, lächelte sie. „Justav wartet auf dich.“


    „Gustav?“, fragte Mila merklich irritiert.


    „Der Vogel“, erklärte Laura. „Wir wussten ja nicht, wie er wirklich heißt. Darum haben wir ihn einfach nach Gustav benannt.“


    Mila nickte leicht. „Ah.“


    „Vielleicht wissen Sie es? In den Unterlagen, die wir gefunden haben, stand kein Name…“


    Mila verneinte, aber von Gerda kam spontan wieder ihr leises, zögerliches „lo-lei?“


    Laura lächelte. „Ja, der Vogel ist hier drin. Komm mit.“ Sie gingen zu Lisas Büro. Laura klopfte an, von drinnen kam ein freundliches „Herein.“, begleitet von einem lauten Krächzen – Justav.

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  • Es war eine gute Stunde vergangen. Lisa winkte Gerda zum Abschied. „Tschüss Gerda, tschüss Mila. Bis zum nächsten Mal.“


    Justav meldete sich noch einmal. Erst ein kratziges Kroax, dann ein paar Fetzen, die er irgendwo aufgeschnappt hatte. „… fuffzich… fuffzich… Kraaah… letzter Preis…“ Dann ein kurzer, brüchiger Anlauf zu einer Melodie, zwei, drei Worte, ein Geräusch: „… kämmt ihr… goldenes… Klong… Haar…“


    Gerda lachte leise, bewegte kurz die Finger — ein knappes Winken. Sie rannte zum Treppenhaus, zum Buggy. Sie löste schnell die Bremse und schob ihn zur Tür, als könne sie ihren nächsten Besuch jetzt schon nicht mehr erwarten.


    „Vielen Dank für Kaffee. Und für Ihre Zeit,“ sagte Mila zu Laura. Die Stimme war ruhig, aber man hörte weiter die Unsicherheit. Ihr Blick ging zu Gerda, die sich noch einmal umdrehte, als würde sie prüfen, ob der Vogel noch etwas sagte.


    „Haben wir gern gemacht. Hat mich richtig gefreut, das zu sehen. Gerda und der Vogel scheinen sich wirklich gut zu verstehen.“


    Mila nickte leicht. „Da.“ Kurz, leise, dankbar.


    „Also, wenn Sie mögen, Mila, können wir das ab jetzt regelmäßig machen. Sie kommen vorbei mit den Kleinen, Gerda und der Vogel reden ein bisschen, und wir gehen so lange nach oben, einen Kaffee trinken.“


    Mila schwieg. Man sah, dass sie abwog, ob sie damit nicht zu viel verlangte. Gleichzeitig sah sie zu Gerda, die mit dem Buggy schon in der Tür stand und dabei ein kleines, freudiges Geräusch machte — ein Echo dessen, was der Vogel zuvor gesagt hatte.


    „Okay“, sagte Mila schließlich. „Wenn es für Sie wirklich nicht zu viele Umstände macht, kommen wir gern wieder.“ Der Satz war knapp, aber man hörte die Erleichterung.


    „Schön. Und es ist auch gut für den Vogel, wenn er Abwechslung bekommt. Den ganzen Tag im Büro zu sitzen, das kann langweilig werden. Auch wenn meine Frau sich gern mit ihm beschäftigt. Aber ab und zu muß man ja auch mal was arbeiten…“, grinste Laura.


    Mila lächelte kurz, unsicher, dann sah sie sich um. „Wo ist Gerda?“


    Laura deutete auf die Tür. „Ich glaube, sie ist schon nach draußen. Kommen Sie.“


    Sie gingen hinaus. Direkt vor der Tür stand der Buggy – ohne Gerda.


    Laura und Mila sahen sie auf dem Hof — Gerda rannte quer hinüber zu Lauries Werkstatt, beide Arme leicht angehoben, der Kopf nach vorn. Sie hatte Hook entdeckt, den großen rostigen Abschleppwagen.

    Sie lachte, hell und begeistert, und blieb vor dem Wagen stehen, als ob sie ihn begrüßen wollte. Laura und Mila gingen hinterher, Mila rief kurz: „Gerda. Komm wieder her.“


    „Lassen sie sie ruhig“, beruhigte Laura sie. „Sie hat sicher das Auto erkannt.“


    Da kam auch schon Laurie aus der Werkstatt, offensichtlich hatte sie Gerdas Lachen gehört. „Da ist ja meine kleine Freundin“, lachte sie und ging vor Gerda in die Hocke. „Hallo Du. Das ist aber schön, dass du uns hier mal besuchen kommst. „Warst du bei Justav? Also, bei dem Vogel, mein ich?“


    Dann wieder Gerdas mysteriöses „lo-lei“, diesmal aber in einem sichereren, eher erklärenden Ton.


    Laurie sah zu Hook, dann wieder zu Gerda. „Mhm. Sollen wir mal zum Auto gehen?“


    Gerda nickte begeistert, Laurie stand auf und nahm sie an die Hand. „Komm. Der hat nämlich auch einen Namen, so wie du. Und ich. Siehst du?“ Laurie zeigte auf die Tür des Chevy, wo in Fragmenten noch eine alte Werbeaufschrift zu erkennen war. „Da steht nämlich Hook. Siehst du? Da.“ Laurie zeigte auf die einzelnen Buchstaben. „H-O-O-K. Hook.“


    Gerda sah Laurie mit großen Augen an. „Hook?“, wiederholte sie vorsichtig.


    Laurie lachte. „Genau, Hook. Du bist Gerda, ich bin Laurie, das ist Hook.“

    Gerda lachte. Ein richtiges, lautes , befreites Lachen, wie Laurie und wohl auch Mila es noch nie von ihr gehört hatten. „Hook“, wiederholte sie und patschte mit der flachen Hand auf das rostige Blech – dort, wo der Schriftzug zu lesen war. Und wieder „Hook“.


    Laurie sah zu Laura, Laura sah zu Mila, im Werkstatttor stand Seda – breit grinsend.


    „Möchtest du mal auf die Ladefläche klettern?“, fragte Laurie, Gerda sah sie fragend an. „Komm, ich heb dich hoch.“ Laurie wischte sich kurz die Hände an der Hose ab und packte die Kleine unter den Achseln. Sie stellte sie auf der Ladefläche des Chevy ab und grinste. Dann kletterte sie selbst auf das Auto und setzte sich auf die Bordwand. Neugierig betrachtete Gerda das Abschleppgestell und Laurie erklärte die Funktion. „Schau mal, hier ist ein Seil, und da ein Haken. Und wenn du mal jemand abschleppen willst, dann kannst du hier den Hebel ziehen und dann hängt das andere Auto am Haken. Toll, oder? Genau wie dein kleiner Abschleppwagen – nur in echt.“


    Gerda traute sich nicht, irgendetwas zu berühren, aber ihre Augen folgten neugierig Lauries Erklärungen.


    „Wir müssen jetzt los“, stellte Mila dann nüchtern fest. „Bus fährt um siebenunddreißig.“


    Laurie stieg vom Wagen, breitete die Arme aus und hob Gerda wieder von der Ladefläche. „Tschüss Gerda“, sagte sie. „Komm bald wieder. Und dann fahren wir mal eine Runde mit Hook, okay?“


    Das folgende bestimmte Okay ließ Laurie lächeln. Laura lächelte auch.

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  • NEU


    Kapitel 56 (noch ohne Titel)


    Dienstag, kurz vor 15 Uhr, Laurie kam aus der Schule, legte ihre Tasche vorn am Tresen ab und stellte eine Burgertüte daneben. Sie setzte sich auf den Drehstuhl und wollte gerade in einen XXL‑Cheeseburger beißen, als sie draußen Tom mit dem Dodge kommen hörte. Der Trailer rappelte kurz durch das einzige Schlagloch auf dem ganzen Platz, dann blieb das Gespann vor dem Werkstatttor stehen.


    Laurie umrundete den Tresen und ging kauend auf den Hof, während Tom und Pedro, einer der Mechaniker, ausstiegen.


    „Alle mal herkommen!“, brüllte Tom über den Hof, während Laurie auf den Trailer zuging, um sich anzusehen, was er geladen hatte.

    Es war ein orange‑ und cremefarbig lackierter Chevrolet Caprice Station Wagon aus den frühen Achtzigern, der da stand. Der Zustand – gecrasht. Die Belegschaft von Past Times versammelte sich um den Trailer mit der tragischen Ladung, und Tom machte eine Ansage:


    „Also, alle mal herhören. Das ist der Caprice, der am Sonntag beim Season Starter drüben in Bruchwald abgeschossen wurde.“


    „Hab ich mitgekriegt“, warf ein Mitarbeiter ein. „Ein Kumpel von mir hat’s gesehen. Irgendso’n Arschlochaudi hat ihm die Vorfahrt geklaut und peng.“


    Tom nickte. „Ja, so ähnlich wird’s wohl gewesen sein.“


    „Wurde jemand verletzt?“, fragte Paula.


    Tom grinste kurz. „Ja, der Audifahrer. Der Chevytyp hat ihn aus seiner Karre gezogen und ihm ordentlich eins auf die Zwölf gegeben, bevor die Bullen kamen.“ Allgemeines Lachen. „Richtig so“, rief einer.


    „Lass mich raten“, meinte Pedro. „Der Audiarsch hat ihn direkt wegen Körperverletzung angezeigt…“ Bestätigendes Murmeln.


    Tom zuckte die Schultern. „Weiß ich nicht.“


    Laurie wollte gerade auf den Trailer klettern, um den Schaden genauer anzusehen, aber Tom rief:


    „Nicht!“


    Laurie stoppte in der Bewegung. „Hä? Warum nicht? Ich will ja nichts klauen. Nur mal gucken.“


    Tom stellte sich neben den Trailer, die Stimme jetzt ernst.

    „Weil ihr den Wagen nicht anfasst. Gar nicht. Polizei und Versicherung wollen den so sehen, wie er ist. Der ist sichergestellt, bleibt genau so auf dem Hänger stehen. Die nächsten Tage kommt der Gutachter.“


    Er sah einmal in die Runde, kurz, knapp.

    „Also: Finger weg.“

    Dann ging er weiter Richtung Büro.


    Laurie blieb stehen und sah den Caprice weiter an, ohne ein weiteres Wort.



    Nach der Mittagspause sprach sie dann Paula an. „Du, sag mal – der Caprice…“


    „Hm?“


    „Du hast doch… den Pacer mit abgeholt. Und bei Toto in die Garage gebracht.“


    „Mhm.“


    „Sah der… Ich meine – sieht der auch so aus wie der Caprice? Oder… schlimmer?“


    Paula holte einmal tief Luft, setzte sich neben Laurie und sah ihr in die Augen. „Ganz ehrlich?“


    „Ja.“


    „Schlimmer.“


    „Hab ich mir gedacht. Nichts mehr zu retten. Oder?“


    „Das hab ich so nicht gesagt. Du, letztendlich müsste das ein Gutachter entscheiden. Für mich sah er so aus,als wenn der Rahmen ordentlich verzogen wäre. Der Motor aus den Lagern gerissen und dadurch die Spritzwand eingedrückt. Aber – so genau hab ich ihn damals auch wieder nicht angesehen.“


    „Mhm.“ Laurie blieb sehr still, hörte sich Paulas Meinung an.


    „Willst du ihn denn nicht mal selbst ansehen?“, fragte sie dann.


    „Ich weiß nicht. Ich… Irgendwann muss ich wohl.“


    „Du musst nicht. Aber du könntest. Dann hast du zumindest ein eigenes Bild vom Ausmaß des Schadens. Und du könntest immer noch entscheiden, ob du ihn wieder wegstellst. Für irgendwann mal. Oder ob du endgültig…“


    „...Schluss machst.“


    „Das Kapitel abschließt – ja.“


    „Mhm. Ich glaub, ich fahr heute Abend mal hin. Könntest du… vielleicht mitkommen?“


    „Ich? Sicher, wenn du nicht allein hin willst. Aber warum fragst du nicht Tom?“


    „Meinst du?“

  • Nach Feierabend hatte Tom den Transportanhänger mit dem havarierten Caprice in eine Ecke rangiert, ihn vom Dodge abgekuppelt, jetzt saß er mit Laurie im Auto und fuhr zu Totos Garage.


    Der erwartete die zwei in seiner Wohnung, reichte Laurie den Schlüssel. „Kommst du nicht mit?“, fragte sie. Toto verneinte.


    Sie gingen auf den Hof, Laurie hielt Tom den Garagenschlüssel hin, aber der nahm ihn nicht an. Laurie atmete einmal tief durch, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte um. Unsicher drehte sie sich noch einmal zu Tom, dann zog sie langsam den ersten Torflügel auf, sah aber noch nicht hinein. Stattdessen schaute sie nach oben. Die alte Linde neben der Garage rauschte im Wind, die Äste bogen sich. Es war nicht mehr kalt, aber kühl, Laurie fröstelte.


    Dann richtete sie sich auf, ein kurzes Rollen der Schultern, ein schnelles „Okay“, sie zog das Tor ganz auf. Sie schluckte kurz, ging ein, zwei Schritte hinein – langsam, fast wie in Zeitlupe. Beinahe musste sie sich zwingen, ihn anzusehen, aber sie berührte den Wagen nicht – noch nicht. Sie ging an der stark beschädigten Fahrerseite entlang, sah die zerknitterte Haube, die gesplitterte Frontscheibe, das Chaos im Innenraum, die roten Markierungen der Polizei, die noch am Blech klebten. Tom brachte ihr eine Taschenlampe, denn Totos Garage hatte keinen Stromanschluss.


    Laurie leuchtete den Pacer an, stand jetzt am Heck. „Von hinten geht’s sogar. Hier ist nur Dreck. Und Staub“, stellte sie beinahe nüchtern fest. Dann quetschte sie sich hinter dem Wagen durch – auch wenn ein Pacer seinerzeit als „Kleinwagen“ verkauft wurde, für eine deutsche Wellblechgarage waren seine Maße trotzdem recht raumfüllend.


    Laurie leuchtete die rechte Wagenflanke ab, kniff ein Auge zu. „Irgendwie fluchtet das nicht richtig“, stellte sie weiter fest.


    „Der Vorderwagen ist vom Einschlag total verzogen“, bestätigte Tom leise. Laurie kam an der rechten Seite nicht weiter, einige Blechkanister versperrten den Durchgang, also nahm sie den Weg zurück am rundlichen Heck vorbei, wieder links entlang. Während sie Schritt für Schritt zum Tor kam, hielt sie in der linken Hand die Lampe und strich mit der rechten vorsichtig am zerknitterten Blech entlang. Sie brach ein kleines Stück vom gerissenen gelben Lack ab und hielt es zwischen den Fingern.


    Dann stellte sie sich neben Tom, gab ihm die Taschenlampe zurück und atmete wieder tief.

    „Was meinst du?“, fragte sie und sah Tom an.


    Der sagte vorerst nichts. Er zog ein Kaugummipäckchen aus der Tasche, packte unnötig umständlich einen Streifen aus, steckte ihn in den Mund und kaute einige Sekunden. Dann hielt er Laurie das Päckchen hin. Die schüttelte den Kopf und sah wieder zum Auto.


    Tom atmete einmal schwer, die Luft roch leicht nach Pfefferminz. „Willst du die Meinung vom Werkstatt-Tom oder vom Dad?“


    Laurie sah ihn nicht an, schaute weiter auf den Pacer. „Wenn’s geht, von beiden.“


    Tom räusperte sich kurz. „Also – der Werkstatt-Typ sagt dir ganz klar: Ich halte ihn für machbar. Enormer Aufwand, teuer, wirtschaftlicher Irrsinn. Richten, Teile, Lack. Allein dafür liegen die Kosten – locker beim Doppelten von dem, was er hinterher wert wäre. Aber ja, er wäre zu retten. Ich hab schon schlimmere Unfallwagen gesehen, die zum Schluss wieder auf der Straße gestanden haben.“


    „Okay. Und was sagst du? Als Tom?“


    „Ganz ehrlich?“


    „Ja.“


    „Lass es. Ich meine – guck mal, du hast das Haus. Das bedeutet viel Arbeit, viel Verantwortung. Dann die Ente, Hook, den Volvo. Ich meine, zu Schrauben hast du auch so mehr als genug. Und so ein Megaprojekt wie den – sorry, wenn ich das so sage – wie den Haufen Blech da vorn. Da übernimmst du dich.“


    „Du meinst also…“


    Tom unterbrach sie. „Als Einzelprojekt. Auf ein Jahr ausgelegt, vielleicht zwei. Oder, wenn du mal…“


    „Wenn ich was?“


    „Du willst doch irgendwann mal weiter machen. Den Meister angehen.“


    „Klar. Am liebsten direkt nach der Prüfung.“


    „Vielleicht machst du den Pacer dann zu deinem Meisterprojekt. So wie ich den Granada damals.“


    „Den Umbau auf V8?“


    „Genau.“


    „Und so lange soll er hier vor sich hingammeln? Einsam, verlassen, halbtot…“


    Sie sahen zusammen den Pacer an, schwiegen eine Weile. Dann hinter ihnen ein Geräusch, ein leises Knirschen – Toto kam die Rampe heruntergerollt.

    Auch er sah zunächst schweigend in die Garage. „Sieht scheiße aus“, sagte er dann knapp. „Ich hab den auch nicht mehr gesehen, seit ihr ihn hier reingestellt habt.“


    „Aber nicht unrettbar“, bemerkte Laurie. Totos Augen weiteten sich, er sah zu ihr auf. „Ähm. Meinst du was bestimmtes?“


    „Wir haben gerade überlegt, ob der Wagen vielleicht mal Lauries Meisterprojekt werden könnte.“, warf Tom ein, Laurie atmete kurz, widersprach aber nicht direkt.


    „Oder?“, hakte Tom nach.


    „Ja. Wär ne Option.“ Laurie sprach ungewöhnlich ruhig und besonnen. „Aber das dauert noch. Und man müsste erstmal feststellen, ob das Ding überhaupt noch zu retten ist, bevor man groß irgendwelche auf Jahre angelegte Projekte daraus macht.“


    „Wen meinst du?“, wunderte sich Toto.


    „Ich meine…“


    „Einen Gutachter“, unterbrach Tom.


    „Genau. Jemand, der konkret prüft, ob die Kiste noch ne Chance hat.“


    „Aber nicht hier in dem engen Schuppen“, warf Toto ein. „Da sieht man ja nix. Da müsstet ihr den schon in die Firma bringen, damit er auf die Bühne kann.“


    „Der Gutachter von der Versicherung kommt doch übermorgen, wegen dem Caprice. Vielleicht kann der mal einen Blick drauf werfen“,schlug Tom vor.


    „Donnerstag ist Schule. Wann kommt der?“


    „Weiß ich nicht.“


    „Okay, dann sag mir Bescheid. Ich will dabei sein.“ Laurie ging zum Tor, schob es langsam wieder zu – nicht, ohne noch einen letzten Blick in die Garage zu werfen. Ihr Gesicht war ernst, als sie Toto den Schlüssel zurückgab. Dann ging sie zurück zur Straße, zum Pickup. Kein „Tschüss Toto“, kein Wolfsgeheul. Nur Nachdenken.

  • Donnerstag, kurz nach elf – zweite Pause. Seda zog ein Käsebrötchen hervor, reichte es Laurie. Das zweite aß sie selbst – direkt aus der Tüte. Sie kaute noch, als sie Laurie kurz anlächelte. „Ich bin echt stolz auf dich“, sagte sie mit einem leichten ironischen Unterton.


    Laurie roch an dem Brötchen, klappte es auf, nahm die Gurkenscheibe herunter und reichte sie Seda. „Mhm.“, machte sie. „Zur Kenntnis genommen.“


    „Ach komm…“ Sie nahm die Gurke und steckte sie direkt in den Mund. „Du hast dich schon echt lange davor gedrückt.“


    „Weiß ich.“


    „Und jetzt? Wie soll es weiter gehen?“


    „Weiß ich nicht.“


    „Du musst doch einen Plan haben.“


    „Muss ich?“


    „Weißt du was? Manchmal kannst du einem echt ein Bisschen auf den Keks gehen damit.“


    „Womit?“


    „Genau damit. Sag doch, was du denkst. Was ist mit dem Pacer? Du hast ihn jetzt gesehen. Und? Weiter?“


    Laurie zog langsam die Schultern hoch. „Ich bin nicht sicher. Mal abwarten, was der Gutachter sagt. Wenn der meint, die Kiste ist noch zu retten, dann…“


    „Dann was? Dann lässt du ihn richten? Oder machst es selbst, über die nächsten… was? Jahre?“


    „Möglich.“


    In dem Moment meldete sich Lauries Handy. „Tom“, stellte sie mit einem Blick aufs Display fest. „Sicher wegen dem Gutachter.“


    „Jetzt bin ich gespannt“, meinte Seda und Laurie nahm das Gespräch an, stellte auf Laut hören. „Am Apparat“, meldete sie sich.


    „Hier auch“, antwortete Tom. „Ist grad Pause, oder?“


    „Ja, kannst reden. Seda ist auch hier.“


    „Hallo“, rief Seda in den Apparat.


    „Hi Seda.“


    „Und? Was sagt der Gutachter?“


    „Zum Caprice?“


    „Tom…“


    „Das ist bei euch Tradition, oder?“, rollte Seda genervt mit den Augen.


    Laurie verzog den Mundwinkel, sprach dann wieder ins Handy. „Zum Pacer natürlich.“


    Tom zögerte kurz. „Nix“, teilte er dann lakonisch mit.


    „Nix? Wie – nix. Hat er ihn gar nicht angeguckt?“


    „Nein. Es war irgendso ein geschniegelter Bubi – nicht der Gutachter, der sonst immer kommt. Und der hat sich angestellt, sowas hast du noch nicht erlebt. Erst hat er am Caprice rumgemosert. Der wäre nicht ordnungsgemäß gesichert und überhaupt hätte der nicht so stehen dürfen und das würde er seiner Gesellschaft melden, wie larifari wir mit Beweismitteln umgehen und so weiter und so fort.“


    „Was ein Schnufti.“


    „Genau. Und dann hatte ich auch genau gar keinen Bock, den Heini auch noch um nen Gefallen zu bitten.“


    „Das heißt, er hat den Pacer gar nicht angeguckt?“


    „Nein.“


    „Fuck. Und jetzt?“


    „Wenn du willst, frag ich den anderen Gutachter. Jetzt, wo der Pacer schon mal hier in der Firma ist.“


    Laurie zögerte, dachte einige Augenblicke nach.


    „Nope. Lass mal, ich hab da gerade ne andere Idee. Ich meld mich. Bis später.“


    „Okay, du machst das schon“, wunderte sich Tom und legte auf.


    „Idee?“, fragte Seda und zerknüllte die Papiertüte.


    „Idee.“, bestätigte Laurie und sah sich auf dem Hof um.


    „Wen suchst du?“


    „Mack“


    „Marek? Der gammelt da hinten in der Ecke rum.“


    „Ah gut. Komm mit“, forderte Laurie Seda auf und ging zielstrebig auf die Hofecke zu, in der Marek auf der Lehne einer Bank saß und auf dem Display seines Handys wischte.


    „Mack“, grüßte Laurie und setzte sich dicht neben ihn auf die Sitzfläche der Bank. „Neues Handy?“


    Marek sah nicht auf, sah Laurie nicht an. „Geliehen“, murmelte er. „Meinst ist… immer noch weg.“


    „Shit. Da merkt man erst mal, wie abhängig wir inzwischen von den Dingern sind, was?“ bemerkte Seda. „Wenn ich mir vorstelle…“


    „Was wollt ihr?“ unterbrach Marek sie barsch.


    Seda hob entschuldigend die Hände, Laurie runzelte die Stirn. „Wow. Schlecht geschlafen?“, fragte sie.


    Marek sah sie immer noch nicht an, zog sein Bein ein Stück zurück und wischte weiter auf dem Handy. Er antwortete nicht.


    „Du sag mal“, setzte Laurie erneut an. Mareks „Was?“ klang mehr als genervt. Fast, als fühlte er sich von Laurie und Seda belästigt.


    „Was ist denn mit dir los? Hab ich dir was getan?“, fragte Laurie, jetzt auch etwas angenervt.


    „Was wollt ihr?“ Kurz, knapp, fast emotionslos.


    „Dein Opa. Meinst du, er könnte nochmal ein Auto ansehen? Den Pacer. Ich hab ihn gestern…“


    „Der macht nichts mehr“, unterbrach Marek wieder schroff.


    Laurie war überrascht von Mareks abweisendem Tonfall, probierte es aber dennoch weiter. „Ich weiß. Aber wenn du ihn nochmal fragen würdest…? Es wär mir echt wichtig, eine Fachmeinung…“


    „Wenn ihr was von dem wollt, dann fragt ihn selbst. Lass mich damit in Ruhe“, blaffte er, stand unvermittelt auf und ging weg.


    „Marek…“


    „Fuck nein!“


    Seda sah ihm nach, die Augen weit geöffnet. Dann sah sie Laurie an. „Was hat den denn gestochen?“


    Laurie rückte eine Etage hoch auf die Banklehne, zog die Schultern hoch. „No clue. Aber wenn er meint, wir sollen Opa selbst fragen, dann werden wir das auch tun. Wir wissen ja, wo er wohnt…“

  • Und hier ist er auch schon, der Text:


    Kapitel 58: Unklare Verhältnisse

    Freitag, kurz nach Feierabend. Laurie warf einen letzten Blick auf den Pacer, der sie mit arg zerknautschtem Gesicht aus seinem verbliebenen Auge anschaute – ein leiser Hilferuf. „Ich fahr jetzt zu Opa Kuberski“, rief sie Tom im Rausgehen zu. Der hob nur die Hand.


    Zehn Minuten später parkte Hook wieder auf dem Randstreifen des Köpenicker Wegs. Laurie stieg aus, verdrehte kurz die Augen – jetzt quietschte plötzlich wieder die linke Tür.

    Sie sah kurz zur Hausnummer sechs. Alles still. Keine Gerda, keine Mila, niemand am Fenster. Ein kurzes Lächeln, dann ging sie weiter zum Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite. Der gelbe BMW war nicht da. Vielleicht besser so; nach Mareks Abgang gestern legte vorerst sie keinen Wert auf weiteren Kontakt.


    Sie stand vor der Haustür bei Nummer neun, fand sofort das Klingelschild – Erdgeschoss. Sie klingelte, wartete einen Moment, dann summte der Türöffner. Sie trat ein, ging die ersten sieben Stufen hinauf. Die Tür zur Wohnung Kuberski wurde ein Stück weit geöffnet. Dahinter eine ältere Frau in einem graubeigen Hausanzug, die Haare ungeordnet, eine große Brille auf der Nase.


    „Guten Abend, Frau Kuberski“, grüßte Laurie. Die Frau schob die Brille hoch, kniff die Augen zusammen, ein vorsichtiges Lächeln. „Aah, du bist es. Mareks Freundin, nicht wahr? Ich hab dich gleich wiedererkannt. Von den Bildern.“


    „Ähm, ja. Guten Abend“, wiederholte Laurie. „Ich bin Laurie. Ist…“


    Die Frau zog die Tür weiter auf. „Der Junge ist nicht da“, unterbrach sie, leicht bedauernd. Gleichzeitig sah sie immer wieder zum Zimmer hinten rechts, wo ein Fernseher flimmerte. Der Ton war etwas zu laut; darum sprach sie ebenfalls lauter.


    „Das macht nichts“, erklärte Laurie. „Ich will auch gar nicht zu Marek. Ist Ihr Mann da? Ich hätte gern kurz mit ihm gesprochen.“


    „Mein Mann ist nicht da. Der macht um die Zeit immer seinen Abendspaziergang. Der Junge ist auch nicht da. Ich weiß nicht, ob er heute nochmal kommt. Tut mir leid.“ Sie zeigte nach hinten, drehte den Kopf, sah dann wieder zu Laurie. „Ich gucke um die Zeit immer meine Serien. Dann geht mein Mann raus. Ihn interessiert das nicht. Den Jungen auch nicht. Er ist dann immer in seinem Zimmer.“


    „Ach, Marek wohnt hier?“, fragte Laurie.


    „Nein, er hat nur ein Zimmer bei uns. Damit er mal seine Ruhe haben kann.“ Sie sah kurz zu der geschlossenen Tür gegenüber vom Wohnzimmer. „Und wo er seine Bilder aufhängen kann. Seine Eltern erlauben das ja nicht…“


    „So.“ Laurie nickte. „Wann kommt er denn wieder?“


    „Ich weiß nicht, ob der Junge heute nochmal kommt. Er ist vorhin weggefahren mit seinem Auto. Ein schönes Auto, nicht wahr?“


    „Ja, ja. Ich meinte Ihren Mann. Wann kommt der denn zurück?“


    „Mein Mann? Der ist spazieren.“


    „Ich weiß.“ Laurie atmete einmal ruhig. „Und wie lange?“


    „Ich gucke meine Serien, die gehen bis viertel nach acht. Dann geh ich ins Bett.“


    „Oh. Ach so. Dann komme ich besser morgen wieder?“


    „Nein, nein, Liebes. Komm ruhig nachher. Mein Mann ist immer lange auf. Ich geh um viertel nach acht ins Bett.“


    „Okay, dann komm ich später nochmal wieder.“ Laurie deutete zur Wohnzimmertür. „Ich glaub, die Werbung ist vorbei. Ihre Serie geht weiter.“

    Frau Kuberski drehte sich um und schloss ohne ein weiteres Wort die Wohnungstür. Laurie zuckte kurz mit den Schultern und ging wieder nach draußen.

  • Sie schloss ihr Auto auf, nahm den Gustav‑Schlüsselbund heraus und ging zum Haus Nummer sechs. Sie trat ein, sah Gerdas Rad im Hausflur stehen und öffnete dann die Tür zu ihrer Wohnung. Laurie ging einmal durch alle Zimmer, öffnete die Fenster, dann stand sie vor dem großen Regal im Wohnzimmer und nahm einige Bücher heraus: einen großen Bildband über Paraguay, ein paar technische Jahrbücher, einige Fachliteratur über Haltung und Pflege von Papageienvögeln. „Die nehm ich Liz mit“, dachte Laurie und legte die Bücher auf der Kommode im Flur ab.


    Dann setzte sie sich auf den einzelnen Sessel und sah sich um. Ihr Blick fiel auf einen kleinen Schrank hinter der Tür, den sie bislang noch nicht geöffnet hatten. Sie stand auf, ging hin, drehte den kleinen schwarzen Schlüssel und fand einige Fotoalben. Sie nahm das erste heraus; auf dem Einband ein kleiner Aufkleber mit der handschriftlichen Notiz „Berlin 1966 bis 76“. Laurie grinste kurz, ging zurück zum Sessel und schlug das Album auf.


    Neben einigen losen Ansichtskarten der typischen Berliner Sehenswürdigkeiten stieß sie auf erste Familienfotos: Urlaubsbilder von der See, Familienfeiern und immer wieder Aufnahmen, die sie laut auflachen ließen – der junge Gustav.


    Sie selbst hatte ihn erst kennengelernt, als Gustav damals, vor zwei, drei Jahren, auf Lauras Märkten auftauchte. Von der ersten Minute an war er Laurie aufgefallen. Ein Mann Mitte siebzig, immer lustig, immer zu einem Scherz aufgelegt, aber – aus Sicht der damals gerade mal sechzehnjährigen Laurie – ein alter Mann. Jetzt bekam sie einen Einblick, dass auch dieser Mann ein Leben vor ihrer ersten Begegnung gehabt hatte, und sie blätterte interessiert weiter.

    Weitere Urlaubsfotos, manche waren beschriftet – „Balaton 1968“, „Balaton 1969“, „Rügen 1971“. Offenbar war der junge Gustav ein reiselustiger Mann gewesen, der im Rahmen seiner Möglichkeiten einiges von der Welt gesehen hatte.


    Andere Fotos zeigten Gustav im Kreis feiernder Menschen. Auch hier nur spärliche Hinweise. Klar: er wusste, wer dort zu sehen war – warum also alles notieren? Aber einige Fotos hatten Kommentare: „Elsbeth und Toni“ „Elsbeths 30.“ Dann ein Bild mit einer Gruppe rund um einen Trabant, der Kommentar: „Tonis erster Wagen 1976.“ Im Auto eine Familie, offenbar „Toni“, „Elsbeth“ und… wer war das Kind?


    Die Bilder ließen Laurie darauf schließen, dass diese Elsbeth wohl Gustavs Schwester gewesen sein musste. Sie erinnerte sich dunkel, dass Laura mal erwähnt hatte, wie Gustav ihr von der Beerdigung einer Schwester erzählt hatte. Vielleicht war dieses Kind also Elsbeths Sohn – Gustavs Neffe? Also gab es doch Verwandtschaft?


    Laurie grübelte einen Moment, dann griff sie zum Handy und wählte die Nummer von Lisa.

    „He Liz, ich bin’s. Hast du mal einen Moment?“


    „Klar. Was liegt an? Warte mal, ich muss nur kurz den Ofen ausmachen…“


    Laurie grinste – damit standen die Chancen für leckere Lisa‑Kekse am Wochenende ziemlich hoch.


    „Rosa für mich“, äußerte sie spontan.


    „Was?“


    „Die Kekse im Ofen. Kommt doch noch Zuckerguss drüber?“


    „Ach so, na klar.“


    Dann schlug Laurie das Fotoalbum wieder auf. „Du, hör mal, ich bin hier grad bei Gustav in der Wohnung. Und da schlag ich ein Fotoalbum auf, in dem eine ‚Elsbeth‘ auftaucht. Hat Mom nicht mal was von einer Schwester von ihm erzählt? Die gestorben ist?“


    Lisa dachte einen Augenblick nach. „Ja? Möglich. Könnte ich mich jetzt nicht dran erinnern, aber kann sein. Und was ist mit der?“


    „Hier im Album sind Fotos von ihr, und daneben steht ein Kind.“


    „Ihr Kind?“


    „Weiß ich nicht. Könnte sein. Vielleicht auch nur ein Nachbarskind...“


    „Du meinst, das könnte Verwandtschaft von Gustav sein?“


    „Mhm. Was, wenn es doch noch andere Erben gibt? Könnten die…?“


    Lisa schwieg einen Moment, dann erklärte sie Laurie in ruhigem Ton die Rechtslage. „Keine Gefahr. Guck mal, du hast den Erbschein, damit bist du rechtmäßige Erbin. Punkt. Und selbst wenn es irgendwelche Verwandten geben würde: Gustavs Testament geht vor, und da drin stehst du. Außerdem – wenn Verwandte bekannt wären, hätte das Nachlassgericht die angeschrieben. Und nachdem offenbar niemand widersprochen hat – die Fristen sind auch längst abgelaufen – hat das Gericht dir das Erbe zugesprochen. Ende der Geschichte.“


    „Du meinst, da könnte jetzt nicht plötzlich noch jemand ankommen und sagen: ‚Das ist mein Haus‘.“


    „Nope. Das Ding ist durch. Selbst wenn jetzt noch jemand käme, hätte er praktisch keine Chance mehr.“


    „Mh, okay.“


    „Wolltest du nicht auch noch zum alten Kuberski? Wegen des Gutachtens?“


    „Ja, mach ich gleich, der war nicht zu Hause.“ Laurie sah kurz auf die Wanduhr. „Halb drei? Die Uhr steht.“


    „Dann zieh sie auf.“


    „Mach ich. Und – rosa Glasur und silberne Perlen, okay?“


    „Weiß ich doch. Bis später.“

  • Laurie blätterte noch ein paar Seiten durch das Fotoalbum – wieder das Kind. Und da. Nein, für ein Nachbarskind tauchte es viel zu oft auf. Sie sah genauer hin. Das Kind hatte ein – vorsichtig ausgedrückt – markantes Gesicht. Die Augen ungewöhnlich eng zusammenstehend, eine Art Himmelfahrtsnase, die Zähne unregelmäßig.


    Sie stand auf, nahm ein weiteres Album aus dem Schrank. Der Einband matt grün, Prägung wie Krokodilleder, die Aufschrift „Zur Jugendweihe 1987“ in Gold. Auf Seite 1 – wieder dieses Kind. Festtagsanzug, eine unnatürlich steife Haltung, in der Hand ein Buch. Laurie entzifferte mühsam den Titel: „Vom Sinn unseres Lebens“. Laurie grunzte amüsiert. „Na, jetzt weißte Bescheid.“ Aber auch hier – kein Name, kein Hinweis auf die Identität des Kindes. „Na, vielleicht was für’n Markt. Ostalgie geht immer“, dachte sie und legte das Album beiseite.


    Es war inzwischen halb neun durch, Opa Kuberski sollte jetzt vom Abendspaziergang zurück sein. Laurie nahm die Papageienbücher, schloss die Fenster wieder, ging auf die Straße und legte die Bücher ins Auto. Da sah sie ihn schon, wie er strammen Schrittes den Köpenicker Weg entlangmarschierte. Sie blieb am Auto stehen, winkte kurz. Kuberski kam direkt auf sie zu.


    „Ach, das Mädchen mit der schiefen Schlagzahl. Guten Abend. Was machst du denn hier bei uns in der Straße? Willst du zu Marek?“

    Laurie schüttelte den Kopf. „Nein, ich wollte zu Ihnen. Guten Abend, Herr Kuberski. Ich hab vorhin schon geklingelt, aber Ihre Frau sagte, Sie sind noch unterwegs. Hätten Sie einen Moment Zeit für mich?“


    „Zu mir? Na, dann komm mal rein, Mädchen. Aber Marek ist nicht da.“


    „Weiß ich.“


    Kuberski schloss auf, bat Laurie herein. Vorsichtig trat sie ein, bewegte sich leise.


    „Du brauchst nicht leise zu sein, meine Frau ist schon im Bett. Maggret?“, rief er – so laut, dass Laurie kurz zusammenzuckte. „Und wenn die einmal schläft, hört sie nichts. Da könnte ’ne Bombe explodieren.“ Kuberski lachte kurz, Laurie lachte mit, eher aus Höflichkeit.


    „‘N Bier?“, fragte Kuberski knapp und öffnete bereits eine Flasche. „Fump“, machte es. Laurie verneinte. „Nee, danke. Ich muss noch fahren.“


    „Ach was, Mädchen. Ein Bier geht immer.“


    „Na gut… danke.“


    Dann setzten sie sich zusammen an den Küchentisch. Laurie öffnete die Flasche. „Fump.“


    Sie stießen an. „Und?“, fragte Kuberski knapp.


    „Hm?“, machte Laurie, während sie trank.


    „Du wolltest mich sprechen.“


    „Ach so, ja.“ Sie stieß dezent auf; das Bier war frisch und kalt.


    „Es geht um… mein Auto. Ich weiß nicht, ob Mack erzählt hat. Ich habe einen AMC, einen Pacer V8, Baujahr 1977. Also eigentlich ein 78er Modell, aber Ende 77 zugelassen – das erste Jahr, in dem es den Pacer mit V8 gab.“


    „Mhm“, machte Kuberski und sah sie an. Der Blick war interessiert, neugierig – und ganz hinten lag noch etwas anderes.


    Laurie fuhr fort. „Ja, und den hatte ich in der Schule, auf dem Prüfstand, zum Einstellen. Und da ist er dann über Nacht geklaut worden und anschließend haben ihn die Arschlöcher in den Graben gesetzt – Exitus.“


    Kuberski erinnerte sich. „Ja, davon habe ich in der Zeitung gelesen. Und das war dein Auto? Eine Schande. So ein rares Stück.“


    „Genau“, bestätigte Laurie. „Wahrscheinlich konnten die Diebe einfach nicht mit einem V8 umgehen, haben die Kontrolle verloren und sind abgeflogen. Oben, an der Landstraße, Höhe Flugplatz.“


    „Ich weiß“, merkte Kuberski an. Lauries Blick wurde fragend.


    „Stand in der Zeitung.“


    „Ach so. Ja, und jetzt ist es so…“ Laurie zögerte. „Ich hab erst gedacht, die Kiste ist Schrott. Total verzogen, Motorhalter abgerissen, Spritzwand verbogen. Tot eben.“


    „Kann ich mir vorstellen.“


    „Ja… ich wollte ihn lange nicht sehen. Aber jetzt, in den letzten Tagen, hab ich dann doch mal einen Blick drauf geworfen. Und jetzt frage ich mich, ob er nicht doch irgendwie noch zu retten wäre…“


    „Mit verzogenem Rahmen?“ staunte Kuberski, nahm noch einen kräftigen Schluck Bier.


    „Ich weiß, das wäre ein riesiger Aufwand, und lohnen würde es sich sicher nicht. Finanziell, meine ich. Aber es war mein Projekt, mein Auto. Und ich hätte ihn gerne wieder. Und da kommen Sie ins Spiel.“


    „Ich soll ihn prüfen?“


    „Richtig. Ich brauche eine Einschätzung. Ob er noch machbar wäre, oder… oder eben nicht.“

  • Neu im Sortiment:


    Kapitel 58

    Drei Tage später. Laurie stand mit Hook am Köpenicker Weg, Kuberski kam aus dem Haus. In der Hand ein Alukoffer, über die Schulter eine graue Umhängetasche mit abgeschabtem Werbedruck.


    Laurie stieg aus. „Hallo Herr Kuberski. Schön, dass es so schnell geklappt hat. Steigen Sie ein.“


    Kuberski blieb kurz vor dem pastellgrünen Abschleppwagen stehen. Er strich über die mit Spezialmittel versiegelten Roststellen auf Kotflügel und Motorhaube, schüttelte schief grinsend den Kopf. Er ging um den Wagen herum, machte ein staunendes Gesicht – die verwitterte Lackierung, die fehlende Heckklappe, das eigenartige Abschleppgestell auf der Ladefläche. Dann ein kurzer Blick zum Kennzeichen, zur Prüfplakette.


    „Alles regulär eingetragen“, erklärte Laurie mit einem Hauch Stolz in der Stimme.


    „Der Rost auch?“, bemerkte er kritisch.


    „Alles Patina, ehrlich erworben unter der Sonne von Arizona. Das soll so. Kommen Sie.“ Sie öffnete die Beifahrertür, die heute ohne jedes Störgeräusch funktionierte. Kuberski stieg ein, sah sich in der Kabine um. Laurie setzte sich dazu, drehte den Zündschlüssel. Hook sprang augenblicklich an und lief so sauber, als wäre er gestern erst vom Band gelaufen. Kuberski nickte. Technisch schien dieses rostige Unikum bestens in Schuss zu sein.


    Zehn Minuten später rollten sie auf den Hof von Past Times. Es war kurz vor sechs, die Mitarbeiter hatten schon Feierabend, Tom erwartete die beiden am Tor. „Hallo Herr Kuberski. So sieht man sich wieder“, grinste er.


    Kuberski stieg aus, drehte sich noch einmal kopfschüttelnd zum alten Chevy um und lachte kurz. „Euch werd ich in diesem Leben nicht mehr los. Na denn. Wo ist der Patient?“


    Laurie ging vor. „Hier entlang. Er steht schon auf der Bühne.“


    Kuberski folgte in die Halle, steuerte direkt auf den Pacer zu und verzog das Gesicht. „Uh. Heftiger Einschlag. Wie genau ist das passiert?“


    „Die Polizei sagt, er ist mit etwa fünfzig Sachen ins Schleudern gekommen und seitlich versetzt frontal in den Straßengraben eingeschlagen.“


    Kuberski nickte. „Mhm. Gab’s Verletzte?“


    Laurie runzelte die Stirn. „Nicht, dass ich wüsste. Jedenfalls hat die Polizei keine Blutspuren gefunden. Soweit ich weiß.“


    Kuberski legte seinen Koffer auf dem Werkstattwagen ab, den Tom ihm hinschob, zog einen großen Notizblock aus der Tasche und machte sich an die Arbeit.

    Er prüfte den Gesamteindruck, machte Fotos vom Auto und von Details, listete nach und nach alle offensichtlichen und auch die versteckten Schäden auf. Er notierte jedes kleine Detail, prüfte, maß und schrieb — fast eine ganze Stunde lang.


    Laurie und Tom beobachteten ihn, meist stumm. Nur ab und zu ließen sie kurze Kommentare fallen, stellten Fragen, die Kuberski zur Kenntnis nahm, aber nur selten – wenn überhaupt – knapp beantwortete.


    Letztendlich packte er sein Handwerkszeug zusammen, schloss den Alukoffer, legte die Umhängetasche darauf und nahm seinen Notizblock hervor.


    Laurie war gespannt, wie sein Urteil lauten würde; sie traute sich kaum zu fragen. Tom übernahm. „Und? Was meinen Sie? Wäre noch was zu machen?“


    Kuberski schwieg zunächst, las seine Notizen, atmete einmal tief ein. Dann setzte er an. „Eine gute Nachricht voraus: Er ist nicht unreparierbar. Soviel kann ich sagen.“


    Lauries Muskeln spannten sich an, sie hielt die Luft an. Bei so einem „Zuerst die gute Nachricht“ kam garantiert noch ein „Aber“ hinterher.


    Stattdessen stellte Kuberski Fragen. „Was habt ihr denn mit dem Wagen vor?“


    „Wieder aufbauen“, bemerkte Laurie kurz, schickte dann ein „lassen“ hinterher.


    „Also in einer Fachwerkstatt?“


    „Ja“, antwortete Tom knapp, aber Laurie korrigierte sofort. „Oder in der Berufsschule. Die haben alles, was man für einen Neuaufbau brauchen würde. Richtbank, Lackiererei…“


    Kuberski nickte. „Die Schule? Aber die nehmen keine Reparaturaufträge an wie eine reguläre Werkstatt.“


    „Nein. Aber letztendlich ist der Wagen ja dort – äh – entwendet worden…“


    „Ich weiß, das hab ich gelesen“, unterbrach Kuberski.


    „Eben“, führte Tom fort. „Und auch, wenn es rechtlich und versicherungstechnisch noch nicht endgültig geklärt ist — die Schule wird ein Interesse daran haben, dass der Schaden reguliert wird. Und das doch am einfachsten durch eigene Leistung.“


    „Das werde ich aber erst noch mit der Schulleitung klären“, warf Laurie ein. „Darum ist Ihr Gutachten ja so wichtig für mich. Wenn Sie sagen: ‚Ja, der Wagen ist zu retten‘, dann kann ich da entsprechend aufschlagen.“


  • Weitere drei Tage später lag das schriftliche Gutachten vor. Laurie saß mit Paula und Tom am Tresen und las es erneut durch. „Okay, also er ist machbar“, stellte sie abschließend fest. „Fact.“


    „Das freut mich für dich“, merkte Paula an und sah zu Tom. „Oder?“


    Tom nickte. „Klar. Ich hatte es vermutet, aber schwarz auf weiß – das ist nochmal was anderes.“ Dann zu Laurie: „Und, wie geht es jetzt weiter?“


    Laurie legte das Schreiben ab, setzte sich etwas gerader hin. „Ich hab da gestern Abend noch mit Mom und Liz überlegt. Das Video…“


    „Von der Band?“, fragte Paula.


    „Jepp. Also, wenn der echte Pacer dabei sein könnte… ich würd das schon gerne machen. Wenn es möglich wäre. Den in der Schule fertigzumachen. Müsste man halt klären. Liz sagt, sie ist weiter in Kontakt mit dem Schulträger. Und der Versicherung. Das dümpelt so dahin. Einer wartet auf den anderen, aber konkret tut sich nix.“


    „Das heißt?“, hakte Paula nach.


    „Liz meint, wenn das Gutachten da ist“ – sie hob das Schreiben zur Bestätigung an – „sollten wir mal mit der Idee auf die Schulleitung zugehen. Am besten über Rotter, der ist in der ganzen Sache am tiefsten drin. Mit dem Prüfstandstag, mit der Videocloud, mit Rolle…“


    „Wer ist Rolle?“, fragte Tom.


    „Rollmann. Eric Rollmann. Der Schnufti, der meinen Prüfstandplatz haben wollte, für ihm seinen Bruder seinen AMG zu posen. Zu tun.“ Sie versuchte, Rolles eigenartigen Duktus nachzuahmen.


    „Ach, aus deiner Klasse. Und was hat der mit dem Pacer zu tun?“


    „Das ist eben die Frage. Rotter hat damals so Andeutungen gemacht. Als könnte es sein, dass Rolle was mit dem Diebstahl zu tun hat. Keine Ahnung. Die Kripo wird’s wissen.“


    Tom nickte bedächtig.


    „Na jedenfalls denkt Liz, es wär möglich, dass die Schule zustimmt – dem Aufbau – sie meint, als Projekt für die Abschlussklassen wär das doch ’ne gute Gelegenheit. Dann könnten wir anschließend nochmal die Band kontaktieren. Dass das Video vielleicht doch möglich wäre. Mit dem echten Pacer. Irgendwie.“


    „Ganz schön kompliziert“, bemerkte Paula. „Aber du würdest das schon gerne machen, oder?“


    Laurie runzelte kurz die Stirn, dann ein kleines Lächeln. „Wär schon cool. Ich, in ’nem Musikvideo von Blue Feather.“ Tom grinste hinter ihrem Rücken, Paula sah es, kommentierte es aber nicht.


    „Mom hat mir das erzählt. Sie hat damals, zu ihren Modelzeiten, auch mal bei zwei, drei Musikvideos mitgemacht. Für irgend so einen Hip‑Hop‑Kram. Damals, als wir in New York gelebt haben. Keine Ahnung, ich hab’s nie gesehen. Und im Netz haben wir auch nichts gefunden...“


    „Ach, wusste ich gar nicht“, wunderte sich Tom. Laurie verzog den Mund. „Ich glaube, es gibt da so einiges, was du nicht weißt von ihr.“

    Tom wollte antworten, verkniff sich die Bemerkung aber. Stattdessen fragte er weiter: „Also, mit der Schule geht’s jetzt weiter?“


    „Jepp. Ich glaube, ich ruf heute Abend mal Rotter an. Bis Dienstag warten ist mir zu lang. Und dann… ich weiß nicht. Vielleicht setzen sich mal alle zusammen und planen das Ding. Ob das überhaupt möglich wäre, so wie ich mir das grad vorstelle…“


    „Na dann viel Glück“, sagte Paula. Und sie meinte es so.

  • Am Nachmittag gegen fünf kam Laurie zu Lisa ins Büro. Justav saß auf ihrer Schulter und gab sofort Laut. „Kraaah.“

    Lisa hob kurz die Brauen. „Hi du. Was liegt an?“


    Laurie wollte antworten, aber der Vogel kam ihr zuvor. „Kroax. Hallo.“ Laurie atmete knapp aus. „Ja. Hallo meinerseits.“ Dann zu Lisa: „Ich wollte—“


    Justav unterbrach erneut. „Hallo. Kraah. Fuffzig. Klong. Letzte… Fuffzig.“


    „Justav, haalt mal die Klappe“, sagte Laurie, hörbar genervt.


    Lisa wirkte amüsiert. „Er findet dich nett.“


    Laurie verzog den Mund. „Bin ich mir nicht so sicher. Fühlt sich nicht so an.“


    Dann ein knappes „Lo‑lei.“

    Laurie und Lisa sahen sich an. „Das sagt Gerda doch immer. Hat er wohl von ihr gelernt.“ „Oder sie von ihm“, vermutete Laurie. Lisa nahm den Vogel von der Schulter, setzte ihn in die Voliere und schloss die Tür. „Gutnacht“, kam es noch, abgehackt.

    „Komm“, sagte Lisa. „Nebenan ist es ruhiger. Willst du Rotter anrufen?“


    Laurie nickte. Sie gingen ins Nachbarbüro. Vor dem Fenster der große Stahlschreibtisch, an der Wand gegenüber, neben dem Filmplakat, das große Bild von Laura von Joseph Milton, das der bekannte Künstler aus den USA ihr damals zum Abschied geschenkt hatte. Beide sahen kurz hin, dann schaute Laurie aus dem Fenster zu Hook.


    Sie drehte sich zu Lisa. „Ich könnte ihn per Videocall anrufen. Direkt aus der Firma. Dann sieht er den Wagen gleich.“


    Lisa überlegte kurz. „Kannst du machen. Aber sag ihm vorher Bescheid. Ein unangekündigter Videocall ist manchmal ungünstig.“


    Laurie grinste. „Damit er noch Zeit hat, sich ’ne Hose anzuziehen?“


    „Du bist unmöglich.“


    „Weiß ich. Ich frag ihn, ob’s passt. Dann fahre ich zum Pacer. Kommst du mit? Falls er Fragen hat.“


    „Okay. Aber dann zieh ich mir vorher was anderes an.“


    „Falls wir wieder angehalten werden?“


    „Freche Rübe. Los, ruf deinen Lehrer an.“


    „Ja, Mama.“ Laurie wählte Rotters Nummer.


    Es klingelte länger, dann nahm er ab. „Hartmut Rotter, guten Abend?“


    „Hallo Herr Rotter, Laurie hier. Störe ich?“


    „Nein. Ich esse nur gerade. Was gibt es? Was Schulisches?“


    Laurie überlegte kurz. „Irgendwie schon. Es geht um mein Auto – den Pacer. Ich...hab da was vor. Vielleicht… Und da bräuchte ich Ihre Hilfe. Können wir später einen Videocall machen? In etwa einer halben Stunde? Dann könnte ich gleich zeigen, worum es geht.“


    „Wegen dem Pacer? Okay, da bin ich gespannt. In einer halben Stunde passt.“


    „Super. Wir fahren jetzt zur Firma und melden uns dann.“


    „Gut. Bis später.“


    Lisa ging nach oben, um sich umzuziehen. Laurie schrieb Tom: „Ich fahr nochmal kurz zum Pacer.“ Seine Antwort kam sofort: „Bin noch hier.“


    Lisa kam die Treppe herunter. Laurie zeigte ihr das Handy. „Tom ist da.“ Sie gingen zum Auto und fuhren los.


    Bei Past Times angekommen gingen sie durch den Eingang, am Tresen vorbei, die drei Stufen in die Werkstatt hinunter. Lisa sah sich um. „Hier war ich lange nicht.“


    Laurie ging direkt zum Pacer, wo Tom schon auf sie wartete. Lisa lief weiter nach hinten zu Lauras Autos. Sie strich sanft über den GTO, öffnete kurz die Tür des rosa Taunus.

    Tom und Laurie sahen zu ihr hinüber. Tom legte den Arm um Lauries Rücken, Laurie lehnte sich an ihn, beide gaben ein übertriebenes Seufzen von sich.


    Lisa hörte es, schloss die Tür wieder und kam zurück. „Ihr seid doof“, sagte sie und grinste.

  • Laurie nahm ihr Telefon, aktivierte die Videofunktion und ließ es Rotters Nummer wählen. Augenblicke später erschien sein Bild. Rotter trug ein graues Sweatshirt und eine Brille, die Laurie bei ihm noch nicht gesehen hatte. „Hallo, Herr Rotter“, grüßte sie und winkte kurz in die Kamera. Dann drehte sie das Handy ein Stück, Lisa kam ins Bild. „Guten Abend“, sagte sie etwas förmlicher. „Wir kennen uns ja schon vom Telefon.“


    Rotter nickte, und im nächsten Moment erfasste die Kamera Tom, der im Hintergrund gerade die Hebebühne hochfuhr, auf der der Pacer stand. „Mein Dad ist auch da“, sagte Laurie mit einem kleinen Lachen. Tom hob nur kurz die Hand und sah wieder zum Wagen.


    „Ja, guten Abend zusammen“, wiederholte Rotter. „Jetzt bin ich wirklich gespannt, was Sie mir erzählen wollen. Ist das der Pacer da hinter Ihnen auf der Bühne?“


    Laurie drehte das Handy weiter. „Ja, exakt. Das ist er.“ Sie ging hin, fuhr schweigend über mehrere Bereiche, zeigte die Schäden ohne Beschönigung. Zwischendurch sah sie auf den Monitor: Rotters verkniffenes Gesicht, die Stirn in Falten, die Hand, die immer wieder nachdenklich ans Kinn ging.


    Als sie einmal um den Wagen herum war und alles gezeigt hatte, hielt sie das Handy wieder vor sich. „Ja, so sieht er im Moment aus“, sagte sie nüchtern. „Nicht schön.“


    Rotter zog Luft durch die Backenzähne. „Nein. Gar nicht schön.“


    Laurie schwieg kurz, ging dann wieder zum Wagen, der auf gut eineinhalb Meter Höhe schwebte. Sie griff an das schief hängende Vorderrad, drehte es. Ein schleifendes Geräusch. Laurie atmete einmal tief.


    Lisa drehte das Handy ein Stück zu sich. „Haben Sie denn inzwischen etwas gehört? Von der Schulaufsicht? Oder von der Versicherung?“

    Rotter schüttelte den Kopf. „Funkstille.“


    Lisa seufzte leise.


    Laurie übernahm wieder. „Okay. Dann müssen wir das wieder in Gang bringen.“


    „Jetzt bin ich gespannt“, sagte Rotter und hörte zu.


    „Also, die Lage ist so: Ich habe den Pacer in den letzten Tagen begutachten lassen. Von einem anerkannten Sachverständigen. Kuberski – vielleicht kennen Sie ihn? Der Großvater von Marek.“


    „Ist mir ein Begriff“, bestätigte Rotter.


    „Gut. Das Gutachten liegt vor, ich kann es Ihnen gleich mailen. Und Kuberski kommt zu dem Schluss, dass der Pacer … nicht unrettbar ist. Mit Aufwand – mit ziemlich großem Aufwand – könnte er wiederhergestellt werden. Fact. So steht’s drin.“


    „Okay.“ Rotter blieb abwartend.


    „Ja, und jetzt kommt der Trigger. Also der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe, darüber nachzudenken.“


    „Ich höre.“


    „Ich weiß nicht, ob Sie die Band Blue Feather kennen?“


    „Sagt mir nichts.“


    „Muss auch nicht. Jedenfalls, meine Familie kennt die Sängerin gut, die waren schon bei uns… egal. Die Band bringt einen neuen Song raus, und die Produktion will ein Video drehen.“


    Rotter runzelte die Stirn. „Ich erkenne den Zusammenhang noch nicht. Was hat das mit mir und dem Wagen zu tun?“


    „Für das Video wollen sie den Pacer. Erst kaputt, dann repariert. That’s what it’s all about.“


    „Heißt so der Titel?“


    „Was? Ach so. Nein. Der Song hat, soweit ich weiß, noch keinen Titel. Aber sie wollen das Auto. Es steht für etwas, das verloren ist und wieder auftaucht. Eben wie der Pacer – jetzt kaputt, später wieder da.“


    Rotter nickte leicht, aber skeptisch. „Ich ahne langsam, wo das hinführt.“


    „Genau. Und das ist der Punkt, an dem…“ Laurie zögerte. „… an dem die Schule – an dem Sie ins Spiel kommen.“


    „Mhm.“


    „Ja, man könnte den Pacer in einer Werkstatt reparieren lassen. Das wäre aber sinnlos. Viel zu teuer, viel zu viel Aufwand – einfach irrsinnig.“


    „Mit Sicherheit.“


    „Genau. Und da habe ich überlegt, ob das nicht ein Ding für die Schule wäre.“


    Rotters Stirn legte sich wieder in Falten. „Wie genau meinen Sie das?“ Sein typischer Rotter‑Ton: nicht ablehnend, aber kritisch.


    „Ich dachte… vielleicht als Projekt. Übergreifend. Für die Abschlussklassen.“


    Es entstand eine kurze Stille. Laurie beobachtete Rotters Gesicht. Würde er sofort ablehnen? Würde er sagen: „Das geht nicht“? Würde er ihr unterstellen, sie wolle die Kapazitäten der Schule für ein privates Projekt nutzen?

    Sie sah zu Lisa, zu Tom, dann wieder zu Rotter. Die Katze war aus dem Sack. Von seiner ersten Reaktion hing jetzt alles ab – das Video, der Pacer, die ganze Idee.


    Rotter schwieg einige Sekunden. Dann sah er wieder in die Kamera.


    „Das wäre – zumindest nicht undenkbar.“

    Laurie blinzelte. „Echt?“


    „Denkbar. Das heißt nicht, dass wir morgen anfangen.“


    „Schon klar.“


    „Dafür müsste ich mir das Fahrzeug selbst ansehen. Und ich müsste mit den Kollegen sprechen. Karosserie, Metall, Lack, vielleicht Mechanik. Das ist kein Projekt für eine einzelne Klasse.“


    „Deshalb dachte ich ja an mehrere.“


    „Ja. Das habe ich verstanden.“


    Laurie grinste kurz.


    „Und die Finanzierung?“


    „Keine Ahnung.“


    Rotter hob eine Augenbraue.


    „Das müsste sowieso mit der Schulleitung direkt geklärt ewrden.“


    „Okay.“


    „Sie schicken mir das Gutachten. Dann sehen wir weiter.“


    „Okay.“


    Rotter lächelte kurz. „Und Laurie?“


    „Ja?“


    „Wenn Sie schon so ein Musikvideo im Kopf haben, sollten Sie vielleicht vorher mit der Band klären, was genau die wollen.“


    „Also ob sie wirklich auf den reparierten Pacer warten würden.“


    „Genau. Bevor wir hier ein halbes Schuljahr Arbeit organisieren.“


    Laurie nickte. „Mach ich.“


    „Gut. Dann sehen wir uns am Dienstag. Ich sehe zu, dass ich das bis dahin zumindest schon mal angesprochen bekomme.“

  • Kapitel 59: Alarm in Nummer 6

    Laura und Lisa bugsierten den großen Käfig durch die Tür in die Halle und stellten ihn auf den Tisch neben der Kasse. Lisa hatte sich entschlossen, Justav morgen mit auf den Markt zu nehmen, um ihm ein Stück der vertrauten Atmosphäre zurückzugeben. „Er hat so viele Sprüche von den Märkten drauf, der muss früher mit Gustav dort gewesen sein“, hatte sie gegenüber der eher skeptischen Laura argumentiert. „Wir stellen den Käfig auf und ich hol ihn morgen rein, wenn die Händler aufbauen. Dann sehen wir ja, wie er reagiert. Und wenn er Angst oder Panik kriegt, dann bring ich ihn sofort zurück ins Büro.“


    Nebendran waren Laurie und Seda dabei, nahe Gustavs angestammten Platz einen Stand aufzubauen. Sie wollten einiges von den Sachen anbieten, die er nach seinem Zusammenbruch am letzten Markt in der Fabrik zurückgelassen hatte, und hatten den vollgestopften Anhänger ausgepackt, der seit damals in der Halle stand. Seda gab sich Mühe, das Sammelsurium aus Kostbarkeiten und Kuriositäten ansprechend zu präsentieren und zu dekorieren.


    „Ich bin voll aufgeregt“, kicherte sie. Laurie grinste sie an. „So? Weil Nico kommt?“


    Seda winkte ab. „Quatsch. Der ist… der war doch letztes Mal auch dabei. Ich meine wegen dem Verkaufen. Ich hab sowas noch nie gemacht. Was, wenn einer was wissen will, wo ich keine Ahnung von hab? Oder wenn mir einer sagt, das wär viel zu teuer.“


    Laurie baute gerade zwei alte Holzvitrinen auf und legte hübschen antiken Schmuck hinein. Sie nahm eine Kette in die Hand und zeigte sie Seda. „Komm, wir üben jetzt mal. Ich bin ein Käufer und du verkaufst mir die Kette. Also: Guten Tag, ich interessiere mich für die Kette hier. Was kostet die?“


    Seda räusperte sich kurz, nahm die, recht massive, goldene Halskette und las das kleine, krakelig mit Kuli beschriftete Pappetikett, das an einem roten Faden baumelte. „Ähm, die kostet… dreihundertfünfzig. VB.“


    „Schon der erste Fehler“, lachte Laurie kurz. „Sicher ist das verhandelbar, aber man sagt es nicht sofort dazu. Sag den Preis an und warte die Reaktion ab. Käufer wollen eh immer feilschen, die akzeptieren nie den ersten Preis.“


    „Ach so, okay. Also – die kostet Dreihundertfünfzig.“


    Laurie machte ein betont kritisches Gesicht. „Ist das echt Gold?“


    Seda sah nochmal auf das Etikett. „Mhm, ich glaube schon.“


    Laurie schüttelte lächelnd den Kopf. „Das musst du wissen. Oder wenigstens so tun, als ob du es weißt. Wenn du deine Ware nicht kennst, versuchen die Käufer sofort, dich zu bescheißen.“ Sie senkte die Stimme. „Das ist kein echtes Gold, das ist höchstens vergoldet – oder Modeschmuck. Dreißig Euro, maximal.“


    Seda schaute etwas ratlos drein. „Und jetzt?“


    „Guck dir die Kette genau an. Wenn Gustav 350 drangeschrieben hat, wird er schon gewusst haben, was er da hat. Wenn es Gold ist, müsste sie gepunzt sein.“


    „Ge...was?“


    Laurie nahm ihr die Kette aus der Hand und drehte sie zwischen den Fingern. „Gepunzt. Hier irgendwo muss so ein winziger Stempel sein.“ Sie hielt den Verschluss näher ans Licht und zeigte auf eine kaum sichtbare Zahl. „Hier. 333.“


    Seda beugte sich vor. „Und was heißt das?“


    „Dass es Gold ist.“


    „Woher weißt du das?“


    Laurie zuckte mit den Schultern. „Hat Justav mir irgendwann mal erklärt. Musst du dir nicht merken. Hauptsache, du weißt, wo du gucken musst.“


    Seda sah auf das Preisschild. „Also dreihundertfünfzig?“


    „Genau. Und wenn der nächste behauptet, das wäre Modeschmuck, lässt du dich nicht gleich verunsichern.“


    „Oh je, hoffentlich pack ich das…“


    „Wird schon. Denk dir einfach, das ist wie Kaufladen spielen für Erwachsene. Und wenn du dir irgendwo nicht sicher bist, Nico und ich sind ja da.“ Sie nahm ein weiteres Objekt wahllos vom Tisch. „Was ist das?“


    „Äääh, ein Zigarrenabschneider. 20 Euro“, grinste sie.


    „Na siehste, geht doch. Ich geb dir zehn.“


    „Auf keinen Fall. Achtzehn – letzter Preis.“


    „Okay, gekauft.“


    „Das wird lustig...“

  • Sonntag früh, kurz nach halb neun. Die Halle war gefüllt, die letzten Transporter fuhren wieder heraus, Laura schloss das Tor bis auf einen Meter, damit die Dieselabgase noch abziehen konnten. Laurie und Seda waren auch schon da und sortierten weiter die Auslagen. Seda machte ein paar Fotos von Stücken, bei denen sie sich noch nicht sicher war, und recherchierte online, während Laurie eine alte Schneiderpuppe mit einer roten Corsage ausstattete. „Sexy, oder?“, grinste sie. Seda sah nur kurz auf, verzog leicht den Mund und blickte wieder auf ihr Display.


    „Wo bleibt Nico?“, fragte Laura, die gerade durch die Gänge lief und die Einhaltung der Markierungen kontrollierte.


    Laurie zuckte mit den Schultern. „Verpennt?“


    Da öffnete sich die Verbindungstür zu den Büros und Lisa kam in die Halle – auf ihrer rechten Schulter: Justav, der Papagei. Sie hatte die linke Hand auf seine Füße gelegt – nicht, um ihn festzuhalten, eher beruhigend. Laura und Laurie beobachteten das ungleiche Paar.


    „Jo-Ho, seht an, die Piratenbraut“, lachte Laurie. Langsam schritt Lisa durch die erste Reihe in Richtung Kassentisch und sprach leise auf den Vogel ein.

    Einige Händler sahen auf.


    Am Käfig angekommen öffnete Lisa die Tür. Sie hielt die Hand an ihre Schulter, Justav stieg darauf und ließ sich ruhig in den Käfig heben. „Soo“, machte Lisa und schloss vorsichtig die Käfigtür. Der Vogel spreizte kurz die Flügel, wippte unruhig von einem Fuß auf den anderen, die Krallen scharrten über die Sitzstange. Den Napf mit Körnern, den Lisa hineingestellt hatte, ließ er unberührt; auch das Wasser rührte er nicht an. Da war jetzt zu viel Neues, zu viel Geräusch – für Fressen war jetzt keine Zeit.


    Dann ein plötzliches „Fuffzig! Fuffzig!“, laut genug, dass zwei Händler in der Nachbarreihe aufsahen und lachten.


    Laurie und Seda grinsten sich an und sahen zum Vogel herüber. „Zu teuer, Justav“, rief Laurie.


    Lisa tippte ein paarmal an die Käfigstäbe. „Na, alles okay, du?“, fragte sie. Justav legte nur den Kopf etwas schräg und antwortete mit einem lauten „Kraah!“. Lächelnd ging Laura weiter die Reihen ab, Laurie und Seda sahen zum Tor – immer noch kein Nico.


    Eine halbe Stunde später – die Händler waren untereinander schon im regen Warenaustausch, bevor die Käufer kamen – interessierten sich auch zwei Händler für das Angebot bei Laurie und Seda. „Das ist doch der Bestand vom alten Justav, oder?“, fragte einer der beiden.


    Laurie antwortete im typischen Justav-Ton. „Jenau. Dit is allet noch von ihn, wa?“ grinste sie.


    „Is schade um den alten. War immer ne Type.“


    „Da sagt ihr was“, bestätigte Laurie kurz.


    „Und ihr habt jetzt seinen Kram übernommen?“, fragte der andere Händler.


    „Sieht wohl so aus. Er hat mir seinen ganzen Krempel hinterlassen und ich seh jetzt mal, was ich davon noch behalten will und was weg soll. Könnt ihr was brauchen?“


    „Was soll denn der Vogel kosten?“, fragte ein dritter Händler, der dazugestoßen war.


    „Der ist unverkäuflich“, rief Lisa gleich vom Kassentisch herüber. „Nicht für ne Million.“


    „Da hörst du’s. Justav gehört zur Familie“, bemerkte Laurie.


    „Justav?“


    „Na der Vogel. Wir haben ihn nach seinem Daddy benannt…“


    „Aber das ist doch ein Mädchen“, wunderte sich der dritte Händler.


    Laurie sah zu Lisa, die guckte staunend den Händler an. „Ach?“


    „Na sicher.“ Er ging auf den Käfig zu, tippte vorsichtig an die Stäbe. „Das ist doch die Lorelei. Hallo, Lorchen.“


    Und der Papagei reagierte. „goldenes Haar. Kroax“, krächzte er, dann ein abgehacktes „weiß nicht...“


    Laurie und Lisa sahen sich weiter erstaunt an. „Lore…“ fragte Laurie, „...lei?“ ergänzte Lisa.


    Dann wieder der Vogel: „Lolei Lolei“


    „Lo-lei?“ staunte Laurie. „Ger...da“, stotterte Lisa. „Das Lo-lei, das sie immer sagt.“

    „Sie kennt den Namen.“

    „Und wir haben immer gedacht…“

    „Ich dachte, sie meint einfach ‚Vogel‘“, erklärte Lisa. Laurie machte eine bestätigende Geste.


    Dann kam Laura dazu, Lisa zeigte auf den Papagei. „Hallo Schatz, darf ich vorstellen: Die Lorelei“


    „Hä? Die...wer?“, machte Laura erstaunt, während der Papagei wie zur Bestätigung wieder einige Liedfetzen anstimmte. „Weiß nicht… kämmt ihr goldenes… Klong“


    „Das Lorelei-Lied“, fiel es Lisa dann auf. „Das… was?“, fragte Laurie. „Ich weiß nicht, was soll es bedeeuten“, stimmte Lisa dann vorsichtig das alte Volkslied an. „Das Lied von der Lorelei“, erklärte sie.


    „Nie gehört“, gestand Laurie.


    „Das ist wieder typisch meine Tochter“, meckerte Laura scherzhaft. „Zündaussetzer hört sie auf hundert Meter gegen den Wind, aber bei Volksliedern schaltet sie in den Leerlauf.“

  • Fünf Minuten nach zehn, der Markt war eröffnet und die Besucher stauten sich an der Kasse, als von hinten ein Drängeln durch die Reihe ging. „Lassen sie mich doch bitte mal eben durch, ich gehöre zu den Händlern“, rief jemand irgendwo in der Schlange.


    Lisa sah zur Tür und erkannte Nicos genervtes Gesicht, während ein älterer Herr ihn am Ärmel festhielt. „Wir warten alle schon eine Stunde“, meckerte der Mann. „Stell dich mal schön hinten an, Jungchen.“


    Nico reckte sich über ein paar Köpfe und rief Lisa zu: „Hallo. Ich komm gleich, ich stecke hier nur kurz fest.“


    „Lassen Sie den jungen Mann doch mal bitte durch“, forderte Lisa die Besucher auf, die ihm den Weg versperrten. „Er gehört zu uns.“


    Widerwillig ließ der ältere Herr den Ärmel los, und Nico bahnte sich den Weg vorbei an den Wartenden. „Moin“, grüßte er flüchtig im Vorbeilaufen, während Laurie und Seda ihn schon ungeduldig vor dem Tisch erwarteten. Kurz blieb Nico beim Vogelkäfig stehen, rief „Hallo Justav“ und ging weiter. Seda umarmte ihn kurz, während Laurie den Arm hob und ihn mit lautem Handschlag begrüßte.


    „Du warst auch schon mal pünktlicher“, bemerkte Seda in einem eher versöhnlichen Ton mit einem netten Lächeln.


    „Sorry, hab völlig verpennt. Und dann bin ich noch in ner Baustelle hängengeblieben auf der Fahrt. Das totale Chaos…“


    „So sind sie, die Studis. Immer ne Ausrede in der Tasche“, lachte Laurie und ging wieder zurück hinter ihren Tisch.


    „Entschuldigen Sie, was kostet die goldfarbene Kette da in der Vitrine?“, fragte der ältere Mann mit Hut, der eben mit Nico aneinandergeraten war.


    Laurie öffnete die Vitrine, nahm die Goldkette heraus, ließ das Preisetikett unauffällig in ihrer Faust verschwinden und reichte sie dem Mann. „Panzerkette, 333er Roségold – echter Jugendstil. Für Sie heute vierhundertfuffzig. Spezialpreis.“


    Seda grunzte kurz und drehte sich schnell ab. Nico stand staunend daneben.


    Gegen Mittag waren die drei durchaus zufrieden mit dem bisherigen Umsatz. Nico war inzwischen über Justavs spontanen Namens- und Geschlechtswechsel aufgeklärt, als Lauries Handy klingelte. Sie verhandelte gerade mit einem jungen Paar über die Lieferung eines alten Nachtschränkchens.


    „Klar, no Problem. Wenn ihr das Schränkchen jetzt kauft, kann ich es euch heute Abend nach dem Markt eben vorbeibringen. Schreibt mir kurz Nummer und Adresse auf, dann schmeiß ich es… lege ich es vorsichtig in den Kombi. Wäre sieben…“ Das beharrliche Klingeln in ihrer Hosentasche irritierte Laurie. Sie zog das Telefon heraus und warf einen Blick aufs Display – eine hiesige Festnetznummer. „Wäre sieben Uhr okay? Sorry.“


    Sie nahm das Gespräch an, wartete aber gar nicht erst ab, wer am anderen Ende war. „Hallo! Sorry, hab gerade Kundschaft. Ich rufe in einer Minute zurück, okay?“, rief sie in den Hörer, drückte den Anrufer weg und wandte sich wieder dem Paar zu.


    „Ja, sieben ist okay“, antwortete der Mann und reichte Laurie seine Visitenkarte. „Akzeptieren Sie auch Kartenzahlung?“


    Laurie verzog bedauernd das Gesicht. „Nope. Sorry, nur Bares.“


    „Hm, dann könnte ich Ihnen hundert anzahlen. Und den Rest dann heute Abend bei Lieferung?“


    Laurie schnalzte ein paarmal mit der Zunge, während sie überlegte. „Na gut, ausnahmsweise“, gestand sie ihnen den Zahlungsaufschub zu. „Ich bin pünktlich.“


    „Vielen Dank. Hier sind zwanzig… vierzig… sechzig… achtzig… und hundert. Geben Sie mir bitte eine Quittung?“


    „Klar, Augenblick…“ Laurie wühlte in ihrer Tasche und zog Gustavs alten Quittungsblock hervor. „Da steht zwar noch D-Mark drauf, einen anderen habe ich gerade nicht“, grinste sie.


    „Macht nichts.“


    „Nico, wo ist der Kuli?“

  • Erst fünf Minuten später surrte ihr Handy erneut. „Ach, verdammt, ganz vergessen“, fiel ihr der versprochene Rückruf wieder ein. Sie nahm das Gespräch an und entschuldigte sich sofort: „Sorry, hat etwas länger gedauert – schwierige Kundschaft.“


    Am anderen Ende der Leitung blieb es kurz still. Dann war ein leises, schmatzendes Geräusch zu hören, als ob jemand an einer Pfeife zog. „Hier spricht Johannes Bender. Guten Tag, Frau… Guten Tag, Laurie. Ich habe schon versucht, Ihre Mutter zu erreichen, aber sie geht ebenfalls nicht ran.“


    „Ach so? Die habe ich eben noch vorbeilaufen sehen. Vielleicht hat sie es nicht gehört. Was gibt’s denn, Herr Bender? Alles okay bei Ihnen?“


    Bender holte einmal Luft, dann erklärte er seinen Anruf. „Es tut mir leid, wenn ich Sie am heiligen Sonntag belästigen muss, aber ich fürchte, die Sache ist dringend. Ich stehe hier gerade mit Frau Sava aus dem Erdgeschoss. Haben Sie jemanden zu ihr geschickt?“


    „Ich? Nein. Und Mom auch nicht. Warum?“


    „Es ist offenbar heute früh jemand bei ihr vorstellig geworden, der eine Änderung der Mietzahlungen verlangt hat. Sie steht im Augenblick völlig aufgelöst neben mir. Wissen Sie etwas darüber?“


    „WAS? Nein. Absolut nicht. Wer soll denn das gewesen sein? Und was genau hat er denn gewollt? Können Sie mir Mila mal geben?“


    „Einen Augenblick.“ Man hörte, wie Bender das Mikrofon zuhielt und mit Mila sprach. Dann war er wieder am Telefon. „Sie kann gerade nicht sprechen“, erklärte er. „Offenbar war jemand im Hause, hat bei den verschiedenen Wohnungen geläutet und sich bei Frau Sava als neuer Hauseigentümer vorgestellt. Sie müssen verstehen, wir sind einigermaßen verwirrt…“


    „Als… neuer Eigentümer?“ Laurie holte tief Luft. „Wer soll denn das gewesen sein? Ich weiß von gar nichts. Ich bin die neue Eigentümerin, und sonst niemand. Fact.“


    „Ich war leider nicht zugegen – sonntags früh bin ich immer zum Frühschoppen. Schröders sind auf Reisen und die Herrschaften der Wohngemeinschaft über mir arbeiten am Wochenende alle in der Gastronomie – da wird er auch niemanden erreicht haben am Sonntagmorgen. Also, Sie wissen von nichts?“


    „Absolut nicht.“


    Lauries alarmierter Gesichtsausdruck war Lisa und Laura nicht entgangen. Sie kamen zu ihr, und gemeinsam gingen sie ein Stück weg vom Trödelstand. Laurie fasste kurz zusammen, dann stellte sie das Telefon auf Laut. „Meine Mom ist jetzt auch da, Herr Bender. Können Sie bitte nochmal wiederholen, was passiert ist?“


    Kurz war ein Knistern zu hören, dann Milas ängstliche Stimme. „Da. Guten Morgen.“


    „Hallo Mila“, rief Lisa. „Was ist denn passiert? Wer war der Mann? Und was hat er gewollt?“


    „Guten Morgen Lisa. Ich weiß nicht, wer Mann gewesen ist. Er hat Namen gesagt, aber ich habe vergessen. Er hat mir gezeigt Schreiben von Gericht und hat gesagt, ihm gehört jetzt Haus und ich soll Miete bezahlen an ihm.“


    „Hä?“, machte Laura, dann sprach Mila weiter, der Ton immer verzweifelter. „Ich habe ihm gesagt, muss ich geben Amt, das macht Bezahlung. Und dann hat Frau gesagt, dann ich soll bezahlen in bar. Sofort. Aber ich kann nicht bezahlen bar. Ich habe nicht Geld für Miete, brauche alles Geld für Kinder…“


    „Eine Frau war auch noch dabei?“, unterbrach Laurie.


    „Da. Waren ein Mann und eine Frau. Mann hat gesagt, ihm gehört jetzt Haus und Frau sagt, ich soll bezahlen schnell. Dann ich habe gesagt, ich kann nicht und sie sind gegangen. Sie haben gesagt, sie kommen zurück, dann ich soll bezahlen.“


    Dann wieder Lisa. „Haben der Mann oder die Frau Ihnen denn irgendwas schriftliches gegeben, Mila? Eine Erklärung – irgendwas, dass sie als neue Besitzer ausweist? Sonst könnte ja jeder kommen und einfach Geld verlangen.“


    Mila zögerte kurz, man hörte sie am anderen Ende schluchzen. Dann war wieder Johannes Bender am Apparat. „Hier Bender wieder. Frau Sava sagt, der Mann habe ihr ein Schriftstück gezeigt, in dem er angeblich als Eigentümer ausgewiesen werde. Sie hat es aber nicht gelesen… Moment…“


    Bender hielt wieder kurz das Mikrofon zu, dann erklärte er: „Frau Sava sagt, es habe etwas auf dem Briefkopf gestanden – etwas wie Gericht, oder Amtsgericht. Sie hat es nicht genau gesehen.“


    Lisa sah Laura an und rieb sich kurz das Kinn. „Ich ahne, was das gewesen sein könnte.“ Dann übernahm sie Lauries Handy. „Mila, Herr Bender? Ich habe da so eine Ahnung. Sie wissen aber keinen Namen oder? Von dem Mann? Oder der Frau?“


    „Nein.“, entfernt war wieder Milas Stimme zu hören. „Sie haben nur gesagt, ich soll Geld holen, sie kommen später wieder.“


    „Heute? Mila, machen Sie erstmal gar nichts, hören Sie? Warten Sie auf uns, wir kommen vorbei. Und wenn die Leute wiederkommen, bevor wir da sind, geben sie denen auf keinen Fall Geld, okay? Wir sind unterwegs.“


    „Da, Vielen Dank. Wir machen nichts, wir bleiben bei Herr Bender in Wohnung und warten auf Ihnen. Kommen Sie schnell – bitte.“

  • Wow. 5k. So viele Klicks. Und einige davon bestimmt sogar echt, nicht nur Bots und Fremde und KI-Trainer, die den Text klauen :rolleyes


    Das schreit nach einem Special. Also, jetzt ein Exklusiv-Kapitel, das nicht zum Roman gehört. Nur exklusiv für die Bande hier :inlove:


    5000 Klicks

    Lisa saß im Sessel und las ein Buch. Im Bad hörte man die Dusche laufen

    Die Wohnungstür flog auf, und Laurie stürmte herein. Sie lief direkt ins Wohnzimmer. „Wo seid ihr?“, rief sie


    Lisa drehte das Buch um, der Daumen blieb zwischen den Seiten, und sie sah zur Tür. Laurie stand im Rahmen, ein Tablet in der Hand, die Schultern leicht nach vorne gezogen, als hätte sie den Weg hierher im Laufschritt zurückgelegt.


    „Wo ist Mom? Ich muss euch was zeigen“, sagte sie, noch etwas außer Atem, und hob das Tablet ein Stück höher. „Das glaubt ihr nicht.“


    Lisa deutete mit einem kurzen Nicken zum Flur. „Unter der Dusche. Hörst du doch. Was ist denn los?“


    Laurie kam näher, reichte Lisa das Tablet und drehte sich sofort wieder um. „Ich hab was entdeckt…“, murmelte sie und ging ins Bad, öffnete die Tür ohne anzuklopfen.


    Laura stand unter der Dusche, stellte gerade das Wasser ab und schob die gläserne Tür auf. Sie trat heraus, die Augen noch halb geschlossen, wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht und tastete blind nach dem Handtuch.


    Laurie war schon nah genug, um es ihr hinzuhalten. Laura riss überrascht die Augen auf, nahm das Tuch reflexhaft und ließ es gleich wieder fallen.


    „Huch! Wo kommst du denn plötzlich her?“


    Laurie grinste, der Kopf leicht schräg. „Weißt du eigentlich, dass du immer noch einen echt tollen Body hast?“


    Laura stemmte die Hände in die Hüften, das Gewicht leicht auf ein Bein verlagert. „Hee, was heißt denn ‚immer noch‘? Aber danke.“


    Sie beugte sich gerade vor, um das Tuch aufzuheben, da zog Laurie schon an ihrem Arm. Laura schnappte das Tuch im letzten Moment mit zwei Fingern und lief an Lauries Hand durch die Wohnung ins Wohnzimmer, wo Lisa sie mit einem breiten Grinsen empfing.


    „Warte doch mal, ich tropf’ ja hier alles voll“, schimpfte Laura und schlug sich das Tuch notdürftig um den Kopf. Mit einer schnellen Bewegung rubbelte sie die Haare etwas trockener. „Was ist denn so wichtig?“


    Laurie setzte sich an den großen Tisch, tippte ein paarmal auf das Display, die Lippen leicht zusammengepresst. „Hier, guckt mal. Wir sind im Netz.“


    „Hä?“, machte Laura. „Dein Vlog, oder was?“


    Laurie drehte den Kopf halb zurück. „Mh‑mh. Wir. Wir alle. Guckt mal hier.“ Sie schob Lisa und Laura das Tablet rüber, die Finger noch angespannt vom schnellen Tippen. „Ich hab vorhin nach Teilen für den Pacer gesucht. Wenn der Wiederaufbau losgeht, brauch ich ja einiges. Scheiben hab ich noch, Blech auch, aber die Lüfterzarge zum Beispiel fehlt immer noch.“


    „Ja. Und?“


    „Und da bin ich beim Suchbegriff Pacer auf ein Forum gestoßen. Hier.“ Sie tippte wieder, diesmal langsamer.


    „Hm. Hecktrieb“, las Lisa. „Klingt eindeutig zweideutig…“


    Laurie schnaubte. „Nein. Hecktrieb wie Heckantrieb. Ein Autoforum.“


    „Ach so. Und die haben Pacer‑Teile?“


    „Nein. Hatte ich gehofft. Aber stattdessen hab ich was anderes gefunden.“


    Laura wickelte sich das Tuch enger um den Körper. Lisa sah kurz auf die Tropfen am Boden und grinste. „Du tropfst immer noch.“


    Laura hob eine Augenbraue. „Und? Was dann?“


    Laurie öffnete die Rubrik „Treffpunkt – der Offtopic‑Bereich“. „Ich hab da Pacer eingegeben. Erst kamen ein paar alte Postings – und dann das hier.“ Sie zeigte auf mehrere Suchergebnisse, alle zum gleichen Thread.


    „Der ‚Dem Streetracer seine Geschichte‘‑Fred“, las Lisa. „Wer ist Fred?“


    Laurie verdrehte die Augen minimal. „Thread – Fred. Forumssprache.“


    „Und wer ist der Streetracer?“


    „Einer aus dem Forum.“


    „Und was ist der ‚dem seine Geschichte‑Thread‘?“


    Laurie zuckte mit einer kleinen Schulterbewegung. „Wir.“


    „Wir?“, fragte Lisa.


    „Wieso wir?“, fragte Laura.


    „Hier.“ Laurie drehte das Tablet, öffnete die erste Seite und scrollte. „Lest selbst.“

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  • Laura und Lisa beugten sich gleichzeitig näher, die Stirn leicht gerunzelt. Nach ein paar Zeilen sahen sie sich an.


    „Das… das sind ja wir…“, stotterte Lisa.


    „Euer Streit. Damals. Als du die Kasse machen solltest.“


    „Mhm“, bestätigte Laurie. „Lest weiter.“


    „Mach du“, sagte Laura. „Ich hab noch feuchte Hände.“ Lisa strich über das Display, der Finger kurz zögernd. „Hier. Das ist Toms Markt vom letzten Jahr. Die Szene, nachdem du uns… warte.“ Sie scrollte. „Ach du Scheisse. Da ist der Abend… als wir… auf dem Auto, in der Halle.“ Ihr Gesicht wurde rot, sie biss sich kurz auf die Unterlippe. „Steht da etwa auch drin, wie wir…?“ Sie las weiter. „Geht ja noch. Keine Details.“


    „Aber wie ist das möglich?“, fragte Laura. „Wieso stehen wir da drin? Wieso ist unser Leben in einem Forum aufgeschrieben?“


    Laurie hob beide Hände kurz an, als würde sie sich selbst verteidigen. „Keine Ahnung.“ Sie klickte weiter. „Hier. Der Tag, als Seda mit Mehmets BMW abgeflogen ist und ich sie rausgezogen hab…“


    „Zeig mal“, sagte Laura und zog das Tablet zu sich. „Blinkebärchen?“, grinste sie. „Du hast die Polizisten Blinkebärchen genannt?“


    Laurie hob schweigend die Schultern, der Blick kurz zur Seite.


    Sie klickten weiter. „Hier ist der Moment, als Nico das erste Mal aufgetaucht ist. Und hier… das Food‑Festival. Und Blue Feather…“


    „Zeig mal“, bat Lisa. „Oh.“ Sie hielt kurz inne. „Da steht auch drin, wie ich zusammengeklappt bin. Ich weiß gar nicht, ob ich das so gerne im Netz lesen möchte…“


    Laura legte ihr eine Hand kurz auf den Arm. „Ist doch alles gutgegangen.“


    „Aber was ist das? Wieso stehen wir da – als echte Menschen? Das klingt ja fast so, als wären wir nur Fantasie. Romanfiguren.“


    Laurie schnaubte leise. „Schon irgendwie spooky.“


    „Das kannst du laut sagen.“


    „Guck mal, da sind sogar Kommentare. Hier – als der Pacer geschrottet wurde.“ Laurie beugte sich näher. „Ich war wohl nicht die Einzige, die angepisst war.“


    „A propos Pacer“, fiel Lisa ein. „Geht das weiter? In die Zukunft? Vielleicht steht da schon, wie’s ausgeht. Mit dem Pacer. Mit Diana. Mit dem Video. Oder…“, sie zögerte, die Finger am Displayrand, „…wie das mit Seda und Nico weitergeht.“


    Laurie klickte auf die letzte Seite. „Hihi. Da ist ein Bild von den zwei Hooks, von denen ich einen Gerda geschenkt hab.“ Sie scrollte. „Nee. Das hört genau da auf, wo wir jetzt sind. Die Szene von Sonntag, als Bender und Mila angerufen haben. Dieser Streetracer – wer immer das ist – postet immer genau ein Kapitel, wenn uns was passiert. Freitag und Sonntag.“


    Laura richtete ihr Tuch nach, die Handbewegung ruhig und überlegt. „Ich glaube, ich kenn den…“


    Lisa runzelte die Stirn. „Wie das?“


    „Es gab da früher jemanden. Einen Typ, mit dem ich ein paarmal geshootet hab. Der hat immer kleine Stories geschrieben. Und irgendwann meinte er, er fände mich so interessant, dass er am liebsten ein Buch über mich schreiben würde…“


    Laurie hob eine Augenbraue. „Ach? Also sind wir gar nicht real, sondern bloß Romanfiguren?“


    „Nee. Das mein ich nicht. Aber für manche Autoren sind ihre Figuren wie Familie.“


    Laurie grinste schief. „So? Ist das therapierbar?“


    Lisa lachte leise. „Besser nicht. Sonst wäre irgendwann unsere Geschichte zu Ende.“


    „Oh. Na dann lieber nicht.“ Laurie schob das Tablet ein Stück weg. „Dann geben wir uns Mühe, dass ihm nicht so schnell der Stoff ausgeht.“


    „Ich glaube, bei den ganzen offenen Fäden passiert das nicht so schnell“, sagte Lisa und grinste Laura an.


    „Nö. Aber trotzdem zieh ich mir jetzt was an.“


    Lisa: „Schade.“


    Laurie: „Na dann sag ich mal ‚Hallo‘.“


    „Zu wem?“


    „Na zu diesem Forum. Wenn die mitlesen, was wir tun, dann haben sie sicher auch das hier mitgelesen.“


    Lisa legte den Kopf leicht zurück. „Also du meinst, sie lesen, wie wir lesen, was sie lesen… hu. Da wird einem ja schwindlig.“


    „Wie ein Spiegel, der sich selbst spiegelt… Warte.“ Laurie beugte sich vor. „Hier lädt gerade ein neuer Beitrag. Freitag, 17:12 Uhr… Überschrift: 5000 Klicks. ‚Lisa saß im Sessel und las ein Buch. Die Wohnungstür flog auf…‘ Oh mein Gott. Er schreibt JETZT GERADE auf, was wir tun!“

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