Nach dem Besuch des Weihnachtsmarktes in Zürich letztes Wochenende gehts jetzt stramm auf Weihnachten und Silvester zu - nur merke ich davon noch nicht besonders viel. Ich hatte mir zwar geschworen, nicht am diesjährigen Konsumterror teilzunehmen, aber das ist garnicht so einfach, denn irgendwann musst Du ja mal zum Einkaufen ins Geschäft, ganz ohne geht ja nicht. Da Schwiegerpapa nach einem weiteren Herzinfarkt im Krankenhaus liegt und Heilig Abend somit spontan auf seine Krankenstation verlegt wurde, haben wir uns den Kauf eines Baumes direkt gespart. Dennoch ging es gestern also nach Weil zur Supermarkt-Olympiade - mit einem leergeräumten Kofferraum (den ich im Taunus unmöglich klein finde) und Schwiegermama im Schlepptau.

Schon die Anfahrt war ein Witz.
Kilometerlange Schlangen, am Zoll ging garnichts mehr. Von der Einfahrt des Parkhauses am WeilCenter bis zum drittletzten Parkplatz (!) überhaupt (und das auf dem Dach der Parkgarage bzw. dem 10ten Stock) satte 25 Minuten. Einkaufswagen? Fehlanzeige. Endlich im Marktkauf angekommen - Auftakt zur Olympida: Extrem-Kinder-Kickboxing. Da kommt so ne 6jährige Rübe angerannt - lange wallende Locken und dunkle Rehaugen - und rempelt mich an."Hoppla!" sage ich noch, da faucht das kleine Biest mich mit einem "Autsch!" an und tritt mir volle Kanne gegen das Bein. Ihr Vater (abendländische Herkunft) sagt nichts, nimmt sein kleines Töchterchen auf den Arm und zieht mit seinen 7 Kindern von dannen. Da habe ich noch gedacht: Okay, sind ja bloss Kinder. Is halt so.
Also verstecke ich mich am Zeitungsstand und blättere so durch die Gazetten, während meine Leute sich durch die leergeräumten Regale kämpfen - Fleisch, Brot, Getränke (vor allem Alk) - alles so gut wie leer. Gibts ne Hungersnot? Ist ne Naturkatastrophe im Anmarsch, von der ich noch nichts weiss? Ich schmöckere in der neuen Ford-Szene, die ich sonst nicht lese, auf deren Titelblatt mich aber ein weisses Consul-Coupe gelockt hat - ein Bericht über das letzte, Mitte der 70er zuletzt erteilte REH-Kennzeichen, das zufällig an jenem Consul sitzt. Das Auto? Eine Spachtelhöhle, Schweller, Radläufe und Türunterkanten sehen schon auf dem Papier katastrophal aus. Weiter hinten im Heft ein Bericht über die AFF Hagen und ihrer Sommerausfahrt - ohne den Hotrotta. Naja. Man kann den Bericht gut finden, muss man aber nicht. Aus dem Seitengang kommen zwei Jungs, ich schätze mal, der eine zwischen 6 und 8, der andere um die 12, lautstark debattierend (französiches Gesabbel). Plötzlich holt der eine aus und semmelt den anderen voll ins Zeitungsregal - aber der Kleine den Grossen! Keiner der Umstehenden sagt etwas, und da ich nicht verstehe, um was es geht, trolle ich mich lieber.
In der Kühlabteilung füsselt mir eine junge Madame entgegen, viel zu dünn angezogen mit Sommerkleidchen, tiefer Ausschnitt, Dieter Bohlens Beuteraster. Mir gegenüber mit Einkaufswagen: Er, grau, Anfang 50. Daneben sie, wie SuperNanny Katja Saalfrank, nur mit Ende 50, Dutt aufm Kopp. Fräulein Sommerkleidchen tänzelt zwischen uns hindurch, er glotzt ihr mit offenem Mund nach - und bekommt postwendend einen Nackenschlag von seiner Frau - eine Szene schöner als in jedem Kinofilm. Daumen hoch von der Frau, die direkt neben ihr steht. Ein Gang weiter klettert grade eine 5jährige das Kühlregal hoch, um an die HappyHippos zu kommen, die ihre Mami ihr nicht kaufen will. Ein Irrenhaus.
Es dauert noch weitere unendlich lange 20 Minuten an den Kassen, bis wir den erlösenden Weg Richtung Parkhaus einschlagen. Im Gespräch zweier alter Damen in der Warteschlange neben uns ist der Konsumterror ebenfalls Gesprächsthema, demnach hat es schon gegen Mittag bei Aldi und Lidl kein Fleisch mehr gegeben, die meisten Regale seien bereits komplett leer gewesen. Na toll.

Draussen ist es mittlerweile dunkel. Wir sind um halb zwei zuhause losgefahren, jetzt ist es kurz vor sechs. Nachdem sich der Fahrstuhl nacheinander alle zehn Etagen hochgekämpft hat, kommen wir endlich auf dem Dach-Parkdeck an - es ist stockdunkel, keine Laterne, nichts. Nieseln tut es auch. 8 grosse Einkaufstüten, eine Getränkekiste und mehrere Sixpacks wollen in den viel zu kleinen Kofferraum verstaut werden, Sichtweite null. Also schalte ich mit Zündung in den Rückwärtsgang und mache das Standlicht an, um wenigstens etwas Licht zu bekommen. Erneut vermisse ich schmerzlich die Tage der unendlichen Weiten eines Granada-Kofferraums; mein Männe mault herum, weil er zuhause seine eben erst frisch erworbene Schnuffel-LP-CD nur auf dem tragbaren CD-Player hören kann - ich will diesen Scheiss nämlich nicht mithören und habe ihm das Abspielen dieser CD auf der heimischen Stereoanlage nur während meiner Anwesenheit erlaubt; Schwiegermama bemüht sich derweil sichtlich um eine gute Stimmung. Eine Einkaufstüte und 3 Sixpacks Bier müssen mit auf die Rückbank. Hurra. Dann kann es ja endlich zurück nach Hause gehen - aber erst müssen wir noch durch den Zoll. Während sich mein Taunus den Weg durch 10 Stockwerke im Stau abwärts kämpft, erwähnt Mama so nebenbei: "Hoffentlich kontrollieren die uns nicht - ich habe viel zu viel Fleisch gekauft!" (die Einfuhrmenge von Fleisch in die Schweiz ist nämlich begrenzt). Na, das kann ja heiter werden...

Der Zoll hat allerdings ganz andere Probleme. Offensichtlich ist eine Fahndung herausgegeben worden, Deutscher wie Schweizer Zoll haben beide Seiten abgeriegelt und checken jedes einzelne Auto. Stau, Chaos. Alle Nase lang ballert ein Einsatzwagen mit Blaulicht an uns vorbei, Hektik unter den Beamten. Seit 30 Minuten rollen wir im Stop und Go Richtung Grenzübergang. Ich beginne mich zu fragen, ob letztes Jahr zu Weihnachten die Leute auch schon so ausgerastet sind und wann die Menscheit letztlich den intellektuellen Kollaps erleiden wird. Mama fragt noch von der Rückbank: "Du hast auch Deine Patronenhülse im Aschenbecher versteckt, gell?", schon stehen wir neben den Beamten - zu meinem Erstaunen werden wir aber mit einem Lächeln durchgewunken. "Das war doch doch der Beamte von der Patronenkontrolle!", denke ich noch so bei mir, verschwende aber keinen Moment und trete aufs Gas - nur raus aus diesem Chaos!

Nächstes Jahr werde ich zu Weihnachten Urlaub machen. Mit dem Auto. Allein. Weit weg. Schön in einer Blockhütte im Wald, am Polarkreis - irgendwie sowas. :D

